Kapitel 1
   
 

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Fabelverzeichnis

Kapitel 2


Index

Der Mann und sein Schatz
Der Mann und der Dieb
Der Weizen
Vom Gottvertrauen
Die Taube, der Fuchs und der Sperling
 

Der Mann und sein Schatz

Ein Mann fand einen großen Schatz und dachte bei sich:
>Soll ich von diesem Gold alle Tage einen Teil heimtragen,
das wird mir lästig und den Rest zu bewahren, mühselig.
Besser ist es, Knechte zu dingen, die mir alles an einem Tage
ins Haus tragen.< Und mietete Knechte, die er auf den Straßen fand, und lud jedem, was er ausgrub, auf den Rücken zum
Tragen. Als er fertig war mit seiner Arbeit, ging er in sein Haus, seinen Schatz ferner zu bewahren, und fand da nichts und erkannte, dass der Knechte jeder es in sein eigenes Haus getragen hatte.
Also ward ihm von dem gefundenen Reichtum nichts denn
die Mühe des Grabens, da er sein Werk nicht mit Vorsicht
begonnen und nicht behalten konnte, was er gefunden hatte.

Der Mann und der Dieb

Ein Mann lag nachts auf seinem Bett und hörte, wie ein Dieb in sein Haus ging, und sprach zu sich: >Ich will schweigen und warten, bis dieser Dieb zusammengerafft hat, was er stehlen will, dann stehe ich auf und nehme ihm das Gestohlene mit starken Streichen.< Dabei überfiel ihn aber der Schlaf, und als er aufwachte, war der Dieb mit seiner Beute fort.

So hatte ihm sein Wissen keinen Nutzen gebracht, da er es nicht geübt und angewandt hatte.

Der Weizen

Es waren zwei Gesellen, die hatten zusammen Weizen gekauft und auf einer Kornschütte in zwei Haufen geteilt, wo noch andere Weizenhaufen lagen.
Nun dachte der eine, wie er den Freund betrügen könnte um sein Korn, und versprach einem Schalk den halben Teil, wenn er ihm dabei helfe.
Eines Tages bedeckte er den Weizen seines Gesellen mit seinem Mantel, dass er ihn nachts erkennen könnte, wenn er käme, ihn zu stehlen. Inzwischen aber war der andere zu der Kornschütte gegangen, und als er den Mantel seines Gesellen auf seinem Weizen liegen sah, sprach er zu sich: >Ei, wie treu ist mir mein Gesell, dass er mit seinem eigenen Kleid mein Korn deckt, damit nichts Unsauberes hineinfalle. Aber das soll nicht sein. Und er nahm den Mantel und legte ihn
auf den Weizenhaufen des anderen.<
Des Nachts kam nun der Dieb mit seinem Helfer und tastete im Finstern, bis er den Mantel fand und das Korn darunter stahl und mit seinem Mitdieb teilte. Als er aber am nächsten Morgen auf den Kornboden kam, sah er, dass er sein eigen Gut gestohlen und die Hälfte davon hingegeben hatte, und war traurig seines Verlustes.

Vom Gottvertrauen

Oft kommt die Rettung unerwartet, wie einem geschah, der war arm und ging zu seinen Freunden, seine Armut und Gebrechen zu klagen. Aber alle versagten ihm ihre Hilfe, und er kam traurig wieder in sein Haus und lag des Nachts vor Sorgen wach auf seinem Bett.
Da hörte er in seinem Haus einen Dieb und dachte: >Was mag dieser Dieb stehlen, da nichts im Hause ist als ein wenig Mehl.< Der Dieb aber suchte und sprach zu sich: >Du willst ohne Beute nicht aus diesem Hause gehen, und fand doch nur das Mehl und zog seine Kappe ab und schüttete es darein. Nun war an seiner Kappe ein Zipfel, darin er Gold und Silber trug, das er zuvor gestohlen hatte. Indes dachte der Hauswirt: >nimmt der Dieb dein Mehl, so musst du morgen Hunger leiden,< und stand auf und rief den Dieb an mit lauter Stimme und eilte ihm nach mit seiner Waffe. Der Dieb erschrak, ließ seine Kappe fallen und floh. Die ergriff der Hauswirt, rettete so sein Mehl und fand dabei noch Gold und Silber für seine Notdurft.

