Der Stricker
   
 

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Fabelverzeichnis

Autorenverzeichnis


Der Stricker

Der Stricker ist der älteste deutsche Fabeldichter. Er war ein produktiver
mittelhochdeutscher  Dichter in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Über seine Lebensumstände ist wenig bekannt, außer dass er von niederer und unfreier
Herkunft war und sich seinen Lebensunterhalt als Wander- und Berufsdichter verdienen
musste. Ob sein Name ein sprechender "Künstlername" war, wie ihn die Spruchdichter
traditionell trugen, etwa in der Bedeutung "der Geschichtenknüpfer", oder ob es sich
um einen Eigennamen handelt, ist umstritten. Sprachlich-dialektale Eigenheiten
sprechen dafür, dass er aus dem südlichen Rheinfranken oder aus dem östlichen
Franken stammte; seine dichterische Laufbahn zeigt ihn jedoch überwiegend in
Österreich. Seine Werke dürften zwischen 1220 und 1250 entstanden sein.

Sein Werk umfasst Groß- und Kleinformen der Epik aus verschiedenen Gattungen:
die Überarbeitung des als formal und narrativ veraltet empfundenen Rolandslieds,
einen höchst untypischen Artusroman (Daniel von dem blühenden Tal), und die neue
Form der (lehrhaften oder komischen) Kurzerzählung, die als die eigentliche
literarhistorische Leistung des Strickers gelten kann.

Die Bilder sind dem "Ulmer Äsop" entnommen.
 





Der Hahn und die Perle
Äsop- Der Hahn und der Diamant


 

Vor einem stadele, dâ man drasch,
dâ gie ein han durch genasch
und warp als er kunde.
dô er kratzen begunde,
dô vant er in kurzer stunt
einen wol getânen vunt,
einen schoenen mergriezen.
»möhte ich din iht geniezen,«
sprach er wider sich selben dô,
»sô waere ich dîn harte vrô.
waere dir iemen zuo komen,
dem du möhtest gevromen,
dem waere wol mit dir geschehen.
nu hân ich kurzlîche gesehen,
daz ich enmac dîn
niht geniezen noch du mîn,
des bistu hie ze mir verlorn –
ich naeme vür dich ein haberkorn.«

der han gelîchet einem man,
der beidiu will unde kann
tumplîche werben
und waenet doch niht verderben.
kumt er den mergriezen an,
er lât in ligen als der han.

was sint die mergriezen?
diu wort, der wir niezen
gegen got und nâch êren.
beginnet man in lêren,
wie er werben solde,
ob er sich lieben wolde
beidiu gote und den liuten,
sô mac man imz diuten,
ê er sich dar an iht kêre.
des effet er sich sêre,
der den wîsheit lêret,
der sich an die rede niht kêret.

swer niht wîsheit wil pflegen,
vünde er si ligen an den wegen,
er möhte ir niht mêr geniezen
denne ouch der han des mergriezen.
 
Vor einer Scheune, in der gedroschen wurde, stolzierte ein Hahn,
und bemühte sich nach Kräften,
Futter zu finden.
Als er scharrte, machte er
alsbald eine schöne Entdeckung,
er fand nämlich eine herrliche Perle.
»Wenn ich etwas mit dir anfangen könnte«,
sprach er zu sich selbst,
»so würde ich mich sehr über dich freuen.
Hätte dich jemand gefunden,
dem du nutzen könntest,
der würde dich gut verwenden.
Ich sehe aber deutlich,
dass wir beide nichts
miteinander anfangen können,
du bist umsonst bei mir –
statt deiner hätte ich lieber ein Haferkorn.«

Der Hahn gleicht jemanden,
der sich töricht verhält
und doch glaubt,
dabei nicht zugrunde zu gehen.
Stößt er auf eine Perle,
so lässt er sie wie der Hahn liegen.

Was bedeuten die Perlen?
Es sind die Worte, die wir an Gott richten
und mit denen wir nach Ehre streben.
Belehrt man jenen Menschen,
was er tun sollte,
um Gott und den Menschen zu gefallen,
so muss man es ihm erst erklären,
bevor er sich danach richtet.
Wer jemanden lehrt,
weise zu handeln,
der sich dann nicht daran hält,
der macht sich zum Narren.

Wer die Perle am Wege finden würde
und nicht weise sein möchte,
der könnte mit ihr nicht mehr anfangen
als der Hahn.
 


Der Hase
 

Ich hœre sagen vür wâr:
der einen hasen zehen jâr
an einembande gehabe,
gezihe er im daz bant abe,
er werde dannoch wilde.

daz ist ein gelîchez bilde:
swie lange ein man die êre hât,
swenne er si ûz der huote der hase,
der da loufet an dem grase.

 

Ich habe folgende Wahrheit erzählen hören:
ein Hase, der zehn Jahre
an der Leine gehalten wird,
wird trotzdem wieder wild,
wenn man ihm die Leine abnimmt.

Dies ist ein Gleichnis und bedeutet: ein Mensch
mag noch so lange in Ehren leben, wenn er die
Ehre aus den Augen verliert, wird sie ihm noch
fremder als der Hase, der da im Grase herumspringt.
 

Der Hase und der Löwe
 

Ist der hase alsô getân,
daz er lewen will bestân –
daz enheize ich niht vrümekeit:
ez ist ein gouchliche arebeit.
er ist mit dem tîvel behaft,
ob er bestêt solch überkraft,
dâ er niemer mac gesigen
und âne zwîvel tôt geligen.

swer sîne tage alsô gelebet,
der muoz ouch wider got wesen:
swenne des sêle sol genesen,
dâ kumet diu sêle kûmer zuo,
denne der hase vor dem lewen tuo.
 
Einen Hasen, der gegen Löwen
kämpfen will –
das nenne ich nicht Tapferkeit:
es ist eine Narretei.
Wer gegen solche Übermacht,
bei der er niemals siegen kann
und ohne Zweifel getötet werden wird,
besteht, der ist vom Teufel besessen.

Wer sein Leben im Widerspruch gegen die
Ehre verbringt, der ist auch ein Gegner
Gottes: wenn dessen Seele errettet werden
soll, so wird dies schwieriger sein als der
Kampf des Hasen mit dem Löwen.
 

