Der listige Fuchs
Es war einmal ein Fuchs, der sehr listig war. Er befand sich
auf der Suche nach einem
dummen Freund. Denn er hatte sich vorgenommen, diesen für
sich arbeiten zu lassen und
auf dessen Kosten zu leben. Mit einem solchen Gedanken
im Kopf lief der Fuchs weit umher,
bis er einer Schildkröte begegnete, die einsam und
allein unter einem Strauch
hauste.
Der Fuchs begrüßte sie und sprach: "Laß uns Freunde sein und
gemeinsam arbeiten,
damit wir für den Winter Vorräte schaffen."
Die Schildkröte erwiderte: "Das möchte ich gerne, Bruder,
und ich bin dazu bereit, aber
nur unter der Bedingung, daß du mich nicht täuscht."
Die Schildkröte wußte nämlich von der großen Schlauheit des
Fuchses und war deshalb
sehr vorsichtig. Der Fuchs versicherte ihr: "Warum soll ich
dich täuschen? Laß uns gleich
anfangen und auf einem Feld Weizen säen."
Der Fuchs und die Schildkröte fanden ein Stück Land und
besorgten die Saat. Dann sagte
der Fuchs zur Schildkröte: "Sei so gut und pflüge bitte den
Boden. Ich werde ihn glätten,
weil ich das sehr gut kann." Die Schildkröte pflügte das
Land und berichtete dem Fuchs,
das der Boden zum Glätten bereit sei. Der Fuchs erwiderte:
"Liebe Schildkröte, bitte tu
du auch das. Ich bin im Säen ein Meister."
Die Schildkröte glättete den Boden und meldete dem Fuchs:
"Ich bin fertig, jetzt mußt
du den Weizen säen." Der Fuchs entgegnete: "Tu auch das
bitte, dann werde ich den
Boden bewässern." Die Schildkröte tat auch diese neue
Arbeit. Dann sollte der Boden
bewässert werden, und noch einmal sagte der Fuchs zur
Schildkröte: "Bewässere du,
dann werde ich alles ernten."
Auch dieses Versprechen erfüllte der Fuchs nicht, und die
Schildkröte mußte die ganze
Last der Arbeit tragen: Sie pflügte den Acker, glättete ihn,
säte, bewässerte, erntete,
drosch und worfelte, bis dann alles getan war. Der Fuchs
sprach: "Jetzt wollen wir unsere
Ernte aufteilen. Weißt du, wie wir das anstellen werden? Wir
gehen gemeinsam auf
diesen Hügel, und von dort laufen wir bis zum Ernteplatz.
Wer schneller dort ist, muß
rufen: Der Weizen für mich,
das Stroh für dich!
Als die arme Schildkröte das hörte, war sie zutiefst
bestürzt und glaubte, daß alle Mühe
umsonst gewesen war. Nach einer Weile des Überlegens
entgegnete sie: "Heute bin ich
ein wenig krank, aber morgen werde ich zum Wettlauf bereit
sein."
Sie ging traurig zu einer alten, erfahrenen Schildkröte, mit
der sie schon lange Jahre
befreundet war. Ihr erzählte sie die ganze Geschichte.
Die befreundete Schildkröte sprach: "Sei nicht besorgt, ich
werde dir helfen. Lauf nur mit
dem Fuchs um die Wette, ich werde das andere erledigen"
Am nächsten Tag erschien der Fuchs sehr fröhlich und hatte
ein Lachen auf dem Gesicht,
weil er sicher war, daß er den Wettlauf gewinnen würde. Er
rief zur Schildkröte: "Gehen
wir auf den Hügel und fangen wir an!"
Das taten sie. Es sollte jeder von einer anderen Seite des
Hügels zum Ernteplatz
hinlaufen. Der Fuchs rannte los, die Schildkröte jedoch
blieb auf ihrem Platz. Der Fuchs
lief so schnell, wie er konnte. Als er sich aber dem Ziel
näherte, tauchte plötzlich die
zweite Schildkröte auf und rief:
Der Weizen für mich,
das Stroh für dich!
