Johann Fr. August Kazner
   
 

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Fabelverzeichnis

Autorenverzeichnis

Buch 2

Johann Friedrich August Kazner
27.05.1732 – 28.12.1798


Buch 1

Index
 
Äsops Monument und die Tiere
Der Alte und der Prinz
Die Katze und der Kanarienvogel
Die Nachteule und die Lerche
Merkur und die Tauben
Der Löwe und die Schlange
Der alte und der junge Stier
Die Wachtel und der Handwerksmann
Die rechte und die linke Hand
Die Stärke des Herkules
Die Raupe und der Schmetterling
Die Waage der Fama
Cerberus und der Mops des Fürsten
Der Lockvogel
Die Stadtkatze und die Feldkatze
 
Der kranke Bauer und sein Vetter
Der neue König der Tiere
Der Marder und der Bauer
Der Erbprinz, sein Vertrauter und sein Fohlen
Der Wolf, der Tiger und der Fuchs
Der Salamander und die Eidechse
Das Licht und die Lichtschere
Die Henne und ihre Kollegen
Der träumende Haushund
Der Wanderer
Der getürmte Elefant und das Kamel
Der Bauer und die Dohle
Alcibiades und der verstümmelte Faun
Chiron
Die Strafgerechtigkeit
 

                                   
I
Äsops Monument und die Tiere

Die Athener ließen dem Äsop eine Bildsäule errichten. Die Vögel unter dem Himmel, und die Tiere auf Erden versammelten sich zu einer Beratschlagung, wie sie mit vereinigten Kräften das Denkmal vernichten könnten. Lasset uns Rache an dem Lästerer nehmen, schrieen sie. Er hat uns die F e h l e r und T o r h e i t e n der M e n s c h e n angedichtet.
Mag er immerhin, ließ sich eine Stimme aus dem Getümmel hören. Zu den Hauptlastern seines Geschlechts konnte er doch Unter uns keine Bilder finden.

II
Der Alte und der Prinz

Ein altes, buckliges, triefäugiges, zahnloses Weib hatte die Wache bestochen, und kam in das Zimmer eines Prinzen. "Wer zum Teufel hat die Hexe hereingelassen," fluchte der Prinz, und kehrte ihr den Rücken. "Vortrefflichster unter den Königssöhnen!" fing die Alte an. Der Prinz drehte den Kopf ein wenig, und sah eine ehrwürdige Matrone.

Der Ruf ihrer bewundernswürdigen Eigenschaften," fuhr sie fort, "welcher in alle Welt erscholl, hat mir Mut gemacht, mich Ihrem glänzenden Throne zu nähern." Der Prinz zeigte sich jetzt im Profil, tat einen Blick auf die Supplikantin, und fand, dass die Alte in ihren jüngern Jahren nicht ganz hässlich gewesen sein möchte.
"Vielleicht," verfolgte sie weiter, "wird mich der Prinz anhören, dachte ich mit Zittern, und hoffe es nun getrost, seitdem ich Ihr Angesicht gesehen habe; Denn in der Hülle eines Engels muss eine großmütige Seelen wohnen." Der Prinz wandte sich um, und sagte bei sich: >Ihre Bildung ist noch jetzt, das Alter abgerechtet, ganz erträglich.< "Wer ist sie? was will sie?" fragte der Prinz. "Ich nenne mich," antwortete die Alte, "die Wahrheit."

Die Hexe log. Es war die Schmeichelei.

III
Die Katze und der Kanarienvogel

Ein Kanarienvogel hing in einem Zimmer und sang; Eine Katze aber saß auf dem Boden, und blickte mit unverwandten Augen nach dem Käfig.

>Wie mein Gesang das große Tier hier unten entzückt!< sprach der Kanarienvogel bei sich selbst, und trillerte mit verdoppelten Kräften, dass die Wände des Zimmers widerschallten.
"Wie sich das kleine Närrchen dort oben bemüht, mir zu gefallen!" schnurrte Murner in seinen Bart. "In der Tat! Es wäre ein niedliches Fressen für mich zum Frühstück."

Zur Beherzigung für das Fräulein, das sich auf die gnädige Attention des Prinzen oder für das Bürgermädchen, das sich auf die Besuche des Junkers etwas zu gut tut.

