Edelstein XXVI-L
   
 

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Edelstein LI-LXXV

Index
 
Von einem wigen und von den tuben
Von einem hunde und einem diebe
Von einem wolfe und einem schafe
Von einem scher-huffen
Von einem lambe und einem wolfe
Von einem alten hunde
Von einem jeger und einem hasen
Von einer geisse und einem wolfe
Von einem slangen der wunt wart
Von einem wolfe einem schafe und einem hirz
Von einer fliegen und einem kalwen manne
Von einem fuchse und einem storken
Von einem wolfe der vant ein bilde
 
Von einem růste und pfawen
Von einem mule und einem bremen
Von einer fliegen und einer ambeissen
Von einer ambeis und einem hoestuiffen
Von einer muse und von iren kinden
Von tieren und dem gefuigel
Von einer wisel die wart gevangen
Von einem froes und einem ochsen
Von einem loewen und einem hirten
Von dem ritten und von der flo
Von dem habek und der kra
Von einem loewen und von einem rosse

 

XXVI
Von einem wigen und von den tuben
Von boesen voegten

Es hůp sich ein urlig gros,
Des mangen vogel ser verdros.
Als uns dui bischaft hat geseit,
So hat der wige widerseit
Den tuben. Des kamen si in not
Si wanden al geligen tot.
Si mochten sicher nicht gesin
Vor im; des littens grossen pin
Und angest. In ir herzen.
Trůgen si grossen smerzen.
Ze rate giengen si gemein,
Und kamen des al über ein,
Das si moechtin kum genesen,
Ane einen vogt. Das soeldi wesen
Der habk; des kraft die were, gros
Den wigen macht er sigelos,
Und huilf den tuben usser not,
Das si nicht al gelegin tot.
Und do der habk ir voget wart,
Er koppet bald in sine art,
Und erzoegte sinen zorn.
Die tuben waren al verorn,
Ir enkeine mocht genesen;
Wan der ir schiriner solde wesen.
Der was ir vigent. Dui schaf verirt
*
Sint, wen der wolf ze hirte wirt,
Des wigen urlig besser was
Den tuben den des vogtes has.

*Die Schafe wissen nicht aus noch ein.

Was der mensche wirken wil,
Sicht er uf des endes zil
So mag im kume missegan,
Es sin frouwen oder man.
Wer under zwein boesen nemen sol
Dui wal, dem wil ich raten wol,
Das er nem (das wirt im gůt)
Das den minren schaden tůt,
Wen der ze hueter ist erkorn
Das volk verderbt, so sint verlorn
Beide frouwen unde man;
Vor im sich nieman fristen kan.

XXVII
Von einem hunde und einem diebe
Von enpfangener gabe
*

Ein diep eis mals geslichen tan
Ze einem hus; do vant er stan
Einen hunt, der wachet wol,
Als noch ein hunt von rechte sol.
Do hette gern der diep verstoln,
Moecht es sin von dem hunt verholn.
Der hunt den diep vil ser an bal,
Das man wol horte sinen schal.
Der diep dem hunde gabe bot,
Und sprach zůzioi: "Nim hin dis brot!
Swig stille, und vermeld mich nicht!"
Der hunt sprach: "Du boesewicht!
Nem ich din gab, so wer verlorn
Mis meisters fleisch und ouch sin korn;
Dui rinder in dem stalle
Werin verloren alle.
In diner spis lit gallen vil,
Die mich der spis beiroeben wil,
Die mir min meister alle tage
Gibet. Hoer was ich dir sage:
Teglich spis gevelt mir bas,
Den in der nacht ein kleiner fras.
Din spise mag mir nicht das geben,
Das ich sol han die wil ich leben.
Arm wil ich nicht iemer sin
Um dui kleinen spise din.
Ein angel dine spise treit.
Fluichst du nicht bald, es wirt dir leit."
Der hunt hůp bald an unde bal;
Der diep sich balde dannen stal.

*Von enpfangener gabe: von Bestechung.

Wer gab enpfat der bindet sich
Dem, der si git; da von rat ich.
Das er sich betrachte wol,
Der du gab enpfachen sol.
Nieman sol dur kleines gůt
Uf geben sinen frigen můt.
In der gab verborgen ist
Dike manger boeser list;
Als disem hunt nach was beschechen.
In der gab solt du ausechen,
Wer si gebe, und dur was
Si werd gegeben. Tůst du das,
So wirt dui gab, geloebe mir,
Ane zwivel nuitze dir.

XXVIII
Von einem wolfe und einem schafe
Von missentruiwe

Ein wolf ze einem schafe sprach,
Do er es grosse tragen sach:
"Wen dine frucht nu wirt geborn,
So achte, das si nicht verlorn
Werde; ich wil ir hueter wesen,
So mag din kint vil wol genesen."
Und do das schaf den wolf ersach,
Vil zornlich es do zůzim sprach:
"Ker hin! Din hůte ist mir unmer.
Du bist mir in den ougen swer.
Uf liegen, triegen stat din můt,
Und bist ze nute anders gůt.
Tages rouben, nachtes stein,
Das ist din werk. Eis diebes beln
Treist du uf dinem houbte.
Der dir wol geloubte,
Der wer ein tor. Fluch! unser hunt
Uf dinen spor gerennet kunt.
Eirgas dir got! begrist er dich;
An hůte můst du lassen mich."
Der wolf der floch vil balde,
Und ilte zů dem walde.
Sin kint behůt das schefelin;
Der wolf nicht sold ir hueter sin.

Ze dienste buit sich manig man
Dem, den er wold verderbet han.
Der wis man sprach, das man nicht sol
Gelouben allen geisten wol.
Dir sol sin truiwe wol sin kunt,
Dem du bevelchen wilt ze stunt
Din lip, din gůt, din ere.
Von dem valschen kere
Dinen sin und dinen můt.
Geloub nicht ze bald: das wirt dir gůt,
Das ist an dirre bischaft schin;
Dem wolfe nicht das schefelin
Geloben wolde harte wol,
Wan er was aller bosheit vol.

XXIX
Von einem scher huffen
Von uippiger vorcht
*

Eis tags ein scher nach siner art
Gieng uf siner spise vart,
Und sties uf einen huffen gros,
Das selbe ouch noch tůnt sin genos.
Des scher-huffen nam menlich war;
Man und frouwen kamen dar.
Si wundert, was das mochte wesen;
Si wanden nieman mochte genesen
Und vorchten, das der berg das velt
Sold uiber gan und al du welt.
Si stůnden verre und sachen zů;
Enkeiner getorste nachen dů
Dem grossen wunder. Das was wol;
Si stůnden aller vorchle vol.
Ze jungest kam ein scher-mus
Geluffen von dem huffen us;
Do wart in lachen und in spot
Ir aller vorcht verwandelot.

*Von uippiger vorcht: Von eitler Furcht

Sich hebet manig grosser wint,
Des regne doch vil kleine sint.
Nach grossem tonre dike beschicht,
Das man gar kleines wetter sicht.
Es droewt mit worten manig man,
Der doch wenig schirmen
* kan.
Das urlig halbes
* das sint wort;
Der hant dui frouwen grossen hort.
Ein kleine sache dike tůt
Gros vorcht in manges menschen můt:
Als disen luiten hie beschach;
Ein kleine sache ir herzen brach.
Das ane trost wip unde man
Waren, das hat ein mus getan.

*schirmen: fechten
*Das urlig halbes: die Hälfte des Krieges

XXX
Von einem lambe und einem wolfe
Von boesem rate

Es hat ein man ein lemmelin,
Das hat verlorn dui můter sin;
Ze sinen geissen tet er das,
Da es vil wol behuetet was;
Ein geis fürwas dui můter sin,
Die soug das kleine lemmelin.
Zůzim ein wolf gegangen kan;
Mit suessen worten vieng er an,
Und sprach zu dem lemmelin:
"Got grues dich, trut gespile min!
Mir ist leit din ungemach.
Das din geselschaft ist so swach,
*
Das mueget mich, und ist mir leit.
Ich sold dirs lange han geseit.
Was horent dich dis boeke an?
Was fruintschaft magst du zůzin han?
Gang mit mir! La dis boeke sin!
Ich fuer dich zů der můter din;
Die mag dich gespisen wol
Mit gůter milch, der ist si vol."
Das lemmelin antwurt und sprach:
"Her wolf, do ich dich erst an sach,
Do entsas ich dinen valschen rat
Und ouch din argen missetat.
Ich wil min fruint nicht uiber geben.
Mit den behůtet ist min leben.
Vil lieber wil ich spis enpfan
Von einer geisse, und sicher stan,
Den ich ze verre volge dir.
Din valscher rat misvallet mir."
Alsus beleib das lemmelin
Behůt wol, von den sinnen sin.

*swach: niedrig, gemein

Sicher leben das ist gůt,
Und git ouch froelichen můt.
Wer sich von fruinden scheiden wil,
Genuisset er des, des ist nicht vil.
Es ist nuit so gůt so gůter rat;
Der mensch ist selig, der den hat.
Der gůtem rate volgen wil,
Der gewinnet nicht naruiwen vil
Um sine werk. Das ist wol schin
An disem kleinen lemmelin.
Der aber boesen rat wil han
Und volgen, der mag kum gestan
An eren und an biderbkeit;
Boeser rat ist ein arges kleit.

XXXI
Von einem alten hunde
Von dienste verlorn

Eis mals ein her hat einen hunt.
Der was im lieber den ein pfunt,
Do er was jung, stark unde snel,
Sin stimme stark, sin bellen hel.
Do der kam ze sinen tagen,
Do můst der hunt sin alter klagen;
Das hat im schaden vil getan.
Sin beissen
* můst er abe lan;
Er hat sin snelli gar verlorn;
Das was sinem Herren zorn.

