Fabelverzeichnis


Aleksandr N. Afanas'ev
Leo Tolstoi
aus Sibirien



Ivan Andrejewitsch Krylow 1768-1844
russisch Иван Андреевич Крылов, wiss.Transliteration Ivan Andreevič Krylov

Er gilt als wichtigster Fabeldichter der russischen Literatur. Zu Beginn seiner schriftstellerischen Arbeit übersetzte Krylow Fabeln Äsops und Jean de La Fontaine.

Geboren am 13. Februar 1768 in Moskau, kam 1782 nach Petersburg und arbeitete als Schreiber in der Finanzkammer, später im Kabinett der Kaiserin, lebte 1797-1801 in Diensten des Fürsten Golizyn. Von 1803-1805 führte er ein Wanderleben und begann in dieser Zeit Fabeln zu schreiben. 1809 gab Krylov seine erste Sammlung von 23 Fabeln heraus, seine letzte vollständige Sammlung (1843) enthält 197 Fabeln.
Er starb am 21. November 1843
Im Jahre 1842 erschien auch eine Ausgabe seiner Fabeln in deutscher Sprache. Da er in der russischen Umgangssprache schrieb, die auch der einfache Mensch verstand, ist eine Reihe seiner Verse in Russland zu Sprichwörtern geworden.
 

Index
 

Der Adler und der Maulwurf
Der Affe und die Brillen
Der Bach
Der Esel und die Nachtigall
Der Frosch und der Ochse
Der Frosch und der Stier
Der Hopfen
Der Löwe und der Fuchs
Der Machthaber
Der Wissbegierige
Der Wolf und der Kuckuck
Der Wolf und die Hirten
Der Wolf und das Mäuslein
Die Gänse
Die Kornblume
Die Mücke und der Hirt
Die Teilung
Das Kästchen
Das Quartett
Das Schwein unter der Eiche
Das verdorbene Fell
Fischsuppe bei Demjan
Hundegebell
Ungleiches Gespann
Trischkas Rock
Wasserfall und Quell

Der Adler und der Maulwurf

Wer es auch sei, der einen Rat dir beut –
Ihn ungeprüft verschmähen, wäre' nicht gescheut.

Einst kam aus einem fernen Reiche
Ein Aar mit seinem Weib in einen dichten Wald;
Der lockte sie zu festem Aufenthalt.
Sie wählten eine hochbelaubte Eiche,
Im Gipfel sich ihr Nest zu bauen;
Im Geiste sahen sie die Jungen flügge schon.

Der Maulwurf hört davon,
Er fasst sich Mut, dem Adler zu erzählen,
Der Eiche Wurzeln seien krank,
Ihr sei der Sturz gewiss, und zwar nicht über lang',
Drum möge seine Hoheit sie nicht wählen. –

Ei, hat ein Aar zu hören auf den Rat,
Den aus so niedrer Grube er empfahl?
Von einem Maulwurf gar? Wo bliebe da der Ruhm
Des Adlerblickes, der so scharf,
Dass sich kein andrer ihm vergleichen darf!
Und darf ein Tier, so blöd und dumm,
Sich mischen in des Vogelfürsten Tun?
Der Adler lässt die Sache' auf sich beruhen
Und geht ans Werk mit rüstiger Eile,
Den neuen Sitz zu bauen, darin das Weibchen weile.
Und alles ging nach Wunsch. Die Aarin hat auch Junge.
Doch was geschah? Als einst im Morgenlicht
Aus Wolkenhöh' der Aar herniederbricht,
Mit würziger Frühkost für der Seinen Zunge,
Gewahrt er, dass die Eiche fiel,
Im Sturze ihm begrabend Weib und Kind.
Er kennt des Jammers nun nicht Maß noch Ziel.
»Weh mir«, ruft er, »wie blind
War ich, wie grausam muss ich büßen,
Dass ich mich konnte nicht entschließen,
Zu hören auf vernünftigen Rat.
Wer war des aber auch gewärtig,
Dass selbst ein Maulwurf Einsicht hat?«
»Warst du nicht so hoffärtig«,
Ruft es von unten her, »so hättest du erwogen,
Dass es mein Los,
Zu wühlen in der Erde Schoß,
Dass ich ja dazu bin erzogen,
Und dass ich, weiland in der Wurzel Nähe,
Ob noch gesund ein Baum, am besten sehe.«

Der Affe und die Brillen

Ein Affe alterte, und sein Gesicht ward schwach.
Da ließ er sich erzählen,
Bei Menschen sei das noch kein großes Ungemach,
Man brauche eine Brille nur zu wählen.
Der Affe holt sich drum ein halbes Dutzend Brillen,
Und dreht sich hin und her um des Versuches willen.
Er drückt sie an die Stirn, er rückt sie bis zum Schwanz,
Bald riecht er, und bald leckt er dran,
Die Brillen haben Wirkung nicht getan.
»Zum Henker«, ruft er, »der ist auch ein Tor,
Der alles glaubt, was Menschen schwatzen,
Was logen sie mir doch von Brillen vor,
Die wahrlich wert sind keinen Batzen!«
Drauf hat der Affe', vom Zorne hingerissen,
Die Brillen so an einen Stein geschmissen,
Dass sie in Splitter gehen und dass die Funken stieben.