IV
Die Nachteule und die Lerche

"Ich unglücklicher Vogel!" uhute eine Nachteule aus ihrer Höhle. "Alles flieht mich! Alles überlässt mich meiner traurigen Einsamkeit." — "Stimme deine Klagelieder um!" rief ihr die Lerche zu. "Das sicherste Mittel, alle Glücklichen von sich zu verscheuchen, ist der Misston des Jammers."

V
Merkur und die Tauben

Merkur war von Zeus zum Richter über die Vögel gesetzt. Da kamen vor ihn die wilden Tauben, erhuben eine Klage gegen die Tauben in der Stadt, und sprachen: "Richter! Alle Vögel, die sich dem Manntier unterworfen haben, und von ihm Futter und Obdach bekommen, bleiben in der Stadt. Nur unsere Brüder lassen sich nicht begnügen, fliegen über die Mauern zu Wald und Feld, und teilen mit uns die wenige Speise, die uns die Habsucht des Manntiers unter dem Himmel zu unserer Nahrung gelassen hat. Steure diesem Unrecht, wenn du gerecht bist!"

Die Stadttauben wurden gehört, und versetzten: "Wahr ist es, Merkur, dass uns das Manntier darreicht, um unsere Jungen dafür zu schlachten. Aber die andere Hälfte des Jahres müssen wir selbst für unsere Speise sorgen. Er schenkt uns die Freiheit aus Eigennutz. Sollten wir um seinetwillen verhungern?"
Merkur antwortete den Klägern: "Wenn es diese Beschaffenheit hat, so kann ich euch nicht helfen. Es sind Räte und Beamte, die auf halben Sold und Sporteln angenommen sind: Flieget in die Stadt, und lasst euch mein Urteil erklären."

VI
Der Löwe und die Schlange

Ein Löwe sah, wie sich eine Schlange mühsam in hundert Krümmungen durch Klippen wand, und sprach zu ihr: "Du hast einen beschwerlichen Gang. Warum gehst du nicht gerade für dich hin?"

"Aus Klugheit," versetzte die Schlange. "Damit mich der Wandrer nicht wahrnehme, bis ich ihn in die Ferse gebissen habe." — "Und dass der," fuhr der Löwe fort, "der ihm nachgefolgt, dich aus den Stücken deiner Haut, die du an den Felsen, wodurch du dich drängst, zurücklässt, ahnde, und dir mit dem Knüttel den Kopf zerschmetterte, eben weil du ihn in deiner Krümmung nicht sehen kannst. Glaube mir auf krummen Wegen ist keine wahre Klugheit."

VII
Der alte und der junge Stier

Ein junger Stier, welcher kaum wenige Tage zuvor in den Pflug gespannt worden, begegnete einem alten Stier des Nachbarn, und sah ganz traurig zur Erden.
"Was fehlt dir?" Fragte dieser.
"Ach ich Elender!" Versetzte jener. "Gestern spannte mich mein Herr in den Pflug. Ich zog ihn den ganzen Tag unablässig. Ich arbeitete über meine Kräfte. Und mein Herr sprach, als er mich ausspannte, nichts, als kaltsinnig die Worte: es ist schon gut.
Heut, als ich auf die Weide ging, schritt ich aus Mattigkeit neben aus in sein Kleefeld, und zertrat eine Hand voll Futter. Da hättest du ihn sollen fluchen hören!" — "Du kennst unsere Herrscher noch nicht," sprach der alte Stier, "sonst müsstest du schon wissen, dass alles, was wir ihnen tun, nur Schuldigkeit, alles andere aber unverzeihlicher Fehler heiße."

Bei Gott! Diese Stiere waren nicht die Stiere gemeiner Bauern!

