Buch 1
   
 

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Fabelverzeichnis

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Buch 2



Index
 
Die Nachtigall und die Lerche
Der Zeisig
Der Tanzbär
Die Geschichte von dem Hute
Der Greis
Das Füllen
Chloris
Der Kranke
Der Fuchs und die Elster
Das Land der Hinkenden
Inkle und Yariko
Der Kuckuck
Das Gespenst
Der Selbstmord
Die Betschwester
Der Blinde und der Lahme
Der Hund
Der Prozess
Der Bettler
Das Pferd und die Bremse
Die Reise
Das Testament
Damötas und Phyllis
Die Widersprecherin
Das Heupferd oder der Grashüpfer
Semnon und das Orakel
Das Kartenhaus

 
Die zärtliche Frau
Der zärtliche Mann
Die Spinne
Die Biene und die Henne
Der süße Traum
Der Reisende
Der erhörte Liebhaber
Der glücklich gewordene Ehemann
Der gütige Besuch
Der Arme und der Reiche
Damokles
Die beiden Hunde
Selinde
Der Schatz
Monime
Der unsterbliche Autor
Der grüne Esel
Der baronisierte Bürger
Der arme Schiffer
Das Schicksal
Lisette
Die Verschwiegenheit
Die junge Ente
Die kranke Frau
Der gute Rat
Die beiden Mädchen
Der Maler

 

Die Illustrationen sind von Daniel Nikolaus Chodowiecki  16. Oktober 1726 in Danzig- 7. Februar 1801 in Berlin. Er war der populärste polnisch-deutsche Kupferstecher, Grafiker und Illustrator des 18.Jhds.



Fab.1
Die Nachtigall und die Lerche

Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst;
Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst,
Die Blätter in den Gipfeln schwiegen,
Und fühlten ein geheim Vergnügen.
Der Vögel Chor vergaß der Ruh,
Und hörte Philomelen zu.
Aurora selbst verzog am Horizonte,
Weil sie die Sängerin nicht genug bewundern konnte.
Denn auch die Götter rührt der Schall
Der angenehmen Nachtigall;
Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren,
Ließ Philomele sich noch zweimal schöner hören.
Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr,
Und spricht: »Du singst viel reizender als wir;
Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen:
Doch eins gefällt uns nicht an dir,
Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen.«

Doch Philomele lacht und spricht:
»Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht,
Und wird mir ewig Ehre bringen.
Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen.
Ich folg im Singen der Natur;
Solange sie gebietet, solange sing ich nur;
Sobald sie nicht gebietet, so hör ich auf zu singen;
Denn die Natur lässt sich nicht zwingen.«

O Dichter, denkt an Philomelen,
Singt nicht, solang ihr singen wollt.
Natur und Geist, die euch beseelen,
Sind euch nur wenig Jahre hold.
Soll euer Witz die Welt entzücken:
So singt, solang ihr feurig seid,
Und öffnet euch mit Meisterstücken
Den Eingang in die Ewigkeit.
Singt geistreich der Natur zu Ehren,
Und scheint euch die nicht mehr geneigt:
So eilt, um rühmlich aufzuhören,
Eh ihr zu spät mit Schande schweigt.
Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen?
Er bindet sich an keine Zeit.
So fahrt denn fort, noch alt zu singen,
Und singt euch um die Ewigkeit.

Fab.2
Der Zeisig

Ein Zeisig war's und eine Nachtigall,
Die einst zu gleicher Zeit vor Damons Fenster hingen.
Die Nachtigall fing an, ihr göttlich Lied zu singen,
Und Damons kleinem Sohn gefiel der süße Schall.
»Ach welcher singt von beiden doch so schön?
Den Vogel möcht ich wirklich sehn!«
Der Vater macht ihm diese Freude,
Er nimmt die Vögel gleich herein.
»Hier«, spricht er, »sind sie alle beide;
Doch welcher wird der schöne Sänger sein?
Getraust du dich, mir das zu sagen?«
Der Sohn lässt sich nicht zweimal fragen,
Schnell weist er auf den Zeisig hin:
»Der«, spricht er, »muss es sein, so wahr ich ehrlich bin.
Wie schön und gelb ist sein Gefieder!
Drum singt er auch so schöne Lieder;
Dem andern sieht man's gleich an seinen Federn an,
Dass er nichts Kluges singen kann.«

Sagt, ob man im gemeinen Leben
Nicht oft wie dieser Knabe schließt?
Wem Farbe und Kleid ein Ansehen geben,
Der hat Verstand, so dumm er ist.
Stax kommt, und kaum ist Stax erschienen:
So hält man ihn auch schon für klug.
Warum? Seht nur auf seine Mienen,
Wie vorteilhaft ist jeder Zug!
Ein andrer hat zwar viel Geschicke;
Doch weil die Miene nichts verspricht:
So schließt man, bei dem ersten Blicke,
Aus dem Gesicht, aus der Perücke,
Dass ihm Verstand und Witz gebricht.

Fab.3
Der Tanzbär


Ein Bär, der lange Zeit sein Brot ertanzen müssen,
Entrann, und wählte sich den ersten Aufenthalt.
Die Bären grüßten ihn mit brüderlichen Küssen,
Und brummten freudig durch den Wald.
Und wo ein Bär den andern sah:
So hieß es: Petz ist wieder da!
Der Bär erzählte drauf, was er in fremden Landen
Für Abenteuer ausgestanden,
Was er gesehn, gehört, getan!
Und fing, da er vom Tanzen redte,
Als ging er noch an seiner Kette,
Auf polnisch schön zu tanzen an.

Die Brüder, die ihn tanzen sahen,
Bewunderten die Wendung seiner Glieder,
Und gleich versuchten es die Brüder;
Allein anstatt, wie er, zu gehn:
So konnten sie kaum aufrecht stehn,
Und mancher fiel die Länge lang danieder.
Um desto mehr ließ sich der Tänzer sehn;
Doch seine Kunst verdross den ganzen Haufen.
Fort, schrieen alle, fort mit dir!
Du Narr willst klüger sein, als wir?
Man zwang den Petz, davonzulaufen.

Sei nicht geschickt, man wird dich wenig hassen,
Weil dir dann jeder ähnlich ist;
Doch je geschickter du vor vielen andern bist;
Je mehr nimm dich in acht, dich prahlend sehn zu lassen.
Wahr ist's, man wird auf kurze Zeit
Von deinen Künsten rühmlich sprechen;
Doch traue nicht, bald folgt der Neid,
Und macht aus der Geschicklichkeit
Ein unvergebliches Verbrechen.

Fab.4
Die Geschichte von dem Hute

Der erste, der mit kluger Hand
Der Männer Schmuck, den Hut, erfand,
Trug seinen Hut unaufgeschlagen,
Die Krempen hingen flach herab;
Und dennoch wusste' er ihn zu tragen,
Dass ihm der Hut ein Ansehen gab.

Er starb und ließ bei seinem Sterben
Den runden Hut dem nächsten Erben.

Der Erbe weiß den runden Hut
Nicht recht gemächlich anzugreifen;
Er sinnt und wagt es kurz und gut,
Er wagt's, zwo Krempen aufzusteifen;
Drauf lässt er sich dem Volke sehn.
Das Volk bleibt vor Verwunderung stehn
Und schreit: »Nun lässt der Hut erst schön!«

Er starb und ließ bei seinem Sterben
Den aufgesteiften Hut dem Erben.

Der Erbe nimmt den Hut und schmält.
»Ich«, spricht er, »sehe wohl was fehlt.«
Er setzt darauf mit weisem Mute
Die dritte Krempe zu dem Hute.
»Oh«, rief das Volk, »der hat Verstand!
Seht, was ein Sterblicher erfand!
Er, er erhöht sein Vaterland!«

Er starb und ließ bei seinem Sterben
Den dreifach spitzen Hut dem Erben.

Der Hut war freilich nicht mehr rein;
Doch sagt, wie konnt' es anders sein?
Er ging schon durch die vierten Hände.
Der Erbe färbt' ihn schwarz, damit er was erfände.
»Beglückter Einfall!« rief die Stadt.
»So weit sah keiner noch, als der gesehen hat.
Ein weißer Hut ließ lächerlich;
Schwarz, Brüder, schwarz – so schickt er sich.«

Er starb und ließ bei seinem Sterben
Den schwarzen Hut dem nächsten Erben.

Der Erbe trägt ihn in sein Haus
Und sieht, er ist sehr abgetragen;
Er sinnt und sinnt das Kunststück aus,
Ihn über einen Stock zu schlagen.
Durch heiße Bürsten wird er rein;
Er fasst ihn gar mit Schnüren ein.
Nun geht er aus, und alle schreien:
»Was sehen wir? Sind es Zaubereien?
Ein neuer Hut! O glücklich Land,
Wo Wahn und Finsternis verschwinden!
Mehr kann kein Sterblicher erfinden,
Als dieser große Geist erfand.«

Er starb und ließ bei seinem Sterben
Den umgewandten Hut dem Erben.

Erfindung macht den Künstler groß
Und bei der Nachwelt unvergessen;
Der Erbe reißt die Schnüre los,
Umzieht den Hut mit goldnen Tressen,
Verherrlicht ihn durch einen Knopf
Und drückt ihn seitwärts auf den Kopf.
Ihn sieht das Volk und taumelt vor Vergnügen.
»Nun ist die Kunst erst hochgestiegen!
Ihm«, schrie es, »ihm allein ist Geist und Witz verliehn!
Nichts sind die andern gegen ihn!«

Er starb und ließ bei seinem Sterben
Den eingefassten Hut dem Erben,
Und jedes Mal ward die erfundne Tracht
Im ganzen Lande nachgemacht.

Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen,
Will ich im zweiten Buche sagen.
Der Erbe ließ ihm nie die vorige Gestalt:
Das Außenwerk ward neu, er selbst, der Hut, blieb alt;
Und, dass ich's kurz zusammenzieh',
Es ging dem Hute fast wie der Philosophie.

Fab.5
Der Greis


Von einem Greis will ich singen,
Der neunzig Jahr die Welt gesehn;
Und wird mir jetzt kein Lied gelingen,
So wird es ewig nicht geschehn.

Von einem Greise will ich dichten
Und melden, was durch ihn geschah,
Und singen, was ich in Geschichten
Von ihm, von diesem Greise sah.

Singt, Dichter, mit entbranntem Triebe,
Singt euch berühmt an Lieb und Wein!
Ich lass' euch allen Wein und Liebe;
Der Greis nur soll mein Loblied sein.

Singt von Beschützern ganzer Staaten,
Verewigt euch und ihre Müh'!
Ich singe nicht von Heldentaten;
Der Greis sei meine Poesie.

O Ruhm, dring in der Nachwelt Ohren,
Du Ruhm, den sich mein Greis erwarb!
Hört, Zeiten, hört's! Er ward geboren,
Er lebte, nahm ein Weib und starb.

Fab.6
Das Füllen

Ein Füllen, das die schwere Bürde
Des stolzen Reiters nie gefühlt,
Den blanken Zaum für eine Würde
Der zugerittnen Pferde hielt:
Dies Füllen lief nach allen Pferden,
Worauf es einen Mann erblickt’,
Und wünschte, bald ein Ross zu werden,
Das Sattel, Zaum und Reiter schmückt.

Wie selten kennt die Ehrbegierde
Das Glück, das sie zu wünschen pflegt!
Das Reitzeug, die gewünschte Zierde,
Wird diesem Füllen aufgelegt.
Man führt es streichelnd hin und wieder,
Dass es den Zwang gewöhnen soll;
Stolz geht das Füllen auf und nieder,
Und stolz gefällt sich’s selber wohl.

Es kam mit prächtigen Gebärden
Zurück in den verlassnen Stand
Und machte wiehernd allen Pferden
Sein neu erhaltnes Glück bekannt.
»Ach«, sprach es zu dem nächsten Gaule,
»Mich lobten alle, die mich sahn;
Ein roter Zaum lief aus dem Maule
Die schwarzen Mähnen stolz hinan.«

Allein wie ging’s am andern Tage?
Das Füllen kam betrübt zurück,
Und schwitzend sprach es: »Welche Plage
Ist nicht mein eingebildet Glück!
Zwar dient der Zaum, mich auszuputzen;
Doch darum ward er nicht gemacht.
Er ist zu meines Reiters Nutzen
Und meiner Sklaverei erdacht.«

Was wünscht man sich bei jungen Tagen?
Ein Glück, das in die Augen fällt,
Das Glück, ein prächtig Amt zu tragen,
Das keiner doch zu spät erhält.
Man eilt vergnügt, es zu erreichen,
Und seiner Freiheit ungetreu,
Eilt man nach stolzen Ehrenzeichen
Und desto tiefre Sklaverei.

Fab.7
Chloris


Aus Eifersucht des Lebens satt,
Warf Chloris sich betrübt auf ihre Lagerstatt;
Und ihren Buhler recht zu kränken,
Der einen Blick nach Sylvien getan,
Rief sie die Venus brünstig an,
Ihr einen leichten Tod zu schenken.

Vielleicht war dies Gebet so eifrig nicht gemeint.
Verliebt und jung zu sein und um den Tod zu flehen,
Wem dies nicht widersprechend scheint,
Der muss die Liebe schlecht verstehen.

Doch mitten in der größten Pein
Sieht Chloris ihren Freund geputzt ins Zimmer treten,
Und plötzlich hört sie auf zu beten
Und wünscht nicht mehr, entseelt zu sein.
Er sagt ihr tausend Schmeicheleien;
Er seufzt, er fleht, er schwört, er küsst.
O Chloris, lass dich's nicht gereuen,
Dass du noch nicht gestorben bist;
Dein Damon schwört, dich ewig treu zu lieben,
Wie könntest du ihn doch durch deinen Tod betrüben!

Der meisten Schönen Zorn gleicht ihrer Zärtlichkeit:
Sie dauern beide kurze Zeit;
Und Chloris ließ sich bald versöhnt von dem umfangen,
Den sie vor kurzem noch des Hasses würdig fand.
Sie klopft ihn auf die braunen Wangen
Und streichelt ihn mit buhlerischer Hand.

Doch schnell erstarren ihre Hände.
Wie, Venus, nähert sich ihr Ende?
Sie fällt in sanfter Ohnmacht hin,
Ein kleiner Schnabel wird aus ihrem kleinen Kinn,
Zu Flügeln werden ihre Hände,
Ihr Busen wird mit einem Kropf verbaut,
Und Federn überziehn die Haut.
Ist's möglich, dass ich dies glaube?
Ja, Chloris wird zu einer Taube.

Wie zittert ihr Geliebter nicht!
Hier sieht er seine Schöne fliegen.
Sie fliegt ihm dreimal ums Gesicht,
Als wollte sie sich noch durch einen Kuss vergnügen.
Wozu sie sonst die Neigung angetrieben,
Das scheint sie auch als Taube noch zu lieben.

Das Putzen war ihr Zeitvertreib.
O seht, wie putzt sie ihren Leib!
Sie rupft die Federn aus, um sich recht glatt zu machen;
Sie fliegt ans Waschfass hin, tut, was sie sonst getan,
Fängt Hals und Brust zu baden an.

Wie schön hör' ich die Taube lachen!
Fragt nicht, was sie zu lachen macht;
Sie hat als Chloris schon oft über nichts gelacht.

Jetzt naht sie sich dem großen Spiegel,
Vor dem sie manchen Tag in Mienen sich geübt,
Besieht den weißen Hals, bewundert ihre Flügel
Und fängt schon an, in sich verliebt,
Mit jüngferlichem Stolz sich kostbar zu gebärden.
»Ach Götter«, ruft ihr Freund betrübt,
»Lasst diese Taube doch zur Chloris wieder werden!«

»Umsonst«, spricht Venus, »ist dein Flehn;
Zur Taube schickte sie sich schön,
Und niemals werd' ich ihr die Menschheit wiedergeben.
Sie hat geseufzt, gebuhlt, gelacht,
Sich stets geputzt und nie gedacht;
Als Taube kann sie recht nach ihrer Neigung leben.«

Oh, wenn sich nur die Göttin nicht entschließt,
Die Schönen alle zu verwandeln,
Die ebenso wie Chloris handeln!
Man sagt, dass sie es willens ist.
Ach, Göttin, ach, wie zahlreich wird auf Erden
Alsdann das Volk der Tauben werden!
Mit einer Frau wird man zu Bette gehn
Und früh auf seiner Brust ein Täubchen sitzen sehn.
Mich dauert im voraus manch reizendes Gesicht.
O liebe Venus, tu es nicht!