Bei Menschen auch wird's anders nicht getrieben.
Wie nützlich immer eine Sache sei,
Der Ignorant, dem sie noch neu,
Kann ihren Nutzen nicht verstehen
Und weiß sie nur zu schmähen;
Und ist er gar noch angesehen,
Verfolgt er den Erfinder sonder Scheu.

Der Bach

Ein Schafhirt klagte einem Bach
Sein Ungemach:
Dass ihm der Strom sein liebstes Schaf entrissen.
Sobald der Bach das hört,
Tut er empört.
»O dieser Strom! Wäre er wie ich nur klar
Bis auf den Grund, so würde offenbar,
Wie viel der Unersättliche verschlang!
Ihm wird vorm eigenen Schmutz noch einmal bang!
Wenn ich ein Lamm auf dem Gewissen hätte,
Verkröch ich mich vor Scham in meinem Bett.
Gäbe mir der Himmel nur Gelegenheit,
Zum Strom zu wachsen, oh, ich würde weit
Entfernt von jeder Ungerechtigkeit
Den Weg mir suchen und nur Gutes tun!
Gefährdet wäre nicht das geringste Huhn;
Der Grashalm, der in mir sein Bild erblickt,
Wie Busch und Baum würde er von mir erquickt.
Ich wäre aller Flur ein Segen
Wie milder Sommerregen.
Ja, meine Ufer grünten stets in Frieden,
Solang mir Wasser nur genug beschieden,
Ein Strom zu sein. So klar, wie jetzt ich bin,
So silbern strömt ich auch zum Meere hin.«

Soweit der Bach, der, scheint es, ehrlich ist.
Doch unversehens tut nach Wochenfrist
Der Himmel seine grauen Schleusen auf,
Zum Strom schwillt unser kleiner Wasserlauf -
Und nun erweist sich, was er führt im Schilde,
Denn ach, wo blieb die vorgehabte Milde!
Von trüben Fluten wird das Land verheert,
Das Wasser rast und lässt nichts unversehrt,
Es müssen hundertjährige Eichen
Dem Aufruhr weichen.
Und über unserm Hirten, der sich Trost
Vom sanften Bach versprochen hatte, tost
Der Mahlstrom hin und reißt, ein Donnerwort
Ihn samt der Herde ins Verderben fort.

Wie viele Bäche gibt es, die versprechen,
Zum Strom geworden, alles Land zu laben,
Doch furchtbar über ihre Ufer brechen,
Sobald sie einmal Oberwasser haben.

Der Esel und die Nachtigall
1811

Der Esel traf die Nachtigall
Und sprach zu ihr: »Verehrteste, man hört berichten
Von deiner Sangeskunst erstaunliche Geschichten.
Ich möcht' auf jeden Fall
Mich gern mit eignen Ohren überzeugen,
Ob wahrhaft großes Können dir zu eigen.«
Da gab die Nachtigall ihm ihre Künste preis:
Sie schnalzte, pfiff dann leis',
Auf tausenderlei Art, in langgezognen Läufen -
Bald klang's wie zärtliches Geheiß
Und wie der Widerhall entfernter Hirtenpfeifen,
Bald ließ sie durch den Hain ein Perlenrieseln träufeln.
Und alles lauschte ihr,
Aurorens vielgeliebtem Sänger,
Die Winde legten sich, kein Vöglein sang noch länger,
Still lag das Herdentier.
Kaum atmend sah der Hirt nur hin und wieder,
Entzückt von ihr,
Ihr lauschend, auf die Hirtin lächelnd nieder.
Zum Schluss senkt' seine Stirn der Esel bis zum Knie:
»Recht ordentlich; ich muss schon ehrlich sagen,
Man hört dich ohne Missbehagen,
Nur schade, dass du nie
Vernahmst den Kikeriki!
Was meinst du, wie du erst trompetest,
Wenn du bei ihm ein wenig lernen tätest!«
Nach solchem Urteilsspruch flog auf und schwand dem Blick
Die arme Nachtigall! und kam nie mehr zurück.

Bewahre Gott auch uns vor solcher Kunstkritik!

Der Frosch und der Ochse
1808

Den Ochsen sah der Frosch einst auf der Wiese stehn,
Mit ihm möcht' er sich gern an Leibesumfang messen:
Vor Neid schier wollte er vergehn.
Blies mächtig sich nun auf mit Keuchen, Pusten, Pressen.
»Sieh doch, Gevatterin Quak, hab' ich ihn bald erreicht?«
Fragt er die Freundin. »Nein, Gevatterchen, mach weiter!« -
»Guck her, ich werd' doch schon ganz groß und immer breiter,
Guckst du auch her?
Bin ich jetzt gleich wie er?« -
»Auch nicht ein Jota mehr.« -
»Und jetzt?« -
»Ganz wie vorher.«
Wie immer er sich reckte, hat dieser Gernegroß am Ende nur erreicht,
Dass er dem Ochsen doch nicht gleicht
Und vor Anstrengung platzte - und verreckte.

Solch einen Fall trifft man wohl öfter an:
Ist doch kein Wunder, wenn der Spießer dann und wann
Fängt wie ein Herr zu leben an
Und will ein kleiner Wicht tun wie ein Edelmann.