VIII
Die Wachtel und der Handwerksmann

Ein Handwerksmann nährte eine gefangene Wachtel vor dem Fenster seiner Schlafkammer.
Wie sie anfing zu schlagen, stand er von seinem Lager auf, sang sein Morgenlied und ging an seine Arbeit.
Jetzt fiel ihm eine kleine Erbschaft zu, die ihn in gemächlichere Umstände versetzte. Bald wurde ihm der Schlag seiner Wachtel beschwerlich. Er bedeckte ihren Käfig, dass sie den anbrechenden Morgen nicht sehen sollte, und fütterte sie mit Murren. Endlich sagte er zu seinem Weibe: "Sieh, wie der Vogel so rund ist. Auch lässt er sich sein frühes Schlagen nicht verwehren. Ich habe gehört, dass eine fette Wachtel ein herrliches Essen sei. Brate sie mir zum Abendbrot."
"Würge mich nur, Grausamer!" sprach die Wachtel, da er sie herausriss. "Meine Rächerin ist im Anzug. Faulheit rief ihr, Leckerhaftigkeit gibt ihr Flügel. Sie heißt Armut."

IX
Die rechte und die linke Hand

Die rechte Hand erhob sich einst wider die Linke, und gab ihr höhnisch ein Zeichen, dass sie schreiben sollte,
Die Linke schrieb, aber es war ein unleserliches Gekritzel.
Jetzt bedeutete die linke Hand der Rechten, das Kleid auf der Brust zuzuknöpfen. Stolz machte sich die Rechte an diese leichte Arbeit, und verrichtete sie mit vieler Mühe und Zeitverlust.
"Vertragt euch schwesterlich miteinander, meine Lieben! sprach das Haupt. Jede von euch besitzt die größte Geschicklichkeit darin, wozu sie gebraucht wird. Die Natur schuf eurer zwei, weil eine nicht alles kann."

X
Die Stärke des Herkules

Sah die Gondeler in Venedig ein Spiel spielen, dass sie die "Stärke des Herkules" nennen.
Zehn Männer mit breiten Schultern und eisernen Knochen stellten sich zusammen. Vier andere stiegen ihnen auf die Schultern, diesen drei, dann zwei, endlich einer.
Der letzte hatte einen zarten Knaben mit sich hinauf genommen, oder aus dem nächsten Fenster zubieten lassen, hielt ihn als den Kopf der lebendigen Spitzsäule in die Höhe, und der Junge rief: Victoria!
Musste lächeln des Knaben.
Als aber die Jungen auf der Straße ihren Schulgesellen, den der Mann mit sich hinauf genommen hatte, rufen hörte, schrieen sie alle mit heller Stimme: Victoria!
Musste laut lachen.

XI
Die Raupe und der Schmetterling

Ein Schmetterling sah eine Raupe auf einer seltenen Pflanze sitzen, und ohne aufhören fressen. "Törin!" rief er ihr zu. Wie unüberlegt du handelst! Du wirst die Pflanze entblättert haben, ehe die Zeit deiner Verwandlung herbeikommt, und dann wirst du Hungers sterben müssen. Siehst du nicht, dass weit und breit um dich kein Kraut dieser Art mehr wächst?" — "Tor!" antwortete die Raupe dem Schmetterling. "Du wagst es nicht, die Blumen zu berühren, die in unzählbarer Menge um dich herum blühen. Und wenn die Sonne wieder aufgeht, wirst du nicht mehr sein!"

Habt beide recht. Der Geiz und die Verschwendung sind gleich schlechte Rechenmeister.

XII
Die Waage der Fama

Über einem Heuchler, dessen Freveltaten schwerer in die Schale fielen, als es selbst der Richter der Toten vermutet hatte, zerbrach die Waage des Rhadamanthus.
*

"Die Zahl der Seelen, deren Handlungen noch gewogen werden sollen, ist groß," sagte dieser zum Merkur. "Bringe mir von der Oberwelt die Waage der Fama, bis mich Zeus mit einem neuen Werkzeug meines Richteramts wird versehen haben."
Merkur eilte dahin; Kehrte lächelnd mit der Waage wieder; Rhadamanthus wog, und urteilte.
"Bleibt!" rief Merkur den neuverurteilten Seelen zu. "Der Richter hat falsch gesprochen." —
"Falsch!" wiederholte Rhadamanthus mit gerunzelter Stirne.
"Ja!" Versetzte Merkur. "Die Waage der Fama ist betrüglich. Untersuche die Schalen."
Rhadamanthus untersuchte, und fand zum Erstaunen, dass die Schale, worin die Fehler gelegt wurden, weit schwerer war, als die für die guten Eigenschaften bestimmte Schale.
"Götter!" rief er aus. "Und auch diese falsche Waage trägt den Stempel des Jupiters!" —
"Ja," versetzte Merkur. Zwar hat sie die Bosheit der Menschen geschmiedet; aber dennoch genehmigte sie Zeus, um den Klugen gegen jede Nachlässigkeit durch die Betrachtung zu schützen, dass so viel Pfunde guter Eigenschaften nötig seien, einen einzigen Gran Fehler aufzuwägen."
Der Richter der Unterwelt bewunderte Jupiters Weisheit, schickte Famen ihr Werkzeug zurück, und erhielt vom Olymp eine gerechte Wage.