Fab.8
Der Kranke

Ein Mann, den lange schon die Gliederkrankheit plagte,
Tat alles, was man ihm nur sagte,
Und konnte doch von seiner Pein
Auf keine Weise sich befrein.
Ein altes Weib, dem er sein Elend klagte,
Schlug ihm geheimnisvoll ein magisch Mittel vor.
»Ihr müsst Euch«, zischt sie im ins Ohr,
»Auf eines Frommen Grab bei früher Sonne setzen
Und Euch mit dem gefallnen Tau
Dreimal die Hand, dreimal den Schenkel netzen;
Es hilft. Gedenkt an eine Frau!«

Der Kranke tat, was ihm die Alte sagte;
Denn sagt, was tut man nicht, ein Übel los zu sein?
Er ging zum Kirchhof hin, und zwar, sobald es tagte,
Und trat an einen Leichenstein
Und las: »Wer dieser Mann gewesen,
Lässt, Wandrer, dich sein Grabmahl lesen.
Er war das Wunder seiner Zeit,
Das Muster wahrer Frömmigkeit;
Und, dass man viel mit wenig Worten sagt,
Er ist's, den Kirch' und Schul' und Stadt und Land beklagt.«

Hier setzt sich der Geplagte nieder,
Benetzt die halb gelähmten Glieder;
Doch ohne Wirkung bleibt die Kur,
Sein Gliederschmerz vermehrt sich nur.
Er greift betrübt nach seinem Stabe,
Schleicht von des frommen Mannes Grabe
Und setzt sich auf das nächste Grab,
Dem keine Schrift ein Denkmal gab –
Hier nahm sein Schmerz allmählich ab.
Er braucht' sogleich sein Mittel wieder;
Schnell lebten die gelähmten Glieder,
Und ohne Schmerz und ohne Stab
Verließ er dieses fromme Grab.
»Ach«, rief er, »lässt kein Stein mich lesen,
Wer dieser fromme Mann gewesen?«
Der Küster lässt sich lange fragen,
Als könnt' er's ohne Scheu nicht sagen.
»Ach«, hub er endlich seufzend an,
»Verzeih mir's, Gott, es war ein Mann,
Dem, weil er Ketzereien glaubte,
Man kaum ein ehrlich Grab erlaubte;
Ein Mann, der lose Künste trieb,
Komödien und Verse schrieb:
Er war, wie ich mit Recht behaupte,
Ein Neuling und ein Bösewicht.«
»Nein«, sprach der Mann, »das war er nicht,
So gottlos ihn die Leute schalten.
Doch jener dort, den ihr für fromm gehalten,
Von dem sein Grab so rühmlich spricht,
Der war gewiss ein Bösewicht.«

Fab.9
Der Fuchs und die Elster

Zur Elster sprach der Fuchs: »Oh, wenn ich fragen mag,
Was sprichst du doch den ganzen Tag?
Du sprichst wohl von besondern Dingen?«
»Die Wahrheit«, rief sie, »breit ich aus!
Was keines weiß herauszubringen,
Bring' ich durch meinen Fleiß heraus,
Vorn Adler bis zur Fledermaus.«

»Dürft' ich«, versetzt der Fuchs, »mit Bitten dich beschweren,
So wünscht' ich mir, etwas von deiner Kunst zu hören.«

So wie ein weiser Arzt, der auf der Bühne steht
Und seine Künste rühmt, bald vor-, bald rückwärts geht,
Ein seidnes Schnupftuch nimmt, sich räuspert, und dann spricht:
So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder,
Und strich an einem Zweig den Schnabel hin und wider
Und macht' ein sehr gelehrt Gesicht.
Drauf fängt sie ernsthaft an, und spricht:
»Ich diene gern mit meinen Gaben,
Denn ich behalte nichts für mich.
Nicht wahr, Sie denken doch, dass Sie vier Füße haben?
Allein, Herr Fuchs, Sie irren sich.
Nur zugehört! Sie werden's finden,
Denn ich beweis' es gleich mit Gründen.

Ihr Fuß bewegt sich, wenn er geht,
Und er bewegt sich nicht, solang er stille steht;
Doch merken Sie, was ich jetzt sagen werde,
Denn dieses ist es noch nicht ganz.
Sooft Ihr Fuß nur geht, so geht er auf der Erde.
Betrachten Sie nur Ihren Schwanz.
Sie sehen, wenn Ihr Fuß sich reget,
Dass auch Ihr Schwanz sich mit beweget;
Jetzt ist Ihr Fuß bald hier, bald dort,
Und so geht auch Ihr Schwanz mit auf der Erde fort,
Sooft Sie nach den Hühnern reisen.
Daraus zieh' ich nunmehr den Schluss:
Ihr Schwanz, das sei Ihr fünfter Fuß;
Und dies, Herr Fuchs, war zu beweisen.«

Ja, dieses hat uns noch gefehlt;
Wie freu' ich mich, dass es bei Tieren
Auch große Geister gibt, die alles demonstrieren!
Mir hat's der Fuchs für ganz gewiss erzählt.
»Je minder sie verstehn«, sprach dieses schlaue Vieh,
»Um desto mehr beweisen sie.«

Fab.10
Das Land der Hinkenden

Vorzeiten gab's ein kleines Land,
Worin man keinen Menschen fand,
Der nicht gestottert, wenn er red’te,
Nicht, wenn er ging, gehinkt hätte;
Denn beides hielt man für galant.
Ein Fremder sah den Übelstand;
Hier, dacht' er, wird man dich im gehn bewundern müssen,

Und ging einher mit steifen Füßen.
Er ging, ein jeder sah ihn an,
Und alle lachten, die ihn sahn,
Und jeder blieb vor Lachen stehen,
Und schrie:» Lehrt doch den Fremden gehen!«

Der Fremde hielt es für seine Pflicht,
Den Vorwurf von sich abzulehnen.
»Ihr«, rief er, »hinkt; ich aber nicht:
Den Gang müsst ihr euch abgewöhnen!«
Der Lärmen wird noch mehr vermehrt,
Da man den Fremden sprechen hört.
Er stammelt nicht; genug zur Schande!
Man spottet sein im ganzen Lande.

Gewohnheit macht den Fehler schön,
Den wir von Jugend auf gesehn.
Vergebens wird's ein Kluger wagen
Und, dass wir töricht sind, uns sagen
Wir selber halten ihn dafür,
Bloß, weil er klüger ist als wir.

Fab.11
Inkle und Yariko

Die Liebe zum Gewinst, die uns zuerst gelehrt,
Wie man auf leichtem Holz durch wilde Fluten fährt;
Die uns beherzt gemacht, das liebste Gut, das Leben,
Der ungewissen See auf Brettern preiszugeben.-
Die Liebe zum Gewinst, der deutliche Begriff
Von Vorteil und Verlust, trieb Inklen auf ein Schiff.
Er opferte der See die Kräfte seiner Jugend;
Denn Handeln war sein Witz, und Rechnen seine Tugend.

Ihn lockt das reiche Land, das wir durchs Schwert bekehrt,
Das wir das Christentum und unsern Geiz gelehrt.
Er sieht Amerika; doch nah an diesem Lande
Zerreißt der Sturm sein Schiff.- Zwar glückt es ihm, am Strande
Dem Tode zu entgehn; allein der Wilden Schar
Fiel auf die Briten los, und wer entkommen war,
Den fraß ihr hungrig Schwert. Nur Inkle soll noch leben;
Die Flucht in einen Wald muss ihm Beschirmung geben.
Vom Laufen atemlos, wirft mit verwirrtem Sinn
Der Brite sich zuletzt bei einem Baume hin,
Umringt mit naher Furcht und ungewissem Grämen,
Ob Hunger oder Schwert ihm wird das Leben nehmen.

Ein plötzliches Geräusch erschreckt sein schüchtern Ohr:
Ein wildes Mädchen springt aus dem Gebüsch hervor
Und sieht mit schnellem Blick den Europäer liegen.
Sie stutzt. Was wird sie tun? Bestürzt zurückfliegen?
O nein, so streng und deutsch sind wilde Schönen nicht.
Sie sieht den Fremdling an; sein rund und weiß Gesicht,
Sein Kleid, sein lockicht Haar, die Anmut seiner Blicke
Gefällt der Schönen wohl, hält sie mit Lust zurücke.

Auch Inklen nimmt dies Kind bei wilder Anmut ein.
Unwissend in der Kunst, durch Zwang verstellt zu sein,
Verrät sie durch den Blick die Regung ihrer Triebe:
Ihr Auge sprach von Gunst und bat um Gegenliebe.
Die Indianerin war liebenswert gebaut.
Durch Mienen redet dies Paar, durch Mienen wird’s vertraut.
Sie winkt ihm mit der Hand; er folget ihrem Schritte;
Mit Früchten speist sie ihn in einer kleinen Hütte
Und zeigt ihm einen Quell, vom Durst sich zu befrein.
Durch Lächeln rät sie ihm, getrost und froh zu sein.
Sie sah ihn zehnmal an und spielt’ an seinen Haaren
Und schien verwundernsvoll, dass sie so lockicht waren.

Sooft der Morgen kommt, so machte Yariko
Durch neuen Unterhalt den lieben Fremdling froh
Und zeigt durch Zärtlichkeit mit jedem neuen Tage,
Was für ein treues Herz in einer Wilden schlage!
Sie bringt ihm manch Geschenk und schmückt sein kleines Haus
Mit mancher bunten Haut, mit bunten Federn aus,
Und eine neue Tracht von schönen Muschelschalen
Muss, wenn sie ihn besucht, um ihre Schultern prahlen.
Zur Nachtzeit führt sie ihn zu einem Wasserfall,
Und unter dem Geräusch und Philomelens Schall
Schläft unser Fremdling ein. Aus zärtlichem Erbarmen
Bewacht sie jede Nacht den Freund in ihren Armen.
Wird in Europa wohl ein Herz so edel sein?

Die Liebe flößt dem Paar bald eine Mundart ein;
Sie unterreden sich durch selbst erfundne Töne:
Kurz, er versteht sein Kind, und ihn versteht die Schöne.
Oft sagt ihr Inkle vor, was seine Vaterstadt
Für süße Lebensart, für Kostbarkeiten hat.
Er wünscht, sie neben sich in London einst zu sehen;
Sie hört's, und zürnet schon, dass es noch nicht geschehen.
»Dort«, spricht er, »kleid’ ich dich«, und zeiget auf sein Kleid,
»In lauter bunten Zeug, von größrer Kostbarkeit;
In Häusern, halb von Glas, bespannt mit raschen Pferden,
Sollst du in dieser Stadt bequem getragen werden.«
Vor Freuden weint dies Kind und sieht, indem sie weint,
Schon nach der offnen See, ob noch kein Schiff erscheint
Es glückt ihr, was sie wünscht, in kurzem zu entdecken;
Sie sieht ein Schiff am Strand und läuft mit frohem Schrecken,
Sucht ihren Fremdling auf, vergisst ihr Vaterland
Aus Treue gegen ihn und eilt an seiner Hand
So freudig in die See, als ob das Schiff im Meere,
In das sie steigen will, ein Haus in London wäre.

Das Schiff setzt seinen Lauf mit gutem Winde fort
Und fliegt nach Barbados; doch dieses war der Ort,
Wo Inkle ganz bestürzt sein Schicksal überdachte,
Als schnell in seiner Brust der Kaufmannsgeist erwachte.
Er kam mit leerer Hand aus Indien zurück;
Dies war für seinen Geiz ein trauriges Geschick.
»So hab’ ich«, fing er an, »um arm zurückzukommen,
Die fürchterliche See mit Müh’ und Angst, durchschwommen?«
Er stillt in kurzer Zeit den Hunger nach Gewinn
Und führte Yariko zum Sklavenhändler hin.
Hier wird die Dankbarkeit in Tyrannei verwandelt
Und die, die ihn erhielt, zur Sklaverei verhandelt.

Sie fällt ihm um den Hals, sie fällt vor ihm aufs Knie,
Sie fleht, sie weint, sie schreit.- Nichts! Er verkaufet sie.
»Mich, die ich schwanger bin! Mich!« fährt sie fort zu klagen.
Bewegt ihn dies? Ach ja - Sie höher anzuschlagen!
»Noch drei Pfund Sterling mehr! Hier«, spricht der Brite froh,
»Hier, Kaufmann, ist das Weib, sie heißt Yariko!«

O Inkle, du Barbar, dem keiner gleich gewesen,
O möchte deinen Schimpf ein jeder Weltteil lesen!
Die größte Redlichkeit, die allergrößte Treu’
Belohnst du, Bösewicht, noch gar mit Sklaverei?
Ein Mädchen, das für dich ihr eigen Leben wagte,
Das dich dem Tod entriss und ihrem Volk entsagte,
Mit dir das Meer durchstrich und bei der Glieder Reiz
Das beste Herz besaß, verhandelst du aus Geiz?
Sei stolz! Kein Bösewicht bringt dich um deinen Namen;
Nie wird es möglich sein, dein Laster nachzuahmen.

Fab.12
Der Kuckuck

Der Kuckuck sprach mit einem Star,
Der aus der Stadt entflohen war.
»Was spricht man«, fing er an zu schreien,
»Was spricht man in der Stadt von unsern Melodeien?
Was spricht man von der Nachtigall?«
»Die ganze Stadt lobt ihre Lieder.«
»Und von der Lerche?« rief er wieder.
»Die halbe Stadt lobt ihrer Stimme Schall.«
»Und von der Amsel?« fuhr er fort.
»Auch diese lobt man hier und dort.«
»Ich muss dich doch noch etwas fragen:
Was«, rief er, »spricht man denn von mir?«
»Das«, sprach der Star, »das weiß ich nicht zu sagen;
Denn keine Seele red't von dir.«
»So will ich«, fuhr er fort, »mich an dem Undank rächen
Und ewig von mir selber sprechen.«

Fab.13
Das Gespenst


Ein Hauswirt, wie man mir erzählt,
Ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält.
Er ließ, des Geists sich zu erwehren,
Sich heimlich das Verbannen lehren.
Doch kraftlos blieb der Zauberspruch,
Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren
Und gab in einem weißen Tuch
Ihm alle Nächte den Besuch.
Ein Dichter zog in dieses Haus.
Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen,
Bat sich des Dichters Zuspruch aus
Und ließ sich seine Verse lesen.
Der Dichter las ein frostig Trauerspiel,
Das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel.

Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah,
Erschien, und hörte zu: es fing ihn an zu schauern,
Er konnt' es länger nicht als einen Auftritt, dauern;
Denn, eh' der andre kam, so war er nicht mehr da.

Der Wirt, von Hoffnung eingenommen,
Ließ gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen.
Der Dichter las; der Geist erschien,
Doch ohne lange zu verziehn.
Gut, sprach der Wirt bei sich, dich will ich bald verjagen;
Kannst du die Verse nicht vertragen?

Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein.
Sobald es zwölfe schlug, ließ das Gespenst sich blicken.
»Johann!« fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein.
»Der Dichter -lauf geschwind!- soll von der Güte sein
Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.«

Der Geist erschrak, und winkte mit der Hand,
Der Diener sollte ja nicht gehen.
Und kurz, der weiße Geist verschwand
Und ließ sich niemals wieder sehen.

Ein jeder, der dies Wunder liest,
Zieh' sich daraus die gute Lehre,
Dass kein Gedicht so elend ist,
Dass nicht zu etwas nützlich wäre.
Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut,
So kann uns dies zum großen Troste dienen.
Gesetzt, dass sie zu unsrer Zeit
Auch legionenweis erschienen,
So wird, um sich von allen zu befrein,
An Versen doch kein Mangel sein.

Fab.14
Der Selbstmord

O Jüngling, lern aus der Geschichte,
Die dich vielleicht zu Tränen zwingt,
Was für bejammernswerte Früchte
Die Liebe zu den Schönen bringt!

Ein Beispiel wohlerzogner Jugend,
Des alten Vaters Trost und Stab,
Ein Jüngling, der durch frühe Tugend
Zur größten Hoffnung Anlass gab -

Den zwang die Macht der schönen Triebe,
Climenen zärtlich nachzugehn.
Er seufzt', er bat um Gegenliebe;
Allein vergebens war sein Flehn.