Auf diese Weise hatte der Fuchs die Wette verloren. Die
Schildkröte hatte den gerechten
Lohn für ihre Mühsal empfangen.
Halokah und Dalokah
Auf der Spitze eines Berges in Kurdistan lebte eine
Adlermutter mit ihren beiden Jungen.
Sie nannte das eine Halokah und das andere Dalokah.
Eines Tages wurde Mutter Adler krank, und sie sprach zu
ihren Jungen: "Meine lieben Kinder!
Mein Zustand ist schlecht, und ich bin dem Sterben nahe. Ich
werde nicht mehr lange
genug leben, um euch das Fliegen beizubringen. Brot und
Fleisch werdet ihr euch selber
besorgen müssen. Meine Kinder, ich gebe euch einen Rat:
Bettelt niemanden um Almosen an
und seid immer bemüht, euer Brot aus eigener Kraft zu
besorgen."
Nach diesen Worten schloß Mutter Adler ihre Augen und starb.
Die jungen Adler ernährten sich zuerst von den Vorräten, die
ihnen die Mutter
angelegt hatte. Als diese eines Tages aufgezehrt waren,
sprach Halokah zu Dalokah:
"Wir müssen fliegen und jagen lernen, sonst werden wir
verhungern."
Dalokah erwiderte: "Das tägliche Brot werden wir auch so
bekommen. Denk nicht so
viel darüber nach. Mir ist überhaupt nicht nach Fliegen und
Jagen."
Doch Halokah gab sich sehr große Mühe und lernte auf diese
Weise fliegen und jagen.
Jeden Tag schlug er Beute, brachte sie nach Hause und fraß
sie gemeinsam mit
Dalokah. So zog ein Jahr ins Land.
Eines Tages sprach Halokah zu Dalokah: "Es geht nicht mehr
an, daß immer nur ich
jagen gehe und du bloß hier wartest, bis ich mit Beute
zurückkomme. Du mußt dich
gleichfalls bemühen, das Fliegen und das Jagen zu erlernen.
Ich will mich von dir trennen
und zu einem anderen Berg hin aufbrechen, um dort mein
eigenes Nest bauen."
Nachdem Halokah fortgeflogen war, suchte Dalokah im Nest
verzweifelt nach Nahrung,
allein er fand keine. Er wollte aber auch nicht die Mühe auf
sich nehmen, fliegen und
jagen zu lernen. Mit großer Anstrengung gelang es ihm, bis
zum Fuß des Berges
hinabzusteigen. Der Hunger peinigte ihn, und er begann um
Almosen zu betteln.
So kam er zum Fuchs, der ihm ein wenig Fleisch gab. Am
nächsten Tag suchte er den Wolf auf,
der den Kopf voll Hochmut und Widerwillen abwandte, ihm aber
doch etwas zu essen hinwarf.
Es dauerte nicht lange, bis alle Adler in Erfahrung gebracht
hatten, daß einer der Ihren zum
Bettler geworden war. Eines Tages trafen sie sich denn zu
einer Versammlung und berieten,
wie es geschehen konnte, daß ein Taugenichts ihre Ehre und
ihren Stolz verletzte,
und was sie unternehmen könnten, damit wieder alle Tiere vor
ihnen als den Königen der
Lüfte Achtung hätten.
Ein Adler sprach: "Dieser Nichtsnutz hat einen Bruder namens
Halokah, der zum Führer
einer Schar geworden ist."
Ein anderer meinte: "Es scheint mir richtig, daß wir ihn
töten, damit die anderen
abgehalten werden, dasselbe zu tun."
Wieder ein anderer Adler mit dem Namen Bafrin sagte: "Wenn
euch die Sache so sehr
bekümmert, müßt ihr euch viel mehr Gedanken darüber machen,
wie man es anstellen
kann, Dalokah auf den rechten Weg zurückzuführen. Gebt mir
zehn Tage Zeit, und ich
bin mir sicher, daß ich es zuwege bringen werde."