Eis mals der hunt ein Hasen vieng;
Do der im us dem munde engieng,
Der her von zorne slůg den hunt.
Doch was er an das ungesunt;
Sin kraft, sin jugent was dahin:
Das wart des Hundes ungewin.
Der Hunt do suifzen began,
Sin Herren sach er an;
Mit grosser vorchte sprach er do:
"Got, her! wie ist mir beschechen so?
Do ich was jung, snel unde stark,
Enkeiner roub sich mir verbarg;
Es mueste alles wesen tot
Was ich gesach. Nu lide ich not.
Des gůten ist vergessen gar;
Mis dienstes niemet niema war.
Was ich gůtes hab getan,
Da gedernket leider nieman an.
Die wil ich gap, dö was ich wert:
Menlich gabe nu begert.
Man lobt mich ser in miner jugent,
Do ich was in miner besten tugent;
Nu bin ich alt, und ist da hin
Min lop, min ere."

*Sin beissen: sein Jagen

Uf disen sin
Gedenk der junge (das rat ich),
Wem er ze dienste biete sich.
In dienste wirdet manger, krank,
*
Ane nutz und ane dank.
Der wise das betrachten sol.
Wen spricht (ich weis och selber woul),
Das der dienst wird niemer gůt,
Den man dem argen menschen tůt;
Noch kein minne langer wert,
Den die wil man dienstes gert;
Als bald der dienest abe gat,
Als bald man von der minne lat.

*er opfert seine Kräfte auf.

XXXII
Von einem jeger und einem hasen
Von zůversicht

In einen walt ein jeger kam
Mit sinen hunden. Das vernam
Von dem gedoen der hasen schar.
Si wolden flien; si enwissen war.
Ir aller vorchte was nicht klein;
Ze flucht waren bereit ir bein;
Si konden al gefliechen wol,
An einen graben wassers vol.
Si kamen uf der selben vart,
Da manig fros erschroken wart.
Do mochten si nicht uiber komen;
Dui vorcht hat in dui kraft benomen.
Dui frosche fluchen an den grunt.
Do sprach ein has: "Mir ist wol kunt,
Das ander tier ouch vorchte hant;
Des haut dui frosche mich ermant.
Wir sullen gůt gedinge han,
So mag uns kume missegan.
Hant gůten mut! Nieman verzage!
Wir sullen flien, wen man uns jage.
An zůversichi lit unser heil,
Und unser ere der beste teil
An flucht: die sun wir nicht ab lan;
Unser vordern hants ouch getan."
Si fluchen vast: das tet in not;
Si wanden al geligen tot.

Man sprichet, wer von vorchten stirbt,
Das der im selber das erwirbt,
Das man in sol in mel begraben.
*
Gůt gedinge sullen habe.
Jung, alt, frouwen unde man,
So mag in kume missegan.
Gůt gedinge machet das,
Das der geniset, der siech was.
Zůversicht ist alweg gut;
Si sterket manges menschen můt.
Zůversicht, der die mag han,
Der mag in leide .wol gestan.
Wer verzwivelt ane not,
Dem moechte weger sin der tot
Verzwiveln grossen schaden tůt,
Es verderbet sei und můt;
Davon nieman verzwiveln.sol;
Nach uibel kumet dike wol.

*Wer vor Furcht stirbt, den soll man in Mehl begraben: ein sehr altes Sprichwort.

XXXIII
Von einer geisse und einem wolfe
Von kinden gehorsami

Ein geis wold uf ir weide gan,
Do lies si in dem stalle stan
Ein junge geis, ir toechterlin.
Zůzir sprach si: "La nieman in!
Du solt dui tür beslossen lan;
Har us solt du bi nuite gan.
Belib da inne (das ist dir gůt),
So bist du vor dem wolf behůt."

Do dui geis in beslossen wart,
Vil schier ein wolf kam uf die vart.
Er gieng zum stalle trugenlich,
Und gebarete gelich
*
Der alten geisse in valschekeit
An stimme, an wandel, unde seit
Der jungen geisse: "La mich in,
Min trut liebes toechterlin!"
Si sprach: "Wer bist du? Stant da vor!
Ich tůn nicht uf des slalles tor.
Min můter hat verbotten mir,
Das ich nicht us hin kom ze dir.
Ich ken dich wol; din stim ist velsch,
Dich hilfet weder tuitsch noch welsch.
Du kunst har in nicht, samer got!
Ich wil behalten das gebot,
Das mir verbot min můterlin,
Das ich nieman lies har in.
Du bist ein wolf; das sich ich wol,
Wan du bist aller schalkeit vol."
Der wolf must vor der tuir gestan,
Vil hungrig můst er dannan gan.

*Und gebarete gelich: Und gab sich verstellter Weise das Ansehen der alten Ziege.

Ach herre got, wie vil der ist
Uf erde, die denselben list
Erzoegent; die honig suesse wort
Hant, und meintat unde mort
In ir herze sint begraben!
Die muigen wol valsche sprache haben.
Ir wort, ir werk sint ungelich;
Si triegent, liegent valscheklich.
Ir wort hant honges suessekeit,
Ir werk der gallen bitlerkeit.
Gůter hůt bedarf er wol,
Der sich vor in hůten sol.
Uns lert dis bischaft och da bi,
Er si jung, alt, oder wer er si,
Das er an allen argen list
Halte das im gebotten ist.

XXXIV
Von einem slangen der wunt wart
Von unsicherheit

Wen liset von eim slangen das,
Das er in einem huse was
Gar heimlich und gewonet wol. —
Mich wundert das, der giftes vol
Was, wie der gůt moechte wesen. —
Das in der huswirt lies genesen,
Das tet er von menschlicher art;
D e r  m e n s c h e  s e n f t  g e s c h a f f e n  w a r t.
Doch ist kum ieman alse gůt,
Das nicht erzuernet werd sin můt.
Das tut dis wort m i n  u n d e  d i n;
Das ist vil dike worden schin.
Das machet under fruinden has.
Wer m i n  u n d  d i n nicht, wissent das,
So tet nieman dem andern leit.


Der slange kam in gros erbeit
Von zorn, und uf der selben stunt
Wart er von dem huswirte wunt.
Zorn scheidet fruint und mage gůt.
Wer sich vor zorne hat behůt,
Der tůt kein unbescheidenheit.
*
Dem wirte wart das selbe leit,
Das er den slangen hat verwunt;
Er bat in in der selben stunt,
Das er verges und lies gestan;
Er hets in sinem zorn getan.
Der slange antwurt im zehant,
Und sprach: "Das swert leg us der hant,
Da mit du hast verwundet mich;
Tust du das nicht, so vorcht ich dich.
Hin warf der wirt das messer do;
Des wart der slang unmassen fro.

*kein unbescheidenheit: nichts unüberlegtes.

Noch besser ist der mensche vil,
Der dike zuirnet, und och wil
Vergessen bald, und ouch dabi
Hulde sůchen, den der si,
Der selten zürnet, und verrucht
Das er genade selten sucht.
Wen ein mensche ruiwen hat
Und leit um sine missetat,
Der sol ouch als das abe lan,
Da mit er schaden hat getan.
Geweren ruiwen got enpfat,
Wenne er von ganzem herzen gat;
Wer aber alzit ist bereit
Ze suinden und ze schalkeit,
Und boese werk nicht miden wil,
Der ruiwe mag in nicht helfen vil.

XXXV
Von einem wolfe einem schafe und einem hirz
Von betwungnem eide

Ein wolf eis mals ze gerichte sas,
Als ich an einem bůche las.
Vil unrechtes gieng da fuir;
Der valsch dem rechte hat dui tuir
Beslossen. Das wart vil wol schin
An einem tumben schefelin.

Das wart von einem hirz beklagt
Um gelt: des was es nach verzagt;
Doch es sin unschulde bot.
Der wolf sprach: "Es tůt im not
Dem hirze;
* ich mus im des gestan;
Es sold im lang vergulten han.
Das sprich ich bi dem eide min,
Her hirz, und wer dui sache min,
Ich muest han pfenning
* oder pfant."
Do antwurt im das schaf zehant,
Und sprach zem hirze: "Ich weis wol,
Das ich uich, herre, gelten sol.
Des gebent mir ein kurzen tag,
Ich wil uich gelten an ufslag."
Das schaf sach wol und merkte das,
Das es gar uiber zuiget was,
*
Und mueste tag erwerben;
Wand es wold nicht verderben.
Wenne fuir bricht der herren zorn,
So sint du armen gar verlorn.
Wa unrecht ze rechte wirt,
Da wirt der unschuldige verirt.
Wa der richter wolf wil wesen,
Da mag der rechte kum genesen.
Das schaf hat angest unde not;
Es wart verteilet an den tot
Mit unrecht und mit valscheit.
Es sprach: "Ich swer uich einen eit,
Her hirz, das ich uich gelten wil
Was ich sol uf das selbe zil,
Das ir mir nennent. Lant mich gan!
Min eit den wil ich steten han."
Das schaf nam urloub und gieng dan;
Mit listen es dem wolf entran.
Ein schalk den andern hinder gat;

*Es tůt im not dem hirze: der Hirsch hat allerdings sein Geld nötig.
*pfenning: bares Geld.
*Das es gar uiber zuiget was: Dass es gegen seinen Gegner nichts ausrichten könne.

Recht als der fuchs mit fuchse vat.
Do der tag des geltes kan,
Der hirz das gelt vordren began.
"Bi dem eide, so du mir
Gesworn hast, soll du gelten mir,"
Sprach er. Das schaf antwurte do
Und sprach: "Her hirz, es ist nicht also.
Ich sol uich nuit. Ich wenne, ich si
Vor gote lidig unde fri.
Ich můst uich sweren einen eit,
Des ich valschlich wart an geseit.
Het ich den eit do nicht gesworn,
Der wolf het mir den lip zerzorn,
Und hette mich veressen.
Des eides sol got vergessen."