Fußfällig klagt er ihr sein Leiden -
Umsonst! Climene heißt ihn fliehn.
»Ja«, schreit er, »ja, ich will dich meiden;
Ich will mich ewig dir entziehn!«

Er reißt den Degen aus der Scheide
Und – oh, was kann verwegner sein!
Kurz, er besieht die Spitz und Schneide
Und steckt ihn langsam wieder ein.

Fab.15
Die Betschwester

Die frömmste Frau in unsrer Stadt,
In Kleidern fromm und fromm in Mienen,
Die stets den Mund voll Andacht hat;
Wird diese nicht ein Lied verdienen?

Wie lehrreich ist ihr Lebenslauf!
Kaum steht die fromme Frau von ihrem Lager auf,
Kaum tönt der Klang vom achten Stundenklange,
So sucht sie das Gebet zu dem vorhandnen Tage.
Und ob sie gleich den Schritt in Sechzig schon getan,
So ruft sie doch den Herrn noch heut um Keuschheit an;
Und ob sie gleich noch nie sich satt gegessen,
So fleht sie doch um Mäßigkeit im Essen;
Und ob sie gleich auf alle Pfänder leiht,
So seufzt sie doch um Trost bei ihrer Dürftigkeit.

Welch redlich Herz! Welch heiliges Vertrauen!
Sie liest das Jahr hindurch die Bibel zweimal aus
Und reißt dadurch ihr ganzes Haus
Auf ewig aus des Teufels Klauen.

Zwölf Lieder stimmt sie täglich an.
Wer kommt? Ist's nicht ein armer Mann?
Geh, Frecher, willst du sie vielleicht im Singen stören?
Nein, wenn sie singt, kann sie nicht hören.
Geh nur und hungre wie zuvor!
Sie hebt ihr Herz zu Gott empor,
Soll sie dies Herz vom Himmel lenken
Und jetzt an einen Armen denken?

Sie singt und trägt das Essen singend auf,
Sie isst und schmält auf böser Zeiten Lauf.
Allein wer klopft schon wieder an die Türe?
Ein armes Weib, die keinen Bissen Brot –
»Geht, quält mich nicht mit Eurer Not,
Wenn ich die Hand zum Munde führe!
Nicht wahr, Ihr singt und betet nicht?
Seid fromm und denkt an Eure Pflicht;
Der Herr vergisst die Seinen nicht.
Wann seht ihr mich denn betteln gehen?
Allein man muss zu Gott auch brünstig schreien und flehen!«

Doch ist die liebe fromme Frau
Nicht gar zu hart, nicht zu genau?
Wohnt nicht in ihr mehr Kaltsinn und Erbarmen?
Nein, nein; sie dient und hilft den Armen;
Sie bessert sich durch Vorwurf und Verweis
Und weist sie zu Gebet und Fleiß –
Ist dieses nicht der Schrift Geheiß
Sie dient ja gern mit ihren Gütern,
Allein nur redlichen Gemütern.
Ist wohl ein frommes Weib in unsrer ganzen Stadt,
Das in der Not bei ihr nicht Zuflucht hat?
Sie mag ihr auch die kleinste Zeitung bringen,
So eilt sie doch, dem Weibe beizuspringen.

Ach ja, Beatens Herz ist willig und bereit,
Die Welt mag noch soviel an ihr zu tadeln finden.
Nicht nur den Lebenden nützt ihre Mildigkeit;
O nein, sie weiß sich auch die Toten zu verbinden.
Wann wird das Kind zur Gruft gebracht,
Um dessen Sarg ihr Kranz sich nicht verdient gemacht?
Wann sprechen nicht die Leichengäste:
»Beatens Kranz war doch der Beste!«
»Welch schönes Kruzifix! Von wem wird dieses sein?«
»Beate schickt's und will's dem Leichnam weihn.
»Das fromme Weib! Erlebt sie mein Erblassen,
So wird sie meinen Sarg gewiss versilbern lassen.«

Sie kleidet Kanzel und Altar
Und wird sie künftigs neue Jahr,
Sosehr die andern sie beneiden,
Zum dritten Male doch bekleiden.
Man wirft ihr vor, sie soll's aus Ehrsucht tun;
Noch kann ihr mildes Herz nicht ruhn.
Wer war's, der jetzt in die Kollekte
Mit langsam schlauer Hand ein volles Briefchen steckte?
Beate war's, sie leiht dem Herrn,
Und was sie gibt, das gibt sie gern.
Was kann denn sie dafür, dass es die Leute sehen?

Beate, lass die Lästrer schmähen,
Und lass sie aus Verleumdung sprechen,
Du wolltest die Allmacht nur bestechen,
Dass für den Wucher, den du treibst,
Du einstens ungestraft bleibst.
Lass dich von andern spöttisch richten,
Als pflegtest du der Welt gern Laster anzudichten;
Als wäre dies für dich die liebste Neuigkeit,
Wenn andern Not und Unglück dräut;
Als hättest du nichts als der Tugend Schein.
Schweigt, Spötter, schweigt! Dies kann nicht sein;
Denn betend steht sie auf, und singend schläft sie ein.

Fab.16
Der Blinde und der Lahme

Von ungefähr muss einen Blinden
Ein Lahmer auf der Straße finden,
Und jener hofft schon freudenvoll,
Dass ihn der andre leiten soll.

»Dir,« spricht der Lahme, »beizustehen?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehen;
Doch scheint's, dass du zu einer Last
Noch sehr gesunde Schultern hast.

Entschließe dich, mich fortzutragen,
So will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fuß mein Bein,
Mein helles Auge deines sein.«

Der Lahme hängt mit seinen Krücken
Sich auf des Blinden breiten Rücken.
Vereint wirkt also dieses Paar,
Was einzeln keinem möglich war.

Du hast das nicht, was andre haben,
Und andern mangeln deine Gaben;
Aus dieser Unvollkommenheit
Entspringet die Geselligkeit.

Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
Die die Natur für mich erwählte,
So würd er nur für sich allein
Und nicht für mich bekümmert sein.

Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
Der Vorteil, den sie dir versagen
Und jenem schenken, wird gemein,
Wir dürfen nur gesellig sein.

Fab.17
Der Hund

Phylax, der so manche Nacht
Haus und Hof getreu bewacht
Und oft ganzen Diebesbanden
Durch sein Bellen widerstanden;
Phylax, dem Lips Tullian,
Der doch gut zu stehlen wusste,
Selber zweimal weichen musste -
Diesen fiel ein Fieber an.

Alle Nachbarn gaben Rat.
Krummholzöl und Mithridat
Musste sich der Hund bequemen,
Wider Willen einzunehmen.
Selbst des Nachbars Gastwirts Müh’,
Der vordem in fremden Landen
Als ein Doktor ausgestanden,
War vergebens bei dem Vieh.

Kaum erscholl die schlimme Post,
Als von ihrer Mittagskost
Alle Brüder und Bekannten,
Phylax zu besuchen, rannten.
Pantelon, sein bester Freund,
Leckt ihm an dem heißen Munde.
»O,« erseufzt er, »bittre Stunde!
Oh, wer hätte das gemeint?«

»Ach«, rief Phylax, »Pantelon!
Ist's nicht wahr, ich sterbe schon?
Hätt' ich nur nichts eingenommen,
Wär' ich wohl davongekommen.
Sterbe ich Ärmster so geschwind,
Oh, so kannst du sicher schreien,
Dass die vielen Arzneien
Meines Todes Quelle sind.

Wie zufrieden schlief ich ein,
Sollt' ich nur so manches Bein,
Das ich mir verscharren müssen,
Vor dem Tode noch genießen!
Dieses macht mich kummervoll,
Dass ich diesen Schatz vergessen,
Nicht vor meinem Ende fressen,
Auch nicht mit mir nehmen soll.

Liebst du mich und bist du treu,
Oh, so hole sie herbei;
Eines wirst du bei den Linden
An dem Gartentore finden;
Eines, lieber Pantelon,
Hab' ich nur noch gestern morgen
In dem Winterreis verborgen.
Aber friss mir nichts davon!«

Pantelon war fortgerannt,
Brachte treulich, was er fand.
Phylax roch, bei schwachem Mute,
Noch den Dunst von seinem Gute.
Endlich, da sein Auge bricht,
Spricht er: »Lass mir alles liegen!
Sterbe ich, so sollst du es kriegen;
Aber, Bruder, eher nicht.

Sollt' ich nur so glücklich sein
Und das schöne Schinkenbein,
Das ich - doch ich mag's nicht sagen,
Wo ich dieses hingetragen.
Wird' ich wiederum gesund,
Will ich dir, bei meinem Leben,
Auch die beste Hälfte geben;
Ja du sollst - « Hier starb der Hund.

Der Geizhals bleibt im Tode karg;
Zwei Blicke wirft er auf den Sarg,
Und tausend wirft er mit Entsetzen
Nach den mit Angst verwahrten Schätzen.
O schwere Last der Eitelkeit!
Um schlecht zu leben, schwer zu sterben,
Sucht man sich Güter zu erwerben;
Verdient ein solches Glück wohl Neid?

Fab.18
Der Prozess

Ja, ja, Prozesse müssen sein;
Gesetzt, sie wären nicht auf Erden,
Wie könnt alsdann das Mein und Dein
Bestimmet und entschieden werden?
Das Streiten lehrt uns die Natur;
Drum, Bruder, recht und streite nur.
Du siehst, man will dich übertäuben;
Doch gib nicht nach, setz alles auf,
Und lass dem Handel seinen Lauf;
Denn Recht muss doch Recht bleiben.

»Was sprecht Ihr, Nachbar? Dieser Rain,
Der sollte, meint Ihr, Euer sein?
Nein, er gehört zu meinen Hufen!«
»Nicht doch, Gevatter, nicht! Ihr irrt!
Ich will Euch zwanzig Zeugen rufen,
Von denen jeder sagen wird,
Dass lange vor der Schwedenzeit -«

»Gevatter, Ihr seid nicht gescheit!
Versteht Ihr mich? Ich will es Euch lehren,
Dass Rain und Gras mir zugehören.
Ich will nicht eher sanfte ruhn;
Das Recht, das soll den Ausspruch tun.«
So saget Kunz, schlägt in die Hand
Und rückt den spitzen Hut die Quere.
»Ja, eh' ich diesen Rain entbehre,
So meid' ich lieber Gut und Land.«
Der Zorn bringt ihn zu schnellen Schritten,
Er eilet nach der nahen Stadt;
Allein, Herr Glimpf, sein Advokat,
War kurz zuvor ins Amt geritten.
Er läuft, und holt Herrn Glimpfen ein.-
Wie, sprecht ihr, kann das möglich sein?
Kunz war zu Fuß, und Glimpf zu Pferde.
So glaubt ihr, dass ich lügen werde?
Ich bitt' euch, stellt das Reden ein,
Sonst wird' ich, diesen Schimpf zu rächen,
Gleich selber mit Herrn Glimpfen sprechen.

Ich sag' es noch einmal: Kunz holt Herr Glimpfen ein,
Greift in den Zaum, und grüßt Herrn Glimpfen.
»Herr!« fängt er ganz erbittert an.
»Mein Nachbar, der infame Mann,
Der Schelm - ich will ihn zwar nicht schimpfen -,
Der - denkt nur - spricht, der schmale Rain,
Der zwischen unsern Feldern lieget,
Der, spricht der Narr, der wäre sein!
Allein den will ich sehn, der mich darum betrüget.
»Herr«, fuhr er fort, »Herr, meine beste Kuh,
Sechs Scheffel Haber noch dazu!
(Hier wieherte das Pferd vor Freuden.)
O dient mir wider ihn, und helft die Sache entscheiden.«

»Kein Mensch«, versetzt Herr Glimpf, »dient freudiger als ich.
Der Nachbar hat nichts einzuwenden,
Ihr habt das größte Recht in Händen;
Aus Euren Reden zeigt es sich,
Genug - verklagt den Ungestümen!
Ich will mich zwar nicht selber rühmen -
Dies tut kein ehrlicher Jurist, -
Doch dieses könnt Ihr leicht erfahren,
Ob ein Prozess, seit zwanzig Jahren
Von mir verloren worden ist!
Ich will Euch Eure Sache führen;
Ein Wort, ein Mann! Ihr sollt sie nicht verlieren!«
Glimpf reitet fort. »Herr,« ruft ihm Kunz noch nach,
»Ich halte, was ich Euch versprach!«

Wie hitzig wird der Streit getrieben!
Manch Ries Papier wird voll geschrieben.
Das halbe Dorf muss in das Amt;
Man eilt, die Zeugen abzuhören,
Und fünfundzwanzig müssen schwören,
Und diese schwören insgesamt,
Dass, wie die alte Nachricht lehrte,
Der Rain ihm gar nicht zugehörte.

Ei, Kunz, das Ding geht ziemlich schlecht!
Ich weiß zwar wenig von dem Rechte;
Doch, im Vertrauen geredet, ich dächte,
Du hättest nicht das größte Recht.

Manch widrig Urteil kommt; doch lasst es widrig klingen!
Glimpf muntert den Klienten auf:
»Lasst dem Prozesse seinen Lauf,
Ich schwör' Euch, endlich durchzudringen;
Doch –
»Herr, ich hör’ es schon; ich will das Geld gleich bringen.«
Kunz borgt manch Kapital. Fünf Jahre währt der Streit;
Allein, warum so lange Zeit?
Dies, Leser, kann ich dir nicht sagen,
Du musst die Rechtsgelehrten fragen.

Ein letztes Urteil kommt. O seht doch - Kunz gewinnt!
Er hat zwar viel dabei gelitten;
Allein was tut's, dass Haus und Hof verstritten
Und Haus und Hof schon angeschlagen sind?
Genug, dass er den Rain gewinnt!
»O«, ruft er, »lernt von mir, den Streit aufs höchste treiben.
Ihr seht ja: Recht muss doch Recht bleiben!«

Fab.19
Der Bettler

Ein Bettler kam mit bloßem Degen
In eines reichen Mannes Haus
Und bat sich, wie die Bettler pflegen,
Nur eine kleine Wohltat aus.
»Ich«, sprach er, »kenn' Ihr christlich Herze!
Sie sorgen gern für andrer Heil
Und nehmen mit gerechtem Schmerze
An Ihres Nächsten Elend teil.
Ich weiß, mein Flehn wird Sie bewegen.
Sie sehn, ich fordre nichts mit Unbescheidenheit;
Nein, ich verlasse mich (hier wies er ihm den Degen)
Allein auf Ihre Gütigkeit.«

Dies ist die Art lobgieriger Skribenten,
Wenn sie um unsern Beifall flehn;
Sie geben uns mit vielen Komplimenten
Die harte Forderung zu verstehn.
Der Autor will den Beifall nicht erpressen;
Nein, er verlässt sich bloß auf unsre Billigkeit.
Doch, dass wir diese nicht vergessen,
So zeigt er uns zu gleicher Zeit
In beiden Händen Krieg und Streit.

Fab.20
Das Pferd und die Bremse

Ein Gaul, der Schmuck von weißen Pferden,
Von Schenkeln leicht, schön von Gestalt
Und, wie ein Mensch stolz in Gebärden,
Trug seinen Herrn durch einen Wald,
Als mitten in dem stolzen Gange
Ihm eine Brems' entgegenzog
Und durstig auf die nasse Stange
An seinem blanken Zaume flog.
Sie leckte von dem heißen Schaume,
Der heftig am Gebisse floss.
»Geschmeiße!« sprach das wilde Ross.
»Du scheust dich nicht vor meinem Zaume?
Wo bleibt die Ehrfurcht gegen mich?
Wie? Darfst du wohl ein Pferd erbittern?
Ich schüttle nur, so musst du zittern!«
Es schüttelte - die Bremse wich.

Allein sie suchte sich zu rächen;
Sie flog ihm nach, um ihn zu stechen,
Und stach den Schimmel in das Maul.
Das Pferd erschrak und blieb vor Schrecken
In Wurzeln mit dem Eisen stecken
Und brach ein Bein; hier lag der stolze Gaul!

Auf sich den Hass der Niedern laden,
Dies stürzet oft den größten Mann;
Wer dir als Freund, nicht nützen kann,
Kann allemal als Feind, dir schaden.

