Die chinesischen Fabeln
   
 

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Fabelverzeichnis



Bei den Fabeln taucht des öfteren der Begriff vom Streitenden Reiche auf.
Dazu folgende Erläuterungen:
Die Zeit zwischen 475 v. Chr. und 221 v. Chr. wird in der chinesischen Geschichte als
die Zeit der streitenden Reiche (Zhanguo Shidai chin. 戰國時代 / 战国时代,
Zhànguó Shídài) bezeichnet.
In seinem Shi Ji (Historischen Aufzeichnungen) bezeichnet Sima Qian das Jahr
475 v.u.Z. das 1. Regierungsjahr des Königs Yuan der Östlichen Zhou-Dynastie,
als Beginn der Periode der Streitenden Reiche, die bis zur Vereinigung Chinas durch Shi
Huang Di im Jahr 221 v.u.Z. währte.

Interessant ist auch, dass in dieser Zeit in der Medizin die Anwendung der Akupunktur
zum ersten Mal festgehalten wurde.


                                             
Fabeln aus dem Buch Liezi (Das wahre Buch vom quellenden Urgrund)

Liezi (auch Liä Dsi, Lieh Tzu oder Liä-Tse, 列 子), Meister Lie, (um 450 v. Chr.) war ein
chinesischer Philosoph der daoistischen Richtung, der das Werk: "Das wahre Buch vom
quellenden Urgrund" verfasst haben soll, das nach ihm auch Liezi genannt wird.







Chinesischer Originaltitel.
Im mittleren Feld, von unten nach oben zu lesen:
Das wahre Buch vom quellenden Urgrund








Die überlieferte Fassung des Buches ist in acht Kapitel eingeteilt. Die nachfolgenden
Fabeln entstammen dem Buch VIII – "Zusammentreffen der Verhältnisse"


Wie die Berge bewegt wurden

Rund siebenhundert Li =½km. weit muss man laufen, wenn man die Berge Taihang
und Wangwu umwandern will; ihre Höhe beträgt vieltausend Fuß.
Nördlich dieser Berge lebte ein neunzigjähriger Greis, den man den Alten Narren nannte.
Sein Haus lag den Bergen genau gegenüber, er fand es äußerst unbequem, dass er
stets einen Umweg machen musste, wann immer er ausging. Eines Tages rief er seine
Familie zusammen, um die Angelegenheit zu beraten: "Wenn wir uns gemeinsam daran
machen, die Berge abzutragen, dann können wir eine Straße eröffnen, die südwärts
zum Ufer des Han-Flusses führt."
Alle waren dafür, nur seine Frau trug noch Bedenken und meinte: "Mir scheint, Euer
Häuflein vermag nicht einmal einen Hügel abzutragen, geschweige diese zwei
Bergriesen. Und sagt mir bloß, wohin wollt Ihr all den Sand und das Geröll schaffen?"
"Wir werden alles ins Meer werfen", war die Antwort.
Dann machte sich der Alte Narr mit seiner Familie an die Arbeit, und sie schaufelten
Sand und Steine und schleppten sie korbweise zum Meer. Auch eine Witwe aus ihrer
Nachbarschaft schloss sich ihnen mit ihrem siebenjährigen Sohne an.
Viele Monate mühten sie sich.
An der Biegung des Flusses wohnte ein Greis, den man ob seines großen Verstandes
den Weisen nannte. Der lächelte über ihre Anstrengungen und gab sich alle Mühe,
sie davon abzubringen.
"Lasst den Unsinn!" rief er. "Du bist schon hochbetagt und vermagst nicht einmal,
einen Strauch auszureißen. Wie willst du so viel Erde und Steine fortschaffen?"
Der Alte Narr ließ einen tiefen Seufzer vernehmen. "Wie dumm und engstirnig bist du
doch!" sagte er. "Du kannst es nicht einmal mit dem kleinen Sohn unserer
Nachbarswitwe aufnehmen. Wenn ich auch sterben würde, so ist doch mein Sohn noch
da, der wiederum Söhne hat, und so in unendlicher Kette. Diese Berge aber werden
sich weder vermehren noch in die Höhe wachsen. Warum sollten wir nicht mit ihnen
fertig werden?"
Darauf wusste der Weise nichts zu sagen.

Der Verdacht

Ein Mann hatte seine Axt verloren und glaubte, dass sie der Sohn seines Nachbarn
gestohlen habe. Jedes Mal, wenn er den Jungen sah, schien es ihm, als ob er wirklich
ein Dieb sei. Sein Gang, sein Gesichtsausdruck, seine Sprache und überhaupt alles an
dem Jungen bezeugte, dass er die Axt gestohlen habe.
Wenig später fand der Mann seine Axt wieder.
Als er am nächsten Morgen den Sohn des Nachbarn erneut traf, war es ihm, als ob der
Junge in keiner Weise einem Dieb gleiche.

Der Weg zuviel

Einer der Nachbarn von Yangzi hatte ein Schaf verloren, und die ganze Familie machte
sich auf, das Schaf zu suchen. Auch Yangzis Diener wurde gebeten, ihnen dabei zu
helfen.
Da fragte Yangzi: "Warum ist es nötig, dass so viele Menschen einem einzigen Schafe
nachlaufen?"
"Nun deshalb," erklärte der Nachbar, "weil es zu viele Wege gibt." Als der Diener
zurückkehrte, fragte Yangzi ihn: "Habt ihr es gefunden?"
Der Diener verneinte. "Und warum nicht?" fragte Yangzi. "Weil es zu viele Wege gibt,"
war die Antwort. "Einer führt zum nächsten; und weil wir nicht wussten, welchen Weg
wir einschlagen sollten, mussten wir schließlich umkehren."
Da wurde Yangzi sehr nachdenklich. Eine lange Zeit verharrte er schweigend und blieb
den ganzen Tag über ernst. Das verwunderte seine Schüler. "Ein Schaf kostet nicht viel," sagten sie. Außerdem war es nicht einmal Eures. Was schweigt Ihr so beharrlich?"
Yangzi aber antwortete nicht.
Meng Sunyang, einer seiner Schüler, begab sich nun zu Xin Duzi und stellte ihm die
gleiche Frage, nachdem er die Geschichte erzählt hatte.
Der aber sagte ihm: "Wenn es zu viele Wege gibt, kann man ein Schaf nicht
wieder finden. Wenn sich ein Schüler zu viele Aufgaben stellt, wird er seine Zeit nutzlos
vergeuden. Nur wer zur Quelle der Wahrheit zurückkehrt, wird seinen Weg nicht
verfehlen. Du studierst, und dein Lehrer ist Yangzi, dennoch, scheint es, vermagst du
ihn nicht zu verstehen."

Der morsche Baum

Ein Mann besaß eine alte Platane.
"So ein morscher Baum bringt Unglück," sagte sein Nachbar.
Als nun der Mann seinen Baum gefällt hatte, fragte ihn der Nachbar, ob er etwas
Brennholz bekommen könne.
Wie der Mann das hörte, sagte er missmutig: "Deshalb also hast du mir geraten,
den Baum zu fällen. Wie kann ein Nachbar nur so hinterhältig sein!"

Es war niemand da

Im Staate Qi lebte einmal ein äußerst goldgieriger Mann. In seinen besten Kleidern
ging er eines Morgens auf den Markt und nahm sich dort an einem Marktstand ohne
Scheu das begehrte Gold. Dabei ertappte ihn ein Büttel und fragte:
"Wie konntest du angesichts der vielen Leute so frech das Gold stehlen?"
"Als ich es nahm, hatte ich nur das Gold vor Augen; sonst sah ich niemand," war die
Antwort.

Fabel aus Frühling und Herbst des Yan Zi (Yanzi Chunqiu)
wird Yan Zi (Yan Ying) zugeschrieben, der im 6. Jh. v.u.Z. lebte.
Es ist nicht sicher, ob er selbst der Verfasser war.

Der stolze Kutscher

Yanzi, der Kanzler im Staate Qi, fuhr eines Tages aus. Als der Wagen am Haus des
Kutschers vorbeifuhr, lugte dessen Frau hinter der Tür hervor und sah, wie stolz ihr
Mann unter seinem Sonnendach auf dem Bock thronte und selbstzufrieden die Peitsche
schwang.
Als der Kutscher nach Hause kam, sagte ihm seine Frau, dass sie ihn verlassen wolle.
Da fragte sie der Mann nach der Ursache.
"Yanzi ist der Kanzler von Qi," antwortete sie. "Er ist weithin berühmt. Dennoch saß er,
in seine Gedanken vertieft, bescheiden im Wagen. Du bist ein Kutscher, aber du zeigst
dich so selbstzufrieden und überheblich, dass ich nicht mehr bei dir bleiben mag."

Von diesem Tage an änderte sich der Kutscher und wurde bescheiden. Als ihn der
erstaunte Yanzi nach der Ursache dieses plötzlichen Wandels fragte, erzählte er ihm
die Geschichte.
Da schlug Yanzi dem König vor, den Kutscher zum Beamten zu befördern.

Fabel von Shenzi, von Shen Buhai
im 4.Jh. v.u.Z. verfasst

Der Drachenliebhaber

Herr Shi Zigao war ein Liebhaber von Drachen. Alle Zimmer seines Hauses ließ er mit
Drachenbildern schmücken und ließ auch Drachen in die Säulen eingravieren.
Als der Himmelsdrache davon hörte, flog er zu ihm hernieder, steckte seinen Kopf zum
Südfenster und das Schwanzende zum Nordfenster.
Herr Shi erstarrte vor Schreck, als er ihn erblickte. Er war eben kein echter
Drachenliebhaber. Er liebte sie nur auf Bild und Säule, nicht aber in der Wirklichkeit.

Fabel von Shang Zi, Verfasser Shang Yang
gest. 338 v.u.Z.

Zehntausend Goldstücke

Ein gewisser Herr Dongguo Zhang aus dem Staate Qi war sehr ehrgeizig und hatte sich
das Ziel gesetzt, einmal zehntausend Goldstücke zu besitzen.
Einer seiner Schüler der davon wusste, bat ihn, ihm doch mit einem kleinen Betrag zu
helfen, da er sehr arm wäre.
Herr Dongguo Zhang schlug die Bitte mit dem Bemerken ab: "Ich benötige mein ganzes
Geld selbst, um mir davon eines Tages eine Beamtenstelle kaufen zu können."
Der Schüler geriet darüber in großen Zorn und wanderte nach dem Staat Song aus.
Bevor er abreiste, besuchte er noch einmal seinen Lehrer. "Da ich an den Reichtümern,
die Ihr zu erwerben gedenkt, doch keinen Anteil haben werde, will ich mein Glück lieber
woanders versuchen. Vielleicht komme ich eher ans Ziel als Ihr."

Fabeln von Zhuang Zi oder Zhuang Zhou
lebte im 4. oder 5. Jh. v. u. Z. (um 365-290 v.u.Z.)

Zhuang Zi dessen persönlicher Name Zhou lautete, stammte aus dem Staat Song. Er war ein bekannter Philosoph und galt als Denker des Taoismus. Von den 33 erhaltenen Kapiteln des Buches Zhuang Zi waren sieben seine eigenen Schriften.

Die Wachtel und der Vogel Rock

Es lebte einmal ein Riesenvogel namens Rock. Sein Rücken war so hoch wie der Berg
Tai, und wenn er seine Flügel ausbreitete, dann waren sie weit wie die Wolken, die den
Himmel bedecken. Sobald er sich in die Lüfte erhob, begann ein ungeheurer Sturm,
und wenn er hoch über den Wolken unter dem tiefblauen Himmel dahinschwebte, legte
er mit einem einzigen Flügelschlag tausend Meilen zurück.
Einmal flog er vom Norden zum Südlichen Meer. "Was er nur hat?" wunderte sich eine
Wachtel und konnte das Lachen nicht verbergen. "Ich hüpfe hier von Ast zu Ast oder
vergnüge mich unten in den Büschen. Das genügt mir völlig. Wo der bloß hin will!"

Wenn der Horizont verschieden ist, sind es auch die Gedanken.

Die Salbe

Im Staate Song lebte ein Mann, dessen Familie sich seit Generationen durch das
Seidenwaschen den Lebensunterhalt verdient hatte. Sie verstand es auch, gegen
aufgesprungene Hände eine vorzügliche Salbe zu bereiten. Ein Fremder, der von dieser
Medizin gehört hatte, bot ihr hundert Silberstücke für das Rezept.
"Seit Generationen waschen wir Seide," beriet sich die Familie, "aber unser Auskommen
war stets kärglich. Nun bietet man uns hundert Silberstücke für unser Rezept.
Das sollten wir annehmen."
Nachdem der Fremde das Rezept erworben hatte, bot er es dem König des Staates Wu
an, der ihn daraufhin sogleich zum General beförderte. Inzwischen war nämlich der
Staat Wu vom Nachbarstaat Yue überfallen worden. Dem General, der das Heilmittel
besaß, gelang es mit seinen Truppen, die Feinde aus Yue in einer Seeschlacht mitten im Winter völlig zu vernichten. Dafür wurde er geadelt und mit Land belehnt.