Der Hofhund
 

Ez was hie vor ein richer wirt:
swaz den gesten vröude birt,
des bôt er allez genuoc;
er schuof, swâ man sîn gewuoc,
daz er vil wol gelobet wart.
er het ouch einen hovewart,
der kunde wol überspringen:
des endorfte in niemen twingen,
dâ mit erwarp er sîn brôt.
swer im den arm dar bôt,
dar über spranc er sâ zehant –
des wart der hunt wol bekannt.

eines tages quam der geste vil,
dô muose er üeben sîn spil.
er spranc unz an die stunde,
daz er müeden begunde.
dône wolde er niht mêre springen,
dô begunde man in twingen.
dô in des einer betwanc,
daz er in überspranc,
sô twanc in ouch ein ander.
der meisterschefte vant er
sô vil, er verzagete
und in vil gar versagete
und durch niemen springen wolde,
swelch nôt er dar umbe dolde.

rehte alsô tuot ein milter man:
swie milte er immer werden kan,
will man sîn ze harte vâren,
in muoz diu milte swâren.
in bringet einer dâ zuo,
der in beide spâte und vruo
ze gîticlîche neisen will,
daz in muoz dunken ze vil
der gâbe und eines gîtecheit,
und im ze jungest gar verseit.
swie gerne er milte wære,
in machent die gîtegære
an guotem willen sô schart,
daz er tuost sam der hovewart,
den man ze springene twanc
sô lange, unz er durch niemen spranc.
 
Einst lebte ein mächtiger Herr,
der bot den Gästen alles in Fülle,
was ihnen Freude machte.
Er hatte erreicht, dass er in den höchsten Tönen
gelobt wurde, wo man über ihn sprach.
Er besaß einen Hovawart,
der hohe Sprünge vollführen konnte:
niemand brauchte ihn dazu zu zwingen,
er verdiente damit sein Futter.
Hielt jemand ihm den Arm hin,
dann sprang er sofort darüber –
so wurde der Hund weithin berühmt.

Eines Tages trafen viele Gäste ein,
da musste er seine Kunst vorführen.
Er sprang so lange,
bis er müde wurde.
Als er nun nicht mehr springen wollte,
begann man ihn zu zwingen.
Als ihn einer gezwungen hatte,
seinen Arm zu überspringen,
da zwang ihn auch ein zweiter.
Dies geschah so oft,
dass er schließlich aufgab,
ihnen alles abschlug
und für niemanden mehr springen wollte,
wie man ihn deshalb auch quälte.

In derselben Weise
verhält sich ein freigebiger Mensch:
er mag noch so freigebig sein,
seine Freigebigkeit wird ihn verdrießen,
wenn man sich ihm zu sehr aufdrängt.
Wer ihn von früh bis spät aus Habgier
bedrängt, bringt ihn dazu,
seine Gabe und jenes Habgier
für zu groß zu halten und ihm
schließlich alles abzuschlagen.
Wenn er auch gerne freigebig wäre,
so verhärten die Habgierigen doch seinen
guten Willen so sehr, dass er sich am Ende
so verhält wie der Hovawart,
den man so lange zu springen zwang,
bis er für niemanden mehr sprang.
 

Der Hofhund und die Jagdhunde
 

Ez was hie vor ein arm man,
der sô lützel guotes gewan,
daz er vil selten sat wart.
dô het er einen hovewart,
dem enweste er, waz geben, noch
enweste, wes er selbe möhte leben.
dâ von sô wart der hunt sô swach,
daz man in kûme leben sach.

nu was ein burc dâ nâhen bî.
»ich wil sehen, ob dâ iemen sî,«
gedâhte er, »der sich ruoche erbarmen
über mich tôtarmen.«
diu burc het einen richen wirt,
swaz den liuten vröude birt.
des volgete im ein michel teil.

nu gehalf dem hunde sîn heil,
daz er vür des wirtes tisch quam
und sîn dâ niemen war nam,
wan des wirtes hessehunde.
swelcher in an begunde
loufen, als er solde,
und in ûzbîzen wolde,
vor dem leit er sich dar nider
und tet niht anders dar wider,
wan daz er den zagel ruorte,
unz er den zorn zevuorte.
dô er sich alsô kunde ergeben,
dâ von liezen si in leben.
doch begunde er in entwîchen
unde al umbe slîchen
under den benken, dâ ez vinster was –
dâ bejagete er, daz er wol genas.

dô der arme hovewart
ein wênic kreftiger wart,
dô begunde er vür die tische gên,
under die hessehunde stên.
als er ein bein dâ gevienc,
swelch hessehunt dar gienc,
dem liez erz nider vallen.
sus geschuof er mit in allen,
daz si in bî in verdolden.
des si dâ niht wolden,
daz dûhte aber in ein wirtschaft.
nu gewan er schiere solche kraft:
waz im in den munt quam,
daz quam dâ von: er werte sich.
er dûhte sich sô heimlich,
daz er sich satzte wider sie
und in des sînen niht enlie.

die hunde muosen dicke jagen,
daz si etewenne in siben tagen
niht enquâmen wider hein.
sô wurden im elliu diu bein
diu si alle solden ezzen.
des wart er sô vermezzen,
hæte in ein lewe bestân,
er wolde ez im niht vertragen hân.
sô die hunde danne quâmen wider,
sô warf er ir einen nider
vor dem tische, und aber einen,
und wolde si an den beinen
deheinen gewalt lâzen hân.
dô mohtens im niht widerstân,
si wâren von dem jagen sô kranc,
daz er si sanfte betwanc.
von sîner vrävellichen kraft
muosen si sîne meisterschaft
ze allen zîten lîden
und muosen in vermîden,
als ob er ein leu wære.

nu gelichet disem mære:
swâ ein gebûr ze hove gât,
der dâ heime niene hât,
und gesmecket der süezen spîse,
sô gebâret er in der wîse,
als er mitalle ein schâf sî.
unz er in gewonet bî,
daz er ze hove wirt erkant,
sô muoz er sich iesâ zehant
den edelen gelîchen
und wil den niht entwichen.
sô beginnet er danne liegen,
beudiu lôsen unde triegen.
sîn smeichen wirt sô mannicvalt,
daz man im bevilhet einen gewalt.
des wirt er danne sô hêre,
daz er die edelen immer mêre
dar nêch verdrücket, swâ er mac.
under der vüezen er zem êrsten lac,
der meister wil er danne wesen
und wil die kûme lân genesen.
dar an tuot er rehte
alsô wil daz ungeslehte.

daz ungeslehte ist alsô gemuot:
wirt im gewalt ode guot,
daz ez niemen behalten wil.
der selben vinde ich nu sô vil,
daz ir der tîvel müeze pflegen –
ich entuon in anders dehein segen.
 