Fab.21
Die Reise

Einst machte durch sein ganzes Land
Ein König den Befehl bekannt,
Dass jeder, der ein Amt erhalten wollte,
Gewisse Zeit auf Reisen gehen sollte,
Um sich in Künsten umzusehn.
Er ließ genaue Karten stechen
Und gab dazu noch jedem das Versprechen,
Ihm, würd' er nur, soweit er könnte, gehn,
Mit dem Vermögen seiner Schätze
Alsdann auf Reisen beizustehn.
Es war das deutlichste Gesetze,
Das jemals noch die Welt gesehn;
Doch weil die meisten sich vor dieser Reise scheuten,
So sah man viele Dunkelheit.
Die Liebe zu sich selbst und zur Bequemlichkeit
Half das Gesetz sehr sinnreich deuten,
Und jeder gab ihm den Verstand,
Den er bequem für seine Neigung fand;
Doch alle waren eins, dass man gehorchen müsste.

Man machte sich die Karten bald bekannt,
Damit man doch der Länder Gegend wüsste.
Sehr viele reisten nur im Geist
Und überred'ten sich, als hätten sie gereist.
Noch andre schafften die Geräte
Zu ihrer Reise fleißig an
Und glaubten, wenn man nur stets reisefertig täte,
So hätte man die Reise schon getan.
Sehr viele fingen an zu eilen,
Als wollten sie die ganze Welt durchgehn;
Sie reisten – aber wenig Meilen
Und meinten, dem Befehl sei nun genug geschehn.
Noch andre suchten auf den Reisen
Noch mehr Gehorsam zu beweisen
Als den, den das Gesetz befahl;
Sie reisten nicht durch grüne Felder,
O nein, sie suchten finstre Wälder
und reisten unter Furcht und Qual,
Behängten sich mit schweren Bürden
Und glaubten, wenn sie ausgezehrt
Und siech und krank zurückgekommen würden,
So wären sie des besten Amtes wert;
Sie reisten nie auf Kosten des Regenten.
Doch jene, die zur Zeit noch keinen Schritt getan,
Die hielten Tag für Tag um Reisekosten an,
Damit sie weiterkommen könnten.

Wie elend, hör' ich manchen klagen,
Ist nicht dies Märchen ausgedacht?
Schämt sich der Dichter nicht, uns Dinge vorzusagen,
Die man kaum Kindern glaublich macht?
Wo gibt es wohl so stumpfe Köpfe,
Als uns der Dichter vorgestellt?
Dies sind unsinnige Geschöpfe
Und nicht Bewohner unsrer Welt.
O Freund, was zankst du mit dem Dichter?
Sieh doch die meisten Christen an;
Betrachte sie, und dann sei Richter,
Ob dieses Bild unglaublich heißen kann?

Fab.22
Das Testament

Philemon, der bei großen Schätzen
Ein edelmütig Herz besaß
Und, andrer Mangel zu ersetzen,
Den eignen Vorteil gern vergaß -
Philemon konnte doch dem Neide nicht entgehen,
So willig er auch war, den Neidern beizustehen.
Zween Nachbarn hassten ihn; zween Nachbarn ruhten nie,
Aufs schimpflichste von ihm zu sprechen.
Warum? Er war beglückt und glücklicher als sie;
Ist dies nicht schon ein groß Verbrechen?
Die Freunde rieten ihm, sich für den Schimpf zu rächen.
»Nein«, sprach er, »lasst sie neidisch schmähn;
Sie werden schon nach meinem Tode sehn,
Wie viel sie recht gehabt, ein Glück mir nicht zu gönnen,
Das wenig Menschen nützen können.«

Er stirbt. Man findet sein Testament
Und liest: »Ich will, dass einst nach meinem Sterben
Mein hinterlassnes Gut die beiden Nachbarn erben,
Weil sie dies Gut mir nicht gegönnt.«
So mancher Freund verwünscht dies Testament!
»Wie? Konnt' ich ihn nicht auch beneiden?
Mir gibt er nichts – und alles diesen beiden?«

Die beiden Nachbarn sehn vergnügt
Den Sinn des Testaments vollführen.
Denn damals wusste man nicht recht zu prozessieren,
Sonst hätten beide nichts gekriegt;
So aber kriegten sie das völlige Vermögen.
Wie rühmten sie den Seligen nicht!
Er war die Großmut selbst, er war der Zeiten Licht!
Und alles dies des Testamentes wegen;
Denn eh' er starb, war er's noch nicht.

Sind unsre Nachbarn nun beglückt?
Vielleicht. Wir wollen Achtung geben.
Der eine Nachbar weiht entzückt
Dem reichen Kasten Ruh' und Leben.
Er hütet ihn mit karger Hand
Und wacht, wenn andre schnarchend liegen,
Und wünscht mit Tränen sich Verstand,
Die schlauen Diebe zu betrügen;
Springt oft, durch böse Träum' erschreckt,
Als ob man ihn bestohlen hätte,
Mit schnellen Füßen aus dem Bette
Und sucht den Ort, wo er den Schatz versteckt.
Er martert sich mit tausend Sorgen,
Sein vieles Geld vermehrt zu sehn,
Und nimmt aus Geiz sich vor, die Hälfte zu verborgen,
Und lässt den, den er rief, doch leer zurückegehn.
Arm hatt' er sich noch satt gegessen;
Reich hungert er bei halbem Essen
Und schnitt das Brot, das er den Seinen gab,
Mit Klagen über Gott und Teuerung ab
Und ward mit jedem neuen Tage
Der Seinen Last und seine Plage.

Der andre Nachbar lachte sein.
»Der Torheit,« sprach er, »will ich wehren.
Was ich geerbt, will ich verzehren
Und mich des Segens recht erfreun.«
Er hielt sein Wort und sah in wenig Jahren
Sein vieles Geld in fremder Hand;
Durch Gassen, wo er sonst stolz auf und ab gefahren,
Schlich jetzt sein Fuß ganz unbekannt.
»Ach,« sprach er zu dem andern Erben,
»Philemon hat es wohl bedacht,
Dass uns der Reichtum wird verderben;
Drum hat er uns sein Gut vermacht.
Du hungerst karg – ich hab' es durchgebracht.
Wir waren wert, den Reichtum zu besitzen;
Denn keiner wusste' ihn recht zu nützen.

Fab.23
Damötas und Phyllis

Damötas war schon lange Zeit
Der jungen Phyllis nachgegangen;
Noch konnte seine Zärtlichkeit
Nicht einen Kuss von ihr erlangen.
Er bat, er gab sich alle Müh':
Doch seine Spröde hört' ihn die.

Er sprach: »Zwei Bänder gebe' ich dir;
Auch soll kein Warten mich verdrießen;
Versprich nur, schöne Phyllis, mir,
Mich diesen Sommer noch zu küssen.«
Sie sieht in an – er hofft sein Glück;
Sie lobt sie und gibt sie zurück.

Er bot ein Lamm, noch zwei darauf.
Dann zehn, dann alle seine Herden.
Soviel? Dies ist ein teurer Kauf!
Nun wird sie doch gewonnen werden?
Doch nichts nahm unsre Phyllis ein;
Mit finstrer Stirne sprach sie: »Nein!«

»Wie?« rief Damötas ganz erhitzt.
»So willst du ewig widerstreben?
Gut, ich verbiete dir jetzt,
Mir jemals einen Kuss zu geben!«
»Oh«, rief sie, »fürchte nichts von mir,
Ich bin dir ewig gut dafür.«

Die Spröde lacht; der Schäfer geht,
Schleicht ungeküsst zu seinen Schafen.
Am andern Morgen war Damöt
Bei seinen Herden eingeschlafen.
Er schlief, und im Vorübergehn
Blieb Phyllis vor dem Schläfer stehn.

»Wie rot«, spricht Phyllis, »ist sein Mund!
Bald dürft’ ich mich zu was entschließen.
O wäre nicht sein böser Hund,
Ich müsste diesen Schäfer küssen.«
Sie geht; doch da sie gehen will,
So steht sie vor Verlangen still.

Sie sieht sich dreimal schüchtern um
Und sucht die Zeugen, die sie scheute;
Sie macht den Hund mit Streicheln stumm
Und lockt ihn freundlich auf die Seite;
Sie sinnt, bis dass sie, ganz verzagt,
Sich noch zween Schritte näher wagt.

Hier steht nunmehr das gute Kind -
Allein sie kann sich nicht entschließen.
Doch nein, jetzt bückt sie sich geschwind
Und wagt's, Damöten sanft zu küssen.
Sie gibt ihm drauf noch einen Blick
Und kehrt nach ihrer Flur zurück.

Wie süße muss ein Kuss nicht sein!
Denn Phyllis kommt noch einmal wieder,
Scheint minder sich als erst zu scheun
Und lässt sich bei dem Schäfer nieder;
Sie küsst und nimmt sich nicht in acht,
Sie küsst ihn - und Damöt erwacht.

»Oh«. fing Damöt halb schlafend an,
»Missgönnst du mir die sanfte Stunde?«
»Dir«, sprach sie, »hab’ ich nichts getan;
Ich spielte nur mit deinem Hunde.
Und überhaupt - es steht nicht fein,
Ein Schäfer und stets schläfrig sein.

Jedoch was gibst du mir, Damöt?
So sollst du mich zum Scherze küssen.«
»Nun«, sprach der Schäfer, »ist’s zu spät;
Du wirst an mich bezahlen müssen!«
Drauf gab die gute Schäferin
Um einen Kuss zehn Küsse hin.

Fab.24
Die Widersprecherin

Ismene hatte noch, bei vielen andern Gaben,
Auch diese, dass sie widersprach.
Man sagt es überhaupt den guten Weibern nach,
Dass alle diese Tugend haben.
Doch wenn's auch tausendmal der ganze Weltkreis spricht,
So halt' ich’s doch für ein Gedicht
Und sag' es öffentlich: ich glaub es ewig nicht.
Ich bin ja auch mit mancher Frau bekannt,
Ich hab'es oft versucht, und manche schön genannt,
So hässlich sie auch war, bloß, weil ich haben wollte,
Dass sie mir widersprechen sollte -
Allein sie widersprach mir nicht.
Und also ist es falsch, dass jede widerspricht.
So kränkt man euch, ihr guten Schönen!

Jetzt komm' ich wieder zu Ismenen.
Ismenen sagte man's nicht aus Verleumdung nach -
Es war gewiss, sie widersprach.

Einst saß sie mit dem Mann bei Tische;
Sie aßen unter anderem Fische -
Mich deucht, es war ein grüner Hecht.
»Mein Engel«, sprach der Mann, »mein Engel, ist mir recht:
So ist der Fisch nicht gar zu blau gesotten.«
»Das«, rief sie, »hab' ich wohl gedacht!
So gut man auch die Anstalt macht,
So finden Sie doch Grund, der armen Frau zu spotten.
Ich sag' es Ihnen kurz: der Hecht ist gar zu blau.«
»Gut«, sprach er, »meine liebe Frau,
Wir wollen nicht darüber streiten;
Was hat die Sache zu bedeuten?«

So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt,
Der Zorn den Augenblick in Nase und Lefzen steigt,
Sie rot und blau durchströmt, lang auseinandertreibet,
In beiden Augen blitzt, sich in den Flügeln sträubet,
In alle Federn dringt und sie gen Himmel kehrt
Und zitternd, mit Geschrei und Poltern, aus ihm fährt -
So schießt Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht,
Das Blut den Augenblick in ihr sonst blass Gesicht:
Die Adern liefen auf, die Augen wurden enger,
Die Lippen dick und blau und Kinn und Nase länger;
Ihr Haar bewegte sich, stieg voller Zorn empor
Und stieß, indem es stieg, das Nachtzeug von dem Ohr.
Drauf fing sie zitternd an: »Ich, Mann, ich, deine Frau,
Ich sag' es noch einmal: der Hecht war gar zu blau!«
Sie nimmt das Glas und trinkt. Oh, lasst sie doch nicht trinken!

Ihr Liebster geht und sagt kein Wort.
Kaum aber ist ihr Liebster fort,
So sieht man sie in Ohnmacht sinken.
Wie konnt' es anders sein? Gleich auf den Zorn zu trinken!

Ein plötzliches Geschrei bewegt das ganze Haus.
Man bricht der Frau die Daumen aus,
Man streicht sie kräftig an - kein Balsam will sie stärken.
Man reibt ihr Schläfe und Puls - kein Leben ist zu merken.
Man nimmt versengtes Haar und hält's ihr vors Gesicht -
Umsonst! Umsonst - Sie riecht es nicht!
Nichts kann den Geist ihr wiedergeben.
Man ruft den Mann; er kommt, und schreit: »Du stirbst, mein Leben!
Du stirbst? Ich armer Mann! Ach, meine liebe Frau,
Wer hieß mich dir doch widerstreben!
Ach, der verdammte Fisch! Gott weiß, er war nicht blau.«
Den Augenblick bekam sie wieder Leben.
»Blau war er«, rief sie aus, »willst du dich noch nicht geben?«

So tat der Geist des Widerspruchs
Mehr Wirkung als die Kraft des heftigsten Geruchs.

Fab.25
Das Heupferd oder der Grashüpfer

Ein Wagen Heu, den Veltens Hand
Zu hoch gebäumt und schlecht bespannt,
Konnt' endlich von den matten Pferden
Nicht weiter fortgezogen werden.

Des Fuhrmanns Macht- und Sittenspruch,
Ein zehnmal wiederholter Fluch,
War eben – wie der Peitsche schlagen -
Zu schwach bei diesem schweren Wagen.

Ein Heupferd, das bei der Gefahr
Zuoberst auf dem Wiesbaum war,
Sprang drauf herab und sprach mit Lachen:
»Ich will's dem Viehe leichter machen.«

Drauf ward der Wagen fortgerückt.
»Ei«, rief das Heupferd ganz entzückt,
»Du Fuhrmann, wirst an mich gedenken!
Fahrt fort – den Dank will ich dir schenken.«

Fab.26
Semnon und das Orakel

Sein künftig Schicksal zu erfahren,
Eilt Semnon voll Begier zum delphischen Altar.
Die Gottheit weigert sich, ihm das zu offenbaren,
Was über ihn verhänget war.
Sie spricht: »Du wirst ein großes Glück genießen;
Doch wird's dein Unglück sein, sobald du es wirst wissen.«

Ist Semnons Neugier nun vergnügt?
Nichts weniger! Nur mehr wächst sein Verlangen.
»O Gottheit«, fährt er fort, »wenn Bitten dich besiegt,
So lass mich größres Licht von meinem Glück empfangen!«
So traut der Mensch, und traut zugleich auch nicht.
Ein Semnon glaubt sein Glück; nicht, weil’s die Gottheit saget,
Nein, weil er's schon gewünscht, eh' er sie noch gefraget;
Doch glaubt er auch, wenn sie vom Unglück spricht?
O nein, denn dieses wünscht er nicht.
Durch Klugheit denkt er schon das Unglück abzuwehren -
Kurz, Semnon lässt nicht nach, er will sein Schicksal hören.

»Du wirst«, hub das Orakel an,
»Durch deines Weibes Gunst den Zepter künftig führen
Und Völker, die dich dienen sahn,
Dereinst durch einen Wink regieren.«

Gestärkt durch dieses Götterwort,
Eilt, der als Pilgrim kam, als Prinz in Hoffnung fort,
Misst - ohne Land - im Geist schon seines Reiches Größen
Und lässt schon - ohne Volk - sein Heer das Schwert entblößen.

Allein so froh er war, so war er's nicht genug.
Er weiß noch nicht, was er doch wissen wollte:
Die Zeit, in der sein Fuß den Thron besteigen sollte;
Die Ungewissheit war's, die ihn noch niederschlug.
»Und«, sprach er, »wenn ich auch nun bald den Thron bestiegen,
Wie lange währt alsdann mein königlich Vergnügen?«

Der kühne Zweifel treibt ihn an,
Zum delphischen Apoll sich noch einmal zu nahn.