Der Frosch und der Stier

Der Frosch sieht auf der Wiese einen Stier,
und neidisch, wie er ist,
er sich vermisst, es gleichzutun
an Umfang diesem Tier.
Er ächzt und krächzt und stöhnt und keucht,
indem er sich bemüht, sich aufzublasen.
Dann fragt er eine seiner Basen:
»Sag, ist des Tieres Dicke bald erreicht?« -
»Mitnichten, davon bist du himmelweit.« -
»Jetzt aber sieh, wie ich mich breit gemacht,
jetzt bin ich feister doch?« - »Kaum eine Kleinigkeit.« -
»Das hätt' ich nicht gedacht, allein gib acht:
Nun sag, wie ist es jetzt?«
»Es ist noch immer so.« Den Frosch verdross das Wort,
er bläst sich auf in einem fort,
bis er zuletzt,
da er sich wütend dehnte und sich streckte,
barst und verreckte.

Das kann man wohl des öfteren erleben –
was Wunder auch, wenn die Beschränkten sich vergessen
und sich den edlen Anschein geben,
als könnten sie sich mit den Größten messen.

Der Hopfen

In einem Küchengarten
Schoss Hopfen auf und suchte einen Halt.
Er schlang mit seinen Ranken sich, den zarten,
Um einen dürren Pfahl alsbald.
Unweit im Feld stand eine junge Eiche.
»Was nützt wohl jene Missgestalt?«
Dies flüsterte dem Pfahl der Hopfen zu.
»Ist es möglich, dass man sie mit dir vergleiche?
Durch deine Schlankheit schon bist Meister du.
Zwar ist mit Laub sie angetan,
Doch diese Färbung, diese raue Rinde,
Wer möchte ihr nahn?
Wozu der Boden sie wohl nährt?«

Nun kam es anders gar geschwinde.
Es hat der Herr den Pfahl zerstört
Und ihn zu Holz zersägt;
Die Eiche aber pflanzt er in den Garten,
Wo er sie pflegt.
Auch wird ihm seine Mühe gut gedankt,
Der Baum kommt fort und treibet Sprossen.
Der Hopfen aber, ohne lang' zu warten,
Hat um die Eiche jetzt sich gerankt
Und eifrig sich in ihrem Lob ergossen.

So ist des Schmeichlers Treiben.
Er schwatzt zuerst von dir das dümmste Zeug.
Wie du dich stellst, dich mühst, es ist ganz gleich,
Er wird dir nichts zugute schreiben.
Sobald jedoch dein Glücksstern steigt,
Ist er der erste, der im Vorgemach sich zeigt.

Der Löwe und der Fuchs
1818

Der Fuchs, als er den König Leu erstmals im Leben sah,
Starb fast vor Schreck und Scheu.
Als er ihn später wieder kriegte zu Gesichte
Blieb er schon mehr im innern Gleichgewichte.
Beim dritten Mal sodann
Knüpft mit dem Löwen er ein kleines Schwätzchen an.

Auch wir, wir fürchten manchen Knaben nur,
bis wir ihn beschnüffelt haben.

Der Machthaber

Ein Machthaber in alten Zeiten
Trat, ohne lang sich zu bereiten,
Vor Pluto hin und war recht bleicher Farb,
Kurzum, lag auf dem Bett und starb
Und fand den Richter an den Himmelstoren.
Der fragte ihn: »Wer warst du? Wo bist du geboren?«
»In Persien. Satrap, das war mein Rang.
Doch weil ich, Lebender, nicht sehr bei Kräften,
Hielt ich mich ziemlich fern von den Geschäften
Und freute mich, wenn es dem Sekretär gelang.«
»Und was hast du getan?«
»Ich trank, aß, schlief
Und unterschrieb Erlass, Befehl und Brief.«
»Sofort ins Paradies mit ihm!«
»Wohin?«
Rief Merkur vorlaut, »was hast du im Sinn?«
»Ich scheine ungerecht« gab Pluto zu.
»Doch sieh die Sache nur in Ruh dir an:

Der Tote war kein Licht.
Was, wenn er, falschem Ehrgeiz folgend, nicht
Auf die Gewalt, die ihm zur Hand, verzichtet -
Wie viel hätte er in seinem Kreis vernichtet!
Statt seines Landes wäre ein Tränensee.
Er hat von sich Abstand genommen.
Drum soll er in den Himmel kommen.«

Der Wissbegierige

»Wie geht es, Lieber, wo hast du gesteckt?«
»Ich hab mir mein Amerika entdeckt:
Drei Stunden im Museum für Natur!
Was es dort gibt! Des Lebens kleinste Spur
Hat in der Brust Begeisterung erweckt.
Ein Riesenbau, mit Wundern wie gespickt!
Man glaubt ja nicht, wozu Natur sich schickt.
Was für Getier, geflügelt und beklaut!
Und was für Schmetterlinge, Fliegen,
die weniger als gar nichts wiegen.
Smaragdmistkäfer, Purpurläuse,
Termitenpuppen, Zwerggehäuse,
Stecknadelgroß, dass man dem Aug’ nicht traut!«
»Und wie war dir in jenem Saal zumut’,
Wo sich der Elefant so mächtig tut?«
»Ein Elefant?«
»Ein Turm!«
»Da muss ich dir gestehn:
Den Elefanten hab ich nicht gesehn!«