Bafrin ging zu Dalokah hin und unterredete sich mit ihm.
Schließlich hatte er ihn überzeugt,
daß er bisher falsch gehandelt hatte. Dalokah erfaßte Reue,
und er versprach, den angerichteten
Schaden wieder gutzumachen. Jeden Tag kletterte er auf
Bafrins Rücken, und dieser stieg mit
ihm zum Himmel empor. Bafrin sprach zu Dalokah: "Sieh, wie
angenehm das Fliegen ist.
Du kannst von hier aus die ganze Welt überblicken.
Alle Tiere, von denen du Almosen erbettelt hast, sind jetzt
unter dir. Du bist erhabener als alle
anderen. Fliegen und Jagen ist nicht schwer, es braucht nur
ein ganz wenig Mühe."
Dalokah erkannte allmählich, wie wichtig es für ihn sei,
fliegen zu können. Ganz deutlich hatte er
vor Augen, was er bis dahin alles falsch gemacht hatte.
Bafrin war ein hervorragender Lehrer
und Dalokah ein so begabter Schüler, daß er in kurzer Zeit
die Kunst des Fliegens vollkommen
beherrschte. Ja, er flog sogar noch höher als alle anderen.
Eines Tages kamen die Adler wieder zusammen, um Bafrin ihre
Dankbarkeit für sein
Bemühen um Dalokah auszusprechen. Um ihm die Ehre zu geben,
erwählten sie ihn zu
ihrem Anführer. Dalokah aber gaben sie drei Berge zu eigen.
Surah und Schinah
Diese Geschichte ist sehr alt, hunderte Jahre und noch mehr.
Sie handelt von einem
schönen, großen Wald, in dem zwei junge Affen lebten. Der
eine war rot und sehr
hübsch. Deswegen nannte man ihn Surah, den Roten. Der andere
war blau wie der
Himmel, und er wurde deshalb Schinah, der Blaue genannt.
Die beiden Affen wurden wie alle anderen jungen Tiere zur
Schule geschickt. Dort lernten
sie, wie die Welt erschaffen worden sei, warum und woher es
regne, und auch, wie man
Berge, Bäume und anderes zähle und zeichne.
Eines Tages bereitete ihnen ihr Lehrer, ein sehr kluges und
erfahrenes Pferd, eine große
Freude: Er schenkte ihnen zwei farbige Stifte, mit denen es
eine besondere
Bewandtnis hatte. Sie besaßen Zauberkraft: Alles, was mit
ihnen gezeichnet wurde,
erlangte Wirklichkeit. Mit ihrer Hilfe wollte der Lehrer
herausfinden, auf welche Weise die
beiden Affen einmal dem Wald und seinen Bewohnern zu dienen
bereit wären. Surah
machte sich gleich daran, dem Wald zu dienen. Er zeichnete
entlang der Flüsse Mauern,
damit der Wald nicht vernichtet würde, wenn nach starken
Regenfällen Hochwasser die
Flüsse herunterkam. Er zeichnete junge, frische Blätter auf
die abgestorbenen Bäume
sowie Pflanzen und Blumen zu beiden Seiten der Flüsse. In
das neue Grün der Bäume
zeichnete er Nester für die Vögel. So verwandelte er das
ganze Land in ein Paradies.
Alle Bewohner des Waldes priesen Surah und beteten zum
großen Gott, daß Surah
niemals von seinem wohltätigen Wirken ablassen möge.
Schinah hingegen zeichnete ein Feuer in die Nähe eines
Sumpfes, den er zuvor hatte
austrocknen lassen. Das Feuer breitete sich überall aus.
Böse, schwere Gewitterwolken
zeichnete er, deren Regen viel Land und viel Wald unter
Wasser setzte. Er zeichnete
Sägen, die die saftigen Äste abschnitten, und trockenes Holz
an die Bäume. Schinah war
sehr erfreut, als er sah, daß das Gezeichnete Wirklichkeit
wurde. Doch die anderen
Tiere konnten keine Freude daran empfinden. Sie trachteten
Schinah nach dem Leben
und versuchten, seinen Zauberstift zu zerbrechen.