»O Tor«, versetzt Apoll, »euch Sterblichen zum Glücke
Verbarg der Götter Schluss die Zukunft eurem Blicke.
So wisse denn: In kurzer Zeit
Schmückt dich des Purpurs Herrlichkeit;
Doch raubt die Hand, die dir den Thron gegeben,
Dir mit dem Throne bald das Leben.«

Er tat darauf im Kriege sich hervor
Und stieg aus einem niedern Stande
Zur höchsten Würde im Vaterlande
Durch seine Tapferkeit empor.
Das ihm so günstige Geschicke
Erfüllte des Orakels Sinn,
Und Semnon ward bei immer größerm Glücke,
Der Liebling seiner Königin.
Sie schenkt ihm Herz und Thron; doch ein verborgnes Schrecken
Lässt ihn das Glück der Hoheit wenig schmecken.
Sein reizendes Gemahl, das er halb liebt, halb scheut,
Erfüllt ihn halb mit Frost und halb mit Zärtlichkeit.
Jetzt wünscht er tausendmal sein Schicksal nicht zu kennen,
Um so für sie, wie sie für ihn, zu brennen.
Sie merkt des Königs spröden Sinn;
Sie zieht ihn in Verdacht mit einer Buhlerin;
Sie gibt ihm heimlich Gift - er stirbt vor ihren Füßen.

Sagt, Menschen, ist's kein Glück, sein Schicksal nicht zu wissen?

Fab.27
Das Kartenhaus

Das Kind greift nach den bunten Karten;
Ein Haus zu bauen, fällt ihm ein.
Es baut und kann es kaum erwarten,
Bis dieses Haus wird fertig sein.

Nun steht der Bau. O welche Freude!
Doch ach - ein ungefährer Stoß
Erschüttert plötzlich das Gebäude,
Und alle Bänder reißen los.

Die Mutter kann im Lomberspielen,
Wenn sie den letzten Satz verspielt,
Kaum so viel bangen Schrecken fühlen,
Als ihr bestürztes Kind jetzt fühlt.

Doch wer wird gleich den Mut verlieren?
Das Kind entschließt sich sehnsuchtsvoll,
Ein neues Luftschloss aufzuführen,
Das dem zerstörten gleichen soll.

Die Sehnsucht muss den Schmerz besiegen;
Das erste Haus steht wieder da.
Wie lebhaft war des Kinds Vergnügen,
Als es sein Haus von neuem sah!

»Nun will ich mich wohl besser hüten,
Damit mein Haus nicht mehr zerbricht,«
»Tisch!« ruft das Kind, »lass dir gebieten,
Und stehe fest und wackle nicht!«

Das Haus bleibt unerschüttert stehen,
Das Kind hört auf, sich zu erfreun;
Es wünscht, es wieder neu zu sehen,
Und reißt es bald mit Willen ein.

Schilt nicht den Unbestand der Güter,
Du siehst dein eigen Herz nicht ein;
Veränderlich sind die Gemüter,
So mussten auch die Dinge sein.

Bei Gütern, die wir stets genießen,
Wird das Vergnügen endlich matt;
Und würden sie uns nicht entrissen,
Wo fänd' ein neu Vergnügen statt?

Fab.28
Die zärtliche Frau

Wie alt ist nicht der Wahn, wie alt und ungerecht,
Als ob dir, weibliches Geschlecht,
Die Liebe nicht von Herzen ginge!
Das Alter sang in diesem Ton;
Von seinem Vater hört's der Sohn
Und glaubt die ungereimten Dinge.
Verlasst, o Männer, diesen Wahn,
Und dass ihr ihn verlasst, so hört ein Beispiel an,
Das ich für alle Männer singe.
Du aber, die mich dichten heißt,
Du, Liebe, stärke mich, dass mir ein Lied voll Geist,
Ein überzeugend Lied gelinge,
Und gib mir zu gesetzter Zeit
Ein Weib von so viel Zärtlichkeit,
Als diese war, die ich besinge!

Klarine liebt den treusten Mann,
Den sie nicht besser wünschen kann,
Sie liebt ihn recht von Herzensgrunde.
Und wenn dir dies unglaublich scheint,
So wisse nur, seit der beglückten Stunde,
Die sie mit ihrem Mann vereint,
War noch kein Jahr vorbei; nun glaubst du's doch, mein Freund?

Klarine kannte keine Freude,
Kein größer Glück, als ihren Mann;
Sie liebte, was er lieb gewann,
Was eines wollte, wollten beide,
Was ihm missfiel, missfiel auch ihr.
»Oh«, sprichst du, »so ein Weib, so eines wünscht ich mir!«
Jawohl! ich wünsch' es auch mit dir.
Sei nur recht zärtlich eingenommen.
Ihr Mann wird krank; vielleicht kannst du sie noch bekommen.
Krank, sag' ich, wird ihr Mann, und recht gefährlich krank:
Er quält sich viele Tage lang,
Von ganzen Strömen Schweiß war sein Gesicht umflossen,
Doch noch von Tränen mehr, die sie um, ihn vergossen.
»Tod«, fängt sie ganz erbärmlich an,
»Tod, wenn ich dich erbitten kann,
Nimm lieber mich, als meinen Mann!«
Wenn's nun der Tod gehöret hätte?
Jawohl, er hört es auch; er hört Klarinens Not,
Er kommt und fragt: »Wer rief?« - »Hier«, schreit sie, »lieber Tod,
Hier liegt er! Hier, in diesem Bette!«

Fab.29
Der zärtliche Mann

Die ihr so eifersüchtig seid
Und nichts als Unbeständigkeit
Den Männern vorzurücken pfleget,
O Weiber, überwindet euch:
Lest dies Gedicht, und seid zugleich
Beschämt und ewig widerleget.
Wir Männer sind es ganz allein,
Die einmal nur, doch ewig lieben;
Uns ist die Treu' ins Blut geschrieben.
„Beweist es!“ hör’ ich alle schrein.
Recht gut! Es soll bewiesen sein.

Ein liebes Weib ward krank, Wovon? Von vieler Galle!
Die alte Spötterei; Kein Kluger glaubt sie mehr.
Nein, nein, die Weiber siechen alle,
Wenn dieses Übel schädlich wär’.
Genug - sie wird sehr krank. Der Mann wendet alles an,
Was man von Männern fordern kann;
Eilt, ihr zu rechter Zeit die Pulver einzuschütten;
Er lässt für seine Frau in allen Kirchen bitten
Und gibt noch mehr dafür, als sonst gebräuchlich war -
Und doch vermehrt sich die Gefahr.
Er ächzt, er weint und schreit, er will mit ihr verderben.
»Ach, Engel«, spricht die Frau, »stell deine Klagen ein!
Ich werde mit Vergnügen sterben;
Versprich mir nur, nicht noch einmal zu frein.«
Er schwört, sich keine mehr zu wählen.
»Dein Schatten«, ruft er, »soll mich quälen,
Wenn mich ein zweites Weib besiegt.«
Er schwört.- Nun stirbt sein Weib vergnügt.

Wer kann den Kummer wohl beschreiben,
Der unsern Witwer überfällt?
Er weiß vor Jammer kaum zu bleiben;
Zu eng ist ihm sein Haus, zu klein ist ihm die Welt.
Er opfert seiner Frau die allertreusten Klagen,
Bleibt ohne Speis' und Trank, sucht keine Lagerstatt;
Er klagt und ist des Lebens satt.
Indes befiehlt die Zeit, sie in das Grab zu tragen.
Man legt der Seligen ihr schwarzes Brautkleid an;
Der Witwer tritt betränt an ihren Sarg hinan.
»Was?« fängt er plötzlich an zu fluchen.
»Was, Henker, was soll dieses sein?
Für eine tote Frau ein Brautkleid auszusuchen?
Gesetzt, ich wollte wieder frein,
So müsst' ich ja ein neues machen lassen.«

Ihr Leute kränkt ihn nicht, geht, holt ein ander Kleid
Und lasst dem armen Witwer Zeit;
Er wird sich mit der Zeit schon fassen.

Fab.30
Die Spinne

Hochmütig über ihre Künste
Warf vom durchsichtigen Gespinste
Die Spinne manchen finstern Blick
Auf einen Seidenwurm zurück;
So aufgebläht wie ein Pedant,
Der jetzt, von seinem Wert erhitzet,
In Werken seiner eignen Hand
Bis an den Bart vergraben sitzet,
Und auf den Schüler, der ihn grüßt,
Den Blick mit halben Augen schießt.

Der Seidenwurm, den erst vor wenig Tagen
Der Herr zur Lust mit sich ins Haus getragen,
Sieht dieser Spinne lange zu
Und fragt zuletzt: »Was webst denn du?«
»Unwissender«, lässt sich die Spinn erbittert hören,
»Du kannst mich noch durch solche Fragen stören?
Ich webe für die Ewigkeit!«

Doch kaum erteilet sie den trotzigen Bescheid,
So reißt die Magd, mit Borsten in den Händen,
Von den noch nicht geputzten Wänden
Die Spinne nebst der Ewigkeit.

Die Kunst sei noch so groß, die dein Verstand besitzet,
Sie bleibt doch lächerlich, wenn sie der Welt nicht nützet.
»Verdient«, ruft ein Pedant, »mein Fleiß denn keinen Dank? «
Nein - denn er hilft nichts mehr, als andrer Müßiggang.

Fab.31
Die Biene und die Henne

»Nun, Biene«, sprach die träge Henne,
»Dies muss ich in der Tat gestehn:
So lange Zeit, als ich dich kenne,
So seh' ich dich auch müßiggehn.
Du sinnst auf nichts als dein Vergnügen,
Im Garten auf die Blumen fliegen
Und ihren Blüten Saft entziehn,
Mag eben nicht so sehr bemühn.
Bleib immer auf der Nelke sitzen,
Dann fliege zu dem Rosenstrauch.
Wär' ich wie du, ich tät' es auch.
Was brauchst du andern viel zu nützen?
Genug, dass wir so manchen Morgen
Mit Eiern unser Haus versorgen.«

»O«, rief die Biene, »spotte nicht!
Du denkst, weil ich bei meiner Pflicht
Nicht so wie du bei einem Eie
Aus vollem Halse zehnmal schreie:
So, denkst du, wär ich ohne Fleiß.
Der Bienenstock sei mein Beweis,
Wer Kunst und Arbeit besser kenne:
Ich oder eine träge Henne.
Denn wenn wir auf den Blumen liegen,
So sind wir nicht auf uns bedacht;
Wir sammeln Saft, der Honig macht,
Um fremde Zungen zu vergnügen.
Macht unser Fleiß kein groß Geräusch,
Und schreien wir bei warmen Tagen,
Wenn wir den Saft in Zellen tragen,
Und nicht wie du im Neste heisch,
So präge dir es jetzt ein:
Wir hassen allen stolzen Schein,
Und wer uns kennen will, der muss in Rost und Kuchen
Fleiß, Kunst und Ordnung untersuchen.

Auch hat uns die Natur beschenkt
Und einen Stachel eingesenkt,
Damit wir die bestrafen sollen,
Die, was sie selber nicht verstehn,
Doch meistern und verachten wollen.
Drum, Henne, rat' ich dir, zu gehn.«

O Spötter, der mit stolzer Miene,
In sich verliebt, die Dichtkunst schilt,
Dich unterrichtet dieses Bild.
Die Dichtkunst ist die stille Biene,
Und willst du selbst die Henne sein,
So trifft die Fabel völlig ein.
Du fragst: »Was nützt die Poesie?
Sie lehrt und unterrichtet nie.«
Allein wie kannst du doch so fragen?
Du siehst an dir, wozu sie nützt:
Dem, der nicht viel Verstand besitzt,
Die Wahrheit durch ein Bild, zu sagen.

Fab.32
Der süße Traum

Mit Träumen, die uns schön betrügen,
Erfreut den Timon einst die Nacht;
Im Schlaf erlebt er das Vergnügen,
An das er wachend kaum gedacht.
Er sieht, aus seines Bettes Mitte
Steigt schnell ein großer Schatz herauf.
Und schnell baut er aus seiner Hütte
Im Schlafe schon ein Lustschloss auf.
Sein Vorsaal wimmelt von Klienten,
Und unbekleidet am Kamin
Lässt er, die ihn vordem kaum nennten,
In Ehrfurcht jetzt auf sich verziehn.
Die Schöne, die ihn oft im Wachen
Durch ihre Sprödigkeit betrübt,
Muss Timons Glück vollkommen machen,
Denn träumend sieht er sich geliebt.
Er sieht von Doris sich umfangen
Und ruft, als dies ihm träumt, vergnügt,
Er lallt: »O Doris, mein Verlangen!
Hat Timon endlich dich besiegt?«

Sein Schlafgeselle hört ihn lallen;
Er hört, dass ihn ein Traum verführt,
Und tut ihm liebreich den Gefallen
Und macht, dass sich sein Traum verliert.
»Freund«, ruft er, »lass dich nicht betrügen!
Es ist ein Traum; ermuntre dich!«
»O böser Freund, um welch Vergnügen«,
Klagt Timon ängstlich, »bringst du mich!
Du machest, dass mein Traum verschwindet;
Warum entziehst du mir die Lust?
Genug, ich hielt sie für gegründet,
Weil ich den Irrtum nicht gewusst.«


Oft quält ihr uns, ihr Wahrheitsfreunde,
Mit eurer Dienstbeflissenheit;
Oft seid ihr unsrer Ruhe Feinde,
Indem ihr unsre Lehrer seid.
Wer heißt euch uns den Irrtum rauben,
Den unser Herz mit Lust besitzt
Und der, so heftig wir ihn glauben,
Uns dennoch minder schadet als nützt?
Der wird die halbe Welt bekriegen,
Wer allen Wahn der Welt entzieht.
Die meisten Arten von Vergnügen
Entstehen, weil man dunkel sieht.
Was denkt der Held bei seinen Schlachten?
Er denkt, er sei der größte Held.
Gönnt ihm die Lust, sich hoch zu achten,
Damit ihm nicht der Mut entfällt.
Geht, fragt: »Was denkt wohl Adelheide? «
Sie denkt: Mein Mann liebt mich getreu.
Sie irrt; doch gönnt ihr ihre Freude,
Und lasst das arme Weib dabei.
Was glaubt der Ehemann von Lisetten?
Er glaubt, dass sie die Keuschheit ist.
Er irrt; ich wollte selber wetten;
Doch schweigt, wenn ihr es besser wisst.
Was denkt der Philosoph im Schreiben?
Mich liest der Hof, mich ehrt die Stadt!
Er irrt; doch lasst ihn irrig bleiben,
Damit er Lust zum Denken hat.
Durchsucht der Menschen ganzes Leben -
Was treibt zu großen Taten an?
Was pflegt uns Ruh' und Trost zu geben?
Sehr oft ein Traum, ein süßer Wahn.
Genug, dass wir dabei empfinden;
Es sei auch tausendmal ein Schein!
Sollt' aller Irrtum ganz verschwinden,
So wär’ es schlimm, ein Mensch zu sein.

Fab.33
Der Reisende

Ein Wandrer bat den Gott der Götter,
Den Zeus, bei ungestümem Wetter
Um stille Luft und Sonnenschein.
Umsonst! Zeus lässt sich nicht bewegen;
Der Himmel stürmt mit Wind und Regen;
Denn stürmisch sollt' es heute sein.

Der Wandrer setzt mit bittrer Klage,
Dass Zeus mit Fleiß die Menschen plage,
Die saure Reise mühsam fort.
Sooft ein neuer Sturmwind wütet
Und schnell ihm stillzustehen gebietet,
So oft ertönt ein Lästerwort.

Ein naher Wald soll ihn beschirmen;
Er eilt, dem Regen und den Stürmen
In diesem Holze zu entgehn.
Doch eh' der Wald ihn aufgenommen,
So sieht er einen Räuber kommen
Und bleibt vor Furcht im Regen stehn.

Der Räuber greift nach seinem Bogen,
Den schon die Nässe schlaff gezogen;
Er zielt und fasst den Pilger wohl.
Doch Wind und Regen sind zuwider;
Der Pfeil fällt matt vor dem danieder,
Dem er das Herz durchbohren soll.