Der Wolf und der Kuckuck

»Nachbar, leb wohl«, so sprach zum Kuckuck Isegrim,
»Ich hofft' umsonst, dass ich hier Ruhe hätte.
Die Menschen sind, es sind die Hunde schlimm
Und schikanieren um die Wette.
Man könnt' ein Engel sein
Und käme nicht heraus aus blutigen Zänkereien.« -
»Und ist das Ziel der Reise weit gesteckt?
Wo sind den wohl die Leute so gemütlich,
Dass du mit ihnen leben könntest friedlich?« -
»Ja, sieh, ich geh' von hier direkt
In die arkadischen Gefilde.
O Nachbar, das ist dir ein Land!
Da ist der Krieg noch unbekannt,
Die Menschen dort sind wie die Lämmer milde.
Die Flüsse führen Milch statt Wasser –
Kurzum, dort herrscht die goldne Zeit.
Man lebt ganz brüderlich, tut sich kein Leid,
Dieweil kein Feind ist und kein Hasser.
Es beißen nicht die Hunde,
Man sagt sogar, sie bellen nicht einmal –
Und hier mit ihnen welche Qual!
Mal es dir aus in einer stillen Stunde
Das schönste Leben auf so holder Flur:
Hier findest du davon auch nicht die kleinste Spur.«
»Adieu, gedenke freundlich mein,
Ich hoff' in kurzem besser zu gedeihn
In Friede, Fülle und Behagen,
Wenn ich nicht mehr in Angst und Zagen
Mich brauche Tag und Nacht zu plagen.« -
»Verehrter Freund, ich wünsche dir viel Glück«,
Versetzt der Kuckuck, »doch dein Naturell
Und dein Gebiss, die lassest du zurück?« -
»Du spaßest wohl, Gesell,
Dass ich ein Narr wäre', Gott bewahre!« -
»Nicht? Nun so denk an mich, du lassest Haare!«

Wenn's einer selber übel meint,
So schimpft er um so ärger auf die Leute:
Er sieht in jedem einen Feind,
Dieweil er selbst keinen je erfreute.

Der Wolf und die Hirten

Ein Wolf kam einer Hürde einst ganz nah
Und sah durch die Umzäunung zu,
Wie aus der Herde sich den besten Hammel kürten
Die Hirten, auszuweiden ihn in Ruh,
Indes die Hunde sich nicht rührten.
Da sprach er zu sich selbst, indem er murrend ging:
»Welch einen Lärm die Leute wohl verführten,
Wenn ich mich dessen unterfing!«

Der Wolf und das Mäuslein

Aus einer Herde schleppte Isegrim
Ein Lamm fort in sein Waldversteck.
Nun – Gastlichkeit war nicht sein Zweck;
Es ging dem armen Lamme schlimm,
Der Wolf zerriss es und fraß es auf mit heißer Gier –
Die Knochen krachten schier,
Zermalmt vom Druck des Wolfsgebisses.
Jedoch, wie sehr er immer mochte schlingen,
Er konnte alles nicht bezwingen;
So ließ er dies und jenes Stück
Sich für sein Vesperbrot zurück.
Dann streckt er sich behaglich aus,
Sich zu erholen von dem fetten Schmaus.

Nun hatte in der Näh' ein Mäuslein
Sein Häuslein.
Das Mäuslein riecht das Fleisch und kommt herausgehüpft,
Schleicht sacht durch Moos und Busch,
Packt einen Lappen Fleisch, und husch
Ist es damit zurückgeschlüpft.
Der Wolf gewahrt den Raub mit Grimme
Und heulet durch den Wald mit heisrer Stimme:
»Zu Hilfe kommt, ihr Leute!
Ein Dieb! Halt, halt,
Fangt ihn, entreißt ihm seine Beute!
Man plündert mich verwegen,
Man raubt mir mein Vermögen!«

So was passiert nicht bloß in Waldgehegen.
Dem Richter Klimytsch nahm einmal
Ein Dieb die Uhr – da hört man jenen wüten:
»Setzt nach, packt mir den Schurken, der sie stahl,
Er mag sich hüten!«

Die Gänse

Mit seinem langen Stabe
Trieb Gänse einst ein Bauer in die Stadt
Und hetzte sie zu raschem Trabe.
Die Tiere waren zwar schon matt,
Allein, er will den Markttag nicht verfehlen,
Und wo Gewinn steht auf dem Spiel,
Fragt man nach Gans und auch nach Mensch nicht viel.
Ich werde drum nicht auf den Bauern schmähen,

Allein der Gänse Standpunkt ist ein andrer;
Und da jetzt nahe kommt ein Wandrer,
Erhebt die missvergnügte Herde
Bei ihm Beschwerde.
»Gibt es ein härteres als unser Los?
Der Bauer da springt mit uns um,
Als wären wir gemeine Gänse bloß;
Er ist zu dumm,
Um einzusehen, dass Achtung uns gebührt,
Da unser Stammbaum sich datiert
Von jenen Gänsen, die einst Rom gerettet,
*
Wofür man Feste ihnen hat votiert.« -
»Sagt mir, wofür ihr gerne Ehre hättet?«
So fragt der Wanderer. - »Ja, unsere Ahnen -«
»Ich weiß, ich las es, doch ich möchte erfahren,
Welch ein Verdienst ihr schreibt auf eure Fahnen?«
»Gerettet haben unsere Ahnen Rom
Vor vielen hundert Jahren,
Als schon der Feind erklomm den Felsendom.« -
»Ganz recht, doch welches sind denn eure Taten?« -
»Wir selber taten nichts.« - »So lasst in Ruh'
Die Ahnen; ihnen kam wohl Ehre zu,
Ihr aber, Freunde, taugt doch nur als Braten.«

Zu dieser Fabel wüsste ich manche Glossen -
Allein, ich will die Gänse nicht erbosen.