Die gleiche Salbe – der eine wurde ein Lehnsherr, der andere blieb ein Wäscher.
Es kommt ganz darauf an, wie man die Dinge nutzt.

Tödliche Gastfreundschaft

In der Umgebung der Hauptstadt des Staates Lu ließ sich einstmals eine Seemöwe zur
Erde nieder. Der Fürst von Lu ließ es sich nicht nehmen, die Möwe zu begrüßen und ihr
zu Ehren ein großes Fest im Tempel zu veranstalten. Köstliche Musik ertönte,
großartige Opfer wurden dargebracht, aber der Vogel saß da wie betäubt. Ganz elend
schaute er drein und mochte weder einen Bissen Fleisch noch einen Schluck Wein zu
sich nehmen. Nach drei Tagen war er tot.

Der Fürst von Lu hatte seinem Gast geboten, was er selbst liebte, aber nicht daran
gedacht, was eine Seemöwe mag.

Der Drachentöter

Es lebte einmal ein Mann namens Zhu Pingman, der bei Zhi Liyi in die Lehre ging,
um die Kunst des Drachentötens zu erlernen. Drei Jahre lang dauerte die Ausbildung,
und sie kostete ihn sein ganzes Vermögen.

Einen Drachen aber bekam er nie zu Gesicht, und so vermochte er seine Kunst nicht
anzuwenden.

Schönheit ist unnachahmbar

Weil Xi Shi, die berühmte Schönheit, an einem Herzeleid trug, sah man sie oftmals die
Stirn kraus ziehen. Ein hässliches Mädchen des gleichen Dorfes bemerkte, wie gut ihr
das stand, und so legte auch sie die Hände vor die Brust und runzelte die Stirn,
wann immer jemand vorüberging. Doch wenn die Reichen sie erblickten, schlossen sie
die Türen, und niemand hatte Lust hinauszugehen. Ach die Armen machten einen
großen Bogen um das Mädchen.

Eines hatte das arme Ding nicht bedacht: dass die krause Stirn nur dann ein Gesicht
ziert, wenn es auch wirklich schön ist.

Der Brunnenfrosch

Ein Frosch lebte in einem seichten Brunnen.
"Sieh an, wie gut es mir geht!" sagte er zu einer Riesenschildkröte, die in der Östlichen
See wohnte. "Wenn mir froh zumute ist, springe ich auf den Brunnenrand. Bin ich
müde, lege ich mich in einer Spalte des Brunnens schlafen. Manchmal tummle ich mich
im Wasser und stecke den Kopf hinaus oder spaziere knöcheltief durch den weichen
Schlamm. Keine Krabbe, keine Kaulquappe kann sich mit mir vergleichen! Warum hast
du dich nicht schon lange einmal sehen lassen und dich hier erholt?"

Ehe die Schildkröte aus der Östlichen See ihren linken Fuß in den Brunnen gesetzt
hatte, blieb sie mit dem rechten schon irgendwo stecken. So hielt sie inne und wich
erst einmal einige Schritte zurück, bevor sie zu sprechen begann:
"Kennst du das Meer? Es ist über tausend Meilen breit und zehntausend Fuß tief.
In neun von zehn Jahren hat es früher Überschwemmungen gegeben, aber der
Wasserspiegel des Meeres ist nicht gestiegen. Später gab es in sieben von acht Jahren
große Dürre, aber das Wasser des Meeres ist nicht weniger geworden. Durch alle
Zeiten blieb es gleich.
Deshalb, mein Freund, bin ich glücklicher Bewohner der weiten See."
Da war der Brunnenfrosch vor Staunen starr.

Die Karausche* in der Wagenspur

Als Zhuangzi nichts mehr zu essen hatte, ging er zum Aufseher des Flusses, um sich
etwas Reis zu borgen.
"Warte nur ein wenig," sagte der. "Bald werde ich die Steuern eingetrieben haben,
und dann werde ich dir dreihundert Goldstücke leihen. Bist du's zufrieden?"
Voller Stolz erzählte ihm Zhuangzi die folgende Geschichte:
"Als ich gestern hier herkam, hörte ich, wie mich jemand rief. Wie ich mich umschaute,
sah ich eine Karausche liegen, die in die ausgetrocknete Wagenspur der Landstraße
geraten war.
"Wie bist du denn hierher gelangt?" fragte ich.
"Ich stamme aus dem Ostmeer, " antwortete die Karausche. "Holt einen Eimer Wasser,
und Ihr rettet mein Leben."
"Warte nur ein wenig," gab ich zur Antwort. In Kürze werde ich Wasser des Westflusses hierher umleiten, um dich zu retten. Bist du's zufrieden?"
Die Karausche jedoch war empört.
"Seht Ihr denn nicht, dass ich aus meinem Element verschlagen worden bin?" rief sie.
"Ein Eimer Wasser könnte mich retten, Ihr aber macht mir nur leere Worte.
Später jedoch könnt Ihr mich getrost auf dem Fischmarkt suchen – eingesalzen."



*karpfenähnlicher Süßwasserfisch
  lat. Name: Carassius carassius



Drei Kastanien oder vier

Im Staate Song lebte einmal ein Affenzüchter, der seine Affen über alles liebte und
auch von ihnen sehr geliebt wurde. Eher sparte er am Essen für seine Familie, als dass
er seinen Affen weniger Futter gab. Seine Lage aber verschlechterte sich,
und schließlich musste er die Futterration der Affen herabsetzen. Um jedoch keinen
Aufruhr zu erwecken, erklärte er ihnen: "Wenn ich euch von jetzt an jeden Morgen drei
Kastanien und abends vier gebe, seid ihr dann zufrieden?"
Wütend sprangen die Affen auf.
"Nun gut, da will ich euch morgens vier und abends drei Kastanien geben," sagte er.
"Nun solltet ihr aber wirklich zufrieden sein." Freudig und mit tiefer Befriedigung setzten
sich die Affen wieder auf ihr Hinterteil.

Der unnütze Baum

Hui Dsi redete zu Dschuang und sprach: "Ich habe einen großen Baum. Die Leute
nannten ihn Götterbaum. Der hat einen Stamm so knorrig und verwachsen, dass man
ihn nicht nach der Richtschnur zersägen kann. Seine Zweige sind so krumm und
gewunden, dass man sie nicht nach Zirkel und Winkelmaß verarbeiten kann. Da steht
er am Weg, Aber kein Zimmermann sieht ihn an. So sind Eure Worte, o Herr, groß und
unbrauchbar, und alle wenden sich einmütig von ihm ab."
Dschung Dsi sprach: "Habt Ihr noch nie einen Marder gesehen, der geduckten Leibes
lauert und wartet, ob etwas vorüber kommt? Hin und her springt er über die Balken und
scheut sich nicht vor hohem Sprunge, bis er einmal in eine Falle gerät oder in einer
Schlinge zugrunde geht.
Nun gibt es aber auch den Grunzochsen. Der ist groß wie eine Gewitterwolke; mächtig
steht er da. Aber Mäuse fangen kann er freilich nicht.
Nun habt Ihr so einen großen Baum und bedauert, dass er zu nichts nütze ist.
Warum pflanzt ihr ihn nicht auf eine öde Heide oder auf ein weites leeres Feld?
Da könntet Ihr untätig in seiner Nähe umherstreifen und in Muße unter seinen Zweigen
schlafen. Nicht Beil und Axt bereitet ihm vorzeitiges Ende, und niemand kann ihm schaden.
Dass etwas keinen Nutzen hat: was braucht man sich darüber zu bekümmern!"

Fabel von Yin Wenzi oder Yin Wen
lebte im 4. oder 3. Jh. v.u.Z.

Der König und sein Bogen

König Xuan war ein begeisterter Bogenschütze, und er liebte es sehr, wenn man seine
Kraft rühmte.
Als er eines Tages dem Gefolge seinen Bogen zeigte, gaben alle, die sich daran erprobten, vor, dass sie ihn nur bis zur Hälfte zu spannen vermöchten.
"Das muss mindestens ein neunzigpfündiger Bogen sein!" riefen sie aus. "Niemand außer
Eurer Majestät vermag ihn zu spannen."
Darüber war der König hocherfreut. Während er in Wirklichkeit nur einen dreißigpfündigen Bogen zu meistern verstand, blieb er doch gern in dem Glauben,
es sei ein neunzigpfündiger, für leeren Schein die Wahrheit opfernd.

Fabeln von Meng Zi oder Meng Ke, auch Menzius
lebte von 372-289 v.u.Z.

Menzius war ein Hauptvertreter des Konfuzianismus in der Zeit der Streitenden Reiche.
Er hieß eigentlich Meng Ke, stammte aus Zou (heute Zouxian, Provinz Shandong) und
war ein Schüler des Konfuzius-Enkels Zi Si.
Seine Ideen wurden von seinen Schülern im Buch Mengzi zusammengestellt.

Wenn die Gedanken woanders sind

Das
*Go-Spiel gehört nicht zu den hohen Künsten. Dennoch muss man aufpassen,
wenn man es erlernen will. Qiu, der beste Spieler des Landes, hatte einmal zwei
Schüler. Einer folgte aufmerksam seinen Erklärungen, der andere aber war nur mit
halbem Ohr dabei, dachte er doch unablässig an die Wildgänse, die den Himmel
überflogen – und es drängte ihn, nach Pfeil und Bogen zu greifen und sie zu schießen.

Der erste hat das Spiel bald erlernt, der andere aber kam zu keinem Erfolg.
War er vielleicht dümmer als sein Mitschüler? Nein, daran lag es nicht.



*
Go chin. 圍棋 / 围棋, wéiqí, kor.: 바둑 baduk ist
ein strategisches Brettspiel für zwei Spieler.
Es hat 181 schwarze und 180 weiße Steine.
Das sehr alte Spiel stammt ursprünglich aus China.
Eine besondere Prägung hat es in Japan und Korea
erhalten und ist neuerdings auch im Westen sehr
beliebt.
Weltweit gibt es über 100 Millionen Go-Spieler,
die zum größten Teil in Fernost leben.

Im Bild: Chinesische Hofbeamte beim Go-Spiel

Der Hühnerdieb

Ein Mann stahl von seinen Nachbarn jeden Tag ein Huhn. "Man darf nicht stehlen,"
sagte ihm jemand.
"Nun gut," versprach der Hühnerdieb, "ich werde mich einschränken. Von nun an werde
ich monatlich nur noch ein Huhn wegnehmen und ab nächstes Jahr ganz und gar damit
aufhören. Was meinst du dazu?"

Kaum ein Unterschied

"In meinem Staat ist alles wohlbestellt," sagte König Hui einmal zu Mengzi. "Wenn es
westlich des Flusses eine Missernte gibt, so schicke ich die Bevölkerung auf die
Ostseite oder lasse Getreide in die Notstandsgebiete schaffen. Gibt es östlich des
Flusses eine Missernte, helfe ich in gleicher Weise. Wenn ich jedoch sehe, wie viel
weniger Sorge sich die Herrscher der Nachbarstaaten um ihr Volk machen und sich
deren Bevölkerung dennoch nicht mindert, meine aber auch nicht wächst, möchte ich
dich nach der Ursache fragen."
"Da Ihr den Kampf liebt," antwortete Mengzi, "will ich Euch ein Beispiel vom Krieg
geben. Wenn die Trommeln zum Kampfe schlagen, kämpfen beide Seiten heftig mit
Schwert und Lanze. Die Geschlagenen werfen schließlich ihre Rüstungen und Waffen
von sich und ergreifen die Flucht. Einige nun, die erst fünfzig Schritte weit gelaufen
sind, rufen den anderen, die sich schon hundert Schritte vom Kampfplatz entfernt
haben, empört zu, dass sie Feiglinge seien."
"Das ist natürlich unrecht," sagte König Hui, "denn wenn sie auch nur fünfzig Schritte
gelaufen sind, geflohen sind sie doch!"
Da sagte Mengzi: "Wenn Ihr das einseht, dann solltet ihr auch nicht erwarten,
dass Eure Bevölkerung schneller wachse als die der Nachbarstaaten."

Wachstumshilfe für Setzlinge

Im Staate Song glaubte ein Bauer, dass die Reissetzlinge auf seinen Feldern nicht
schnell genug wüchsen. Deshalb zog er sie alle ein Stückchen in die Höhe und kam
ziemlich erschöpft nach Hause. "Heute bin ich rechtschaffen müde," erklärte er seiner
Familie, "habe ich doch den ganzen Tag lang den Setzlingen beim Wachsen geholfen."
Da lief sein Sohn zum Felde hin und fand sie alle verwelkt.
Viele Leute wünschen, dass die Saat gut wachse. Manche aber vergessen sogar,
das Unkraut zu jäten. Andere wieder wollen mit Gewalt nachhelfen. Das freilich nützt
den Pflanzen nichts, das schadet ihnen.

Fabel von Xun Zi, von Xun Kuang
4. oder 3. Jh. v.u.Z. ca. 313-238 v.u.Z.

Xun Zi einer der einflussreichsten Konfuzianer während der Zeit der Streitenden Reiche,
stammte aus dem Staat Zhao. Seine Ideen sind in dem Buch Xun Zi niedergelegt.