Einst lebte ein armer Mann,
der besaß so wenig, dass er niemals satt
wurde. Er hatte einen Hovawart,
dem er nichts zu geben wusste,
noch wusste er selbst,
wovon er leben könnte.
Dadurch war der Hund so geschwächt,
dass er kaum noch am Leben blieb.

Nun stand in der Nähe eine Burg.
»Ich will sehen«, dachte er,
»ob es dort jemanden gibt,
der sich über mich Elenden erbarmen möchte.«
Die Burg hatte einen mächtigen Herrn,
der besaß alles,
was die Menschen erfreut.

Dem Hund verhalf sein Glück dazu,
dass er zum Tisch dieses Herrn gelangte
und ihn niemand bemerkte
außer dessen Hetzhunden.
Wenn ihn von denen einer,
wozu er ja da war,
anrannte und mit Bissen hinausjagen wollte,
dann kuschte er sich nieder
und unternahm nichts dagegen,
außer dass er, bis er dessen Zorn besänftigt
hatte, mit dem Schwanz wedelte.
Weil er sich auf solche Weise ergab,
ließen sie ihn am Leben.
Doch er entwich ihnen und
schlich unter den Bänken umher,
wo es dunkel war – dort ging er auf Jagd,
bis er gesund wurde.

Als der arme Hovawart
wieder zu Kräften gekommen war,
begab er sich vor die Tische
und stellte sich unter die Hetzhunde.
Wenn er einen Knochen aufschnappte,
ließ er ihn vor dem Hetzhund niederfallen,
der gerade vorbeiging. So erreichte er,
dass sie ihn alle bei sich duldeten.
Was sie verschmähten,
nahm er für einen Leckerbissen.
Nun wurde er rasch so kräftig,
dass ihm keiner mehr das wegnahm,
was ihm ins Maul kam – das kam so:
er wehrte sich nämlich.
Er fühlte sich so zu Hause,
dass er sich ihnen widersetzte und ihnen
nichts von sich ließ.

Die Hunde mussten oft so lange
zur Jagd gehen, dass sie manchmal eine Woche
lang nicht wieder nach Hause kamen.
Dann nahm er sich alle die Knochen,
die jene hätten fressen sollen.
Dadurch wurde er so anmaßend,
dass er es sich nicht einmal hätte
gefallen lassen, dass ein Löwe
gegen ihn gekämpft hätte.
Wenn die Hunde dann zurückkamen,
stieß er einen vor dem Tisch um,
dann noch einen, und er wollte sie nicht
an die Knochen heranlassen.
Sie konnten nichts gegen ihn tun,
denn sie waren von der Jagd so schwach,
dass er sie leicht bezwingen konnte.
Sie mussten wegen seiner gewaltigen Stärke
seine Überlegenheit stets ertragen.
Sie waren gezwungen,
ihn zu meiden,
als ob er ein Löwe gewesen wäre.

Diese Erzählung ist ein Gleichnis
für Folgendes: Wenn ein Bauer,
der daheim nichts besitzt,
zu Hofe geht und das süße Leben schmeckt,
dann verhält er sich so,
als ob er nichts anderes sei als ein Schaf.
Wenn er lange genug
unter den Adligen gelebt hat,
so dass man ihn bei Hofe kennt,
dann wird er sich alsbald mit diesen
gleichstellen und wird ihnen nicht von der
Seite weichen. Er fängt an zu lügen,
zu heucheln und zu betrügen.
So vielfältig wird sein Schmeicheln sein,
dass man ihm schließlich ein Amt anvertraut.
Dadurch wird er dermaßen überheblich,
dass er den Adel mehr und mehr unterdrückt,
wo er nur kann.
Er will dann die beherrschen
– und wird sie kaum noch am Leben lassen -,
unter deren Füßen er am Anfang gelegen
hatte. Er verhält sich genauso
wie einer aus niedriger Herkunft.

Die, die niederer Herkunft sind, denken wie
folgt: erreichen sie eine herrschaftliche
Position oder Besitz, dann werden sie niemanden mehr bewirten. Von denen finde ich
heutzutage so viele; der Teufel soll sie holen –
einen anderen Segen habe ich nicht für sie.
 

Der Kater als Freier
 

Swes herze noch ie besezzen wart
mit wunderlicher hôchvart,
daz ist rehte allez ein wint:
ein kater, einer katzen kint,
der überhœhetes alle,
die sint Adams valle
mit hôchvart wurden bekant.

der gie, dâ er ein vohen vant,
der sprach er kündiclîche zui:
»nu râtâ, vrouwe, waz ich tuo!
ich weiz wol, daz du wîze bist
und kanst vil manigen guoten list.
dar umbe suoche ich dînen rât.
ich sage dir, wie mîn dinc stât:
ich hân mê tugende eine
denne allez daz gemeine,
dâ von du ie gehôrtest sagen.
ichn dörfte nimmer gedagen,
solde ich dich wizzen lân,
wie vil ich hôher tugende hân.
ezn vünde niemens sin
sô edeles niht, als ich bin.
swie gerne ich nu næme
ein wîp, diu mir wol zæme –
die mac mir niemen vinden,
doch wil ich nimmer erwinden.
dir sint vil ich nimmer erwinden.
dir sint vil grôze witze bî:
waz nu dazedeleste sî,
daz solt du mir nennen,
des tohter wil ich nehmen ê,
ê danne ich gar âne wîp bestê.«

diu vohe kündiclîche sprach:
»swaz ich edeles ie gesach,
den gêt diu sunne allen vor.
si sweimet sô wünneclîche enbor
und ist schœne und alsô heiz,
daz ich sô edeles niht enweiz.«
er sprach: »der tohter muoz ich hân!
si ist hôhe unde wol getân
und hât sô wünneclîchen schîn,
si mac wol vil edele sîn.
nu sage mir von der sunne mê,
ist iht dinges. daz ir widerstê?
daz soltu nennen iesâ!«

diu vohe sprach: »entriuwen, jâ!
ir widerstêt der nebel wol,
der ist sô grôzer krefte vol,
daz diu sunne niht geschînen kan,
swâ ir der nebel niht engan.«
der kater sprach: »ist daz alsô,
sô bin ich des nebels tohter vrô.
sît er sô grôze kraft hât,
daz er der sunne widerstât,
sô gevellet mir sîn tohter baz.
nu sage, ist aber iender daz,
daz dem nebel ane gesige,
vor dem er sigelôs gelige?«