*Die Gallier in Rom

In jener Zeit geschah es, dass vom Norden her gallische Völkerscharen gegen Rom vordrangen.
Selten haben die Römer einen Feind so gering eingeschätzt wie die Gallier,
und dafür mussten sie schwer büßen. Schon der Anblick der furchterregenden Gestalten mit dem wirren, flatternden Haar ließ sie jäh erzittern. An der Allia, einem kleinen Flüsschen, erlitten die Römer eine so furchtbare Niederlage, dass sich nur Reste ihres Heeres in den Schutz der Mauern retten konnten. Etwa tausend streitbare Männer bezogen unter dem Befehl des Markus Manlius als letzte Zuflucht das Kapitol, den Burgberg von Rom. Die ganze Bevölkerung musste Rom verlassen.

Einer der Gallier hatte einen geheimen Zugang zur steilen Höhe entdeckt, und dort stieg des
Nachts nun eine auserwählte Mannschaft hinauf, um die Römer im Schlafe zu überfallen. Da kein Posten an dieser Stelle stand, konnte die Spitze der lautlos vordringenden Gallier den Mauerrand erreichen.

Da begannen plötzlich die der Juno geheiligten Gänse, die sich auf dem Kapitol befanden,
ängstlich
zu schnattern und weckten den Markus Manlius. Aufgeschreckt stürzte er eilig zu der
unbewachten
Stelle und stieß den vordersten Gallier vom Felsrand hinunter. Im Sturz riss dieser die Nachfolgenden mit in die Tiefe.

Zur Erinnerung an die wachsamen und treuen Tiere wurde alljährlich eine Gans im feierlichen Aufzug durch die Straßen Roms getragen, ihr zur Seite jedoch ein ans Kreuz geschlagener Hund, weil die Hunde in jener denkwürdigen Nacht geschwiegen hatten.

Trotz dieser wundersamen Rettung konnte die tapfere Besatzung sich auf die Dauer nicht
halten. Brennus, der Führer der Gallier, erklärte sich jedoch zum Abzug bereit, wenn man ihm tausend Pfund Gold auszahle. Die Römer mussten schweren Herzens solche Bedingungen annehmen. Als man nun daranging, das kostbare Metall abzuwiegen, bemerkten die Römer plötzlich, dass die Gallier falsches Gewicht verwendeten, und erhoben Einspruch gegen diesen Betrug. Doch da ergriff Brennus mit höhnischem Lachen sein Schwert und warf es mit auf die Waagschale, indem er ausrief: "Wehe den Besiegten!" Er wollte damit sagen, dass die Besiegten keinen Anspruch mehr auf eine gerechte Behandlung hätten.

Jetzt endlich zeigten die Götter ein Einsehen mit dem so schwer gedemütigten Römervolk.
Sie ersparten ihm die Schande, von der Gnade der gallischen Barbaren leben zu müssen,
denn gerade in diesem Augenblick zog das Entsatzheer in die verwüstete Stadt ein.
"Mit Eisen, nicht mit Gold wollen wir die Freiheit zurückgewinnen!" rief der römische Feldherr
Camillus und forderte die Gallier auf, sich zur Schlacht zu stellen.

Camillus zeigte sich als ein großer Feldherr: er errang für Rom einen herrlichen Sieg.
Die Gallier wurden blutig geschlagen. Voller Dankbarkeit nannte ihn das Volk den zweiten Romulus,
den Vater des Vaterlandes. Brennus aber, der lebend in die Hand der Römer fiel,
wurde mit dem
Schwerte gerichtet. So erfüllte sich auch an ihm das erbarmungslose
Gesetz: "Vae victis!"
Wehe den Besiegten!

In den folgenden Zeiten wuchs der römische Staat in tatkräftigem und wagemutigem
Handeln, und das Schicksalswort, das einst Jupiter für die Stadt Rom ausgesprochen hatte, sollte sich erfüllen: "Ihr setze ich im Raum nicht noch in der Zeit eine Grenze: Herrschaft ohne Ende habe ich ihr gegeben!"

Die Kornblume

War eine Kornblume aufgeblüht im Walde,
Dann ward sie matt und welkte hin:
Das Köpfchen neigte sich auf dem Stängel balde,
Des Todes wartet sie mit bangem Sinn.
Sie raunt dem Zephir
* zu, der sie umschwebte:
»O bräche doch der Tod bald an!
Die Sonne ergösse ihr holdes Licht alsdann,
Vielleicht, dass sie auch mich belebte.« -

»Das ist einfältig, meine Liebe,«
Summt ihr ein Käfer zu, der in der Nähe kreist,
»Als ob der Sonne nur die Sorge bliebe,
Wie du gedeihst.
Glaub mir, sie hat für dich nicht Zeit noch Lust.
Flögst du herum, wie ich, in weiter Welt,
So wäre dir bewusst,
Dass Wiese, Saatenfeld
Sie wohl in ihrer Pflege hält;
Sie nährt durch ihren warmen Hauch
Die Zedern und die Rieseneichen,
Sie schmückt mit reichen Farben auch
Gar manche Blume:
Doch du kannst dich ja nicht vergleichen
Mit solchem Ruhme.
Denn jene Blumen sind so schön,
Dass es selbst Kronos
* schmerzt, sie abzumähen.
Du aber hast nicht Duft noch Pracht,
Es hat die Sonne dein nicht acht,
Du quälst sie fruchtlos mit Gestöhn,
Dein Los ist schweigen und vergehn.«

Jetzt stieg die Sonne empor, belebte die Natur,
Goss ihre Strahlen aus auf Wald und Flur
Und spendete dem armen Blümchen auch
Erquickend neuen Lebenshauch.