Der Mann, der sich vor Geistern fürchtete

Im Süden von Xiashou lebte einst ein Mann namens Chuan Xunliang, der ebenso
einfältig wie furchtsam war.
In einer mondhellen Nacht wanderte er die Straße entlang, als er plötzlich seinen
eigenen Schatten vor sich bemerkte: 'Das ist ein Geist, der dort vor mir herschleicht',
dachte er. Erschrocken wich er zurück; dabei fiel ihm eine Haarsträhne vor die Augen.
'O weh, jetzt richtet er sich auf!' dachte er. Voller Entsetzen machte er kehrt und
rannte wieder zurück. Schweißgebadet erreichte er sein Haus und brach dort tot
zusammen.

Fabel von Shi Zi, von Shi Jiao
4. oder 3.Jh. v.u.Z.

Der Arzt und sein Patient

Im Staate Qin lebte der bekannte Arzt Ju, der dadurch zur Berühmtheit gelangt war,
dass er den König Xuan von einem Geschwür befreit und die Hämorrhoiden des Königs
Hui geheilt hatte.
Zu ihm kam eines Tages ein gewisser Herr Zhang, der es vor Rückenschmerzen nicht
aushalten konnte, und bat ihn um Hilfe. "Macht mit dem Rücken, was Ihr wollt,"
sagte er, "ich betrachte ihn nicht mehr als mein Eigentum!"
Der Arzt, dem damit volle Handlungsfreiheit gegeben war, heilte den Patienten in
kürzester Frist.
Es steht außer Zweifel, dass Ju ein sehr erfahrener Arzt war; aber ebensoviel trug das
Vertrauen, das ihm Herr Zhang entgegenbrachte, zum Erfolg der Behandlung bei.

Fabel von Zi Hua Zi
12. oder 13. Jh.

Der Mann, der im Brunnen gefunden wurde

Die Familie Ding im Staate Song besaß keinen eigenen Brunnen. Manchmal war ein
Familienmitglied einen ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt, als Wasser von weit
her zu holen.
Um sich diese Mühe zu sparen, ließen sie endlich in ihrem Hofe einen Brunnen bohren.
Nachdem dies geschehen war, sagten sie glücklich zueinander: "Es ist geradeso,
als wenn wir jetzt durch den eigenen Brunnen einen Mann mehr in unserem Haushalt
hätten."
Einer der Freunde der Familie Ding hörte zufällig diese Bemerkung und berichtete davon
einem anderen Freund, der wieder einem anderen davon erzählte, und dieser wiederum
einem anderen, bis die Kunde wie folgt lautete: "Die Dings haben einen Brunnen bohren
lassen und darin einen Mann gefunden!"
Als dem Herzog von Song diese Geschichte zu Ohren kam, ließ er Ding holen, um der
Sache nachzugehen. "Durch diesen neuen Brunnen ist es, als hätte Ihr ergebener
Diener die Hilfe eines weiteren Mannes erhalten," erklärte Ding dem Herzog, "es trifft
jedoch nicht zu, dass ich tatsächlich einen Mann im Brunnen gefunden hätte."

Fabeln aus Frühling und Herbst des Lü Buwei (Lüshi Chunqiu)
?-235 v.u.Z.

Das verlorene Schwert

Ein Einwohner des Staates Chu ließ beim Überqueren eines Flusses versehentlich sein
Schwert ins Wasser fallen. Eiligst markierte er an der Reling die Stelle, von der aus die
Waffe ins Wasser geglitten war, und sagte: "Hier, genau hier ist das Schwert ins
Wasser gefallen."
Als das Schiff Anker geworfen hatte, richtete er sich nach der angegebenen
Markierung und tauchte in den Fluss. Da sich das Schiff inzwischen weiterbewegt
hatte, das Schwert
aber auf des Flusses Grund liegen geblieben war, erwies sich dieser Versuch,
das verlorene Schwert wiederzugewinnen, als närrisch.

Das Kind des Schwimmers

Ein Mann, der an einem Fluss entlangging, bemerkte, wie jemand ein laut schreiendes
Kind ins Wasser werfen wollte. Als er nach dem Grunde fragte, bekam er zur Antwort,
dass der Vater des Kindes ein guter Schwimmer sei.
Weshalb jedoch muss der Sohn eines guten Schwimmers schwimmen können?

Der Glockendieb

Nach dem Niedergang der Familie Fan sah ein Mann in ihrem Haus noch eine
Bronzeglocke hängen. Aber da sie zu schwer war, auf dem Rücken weggeschleppt zu
werden, wollte er sie mit einem Hammer in Stücke schlagen. Doch schon der erste
Schlag machte solch einen Lärm, dass sich der Dieb vor Schreck die Ohren zuhielt.

Dass er nicht gern gehört werden wollte, ist verständlich. Sich selbst aber die Ohren
zuzuhalten, das ist dumm!

Ein Rohling

Weil es ihm nicht schnell genug lief, gab ein Mann aus Song seinem Pferde fortwährend
die Sporen. Doch vergebens. Schließlich blieb er sogar stehen. Da trieb er es in einen
Fluss und tauchte ihm wütend den Kopf unter. Als er sich wieder auf das Pferd
gesetzt hatte, weigerte es sich noch immer weiterzulaufen, und so quälte er es noch
einmal in gleicher Weise. Das wiederholte sich dreimal.

Dieser Mann verstand zwar, sein Pferd zu quälen und einzuschüchtern, aber von der
Kunst des Reitens verstand er nichts.

Fabel aus dem Glossarium des Han Ying oder Hanshi Waizhuan
stammt aus dem 3. oder 2. Jh. v.u.Z.

Die kluge Alte

Es war einmal eine alte Frau, die war mit ihrer jungen Nachbarin gut befreundet.
Eines Tages war in deren Haus ein Stück Fleisch verschwunden, und die junge
Nachbarin kam jammernd zu der Alten und klagte ihr, dass ihre Schwiegermutter sie
verdächtigt und aus dem Haus getrieben habe. Da tröstete sie die Alte:
"Ich weiß schon einen Weg, dass dich die Schwiegermutter wieder zurückruft."
Dann ging sie mit einer Handvoll Stroh zur Schwiegermutter und sagte:
"Zwei Hunde sind in mein Haus gestürzt, die sich um ein Stück Fleisch zanken. Gebt mir
etwas Feuer, dass ich Licht mache und sie auseinander treibe."
Als die Frau das hörte, sandte sie sogleich jemand aus, die Schwiegertochter
zurückzuholen.

Wie man sieht, ist ein kluger Einfall zur rechten Zeit besser als eine grobe Lektion.

Fabeln von Han Feizi oder Han Fei
ca. 280-233 v.u.Z.

Han Fei, ein Schüler von Xun Zi, repräsentierte den Legalismus. Er stammte aus dem
Staat Han. Seine Ideen sind in dem Buch Han Fei Zi überliefert. In diesem Buch hat er
mit Hilfe von Fabeln und Anekdoten seine Argumente und Ideen sehr lebendig erläutert.

Was schwer zu malen ist

Ein Maler malte Bilder für den König von Qi. Eines Tages fragte ihn der König:
"Was ist am schwersten zu malen?"
"Hunde und Pferde," antwortete der Maler.
"Und was ist am leichtesten zu malen?" fragte der König.
"Götter und Geister," gab der Maler zur Antwort.
"Hunde und Pferde kennt jedermann. Man sieht sie jeden Tag. Wie gut und treffend sie
gemalt sind, kann jeder beurteilen. Von Göttern und Geistern jedoch kennt man keine
genaue Gestalt; niemand hat sie gesehen. Deshalb malen sie sich leicht."

Zweierlei Maß

Im Staate Song lebte einst ein reicher Mann, dessen Mauer nach einem heftigen
Regenguss zu zerbröckeln begann.
"Wenn die Mauer nicht repariert wird," warnte sein Sohn, "wird leicht ein Dieb ins Haus
gelangen." Ein älterer Nachbar gab ihm den gleichen Rat.
Kurz darauf wurden tatsächlich zahlreiche Dinge gestohlen. Da bewunderte der Reiche
die Klugheit seines Sohnes, den Nachbarn aber hielt er für den Dieb.

Stäbchen aus Elfenbein

Als Kaiser Zhou Essstäbchen aus Elfenbein verlangte, ahnte sein Minister Ji Zi nichts
Gutes. Denn wer mit Elfenbeinstäbchen isst, dem werden irdene Schüsseln nicht mehr
genügen, der wird Schalen aus Jade und Büffelhorn verlangen. Und statt Reis und
Gemüse wird er das zarte Fleisch von Leopardenjungen oder von Elefantenschwänzen
fordern. Das raue Alltagskleid wird er verschmähen und kostbare Seide wünschen. Ein
Strohdach wird ihm zu gering sein, und er wird nur in prächtigen Gemächern wohnen….

Wo sollte das alles hinführen? So dachte der Minister, als der Kaiser Essstäbchen aus
Elfenbein verlangte.
Schon fünf Jahre später war Zhou ein gefürchteter Tyrann. der seine Untertanen
grausam quälte. Berge von Fleisch häuften sich auf seiner Tafel, und es floss so viel
Wein, dass man einen Teich hätte füllen können.
So kam es schließlich zu seinem sicheren Fall.

Warum das Schweinchen geschlachtet wurde

Als die Frau von Zengzi zum Markt gehen wollte, begann ihr kleiner Sohn zu schreien
und wollte ihr hinterherlaufen.
"Bleib schön zu Hause!" rief die Mutter. "Wenn ich wiederkomme, will ich dir auch das
Schweinchen schlachten."
Als die Frau vom Markt heimkehrte, sah sie, dass ihr Mann gerade dabei war,
das Schwein zu schlachten. "Aber Mann," rief sie, "ich habe mit dem Kind doch nur
Spaß gemacht, damit es ruhig bleibt."
"Wie kannst du nur solchen Spaß mit dem Kind treiben!" erwiderte der Mann.
"Ein Kind versteht doch noch nichts, und so ahmt es in allem uns Eltern nach. Wenn du
ihm nicht die Wahrheit sagst, lernt es das Lügen. Wenn es seiner Mutter nicht einmal
Glauben schenken kann, wem soll es dann vertrauen?"

Deshalb gab es an diesem Tag Schweinebraten.

Der Flötenspieler der kein Solist sein wollte

Zur Zeit der Streitenden Reiche herrschte im Staate Qi der König Xuan, in dessen
Diensten dreihundert Flötenspieler standen. Der König liebte es, sie stets gemeinsam
zu hören.
Ein Mann namens Nan Guo, der kaum die Anfangsgründe des Flötenspiels erlernt hatte,
kam eines Tages an den Hof und bewarb sich als Flötenspieler für das königliche
Orchester. Als der König ihn sah, fand er sogleich Gefallen an ihm und gab ihm ein
außerordentlich hohes Gehalt.
Aber nach dem Tode von Xuan wurde Min der neue König, und er liebte nur
Solokonzerte. Da ergriff Nan Guo schleunigst die Flucht.

Schild und Speer*

Im Staate Chu lebte ein Mann, der mit Schilden und Speeren handelte.
"Meine Schilde sind so stark, dass nichts sie zu durchbohren vermag!" prahlte er.
In gleicher Weise pries er die Speere: "Sie sind so spitz, dass es nichts auf der Welt
gibt, was sie nicht durchstechen könnten!"
Da fragte ihn jemand: "Wenn ich mit deinem Speer auf deinen Schild treffe,
was geschieht dann?"
Da wusste der Mann keine Antwort.
*Mao Dun, Speer und Schild, bedeuten im chinesischen Sprachgebrauch Widerspruch.

Der Schuhkauf

Im Staate Zheng lebte ein Mann, der wollte sich ein Paar neue Schuhe kaufen und
nahm dafür zu Hause Maß. Den Zettel jedoch ließ er auf seinem Stuhl liegen.
Am Markt wurden viele Schuhe feilgeboten. "Ach, ich habe die Maße vergessen!"
rief er, und machte sich sogleich wieder auf den Heimweg, um sie zu holen.
Als er jedoch zum Markt zurückkehrte, war es bereits zu spät, und er konnte keine
Schuhe mehr kaufen.
Ein Nachbar fragte ihn, warum er nicht gleich an Ort und Stelle die Schuhe angepasst
habe. "Nun deshalb," sagte der Mann, "weil ich lieber dem Maßzettel vertraue."

Das Mittel wider den Tod

Ein Fremdling ließ dem König von Yan melden, dass er ihn unsterblich machen könne.
So schickte der König einen seiner Beamten zu ihm, dass er diese Kunst erlerne.
Bevor es jedoch dazu kam, verstarb der Fremde. In seinem Zorn ließ der König den
Beamten köpfen.
Der König erkannte nicht, dass er ein Opfer seiner Leichtgläubigkeit geworden war und
seinen Beamten völlig unschuldig getötet hatte. Dass er dem Unwahrscheinlichen
glaubte, zeigt, wie einfältig er war. Denn wie soll einer, der sich selbst nicht zu retten
weiß, anderen helfen können?