»jâ«, sprach diu vohe zehant,
»dir ist der wint wol bekant,
der ist des nebels meister wol.
wære des nebels ein lant vol,
swenne sich der wint rüeret,
er verjaget und zefüeret
den nebel in vil kurzer vrist,
daz niemen weiz, wâ er ist.«
der kater sprach: »daz ist guot!
sô wil ich wenden mînen muot
an des windes tohter umbe daz.
wie ode wâ gevüere ich baz,
sît im diu êre ist beschert,
daz er sô gewalticlîche vert!
des wil ich sîner tohter zuo,
ê daz ich iender wirs getuo.
ist iht dinges in der krefte,
daz des windes meisterschefte
mit sîner kraft widerstê,
daz solt du mir sagen ê,
als liep ich dir ze vriunde sî.«

»jâ«, sprach diu vohe,
»ich weiz hie bî ein grôz,
alt, œde steinhûs,
dâ hât der wint vil manigen sûs
und manigen stôz ane getân
und muose doch ez lâzen stân.
swie vil er dâ gestürmet hât,
ez hât die kraft, daz ez noch stât.«
der kater sprach: »sam mir mîn lîp!
sô wil ich dehein ander wîp
wan des steinhûses kint,
sît der kreftige wint
daz stürmet naht und tac
und doch niht dâ gesigen mac.
des hûses tohter wil ich nehmen,
diu muoz mir aller beste gezemen.
hât aber iht dinges die kraft,
dâ von daz hûs schadehaft
immer mêre werde?
ist des iht ûf der erde,
dâ sage mir von etewaz!«

»jâ«, sprach diu vohe,
»ich weiz noch daz,
daz dem steinhûse ane gesiget,
daz ez dâ nider geliget:
ob der erde und dar under
ist miuse ein michel wunder,
di hânt die mûre sô durchvarn,
daz si des niemen kann bewarn,
man müeze si schiere vallen shen –
daz muoz von den miusen geschehen!«
der kater sprach: »ich bin geil
und hân ouch sælde unde heil,
daz ich die rede vernomen hân:
sô wil ich elliu wîp lân
und wil der miuse tohter nehmen.
daz lâ mich ê vernemen,
ob si âne sorgen leben,
ist in iht meisters gegeben?«

»jâ«, sprach diu vohe sâ zestunt,
»dir ist diu katze wol kunt,
diu ist der miuse meister gar.
swâ si ir werdent gewar,
dô vliehent si durch grôze nôt.
swaz si ir gevâhet, die sint tôt –
diu mac sich dir gelîchen wol,
diu ist als rîcher tugende vol
und ist als edele als du bist.
swaz an dir ze lobene ist,
daz ist ouch vollicliche an ir.
du hâst dich des gerüemet mir,
ezn vinde niemens list
sô edeles niht, sô du bist.
nu merke rehte dîne kraft!
diu katze ist als tugenthaft
an muote und an lîbe,
diu zimet dir wol ze wîbe:
dun maht ouch niht hôher komen,
ich hân daz vür wâr vernomen.

du hâst dich selben geaffet,
daz du sô vil hâst geklaffet,
und hâst mit worten getobet,
daz du dich hôher hâst gelobet,
denne iht in der werlde sî.
nu bin ich tiurer denne dîn drî
und weiz der tiere dannoch vil,
den ich mich niht gelîchen will,
die verre tiurer sint denne ich.
kanstu niht erkennen an:
du kanst niht anders, denne si kan;
swaz si ist, daz bist ouch du –
dâ von tuo dînen munt zu!
du suochest einen tôren:
vâch dich selben bî den ôren,
sô hâstu in vunden iesâ,
er ist vil vollicliche dâ!«
dô kêrte der kater wider
und lie sîn hôchgemüete nider,
dô er bevant, wer er was,
und was vil vrô, daz er genas.

alsam geschiht dem tumben man,
der daz niht bedenken kan,
wer er ist und wâ er sol –
dem ergêt ez selten wol.
swenne er sich sô vergâhet,
daz er diu dinc versmâhet,
diu im ze mâze wæren
und sælde und êre bæren,
und sô tumbe sælde suochet,
daz er der dinge ruochet,
der er niht muoten solde,
ob er sich erkennen wolde –
der hât sich selben übersehen,
dem sol ze rehte geschehen
als dem katern geschach,
der im ze hôher wirde jach:
daz wart im misseprîset,
und wart des underwîset,
daz er der katzen was gelîch –
dô erkande er und schamte sich.

alsô muoz sich ein man schamen,
dem man sîn reht und sînen namen
mit schanden zeiget unde saget,
sô er ze hôchverte jaget.

swie lange sich ein kater wert,
ist im niht ein katze beschert,
sô mac er michel wirs gevarn:
ieclich man sol sîn reht bewarn.
 
Mag jemals eines Menschen Herz
mit grenzenloser Hoffart
erfüllt gewesen sein –
alles ist nichts gegenüber einem Kater,
dem Sohn einer Katze;
er übertraf alle, deren Hoffart
seit Adams Fall bekannt wurde.

Er ging zu einer Füchsin,
zu der er anmaßend sprach:
»Rate mir, Frau, was ich tun soll!
Ich weiß, du bist weise
und verstehst dich
auf viele gute Künste.
Deshalb suche ich deinen Rat.
Ich sage dir, wie es um mich steht:
ich alleine habe mehr Vorzüge als alles,
von dem du jemals gehört hast.
Ich käme nie zum Schweigen,
wollte ich dir erzählen,
welche großen Qualitäten ich habe.
Niemand könnte etwas so Edles
wie mich ersinnen.
Wie gerne würde ich nun
eine Frau nehmen,
die zu mir passen würde –
die kann niemand für mich finden,
doch will ich nicht aufgeben.
Du hast großen Verstand:
nenne mir das Edelste, das du kennst,
lieber will ich dessen
Tochter nehmen als ganz
ohne Frau bleiben.«