Ihr, denen das Geschick erhabnen Platz verlieh,
Verschmäht nicht die Allegorie,
Lasst euch die Sonne Vorbild sein.
Seht hin, ihr Strahlenschein,
Wohin er dringe,
Bringt Heil, der Zeder wie dem Halm,
Kein Wesen ist ihr zu geringe.
Darum auch tönt ihr laut des Dankes Psalm
Und lebt ihr Bild in allen Herzen
Hell, wie sich spiegeln im Kristall die Kerzen.

*Zephyr (auch Zephyros oder Zephyrus, griech. Ζέφυρος / Zéphyros  "der vom Berge Kommende") ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, die als Gottheit den Westwind verkörpert.
*Kronos: griechischer Ernte-und Erdgott.

Die Mücke und der Hirt

Im Schatten schlief ein Hirt, vertrauend auf die Hunde.
Die Schlange sah es, kroch aus dem Busch heran,
Schon züngelte sie aus offnem Munde,
Und um den Hirten war es getan –
Da stach, entrüstet über solche Tücke,
Den Schläfer heftig eine Mücke.
Der Hirt erwacht, schlägt tot die Schlange alsbald,
Doch aus dem Schlafe fahrend, hat er mit Gewalt
Die Mücke so gepackt, dass sie verendet.

Auf das Menschenleben angewendet:
Wenn je ein Schwacher einem Starken wagt,
Sei es noch so gut gemeint, die Wahrheit aufzudecken:
Er wird gar bald gewahr zu seinem Schrecken,
Dass man es mit ihm wie mit der Mücke macht.

Die Teilung

Einst hatten wackre Handelsleute
Zusammen sich getan zu einer Maskopei.
Sie wurden reich dabei
Und schlossen ihr Geschäft und teilten heute.
Wo gäbe es Teilung nun wohl ohne Zwist?
Sie hadern über Summen, über Waren –
Als plötzlich sie erfahren,
Dass im Gebäude Feuer ausgebrochen ist.
»Kommt nur und rettet
Den Warenvorrat, rettet unser Haus,«
So ruft der eine aus,
»Die Rechnung wird dann später schon geglättet!«
»O nein, das Tausend erst, das mir gebührt,«
So schreit ein anderer Geselle,
»Ich geh' nicht eher von der Stelle!«
»Zweitausend dann für mich saldiert,«
Ruft hier ein dritter, »dieser Posten ist sonnenklar!«
»Wieso? Wofür? Warum nicht gar?«
Und während sie sich immer mehr erbosten,
Vergaßen sie der Feuersbrunst,
Es übermannt sie Rauch und Dunst,
So dass mit Haus und Habe sie verbrannten.

Oft, wenn viel größre Dinge sind im Spiel
Als die genannten,
Setzt dem Verderben man deshalb kein Ziel,
Weil jedermann,
Statt der Gefahr gemeinsam zu begegnen,
Erst Händel spann,
Um selber sich zu segnen.

Das Kästchen

Ihr alle wisst, wie häufig es geschieht,
Dass man ein Ding zunächst sehr schwierig sieht.
Dabei läge doch darin die ganze List,
Zu sehn, wie einfach eine Sache ist.

Ein kleines Kästchen ging von Hand zu Hand.
Es war von einem Meister hergestellt -
So hübsch, dass es gleich in die Augen fällt.
Ein Mann, der von Mechanik was verstand,
Trat auch dazu, sieht hin, und er entdeckt,
Dass in dem Kästchen ein Geheimnis steckt.
Er sagt: »Nicht eine Spur von Schloss, doch ich
Bringe es auf, ob ihr auch grinst, ich sicherlich.
Ihr werdet sehn, ich komm gleich auf den Dreh,
Weil ich ja von Mechanik was versteh.«
Ans Kästchen macht sich unser Mann,
Sieht es von allen Seiten an,
Um jeden Nagel, jeden Knopf
Zermartert er sich seinen Kopf.
Mit wachsendem Verwundern sehn
Die übrigen ihn ratlos stehn.
Man tuschelt, spöttelt rings im Chor,
Ein Rauschen ist in seinem Ohr:
»Nicht so und auch nicht so« - Er plagt sich sehr
Und schwitzt und mag zuletzt nicht mehr.
Er legt das Kästchen aus der Hand.
Ein Mensch, der von Mechanik nichts verstand,
Greift zu. Nun ging's. Es war einfach zum Lachen:
Man brauchte nur den Deckel aufzumachen.

Das Quartett

Der Affe, der stets hinter Streichen her,
Der Esel im grauen Rock,
Dazu noch der Ziegenbock
Und schließlich mit mächtigen Pranken der Bär -
Die hatten vor, zu vieren
Unter Linden zu musizieren.
Noten, Cello, Bratsche, zwei Geigen
Brachten sie mit, ihre Kunst zu zeigen.
Legten gleich los. Kam nichts raus als Gekratz.