*Sohn des Jupiter und der Europa. Nach seinem Tode wurde Rhadamanthus wegen seiner Gerechtigkeit einer der Richter der Unterwelt und lebte in den elysischen Gefilden.

Quelle.Aus Vollmer's Mythologie aller Völker, Stuttgart 1874

XIII
Cerberus und der Mops des Fürsten

Cerberus hielt Wache vor der Türe des finstern Hauses, als ein schöner Mops angetrabt kam. "Woher dicker kleiner Kamerad?" rief ihm jener entgegen. Deinem Wanst nach warst du der Schoßhund eines Weibes, und hast dich auf der Oberwelt zu Tode gefressen."
"Nicht erraten!" keuchte der neue Ankömmling. Ich war was höheres. Der Liebling, aber auch der getreueste Diener eines Fürsten."
"Und so fett!" erwiderte jener, indem er seine drei Köpfe zum Zeichen der Verwunderung schüttelte. "Aber was hast du für einen roten Fleck auf deiner schwarzen Schnauze?"
"Es ist ein Gnadenzeichen," sprach Möpschen. "Wenn der Fürst in der Laune war, so ließ er mir geschmolzenes Siegellack auf die Nase träufeln, und drückte sein Wappen darauf. Ich litt es, wie einem treuen Diener geziemt, geduldig. Aber jüngst schlug der Brand dazu, und schickte mich in die Unterwelt."
"Dass dich der Geier mit deiner Treue!" brüllte Cerberus, dass die höllische Pforte widerschallte. "Wenn die Lieblinge der Fürsten solche Gnadenzeichen bekommen, wie müssen sie denn denen mitspielen, welchen sie ungnädig sind?"
"Du hast, scheint es," sagte Mops, "keinen Begriff von Attachment. Ich hatte außerdem ein vortreffliches Leben, ruhte auf einem samtenen Polster mit Golde, fraß Zucker und Konfekt aus den Händen meines gnädigsten Herrn, wurde vor allen andern Hunden von ihm geliebt, und sogar von Hofleuten beneidet."
"Herein!" brummte Cerberus mit Verachtung, weil du ein Mops bist. Aber lass mir die Hundeseelen kommen, die einst in Menschengestalt dahergingen, und dich beneiden könnten!"

XIV
Der Lockvogel

Ein Vogelsteller hatte seinen Herd aufgestellt, und einen Lockvogel dazugesetzt, welcher sehr schön singen konnte.
Die Vögel hörten den Gesang, flogen herbei, und sprachen untereinander: Was hier ein Überfluss von Speise liegt, und wie freundlich unser Geselle, dem es so wohl ist, uns dazu einladet. Wir wollen die Gelegenheit benützen!
Kaum hatten sie zu fressen angefangen, so ließ der Vogelsteller das Garn fallen, und sie verloren Freiheit und Leben.
Ein Vogel nur hatte sich in der Entfernung gehalten, und der Lockvogel rief ihm zu: "Wer hat dich allein so klug gemacht, dass du nicht näher kamst?"
"Mein Vater," antwortete der andere, "sagte mir: Sohn! wenn man dir einen großen Vorteil zeigt, welcher ohne Mühe zu erlangen ist, so hüte dich. Es liegt Betrug im Hinterhalt."

XV
Die Stadtkatze und die Feldkatze

Eine Stadtkatze, welche zum Mäusefang zu träge, und zum Diebstahl zu flink war, wurde von ihrem Herrn verurteilt, in den Wald getragen, und daselbst verlassen zu werden.