Betwungen eit sol binden nicht,
Der von rechter vorcht beschicht.
Wer dur vorcht gelübde tůt
Ane sin und ane můt,
An laster mag er da von gan,
Als ouch das schefelin hat getan.
Rechte vorcht ein steten man
Von soelkem eide entschuldigen kan.

XXXVI
Von einer fliegen und einem kalwen manne
Von schuldigem spotte

Ein flieg unstuemekliche floeg,
Ein kalwen man si dik betroug,
Dik si im an sin stirnen sas;

Sin selbers er ouch nicht vergas,
Er slug dar balde mit der hant;
Do was si snel und floch zehant.
Dui fliege spotten do began,
Das sich geslagen hat der man,
Und floug aber wider dar.
Der man nam ir vil eben war;
Er sprach: "Hoer, flieg, was ich
dir sage!
Uib ich dir dinen spot vertrage,
Und ich mich selben zechen stunt
Slage, dennoch bin ich gesunt.
Du macht nicht wol ertoeden mich;
Ist aber das ich treffe dich
Ze einem mal, so bist du tot."
Wer sich selben leit in not
Dur kleinen schaden, den er tůt,
Der mag wol han ein tumben můt.
Mang tor die ding an vachet,
Da im sin schade nachet,
Als dise fliege hat getan,
Do si sas uf den kalwen man,
Do si im tet vil kleine not,
Und gab sich selben an den tot.

Nieman dem andern schaden sol,
Er suil e sich betrachten wol,
Das er vor schaden si behůt.
Tut er das, das wirt im gůt.
Dui flieg ir spot nicht abe lie;
Als dike si dem slag engie,
Vil balde si spotten began;
Den spot muest han der kalwe man.
Toren spot wirt niemer gůt;
Doch spottent si, was ieman tůt:
Des missent si verderben,
Und gar ze spotte werden!
Ze spotte wirt vil gern der man,
Der alzit nicht wan spotten kan.
Wer alle menschen effen wil,
Der wirt vil licht der affen spil.
Niemanne tů du kleinen schaden,
Da von du grossen muessist tragen.
 
XXXVI
Von einer Fliege und einem Kahlkopf


Gar ungestüm eine Fliege flog
Und einen Kahlkopf oft betrog,
Denn oft saß sie ihm im Gesicht.

Der kahle Mann vergaß sich nicht
Und schlug nach ihr mit flinker Hand:
Da war sie schnell und floh gewandt.
Da fing zu spotten an die Fliege,
Dass sich der Kahlkopf selber schlüge,
Und flog zur alten Stelle wieder.
Kaum setzte sich die Fliege nieder,
So sprach der Mann: "Hör', was ich dir sage!
Wenn ich auch deinen Spott vertrage
Und selbst mir manchen Schlag auch gebe,
So steht es fest doch, dass ich lebe,
Denn du kannst niemals töten mich.
Ist's aber, dass ich treffe dich
Ein einzig Mal, so ist's dein Tod."

Wer selbst sich bringen kann in Not
Um kleinen Schaden, den er schafft,
Der tut wahrhaftig torenhaft.
Manch Tor die Dinge selbst beginnt,
Davon er Schaden nur gewinnt,
Wie diese Fliege hat getan,
Als sie sich setzt' auf diesen Mann:
Ihm brachte sie geringe Not,
Sich selber bracht' sie nah den Tod.

Niemand dem andern schaden soll,
Er soll sich erst bedenken wohl,
Wie er sich vor dem Schaden schütze.
Tut er danach, so ist's ihm nütze.
Die Fliege ließ ihr Spotten nie:
Kaum war dem Schlag entgangen sie,
Mit neuem Spotte sie begann,
Und tragen musst's der kahle Mann.
Der Toren Spott ist selten gut,
Sie spotten stets, was man auch tut:
Drum müssen sie verderben
Und nichts als Spott erwerben!
Zum Spotte wird gar leicht der Mann,
Der ständig nichts als spotten kann.
Wer alle Menschen äffen will,
Der wird zu leicht der Affen Spiel.










 

XXXVII
Von einem fuchse und einem storken
Von widergelte an schalkeit

Ein fuchs eis mals ein storken lůt
(Des was der stork vil wol gemůt);
Er sprach: " Vil lieber fruinde min,
Noch huite solt du bi mir sin.
Wol suillen wir noch huite leben;
Ein gros Wirtschaft
* wil ich uns geben."
Do uiber tisch der stork do kan,
Und wand ein grosse Wirtschaft han;
Der fuchs dem stork ein schalkeit bot,
Dui spise er do gar versot,
Das da nicht wan ein brůge wart.
Dui spis wart von dem stork gespart,
Er hat da nicht wan hunger gros;
Der wirtschaft in vil ser verdros.

*ein großes Gastmahl.

Der fuchs as vaste unde trank.
Der stork hat manigen gedank,
Wie er dem fuchse sin schalkeit
Vergelten moecht; wan im was leit,
Das er must hungrig dannan gan;
Das hat im der fuchs getan.

Er floug uf siner weide vart,
Da im ein yeisse henne wart.
Die wart vil schier gebraten wol;
Er macht si guter specieu vol.
Nach dem fuchse floug er do,
Und lůt in. Des wart er vil fro;
Er sprach: "Du irst mich selten.
*
Wol dan! ich wil dir gelten,
Din Wirtschaft und din spise gar,
Die du mir schanktest, ane var."
Der fuchs do vil hungrig was,
Der stork beslos bald in ein glas
Dui sinen spise die was gůt.
Des wart betruebt des fuchses můt.
Er sach dui spis, und smakt si wol;
Des wart sin lip gelustes vol.
(Wer sieht das im nicht werden mag,
Gelust in des, das ist ein slag
Und kumer in sinem herzen.)
Der fuchs leit grossen smerzen;
Vil hungrig můst er dannan gan:
Als hat er ouch dem stork getan.

*Du irst mich selten: Du kommst mir gar nicht ungelegen.

Uib der trieger wirt betrogen,
Und der lugner angelogen,
Wer mag im des? Es ist vll wol;
Nieman den andern triegen sol.
Wer truigt und luigt, der wirt unwert,
Ze keinen eren man sin gert.
Valsches triegens ist so vil,
Das mans ze rechte haben wil.
Wer truigt und luigt im selber schadet,
Wand er sin sele mit sünden ladet.
Toere mich, so effe ich dich;
Da gewinst du nicht, noch minder ich.
Wer an geverd tůt das er sol,
Dem wirt von recht gelonet wol.

XXXVIII
Von einem wolfe der vant ein bilde
Von betrogener schoeni

Ein wolf eis mals lief uiber lant,
Do er eis menschen bilde vant,
Us einem stein gesnitten wol.
Sin houbet was gezierde vol,
Sin stirne schoen, sin ougen clar;
Sin wangen waren rosenvar;
Sin munt was rot, sin kele wis;
Es was geziert uf allen pris.
Und do der wolf das bild ersach,
Vil ser erschrak er, unde sprach:
"Her got, was mag dis wunder sin!
Si es ein mensch, das tu mir schin!"
Mit disen worten und also
Gieng er hin zů dem bilde do.
Er kert es hin, er kert es har;
Doch nam er vil eben war,
Das es hat ougen, und nicht sach,
Und ouch hat munt, und nicht ensprach,
An alles werk sin hende wan;
*
Sin fuesse muesten stille stan.
Do dis der wolf wart inne,
Er gedacht in sinem sinne:
"Was sol das oug, das nicht gesicht?
Was sol der munt, der nicht enspricht?
Der sin gezierde dar an leit,
Das ist ein grosse ueppekeit.
(Sprach der wolf). Ich wene, das
Der sel gezierde stuende bas,
Dan dem libe, des ougen blint
Und oren an gehoerde sint."

*wan: waren

Dui sel den lip wol zieren mag,
Der lip der sel tůt grossen slag.
Was sol ein lip an sel, an můt?
Sin schoen ist ze nichte gůt,
Und ist, an alle gnade, gar
Ein bilde, wer sin nimmet war.
Der bilden vil uf ertrich ist,
Die noch erdenkent inangen list,
Wie si der weit gevallen wol.
Ir schin ist als ein bruinnent kol,
Der uf der stunt ze eschen wirt;
Und mist uhd wuirme ir lip gebirt.
Ir oug gesechent nicht gesicht;
Ir mund nicht gůter Worten spricht;
Ir oren ze hoeren sint bereit
Nicht wan spot und ueppekeit;
Ir hende werkent selten gůt;
Ir wort, ir werk sint unbehůt;
Ir fusse sint ze suinden snel;
Vergift ir zung ist und ir kel;
Zů allem gůt si trege sint;
Si heissent wol der weite kint
Und ein bild an bescheidenheit,
*
Als hie der wolf nu hat geseit.

*ein Bild ohne Verstand.

XXXIX
Von einem růste und pfawen
Von entlenter schoeni

Ein růst sich schouwen began,
Do was er swarz und ungetan;
Als waren ouch ander sin genos,
Doch in der swerzi ser verdros.
Er gedacht, wie das gevider sin
Mocht gewinnen liechten schin.
Uf der vart kam er zehant
Da er eis pfawen vedren vant;
Die hatten manger hande schin,
Da mit der růst dui vedren sin
Bekleit und allen sinen lip.
Do hůp sich schier ein grosser kip.
Der růst versmachte sin genos
Und ander vogel klein und gros;
Das wuirkte der entlente schin
Der vedren, die nicht waren sin.
Ir geselschaft wold er nicht me han,
Er geriet hin zů den pfawen gan;
Den wold der růst gelichen sich,
Wan sin gevider was herlich.
Wie es aber keme dar,
Des nam der pfawe vil eben war,
Das es entlente schoeni was.
Wider den růst gevieng er has.
In můte ser sin uippekeit,
Das er mit im sich hat bekleit.
Mit kraft fůr do der pfawe dar,
Den růst bestroufet er da gar,
Und zoch im us als sin gevider;
Das wuchs dem růste nie sit wider.
Er was geschant, wan er stůnt blos;
Sin spottet manger sin genos.