Der Affe klopft ab schon im ersten Satz:
»Halt, Freunde, warum so hetzen! Geduld, Geduld!
Am allem ist eins nur schuld:
Wir sitzen falsch, erst mal richtig sich setzen.
Erlaub mir, dass ich dich, Meister Petz,
Mit dem Cello der Bratsche gegenüber setz,
Geig gegen Geige. So. Aufgepasst! Bald
Tanzen nach unserm Takt Berge und Wald.«
Doch als man es wieder aufnimmt,
Geht es schlimmer als vorher, nichts stimmt.
»Augenblick mal« schreit der Esel jetzt,
»Ich hab's! Viel besser ist es doch, man setzt
Seite an Seite sich, so dass man statt
Blickrichtung Ellbogenfühlung hat.«
Aber was hilft's, dass man streng ausgerichtet -
Das Chaos der Töne sich keineswegs lichtet.
Da fallen Bock, Aff, Esel, Bär
Mit Gezänk übereinander her.

Vom Streit, wie man sitzen soll, angezogen,
Kam die Nachtigall zu den Linden geflogen.
Die viere gingen sie gleich an um Rat.
»Woran kann es nur liegen! Sieh, Nachtigall, wir
Sind, wies zu einem Quartett gehört, vier.
Kein Zweifel, dass jeder sein Bestes tat -
Und wir haben, weiß Gott, äußerst griffige Pfoten!
Instrumente vollzählig, in Ordnung die Noten,
Und doch klappt's nicht. Es muss doch zuletzt
Daran liegen, wie man sich setzt!«

»An was anderem«, erwidert die Nachtigall,
»Scheint mir es zu liegen in eurem Fall:
Mit etwas zarteren Ohren
Werden Musikanten geboren.
Solang man so wichtig sich tut um den Platz,
Gibt es immer Gekratz.«

Das Schwein unter der Eiche
1821

Ein Schwein fraß sich an Eicheln satt,
Die ein gewaltiger Baum - in jedem Jahre wieder -
Ließ wachsen. Dann, vom Fressen matt,
Legt sich das Schwein im kühlen Schatten nieder.
Es schläft sich aus, streckt gähnend seine Glieder
Und wühlt gemächlich dann des Eichbaums Wurzeln frei.
»Halt!« rief ein Rabe da aus dieses Baumes Ästen:
»Genügt dir es nicht, an Eicheln dich zu mästen?
Warum beschädigst du der Eiche Wurzeln jetzt?
Ihr Lebensnerv wird doch dadurch verletzt!«
»Und warum soll er nicht? Mich kann das wenig kratzen.«
Erwiderte das Schwein, »mir ist es einerlei,
Was hier für Bäume stehen, kann ich nur Eicheln schmatzen.«
»Wie bist du undankbar«, sprach jetzt der Baum zum Schwein,
»Versuchtest du einmal, zu mir herauf zu sehen,
So würdest du vielleicht verstehen,
Wo diese Eicheln wachsen und gedeihn.«

So kann man oft von Toren schmähen hören
Die Wissenschaft, das Forschen und das Lehren -
Wobei der Mann, der sie so schmäht, vergisst,
Dass er die Frucht von dem, was er missachtet, isst.

Das verdorbene Fell

Wenn uns das Messer an der Kehle sitzt,
So geben wir gern jenem guten Worte,
Von dem wir hoffen, dass er uns beschützt.
Doch hat er glücklich uns bewahrt vor Leid,
So lohnen oftmals schlecht wir unserm Horte.
Vom Zaune brechen wir den Streit,
Und gut noch, wenn wir nicht, von Undank angetrieben,
Die ganze Schuld ihm in die Schuhe schieben.

Ein alter Bauer ging mit seinem Knechte
Vom Walde heim, es war schon spät;
Sie hatten Heu gemäht.
Horch, war es nicht, als ob sich etwas regte?
Ja, plötzlich steht der Petz da auf den Wasen,
Fast stießen sie zusammen mit den Nasen.
Der Alte stehet starr und stumm.
Der Bär packt ihn, wirft ihn zu Boden,
Tritt ihn und wendet ihn herum
Und suchet den besten Fleck, um anzubeißen.
Schon hat der Bauer kaum noch Odem,
Er stöhnet unterm Bären jämmerlich.
»Lass mich«, ächzt er, »vom Untier nicht zerreißen,
Freund Steffen, lass mich nicht im Stich!«
Der Knecht, ein rechter Herkules, nimmt auch
Zusammen seine ganze Kraft,
Haut mit dem Beil, dass weit des Bären Schädel klafft,
Und bohrt ihm noch die Gabel in den Bauch.
Der Bär heult auf, stürzt hin, verendet,
Die schreckliche Gefahr ist abgewendet.
Der Bauer springt empor
Und fährt alsbald den Steffen zornig an.
Der ist verblüfft und fragt, was schlimmes er getan?
»Das fragt er noch, der blöde Tor! War's nicht genug,
Dass man dem Tier den Kopf einschlug,
Es wäre schon gestorben.
Noch drein zu stechen! Hast das ganze Fell verdorben:«