Als sie einige Zeit in dem Gebüsche schüchtern herumgeschlichen war, erblickte sie eine wilde Katze, und sprach zu ihr: "Sei mir gegrüßt, freier Bürger dieser Wälder; dessen durchdringender Blick die Erhabenheit einer edlen Seele verkündigt. Ich würde dich Bruder nennen, da wir von einer Art sind, wenn ich nicht aus dem Lande der Sklaven käme, wo das Katzengeschlecht in Tellerlecker und Dümmlinge ausgeartet ist, von der Gnade des Manntiers lebt, und sich kaum erkühnt, ein Mädchen in die Finger zu beißen. Die Elenden! Ja, sie verdienen durch ihre Feigheit die Rute, womit man sie züchtigt, und das Halsband, womit man sie fesselt. Doch du wirst mich deiner Freundschaft würdigen, du wirst mich mit auf die Jagd nehmen, mich, der ich, meiner
höheren Bestimmung eingedenk, das beschämende Joch abschüttelte, den kriechenden
Katzengesichtern der Stadt und ihren Despoten Hohn sprach, und sie, die mich verkannten, weil sie meiner nicht wert waren, mit Verachtung verließ!"
Die wilde Katze ging weiter, ohne ein Wort zu sagen, und die Stadtkatze rief ihr nach: "Warum fliehst du mich, Bruder? Ich muss dir noch viel erzählen."
"Deine Klagen über die Stadt habe ich gehört, antwortete die Feldkatze. Nun will ich auch hören, was man in der Stadt über dich zu klagen hat. Es ist unglaublich, dass ein Aufenthalt, wie du ihn schilderst, einen Geist von deiner Größe sollte hergebracht oder ohne Ursache von sich gelassen haben."

Albernheit verrät, wer gegen die Vorzüge des Auslands blind ist: Bosheit und heimliche Rache, wer seinem Vaterland Hohn spricht.

XVI
Der kranke Bauer und sein Vetter

Ein reicher Bauer, welcher keine nahen Anverwandten hatte, lag auf dem Krankenbette, und wurde fleißig von einem Fleischer aus der Stadt besucht, der sich für seinen Vetter ausgab.
Einst drang der Hund des Kranken in die Stube; Ein großer wolfsgestriemter Hund.
Der Fleischer streichelte denselben und sprach zum Kranken: "Ha, Vetter! was ihr hier für einen schönen Hund habt! Eine herrliche Satteldecke würde sein Balg geben!"
"Packe dich von mir!" ächzte der Kranke. Nun weiß ich, warum du mich streichelst.

XVII
Der neue König der Tiere

Der alte König der vierfüßigen Tiere, der Löwe, war gestorben. Die Untertanen hatten viel unter der Regierung des Fressers erlitten, darum wählten sie an seine Stelle den weidenden Hirsch. Aber der Hirsch nahm zu seinem Vertrauten den Wolf.
Einst trat der neue König aus dem Wald um sich an dem freudigen Zuruf der Liebe seiner Untertanen zu ergötze, und erstaunte, als eine ganze Herde Schafe bei seinem Anblick die Flucht ergriff. "Was flieht ihr mich, ihr Undankbaren!" rief ihnen der Hirsch nach: mich, der keinen Tropfen eures Blutes vergossen hat, noch je vergießen wird."
"Was ein Fürst zulässt," blökte eines von den Fliehenden zurück, tut er selbst."

XVIII
Der Marder und der Bauer

Ein Marder hatte sich in den Taubenschlag eines Bauern geschlichen, und war auf dem Rückweg begriffen, als ihm der Eigentümer des Hauses auf der Treppe begegnete. Der Bauer wusste noch nicht, dass ihm seine Tauben gefressen worden, und würde den Täter nicht einmal  gesehen haben, wenn nicht dieser, welcher sich für entdeckt hielte, ihn angeredet hätte.
"Guten Morgen!" sagte der Marder. "Seid ihr schon so früh aufgestanden? Ich habe zwar auch wenig geschlafen, ungeachtet ich kein solcher Marder bin, der bei Nacht Leuten die Tauben frisst."
"Ha, ha, guter Freund!" antwortete der Bauer. "Bist du da? Holla Jungen! Prügel her! Schlagt den Taubenfresser tot!" Die Jungen kamen, und der edle Marder musste seine unverlangte Entschuldigung mit dem Leben bezahlen.