Die Taube, der Fuchs und der Sperling

Es hatte eine Taube ihr Nest auf einem hohen Baum, und es wurde ihr sehr sauer, die Speise so hoch zu ihren Jungen emporzutragen. Und wenn sie nun ihre Jungen mit großer Mühe ausgebrütet hatte, so kam immer ein Fuchs unter den Baum und drohte ihr, dass er sie und ihre Jungen fressen werde, und brachte sie durch Drohworte dahin, dass sie ihm die Jungen herabwarf, damit er sie selbst am Leben lasse.

Nach einiger Zeit saß die Taube wieder und brütete. Da kam ein Sperling, der nicht fern von ihr bei dem Wasser seine Wohnung hatte, auf einen benachbarten Ast geflogen, und da er die Taube so traurig sah, sprach er: "Nachbarin, was macht dich so traurig, da du doch bald schon Junge haben wirst?"
Da antwortete die Taube: "Was habe ich von meinen Jungen? Denn wisse, sobald ich sie ausgebrütet habe, kommt der Fuchs und droht mir und ängstigt mich so sehr, dass ich ihm meine Jungen gebe, um nicht selbst von ihm gefressen zu werden."
Der Sperling sprach: "Kennst du nicht den Betrüger, den Fuchs? Folge meinem Rat, und der Fuchs wird dir fürderhin nicht mehr Schaden tun."
Die Taube sprach: "Sprich! Ich folge dir."
Da antwortete der Sperling: "Wenn der Fuchs wiederkommt und dich schrecken will, so sprich: Tu' was du willst, mich kümmert es nicht. Und wenn du wirklich lernen würdest, diesen Baum zu ersteigen, so würde ich schnell meine Jungen auf einen andern Baum tragen. Ich werde dir gar nichts geben."

Bald darauf kam der Fuchs, da ihm deuchte, dass die Taube ihre Jungen ausgebrütet hätte; und er drohte wie früher. Die Taube gab Antwort wie sie der Sperling gelehrt hatte. Da sprach der Fuchs: "Sag mir, wer dich diese Antwort gelehrt hat, so will ich dich und deine Jungen verschonen."
Da antwortete die Taube: "Das hat der Sperling getan, der dort bei dem Wasser seine
Wohnung hat."
Da verließ der Fuchs die Taube und näherte sich dem Sperling,und da er ihn bei dem Wasser fand, grüßte er ihn ehrerbietig und sprach: "Lieber Nachbar, wie schützest du
dich vor dem Wind und Regen?"
Der Sperling antwortete: "Wenn mich der Wind auf der rechten Seite anweht, so kehre ich mein Haupt auf die linke Seite, und wenn er mich auf der linken Seite anficht, so kehre ich mein Haupt auf die rechte Seite und bin sicher."
Da sprach der Fuchs: "Kommt aber ein Wetter, das von allen Seiten Wind bringt?"
Da antwortete der Sperling: "So tue ich mein Haupt und meinen Hals unter meine Fittiche."
Da sprach der Fuchs: "Ich meine, dass solches nicht möglich sei."
Der Sperling sprach: "Gewiss ist das möglich."
Da antwortete der Fuchs: "Selig seid ihr Vögel, die Gott vor allen Geschöpfen begabt hat.
Ihr fliegt zwischen Himmel und Erde in einer so kurzen Zeit, wie Menschen oder Tiere nicht laufen könnten, und kommt dahin, wo sonst keine Kreatur hinkommen kann.
Und dazu solltet ihr noch mit dem Vorteil begnadet sein, in Wind, Regen und Schnee, wenn es not tut, euer Haupt unter eure eigenen Fittiche bergen zu können, damit euch kein Ungewitter schaden kann? O wie selig seid ihr! Zeige mir doch, wie das möglich ist!" Der Sperling wollte seine Kunst vor dem Fuchs zeigen und versteckte sein Haupt unter seine Fittiche.
Da packte ihn der Fuchs in seine Klauen und sprach: "Du bist einer, der sich selbst feind ist.
Du konntest der Taube gut raten, ihre Jungen vor mir zu behalten, und konntest dir selbst nicht raten."
Und er fraß ihn auf der Stelle.