Listig sprach die Füchsin: »Über allem Edlen,
das ich jemals sah, steht die Sonne.
Sie schwebt so wundervoll in die Höhe,
sie ist herrlich und voller Hitze –
etwas so Edles kenne ich sonst nicht.«
Der Kater sprach:
»Deren Tochter muss ich
haben! Sie ist hoch und schön,
und sie strahlt so wundervoll,
gewiss ist sie sehr edel.
Erzähle mir doch etwas mehr von der Sonne:
Gibt es etwas, das ihr widerstehen kann?
Du musst es mir unverzüglich nennen!«

Die Füchsin antwortete: »In der Tat, ja!
Der Nebel widersteht ihr,
der besitzt so große Kräfte,
dass die Sonne nicht zu scheinen vermag,
wenn es der Nebel nicht erlaubt.«
Da erwiderte der Kater: »Ist das so,
dann freue ich mich über die Tochter des
Nebels. Wenn dieser so große Kraft besitzt,
der Sonne zu widerstehen,
dann gefällt mir seine Tochter besser.
Doch sag, gibt es etwas,
das den Nebel besiegen kann, vor dem dieser
kapitulieren muss?«

»Ja«, antwortete die Füchsin,
»du kennst doch den Wind,
der ist unbestritten der Herr des Nebels.
Wäre ein Land auch voller Nebel,
der aufkommende Wind verjagte
und zerstreute ihn, in kürzester Zeit,
so dass niemand mehr weiß,
wo er sich aufhält.«
Der Kater sprach:
»Das ist gut!
Deshalb werde ich jetzt meine Absichten
auf die Tochter des Windes richten.
Was könnte ich denn bessres tun,
da er die Ehre hat, so gewaltig zu sein!
Darum verlange ich nach seiner Tochter,
bevor ich Niedriges anpacke.
Gibt es aber etwas,
das so stark ist, mit seiner Kraft
der Herrschaft des Windes zu widerstehen,
dann musst du mir dies zuvor
bei unsrer Freundschaft sagen.«

»Ja«, erwiderte die Füchsin,
»ich kenne hier in der Nähe ein großes,
altes, verlassenes Steinhaus,
dagegen hat der Wind
mit vielen Stürmen und Böen geblasen,
und er musste es doch
stehen lassen. Wie sehr er auch getobt hat,
es ist so stark, dass es noch steht.«
Der Kater antwortete:
»Bei meinem Leben!
So will ich keine andere Frau
als die Tochter des Steinhauses,
wenn es der kraftvolle Wind
Tag und Nacht bestürmt und doch den Sieg
nicht davontragen kann.
Die Tochter dieses Hauses möchte ich
nehmen, die wird am besten zu mir passen.
Hat aber irgend etwas die Kraft,
das Haus zu zerstören?
Wenn es so etwas auf der Welt gibt,
dann berichte mir davon!«

»Ja«, entgegnete die Füchsin,
»ich weiß, was das Steinhaus
besiegen kann, so dass es zerfällt:
über und unter der Erde
gibt es zahllose Mäuse,
die die Mauern so unterwühlt haben,
dass man sie unweigerlich
bald fallen sehen wird –
das werden die Mäuse vollbringen!«
Der Kater sprach:
»Ich bin froh,
diese Rede gehört zu haben;
Glück und Segen sind bei mir:
alle anderen Frauen will ich lassen
und die Tochter der Mäuse nehmen.
Zuvor lass mich aber wissen,
ob diese sorglos leben
und kein Herr über sie gesetzt ist?«

»Ja«, antwortete die Füchsin darauf,
»du kennst doch die Katze,
die ist Herr über die Mäuse.
Wenn diese sie sehen,
dann fliehen sie wegen der großen Gefahr.
Welche sie auch fängt,
sie müssen sterben –
sie ist genauso wie du,
sie besitzt dieselben großen Qualitäten
und ist so edel wie du.
Was man dir loben muss, gilt auch für sie.
Du hast dich vor mir gebrüstet,
niemand könne sich etwas so Edles
erdenken wie dich.
Jetzt erkenne, wie du wirklich bist!
Denselben Geist und denselben Körper
wie du hat die Katze,
sie ist die passende Frau für dich:
du kannst nun einmal nicht höher hinaus,
dies weiß ich ganz sicher.

Du hast dich selbst zum Narren gemacht,
dass du soviel geschwatzt
und unsinniges Zeug dahergeredet hast,
und dich über alles in der Welt gestellt hast.
Ich bin dreimal mehr wert als du,
und doch kenne ich viele Geschöpfe,
mit denen ich mich nicht vergleichen würde,
weil sie weitaus wertvoller sind als ich.
Wenn dir die Selbsterkenntnis fehlt,
dann sieh doch eine Katze an:
du kannst nichts anderes als sie;
was sie ist, bist du auch –
deshalb halte deinen Mund!
Suchst du einen Narren, so fasse dich
an deinen eigenen Ohren,
dann hast du ihn gleich gefunden,
und zwar in voller Größe!
Da ging der Kater weg,
und da er erkannt hatte, wer er eigentlich war,
gab er seine Hoffart auf und freute sich sehr,
dass er noch einmal davongekommen war.

So geht es dem Dummkopf,
der nicht erkennen kann,
wer er ist und wohin er gehört –
mit dem wird es nicht gut enden.
Wer so hoch hinaus will,
dass er verachtet,
was zu ihm passen und ihm
Glück und Ehre bringen würde,
und wer ein solch eitles Glück sucht,
dass er sich um etwas bemüht,
das er nicht begehrte,
wenn er seine Grenzen kennen würde –
der überschätzt sich selbst,
dem wird es genauso ergehen wie dem Kater,
der seinen Wert zu hoch ansetzte:
ihm wurde dies übel genommen,
und er wurde belehrt,
dass er wie die Katze war –
dies führte ihn zur Selbsterkenntnis,
und er schämte sich.

In derselben Weise muss sich jemand schämen,
den man, wenn er sich zu hoffärtig aufgeführt
hat, zu seiner Schande deutlich auf seinen
Stand und  seinen Rang hinweist.

Ein Kater mag sich noch so lange dagegen
sträuben: bekommt er keine Katze, so wird es
ihm sehr schlecht ergehen: jedermann soll in
seinem Stand bleiben.
 