Ze spot er billich werden sol,
Wer uippekeit ist alse vol,
Das er von torheit des begert,
Des sin natur in nicht gewert.
So hocher berg, so tiefer tal;
So hocher er, so tiefer val.
Liebi die gekoufet ist,
Geribne varwe, valscher list,
Daran gelit kein stetekeit.
Wer sich selben uiber treit,
Der mag wol schiere nider komen.
Wir han uns dike wol vernomen,
Das arme hochvart ist ein spot;
Riche diemůt minnet got.
Wer went, das er der beste si,
Dem wont ein gouch vil nacher bi.
Het der růst nicht me begert,
Den sin natur in bat gewert,
Und het sich selben bas erkant;
Er wer als berlich nicht geschant.

XL
Von einem mule und einem bremen
Von vertragende

Wen liset von einem mule das,
Das er in einen wagen was
Gespannen, der was vast geladen,
Dennoch zoch er in ane schaden,
Wan er was gefuetert wol,
Gůtes howes was er vol.
Sin meister was im wol erkant;
Ein růten trůg er in der hant,
Er treip in vast, er mueste gan.
In dirre not ein breme kan
Geflogen herteklich. Er sprach,
Do er den mul alrerst an sach:
"Her mul, ir muessents nu har geben!
*
Verdrossen wil ich uiwer leben
Machen, das geloubent mir;
Dar uf so stat mis herzen gir.
Ir muigent mir dur nuit engan,
Unrůwe můst ir von mir han."
Nach dem gedroewe der mul uf sach,
Zů dem bremen er do sprach:
"Du swalmen-as, was ist din gir?
Wie getarst du droewen mir?
Du arme, erlose gediet,
Dich hasset als das dich gesiet.
Und twung mich nicht mis meisters not,
Din tusent muesten ligen tot.
Din kelzen wirt dir wol geleit,
Din droewen und din schalkeit,
Die du mir nu hast getan,
Wan du mich sichst gezoemet gan.
Und wer ich fri und ane bant,
Ich het ertoedet dich ze hant.
Noch můs ich dir nu vil vertragen,
Wan ich zuich mines meisters wagen."

*ir muessents nu har geben: ihr müsset euch nun alles gefallen lassen.

Noch vil der boesen schalken ist,
Die vindent mangen argen list.
Wenne wol ir schibe gat,
*
Und uibel um die guten stat.
So kont si ruissent als der brem;
Vil herte wunden gebent si dem
Mit worten, der doch wol genesen
Mag, und sicher vor in wesen.
Ir wort die snident als ein swert,
Ir werk sint boeser eren wert.
Es sin jung, alt, wip oder man,
Si muessent von dem bremen han
Und liden starker worten stral;
*
Ir schalkeit merkt man über al.

*Wenn sie im Glücke sind; eine Anspielung auf die Scheibe oder das Rad der Glücksgöttin.
*stral: Pfeile

XLI
Von einer fliegen und einer ambeissen
Von scheltworten

Ein krieg hůp sich in einer zit
Von worten, und ein herter strit.
Ein flieg ein ambeissen ersach,
Vil schalklich si do zůzir sprach:
"Gang hin, du arme creatur!
Din leben wirt dir. gar ze sur.
Du vichtes frů und spate,
Wie dich got berate
Der swachen spise so du lebst,
Dur die du zallen ziten strebst,
Als in dem siln der esel tut.
Verdrossen ist alweg din můt;
Du růwest weder nacht noch tag.
Da von sich nicht gelichen mag
Din swaches leben und das min.
Ich bin stolz, edel unde vin.
Uf der erden můst du gan;
So fluig ich uf. Wen sicht mich stan
Mit wollust uf des kuinges tisch.
Es si das fleisch oder der visch,
Das is ich ab dem teller sin.
Dar zů so trink ich klaren win
Us silber und us golde rot;
So wirt dir wasser kum mit not.
So wirt dir wasser kum mit not.
Alle wunne ist mir bereit.
Uf ir houbt mich dui kuingin treit;
So bist du in dem huffen din,
Und norest recht alsam ein swin.
Mit pfellor ist min stůl bereit;
Din hus mit dornen ist bekleit.
An wunne, an weide bin ich rich,
Din leben ist minem ungelich."

Do dise wort.du flieg gesprach,
Dui ambeis grimeklich uf sach,
Und sprach: "Swig, da verschamtes tier!
Wie getarst du dich gelichen mir?
Unscbuldig ist das leben min,
Boes und vergiftet ist das din.
Mir ist in minem huffen bas,
Den dir in des kuinges palas.
Din fliegen ist unrůwen vol;
In miner armůt ist mir wol.
Wie vil du hast, das ist dir ze klein;
Wie klein ich hab, das ist gemein
Mir und den gespilen min.
Was du solt han, das ist nicht din,
Du můst es rouben oder stielen;
Min spis wil ich vor nieman helen.
Des minen menlich mir wol gan;
Dich hassent frouwen unde man.
Nicht wan ze schaden bist du gůt,
Du trübest manges menschen můt,
Du swechest alles, das din munt
Anrůrt; da von kunt dik dui stunt,
Das man dich mit dem wadel slat,
So man mich ungeslagen lat;
Wan ich tůn niemane kein leit
Du bist vol aller bosheit."

Dis bischaft sol sin den geseit,
Die herte wort mit hertekeit
Der worten wellent gelten.
Es hebt sich dik ein schelte
Von kleinen worten. Wer das tut
Der hat nicht senftes menschen můt;
Wer nicht wil wissen wer er si,
Der schelt siner nachgeburen dri,
So wirt es im vil schier erkant;
Den gelouben gebents im in dui hant.
Ein senftes antwurt stillet zorn;
Von zorn gros fruintschaft wirt verlorn.
Zorn ist aller suinden tuir;
Wer die besluist, so gant har fuir
Dui tugende mit ir senftikeit.
Ein hertes wort das ander treit.
Ein selde fůgt der ander wol;
Ein unselde dui ändern riten sol.

XLII
Von einer ambeis und einem hoestuiffen
Von erbeit und von můssekeit

Wen spricht ein wort, und dunkt ouch mich:
W e r  s i c h  w a r n e t  d e r  w e r e t  s i c h;
Wen er ze sinen tagen kunt,
Hat er den gůt, das ist im gesunt.


Daran gedacht ein ambeis wol;
Si schikte,
* das ir hus wart vol.
Als balde do der sumer kan,
Vil vast si erebeiten began.
Ir gebein nie růwe enpfieng,
Wan das si frue und spate gieng
Werben umb ir libes nar.
Si sprach: "Da kunt ein winter har,
So man nicht vil wol werken mag.
Vil licht kunt etswen ouch der tag;
Der uit gehielt, der funde es wol.
Der wise sich fuir sechen sol
An spise. Das git im hochen můt,
Und ist ouch für den hunger gůt."
Dui ambeis erbeit unde lief,
Dui langen zit si wening slief
Des sumers; wan si wiste wol,
Wer nicht erbeitet, so er sol
Werben um dui spise sin,
Das der můs liden grossen pin.
Dui ambeis ir hus wol versach.
Si zoch sich in an ihr gemach
*
Mit ir gespilen uf die zit,
So rifen vallent unde snit.
Do kam ein hoestuiffel gerant,
Der uf dem velde nicht me vant
Siner spise. Er was in not,
Er muest von hunger ligen tot.
Er kam gestossen an dui tuir;
Dui ambeisse trat bald har fir.
Si sprach: "Her, was ist uiwer not?"
Er sprach: "Ich bin nach hungers tot.
Dar zů der rife und ouch der sne,
Die tůnt mir beide harte we.
Teil mit mir dui spise din,
Oder ich můs verdorben sin."
Dui ambeis antwurt, unde sprach
Mit grossen zuichten, do si sach
Den hosetuiffel in grossem kumer,
Der ir gespottet hat den sumer,
Und ir gros unrůwe hat gemacht,
Do si ser um ir spise vacht:
"Jungher, ir suilt da usse sin;
Uich wirdet nicht der spise min.
Ir sprungent vast und flůgent hoch,
Do ich mit erbeiten in zoch
Dui spis, die ichnu nissen sol.
W e r  w o l  t ů t  d e r  v i n t  o u c h  w o l.
Ir můst an spise hinnan gan;
Des ich mich wol verwegen han."
Sus kam der hoestuiffel in not;
Ich wenne er můst geligen tot.

*si schikte: sie sorgte dafür.
*an ir gemach: gemächlicher Ruhe.


Wer dur den sumer slafen wil,
Und den kunt uf des winters zil,
Durst und hunger můs er han;
Vil kum er es gebessern kan.
Wer muessig gat in siner jugent,
Noch stelt uf ere noch uf tugent,
Wel wunder uib dem missegat,
Wen er vor alter nicht vervat.*
Die wil das isen hitz ist vol,
Vil bald man es den smiden sol.
Die wil der schoene summer wert,
Sol man gewinnen des man gert.
Die wil der junge krefte hat
So werb um gůt: das ist min rat.

*nicht vervat: unfähig wird.

XLIII
Von einer muse und von iren kinden
Von den bieggerren

Es ist von gůti der natur,
Das meistig alle creatur
Mit flisse minnent irui kint,
Die von ir lip geboren sint;
Eine minr, dui ander me;
Ir kinden schaden tůt in we.