Wie könnte es einem ehrlichen Mann einfallen, sich seiner Ehrlichkeit zu rühmen?

XIX
Der Erbprinz, sein Vertrauter und sein Fohlen

Einem Erbprinzen hatte sein Vater ein Fohlen geschenkt, mit welchem er sich manche Stunde vergnügte.
Einst als der Prinz es auf dem Hofplatz herumjagte, bald mit Zucker herbeilockte; bald das Tierchen den Prinzen, bald der Prinz das Tier verfolgte; bald er ihm einen leichten Peitschenhieb versetzte, bald das Fohlen, sich rächend, nach ihm ausschlug, sagte der Vertraute des Prinzen, der dabei stand. "Ha! wie er dich dafür reiten wird, wenn du erwachsen bist!"
"Ha!" wieherte das Füllen dem Vertrauten zurück. "Wie er dich für die Gnade seiner jetzigen Vertraulichkeit hassen wird, wenn er zur Regierung kommt!"

XX
Der Wolf, der Tiger und der Fuchs

Ein Wolf war in eine Grube gefallen, und heulte jämmerlich.
Auf sein Geheul kam ein Tiger und ein Fuchs an die Grube.
"So geht's den Räubern!" rief der Tiger hinab. "Die unschuldigen Schafe, die du zerrissest, haben dir diese Strafe zugezogen. Sie folgt dem Verbrecher auf dem Fuße." —
"Gewiss," grinste der Fuchs, "und das letzte Lamm, das er stahl, war sogar dem Pan zum Opfer geweiht! O die Götter sind gerecht!" —
"Hebet euch von hinnen!" schrie der Wolf, "Elende! Wohl sind sie gerecht; Aber dass i h r sie predigt, ist Lästerung der Götter. Wer andere richten will, muss selbst rein sein."

XXI
Der Salamander und die Eidechse

Eine Eidechse begegnete einem Salamander, dessen halbe Haut verbrannt war, und welcher seine letzten Kräfte anstrengte, davon zu laufen.
"Was ist dir widerfahren, Herr Stiefbruder?" rief sie dem Salamander nach, "dass du so ängstlich fliehest, und so jämmerlich zugerichtet bist."
"Ah!" seufzte dieser. "Ich bin in die Hände eines der Manntiere geraten, welche sich Naturforscher nennen, und mit kaltem Blut alle erdenkliche Grausamkeiten gegen andere Tiere erlauben. Diese Bestie hat mich ins Feuer geworfen, weil ein alter Geck von mir geschrieben haben soll, dass ich im Feuer leben könnte. Ich wollte, dass dieser und jener ertrunken wären, ehe sie meinen Namen hätten nennen hören!" —
"Hem!" zischte die Eidechse. "So kann man auch seinem Freunde schädlich werden, wenn man mehr von ihm verspricht, als er zu leisten vermag."

XXII
Das Licht und die Lichtschere

Das brennende Licht sah herab auf die Lichtschere, und fragte: "Wer bist du?" Die Lichtschere antwortete stolz: "Ich bin ein Ding, welches dich heller machen – oder auslöschen kann."
Das Licht versetzte: "Kannst du auch selbst leuchten?"

Könnte nicht mancher Schriftsteller seinem ungenannten hämischen R e c e n s e n t e n die nämliche Frage machen?

XXII
Die Henne und ihre Kollegen

Eine Henne scharrte auf einem lockeren Boden, und fand einen Haufen Weizenkörner. Sie lockte freudig den Hahn, und die anderen Hennen herbei, welche die Körner rein auffraßen.
Eben diese Henne scharrte wieder, und fand nichts.
Da eilte der Hahn mit den anderen Hennen herzu, und sprach zornig: "Du hast die gefundenen Körner allein aufgefressen."
Und alle Hühner schrieen ihm nach: "Sie hat sie allein aufgefressen!" und pickten sie tot mit ihren Schnäbeln.

Das arme Huhn starb den Märtyrertod eines redlichen Kameralisten.