Der Rabe mit den Pfauenfedern
Äsop - die Krähe und andere Vögel


 

Ein Rabe quam an ein gras,
dô vant er, daz im liep was,
pfâwenvederen ein vil michel teil,
des wart er vrô unde geil.
die stiez er alle an sich,
dô wart er harte wünneclich
und gie, dâ er sîne genôzen vant.
zuo den sprach er zehanta.
»nu sehet, wie rehte schœne ich bin!
ez wære ein michelunsin,
daz ich mit iu solde sîn,
dar umbe spottete man min.«

alsus wart im dannen gâch,
und quam vil schiere dar nâch,
dâ in die pfâwen sâhen;
die begunden dar gâhen.
swelhiu ir vederen dâ gesach,
diu gie dar unde sprach:
»disiu veder, diu ist entriuwen mîn,
sine sol niht langer bî dir sin.
weizgot, du læzest si mir!«
alsô zucte iesliche die ir,
unz er wart swarz alsam ê.

dô wart im zweier dinge wê:
daz im die vederen wâren genomen,
und ouch niht torste bekomen
zuo andern sînen genôzen –
er vorhte spot grôzen.
den wolde er niht lîden
und begunde si durch daz miden
und meit si ein vil lange zit.
iedoch erbaldete er sît
unde gie baltliche dar.
dâ si wurden sîn gewar,
si sprâchen alle: »kumest du?
wâ sint dîne schœne vederen nu?«
des vrâgten si in alle
und brâten in sô ze schalle,
daz im lieber wære geschehen,
hæte er die vederen nie gesehen.

alsus tuot ein betrogen man:
und kumt in ein gewalt an,
sô vert er mit schalle
und versmæhet die alle,
den er ê was gelîch,
und machet sîn dinc sô hêrlich,
daz er selbe wænen will,
daz niemen tugende habe sô vil,
als er habe an sich geleit;
und machet mit sîner betrogenheit,
swenne im der gewalt wirt benomen
und er ûz dem schalle muoz komen:
die in ê vil gerne sâhen,
sæhen si in danne hâhen,
dar umbe lobeten si alle got.

sô muoz er immer ir spot
lîden unz an sînen tôt.
daz erholt er âne nôt.

des ist er tump, der sich sô traget,
daz niemen sînen schaden klaget.
 
Ein Rabe ließ sich aufs Gras
nieder und fand etwas,
das ihm gefiel, nämlich viele Pfauenfedern;
darüber war er froh und lustig.
Er steckte sie alle an sich –
prächtig sah er aus! –
und ging zu seinen Gefährten.
Er sprach zu ihnen: »Seht doch,
wie wunderschön ich bin!
Ich wäre verrückt,
wenn ich mit euch zusammenleben würde,
man würde mich verspotten.«

Er eilte hinweg und kam bald darauf
zu den Pfauendamen.
Als sie ihn sahen,
eilten sie herbei,
und welche ihre Federn erblickte,
die ging hin und sagte:
»Diese Feder gehört doch mir,
sie soll nicht länger an dir sein.
Bei Gott, gib sie her!«
So riss jede die ihrige heraus,
bis er schwarz war wie vorher.

Zweierlei quälte ihn nun:
dass man ihm die Federn genommen hatte
und das er nicht wagen konnte,
zu seinen übrigen Gefährten zu gehen –
er fürchtete großen Spott.
Den wollte er nicht ertragen,
er mied sie deshalb, und zwar sehr,
sehr lange. Jedoch,
er fasste wieder Mut
und ging kühn zu ihnen hin.
Als sie ihn sahen, sprachen sie alle
»Du kommst hierher? Wo sind den nun
deine schönen Federn?«
Alle fragten sie ihn
und brachten ihn so ins Gerede,
dass er die Federn lieber
nie gesehen hätte.

Genau so verhält sich ein eingebildeter Mensch:
wird er mächtig,
dann lebt er laut und fröhlich
und verachtet all jene, mit denen er früher auf
gleicher Stufe stand.
Er setzt sich so in Szene,
dass er schließlich selbst glaubt,
keiner habe so viele Vorzüge wie er.
Wenn ihm dann seine Macht genommen
wird und es still um ihn geworden ist,
so ist dies die Folge seiner Selbsttäuschung,
und die, die ihn zuvor
gerne gesehen hatten,
sähen ihn jetzt lieber am Galgen baumeln
und würden Gott dafür noch loben.

So wird er ihren Spott
bis zu seinem Tode ertragen müssen.
Dies hat er ohne Not auf sich genommen!

Wer sich so verhält, ist töricht, und niemand wird über seinen Schaden klagen.
 

Der Vogel und der Sperber
 

Uf einem grüenen rîse
sanc ein vogel sîne wîse
eines morgens vil vruo.
im was sô ernest dar zuo,
daz er sîn selbes vergaz
und alsô singende saz,
unz ein sparwære dar swanc,
dô er aller wünniclicheste sanc,
und nam in in sîne vüeze.
dâ wart im sîn stimme unsüeze,
und sanc, als die dâ singent,
die mit dem tôde ringent.

alsô vröuwent sich der werlde kint,
die sô vaste mit der werlde sint,
daz si got verlâzent under wegen
und wellent deheiner vorhte pflegen
und tuont, swaz in gevellet,
unz si der tôt ersnellet
und si würget alsô drâte,
daz in helfe kumet ze spâte.
sus nimet ir vröude und ir spil
ein bœser ende und ein zil
denne des vogeles, der dâ sanc,
unz er den tôt dâmit erranc.
diu nôt, die im sîn sanc erwarp,
der was ein ende, dô er starp.
sô ist der werldekinde nôt,
diu âne riuwe ligent tôt,
âne ende und alsô manicvalt,
daz si immer belîbent ungezalt.
 
Auf einem grünen Aste
sang eines Morgens früh
ein Vogel sein Lied.
Er war so eifrig bei der Sache,
dass er sich selbst vergaß,
und so saß er da und sang,
bis sich ein Sperber herabschwang
und ihn zwischen seine Klauen nahm,
gerade als er am allerwonniglichsten
trällerte. Da wurde seine Stimme heiser,
und er sang wie jene,
die mit dem Tode ringen.

In derselben Weise
freuen sich die Weltkinder,
die so fest mit dieser Welt verbunden sind,
dass sie Gott vergessen,
furchtlos leben und tun,
was ihnen gefällt,
bis sie der Tod ereilt und so schnell würgt,
dass ihnen jede Hilfe zu spät kommt.
So nehmen ihre Freude und ihr Vergnügen ein
schlimmeres Ende als der Vogel,
der da sang und dadurch zu Tode kam.
Denn das Leiden,
das ihm sein Singen einbrachte,
war mit seinem Tode zu Ende.
Die Leiden der Weltkinder aber,
die ohne Reue sterben,
werden endlos und so vielgestaltig sein,
dass man sie gar nicht aufzählen kann.
 