Warum der Wein sauer wurde

Im Staate Song lebte ein Weinhändler, der einen vorzüglichen Wein hatte. Er maß ihn
mit rechtem Maße, war auch höflich gegen seine Kunden und hatte sein Schild gut und
sichtbar ausgehängt. Dennoch kamen nur wenige Leute zu ihm, und sein Wein begann
schon sauer zu werden. Da wunderte er sich und fragte den alten Yang Qian, den er
gut kannte, was wohl der Grund dafür sei.
"Ist dein Hund bissig?" fragte Yang Qian.
"Ja, freilich," antwortete der Händler, "aber was hat das mit dem Weinhandel zu tun?"
"Man fürchtet sich, zu dir zu kommen," entgegnete der Alte. "Wen man ein Kind zum
Weinholen schickt, stürzt der Hund heraus und beißt. Deshalb wird dein Wein sauer."

Kann man auf Hasen warten?

Im Staate Song beobachtete ein Bauer beim Pflügen, wie ein Hase gegen einen Baum
rannte und sich dabei das Genick brach. Da legte er sein Ackergerät beiseite, setzte
sich neben den Baum und wartete auf weitere Hasen.
Aber es kam keiner mehr, und so lachte man über den Mann im ganzen Staate Song.

Wasserschlangen zu Lande

Als der Fluss auszutrocknen begann, beschlossen zwei Schlangen, sich ein anderes
Gewässer zu suchen.
"Wenn du dich zu Lande voranschlängelst und ich dir folge," sagte eine kleine Schlange
zu einer großen, "wird man uns als Schlangen erkennen und dich totschlagen.
Da wäre es sicher besser, wenn du mich auf den Rücken trügst, indem du mich beim
Schwanzende packst und ich mich in gleicher Weise bei dir festhalte. Jedermann wird
mich dann für eine Gottheit halten."
Und wirklich, wie sie sich also fortbewegten, machte man ihnen überall den Weg frei,
und die Leute riefen: "Seht, das göttliche Wesen!"

Pfeil und Bogen

Ein Mann prahlte: "Mein Bogen ist vorzüglich, ich brauche überhaupt keinen Pfeil!"
Ein anderer Mann sagte: Mein Pfeil ist ausgezeichnet – was brauche ich einen Bogen!"
Als der berühmte Bogenschütze Yi sie so reden hörte, sagte er: "Wie kann man ohne
Bogen schießen? Wie will man ohne Pfeil ein Ziel treffen?"
Dann legte er Pfeil und Bogen zueinander und lehrte die zwei Männer das Schießen.

Der Mann, der Perlen verkaufen wollte

Ein Einwohner von Chu hatte sich vorgenommen, einige Perlen im Staate Zheng zu
verkaufen. Er schnitzte noch ein Kästchen aus Edelholz, verzierte es mit Jade und
anderen kostbaren Steinen und räucherte es mit wohlriechenden Düften.
Da hinein legte er seine Perlen.
Die Leute von Zheng wollten unbedingt das schöne Kästchen kaufen, wiesen jedoch
die Perlen zurück.
Das zeigt, dass der Mann viel geschickter im Verkauf von Kästchen als von Perlen war.

Fabel aus den historischen Aufzeichnungen (Shiji)
das Werk wurde von Sima Qian (145 v.u.Z. bis?) etwa im Jahre 91 v.u.Z. vollendet

Saurer Wein

Su Qin hatte sich vergeblich um einen Beamtenposten bemüht. Eines Tages wurde
anlässlich des Geburtstages seines Vaters ein Familienfest gefeiert.
Su Qins älterer Bruder reichte dem alten Mann eine Schale mit Wein, den dieser über
alle Maßen lobte. Aber als er den von Su Qin angebotenen Wein kostete. verzog der
Vater das Gesicht und rief: "Pfui, wie sauer!"
Su Qins Frau dachte, der Wein wäre wirklich sauer, und bat deshalb eine Tante um ein
wenig Wein. Aber auch diesen erklärte der Alte wieder für sauer.
"Das ist doch der gleiche Wein, den Euch Su Qins Bruder gab," wunderte sie sich.
"Ihr Pechvögel, selbst süßer Wein wird sauer, wenn ihr ihn berührt," schimpfte der alte
Mann.

Fabel von Fa Yan von Yang Xiong
53-18 v.u.Z.

Das Lamm im Tigerfell

Ein Lamm hüllte sich einmal in ein Tigerfell.
Da trabte es nun dahin und blökte fröhlich beim Anblick des saftigen Grases; als es
jedoch einen Wolf in der Ferne sah, fing es an allen Gliedern zu zittern an.

Das Lamm hatte nämlich ganz vergessen, dass es in einem Tigerfell steckte.

Fabeln von Zhanguoce
im 3. oder 2. Jh. v.u.Z.
wurden diese Geschichten aus der Zeit der Streitenden Reiche von Liu Xiang,
bisweilen Kuai Tong genannt, verfasst.

Die Schnepfe und die Muschel

Eine Muschel sonnte sich am Strand, als eine Schnepfe daherkam und nach dem
Fleisch der Muschel pickte. Die klappte ihre Schalen zusammen und klemmte den
Schnabel des Vogels ein.
"Wenn es heute und morgen nicht regnet, wirst du umkommen," sagte die Schnepfe.
"Wenn du heute und morgen nicht freikommst, wird es dir nicht besser ergehen,"
sagte die Muschel.

Da kam ein Fischer und fing sie beide.

Das Gerücht

Als sich Zeng Shen einmal in den Kreis Fei begeben hatte, verübte ein Mann gleichen
Namens einen Mord. Da lief irgendwer zur Mutter von Zeng Shen und rief:
"Zeng Shen hat jemand ermordet!"
"Das ist völlig unmöglich," antwortete die Mutter, und ruhig webte sie weiter.
Nach einer Weile kam ein zweiter und rief: "Zeng Shen hat jemand ermordet!" Doch die
Mutter ließ sich beim Weben nicht stören.
Als noch ein dritter kam und ihr sagte, dass ihr Sohn gemordet habe, bekam es die
Mutter mit der Angst zu tun, stieß den Webstuhl beiseite und flüchtete über die Mauer.

Zeng Shen war ein guter Mensch, dem die Mutter vertrauen durfte. Doch als man ihn
dreimal des Mordes beschuldigte, begann auch sie zu zweifeln.

Die Schlange mit Füßen gemalt

Im Staate Chu bot ein Mann, nachdem er ein Opfer dargebracht hatte, seinen Dienern
einen Becher Wein an. Da die Diener aber meinten, dass der Wein für sie alle zu wenig,
für einen aber gut und reichlich sei, kamen sie überein, um die Wette eine Schlange auf
den Erdboden zu zeichnen und demjenigen den Preis zu geben, der seine Zeichnung als
erster beendete.
Der Mann, der am schnellsten fertig wurde, griff sogleich nach dem Becher,
und während er ihn mit der Linken hielt, fügte er mit seiner Rechten noch einige Füße
dazu. Inzwischen aber hatte ein weiterer die Aufgabe erfüllt, ergriff den Becher und
sagte: "Es gibt überhaupt keine Schlangen mit Füßen! Was malst du Füße hinzu?"
Sprach's und trank den Wein.

Warum er der hübschere war

Im Staate Qi lebte einst Zhou Ji, ein Mann von großer, schöner Gestalt. Eines Tages,
als er vor dem Spiegel sein Gewand zurechtzog, betrachtete er sich und fragte seine
Frau: "Was meinst du, ist der Xü im Nordteil der Stadt hübscher als ich?"
"Oh nein, du bist viel hübscher," erwiderte seine Frau. "Der Xü kann sich mit dir nicht
vergleichen!"
Da aber Xü wegen seiner Schönheit im ganzen Staate Qi berühmt war, glaubte Zhou Ji
seiner Frau nicht ganz und fragte die Nebenfrau.
"Xü kann Euch nicht das Wasser reichen!" antwortete sie ihm. Als ihm schließlich einer
seiner Leute aufsuchte, fragte er auch diesen und erhielt zur Antwort, dass er, Zhou
Ji, weit und breit der Hübscheste sei.
Am nächsten Tage kam Xü selbst in das Haus des Zhou, der ihn prüfend ansah und
sich dachte, das Xü der Hübschere sei. Als er dann noch in den Spiegel schaute,
da wusste er, dass die Schönheit des Xü unvergleichlich größer war.

Als er darüber nachgrübelte, warum man ihm nicht die Wahrheit gesagt habe, erkannte
er, dass die eine vor Liebe blind war, die andere ihn fürchtete und der dritte einen
Vorteil erhoffte.

Der Pferdekauf

Tausend Goldstücke wollte ein König für ein Pferd geben, das ohne Unterbrechung
tausend Li
* weit zu laufen vermochte. Drei Jahre lang hatte er vergeblich danach
gesucht. Dann erbot sich jemand, ihm ein solches Pferd zu besorgen.
Nach drei Monaten fand der Mann das begehrte Pferd, aber es war gerade gestorben.
So kaufte er für fünfhundert Goldstücke den Schädel und kehrte zum König zurück.
Der König war außer sich: "Was schleppst du da an? Ich wünsche ein lebendiges
Pferd und keinen Totenschädel! Und dafür hast du fünfhundert Goldstücke
hinausgeworfen?"
Der Mann aber antwortete: "Wenn Ihr schon für ein totes Pferd fünfhundert Goldstücke
zu zahlen bereiten seid, wird jeder, der davon hört, sich sagen, dass Eure Majestät
wirklich gewillt ist, für ein gutes Pferd auch gut zu bezahlen. Man wird Euch das Beste,
was man hat, anbieten."
Und wirklich, im Laufe eines Jahres gelangte der König in den Besitz von drei
vorzüglichen Rennern.
*Li, chinesisches Längenmaß (Meile): 1 Li = 180 chang (Faden) = 644,4 m.

Fabeln aus dem Garten der Erzählungen (Shuoyuan)
von Liu Xiang chin. 刘向 / 劉向, 78 v u.Z. - 6 v. u.Z.

Liu Xiang ist ein Autor der Han-Dynastie in China, dem die Verfasserschaft des Zhanguo Ce zugeschrieben wird, der "Gesammelten Strategeme der Streitenden Reiche". Dieses Werk ist eine der wichtigsten Quellen für die Zeit der Streitenden Reiche.
Er war der erste Bearbeiter des Shanhaijing (山海經, "Klassiker der Berge und Meere")
und einiger anderer konfuzianischer Klassiker, wie dem Shuo Yuan (説苑, "Garten der
Abhandlungen") und dem Lienü Zhuan (列女傳, "Überlieferungen von Frauen").

Liu Xiang stammte aus der Xu-Provinz (heutiges Jiangsu) und war kaiserlicher Bibliothekar.
Sein Sohn Liu Xin war ein berühmter Astronom.

Umzug einer Eule

"Wo willst du hin?" fragte eine Turteltaube die Eule.
"Ich ziehe nach Osten um," sagte die Eule.
"Warum denn?" fragte die Taube.
"Die Leute hier lieben mein Geheule nicht," sagte die Eule.
"Da solltest du deine Stimme ändern," sagte die Turteltaube; "sonst werden dich die
Leute im Osten schwerlich lieber haben."

Vom Nutzen der Gleichnisse

"Huizi redet nur in Gleichnissen," beklagte sich jemand beim König von Liang.
"Anscheinend wäre es ihm unmöglich, seine Gedanken klar auszudrücken, ohne in
Gleichnissen zu reden."
Da nickte der König und sagte: "Du hast ganz recht."
Als der König am nächsten Tage dem Huizi begegnete, sprach er zu ihm: "Wenn du in
Zukunft etwas erklären möchtest, dann sprich ohne Umschweife und rede nicht in
Gleichnissen." Da entgegnete ihm der Gelehrte: "Wenn mich künftig jemand fragen
sollte, was eine Armbrust ist, soll ich ihm dann einfach antworten: 'Eine Armbrust ist
eine Armbrust!'? Glaubt Ihr, er wird das verstehen?"
"Das wird er nicht verstehen," sagte der König.
"Wenn ich ihm aber sage, dass eine Armbrust einem Bogen ähnelt, aus Bambus
gemacht wird und zum Schleudern von Kugeln dient, würde er das besser verstehen?"
"Ja, sicher," sagte der König.
"Deshalb, um deutlich zu sein, vergleichen wir Unbekanntes mit Bekanntem,"
sagte Huizi: "Wenn Ihr mir nicht gestattet, ein Gleichnis zu nutzen, wie soll ich mich
Euch wirklich verständlich machen?"

Dem musste der König zustimmen.

Vom Studieren

Zu Shi Kuang, seinem blinden Musiker, sagte einst Fürst Ping im Staate Jin: "Nun bin
ich schon siebzig Jahre alt und möchte gern in Büchern studieren, aber ich glaube,
es ist nun zu spät dazu."
"Wenn es schon spät ist, was zündet Ihr keine Kerze an?" fragte Shi Kuang.
Da wurde der Fürst unwillig und sagte: "Wo gibt es einen Untergebenen, der sich über
seinen Herrscher lustig machen darf?"
"Wie sollte sich Euer blinder Musiker über Euch lustig machen wollen?" erwiderte
Shi Kuang. "Ich habe einmal gehört, dass man das Lernen eines jungen Menschen mit
dem Strahlen der Morgensonne vergleichen kann. Dem Erwachsenen, der sich des
Studiums befleißigt, leuchtet die Mittagssonne. Wer aber an seinem Lebensabend zum
Buch greift, dem brennt ein Kerzenlicht. Das ist freilich nicht sehr hell, aber immer noch
besser, als im Dunkeln umherzutasten."