»Du Tor«, lässt Zeus sich zornig hören,
»Wird dich der nahe Pfeil nun lehren,
Ob ich dem Sturm zuviel erlaubt?
Hätt' ich dir Sonnenschein gegeben,
So hätte dir der Pfeil das Leben,
Das dir der Sturm erhielt, geraubt.«

Fab.34
Der erhörte Liebhaber

Der größte Fehler in der Liebe,
O Jüngling, ist die Furchtsamkeit;
Was helfen dir die süßen Triebe
Bei einer stummen Schüchternheit?
Du liebst und willst es doch nicht wagen,
Es deiner Schönen zu gestehn?
Was deine Lippen ihr nicht sagen,
Soll sie in deinen Augen sehn.
Im stillen trägst du deinem Kinde
Das Herz mit Ehrerbietung an
Und wünschest, dass sie das empfinde,
Was doch dein Mund nicht sagen kann.
Du hörst nicht auf, sie hoch zu achten,
Und ehrst sie durch Bescheidenheit;
Sie fühlt und lässt dich dennoch schmachten
Und wartet auf Beständigkeit.
Sie lässt dich in den Augen lesen,
Wie viel dir dieser Vorzug nützt;
Erst liebt sie dein bescheidnes Wesen
Und endlich den, der es besitzt.
Ein Jahr verfliegt; o lacht des Blöden,
Was hat er denn für seine Müh'?
Er darf mit ihr von Liebe reden
Und wagt den ersten Kuss auf sie.
Ein Jahr – und noch kein größer Glücke?
In Wahrheit, das ist lächerlich,
Warum rief er beim ersten Blicke
Nicht gleich: »Mein Kind, ich liebe dich!«
Da lob' ich euch, ihr jungen Helden,
Ihr wisst von keiner langen Pein;
Ihr lasst euch bei der Schönen melden,
Ihr kommt und seht und nehmt sie ein.
Und euren Mut recht zu beseelen,
Den ihr bei eurer Liebe fühlt,
So will ich euch den Sieg erzählen,
Den einst Jesmin sehr schnell erhielt.


Ein junger Mensch, der gütigst wollte,
Dass jedes schöne Kind die Ehre haben sollte,
Von ihm geliebt, von ihm geküsst zu sein,
Jesmin, sah Sylvien; das heißt, sie nahm ihn ein.
Er sah sie in dem Fenster liegen,
Ward schnell besiegt und schwur, sie wieder zu besiegen.
Die halbe Nacht verstrich, dass mein Jesmin nicht schlief;
Er sann auf einen Liebesbrief,
Schlug die Romane nach und trug die hellsten Flammen
In einen Brief aus zwanzigen zusammen.
Der Brief ward fortgeschickt, und für sein bares Geld
Ward auch der Brief getreu bestellt –
Allein die Antwort will nicht kommen.
Jesmin, von Kummer eingenommen,
Ergreift das Briefpapier und schreibet noch einmal.
Er klagt der Schönen seine Qual,
Er red't von strengen Liebeskerzen,
Von Augensonnen, heiß an Pein,
Von Tigermilch, von diamantnen Herzen
Und von der Hoffnung Nordlichtschein
Und schwört, weil Sylvia durch nichts erweicht geworden,
Sich bei Gelegenheit aus Liebe zu ermorden.

Getrost, Jesmin, versiegle deinen Brief!
So wie das Siegelwachs am Lichte niederlief,
So wird der Schönen Herz, eh' Nacht und Tag verfließen,
Von deines Briefes Glut erweicht, zerschmelzen müssen.
Der Brief wird fortgeschickt und richtig überbracht.
Jesmin tut manch Gebet an Venus' kleinen Knaben;
Doch folgt die Antwort nicht. Wer hätte das gedacht!
Das Mädchen muss ein Herz von Stahl und Eisen haben;
Doch welcher Baum fällt auf den ersten Hieb?
Ich zweifle nicht, die Schöne hat ihn lieb,
Und ihre Sprödigkeit ist ein verstelltes Wesen,
Um nur von ihm mehr Briefe noch zu lesen;
Wie könnte sie dem heißen Flehn
Und, da sie ihn unlängst geputzt gesehn,
Der reichen Weste widerstehn?

Ich weiß noch einen Rat, und dieser Rat wird glücken;
Durch Verse kann man sehr entzücken.
In Versen, mein Jesmin, in Versen schreib an sie;
Siegst du durch Verse nicht, Jesmin, so siegst du nie!
Er folgt. O wünscht mit mir, dass ihm die Reime fließen!
Seht, welch ein feurig Lied Jesmin zur Welt gebar!
Was konnte man auch anders schließen,
Da seine Prosa schon so hoch und feurig war?

Kaum hatte Sylvia das Heldenlied gelesen,
So kam auch schon ein Gegenbrief.
Man stelle sich nur vor, wie froh Jesmin gewesen,
Wie froh Jesmin der Magd entgegenlief!
Die schlaue Magd grüßt ihn galant.
Er steht und hält den Brief entzückt in seiner Hand
Und brennt vor Begier, den Inhalt bald zu wissen,
Und kann vor Zärtlichkeit sich dennoch nicht entschließen,
Das kleine Siegel abzuziehn;
Er drückt den Brief an sich, er drückt und küsst ihn.
Die Magd kriegt ein Pistol und schwört, ihm treu zu bleiben.
Allein was stund in diesem Schreiben,
Als es Jesmin froh auseinander schlug?
Kein Wörtchen mehr als dies: »Mein Herr, Sie sind nicht klug!«

Fab.35
Der glücklich gewordene Ehemann


Frontin liebt Hannchen bis zum Sterben,
Denn Hannchen war ein schönes Kind.
Allein je reizender die losen Mädchen sind,
Um desto weniger kann man ihr Herz erwerben.
Frontin erfuhr es wohl; drei Jahre liebt' er sie;
Allein umsonst war alle Müh'.
Was tat er endlich? Er verreiste
Und ging (was kann wohl Ärgres sein?),
Ging, sag' ich, mit dem bösen Geiste
Ein Bündnis an dem Blocksberg ein;
Ein Bündnis, dass er ihm zwei Jahre dienen wollte,
Wofern er Hannchen noch zur Frau bekommen sollte.
Sie werden hurtig eins und schließen ihren Kauf;
Der böse Geist gibt ihm die Hand darauf.
Und ob er gleich die Welt sehr oft belogen
Und Doktor Fausten selbst betrogen,
So hielt er doch sein Wort genau.
Frontin ward Hannchens Mann, und sie ward seine Frau.

Doch eh' vier Wochen sich verlieren,
So fängt Frontin schon an, den Schwarzen zu zitieren.
»Ach, darf ich, lieber böser Feind,
Noch einer Bitte mich erkühnen?
Ich habe dir gelobt, für Hannchen, meine Frau,
Zwei Jahre, wie du weißt, zu dienen,
Und dies erfüll' ich auch genau;
Doch willst du mir mein Hannchen wieder nehmen,
Soll mein Dienst ein Jahr verlängert sein.
Der Böse will sich nicht bequemen.
Drauf geht Frontin die Frist noch zweimal ein.
»Denn«, sprach er bei sich selbst, »so arg du immer bist,
So weiß ich doch, dass Hannchen ärger ist.«

Fab.36
Der gütige Besuch

Ein offner Kopf, ein muntrer Geist,
Kurz, einer von den feinen Leuten,
Die ihr Beruf zu Neuigkeiten
Nie denken, ewig reden heißt,
Die mit Gewalt es haben wollten,
Dass Kluge närrisch werden sollen –
Ein solcher Schwätzer trat herein,
Dem Dichter den Besuch zu geben.
»Oh«, rief er, »welch ein traurig Leben!
Wie? Schlafen Sie denn nicht bei Ihren Büchern ein?
So sind Sie denn so ganz allein
Und müssen gar vor Lageweile lesen?
Ich dacht' es wohl, drum kam ich so geschwind.«

»Ich bin«, sprach der Poet, »noch nie allein gewesen
Als seit der Zeit, da Sie zugegen sind.«

Fab.37
Der Arme und der Reiche

Aret, ein tugendhafter Mann,
Dem nichts als Geld und Güter fehlten,
Rief, als ihn einst die Schulden quälten,
Das Glück um seinen Beistand an.
Das Glück, das seine liebsten Gaben
Sonst immer für die Leute spart,
Die von den Gütern bessrer Art
Nicht gar zuviel bekommen haben,
Entschloss sich dennoch, auf sein Flehn,
Dem wackern Manne beizustehn,
Und ließ ihn in verborgnen Gründen
Aus Geiz verscharrte Schätze finden.
Er sieht darauf in kurzer Zeit
Von seinen Schuldnern sich befreit;
Doch ist ihm wohl die Not benommen,
Da statt der Schuldner Schmeichler kommen?
Sooft er trinkt, sooft er isst,
Kommt einer, der ihn durstig küsst,
Nach seinem Wohlsein ängstlich fraget
Und ihn mit Höflichkeit und List,
Mit Loben und Bewundern plaget
Und doch durch alles nicht, als dass ihn hungert, saget.

»O Glücke,« rief Aret, »soll eins von beiden sein;
Kann alle Klugheit nicht von Schmeichlern mich befrein,
So will ich mich von Schuldnern lieber hassen,
Als mich von Schmeichlern lieben lassen.
Vor jenen kann man doch zuweilen sicher sein;
Doch diese Brut schleicht sich zu allen Zeiten ein.«

Fab.38
Damokles

Glaubt nicht, dass bei dem größten Glücke
Ein Wüterich jemals glücklich ist;
Er zittert in dem Augenblicke,
Da er der Hoheit Frucht genießt.
Bei aller Herrlichkeit stört ihn des Todes Schrecken
Und lässt ihn nichts als teures Elend schmecken.

Als den Tyrannen Dionys
Ein Schmeichler einstens glücklich pries
Und aus dem Glanz der äußerlichen Ehre,
Aus reichem Überfluss an Volk und Gold erwies,
Dass sein Tyrann unendlich glücklich wäre -
Als dies Damokles einst getan,
Fing Dionys zu diesem Schmeichler an:
»Sosehr mein Glück dich eingenommen,
So kennst du es doch unvollkommen;
Doch schmecktest du es selbst, wie würde dich's erfreun!
Willst du einmal an meiner Stelle sein?«
»Von Herzen gern!« fällt ihm Damokles ein.

Ein goldner Stuhl wird schnell für ihn herbeigebracht.
Er sitzt und sieht auf beiden Seiten
Der Hohen größte Herrlichkeiten,
Die Stolz und Wollust ausgedacht.
Von Purpur prangen alle Wände,
Gold schmückt die Tafel aus, im Golde perlt der Wein.
Ein Wink - so eilen zwanzig Hände,
Des hohen Winkes wert zu sein.
Ein Wort - so fliegt die Menge schöner Knaben
Und sucht den Ruhm, dies Wort vollstreckt zu haben.

Von Wollust süß berauscht, von Herrlichkeit entzückt,
Schätzt sich Damokles für beglückt.
»O Hoheit«, ruft er aus, »könnt’ ich dich ewig schmecken!«
Doch ach, was nimmt er plötzlich wahr?
Ein scharfes Schwert an einem Pferdehaar,
Das an der Decke hängt, erfüllt sein Herz mit Schrecken;
Er sieht die drohende Gefahr
Nah über seinem Haupte schweben.
Der Glückliche fängt an zu beben;
Er sieht nicht mehr auf seines Zimmers Pracht,
Nicht auf den Wein, der aus dem Golde lacht;
Er langt nicht mehr nach den schmackhaften Speisen,
Er hört nicht mehr der Sänger sanfte Weisen.
»Ach«, fängt er zitternd an zu schreien,
»Lass mich, o Dionys, nicht länger glücklich sein!«

Fab.39
Die beiden Hunde

Dass oft die allerbesten Gaben
Die wenigsten Bewundrer haben
Und dass der größte Teil der Welt
Das Schlechte für das Gute hält!
Dies Übel sieht man alle Tage;
Allein wie wehrt man dieser Pest?
Ich zweifle, dass sich diese Plage
Aus unsrer Welt verdrängen lässt.
Ein einzig Mittel ist auf Erden;
Allein es ist unendlich schwer:
Die Narren müssten Weise werden,
Und seht, sie werden's nimmermehr.
Nie kennen sie den Wert der Dinge,
Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand:
Sie loben ewig das Geringe,
Weil sie das Gute nie gekannt.

Zwei Hunde dienten einem Herrn;
Der eine von den beiden Tieren,
Joli, verstand die Kunst, sich lustig aufzuführen,
Und wer ihn sah, vertrug ihn gern.
Er holte die verlornen Dinge
Und spielte voller Ungestüm.
Man lobte seinen Scherz, belachte seine Sprünge.
»Seht«, hieß es, »alles lebt an ihm!«
Oft biss er mitten in dem Streicheln,
So falsch und boshaft war sein Herz;
Gleich fing er wieder an zu schmeicheln,
Dann hieß sein Biss ein feiner Scherz.
Er war verzagt und ungezogen;
Doch ob er gleich zur Unzeit bellt' und schrie,
So blieb ihm doch das ganze Haus gewogen,
Er hieß der lustige Joli.
Mit ihm vergnügte sich Lisette,
Er sprang mit ihr zu Tisch und Bette,
Und beide teilten ihre Zeit
In Schlaf, in Scherz und Lustbarkeit;
Sie aber übertraf ihn weit.

Fidel, der andre Hund, war von ganz anderem Wesen:
Zum Witze nicht ersehn, zum Scherze nicht erlesen,
Sehr ernsthaft von Natur, doch wachsam um das Haus,
Ging öfters auf die Jagd mit aus,
War treu und herzhaft in Gefahr
Und bellte nicht, als wenn es nötig war.
Er stirbt. Man hört ihn kaum erwähnen;
Man trägt ihn ungerühmt hinaus.
Joli stirbt auch. Da fließen Tränen!
Seht, ihn beklagt das ganze Haus;
Die ganze Nachbarschaft bezeiget ihren Schmerz.

So gilt ein bisschen Witz mehr, als ein gutes Herz.

Fab.40
Selinde


Das schönste Kind zu ihren Zeiten,
Selinde, reich an Lieblichkeiten,
Schön, wenn ich also sagen mag,
Schön wie das Morgenrot und heiter wie der Tag -
Selinde soll sich malen lassen.
Sie weigert sich; der Maler ließ nicht nach,
Er bat, bis sie es ihm versprach,
Und schwur, sie recht getreu zu fassen.
Sie fragt, wie viel man ihm bezahlt.
Ich hätte sie umsonst gemalt,
Und hätt' ich ja was fordern sollen,
So hätt' ich Küsse fordern wollen.

So schön Selinde wirklich war,
So schön - und schöner nicht - stellt sie der Maler dar;
Die kleinste Miene muss ihm glücken,
Das Bild war treu und schön bis zum Entzücken,
So reizend, dass es selbst der Maler hurtig küsst,
Sobald sein Weib nicht um ihn ist.

Der Maler bringt sein göttliches Gesicht.
Selinde sieht es an, erschrickt und legt es nieder.
»Hier, nehme Er sein Gemälde wieder!
Er irrt, mein Freund, das bin ich nicht.
Wer hieß ihn so viel Schmeicheleien
Uns soviel Reiz auf meine Bildung streuen?
Erdichtet ist der Mund, verschönert ist das Kinn.
Kurz, nehme Er nur sein Bildnis hin;
Ich mag nicht schöner sein, als ich in Wahrheit bin.
Vielleicht wollt' Er die Venus malen:
Von dieser lass Er sich bezahlen.«

So ist sie denn allein das Kind,
Das schön ist, ohn' es sein zu wollen?
Wie viele kenn' ich nicht, die wirklich hässlich sind
Und die wir mit Gewalt für englisch halten sollen!

Der Maler nimmt sein Bild und sagt kein einzig Wort,
Geht trotzig wie ein Künstler fort.
Was wird er tun? Er wird es doch nicht wagen
Und so ein schönes Kind verklagen?

Er klagt. Selinde muss sich stellen.
Die Väter werden doch ein gütig Urteil fällen!
O fahrt sie nicht gebieterisch an;
Sosehr sie unrecht hat, so edel ist ihr Wahn.