Der Wolf und der Biber
 

Ze einen zîten daz geschach,
daz ein wolf einen biber sach
eines tages in dem wâge;
dem sazte er manige lâge.
unz er ze jungest ûz gie,
der wolf in iesâ gevie.
dô sprach der biber: »neve min,
was sol disiu rede sîn?«
der wolf sprach mit zorne:
»dâ bistu der verlorne!
ich will dich ezzen, weizgot!«
der biber sprach: »iz ist dîn spot!«
er sprach: »des wirstu wol gewar!«

dô wart der biber riuwevar,
er sprach: »herre neve, daz verbir
und ginc danne mit mir:
ich wil dir einen dahs geben,
soltu tûsent jâr leben,
du muost mirs iemer danc sagen.
dun darft in vierzehen tagen
nimmer komen von einer stat,
wan du bist ze allen zîten sat.
der ist dir nützer denne ich.
deiswâr, wil du mich
mit rehten triuwen meinen,
ich gibe dir aber einen –
als dicke sô du wilt,
daz ouch du mîn vrideschilt
vor dînen genôzen wellest wesen,
daz si mich lâzen genesen.«
der wolf sprach: »des hilfe ich dir.
nu sage an, wie mac mir
der selbe dahs werden?«
»er lît hie in der erden
bî disem wâge in einem hol,
dâ gewinne ich dirn wol.
lâ mich dich überschrîten
und lâ dich dar rîten,
sô heize ich in her ûz treten,
des hân ich in lîhte erbeten.
ich beginne wider in jehen:
>ir sult mir ditz ros gesehen.<
sô er uns danne beginnet nâhen,
sô solt ouch du in vâhen.«
der wolf sprach: »daz tuon ich,
nu sitz ûf und rîte mich!«

dô saz der biber ûfin,
dô truoc in der wolf hin,
und quâmen zuo des dahses tür.
dô sprach er: »neve, gêt her vür
durch mînen willen unde saget,
wie iu daz ros behaget!
ine gilte ez niht mitalle,
ine vernæme, wie ez iu gevalle;
ich vürhte, daz ich danne verlür«
der dahs huop sich her vür,
unze er den wolf ane sach,
dô entweich er wider unde sprach:
»entriuwen, neve, dirre vol,
der gevellet mir harte wol,
diu brust ist im vil starc;
ich wil dir geben eine marc,
daz dun vergeltest deste baz.
rît ich in rehte gesehe;
mir ist liep, daz dir wol geschehe!
hat er niht vlôzgallen,
sô muoz er uns wol gevallen.
sô wil ouch ich in rennen,
ich kann in baz erkennen.«

daz dûhte den wolf guot.
in den wâc er dô wuot –
der was ze guoter mâze tief.
der dahs neben im lief
durch ein dicke stûdæhe,
daz er vil wol gesæhe
sînes lieben neven rîten.
er sprach ze allen zîten:
»rit ein wênic in baz,
er ist noch niht gar naz!«
des sagete im wâc er dô spranc
und quam hin under in den grunt,
von dem wolve wol gesunt.
dô lief der dahs hin in sîn hol.

ez zimet ouch noch den liuten wol:
swer sînem vriunde bî gestêt,
sô ez im an die rehten nôt gêt,
sô der man vriunt muoz kiesen
oder aber den lîp verliesen –
swer im dâ hilfet genesen,
der mac vil wol sîn vriunt wesen.

swer sînen rât übersiht,
weizgot, der was sîn vriunt niht.
 
Einst erblickte ein Wolf
einen Biber im Wasser;
dem lauerte er auf vielfältige Weise auf.
Als er schließlich einmal aus seinem Bau kam, schnappte ihn der Wolf.
Da sprach der Biber:
»Lieber Vetter, was ist denn los?«
Wütend antwortete der Wolf:
»Du bist verloren! Weiß Gott,
ich will dich fressen!«
Der Biber erwiderte:
»Du machst Witze!«
Der Wolf darauf: »Du wirst schon sehen!«

Da wurde der Biber blass und sprach:
»Herr Vetter, lass das bleiben
und geh mit mir fort;
ich werde dir einen Dachs schenken,
für den du mir noch
in tausend Jahren dankbar sein wirst.
Du wirst dich vierzehn Tage lang
nicht mehr rühren können,
so satt wirst du sein.
Der Dachs nützt dir mehr als ich.
Bei Gott, willst du mich recht aufrichtig
in Schutz nehmen,
dann schenke ich dir
noch einen – und dies,
so oft du möchtest,
damit du mein Schutzschild
vor deinen Gefährten bist
und sie mich am Leben lassen.«
Der Wolf antwortete: »Ich helfe dir.
Sag, wie kann ich diesen Dachs bekommen?«
»Er liegt hier unter der Erde
in seiner Höhle am Wasser –
da hole ich ihn dir schon heraus.
Lass mich auf dich steigen und trabe dorthin,
so heiße ich ihn herauskommen;
diese Bitte ist ein leichtes für mich.
Ich sage zu ihm:
>Schaut mir dieses Ross an.<
Wenn er sich uns daraufhin nähert,
kannst du ihn fangen.«
Der Wolf erwiderte:
»Das mache ich, nun sitz
auf und reite mich!«

Da setzte sich der Biber auf ihn,
der Wolf trug ihn fort,
und sie kamen zum Haus des Dachses.
Da sprach der Biber: »Vetter, kommt hervor,
ich bitte darum, und sagt, wie Euch dieses Ross gefällt! Ich werde es gewiss nicht kaufen,
bevor ich nicht gehört habe,
wie es Euch gefällt; ich fürchte,
sonst mache ich ein Verlustgeschäft.«
Der Dachs kroch hervor,
als er jedoch den Wolf erblickte,
wich er zurück und sprach:
»Wahrhaftig, Vetter, dieses Fohlen
gefällt mir sehr gut, seine Brust ist sehr kräftig;
ich werde dir eine Mark schenken,
damit du es besser bezahlen kannst.
Reit aber erst noch ins Wasser
und mache es nass, damit ich es mir genau
anschauen kann; ich möchte, dass du nicht
hereingelegt wirst! Hat es keine Flussgalle,
dann wird es uns schon gefallen.
Danach möchte ich es noch im Galopp reiten,
ich kann es besser testen.«

Dies hielt der Wolf für gut.
Er watete ins Wasser –
das war recht tief.
Durch ein dichtes Gebüsch
lief der Dachs neben ihm her,
um den Ritt seines lieben Vetters
genau beobachten zu können.
Immerfort sprach er:
»Reit ein bisschen tiefer hinein,
er ist noch nicht ganz nass!«
Dafür dankte ihm der Biber: er sprang ins Wasser
und schwamm hinunter auf den Grund,
vor dem Wolf gerettet.
Der Dachs rannte in seine Höhle zurück.