Da war der Fürst einverstanden.

Fabeln von Xin Xü, von Liu Xiang

Des Soldaten Kleid

In geflicktem Gewand begegnete eines Tages Tian Zan dem König von Chu.
"Du läufst recht zerlumpt herum," sagte der König
"Es gibt eine Kleidung, die noch widerwärtiger ist," antwortete Tian Zan.
"Nun, welche denn? Sprich!"
"Der Panzer des Soldaten."
"Wie meinst du das?"
"Er ist im Winter kalt und im Sommer heiß; deshalb ist er widerwärtig. Ich bin arm und
trage ein ärmliches Gewand. Ihr aber beherrscht das ganze Land und habt Schätze
ohnegleichen; dennoch liebt Ihr es, Eure Untertanen in das lästige Kriegskleid zu
stecken. Das ist mir unbegreiflich.
Vielleicht trachtet Ihr nach Ruhm? Jedoch im Kriege werden die Köpfe zerschlagen,
die Bäuche geschlitzt, Dörfer und Städte niedergebrannt; Väter und Söhne kehren
nimmermehr heim. – Das alles ist wenig ruhmvoll.
Vielleicht aber sucht Ihr Gewinn? Doch wenn Ihr anderen Schaden zufügt, werden sie
auch Euch schädigen. Wenn Ihr andere bedroht, werden sie Euch bedrohen. Euch wird
es keinen Gewinn bringen, und dem Volk wird es Leid und Kummer bereiten.
Steckte ich in Eurer Haut, nie würde ich Krieg beginnen."

Da schwieg der König.

Der Pelz

Als sich der Fürst Wen vom Staate Wen im Lande umsah, begegnete er einem Mann,
der auf seinem Rücken ein Reisigbündel schleppte. Er trug einen wertvollen Pelz,
die Lederseite nach außen gekehrt.
"Was trägst du das Fell nach innen beim Brennholzschleppen?" fragte der Fürst.
"Weil mir der Pelz andersherum zu schade ist." sagte der Mann.
Da fragte der Fürst: "Und wo sollen die Haare Halt finden, wenn erst das Leder
heruntergerissen ist?"

Fabel von Mouzi, von Mou Yong
1. oder 2. Jh.

Der Ochse und das Harfenspiel

Gong Mingyi, der gefeierte Musiker, spielte eines Tages auf seiner Harfe eine zarte
Melodie, um einen Ochsen auf der Weide zu unterhalten.
Der Ochse kaute jedoch unverdrossen weiter und nahm nicht die geringste Notiz
von ihm.
Da schlug Gong Mingyi andere Akkorde an so dass es wie summende Mücken und
blökende Kälber klang. Darauf spitzte der Ochse seine Ohren, schlug heftig mit dem
Schwanz und begann munter umherzutraben.
Diese Musik war offensichtlich verständlicher für ihn.

Fabel von Huainanzi
im 1. oder 2.Jh.

Der Blinde und der Lahme

Einmal war der Feind ins Land gebrochen. Da schleppte ein Blinder einen Lahmen auf
seinen Rücken und ließ sich von diesem den Weg weisen. So retteten sich beide.

Wenn man gegenseitig die Vorzüge des anderen nutzt, kommt man gut voran.

Fabel von Shenjian von Xun Yue
148-209 u.Z.

Einmaschige Netze

Ein altes Sprichwort lautet: "Wie groß ein Netz auch immer sein mag, jeder Vogel fängt
sich doch nur in einer einzigen Masche."
Jemand, auf den dieser geistreiche Ausspruch großen Eindruck gemacht hatte,
nahm einige lose Schnüre und knüpfte daraus einzelne Maschen.
Ist es ein Wunder, dass er mit diesen "Netzen" keinen einzigen Vogel fing?

Fabel von Fengsutong von Ying Shao
2. oder 3. Jh.

Das Spiegelbild

Am Tage der Sommersonnenwende lud der Bürgermeister des Kreises Ji seinen
Sekretär Du Xuan zu einem Festmahl. An der Wand hing ein rotglänzender Bogen,
der in dem Weinbecher des Gastes, in dem er sich spiegelte, wie eine kleine Schlange
aussah. Du Xuan ekelte sich, aber er wagte es nicht, den Wein zurückzuweisen.
Zu Hause angelangt, fühlte er heftige Magenschmerzen, und er mochte nichts mehr
essen und wurde magerer und magerer. Es gab auch keine Medizin, die ihn zu
kurieren vermochte.
Eines Tages fragte ihn der Bürgermeister, woher er diese Krankheit habe. Da sagte ihm
der Sekretär, dass er die heftigen Schmerzen verspüre, seitdem er beim Weintrinken
eine Schlange verschluckt habe.
Als der Bürgermeister heimgekehrt war, grübelte er über die Sache nach. Wie er sich
umwandte, fiel sein Blick auf den Bogen, und im Augenblick wusste er, was sich ereignet hatte.
Sofort ließ er den Sekretär mit einer Kutsche zu sich holen und servierte ihm am
gleichen Platze einen Becher Wein. Und wieder zeigte sich die Schlange im Becher!
"Seht Ihr, das ist nur das Spiegelbild des Bogens," sagte der Bürgermeister.
Da wich die Furcht aus dem Herzen des Sekretärs, und er fühlte sich wieder geheilt.

Fabel aus der Geschichte der späteren Han-Dynastie (Houhanshu)
von Fan Ye 398-445

Das weißköpfige Schwein

Als ein Schweinehirt in Liaodong unter seinen schwarzen Ferkeln ein weißköpfiges
entdeckte, beschloss er, da er so etwas noch nie gesehen hatte, diese Kostbarkeit dem König zu überbringen. Doch ehe er noch Hedong erreicht hatte, erblickte er viele
Schweine, die alle einen weißen Kopf hatten. Da machte er sich wieder auf den
Heimweg.

Fabel aus dem Wundergarten (Yiyuan), von Liu Jingshu
5. Jh.

Der göttliche Stör

Im Dorfe Shitingli im Kreise Kuaiji stand ein alter Ahornbaum, dessen Höhlung sich,
wenn es regnete, stets mit Wasser füllte. Ein Fischhändler, der vorüberkam, bemerkte
diese Baumhöhlung, und er hatte den spaßigen Einfall, dort einen Stör hineinzusetzen.
Da Fische gewöhnlich nicht in Bäumen anzutreffen sind, waren die Dorfbewohner, die das Mirakel entdeckten, überzeugt, dass es sich hier um einen göttlichen Fisch handle.
Also errichteten sie neben dem Baum einen Altar, den sie "Tempel des Göttlichen Störs"
nannten, und brachten dorthin täglich Opfergaben und Weihrauch. Man brauchte nur zum Göttlichen Stör zu beten, und schon musste das Glück kommen, wenn man ihn
vernachlässigte, das Unglück nicht ausbleiben konnte.
Als der Fischhändler nach einiger Zeit wieder an diesem Baum vorüberkam, nahm er
seinen Fisch heraus und briet ihn. Da war es aus mit dem Göttlichen Stör!

Fabel von Liuzi, auch Xinlun (Neue Essays) genannt
von Liu Zhou 6. Jh.

Der geschnitzte Phönix

Der Künstler Gong Schu machte sich daran, aus Holz einen Phönix zu schnitzen.
Zuerst zeichnete er in großen Zügen die Umrisse des Vogels auf den Holzblock.
Dabei beobachtete ihn jemand und sagte: "Das sieht ja eher nach einer Eule als nach
einem Phönix aus."
Ein anderer spottete: "Ich finde, das sieht vielmehr einem Reiher ähnlich." Alle machten
sich über den hässlichen Vogel und die Unbeholfenheit des Künstlers lustig.
Dann aber war der Phönix fertig, mit einer Krone wie ein funkelnder Edelstein,
mit leuchtend roten Klauen und in gleißendem Federschmuck. Ein Druck auf einen
verborgenen Hebel, und schon schwang er sich hoch in die Wolken; dort blieb er drei
Tage und Nächte.
Alle, die vorher gespottet hatten, konnten sich nun des Lobes über die wunderbare
Kunst des Meisters nicht genugtun.

Fabel aus den Leitsätzen der Familie Yan, von Yan Zhitui
531-591

Ein Gelehrter kauft einen Esel

Ein Gelehrter wollte eines Tages auf dem Markt einen Esel kaufen. Beim Aufsetzen des
Kaufvertrages beobachtete ihn der Verkäufer des Esels, wie er einen Bogen Papier
nach dem anderen voll schrieb. Schon waren drei Bogen dicht mit Schriftzeichen gefüllt,
doch noch immer erschien das Wort "Esel" nicht im Vertrag.
Der Verkäufer drängte den Gelehrten, doch endlich die Ausfertigung des Vertrages zum
Abschluss zu bringen.
"Ihr braucht doch nur zu erklären, dass der Kaufpreis für den Esel bezahlt ist und beide
Parteien ihren Verpflichtungen nachgekommen sind. Was schreibt Ihr denn nur so viel?"
fragte er verwundert.
"Nur Geduld, gleich komme ich auch zum Esel," war die Antwort.

Fabeln von Chaoye Quianzai, von Zhang Zi
8. Jh.

Feigheit macht Männer zu Narren

Die Stadt Dingzhou war von feindlichen Turkstämmen umzingelt. Sun Yangao, der
Präfekt, ließ sich vor lauter Angst nicht mehr in seinem Amtssitz sehen, sondern
schloss sich in seinem Haus ein. Amtliche Dokumente wurden ihm zur Erledigung durch
ein winziges Fenster hineingereicht.
Als man ihm die Nachricht brachte, dass die Feinde die Mauern der Stadt gestürmt
hatten, stieg er schnell in eine hölzerne Truhe und sagte zu seinem Diener: "Schließ die
Truhe gut von außen ab und behalte den Schlüssel. Gib ihn auf keinen Fall den
Räubern, wenn sie ihn von dir fordern!"

Die verlorene Reisetasche

Ein törichter Mensch reiste einmal in die Hauptstadt, um an der Beamtenprüfung
teilzunehmen. Bei seiner Ankunft vermisste er plötzlich seine Ledertasche.
Er war jedoch darüber nicht weiter beunruhigt.
"Zwar hat mir ein Dieb die Reisetasche gestohlen," sprach er gelassen, "aber er wird
nicht an den Inhalt heran können."
Nach dem Grunde gefragt, antwortete er: "Ich habe ja noch den Schlüssel, wie will er
denn ohne diesen die Tasche aufschließen?"

Fabel von Shen Mengzu, von Ling Shen-si
8. Jh.

Der Brunnen

Am Rande einer Straße wurde ein Brunnen gebohrt. Darüber herrschte allgemein
Freude, denn bisher konnte man auf dieser Straße keinen Tropfen Wasser bekommen,
um seinen Durst zu löschen.
Jedoch nicht lange danach fiel ein Mann nachts auf den Nachhauseweg in den Brunnen
und ertrank. Da schimpften die Leute auf den, der an dieser Stelle den Brunnen
angelegt hatte.

Fabel von Wu Nengzi
wahrscheinlich 8. Jh.

Der Falke und die Schlange

Der Falke erblickte eine Schlange auf dem Pfad und wollte mit dem Schnabel nach ihr
hacken. "Tu mir nichts!" sagte die Schlange zum Falken. "Es heißt, du seist giftig,
*
warum willst du dir so etwas Schändliches nachsagen lassen? Das kommt doch nur
daher, dass du uns Schlangen frisst. Tätest du es nicht, würdest du auch unser Gift
nicht in dich aufnehmen, und die Menschen würden dich nicht mehr hassen."

"Schweig, du Lügnerin!" versetzte der Falke. "Du beißt heimtückisch die Menschen,
und ich werde dich zur Strafe für deine Missetat fressen. Die Menschen halten mich,
weil sie wissen, dass ich dich zur Strecke bringen kann. Sie wissen auch, dass meine
Federn dein Gift aufnehmen, und benutzen diese, um andere damit zu vergiften.
Aber das ist nicht meine Sache. Sie sind wie Waffen, die der Mensch zum Töten
benützt. Sind die Waffen dafür verantwortlich oder der Mensch?
Ich tue keinem Menschen vorsätzlich etwas zu leide und werde als Waffe gegen die
Bosheit benutzt. Doch du lauerst im Gras mit der Absicht, den Menschen Böses zu tun.
Das Schicksal selbst hat dich heute über meinen Weg geführt.
Keinerlei Spitzfindigkeiten werden dir helfen."
Mit diesen Worten fiel er über die Schlange her.
*Man glaubte früher, dass man mit Falkenfedern Menschen vergiften könne.


Fabeln aus dem Gesammelten Werk von Liu Zongyuan, von Liu Zongyuan
773-819 u.Z.