XXIV
Der träumende Haushund

In der Kinderstube eines adeligen Hauses lag ein Hund unter dem Ofen, wo er ganze Tage zu schlafen gewohnt war, und schnarchte. Auf einmal fing er an zu zucken, und zu murren.
Eine Katze, die neben ihm saß, strich ihm mit der Pfote über die Nase, und sprach zu dem Erwachenden: "Danke mir, dass ich dich weckte. Du hast sehr unruhig geschlafen." —
"Ich wollte, dass dir die Pfote lahm würde!" Brummte der Hund ihr entgegen. "Ich hatte den angenehmsten Traum von der Welt. Mir träumte, dass ich ein starkes wildes Schwein hetzte. Ha! Was dies für eine Freude war!"
"Hum!" antwortete die Katze, indem sie langsam davonschlich. "Es ist leicht, im Traum zu hetzen. Man bekommt keine müden Beine."

Als die Tiere dieses redeten, schlug der Hofmeister in der Ecke des Zimmers ein Buch zu,
und sagte seufzend: "Ach! wie leicht ist's, in Büchern Kinder zu erziehen!"

XXV
Der Wanderer

Zwei Wanderer kamen in ein enges Tal, welches von hohen Felsen zu beiden Seiten begrenzt wurde, die aber jetzt keinen Schatten warfen: denn es war um die Mittagsstunde eines schwülen Sommertags.
Ungefähr erblickten sie ein überhängendes Felsstück, welches eine Grotte bildete, in welcher kühl zu sitzen war.
"Hier wollen wir Mittag halten," sagte der eine zu dem anderen. Dieser aber antwortete: "Freund, das Tal währt nicht lang, und am Ende desselben liegt ein wirtschaftliches Dorf, wo wir ruhen können. Lasset uns vollends die liebe Sonne ertragen, und unseren Weg fortsetzen."
Der andere wollte nicht, sondern setzte sich in die Grotte, und lachte laut seines Gefährten, welcher in der Mitte des Tals hinwandelte, und sich oft den Schweiß abzutrocknen genötigt wurde.
Bald hatte dieser den Ausgang des Tals erreicht, als er zurücksah, ob der andere nicht nachkäme. Und siehe, der Überhang des Felsen war nicht mehr zu finden. Er war eingestürzt, und hatte den sich keines Unglücks besorgenden Wanderer unter seinen Trümmern zerschmettert, und begraben.

Es ist sehr bequem unter dem Schatten großer Gönner und Anverwandten die Laufbahn dieses Lebens zu wallen; und die Sonne brennt denjenigen hart auf den Nacken, dem sie mangeln. Aber oft stürzen diese erhabenen Felsen, und erdrücken alle, die sich unter ihrem Abhang befinden. Der gute Himmel hingegen fällt niemals ein.

XXVI
Der getürmte Elefant und das Kamel

Einer von den Streit-Elefanten des großen Pyrrus ging einst mit seinem Turm belastet neben einem Kamel, und seufzte so tief, dass dieses bewogen wurde, ihn um die Ursache seiner Traurigkeit zu befragen.
"Warum sollte ich nicht seufzen!" antwortete der Elefant. "Siehst du nicht die ungeheure Bürde, womit Menschen meinen Rücken beschwert haben? Und den Zwang des Führers, der auf meinem Nacken sitzt, und mich, nicht wohin ich, sondern wohin er will, gehen macht?"
"Du hast deiner angeborenen Stärke vergessen," versetzte das Kamel. "Wie wenn du den Turm, der dich drückt, dort an jener Eiche zerschmetterst, und den Wurm, der jetzt dein Führer heißt, samt den Würmern im Kasten, in den Kot trätest?"
Der Elefant schien sich zu bedenken. Die Sonne brach durch die Wolken hervor. Er sah seinen eigenen Schatten: "Es ist doch eine Pracht," sprach er, "ein solches Gebäude zu tragen! Und siehe dort das Heer der Römer. Sie staunen, sie beben, die Helden, vor meinem fürchterlichen Anblick! Noch diese Schlacht will ich gewinnen helfen, und dann
deinen Rat – überlegen."

Warum werden große Ehrenstellen so drückend beschrieben, und so selten freiwillig niedergelegt?