Hier kommt sie schon, hier kommt Selinde!
Wer hat mehr Anmut noch gesehen?
Der ganze Rat erstaunt vor diesem schönen Kinde,
Und sein Erstaunen preist sie schön.
Und jeder Greis in dem Gerichte
Verliert die Runzeln vom Gesichte;
Man sah aufs Bild, doch jedes Mal
Noch längre Zeit aufs Original,
Und jeder rief: »Sie ist getroffen!«
»Oh«, sprach sie ganz beschämt, »wie könnt' ich dieses hoffen?
Er hat mich viel zu schön gemalt,
Und Schmeichler werden nicht bezahlt.«

»Selinde«, hub der Richter an,
»Kein Maler konnt' Euch treuer malen;
Er hat nach seiner Pflicht getan,
Abbittend sollt Ihr ihn bezahlen.
Doch weil Ihr von Euch selbst nicht eingenommen seid,
So geht nicht unbelohnt von diesem Richterplatze:
Empfangt ein Heiratsgut aus dem gemeinen Schatze,
Zum Lohne der Bescheidenheit.«

O weiser Mann, der dieses spricht,
Gerechter ist kein Spruch zu finden;
Du, du verdienst ein ewig Lobgedicht,
Und wärst du jung, verdientest du Selinden!
Selinde geht. Der Beifall folgt ihr nach;
Man sprach von ihr gewiss, wenn man von Schönen sprach;
Je mehr sie zweifelte, ob sie so reizend wäre,
Um desto mehr erhielt sie Ehre.

Je minder sich der Kluge selbst gefällt,
Um desto mehr schätzt ihn die Welt.

Fab.41
Der Schatz

Ein kranker Vater rief den Sohn.
»Sohn«, sprach er, »um dich zu versorgen,
Hab' ich vor langer Zeit einst einen Schatz verborgen;
Er liegt« - Hier starb der Vater schon.
Wer war bestürzter als der Sohn?
»Ein Schatz!« so waren seine Worte.
»Ein Schatz! Allein an welchem Orte?
Wo find' ich ihn?« Er schickt nach Leuten aus,
Die Schätze sollen graben können,
Durchbricht der Scheuern harte Tennen,
Durchgräbt den Garten und das Haus
Und gräbt doch keinen Schatz heraus.

Nach viel vergeblichem Bemühen
Hieß er die Fremden wieder ziehen,
Sucht selber in dem Hause nach,
Durchsucht des Vaters Schlafgemach
Und findet mit leichter Müh' (wie groß war sein Vergnügen!)
Ihn unter einer Diele liegen.

Vielleicht, dass mancher eh' die Wahrheit finden sollte,
Wenn er mit minderer Müh' die Wahrheit suchen sollte;
Und mancher hätte sie wohl zeitiger entdeckt,
Wofern er nicht geglaubt, sie wäre tief versteckt.
Verborgen ist sie wohl; allein nicht so verborgen,
Dass du der finstern Schriften Wust,
Um sie zu sehn, mit tausend Sorgen
Bis auf den Grund durchwühlen musst.
Verlass dich nicht auf fremde Müh',
Such selbst, such aufmerksam, such oft; du findest sie.
Die Wahrheit, lieber Freund, die alle nötig haben,
Die uns als Menschen glücklich macht,
Ward von der Weisen Hand, die sie uns zugedacht,
Nur leicht verdeckt, nicht tief vergraben

Fab.42
Monime

Durch schöner Glieder Reiz, durch Schönheit des Verstands
Erwarb Monime sich den Beifall Griechenlands.
So manches Buhlers Herz besiegten ihre Blicke;
Mit Wollust sah er sie, beschämt wich er zurücke;
Denn war Monime schön, so war ihr Herz zugleich
An Unschuld - wie ihr Blick an Geist und Feuer - reich.
Die Tugend, die dem Wunsch erhitzter Buhler wehrte,
Trieb selbst den Buhler an, dass er sie mehr verehrte.
Arm war sie von Geburt und zart von Leidenschaft,
Mit Schmeichlern stets umringt, und blieb doch tugendhaft?
Doch bringt Geschenke her! Der Diamanten Flehen,
Des Golds Beredsamkeit wird sie nicht widerstehen.

Ein Prinz aus Pontus ist's, der großer Mithridat,
Der mit entbrannter Brust sich zu Monimen naht;
Ein König seufzt und fleht: zu schmeichelnde Gedanken!
Wird nicht bei diesem Glück Monimens Tugend wanken?

»Prinz«, fing sie herzhaft an, »du scheinst durch mich gerührt
Und rühmst den kleinen Reiz, der meine Bildung ziert;
Ich danke der Natur für diesen Schmuck der Jugend;
Die Schönheit gab sie mir, und ich gab mir die Tugend.
Nicht jene macht mich stolz, nein, diese macht mich kühn;
Sei tausendmal ein Prinz: umsonst ist dein Bemühn!
Ich mehre nie die Zahl erkaufter Buhlerinnen;
Nur als Gemahl wirst du Monimens Herz gewinnen.«

So unbeweglich blieb ihr tugendhafter Sinn.
Der Prinz, des Prinzen Flehn, der prächtigste Gewinn,
Des Hofes Kunst und List - nichts konnte sie bezwingen;
Der Prinz muss für ihr Herz ihr selbst die Krone bringen.
O welch ein seltnes Glück: von niederem Blut entstehn
Und aus dem Staube sich bis zu dem Thron erhöhn!
Wie lange, großes Glück, wirst du ihr Herz vergnügen?
Wie lange?

Mithridat hofft Rom noch zu besiegen,
Verlässt Monimens Arm, um in den Krieg zu ziehn.
Doch der, der siegen will, fängt an – besiegt - zu fliehn;
Rom setzt ihm siegreich nach; sein Land wird eingenommen,
Doch soll das stolze Rom Monimen nicht bekommen;
Eh' dies der Prinz erlaubt, befielt er ihren Tod.
Ein Sklave eröffnet ihr, was Mithridat gebot.

»So«, ruft sie, »raubt mir auch die Hoheit noch das Leben,
Die für entrissne Ruh' mir einen Thron gegeben
Auf dem ich ungeliebt durch Reue mich gequält,
Dass ich den Niedrigsten mir nicht zum Mann erwählt?«
Sie reißt den Hauptschmuck ab, um stolz sich umzubringen,
Und eilt, ihr Diadem sich um den Hals zu schlingen;
Allein das schwache Band erfüllt ihr Wünschen nicht,
Es reißt und weigert sich der so betrübten Pflicht.
»O«, ruft sie, »Schmuck, den ich zu meiner Pein getragen,
Sogar den schlimmsten Dienst willst du mir noch versagen?«
Sie wirft ihn vor sich hin, tritt voller Wut darauf
Und gibt durch einen Dolch alsbald ihr Leben auf.

Fab.43
Der unsterbliche Autor

Ein Autor schrieb sehr viele Bände
Und war das Wunder seiner Zeit;
Der Journalisten gütige Hände
Verehrten ihm die Ewigkeit.
Er sah vor seinem sanften Ende
Fast alle Werke seiner Hände
Das sechste Mal schon aufgelegt
Und sich mit tiefgelehrtem Blicke
In einer spanischen Perücke
Vor jedes Titelblatt geprägt.
Er blieb vor Widersprechern sicher
Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt;
Und das Verzeichnis seiner Bücher,
Die kleinen Schriften mitgezählt,
Nahm an dem Lebenslauf allein
Drei Bogen und drei Seiten ein.

Man las nach dieses Mannes Tode
Die Schriften mit Bedachtsamkeit;
Und seht, das Wunder seiner Zeit
Kam in zehn Jahren aus der Mode,
Und seine göttliche Methode
Hieß eine bange Trockenheit.
Der Mann war bloß berühmt gewesen,
Weil Stümper ihn gelobt, eh’ Kenner ihn gelesen.

Berühmt zu werden ist nicht schwer,
Man darf nur viel für kleine Geister schreiben;
Doch bei der Nachwelt groß zu bleiben,
Dazu gehört noch etwas mehr,
Als, seicht am Geist, in strenger Lehrart schreiben.

Fab.44
Der grüne Esel

Wie oft weiß nicht ein Narr durch töricht Unternehmen
Viel tausend Toren zu beschämen!

Neran, ein kluger Narr, färbt einen Esel grün -
Am Leibe grün, rot an den Beinen -,
Fängt an, mit ihm die Gassen durchzuziehn;
Er zieht, und jung und alt erscheinen.
»Welch Wunder!« rief die ganze Stadt.
»Ein Esel, zeisiggrün! der rote Füße hat!
Das muss die Chronik einst den Enkeln noch erzählen,
Was es zu unsrer Zeit für Wunderdinge gab!«
Die Gassen wimmelten von Millionen Seelen;
Man hebt die Fenster aus, man deckt die Dächer ab;
Denn alles will den grünen Esel sehn,
Und alle konnten doch nicht mit dem Esel gehn.

Man lief die beiden ersten Tage
Dem Esel mit Bewunderung nach.
Der Kranke selbst vergaß der Krankheit Plage,
Wenn man vom grünen Esel sprach.
Die Kinder in den Schlaf zu bringen,
Sang keine Wärterin mehr von dem schwarzen Schaf;
Vom grünen Esel hört man singen,
Und so gerät das Kind in Schlaf.

Drei Tage waren kaum vergangen,
So war es um den Wert des armen Tiers geschehn;
Das Volk bezeigte kein Verlangen,
Den grünen Esel mehr zu sehn;
Und so bewundernswert er anfangs allen schien,
So dacht' jetzt doch kein Mensch mit einer Silbe an ihn.

Ein Ding mag noch so närrisch sein,
Es sei nur neu, so nimmt's den Pöbel ein:
Er sieht, und er erstaunt; kein Kluger darf ihm wehren.
Drauf kommt die Zeit und denkt an ihre Pflicht;
Denn sie versteht die Kunst, die Narren zu bekehren,
Sie mögen wollen oder nicht.

Fab.45
Der baronisierte Bürger

Des kargen Vaters stolzer Sohn
Ward nach des Vaters Tod Herr einer Million
Und für sein Geld in kurzer Zeit Baron.
Er nahm sich vor, ein großer Mann zu werden,
Und ahmte, wenn ihm gleich der innere Wert gebrach,
Doch die gebieterischen Gebärden
Der Großen zuversichtlich nach.
Bald wünscht er sich des Staatsmanns Ehre,
Vertraut mit Fürsten umzugehn;
Bald wünscht er sich das Glück, dereinst vor einem Heere
Mit Lorbeeren des Eugen zu stehn.
Kurz, er blieb ungewiss, wo er mehr Ansehen hätte,
Ob in dem Feld, ob in dem Kabinette.

Indessen war er doch Baron,
Und sein Verdienst, die Million.
Ließ sich zu alles Volks Entzücken
In Läufern und Heiducken blicken.
Er nahm die halbe Stadt in Sold,
Bedeckte sich und sein Gefolge mit Gold
Und brüstete sich mehr in seiner Staatskarosse
Als die daran gespannten Rosse.

Er war der Schmeichler Mäzenat.
Ein Geck, der ihn gebückt um seine Gnade bat
Und alles, was sein Stolz begonnte,
Recht unverschämt bewundern konnte,
Der kam sogleich in jener Freunde Zahl,
In der man mit ihm aß, ihn lobt' und ihn bestahl,
Und, wenn man ihn betrog, zugleich ihn überred'te,
Dass er des Argus Augen hätte

Was braucht es mehr als Stolz und Unverstand,
Um Millionen durchzubringen?
Unsichrer ist kein Schatz als in des Jünglings Hand,
Den Wollust, Pracht und Stolz zu ihren Diensten zwingen.
Der Herr Baron vergaß bei seinem großen Schatz
Den Staatsmann und den Held, ward sinnreich im Verschwenden
Und sah in kurzer Zeit sein Gut in fremden Händen,
Starb arm und unberühmt. Kurz, er bewies den Satz,

Dass Eltern ihre Kinder hassen,
Wofern sie ihnen nichts als Reichtum hinterlassen.

Fab.46
Der arme Schiffer

Ein armer Schiffer stak in Schulden
Und klagte dem Philet sein Leid.
»Herr«, sprach er, »leiht mir hundert Gulden;
Allein zu Eurer Sicherheit
Hab' ich kein ander Pfand als meine Redlichkeit.
Indessen leiht mir aus Erbarmen
Die hundert Gulden auf ein Jahr.«

Philet, ein Retter in Gefahr,
Ein Vater vieler hundert Armen,
Zählt ihm das Geld mit Freuden dar.
»Hier«, spricht er, »nimm es hin und brauch' es ohne Sorgen,
Ich freue mich, dass ich dir dienen kann;
Du bist ein ordentlicher Mann,
Dem muss man ohne Handschrift borgen.«

Ein Jahr, und noch ein Jahr verstreicht;
Kein Schiffer lässt sich wieder sehen.
Wie? Sollt' er auch Phileten hintergehen
Und ein Betrüger sein? Vielleicht.

Doch nein - Hier kommt der Schiffer gleich.
»Herr,« fängt er an,- »erfreuet Euch!
Ich bin aus allen meinen Schulden;
Und sehet, hier sind zweihundert Gulden,
Die ich durch Euer Geld gewann.
Ich bitt' Euch herzlich, nehmt sie an,
Ihr seid ein gar zu wackrer Mann.«

»Oh«, spricht Philet, »ich kann mich nicht besinnen,
Dass ich dir jemals Geld geliehn.
Hier ist mein Rechnungsbuch, ich will's zu Rate ziehn;
Allein ich weiß es schon, du stehest nicht darinnen.«

Der Schiffer sieht ihn an und schweigt betroffen still
Und kränkt sich, dass Philet das Geld nicht nehmen will.
Er läuft und kommt mit voller Hand zurücke.
»Hier«, spricht er, »ist der Rest von meinem ganzen Glücke:
Noch hundert Gulden! Nehmt sie hin,
Und lasst mir nur das Lob, dass ich erkenntlich bin.
Ich bin vergnügt, ich habe keine Schulden,
Dies Glücke dank' ich Euch allein;
Und wollt Ihr ja recht gütig sein,
So leiht mir wieder fünfzig Gulden.«

»Hier«, spricht Philet, »hier ist dein Geld;
Behalte deinen ganzen Segen!
Ein Mann, der Treu' und Glauben hält,
Verdient ihn seiner Treue wegen.
Sei du mein Freund! Das Geld ist dein;
Es sind nicht mehr als hundert Gulden mein,
Die sollen deinen Kindern sein.«

Mensch, mache dich verdient um andrer Wohlergehen;
Denn was ist göttlicher, als wenn du liebreich bist
Und mit Vergnügen eilst, dem Nächsten beizustehen,
Der, wenn er Großmut sieht, großmütig dankbar ist!

Fab.47
Das Schicksal

O Mensch, was strebst du doch, den Ratschluss zu ergründen,
Nach welchem Gott die Welt regiert?
Mit endlicher Vernunft willst du die Absicht finden,
Die der Unendliche bei seiner Schickung führt?
Du siehst bei Dingen, die geschehen,
Nie das Vergangne recht und auch die Folge nicht
Und hoffest doch den Grund zu sehen,
Warum das, was geschah, geschieht?
Die Vorsicht ist gerecht in allen ihren Schlüssen.
Dies siehst du freilich nicht bei allen Fällen ein;
Doch wolltest du den Grund von jeder Schickung wissen,
So müsstest du, was Gott ist, sein.
Begnüge dich, die Absicht zu verehren,
Die du zu sehn zu blöd am Geiste bist,
Und lass dich hier ein jüdisch Beispiel lehren,
Dass das, was Gott verhängt, aus weisen Gründen fließt
Und, wenn dir's grausam scheint, gerechtes Schicksal ist.

Als Moses einst vor Gott auf einem Berge trat
Und ihn von jenem ewigen Rat,
Der unser Schicksal lenkt, um größre Kenntnis bat,
So ward ihm ein Befehl, er sollte von den Höhen,
Worauf er stand, hinab ins Ebne sehen.
Hier floss ein klarer Quell. Ein reisender Soldat
Stieg bei dem Quell von seinem Pferde
Und trank. Kaum war der Reiter fort,
So lief ein Knabe von der Herde
Nach einem Trunk an diesem Ort.
Er fand den Geldsack bei dem Quelle,
Der jenem hier entfiel; er nahm ihn und entwich,
Worauf nach ebendieser Stelle
Ein Greis gebückt an seinem Stabe schlich.
Er trank und setzte sich, um auszuruhen, nieder;
Sein schweres Haupt sank zitternd in das Gras,
Bis es im Schlaf des Alters Last vergaß.
Indessen kam der Reiter wieder,
Bedrohte diesen Greis mit wildem Ungestüm
Und forderte sein Geld von ihm.