Der Mann, dem Geld lieber war als das Leben

In Yongzhou gab es viele gute Schwimmer. Eines Tages schwoll plötzlich der Fluss an.
Der Gefahr nicht achtend, nahmen mehrere Männer ein Boot und versuchten,
ans andere Ufer zu gelangen. Jedoch mitten im Strom kenterten sie. Nun begannen
alle, schnell ans Land zu schwimmen. Nur einer schien kaum vorwärts zu kommen,
obwohl er seine Arme kräftig bewegte.
"Du bist doch ein besserer Schwimmer als wir alle. Wie kommt es, dass du
zurückbleibst?" riefen seine Gefährten.
"Ich trage tausend Münzen bei mir," antwortete der Angeredete.
"Wirf sie doch weg!" drängten die Freunde.
Er antwortete nicht, schüttelte nur den Kopf, obgleich es ihm schwer fiel, sich über
Wasser zu halten.
Die anderen erreichten das Ufer und riefen zu ihm hinaus: "Weg mit den Geldstücken,
du Narr! Was nützt dir das Geld, wenn du ertrinkst?"
Der Mann schüttelte aber immer noch den Kopf. Wenige Sekunden später ging er
unter.

Der Esel von Kueizhou

In Kueizhou waren Esel unbekannt, bis einmal ein Sonderling auf einem Boot einen Esel
mitbrachte. Doch als er keine Verwendung für ihn fand, ließ er ihn in den Bergen
einfach laufen.
Ein Tiger, der dieses sonderlich aussehende, unbekannte Tier sah, hielt es zuerst für
göttlich. Tagelang beobachtete er es von ferne. Später wagte er sich etwas näher
heran, hielt sich jedoch immer noch in respektvollem Abstand.
Eines Tages schrie der Esel "iah"; der Tiger erschrak sehr und riss aus.
Vorsichtig schlich er sich wieder zurück, musterte dieses Wesen dann von neuem und
fand bald, dass es eigentlich doch nicht so außergewöhnlich sei.
Er gewöhnte sich an die wilden Schreie und kam wieder näher; doch er wagte noch
immer keinen offenen Angriff. Sich dicht heranschleichend, versuchte er jetzt, den Esel
immer mehr zu reizen, bis diesem die Geduld ausging und er mit den Hufen ausschlug.
'Aha, das ist also alles, was er tun kann', dachte der Tiger befriedigt.
Dann sprang er den Esel an, senkte seine Fänge in seine Kehle und zerriss ihn, bevor er
weiter seines Weges schlich.
Armer Esel! Seine Größe täuschte Kraft vor, und seine Schreie erregten Schrecken.
Hätte er nur nicht offen gezeigt, wie wenig er wirklich zu tun imstande war, selbst der
wilde Tiger hätte nicht gewagt, ihn anzugreifen.
Der Esel hatte sich jedoch selbst verraten.

Der listige Jäger

Die Rehe fürchteten den Wolf, der Wolf den Tiger und der Tiger den zottigen Bären,
der sich zu seiner vollen Höhe aufrichten kann – das grimmigste und mächtigste aller
wilden Tiere.
Im Süden von Chu lebte ein Jäger, der auf seiner Bambuspfeife viele Tierlaute
hervorbringen konnte. Er lockte das Wild vom Gebirge herunter, indem er seine Rufe
nachahmte, und schoss es dann nieder.
Eines Tages bediente er sich wieder dieser List. Auf die Lockrufe erschien jedoch ein
Wolf, der auf das vermeintliche Wild aus war. Der Jäger erschrak und fauchte alsbald
wie ein Tiger. Da machte sich der Wolf davon, aber dafür kam ein Tiger. Zitternd vor
Angst ahmte der Jäger auf seiner Pfeife das Gebrumm eines wilden Bären nach.
Daraufhin lief auch der Tiger davon. Ein Bär, der den Ruf gehört hatte, glaubte,
einen Artgenossen zu treffen, und eilte herbei. Als er sah, dass es ein Mensch war, zerriss er ihn in kleine Stücke und fraß ihn auf.

Wer nicht danach trachtet, sich selbst zu bessern, sondern sich statt dessen auf
äußere Hilfsmittel stützt, wird sich schwerlich vor einem ähnlichen Schicksal bewahren können.

Das törichte Reh

Ein Mann in Linjiang fing einmal ein junges Reh. Als er es nach Hause brachte,
liefen ihm seine Hunde schwanzwedelnd entgegen und leckten sich bereits die
Schnauzen.
Ärgerlich jagte er sie davon. Später ging er mit dem Reh zu den Hunden und richtete
sie so ab, dass sie mit dem Reh spielten. Mit der Zeit begriffen die Hunde, dass sie dem
Reh nichts antun durften.
Als das kleine Reh heranwuchs, vergaß es ganz seine Herkunft und betrachtete die
Hunde als seine Freunde, mit denen es spielen und herumtollen konnte.
Die Hunde dagegen unterdrückten aus Furcht vor ihrem Herrn ihre natürlichen Gelüste
und behandelten es nachsichtig.
Drei Jahre waren vergangen, da rannte das Reh eines Tages durch das offene Tor auf
die Straße. Dort sah es viele unbekannte Hunde, und es lief auf sie zu, um mit ihnen zu
spielen. Die Hunde waren zuerst verblüfft, dann aber freuten sie sich, dass ihnen ein so
leckerer Bissen über den Weg lief, fielen über das Reh her und zerrissen es.

Bis zu seinem letzten Atemzug verstand das arme Reh immer noch nicht, warum es mit
ihm zu einem so plötzlichen Ende gekommen war.

Fabel von Xiangshan Yelu, von Seng Wenying
5. Jh.

Alte Gewohnheit

Ein neu eingesetzter Präfekt gab für die Beamten und Würdenträger seines Amtsbereichs
ein großes Fest, zu dem auch viele Musikanten zur Unterhaltung der Gäste aufgeboten
worden waren. Als das Fest in vollem Gange war, ließ sich ein Sänger vernehmen:
"Fort mit dem Alten, herein mit dem Neuen; fort mit dem Unglücksstern, herein mit dem
Glücksstern!"
Der Präfekt fühlte sich höchlichst geschmeichelt.
"Wer hat das verfasst?" fragte er.
"In unserer Stadt besteht eine alte Gewohnheit, dieses Lied jedes Mal bei Ankunft eines
neuen Präfekten zu singen. Es ist das einzige Lied, das ich kenne," antwortete der
Sänger.

Fabel aus den Annalen von Shao
das Werk besteht aus zwei Teilen:
der erste Teil wurde Shao Bowen -11.Jh.
der zweite Teil von dessen Sohn Shao Bo verfasst.

Einen neuen See für einen alten

Wang Anshi, der Kanzler der Song-Dynastie, liebte es, große gemeinnützige
Bauvorhaben durchzuführen.
Ein Mann, der sich bei ihm beliebt machen wollte, schlug ihm folgendes vor:
"Lasst den Liangshanbo-See trockenlegen, und Ihr werdet achthundert Quadratmeilen
fruchtbares Land gewinnen."
Wang Anshi war zuerst begeistert, fragte aber dann: "Wohin mit dem Wasser des Sees?"
"Grabt einen genauso großen See daneben, und das Problem ist gelöst," antwortete
Liu Gongfu.
Wang Anshi lachte und ließ den Plan fallen.

Fabel aus Daoshan Qinghua
Verfasser unbekannt;
dem Inhalt nach handelt es sich um Episoden aus dem 10.Jh.

Alte Bücher im Austausch für alte Bronzen

Ein Gelehrter, der dringend Geld brauchte, fertigte ein Verzeichnis einiger hundert
Bücher an, packte sie zusammen und machte sich auf den Weg nach der Hauptstadt,
um sie dort zu verkaufen.
Unterwegs traf er einen anderen Gelehrten, der seine Liste durchsah und die Bücher
kaufen wollte. Er hatte aber kein Geld, besaß dafür jedoch einige antike Bronzen,
die er eigentlich für Reis einhandeln wollte. So nahm er den andern zu sich nach Haus
und zeigte ihm seinen Besitz. Der Gelehrte, der die Bücher verkaufen wollte, war ein
großer Liebhaber alter Bronzen und geriet über diese seltenen Stücke in Entzücken.
"Wozu denn die Bronzen verkaufen," schlug er dem anderen vor, "wir können die Bücher
gegen die Bronzen verrechnen und sie gegeneinander austauschen!"
So kam es, dass er seine Bücher dort ließ und mit den Bronzen beladen von dannen
zog.
Seine Frau wunderte sich über seine unerwartet frühe Rückkehr. Sie stellte fest,
dass die Reisetasche ihres Mannes mit harten Gegenständen gefüllt war, die sich lose
bewegten und dabei klirrten.
Als sie nun den Bericht ihres Mannes hörte, begann sie zu schelten. "Du Dummkopf!"
rief sie. "Was nützen dir diese Bronzen, wenn wir keinen Reis im Hause haben?"
"Aber dem andern geht es doch ebenso," antwortete ihr Mann, "die Bücher, die er von
mir erhalten hat, werden ihm auch lange keinen Reis einbringen."

Fabeln aus den Aphorismen des Aizi, von Su Shi
1036-1101

Mit der Kerze den Feuerstein suchen

Eines Tages rief Aizi seinem Schüler zu, er möge doch Feuer schlagen und die Kerze
anzünden. Aber nichts geschah. Aizi wiederholte seine Bitte mit lauter Stimme.
"Es ist so dunkel, dass ich den Feuerstein nicht finden kann", klagte der Schüler.
Dann fügte er hinzu: "Nun gut, Meister, zündet Ihr doch die Kerze an, dann werden wir
beide den Feuerstein schon finden."

Die großartige Idee des Schiffers

Ein Mann reiste einst zu Fuß durch Luliang. Da erblickte er ein Boot und fragte den
Besitzer, ob er ihn für fünfzig Münzen nach Pengmen bringen würde.
"Ein Passagier, der allein reisen will, muss im allgemeinen hundert Münzen zahlen,"
sagte der Bootsbesitzer. "Du bietest mir nur die Hälfte davon, aber das genügt nicht.
Da ich für das Treideln
* bis nach Pengmen fünfzig Münzen zahlen müsste, will ich dich
unter der Bedingung, dass du mein Boot nach Pengmen treidelst, für fünfzig Münzen
befördern."
*ein Schiff vom Ufer aus mit dem Treidel (Zugtau) vorwärtsziehen.

Fabel von Dongpo Zhilin, von Su Shi

Die kämpfenden Ochsen

Ein berühmter Maler malte ein Bild, das zwei kämpfende Ochsen darstellte.
Jedermann war des Lobes voll.
"Seht nur, wie feurig sie aussehen, gerade als wären sie lebendig!"
Der Maler war stolz auf sein Werk. Er ließ das Bild auf kostbare Seide aufziehen und an
Stäben aus Jade befestigen; dann verwahrte er es in seiner Truhe aus Zedernholz.
Er zeigte es nur selten, und auch nur denen, die solch eine hohe Kunst zu würdigen
wussten.
Eines Tages nahm er das Bild aus der Truhe, öffnete es und hing es draußen vor dem Haus in die Sonne zum Schutz gegen die Bücherwürmer. Da kam gerade ein Kuhhirt in den Hof, blieb vor dem Bild stehen und grinste.
"Verstehst du etwas von Malerei, mein Junge?" fragte der Künstler. "Wie gefallen dir die Ochsen, sehen sie nicht naturgetreu aus?"
"Sie sehen aus wie Ochsen," antwortete der Hirtenjunge, noch immer grinsend.
"Erscheint dir sonst an dem Bild etwas falsch?"
"Wenn Ochsen kämpfen und mit den Hörnern aufeinander losgehen," antwortete der Junge,
"dann klemmen sie ihren Schwanz fest zwischen die Beine. Auf diesem Bild schlagen sie jedoch heftig mit den Schwänzen. Ich habe noch nie Ochsen so miteinander kämpfen sehen."
Der berühmte Maler wusste darauf keine Antwort.

Fabel von Duxing Zazhi, von Zeng Minxing
(Gedanken eines einsam Wachenden)
11. Jh.

Woher kommt der Reis?

Die Enkel des Cai Jing, des verräterischen Kanzlers, die im Luxus groß geworden waren,
konnten nicht einmal Weizen von Reis unterscheiden.
Als sie eines Tages beim Essen saßen, sagte Cai Jing: "Jeden Tag esst ihr Reis.
Wisst ihr überhaupt wo er herkommt?"
"Aus dem Mörser," mutmaßte der eine. Cai Jing lachte.
"Nein, das stimmt nicht," rief der andere, "er kommt aus Schilfmatten. Ich habe es
selbst gesehen!"
Damals wurde der Reis in Ballen aus Schilfmatten nach der Hauptstadt gebracht, daher
diese Mutmaßung.