Fischsuppe bei Demjan

»Mein guter Nachbar, hochgeschätzter Gast,
Nun greif doch zu, ich bitte dich!«
»Unmöglich, Lieber, ich bin satt.« - »Na na! Was fasst
Ein Tellerchen denn schon? Hat sie es denn nicht in sich,
Die Suppe?« - »Ebendarum!« - »Schlag mir es nicht aus!«
Ach hab doch schon dreimal!« - »Mein Freund, du musst
Mir noch die Ehre tun! Glaub mir, die Lust
Kommt mit dem Essen. Tu ganz wie zu Haus!
Sie ist doch pures Gold, die Suppe. Schau:
Als wäre sie ganz von Bernstein überdeckt!
Ein Götterschmaus, der Tote auferweckt!
Iss, lieber Freund! - Ermuntre du ihn, Frau!
Erzähl ihm, dass du Hecht genommen hast
Und Sterlet, Brachsen - alles für den Gast!«

So setzt Demjan dem Nachbarn Phoka zu
Und lässt ihn keinen Atemzug in Ruh.
Längst bricht aus Phokas Stirn in Strömen Schweiß.
Doch nimmt er noch einmal, weil er ja weiß,
Was sich gehört. Er ächzt, kann längst nicht mehr
Und stöhnt, und endlich ist der Teller leer.
»So lob ich mir den Freund!« ruft nun Demjan,
»Wer so frei zugreift, ja, der ist mein Mann.
Und weil die Hand schon mal fünf Finger hat -
Nimm noch: das fünfte Tellerchen macht satt!«
Ob so viel fürchterlicher Huld
Reißt Phoka endlich die Geduld.
Er greift nach seinem Hut voll Grimm,
Und stumm, als hab er seine Stimm
Verschluckt, enteilt er ohne Gruß.
In Demjans Haus setzt nie er wieder einen Fuß.

Hundegebell

Zwei Freunde wandelten am Abend
Vertieft in ein Gespräch,
Als plötzlich frech
Ein Köter sie anbellt, vom Hofe trabend.
Noch einer kommt, dann mehr, bis eine Menge
Aus allen Höfen stürzet mit Gedränge.
Schon griff der eine Freund nach einem Stein,
Der andere sagt: »Halt ein!
Den Hunden wehrst du nicht das Bellen,
Du bringst sie nur in größre Wut.
Gehen weiter wir, ich kenne die Gesellen ganz gut.«
Und wirklich taten sie kaum fünfzig Schritte,
So ward es stiller in der Hunde Mitte,
Und endlich hat man sie nicht mehr gehört.

Die Neider, was sie auch ersahn,
Sie haben stets gekläfft, gestört –
Geh aber ruhig deine Bahn,
Sie bellen und sie machen endlich kehrt.

Trischkas Rock

An beiden Ellenbogen ganz zerfetzt ist Trischkas schöner Rock.
Er denkt: »Was tu ich jetzt? So kann ich mich nicht zeigen bei den Leuten!«
Von jedem Ärmel schneidet er ab geschickt den Rand;
Und der, hübsch wieder eingeflickt, macht dann die Jacke heil.
Doch an den Armen scheint Trischka nun gewachsen zum Erbarmen,
Wird auf der Gasse weidlich ausgelacht.
»Na schön!« spricht er zu sich, »wenn es sein muss,
Kann auch dies noch werden, und die Ärmel werden länger, dass es kracht!«
Ritsch, ratsch, und Trischka trennt vergnügt sich ab
Vom Schoß ein Handbreit Tuch, näht es an die Ärmel rings,
Eilt stolz damit zum Markt, bis an den Hintern bloß!

Jetzt sagt: wer kann das Treiben solcher Leute jemals loben,
Die neu sich leihen, um altes Loch zu stopfen,
Die pfiffig-dumm wie Trischka sich sanieren
Und so - genau besehen - als Narren florieren?!

Ungleiches Gespann

Wenn zur Genossenschaft sich Eintracht nicht gesellt,
Ist es mit dem Werke schlecht bestellt:
Es gibt nur Quälerei, und man bringt nichts zurecht.

Einst wollten Schwan und Krebs und Hecht
Fortschieben einen Karren mit seiner Last
Und spannten sich zu dreien davor in Hast.
Sie tun ihr Äußerstes; er rückt nicht von der Stelle.
Die Last an sich wäre ihnen leicht genug,
Allein der Schwan nimmt aufwärts seinen Flug,
Der Krebs keucht rückwärts, und der Hecht strebt in die Welle.
Wer schuld nun ist, wer nicht, darüber hier kein Wort,
Der Karren aber steht noch immer dort.

Wasserfall und Quell

Ein Wasserfall, der tosend sich versprüht,
War einst, ganz gegen seine Art, bemüht,
Den nahgelegenen Heilquell was zu fragen.
»Du sag: dass man zu mir mit Pferd und Wagen
Und auch zu Fuß kommt, das erstaunt mich nicht.
Ich bin von Urgewalt; du bist ein Wicht,
An mir gemessen. Nun, erkläre mir,
Warum wohl pilgern Scharen auch zu dir?
Kein Wunder, wenn sie mir Bewunderung zollen -
Doch an dir ist doch nichts. Was sie nur wollen,
Die zu dir kommen, die bei dir gewesen?«
Bescheiden murmelt da der Quell: »Genesen.«

Fabelverzeichnis