Dies würde auch den Menschen gut anstehen:
Wer seinem Freund hilft,
wenn dieser in großer Not ist
und ohne Freunde
das Leben verlieren würde –
wer ihm hilft, am Leben zu bleiben,
der kann wahrhaftig sein Freund heißen.

Wer seines Freundes Rat überhört,
der war weiß Gott nicht sein Freund.
 

Die Fliege und der Glatzkopf


 

Ein vliege einen kalwen man
vil sêre bîzen began,
dâ si im daz houbet blôz vant.
dô sluoc er dar mit sîner hant,
dô was diu vliege hin gân.
als der slac was getân,
dô vuor diu vliege aber dar.
des nam der man vil wol war
und râmte ir vaster denne ê.
diu vliege sûmte sich niht mê,
si vlouc aber hin und entran.
als dicke beiz si den man,
daz ir ze jungest wart ein slac,
daz si des bîzens enpflac.

die vliegen wil ich gelîchen
dem armen, der den rîchen
wil niezen âne sîne schulde
und engert niht sîner hulde,
sô daz der rîche danne kleit
und ouch dem armen widerseit.
sô wirt er küener denne ê
und tuot im ie mê unde mê.
sô sprichet der rîche man:
»ist, daz mir sîn got gan,
ich heizze in dar umbe henken!«
sô muoz der arme wenken
und muoz als diu vliege varn.
des enkan er ouch niht wol bewarn:
man lâget im hie unde dâ,
unz er ze jungest etewâ
gevangen wirt und tôt geliget,
und daz der rîche an im gesiget.

swer als diu vliege wirbet,
sô der als diu vliege stirbet,
den wil ich als die vliegen klagen,
diu an dem glatze wart erslagen.
daz merken, die dâ zucken
und sich ofte müezen tucken.
 
Gar schmerzhaft stach eine Fliege
einen kahlen Mann,
als sie seinen Kopf unbedeckt fand.
Der Mann schlug mit seiner Hand nach ihr,
doch sie war schon wieder weg.
Nach dem Schlag
flog die Fliege abermals herbei,
dies merkte der Mann sehr wohl
und schlug fester nach ihr als zuvor.
Die Fliege hielt sich nicht lange auf,
flog wieder hin und entkam erneut.
Sie stach den Mann so oft,
bis er sie schließlich erwischte
und sie nicht mehr stechen konnte.

Die Fliege möchte ich
mit dem Armen vergleichen,
der den Mächtigen grundlos
ausnutzt und nicht
um dessen Entgegenkommen
nachsucht, so dass dieser schließlich
Klage führt und dem Armen die Beziehung
aufkündigt. Der wird daraufhin
noch verwegener als zuvor
und plagt ihn mehr und mehr.
Endlich wird der Mächtige sagen:
»Mit Gottes Hilfe lasse ich ihn aufhängen!«
Dann wird der Arme schwanken,
und es wird ihm wie der Fliege ergehen.
Er kann nun auch keinen Schutz mehr finden:
man wird ihm an allen Orten auflauern,
bis er schließlich irgendwo gefangen wird
und stirbt, und der Mächtige ihn besiegt hat.

Wer sich wie die Fliege verhält und wie die Fliege
stirbt, den will ich wie die Fliege beklagen,
die auf der Glatze erschlagen wurde.
Das mögen sich die zu Herzen nehmen,
die raubend umherziehen und
sich oft schnell verstecken müssen.
 

Die Katze
 

Daz ist ieslicher katzen muot:
sæhe si vor ir unbehuot
hundert tûsent ezzen stên,
si wolde zuo in allen gên.
daz si niht gezzen möhte
und ir ze nihte entöhte,
daz machete si doch unreine,
daz si würden elliu gemeine den liuten
ungenæme und ze ezzen widerzæme.

alsam tuot ein unreiner man,
der nimmer sô vil wîbe enkan
gewinnen, als sîn herze gert.
er versuochet wert und unwert:
die er niht minne mac gewern,
die wil er dannoch niht verbern –
er benaschet bœse unde guot.
diu sînes willen niht entuot,
der wil er doch warte machen
und wil si dâ mit swachen,
daz si im ze jungest werde reht.
er minnet krumbe unde sleht
und hât vil gar der katzen site.
bejaget er katzenlop dâ mite,
daz dunket mich vil billîche:
er tuot der katzen vil gelîche.

ir beider werc bewærent wol,
daz man ir lop gelîchen sol.
 
Dies ist die Veranlagung jeder Katze:
sieht sie hunderttausend Essen
unbewacht vor sich stehen,
würde sie gerne zu allen hinrennen.
Was sie nicht essen könnte
und nichts für sie wäre,
das würde sie doch verunreinigen,
so dass alles für die Leute abstoßend
und ungenießbar wäre.

In derselben Weise verhält sich ein unkeuscher
Mann, der nicht so viele Frauen bekommen kann,
wie sein Herz begehrt.
Er probiert es bei allen Sorten:
auf die, die seine Liebe nicht wollen,
will er dennoch nicht verzichten –
er nascht an schlechten und guten.
Ist eine ihm nicht willfährig,
so wird er ihr doch seine Aufwartung machen,
um ihren Widerstand zu brechen,
damit sie ihn schließlich gefügig ist.
Er fädelt seine Beziehung zielstrebig oder auf Umwegen ein und verhält sich dabei genauso
wie die Katze. Erntet er dadurch Katzenlob,
so scheint mir das nur gerecht: er verhält sich ja auch wie eine Katze.

Ihr beider Tun beweist, dass man ihren Ruf vergleichen kann.
 


Quelle: ©1992 Reclam. Der Stricker. Erzählungen, Fabeln und Reden

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