Fabel von Ma Zhongxi
lebte in der Ming-Zeit 1368-1644

Die Geschichte vom Wolf der Zhongshan-Berge

Es lebte einmal ein Gelehrter namens Dongguo, der wegen seiner Gutherzigkeit überall
bekannt war.
Eines Tages war er auf seinem Esel unterwegs nach Zhongshan, als er von weitem eine Gruppe von Jägern sah. Plötzlich lief ein Wolf auf ihn zu, der in großer Bedrängnis war.
"Barmherziger Meister," bat er, lass mich doch in deinen Mantelsack kriechen und mich dort verstecken! Sollte ich je diese Gefahr lebendig überstehen, werde ich dir deine Güte niemals vergessen."
Als er das hörte, nahm der gutherzige Meister seine Bücher aus dem Sack, ließ den Wolf hineinkriechen und stopfte seine Bücher wieder oben auf.
Kurz darauf kamen die Jäger. Sie konnten den Wolf nirgends finden und zogen wieder ab.
Als sie fort waren, bat der Wolf den Gelehrten Dongguo, ihn wieder herauszulassen, was dieser auch bereitwilligst tat.
Daraufhin aber zeigte der Wolf seine Zähne und sagte: "Schlechte Menschen stellten
mir nach, und ich bin dir dankbar dafür, dass du mein Leben gerettet hast. Jetzt bin ich am Verhungern und würde sterben, wenn ich keine Nahrung bekäme. Du musst gestatten, dass ich dich fresse, wenn du mich retten willst!"
Damit fiel er über den überraschten Gelehrten her. Dongguo wehrte sich verzweifelt; da sah er zu seiner großen Erleichterung einen alten Mann herankommen.

Einen kurzen Augenblick konnte er sich den Fängen des Wolfes entreißen; er rannte zu
dem Alten und bat ihn um Beistand.
"Warum, was geht hier vor?" fragte der Alte.
"Die Jäger waren hinter dem Wolf her, und er bat mich um Hilfe," antwortete Dongguo.
"Ich rettete sein Leben, und nun will er mich fressen. Bitte rede mit ihm und überzeuge ihn
davon, dass er im Begriff ist, unrecht zu tun!"
"Als der Meister mich in den Sack steckte," entgegnete der Wolf, "band er meine Füße und stopfte noch Bücher hinterdrein. Ich rollte mich so fest zusammen, wie es nur ging, aber ich bekam keine Luft. Dann führte er eine lange Unterredung mit den Jägern, mit der Absicht, mich inzwischen im Sack ersticken zu lassen. Warum sollte ich ihn also nicht auffressen?"
"Ich glaube, du übertreibst", sagte der Alte, "zeige mir doch einmal, wie es wirklich war, damit ich mich überzeugen kann, dass du das alles tatsächlich erdulden musstest."
Der Wolf beeilte sich, den Beweis zu erbringen, und kroch wieder in den Sack.
"Hast du einen Dolch?" flüsterte der Alte dem Gelehrten zu.
Dongguo, zog ein Messer, worauf der Alte ihm Zeichen machte zuzustechen.
"Würde es ihm nicht weh tun?" zögerte der Gelehrte.
Der Alte lachte. "Das ist eine höchst undankbare Bestie, und trotzdem tut es dir leid, sie zu töten. Du bist wirklich ein sehr mitfühlender Mensch, aber auch sehr dumm!"
Dann half er Dongguo, den Wolf zu töten.

Diese Geschichte hatte einen gewissen Einfluss in der chinesischen Literatur. Das Motiv des undankbaren Raubtieres, das seinen Wohltäter fressen will, ist in der asiatischen wie in der europäischen Volkskunst verbreitet.
In verschiedenen Variationen finden wir es z.B. in Indonesien, Korea, Sibirien Jugoslawien und Norwegen.

Fabel von Aizi Waiyü, von Tu Benjun
Ming Dynastie

Willst du ehrerbietig sein?

Ein armer Mann hatte sich immer geweigert, einem Reichen Ehrerbietung zu bezeigen.
Der reiche Mann fragte ihn eines Tages: "Ich bin reich, und du bist arm, warum bist du
nicht ehrerbietig zu mir?"
"Ihr habt viel Geld," sagte dieser, "und gebt mir nicht das geringste davon ab.
Warum sollte ich zu Euch ehrerbietig sein?"
"Gut, ich will dir den fünften Teil meines Geldes geben. Wirst du dann ehrerbietig sein?"
"Das wäre nicht recht geteilt, wie könnte ich da ehrerbietig zu Euch sein?"
"Nun, nehmen wir an, ich gebe dir die Hälfte."
"Dann wären wir gleich, warum sollte ich dann ehrerbietig sein?"
"Und wenn ich dir mein ganzes Geld gebe, dann wirst du doch bestimmt ehrerbietig sein!"
"Hätte ich das ganze Geld, so hätte ich es nicht nötig, Euch Ehrerbietung zu bezeigen."

Fabel von Xianyi Pian, von Liu Yuanqing
15. Jh.

Zwei Arten, eine Gans zuzubereiten

Ein Mann sah eine Wildgans am Himmel fliegen. Während er einen Pfeil auflegte, sagte er: "Wenn ich sie herunterschieße, werden wir sie kochen."
"Nein," entgegnete sein jüngerer Bruder, "es wäre besser, sie zu braten."
Sie stritten lange, ohne sich einig zu werden. Schließlich gingen sie zum Familienältesten,
der vorschlug, die eine Hälfte zu kochen und die andere zu braten.

Nun war der Streit geschlichtet, aber als sie hinaustraten und sich nach der Wildgans
umsahen, war sie nicht mehr zu sehen.

Fabeln aus den Geschichten von Xue Tao, von Jiang Yunke
15. Jh.

Buckel werden geheilt

Ein Quacksalber behauptete, alle Verkrümmungen des Rückgrats heilen zu können.
"Wie dein Rücken auch gekrümmt sein mag, ob er einen Bogen, einen Ring oder einem Topf gleicht, kommt nur zu mir, ich werde ihn in ganz kurzer Zeit gerademachen!"
Ein Buckliger war leichtgläubig genug, seine Worte ernst zu nehmen, und ließ sich von ihm behandeln.
Der Kurpfuscher befahl ihm, sich auf einer Planke auszustrecken, legte eine zweite auf seinen Buckel und sprang dann mit ganzer Kraft darauf herum. Der Buckel wurde gerade, aber der Mann starb. Der Sohn des Buckligen wollte den Kurpfuscher verklagen, der aber sagte:
"Meine Aufgabe war es, seinen Buckel geradezubiegen. Ob er danach stirbt, geht mich
nichts weiter an."

Der Traum

Es war einmal ein Gelehrter, der seine Studenten sehr streng hielt. Als einer von ihnen die Disziplin verletzte, beorderte er ihn zu sich und erwartete den Sünder mit strenger Miene. Endlich erschien dieser, kniete vor ihm nieder und sagte: "Ich hatte die beste Absicht, früher zu kommen. Aber ich hatte gerade tausend Goldstücke gefunden und habe so lange gebraucht,
um zu überlegen, wie ich sie verwenden soll."
Des Gelehrten Miene hellte sich auf, als Gold erwähnt wurde. "Wo hast du es gefunden?"
fragte er.
"Es war in der Erde vergraben."
"Und wie gedenkst du, es zu verwenden?" fragte der Gelehrte weiter.
"Ich bin ein armer Mann," antwortete der Student, "ich habe mich mit meiner Frau beraten,
und wir sind zu folgendem Entschluss gekommen. Wir wollen für fünfhundert Goldstücke Land kaufen, zweihundert für ein Haus ausgeben, hundert für die Einrichtung und weitere hundert für Mägde und Bedienstete. Von den letzten hundert Goldstücken will ich die Hälfte für den Kauf von Büchern verwenden, denn von nun an muss ich fleißig studieren.
Die andere Hälfte wollte ich Euch als kleines Geschenk anbieten, für die Mühe, die Ihr Euch mit mir gemacht habt."
"Ach! Wirklich? Ich glaube jedoch nicht, dass ich genug getan habe, um ein so kostbares Geschenk annehmen zu können," erwiderte der Gelehrte.
Bei diesen Worten befahl er seinem Koch, ein großartiges Mahl zuzubereiten, und bat den Studenten, daran teilzunehmen. Es ging sehr fröhlich zu, sie lachten und tranken einander zu.
Als sie schon etwas angeheitert waren, fiel dem Gelehrten plötzlich ein: "Du bist in großer Eile von Zuhause fortgegangen? Hast du auch daran gedacht, das Gold vorher sicher in einer Lade zu verwahren?"
Der Student erhob sich. "Meister, ich hatte gerade meine Berechnungen über die Verwendung des Goldes abgeschlossen, als meine Frau sich auf die andere Seite drehte und mich anstieß. Als ich meine Augen öffnete, war das Gold verschwunden. Was sollte mir also eine Lade nützen?"
"Dann war alles, was du mir erzähltest, nur ein Traum?" stieß der Gelehrte hervor.
"In der Tat, so war es," antwortete der Student.
Der Gelehrte war wütend, aber da er den Studenten so freigebig bewirtet hatte, wäre es nicht schicklich gewesen, ihm jetzt seinen Ärger zu zeigen. So überwand er sich und sprach:
"Nun, ich sehe, du denkst sogar an mich, wenn du träumst.
Sicherlich wirst du mich nicht vergessen, wenn du wieder einmal von Gold träumst!"
Und er forderte den Studenten auf, noch etwas zu trinken, bevor er ihn gehen ließ.

Keine Trester für das Schwein

Dreißig Li westlich von meiner Präfektur liegt im Schutz des Berges Hefu ein Tempel, der einer Großmutter Wang gewidmet ist. Niemand weiß, wann diese alte Dame gelebt hat.
Man erzählt sich, dass sie einen Weinverkauf betrieb und ein Daoist oft zu ihr kam, der ihren Wein trank, ohne dafür zu bezahlen. Aber der alten Frau schien das nichts auszumachen.
Eines Tages sagte der Daoist zu ihr: "Ich habe niemals für den Wein bezahlt, den ich bei dir getrunken habe, ich werde dir dafür jetzt einen Brunnen graben."

Er grub den Brunnen, und es zeigte sich, dass dieser einen vorzüglichen Wein hergab.
"Das ist meine Bezahlung," sagte der Daoist und verschwand.
Die alte Frau kelterte nun nicht mehr länger ihren Wein selbst, sondern verkaufte ihren Kunden den Wein aus dem Brunnen; er schmeckte ihnen besser als irgendein Wein, den sie bisher getrunken hatten. Die Trinklustigen drängten sich in ihrer kleinen Schenke, und innerhalb von drei Jahren war sie reich geworden.
Da erschien eines Tages der Daoist wieder bei ihr. "Nun, ist der Wein gut?" fragte er.
"Sehr gut," antwortete die alte Dame, "nur leider bleiben dabei keine Trester für das Schwein."
Der Priester lachte und schrieb den folgenden Spruch an die Wand:

Der Himmel ist unendlich hoch,
der Menschen Verlangen weit höher noch.
Brunnenwasser verkauft sie als Wein
und klagt noch, es fehlt an der Mast für das Schwein.

Dann ging der Daoist davon, und von dieser Stunde an gab der Brunnen keinen Wein mehr.

Der Mann, der seinen Irrtum nicht eingestehen wollte

Im Staate Chu lebte ein Mann, der nicht wusste, wo Ingwer wuchs. Er glaubte, er wüchse auf Bäumen. Jemand erzählte ihm, dass er in der Erde wachse. Das glaubte er ihm nicht und schlug
vor: "Ich werde mit dir um meinen Esel wetten. Wir wollen zehn Männer fragen; wenn alle der Meinung sind, dass Ingwer in der Erde wächst, ist der Esel dein."
Sie fragten zehn andere, die alle bestätigten, dass er in der Erde wachse.
"Nimm schon den Esel," sagte der Mann, "aber trotzdem weiß ich, dass Ingwer auf Bäumen wächst."

Das geht mich nichts an

Ein Chirurg rühmte sich seiner großen Fähigkeiten. Eines Tages kam zu ihm ein Soldat, dem aus der Schlacht noch ein Pfeil im Bein steckengeblieben war.
Der Chirurg nahm eine scharfe Schere, schnitt den Schaft des Pfeiles direkt über dem Bein ab und forderte Bezahlung.
"Aber Ihr habt doch gar nicht die Pfeilspitze entfernt," klagte der Soldat.
"Das ist ein 'innere' Krankheit und die Aufgabe eines Internisten, nicht die meine,"
war die Antwort.

Geduld

Ein Mann war im Begriff, eine Beamtenstelle anzutreten. Ein guter Freund machte ihm seinen Abschiedsbesuch. "Es gibt etwas, was du nie vergessen darfst, wenn du Beamter geworden bist – immer Geduld haben."
Der Mann versprach, den Rat zu befolgen. Sein Freund wiederholte jedoch diesen Rat dreimal, und dreimal nickte der zukünftige Beamte zustimmend. Als nun der Freund zum vierten Mal den Ratschlag vorbrachte, wurde der Mann ärgerlich. "Hälst du mich für einen Idioten? Wozu wiederholst du mir solche Selbstverständlichkeiten immer wieder?"
"Siehst du," seufzte der Freund, "es ist nicht immer leicht, Geduld zu üben. Ich habe es nur wenige Male wiederholt, und schon verlierst du die Geduld."