Ein mus mit grossem flisse zoch
Ir kint, alsam ein můter noch
Ir kinden tůt. Do das zit kan,
Das si sold um ir spise gan,
Si sprach: "Nu hoerent, mine kint!
Wel fruinde oder vigent sint,
Das mugent ir nicht wissen wol.
Das lant ist alles freissen vol;
Da volgent ir dem rate min,
Und lassent uiwer loufen sin,
Und belibent in dem hus."
Sus schiet von in dui alte mus,

Dui jungen loufen viengen an.
Si mochten sich mit nuit enthan;
Si liefen in, si liefen us.
Do kam ein hane in das hus
Geflogen mit den hennen sin.
Vil stolz was sines kambes schin;
Sin sporn im sufer stůnden an.
Dui muise wunderon began,
Wer der herre moechte wesen.
Si wanden vor im nicht genesen.
Nu fluchens hin, nu fluchens har.
Der han nam ir vil kleinen war.
Do das gestoes also zergieng,
Der hane zů der tuir us gieng
In den hof nach siner nang
Dui hennen zogten mit im dar.
Als bald do er kam fuir dui tuir,
Dui muise liefen bald her fuir.
Si wolden:gar an vorchte wesen,
Das si wan vor dein han genesen;
Des twang si ir tumber můt.

Do lag ein katze bi der glůt
Vil senfteklichen, unde slief.
Dui schar der muisen um si lief.
Si sachen al du katzen an;
Do was vil geislichen getan
Jr geberd und ouch ir schin.
Si gedachten, das mag gar wol sin
Ein senftes tier, klůg unde zart.
Do liefens uf der selben vart
Du jungen muise in und us.

Mit dem so kam dui alte mus
Geluffen us dem walde.
Dui jungen fluchen balde
Wider an du selben stat,
Do si dui alt gelassen hat.
Dui alt sprach: "Hant ir min gebot
Behalten?" — "Ja wir, samer got
(Sprachen dui jungen alle)!
Har kam mit grossem schalle
Ein kronter her mit sinen sporn;
Wir vorchten sere sinen zorn,
Und fluchen bald in unser hus." -
"Neina (sprach dui alte maus),
Er tůt uich nicht. Er lat uich gan;
Ir muigent vor im wol gestan".
Dui jungen sprachen aber do
(Des wart dui alte nicht vil fro):
"Wir sachen bi den fuire
Ein tierli was gehuire
Es hat gar geislichen schin.
Sin houbet uf dui fůsse sin
Hat es geneiget unde slief.
Wen unser keine zůzim lief,
Dar umb es nie geruete sich."
Dui alte sprach: "We mir, das ich
Ie wart geborn! Arme gediet,
Erkennent ir dui katzen niet?
Der groste vigent, den wir han,
Das ist dui katze. Lassent stan,
Und fliechent, als liep uich si das leben!
Ir senftes bilde kan wol geben:
Uich der gallen bitterkeit.
Fliechent ir nicht, es wirt uich leit."

Dis bischaft hoeret wol die an
(Es sin frouwen oder man),
Die lebent uf der erde
Also, das ir geberde
Und ir werk sint ungelich.
Wer mag vor den gehuiten sich?
Boese werk, geberde gůt
Triegent manges menschen můt.
Es gat dik der in schafes wat
Der eines wolfes herze hat,
Den an den warten nieman,
Wan an den werken erkennen kan.
Es treit mang mensch eis engels schin,
Und hat doch tuivelichen sin.
Der ist als ein besniter mist,
Der innan ful und smekent ist;
Und ist ein grap gemalet wol,
Das inwendig ist wuirmen vol.

Ein ufrecht leben, das ist gůt.
Wer sich vor suinden hat behůt,
Und wort und werk geliche sint,
Der mag wol werden gotes kint.



 
XLIII
Von einer Maus und ihren Kindern


Es schuf die gütige Natur,
Dass meistens alle Kreatur
Den Kindern ist in Lieb' ergeben,
Die sie gebar zu Licht und Leben -
Die eine mehr, die andre minder.
Sie schmerzt der Schaden ihrer Kinder.

Mit Fleiß zog eine Maus heran
Ihre Kinder, wie's nicht besser kann
Die Mutter. Einstmals musst' die Maus
Auf ihre Nahrung ziehn hinaus.
Da sprach sie: "Liebe Kinder mein,
Wer Freund, wer Feind euch könnte sein,
Das könnet ihr nicht wissen wohl.
Das Land ist aller Fährnis voll;
Drum folget nur dem Rate mein
Und lasset euer Laufen sein
Und bleibet ruhig hier im Haus."
Damit ging weg die alte Maus.

Die Jungen regten sich alsbald,
Es gab bei ihnen keinen Halt,
Sie liefen ein, sie liefen aus.
Da kam hinein ein Hahn ins Haus
Geflogen mit den Hennen sein.
Gar stolz war ihm des Kammes Schein,
Die Sporen standen nett und fein.
Ihn staunten an die Mäuselein,
Was für ein großer Herr das wär'.
Die glaubten sich in Fährnis schwer
Und flohen hin und her im Raum.
Der Hahn beachtete sie kaum.
Und als vorbei der Mäuse Rennen,
Da zog hinaus mit seinen Hennen
Der Hahn, um sich nach seiner Weise
Im Hof zu suchen seine Speise.
Die Mäuse liefen schnell herfür,
Als er kaum wieder vor der Tür;
Sie wollten nicht in Furcht mehr schweben,
Da sie der Hahn ja ließ am Leben;
Dazu trieb sie ihr Torenmut.

Da lag eine Katze bei der Glut,
Sänftiglich anzuschaun, und schlief.
Der Mäuse Schar sie schnell umlief
Und sahen sich die Katze an:
Da schien gar geistlich angetan
Ihr Wesen und ihr äußrer Schein.
Sie dachten da: »Das mag wohl sein
Ein sanftes Tier, gar klug und zart.«
So liefen denn in einer Fahrt
Die jungen Mäuse ein und aus.
Indem kam auch die alte Maus
Gelaufen aus dem Walde.
Die Jungen flohen balde
Zurück zu ihrem Platz im Haus,
Wo sie verließ die alte Maus.

Die Alte sprach: "Habt mein Gebot
Behalten ihr?" — "Jawohl bei Gott!"
So sprachen schnell die Jungen all.
"Her kam mit großem Lärm und Schall
Und Sporen ein gekrönter Herr;
Vor seinem Zorne bangt's uns sehr,
Drum flohen wir schnell in unser Haus."-
"O nein!" hub an die alte Maus,
"Der tut euch nichts, der lässt euch gehen,
Vor ihm könnt ihr sehr wohl bestehn."
Die Jungen sprachen weiter so
(Des ward die Alte wenig froh):
"Wir sahen bei des Feuers Glut
Ein Tierlein, das war lieb und gut;
Es schien gar geistlich uns zu sein:
Das hatte auf die Füße sein
Den Kopf hinabgeneigt und schlief.
Wenn unser eine zu ihm lief,
So rührt's in keiner Weise sich."
Die Alte sprach: "O weh, dass ich
Geboren ward! Ihr arm' Geschlecht,
Erkennt ihr nicht die Katze recht?
Der größte Feind, den je wir sehn,
Das ist die Katze. Lasst sie stehn
Und flieht, wenn lieb euch ist eu'r Leben!
Ihr sanftes Bild kann euch noch geben
Dereinst der Galle Bitterkeit.
Wenn ihr nicht flieht, so wird's euch Leid."

Dies Beispiel geht die alle an -
Sie heißen Weib, sie heißen Mann -
Die so ihr Leben richten ein,
Dass ihres Wesens äußrer Schein
Und ihre Werke ungleich sind.
Wer ist's, der Schutz vor ihnen find't?
Böse Werke, gute Gebärden
Noch viele Menschen täuschen werden.
Im Schafskleid schleichen allerwärts
Viel' Leute mit des Wolfes Herz,
Die nicht an ihren Worten man,
An den Werken
* nur erkennen kann.
Manch Mensch erscheint ein Engelsbild,
Der doch von Teufelssinn erfüllt.
Der ist wie ein beschneiter Mist,
Der innen faul und stinkend ist;
Der ist ein Grabmahl, wohl bemalt,
*
Drin Würmer wimmeln mannigfalt.

Aufrichtig leben nur ist gut.
Wer sich vor Sünden hält in Hut,
In Werken gleich bleibt und Gebärden,
Der kann ein Gotteskind wohl werden.

*Matthäus Evangelium Kap.7 Verse 16-20
*Matthäus Evangelium Kap.23 Verse 27-28

XLIV
Von tieren und dem gefuigel
Von unstetikeit

Eis mals, als ich neh sagen wil,
Erhůp sich unfridens vil;
Dui tier sprachen, in wer gegeben
Dui erde, uf der si soldin leben,
Und werben um ir spise.
Recht in der selben wise
Dui erde sprachen dui vogel an;
Si soeldin luft und erde han,
Die beidi het in got gegeben.
Dar um wolden si beid ir leben
Wagen, dui vogel und dui tier.
Ein hertes urlig wart vil schier
Erhaben, wer da hette recht.
Dar kamen riter unde knecht;
Der streit ward stark, gros unde hert.
Do hettin sich vil gern erwert
Dui vogel; doch ein wank geschach
*
An inen. Do das erst ersach
Ein fledermus, si lies ir schar
Und flog hin zu den tieren dar.
Si sast sich wider ir gediet,
Als ir, ir zages herz geriet.
Si floch, do man ir dorfle wol;
Des wart si billich lasters vol.
*
Der adlar do gestossen kan;
Vil vast schrei er du vogel an.
Er gap in herze unde můt,
Als noch vil dik der keke tut.
Dui vogel sigten, das beschach;
Den tieren von leide ir herze brach,
Das si den aker muesten lan.
Dui fledermus geflogen kan
Wider ze der vogel schar.
Dui vogel fůren balde dar,
Und machten blos dui fledermus,
Und stiessen si vil schalklich us.
Dar zů wart ir bůs gegeben,
Das si des nachtes sold ir leben
Spisen, und ouch fliegen sol.