Der Alte schwört, er habe nichts gefunden,
Der Alte fleht und weint; der Reiter flucht und droht
Und sticht zuletzt mit vielen Wunden
Den armen Alten wütend tot.
Als Moses dieses sah, fiel er betrübt zur Erden;
Doch eine Stimme rief: »Hier kannst du inne werden,
Wie in der Welt sich alles billig fügt!
Denn wisse: es hat den Greis, der jetzt im Blute liegt,
Des Knaben Vater einst erschlagen,
Der den verlornen Raub zuvor davongetragen.«

Fab.48
Lisette


Ein junges Weib - sie hieß Lisette,-
Dies Weib lag an Blattern blind.
Nun weiß man wohl, wie junge Weiber sind,
Drum durft' ihr Mann nicht von dem Bette,
So gern er sie verlassen hätte;
Denn lasst ein Weib schön wie Cytheren sein,
Wenn sie die Blattern hat, so nimmt sie nicht mehr ein.
Hier sitzt der gute Mann zu seiner größten Pein
Und muss des kranken Weibes pflegen,
Ihr Kissen oft zurechtelegen
Und oft durch ein Gebet um ihre Bessrung flehn;
Und gleichwohl war sie nicht mehr schön.
Ich hätt' ihn mögen beten sehn.

Der arme Mann! Ich weiß ihm nicht zu raten;
Vielleicht besinnt er sich, und tut, was andre taten.

Ein krankes Weib braucht eine Wärterin;
Und Lorchen ward dazu erlesen,
Weil ihr Lisettens Eigensinn
Vor andern längst bekannt gewesen.
Sie trat ihr Amt dienstfertig an
Und wusste sich in allen Stücken
Gut in die kranke Frau zu schicken
Und auch in den gesunden Mann.
Sie war besorgt, gefällig, jung und schön
Und also ganz geschickt, mit beiden umzugehn.

Was tut man nicht, um sich von Gram und Pein,
Von langer Weile zu befrein?
Der Mann sieht Lorchen an und red't mit ihr durch Blicke,
Weil er nicht anders reden darf;
Und jeder Blick, den er auf Lorchen warf,
Kam, wo nicht ganz, doch halb erhört zurücke.

Ach, arme kranke Frau, es ist dein großes Glücke,
Dass du nicht sehen kannst; dein Mann tut recht galant.
Dein Mann, ich wollte viel drauf wetten,
Hat Lorchen schon vorher gekannt
Und sie mit Fleiß zur Wärterin ernannt.
Ja, wenn sie bloß durch Blicke red'ten,
So möchte' es endlich wohl noch gehn;
Allein bald wird man sie einander küssen sehn.
Er kommt und klopft sie in den Nacken
Und kneift sie in die vollen Backen;
Sie wehrt sich ganz bequem, bequem wie eine Braut,
Und findet bald für gut, sich weiter nicht zu wehren.
Sie küssen sich recht zärtlich und vertraut;
Allein sie küssten gar zu laut.
Wie konnt' es anders sein? Lisette musst' es hören.
Sie hört's, und fragt: »Was schallt so hell?«
»Madam, Madam«, ruft Lorchen schnell,
»Es ist Ihr Herr; er ächzt vor großem Schmerz
Und will sich nicht zufriedengeben.«
»Ach«, spricht sie, »lieber Mann, wie redlich meint's dein Herz!
O gräme dich doch nicht! Ich bin ja noch am Leben.«

Fab.49
Die Verschwiegenheit

»O Doris, wärst du nur verschwiegen,
So wollt' ich die etwas gestehn:
Ein Glück, ein ungemein Vergnügen -
Doch nein, ich schweige«, sprach Tiren.
»Wie?« rief die schöne Schäferin.
»Du zweifelst noch, ob ich verschwiegen bin?
Du kannst mir's sicher offenbaren;
Ich schwör', es soll's kein Mensch erfahren.«
»Du kennst«, versetzt Tiren, »die spröde Sylvia,
Die schüchtern vor mir floh, sooft sie mich sonst sah.
Ich komme gleich von dieser kleinen Spröden;
Doch ach – ich darf nicht weiterreden.
Nein Doris, nein, es geht nicht an;
Es wär' um ihre Gunst und um mein Glück getan,
Wenn Sylvia einst erführe,
Dass – dringe nicht in mich; ich halte meine Schwüre.«
»So liebt sie dich?« fuhr Doris fort.
»Jawohl! Doch sage ja kein Wort!
Ich hab' ihr Herz nun völlig eingenommen
Und jetzt von ihr den ersten Kuss bekommen.
>Tiren<, sprach sie zu mir, >mein Herz sei ewig dein;
Doch eines bitt' ich dich: Du musst verschwiegen sein!
Dass wir uns günstig sind, uns treu und zärtlich küssen,
Braucht niemand auf der Flur als ich und du zu wissen.<
Drum bitt' ich, Doris, schweige ja,
Sonst flieht und hasst mich Sylvia.«

Die kleine Doris geht. Doch wird auch Doris schweigen?
Ja, die Verschwiegenheit ist allen Schönen eigen.
Gesetzt, dass Doris auch es dem Damöt vertraut;
Was ist es denn nun mehr? Sie sagt es ja nicht laut!

Ihr Schäfer, ihr Damöt, kommt ihr verliebt entgegen,
Drückt ihre weiche Hand und fragt.
Was ihr sein Freund Tiren gesagt.

»Damöt, du weißt ja wohl, was wir zu reden pflegen,
Du kennst den ehrlichen Tiren;
Es war nichts Wichtiges, sonst würd' ich dir's gestehn.
Er sagte mir – verlang es nicht zu wissen;
Ich hab es ihm versprechen müssen,
Dass ich zeitlebens schweigen will.«
Damöt wird traurig, schweiget still,
Umarmt sein Kind, doch nur mit halbem Feuer.
Die Schäferin erschrickt, dass sie Damötens Kuss
So unvollkommen schmecken muss.
»Du zürnest«, ruft sie, »mein Getreuer?
O zürne nicht; ich will es dir gestehn:
Die spröde Sylvia ergibt sich dem Tiren
Und hat ihm jetzt in ihrem Leben
Den allerersten Kuss gegeben;
Allein du musst verschwiegen sein!«

Damöt verspricht's. Kaum ist Damöt allein,
So fühlt er schon die größte Pein,
Sein neu Geheimnis zu bewahren.
»Ja«, fängt Damöt zu singen an,
»Ich will es keinem offenbaren,
Dass Sylvia Tirenen liebt,
Ihm Küsse nimmt und Küsse gibt;
Du stummer Busch, nur sollst es erfahren,
Wen Sylvia verstohlen liebt.«

Doch ach – in diesem Busch war unsre Sylvia,
Die sich durch dieses Lied beschämt, verraten sah
Und eine Heimlichkeit so laut erfahren musste,
Die ihrer Meinung nach nur ihr Geliebter wusste.
Sie läuft und sucht den Schwätzer, den Tiren.
Ach, Schäfer, ach, wie wird dir's gehen!
»Mich«, fängt sie an, »so zu betrüben!
Dich Plaudrer sollt' ich länger lieben?«

Und kurz, Tiren verliert die schöne Schäferin
Und kommt, Damöten anzuklagen.
»Ja«, spricht Damöt, »ich muss es selber sagen,
Dass ich nicht wenig strafbar bin;
Allein wie kannst du mich den größten Schwätzer nennen?
Du hast ja selbst nicht schweigen können!«

Fab.50
Die junge Ente

Die Henne führt der Jungen Schar,
Worunter auch ein Entchen war,
Das sie zugleich mit ausgebrütet.
Der Zug soll in den Garten gehn;
Die Alte gibt's der Brut durch Locken zu verstehn,
Und jedes folgt, sobald sie nur gebietet,
Denn sie gebot mit Zärtlichkeit.
Die Ente wackelt mit, allein nicht gar zu weit.
Sie sieht den Teich, den sie noch nicht gesehen;
Sie läuft hinein, sie badet sich.
Wie, kleines Tier, du schwimmst? Wer lehrt' es dich?
Wer hieß dich in das Wasser gehen?
Wirst du so jung das Schwimmen schon verstehen?

Die Henne läuft mit struppigem Gefieder
Das Ufer zehnmal auf und nieder
Und will ihr Kind aus der Gefahr befrein,
Setzt zehnmal an und fliegt doch nicht hinein;
Denn die Natur heißt sie das Wasser scheun.
Doch nichts erschreckt den Mut der Ente;
Sie schwimmt beherzt in ihrem Elemente
Und fragt die Henne ganz erfreut,
Warum sie denn so ängstlich schreit.

Was dir Entsetzen bringt, bringt jenem oft Vergnügen;
Der kann mit Lust zu Felde liegen,
Und dich erschreckt der bloße Name Held.
Der schwimmt beherzt auf offnen Meeren -
Du zitterst schon auf angebundnen Fähren
Und siehst den Untergang der Welt.
Befürchte nichts für dessen Leben,
Der kühne Taten unternimmt;
Wen die Natur zu der Gefahr bestimmt,
Dem hat sie auch den Mut zu der Gefahr gegeben.

Fab.51
Die kranke Frau


Wer kennt die Zahl von so viel bösen Dingen,
Die uns um die Gesundheit bringen?
Doch nötig ist's, dass man sie kennenlernt.
Je mehr wir solcher Quellen wissen,
Woraus Gefahr und Unheil fließen,
Um desto leichter wird das Übel selbst entfernt.

Des Mannes teurer Zeitvertreib,
Sulpicia, ein junges schönes Weib,
Ging munter zum Besuch, krank aber kam sie wieder
Und fiel halbtot aufs Ruhebette nieder.
Sie röchelt. Wie? Vergisst ihr Blut den Lauf?
Geschwind löst ihr die Schnürbrust auf!
Geschwind! Doch lässt sich dies erzwingen?
Sechs Hände waren zwar bereit,
Doch eine Frau aus ihrem Staat zu bringen,
Wieviel erfordert dies nicht Zeit!

Der arme Mann schwimmt ganz in Tränen;
Mit Recht bestürzt ihn diese Not.
Zu früh ist's, nach der Gattin Tod
Im ersten Jahre sich zu sehnen.
Er schickt nach einem Arzt. Ein junger Äskulap
Erscheint sogleich in vollem Trab,
Und setzt sich vor das Krankenbette,
Vor dem er sich so eine Miene gab,
Als ob er für den Tod ein sichres Mittel hätte.
Er fragt den Puls, und da er ihn gefragt,
Schlägt er im Geiste nach, was sein Rezeptbuch sagt,
Und lässt, die Krankheit zu verdringen
Sich eilends Tint' und Feder bringen.
Er schreibt. Der Diener läuft. Indessen ruft der Mann
Den so erfahrnen Arzt beiseite
Und fragt, was doch der Zufall wohl bedeute.
Der Doktor sieht ihn lächelnd an:
»Sie fragen mich, was es bedeuten kann?
Das brauch' ich Ihnen nicht zu sagen;
Sie wissen schon, es zeigt viel Gutes an,
Wenn sich die jungen Weiber klagen.«

Den Mann erfreut ein solcher Unterricht.
Die Nacht verstreicht, der Trank ist eingenommen;
Allein der teure Trank hilft nicht;
Drum muss der zweite Doktor kommen.

Er kommt! Geduld! Nun werden wir's erfahren.
Was ist's? Was fehlt der schönen Frau?
Der Doktor sieht es ganz genau,
Dass sich die Blattern offenbaren.

Sulpicia! Erst sollst du schwanger sein,
Nun sollst du gar die Blattern kriegen?
Ihr Ärzte, schweigt und gebt ihr gar nichts ein,
Denn einer muss sich doch betrügen.

Fab.52
Der gute Rat

Ein junger Mensch, der sich vermählen wollte
Und dem man manchen Vorschlag tat,
Bat einen Greis um einen guten Rat,
Was für ein Weib er nehmen sollte.

»Freund«, sprach der Greis, »das weiß ich nicht;
So gut man wählt, kann man sich doch betrügen.
Sucht Ihr ein Weib bloß zum Vergnügen,
So wählet Euch ein schön Gesicht;
Doch liegt Euch mehr an Renten und am Staate
Als am verliebten Zeitvertreib,
So dien' ich Euch mit einem andern Rate:
Bemüht Euch um ein reiches Weib!
Doch strebt Ihr durch die Frau nach hohem Range,
Nun, so vergesst, dass bessre Mädchen sind,
Wählt eines großen Mannes Kind
Und untersucht die Wahl nicht lange.
Doch wollt Ihr mehr für Eure Seele wählen
Als für die Sinne und den Leib,
So wagt's, um Euch nach Wunsche zu vermählen,
Und wählt Euch ein gelehrtes Weib.«
Hier schwieg der Alte lachend still.

»Ach«, sprach der junge Mensch, »das will ich ja nicht wissen.
Ich frage, welches Weib ich werde wählen müssen,
Wenn ich zufrieden leben will,
Und wenn ich, ohne mich zu grämen -«
»Oh«, fiel der Greis ihm ein, »da müsst Ihr keine nehmen.«

Fab.53
Die beiden Mädchen


Zwei junge Mädchen hofften beide.
Worauf? Gewiss auf einen Mann.
Denn dies ist doch die größte Freude,
Auf die ein Mädchen hoffen kann.
Die jüngste Schwester, Philippine,
War nicht unordentlich gebaut;
Sie hatt' ein rund Gesicht, und eine zarte Haut,
Doch eine sehr gezwungne Miene.
So fest geschnürt sie immer ging,
So viel sie Schmuck ins Ohr und vor den Busen hing,
So schön sie auch ihr Haar zusammenrollte:
So ward sie doch bei alledem,
Je mehr man sah, dass sie gefallen wollte,
Um desto minder angenehm.

Die andre Schwester, Karoline,
War im Gesichte nicht so zart;
Doch frei und reizend in der Miene
Und liebreich mit gelassner Art.
Und wenn man auf den heitern Wangen
Gleich kleine Sommerflecken fand,
Ward ihrem Reiz doch nichts dadurch entwandt,
Und selbst ihr Reiz schien solche zu verlangen.
Sie putzte sich nicht mühsam aus,
Sie prahlte nicht mit teuren Kostbarkeiten.
Ein artig Band, ein frischer Strauß,
Die über ihren Ort, den sie erlangt, sich freuten,
Und eine nach dem Leib wohl abgemessne Tracht
War Karolinens ganze Pracht.

Ein Freier kam; man wies ihm Philippinen.
Er sah sie an, erstaunt, und hieß sie schön;
Allein sein Herz blieb frei, er wollte wieder gehn.
Kaum aber sah er Karolinen,
So blieb er vor Entzückung stehn.

Im Bilde dieser Frauenzimmer
Zeigt sich die Kunst und die Natur:
Die erste prahlt mit weit gesuchtem Schimmer,
Sie fesselt nicht; sie blendet nur.
Die andre sucht durch Einfalt zu gefallen,
Lässt sich bescheiden sehn - und so gefällt sie allen.

Fab.54
Der Maler

Ein kluger Maler in Athen,
Der minder, weil man ihn bezahlte,
Als weil er Ehre suchte, malte,
Ließ einen Kenner einst den Mars im Bilde sehn
Und bat sich seine Meinung aus.
Der Kenner sagt' ihm frei heraus,
Dass ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte
Und dass es, um recht schön zu sein,
Weit minder Kunst verraten sollte.
Der Maler wandte vieles ein;
Der Kenner stritt mit ihm aus Gründen
Und konnt' ihn doch nicht überwinden.

Gleich trat ein junger Geck herein
Und nahm das Bild in Augenschein.
»Oh«, rief er bei dem ersten Blicke,
»Ihr Götter, welch ein Meisterstücke!
Ach, welcher Fuß! O wie geschickt
Sind nicht die Nägel ausgedrückt!
Mars lebt durchaus in diesem Bilde.
Wie viele Kunst, wie viele Pracht
Ist in dem Helm und in dem Schilde
Und in der Rüstung angebracht!«

Der Maler ward beschämt gerühret
Und sah den Kenner kläglich an.
»Nun«, sprach er, »bin ich überführet.
Ihr habt mir nicht zuviel getan.«
Der junge Geck war kaum hinaus,
So strich er seinen Kriegsgott aus.

Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefällt,
So ist es schon ein böses Zeichen;
Doch wenn sie gar des Narren Lob erhält,
So ist es Zeit, sie auszustreichen.