Ehrlichkeit

Ein korrupter Beamter wollte zeigen, dass er sauber und ehrlich sei. Bevor er sein neues Amt antrat, leistete er daher folgenden öffentlichen Schwur: "Wenn meine rechte Hand eine Bestechung annimmt, soll sie verfaulen; wenn meine linke Hand Bestechungsgelder annimmt, möge sie ebenfalls verfaulen."
Nach einiger Zeit wollte ihm jemand mit hundert Taels Silber bestechen. Er hätte sie gerne angenommen, fürchtete aber die Folgen seines Schwurs.
Um ihn aus diesem Zwiespalt zu erlösen, riet ihm der Bote: "Lasst Euch doch das Silber in den Ärmel legen, dann wird, wenn es schon so sein soll, nur der Ärmel verfaulen."
Der Beamte fand diese Idee ausgezeichnet und nahm das Geld an.

Unnatürliches Wetter

An einem kalten Winterabend saß ein General in seinem Zelt und trank. Kerzen waren angezündet, und ein munteres Feuer brannte im Kohlenbecken. Nachdem er einige Schalen Wein getrunken hatte, traten ihm die Schweißperlen auf die Stirn.
"Sonderbares Wetter haben wir in diesem Jahr," wunderte sich der General, "wenn es kalt sein müsste, ist es warm!"
Sein Bursche, der draußen in der Kälte stand, hörte seine Worte. Er kam ins Zelt, kniete ehrerbietig vor dem General nieder und sagte: "Wo Euer Diener stand, scheint das Wetter ganz normal zu sein, Herr General."

Fabel aus dem Lob des Lachens, von Zhao Nanxing
1550-1627

Ein guter Mensch ist leicht zu tyrannisieren

Im Tempel an einer Dorfstraße stand in einem Dorf ein hölzernes Götterbild.
Ein Wanderer, der einen Graben auf seinem Weg nicht überqueren konnte, nahm die Holzfigur von ihrem Platze und benutzte sie als Brücke. Ein anderer, der kurz darauf vorbeikam, sah das Götterbild auf der Erde liegen und stellte es voller Ehrfurcht wieder auf seinen Platz im Tempel.
Aber die Gottheit war erzürnt, weil er kein Opfer dargebracht hatte, und strafte ihn mit
einem unerträglichen Kopfschmerz.
Die Geister der Unterwelt waren darüber verwundert. "Du lässt den, der dich mit Füßen trat,
rei laufen, bestrafst jedoch den, der dir geholfen hat. Warum das?"
"Versteht ihr denn nicht?" antwortete die Gottheit. "Es ist doch so leicht, einen guten Menschen zu tyrannisieren."

Fabel aus den spaßigen Geschichten, von Xü Zichang oder Feng Menglong
Ming Dynastie

Der niedrige Stuhl

Yugong besaß einen sehr niedrigen Stuhl. Wenn er darauf sitzen wollte, musste er unter jedes Bein einen Ziegelstein legen. Mit der Zeit fand er das aber zu beschwerlich; das brachte ihn auf eine Idee. Er befahl seinem Diener, den Stuhl in das obere Stockwerk zu bringen. Aber als er sich dort darauf setzen wollte, stellte er fest, dass er noch immer ebenso niedrig saß.
"Sonderbar," meinte er, "da sagen die Leute, das obere Stockwerk wäre höher; das stimmt aber doch wohl nicht!"

Fabel aus Quianque Leishu, zusammengestellt von Chen Renxi
1581-1626

Eine Nadel aus einem Mörser machen

Ein Schuljunge hatte den Unterricht geschwänzt und ging auf der Straße spazieren, als er eine alte Frau dabei beobachtete, wie sie eine eiserne Mörserkeule auf einem großen Stein schliff. Neugierig fragte er, was sie denn mache.
"Ich will aus dem Mörser eine Nadel schleifen, um Stoff damit zu nähen," antwortete die Alte.
Der Junge lachte: "Das ist doch ein so großer Mörser, wie könnt Ihr nur hoffen, ihn so weit herunterzuschleifen, dass eine Nadel daraus wird?"
"Das macht nichts," entgegnete sie, "heute schleife ich, morgen werde ich wieder schleifen und übermorgen auch. Mit jedem Tag wird der Mörser kleiner werden, und eines Tages wird er eine Nadel sein."
Das Kind erkannte die tiefere Wahrheit und ging zur Schule.

Fabeln von Tangai, von Feng Menglong
?-1645

Der Eisvogel

Der Eisvogel ist sehr furchtsam. Er baut sein Nest ganz hoch oben den Bäumen, um vor
Gefahren geschützt zu sein. Wenn die Jungen ausschlüpfen, hat er solche Angst,
sie könnten hinunterfallen, dass er das Nest tiefer setzt. Wenn sich bei den Jungen die ersten Federn zeigen, wird er noch ängstlicher und baut sein neues Nest noch tiefer unten – so tief, dass sie nun jeder bequem fangen kann.

Ein Augenblick der Muße

Ein hoher Beamter stattete einmal einem Kloster einen Besuch ab. Der Vorsteher des Klosters, dem dies vorher mitgeteilt worden war, hatte sorgfältige Vorbereitungen für den Empfang seines hohen Gastes getroffen.
Nachdem er einige Schalen Wein getrunken hatte, rezitierte der Würdenträger ein Gedicht aus der Tang-Zeit:
Im Kloster am Wege beim Mönch ich verweile.
Oh, kurze Muße im Leben voll Eile!
Der Mönch lachte. Nach dem Grund befragt antwortete er: "Ihr habt einen Augenblick der Muße genießen können, aber dafür musste ich vorher drei Tage schwer arbeiten."

Fabeln von Xiaofu (Schatzkammer des Humors),
von Feng Menglong zusammengestellt

Die Astgabel

In einem gewissen Bergdorf benutzten die Leute Astgabeln als Stuhlbeine.
Ein Vater sandte eines Tages seinen Sohn nach einer Astgabel aus. Der Sohn nahm eine Axt und ging in den Wald. Spätabends kam er mit leeren Händen zurück.
Als sein Vater ihn deshalb schalt, antwortete er: "Natürlich sah ich eine Menge Astgabeln,
aber alle wuchsen aufwärts."

Deinen Finger möchte ich

Ein armer Mann traf eines Tages einen alten Freund, der inzwischen ein Geist geworden war. Als dieser von seines Freundes Armut erfuhr, hob er seinen Finger und zeigte auf einen Stein am Weg. Sofort wurde dieser zu Gold. Der war aber damit noch nicht zufrieden, und so schenkte ihm der Geist noch einen großen Löwen aus Gold.
Immer noch war der Mann unzufrieden.
"Was willst du denn noch mehr?" fragte der Geist.
"Deinen Finger möchte ich," war die Antwort.

Fabel aus den Geschichten vom Hörensagen, von Yue Jun
17. oder 18.Jh.

Alles wegen eines Esels

Ein alter Geizhals war durch Wucher sehr reich geworden. Als er so alt wurde, dass ihm das Gehen schwer fiel, kaufte er sich einen Esel. Er gewann das Tier jedoch so lieb, dass er nur auf ihm reiten wollte, wenn er wirklich völlig erschöpft war.
Eines Tages war es sehr heiß und schwül. Der alte Mann musste eine längere Reise machen und nahm deshalb den Esel mit. Nachdem er eine kurze Strecke gewandert war, geriet der alte Mann außer Atem und bestieg den Esel.
Nach zwei oder drei Li fing auch der Esel zu schnaufen an, denn er war es nicht gewohnt, geritten zu werden.
Der alte Mann war darüber so besorgt, dass er eiligst abstieg und den Esel absattelte.
Der Esel glaubte daraufhin, er könne nun frei herumlaufen, und machte schleunigst kehrt, ohne auf die Rufe des Alten zu achten. Da der Mann fürchtete, der Esel könnte verloren gehen, und auch das Sattelzeug nicht liegenlassen wollte, nahm er es auf den Rücken und machte sich damit wieder auf den Heimweg.
Zu Hause angekommen, galt seine erste Frage dem Esel. Erst als ihm sein Sohn bestätigte, dass der Esel zu Hause angelangt sei, beruhigte er sich.
Dann machte sich jedoch die Anstrengung und die Hitze bemerkbar, so dass der alte Mann krank wurde und über einen Monat das Bett hüten musste.

Fabel von Baihetang Ji, von Peng Duanshu
18. Jh.

Pilgerfahrt nach den Süden

Auf dem Omei-Berg gab es viele Klöster. Die Mönche der großen Klöster waren sehr reich,
die der kleinen dagegen sehr arm.
Eines Tages kam ein armer Mönch aus einem kleinen Kloster zu einem der reichen Mönche in ein großes Kloster, um sich von ihm zu verabschieden; er wollte eine Pilgerfahrt nach Putuoshan unternehmen, einer Insel im Östlichen Meer. Das war eine sehr weite Reise von mehr als dreitausend Li, die über viele hohe Berge und reißende Ströme führte.
Der reiche Mönch wunderte sich: "Was nimmst du mit auf den Weg?" fragte er.
"Nur einen Becher und eine kleine Schüssel," entgegnete der andere, "den Becher für Wasser und das Schüsselchen, um etwas Reis zu erbitten."
"Ich beabsichtige selbst, nach Putuoshan zu pilgern", sagte der reiche Mönch, "seit mehreren Jahren treffe ich schon Vorbereitungen dazu, aber bis jetzt konnte ich noch nicht fort, denn es fehlt immer noch das eine oder andere. Ich glaube, mein Freund, du stellst es dir zu einfach vor."
Nach etwas über einem Jahr kehrte der arme Mönch von seiner Pilgerfahrt zurück und berichtete dem reichen Mönch von seinen Erlebnissen. Der wurde zwar etwas verlegen,
behauptete aber auch jetzt, dass seine Vorbereitungen für die Reise immer noch nicht
abgeschlossen wären.

Fabel von Pu Li Zi, von Ma Shifang
Anfang des 19. Jh.

Der willensschwache alte Bauer

Ein alter Bauer besaß einige Mu Land. Er hatte einen weichlichen Charakter, hielt sich jedoch für einen friedfertigen Menschen.
Eines Tages sagte ihm jemand: "Deines Nachbarn Ochsen zertrampeln dein Feld."
"Das ist doch nicht aus böser Absicht geschehen," antwortete er.
"Lass es nur gut sein!"
Am nächsten Tag kam ein anderer zu ihm: "Dein Nachbar schneidet Reis auf deinem Feld."
"Sie brauchen sicher Nahrung," entgegnete der alte Bauer, lasst sie nur nehmen, was macht das schon aus!"
Durch seine Nachgiebigkeit wurde der Appetit des Nachbarn immer weiter angeregt; nun nahm ihm der Nachbar auch einen Teil des Feldes, ja, er schnitt sogar noch Zweige von dem Baum, der über dem Grab seiner Ahnen wuchs.
Das war nun mehr, als selbst der alte Bauer ertragen konnte. Er ging zu seinem Nachbarn und fragte ihn, warum er das Land genommen habe.
"Was fällt dir ein? Dein Land?" schrie ihn der Nachbar an. "Wir haben das Land gemeinsam urbar gemacht, aber niemals eine Grenze festgelegt. Du sagst, ich würde dein Land wegnehmen, dabei ist es gerade umgekehrt."
"Schon gut, schon gut – aber warum hast du Äste vom Baum auf dem Grab meiner Ahnen abgeschnitten?"
"Warum hast du das Ahnengrab nicht woanders angelegt? Die Wurzeln dieses Baumes liegen unter meinem Feld, und seine Zweige beschatten es. Ich habe nur einige Zweige abgeschnitten, die über mein Feld ragten Was geht dich das an?"
Der alte Bauer kochte vor Wut. Aber er fühlte sich hilflos und wusste nicht, wie er dem
Nachbarn entgegentreten sollte.
"Ja, ja," seufzte er, "es ist schließlich alles meine eigene Schuld, alles meine Schuld.
Ich hätte dich nicht zum Nachbarn nehmen sollen."

Fabel aus den neuen humoristischen Geschichten
Verfasser unbekannt, evtl. ein Werk aus dem 19.Jh.

Kurzsichtigkeit

Zwei Männer waren außerordentlich kurzsichtig, wollten es jedoch niemandem eingestehen, sondern rühmten sich gegenseitig ihrer scharfen Augen.
Einmal hörten sie, dass in einem Tempel eine Gedenktafel aufgestellt werden sollte.
Beide versuchten schon im voraus heimlich in Erfahrung zu bringen, welche Inschrift die Tafel tragen würde. Am festgesetzten Tag gingen sie gemeinsam zum Tempel.
"Sieh nur," sagte der eine und zeigte nach oben, "bedeuten diese Zeichen nicht 'Herrlichkeit und Aufrichtigkeit'?"
"Und die kleinen dort! Du kannst sie bestimmt nicht erkennen. Sie bedeuten: 'Geschrieben von Soundso', und dahinter steht das Datum des heutigen Tages!" erwiderte der andere.
Ein Fußgänger fragte, was es denn zu sehen gäbe. Als es ihm erklärt wurde, lachte er laut.
"Die Tafel ist noch gar nicht angebracht worden, wie könnt ihr denn die Schriftzeichen lesen?"


Fabelverzeichnis