*ein wank geschach an inen: sie kehrten den Feinden den Rücken.
*wodurch sie von Rechts wegen alle Ehre verlor.

Der zweien herren dienet wol,
Das si es beide muessent han
Vergůt, der můs vil frů ufslan.
Wer den sineri von vorchten lat,
Wel wunder, uib dem missegat.
Wel mensche als unstete ist,
Das er durch sinen argen list
Sin fruinde lasset an der not,
Der sol von schamen werden rot.
Wer den vigenden geslat,
Und dui inren burger lat,
*
Der sol billich verderben.
Und ane eren sterben:
Als dise mus hie hat getan;
Des můs si iemer blos gestan
Ane er, an rat, an wirdekeit.
Ir ist nicht vil, den das si leit.

*Und diejenigen, die mit ihm in der Burg sind, verlässt.

XLV
Von einer wisel die wart gevangen
Von dienste ane willen

In einem hus ein wisel gieng
Eis mals, die vil der muisen vieng.
Si kam ze jungest uf dui vart,
Das ouch si gevangen wart.
Als balde do si das ersach,
Zů dem wirte si do sprach:
"Wirt, du solt mich lassen gan,
Und solt mich billich leben lan;
Wan ich hab verdienet wol,
Das man mich nicht toeden sol.
Nim war, wie reine si din hus!
Hie louft kein ratte noch kein mus.
Wirt, du solt mir ze lone geben,
Das du mich gerne lassest leben.
Gedenk an alle min erbeit!
Ze dienste wil ich dir sin bereit."
Der wirt der sprach: "Es ist wol war,
Du hast min hus gereinet gar
Von muisen und von ratten gros,
Der mich ouch selber dik verdros.
Das tet du um dui spise din,
Und nicht dur den willen min.
Du woldest m i r nicht nuitze wesen.
Dur das d u moechtist wol genesen,
Viengt du dui muise, die vigent din
Beide waren unde min.
Dur dinen frasheit tet du das;
Dur das du moechtist desle bas
Allein essen dui spise min,
Du woldest ane gemeinder sin.
War umbe soeldist du genesen,
Sit du min vigent bist gewesen?
Du hast verhoent
* min fleis, min brot;
Dar umbe must du ligen tot."
Das konde dui wisel nicht versagen,
Da von must si den zorn vertragen.
Ane willen si gedienet hat;
Si wart ertoedet uf der stat.

*verhoent: verderbet

Der gůte werk ane willen tůt,
Wie mag das iemer werden gůt?
Gůt wille zieret werk und wort,
Gůt wille verdienet des lones hort.
Dui wisel hat nicht willen gůt,
Wie si gediende; wan ir můt
Was, wie si wol mocht genesen,
Und ouch ir spise sicher wesen.
Ir boeser wille verhonde das,
Das doch dem wirte nuitze was.
Gůt wille klein werk machet gros,
Gůt wille stat nicht lones blos.
Wa gůter wille ist ane spot
*
Und gůte werk, die lobet got.

*ane spot: mit aufrichtigem Herzen.

XLVI
Von einem froes und einem ochsen
Von uibermůte

Ein froes mit sinem sune kan
Eis mals gesprungen uf den plan,
Da er ein grossen ochsen sach;
Des kam der froes in ungemach.
Er sprach: "Got her, was sol ich dir
Darumbe danken, das du mir
Hast ein als swachen lip gegeben?
*
Dar zů, versmacht ist gar min leben
Vor mangem tier, die grosse sint,
Als ouch dis gegenwuirtig rint."
Der froes het gern gelichet sich
Dem ochsen; vaste blat er sich.
Do sprach sin sun: "Trut vatter min,
Es hilft nicht. La din biegen sin!
Du macht nicht wol dem wider streben,
Das din natur dir hat gegeben."
Dar umb wold er nicht abe lan,
Sin hochvart wold er fuir sich han.
Zem andern male blat er sich
Vil vast, und sprach: "Moecht ich gelich"
Dem grossen ochsen werden,
So beschach mir uf der erden
Nie so liep, uf minen eit."
Der sun sprach: "Vatter, mir ist leit,
Das du dich marterst ane not.
Ich vorcht, du werdest ligen tot.
Du macht wol komen um den lip.
Volg mir! Las ab dis herzen kip!
Trut vatter, volg dem rate min,
Und las din uippig biegen sin!"
Der alte sprach: "Es ist ein spot!
Ich tůn es nicht, so helf mir got!
Ich můs gros werden als das rint;
Des hant ere alle mine kint."
Er blate sich, unz er zerbrach.
Het er gehebt sin gůt gemach,
Licht wer im nicht also geschechen.

*ein als swaclien lip: einen so unansehnlichen Leib.

Wen hat es dike me gesechen,
Wer mer eren wolde,
Den er begeren solde,
Das dem vil ze wening wart.
Wer mit vergifter hochvart
Gebleget ist, das ist nicht gůt.
Uf nit, uf has so stat sin můt.
Der ob im ist, das ist im leit;
Dem undern er dur mit vertreit;
Der geliche můs han sinen has.
Im ist vil leit, mag ieman bas
Den er. Da von so were wol,
Das al sin lip wer ougen vol,
Der nidig ist; dur das er seche,
*
Wa kein gůt iemane gescheche,
Da von er würde blastes vol,
Das er zerklachte (das wer wol!)
Und das gescheche in kurzer frist,
Als disem froes geschechen ist.

*Wo irgend etwas gutes jemand widerfährt.

XLVII
Von einem loewen und einem hirten
Von angedenkunge dienstes


Der hunger einen loewen twang,
Das er lief uf der tieren vang;
Um sine spise das geschach.
Des kam er in gros ungemach.
In sinen fůs stach in ein dorn;
Sin bein geswal, und wart ersworn
Sin fůs. Er leit gros erebeit
Von dem dorn, als man uns seit
In dem fůsse beleib der dorn,
Und tet im we. Das was im zorn.
Er kond im selber usser not
Gehelfen nicht. Der fůs was tot;
Dui andern muesten stille stan.
Er lief nicht; er mocht kume gan.
Des loewen smerze der was gros,
Des dornes in vil ser verdros.
Er wist nicht was er solde tůn,
Noch minre den ein toubes hůn.
*
Wer nicht ist siech, noch siech nie wart,
Der sůche enkeinen artzat.
Doch der loewe kam in den můt,
Da er gedachte, was im gůt
Ze sinem siechtag moechte wesen,
Das er moecht an dem fůs genesen.
Wer siech ist, der gelernet wol.
Kleine, wunden nieman sol
Versmachen (secht, das ist min rat);

Wand in vil dike missegat.
Den loewen lerte sin natur
Und ouch sin wunde, die was sur,
Das er eis artzattes begert;
Des wart er vil schier gewert.
Er kam da er ein hirten vant,
Von dem der loew wart bald erkant.
Der hirt wand komen um sin leben;
Dui schaf wold er im gerne geben,
Dur das er in nicht leite tot.
Und do er was in dirre not,
Der loew gebarte senfteklich;
Des wart der hirte froeden rich.
Er zoegt dem hirten sinen fůs
Dar umbe, das im wurde bůs
Und heil an sinem fůs getan.
Der hirt geriet sich bald entstan,
Das der loewe ware wunt,
Und siech; das wart dem hirten kunt.
Den dorn er in dem fůsen sach,
Da von der loew hat ungemach.
Den zoch er us mit siner hant;
Der loew genesen was sehant
Do dui sache hin geleit,
*
Sines smerzen, do wart er gemeit.
Sinen artzat er schouwen began,
Sin bild er in sin herze nam;
Und saste das in sinen můt,
Wie er vergelten mocht das gůt,
Das im der hirte hat getan.
Noch stat wol, das ein biderb man
Dur keine sache vergessen sol,
Wer im tůt uibel oder wol.
Der loewe froelich dannan gie,
Den hirt er bi den schafen lie.

*ein toubes hůn: ein unfähiges Huhn.
*Da die Ursache seines Schmerzes behoben war,
  wurde er froh.

Dar nach nicht lange wart gespart,
Wan das der loew gevangen wart.
In viengen roemer, als man seit.
Mit grossem schalle wart er geleit
In einen palas, der was gros.
Vil sicherlich man in beslos
Zů andern tieren freissam.
Mit der spis, die in gezam,
Alle tag spist man dui tier.
Was man in gap, das was vil schier.
Von den tieren veressen gar.

Dar nach uiber manig jar
Der selbe hirt gevangen wart,
Der den loewen hat ernart
An sinem fůsse. Der selbe man
Hat grosses schaden vil getan;
Dar umb verteilet wart sin leben.
Ze spis wart er den tieren geben,
Die solden in veressen.
Der loew hat nicht vergessen
Des gůtes, so im was beschechen.
Den man geriet er vast ansechen.
Er sach, das er der selbe was,
Der im des half, das er genas.
In todes vorchte stunt der man.
Der loewe senftekliche kan
Zůzim gegangen. Uf der stunt
Kuist er den hirt an sinen munt;
Er neig im mit dem houbte sin,
Und tet im ganzer truiwe schin,
Mit dem sweife er von im treib
Die andern tier, das er beleib
Lebent. Dis sachen roemer an,
Beide frouwen unde man.
Si wundert, was es moechte wesen,
Das der hirt ie mocht genesen.
Der hirt der seit in uf der stunt,
Wie der loewe was worden wunt,
Und wie er im den dorn us zoch.
Dar an gedacht der loewe noch.
Des loewen truiw half usser not
Dem hirten; wan er were tot
Mit rechter urteil da gewesen.
Dui roemer liessens beide genesen,
Da si das grosse wunder gesan,
Und liessens beide dannan gan.
Vil froelich do der hirte wart;
Der loew zogt ouch uf sine vart.