XXVII
Der Bauer und die Dohle

Ein Bauer hörte, dass einer in dem Neste einer Dohle einen Edelstein gefunden habe.
Er haschte also eine Dohle, und brachte sie unter sein Dach. Wenn sie zahm ist, sprach er bei sich selbst, will ich sie ausfliegen lassen, und sie wird selten wiederkehren, ohne mir einen Schatz mitzubringen. Aber einst sah der Vogel eine noch halb glühende Kohle, trug sie in das Nest, und Haus und Scheuer seines Wohltäters mit aller Habe wurden ein Raub der verzehrenden Flammen.

So freiet der Geizige nach einem reichen Weibe, und wird durch sie zum Bettler.

XXVIII
Alcibiades und der verstümmelte Faun

Alcibiades, war ein ausgezeichneter griechischer Feldherr um das
Jahr 420 v. Chr.

Als Alcibiades einst bei seinen Nachtschwärmereien an den schlechten Bildsäulen seiner Vaterstadt Mutwillen ausübte, fiel ihm der hölzerne Arm eines Fauns, den er abschlug, auf die Nase, dass er blutete.
"Ha!" lachte eine Stimme aus dem verstümmelten Faun, "was du für ein Weichling bist! Du blutest, und ich fühle den Verlust meines Armes nicht." – "Du wirst dir doch," sprach Alcibiades, "deinen Stoff nicht zum Verdienst rechnen wollen?"
Natürliche Unempfindlichkeit ist weder Philosophie, noch Tugend.


XXIX
Chiron

Chiron nahm den jungen Achill, den er in der Arzneikunst unterrichtet hatte, einst mit zu einem Krankenbesuch. Sie kamen zu einem Schwindsüchtigen, dessen bekümmerte Frau den Chiron hatte rufen lassen.
Der Kranke sprach mit schwacher Stimme, als er den Arzt erblickte: "Ich weiß nicht, warum man dich schon wieder hierher bemühte, da ich mich so wohl befinde. Ich habe zwar einen leichten Katarr. Aber ich esse, trinke, schlafe gut, und meine Kräfte sind die nämlichen. Wenn sich nur die gute Witterung bald einstellte, so würde ich auf das Land gehen."
Chiron fühlte den Puls, verordnete, und ging zu einem Hypochondristen, welcher vor der
Morgenröte schon seinen Sklaven zu ihm geschickt, und sich seinen ersten Besuch ausgebeten hatte. Den Angstschweiß auf der Stirne lag er im Bette, und sprach zum Arzt: "Ach! dass du
mich so lange hilflos schmachten ließest! Ich glaubte, dich nicht mehr zu sehen. Ich fühle den nahen Tod in allen Adern. - - Ach!"
Er konnte nicht weiter sprechen. Chiron fühlte auch diesem den Puls, verordnete, und ging weiter. "Welcher von beiden dünkt dich," sprach er den Achill auf dem Wege, "der gefährlichste
zu sein?" Achill: "Ohne Vergleichung der Letzte." – "Du irrst dich," sagte Chiron.
"Die verzweifelsten Kranken jeder Gattung sind diejenigen, welche sich und andere überreden wollen, dass sie gesund seien."

XXX
Die Strafgerechtigkeit

Einst hatten die Räubereien der Vögel sehr überhand genommen, und es kam Klage für den Zeus.
Jupiter ließ den Adler durch seinen Boten befehlen, dem Unwesen zu steuern. Sogleich befahl der Adler, dass man dem Kolibri einige Schwungfedern ausrupfen sollte, damit dieser Vogel nicht mehr so weit streifen könnte.
Merkur stellte fest, dass dieses der kleinste, der unschädlichste unter allen Vögeln sei. Es half aber nichts. Der Adler antwortete: "Man muss an den Kleinen Exempel statuieren, damit sich die Großen daran spiegeln mögen."
Der Bote kam zurück, erzählte mit Unwillen, was er ausgerichtet hätte, und Jupiter fing an, aus vollem Halse zu lachen.
"Nun möchte ich doch wissen," sagte Merkur, was daran lachenswürdig wäre!" —
"Ich vergaß mich, sprach Zeus," und zog sein Gesicht wieder in die Falten des hohen Ernstes. "Aber, es fiel mir ein, dass ich es, als ich noch König in Kreta war, gerade wie der Adler gemacht hatte."