Alte truiwe die sint gut,
Si troestent manges menschen můt.
Das sol nicht verre ab herzen sin
Das verre ist ab der ougen schin.
An dienst man lang gedenken sol.
Dienst tůt getruiwen herzen wol.
Der alte fruint ist dike gůt;
Der alte vigent schaden tůt.
Wer dienstes gar vergessen wil,
Es wirt gůt rat, uib dem nicht vil
Gedienet wirt. Es ist nicht halbs.
Verlorn, das man im tůt, wan als.
Undankberi wirt niemer gut,
Si treit uf ir den laster-hůt.
Wande der loewe dankber was,
Des genos der hirte, das er genas;
Und wer er dankber nicht gewesen,
So wer sin artzat nicht genesen.
 
XLVII
Von einem Löwen und einem Hirten
Gedankter Dienst

Der Hunger eines Löwen zwang,
Dass er ausging auf der Tiere Fang
Und seiner Nahrung eilte nach:
Da kam er in groß Ungemach:
Er trat sich einen Dorn ins Bein,
Der Fuß schwoll an, und er litt Pein
Und Schmerzen und ward arg gequält
Vom Dorn im Fleisch, wie man erzählt.
In seinem Fuß saß fest der Dorn
Und tat ihm weh; das war sein Zorn.
Nicht konnt' er selber aus der Not
Sich ziehn. Der eine Fuß war tot,
Die andern mussten stille stehn.
Er lief nicht, kaum dass er konnt' gehen.
Des Löwen Schmerzen waren groß,
Der Dorn im Bein ihn arg verdross;
Nicht wusst' er, was er sollte tun,
Nicht minder als ein taubes Huhn.

Wer nie ward siech, nie Siechtum hat,
Der braucht auch keines Arztes Rat.
Jedoch der Leu in klugem Mut
Bei sich bedachte, was ihm gut
Wohl könnt' in seiner Krankheit sein,
Dass er könnt' an dem Fuß gedeihn. -
Solang man krank ist, lernt man wohl.
Geringe Wunde niemand soll
Verachten – das ist guter Rat -
Da sie oft böses Ende hat. -
Natur gab es dem Löwen ein,
Und auch der Wunde Schmerz und Pein,
Dass er nach einem Arzt begehrte;

Ein Zufall schnell ihm den gewährte:
Alsbald er einen Hirten fand,
Der auch den Löwen bald erkannt.
Der Hirt wähnt', ihm ging's ans Leben,
Er wollt' ihm seine Schafe geben,
Dass ihm der Leu nicht sollte töten.
Und als der Hirt in solchen Nöten,
Der Löwe fein und sanft gebarte;
Voll Freuden das der Hirt gewahrte.
Dem Hirten zeigt' er ohne Weilen
Den Fuß; er dacht' er könnt' ihn heilen
Und lindern seiner Schmerzen Pein.
Nicht lange konnt' im Zweifel sein
Der Hirte, dass der Löwe wund
Und siech; das ward gar bald ihm kund;
Den Dorn im Fuß er bald ersah,
Davon dem Löwen Schmerz geschah.
Den Dorn zog er mit seiner Hand
Ihm aus, der Löwe Heilung fand
Und als ihm so der Schmerz gestillt,
Da ward der Leu von Freud' erfüllt,
Den Arzt betrachtete er mild
Und schloss sich in das Herz sein Bild
Und still bedachte im Gemüte,
Wie zu vergelten dessen Güte,
Der also wohl an ihm getan.

Das gilt noch heut': der Biedermann
Vergesse niemals, wer ihm tut,
Und niemals, wer ihm übel tut!
Gar fröhlich zog der Leu hindann,
Bei seinen Schafen blieb der Mann. -

Danach nicht lange Zeit verging,
Bis man den stolzen Löwen fing:
Man sagt, dass Römer ihn gefangen.
Sie brachten ihn mit großem Prangen
Nach einem Hause weit und groß,
Darin man ihn ganz sicher schloss
Zu andern wilden Tieren ein.
Jedwedem ward die Speise sein
An jedem Tag nach seiner Art.
Was man den Tieren gab, das ward
Von ihnen aufgezehrt im Nu. -

Nach langen Jahren trug sich's zu,
Dass man gefangen nahm den Mann,
Von welchem Heilung einst gewann
Der Löwe, denn derselbe Mann
Hatt' Frevel mancherlei getan:
Darum sprach man ihm ab das Leben.
Zum Fraß den Tieren ward er gegeben,
Dass sie ihn sollten fressen.
Der Leu hatt' nicht vergessen
Der Wohltat, die ihm war geschehn.
Den Mann begann er anzusehn;
Er sah, dass es der Mann gewesen,
der ihm verhalf, dass er genesen.
In großer Furcht stand da der Mann;
Der Löwe kam zu ihm heran
Gar sanft gebarend, und zur Stund'
Küsst' er den Hirten auf den Mund,
Sich mit dem Haupte ihm verneigte
Und seinen Dank ihm so erzeigte.
Mit seinem Schweif er von ihm trieb
Die andern Tiere, dass er blieb
Am Leben. Dieses sah mit an

Der Römer Schar, so Weib wie Mann!
Sie fragten staunend, wie das käme,
Dass er ihm nicht das Leben nähme.
Der Hirt erzählte da zur Stunde,
Wie einst der Leu bekam die Wunde
Und wie er ihm den Dorn auszog;
Des dächte heut' der Löwe noch.
Des Löwen Treu' half aus der Not
Dem Hirten, der dort sonst den Tod
Nach Recht und Urteil musst' erleiden.
Die Römer schenkten ihnen beiden
Das Leben, als sie das Wunder sahn,
Und ließen beide ziehen hindann.
Gar froh der Hirte wieder ward,
Der Leu zog wieder auf die Fahrt.

Alte Treue bleibet gut,
Sie tröstet manches Menschen Mut.
Was ferne von der Augen Schein,
Soll nicht dem Herzen ferne sein.
An Dienste stets man denken soll,
Dienst tut getreuen Herzen wohl.
Der alte Freund ist immer gut,
Der alte Feind oft Schaden tut.
Wer Dienste ganz vergessen will,
Dem recht geschieht, wenn man nicht viel
Ihm dient, denn nicht der halbe – nein!
Der ganze Dienst muss nutzlos sein.
Undankbarkeit ist nimmer gut,
Sie trägt am Haupt den Lasterhut.
Dankbar ist der Leu gewesen,
Sonst wäre nie der Hirt genesen;
Doch wär' er undankbar gewesen,
So wär' sein Retter nie genesen.

 

XLVIII
Von dem ritten und von der flo
Von uibrigem gemache

Ein ritte begegent einer flo
Eis mals, do war si nicht gar fro.
Si hat ein uibel nacht gehebt,
Und hat vil herteklich gelebt;
Als was dem ritten ouch beschechen.
Beide gerieten si verjechen
Ein andren, nach dem grůs, ir not.
Dui flo sprach: "Ich bin hungers tot.
Miner spise wand ich sicher sin.
Ich sprich es uf dui truiwe min,
Her ritte, das ich dise nacht,
Nicht anders tet wan das ich vacht;
Das mich gar kleinen doch vergieng.
Ich sag dir, wie es mir ergieng.

Ze einem kloster dar kam ich
Gesprungen, da ich wande mich
Wol spisen, da mir misselang.
Uf ein hoches bette ich sprang,
Das was gebettet zarteklich
Der eptischin. Die was gar rich;
Das schein an ir geberde wol,
Aller klugkeit was si vol.
Do si des abends nider gieng,
Und sich an ir gemach enpfieng,
Vii gern ich het min spis genomen.
Si wart gewar, das ich was komen
Us der guter an den lip.
Si schrei: — Irrnendrut, belip
Nicht lange! Kum her wider in!
Mich bist neiswas. Was mag das sin?
Hast du nicht ersechen wol
Dui linlachen? Truiwe, ich sol
Dir zuirnen; das geloube mir.
Zuind bald das liecht! Las lingen dir!
Ich floch vil balde (sprach dui flo);
Das ich entran, des was ich fro.
Und do das licht erloschen wart,
Do kam ich uf der selben vart
Wider uf das bet als e.
Aber schrei dui frouwe: O we!
Wie stat es um das bette min?
Entzuind das liecht! Was mag dis sin?
Da floch ich bald. Es tet mir not;
Wer ich begriffen, ich wer tot.
Das triben si dui langen nacht;
Mir wart da nicht, was ich gevacht.
Des bin ich hungrig unde las;
Got welle, das mir bescheche bas."

Der ritte sprach: "Nu la das sin!
M i n nacht ist als boes als dui din
Gewesen, Mir ist nicht vil bas
Gesin den dir; geloub mir das.
In ein hus ich gester kan.
Ein wip ich marteron began;
Ich erschotte ir gelider
Krefteklich; do sas si nider
Bald, und sot ein starken bri,
Und as. Do stůnt ein zuiber bi
Mit wasser, des trank si genůg.
Ein buiten si har fuir do trůg.
Vol tůchen, die si solde
Weschen, und enwolde
Mir kein růwe lassen.
Si hat mich gar verwassen.
*
Si růwe nie dui langen nacht;
Mit unrůwe si se re vacht.
*
Si statet mir gros ungemach.
Des morgens, do der tag uf brach;
Den zuiber uf ir houbt si nan,
Und zogte zů dem bach hin dan,
Und spuelt ir tůch. Das tet mir we;
Ich mocht da nicht beliben me;
Ich bin gemartert jamerlich.
Wir suillen wechselen, das rat ich,
Unser herbrig beide,
Und morn, bi unserm eide,
Suillen wir har wider komen
Und suillen schaden unde fromen
Ein andren beide hie verjechen."
Dui flo sprach: "Das sol beschechen!"

*verwassen: verflucht
*Voller Unruhe lief sie immer umher.

Der ritte bald uf sin gewin
Zogte zů dem kloster hin.
Und erschuit der eptischin ir lider.
Ir jungfrouwe half ir balde nider;
Si wart gedeket harte wol.
Ir kemnate was rates vol.
Si sprach: "Min rugge und ouch min bein
Die ridwend vast. Ein ziegel- stein
Solt du mir machen balde heis;
Und wuirde mir ein sanfter sweis,
Ich moecht vil lichte wol genesen.
Ouch hab ich selbe das gelesen,
Das man dui fuesse riben sol
Mit essich und mit salze wol.
Roswasser sol man balde haben,
Da mit sol man min houbet laben;
Das zuicht us boese hitze.
Acht eben, wenne ich switze,
So nim den belz und deke mich.
La nieman in, des bit ich dich,
Das der sweis nicht erwinde.
Sag ouch dem gesinde,
Das si alweg sin bereit
Ze tůnde bald als man in seit.
Du solt ouch gewarnet sin,
Das man mit flisse huete min
An tranke und an spise.
Ein můs von einem rise
Mit mandel-milche wol bereit
Das mache; das si dir geseit.
Zuker-violet solt du dich
Warnen; das erkůlet mich,
Und mag des bas ze stůle gan.
Ein granat-epfel solt du han,
Der mir erfrische minen munt.
Ich danken dirs, wirt ich gesunt."

Des ritten wart enpflegen wol;
DuI flo was den noch hungers vol.
An du herbrig kam si hin,
Da e der ritte was gesin,
Da ir do vil gůt gemach
Von der wescherin geschach.
Si hat ir tůch getruiknet wol.
Ir hus was armůte vol;
Wirtschaft was da tuire.
Si saste sich zů dem fuire,
Und as das si do moechte han.
Dar nach si slafen began;
Uf ir strou-sak leit si sich do.
Des wart gemeit dui hungrig flo.
Du frouw lag stille unde slief;
Dui flo uf unde nider lief.
Dui spis ir nieman werte;
Si hat des si begerte
Dui langen nacht. Des morgens frů
Kamen si ze samen dů
Beide, der ritte und ouch dui flo.
Ir herbrig waren si vil fro.
Der ritte sprach: "Mir ist gar wol!
Dui eptischin mir betten sol
Atzechen wuchen oder me."
Do sprach dui flo: "Mir ist ouch nicht we
Uf dem strou-sake beschechen.
Wen sol mich disen sumer sechen
Uf dem strou-sake wesen fro."
Von einander schieden si do.

Wer dem siechtag losen wil,
Dem mag sin werden wol ze vil.
Wen spricht,das uiberig gemach
Gesunde luite machet swach.
Nach sinen statten wirt der man
Siech dike, als ich vernomen han.
Mit ernst dui wescherin vertreip
Den ritten, der doch lang beleip
Bi der klugen eptischin;
Des mus er iemer selig sin.

XLIX
Von dem habek und der kra
Von dem der sinen vigent spiset

Ein habek hat genistet hoch
Uf einem boume, da er zoch
Alle jar sin jungen frucht.
Nu hatte bi der selben zucht
Nicht verre ein kra ir nest gemacht.
Da hůp sich gros gevatterschaft.
Dui kra hat not und erebeit
Um swache spis. Das was ir leit.
Kever unde wuirme,
Und ander mang geluirme
Was ir spis. Do sach si wol,
Das ir gevattern nest was vol
Gůter spise manigvalt.
Was das velt hat und der walt,
Es werin tier oder vogellin,
Das bracht der habk den kinden sin.
Do das dui trege kra ersach,
Ze ir gemacheln si do sprach:
"Hoer mich, truter bůle min!
Das wir sin trege, das ist wol schin.
Kein vogel kunnen wir gevan;
Des muessen dike wislos stan
Unser nest und unser kint.
Eis dinges hab ich mich besint,
Das unser nest wirt spise vol.
Ist das es dir gevellet wol,
Ich wil dem habk sin eiger steln,
Und brueten us (das solt du heln);
So werdent edel unser kint
Und frech als ouch dui hebke sint,
Und wirt unser geslechte gros,
Und werden niemer spise los,
Und wirt erhoechert unser můt."
Do sprach der man: "Es dünkt mich gůt."

Si stal dem habk sin eiger do;
Des wart dui kra dar nach unfro.
Der habek wart sin inne,
Und gedacht in sinem sinne:
"Als bald dui kra du eiger din
Gebruetet us, so wirt wol schin,
Das si ir selber hat bereit
Kumer, not und erebeit."
Dui kra sas uf den eigern do,
Ir gemuete stůnt vil ho.
Der habek floug hin unde har,
Der kra nam er vil eben war.
Er sprach: "Got grues dich, vetterlin;
Was ist das gewerbe din?" —
"Ich brůt min eiger (sprach du kra),
Als min geslecht tut anders wa." —
"Nu sitze stille, und bruete wol.
Wen es har fuir kunt als es sol
Das du bruetest, so wirt wol schin
Din brueten, trut gevetlerlin.
Nie wart so klein gespunnen,
Es kern etswenne ze sunnen."

Do dui kra us gebruetet hat,
Den jungen hebken uf der stat
Muesten si als vil spise geben,
Das gros unrůwe hat ir leben,
Beide das wib und ouch der man.
Dui kreien můsten erbeit han,
Wie si dui hebk gespistin wol;
Des wart ir herze sorgen vol.
Do ir gevider wart bereit,
Do hůp sich not und erebeit.
Dui kra rnocht in nicht spise geben,
Des mueste si verliern ir leben.
Dui jungen hebke griffens an;
Vil lut dui kra schrigen began,
Si schrei, das ir der walt entsprach.
Do das der alte habk ersach,
Er sprach: "Was ist dir, vetterlin?" —
"Ich hab verlorn das leben min;
Das hant mir mine kint getan,
Die ich mit not erzogen han."
Der habek sprach: "Es ist mir leit,
Ich hab dirs dike vor geseit.
Dir selber hast du dise not
Gebruetet und den grimmen tot.
Vermitten besser wer gesin.
Sus starb dui arme brueterin.

Es ist noch billich unde recht,
Wer erhochen wil sin geslecht
Uiber das, das es sol wesen,
Das der kume mag genesen.
Wer sinen vigent spisen wil,
Missegat dem, das ist nicht wunders vil,
Wer geret des er nicht sol han,
Der dunket mich ein touber man.
*
Es vichtet manger umb das gůt,
Das im vil grossen schaden tůt.
Es bruetet manger sinen tot.
Der ochse sprach ouch: "Dise not
Hab ich mir selber nu getan,"
Do er muost vor dem wagen gan,
Und selber us fůren den mist.
Der ochsen nach vil manger ist.
Wer im selben schaden tůt
Von hochvart, das wirt niemer gůt.

*ein touber man: ein albener Mensch.

L
Von einem loewen und von einem rosse
Von valschem růme

Ein loewe eis mals gegangen kan
Von hungers not uf einen plan,
Und suchte sine spise;
Ouch ist er nicht unwise,
Der umb sin spis wol werben kan.
Der loewe sach ein pferit gan
Uf der wise; des wart er fro.
In sinem můte gedacht er do,
Wie er es moecht betriegen,
Und begonde valschlich liegen.
Do er das ros alleine sach,
Vil senfteklich er zůzim sprach:
"Got grůs dich, trut geselle min!
Din gůter artzat wil ich sin.
Ich mag dich erneren wol;
Hocher kuinste bin ich vol.
Was dir beschicht, das klage mir;
Ich mag es wol gebessern dir."
Das ros das sach den loEwen an,
Sin schalkeit es merken began.
Ze gelte was es im bereit,
Und sprach: "Ich lide gros erbeit.
In minen fůs stach mich ein dorn,
Da von ist mir das bein ersworn.
Eis arlzates hab ich begert,
Des hat mich got an dir gewert;
Du bist har komen mir ze trost.
Ich danken dirs, wirt ich erlost
Von minem siechtag, der ist gros."

Der rede den loewen nicht verdros.
Er sprach: "Buit har mir dinen fůs!
Ich tun dir alles gebrestep bůs."
Das pfert do sprach: "Loew, nu gang har,
Und nim des dornes eben war!
Und wirt ich an dem fůs gesunt,
Ich wil dir geben tuseng pfunt."
Der loew ein valscher artzat was;
Das ros mit schalkeit galt im das.
Und do der loew zem rosse kan,
Und er es wold ertoedet han,
Das pferit schalkhaft was genůg,
Mit dem fůs es den loewen slůg
An sin stirnen, das im geswant,
Und floch von im. Do was geschant
Der valscher artzat. Das was wol;
Wan er was aller schalkeit vol.
Und do der loewe wider kan
Zim selber, das er mochte gan,
Und er das pferit nicht ensach,
Vil ruiwekliche er do sprach:
"Ich můs es in der warheit jechen,
Al recht ist mir nu beschechen.
Schalkeit was min herze vol;
Der ist mir nu gelonet wol."

Wer das seit, das nicht enist,
Und luigt, das ist ein swacher list.
Ein schalk den andern schelken sol.
Wel mensche trugenheit ist vol,
Den sol man triegen: das ist recht;
Sin wort sint krumb, sin werk nicht slecht.
Wer das wil sin, das er nicht ist,
Sinr listekeit im licht gebrist.
Es ruemt sich manger grosser kunst,
Der doch vil kleinen hat vernunst.
Der loewe wold ein artzat wesen,
Doch wold das ros an in genesen.