Als die Taube all das sah, flog sie zu den anderen Tieren
hin und sprach zu ihnen:
"Wir dürfen uns nicht anmaßen, über Schinahs Leben zu
verfügen. Vielmehr müssen wir
alles unternehmen, um ihn auf den rechten Weg
zurückzuführen." Das Kamel lobte die
Taube für ihre vernünftigen Worte. So gingen alle Tiere des
Waldes zu Surah hin und
sprachen zu ihm: "Du bist so gut und wohltätig und dienst
mit deinem Zauberstift dem
Wald und seinen Bewohnern. Warum nur ist dein Bruder so
schlecht und voll böser
Absichten?" Surah antwortete: "Am besten gehen wir zu
unserem Lehrer, der uns
beigebracht hat, euch zu dienen."
Also nahmen die Tiere den Weg zur Schule, und als sie dort
ankamen, baten sie den
Lehrer um die Erlaubnis, mit ihm zu sprechen. Er gewährte es
ihnen. Nach der
Begrüßung begann der Frosch zu reden: "Schinah hat mit
seinem Zauberstift einen
ausgetrockneten Sumpf gezeichnet, und so ist es geworden."
Die Schlange sagte: "Dann hat er den ausgetrockneten Sumpf
verbrennen lassen."
Die Maus klagte: "Durch das Hochwasser hat er mein Haus
zerstört."
Das Kamel berichtete: "Schinah hat das Gestrüpp, meine
Nahrung, verbrennen lassen."
Das kluge und erfahrene Pferd hörte sich alle Reden an. Es
war vom Erzählten sehr
betroffen und sprach: "Es haben nicht alle Lebewesen
dieselben Gedanken. Die
Vorstellungen und Ansichten sind verschieden. So sind auch
die Handlungen nicht von
derselben Art. Ihr dürft denen, die euch Schlechtes getan
haben, nicht das gleiche
zufügen, sondern müßt versuchen, ihnen den richtigen Weg zu
zeigen. Ich bin euch
sehr dankbar dafür, daß ihr hierher gekommen seid, um das
Gespräch miteinander und
das gegenseitige Verstehen zu finden. Das Gespräch ist ein
Geschenk, das uns Gott
gemacht hat, damit wir es in rechter Weise nutzen. Geht
jetzt nach Hause. Ich werde
Schinah zu mir rufen, um mit ihm das Vorgefallene zu
besprechen."
Als die Tiere gegangen waren, rief das Pferd Schinah zu sich
und sprach zu ihm:
"Mein Lieber! Ich habe Surah und dich auf die Probe gestellt
und wollte euch vor
Augen führen, welch große Bedeutung die Kraft der
Zauberstifte für den Wald und
seine Bewohner hat, und euch lehren, sie nur zu deren Wohl
zu nutzen."
Schinah erwiderte: "Meine Absicht war bloß, Gutes zu tun,
hochwürdiger Lehrer.
Warum quält Ihr mich?"
Das Pferd antwortete: "Mein Lieber! Ist der Sumpf auch für
einige Tiere von keinem
Nutzen, so ist er doch für andere zum Leben unerläßlich. Das
Gestrüpp wiederum
dient dem Kamel zur Nahrung. Und der Regen zur unrechten
Zeit schließlich bewirkt nur Unheil."
Als das Pferd seine Rede beendet hatte, senkte Schinah
betroffen den Kopf und
versprach, den angerichteten Schaden wieder gutzumachen.
Alles, was er zerstört
vorfand, zeichnete er neu und stellte es wieder her. Das
ganze Land wurde schöner
und schöner und erschien bald wie ein Paradies.
Nicht mehr der Fuchs,
sondern der Hadschi Fuchs
Es lebte einmal ein Fuchs im Bergland von Kurdistan. Er war
alt und reich an Erfahrungen.
Nur konnte er nicht mehr so gut wie früher jagen, weil ihm
schon die Kräfte zu verlassen
begannen.
Eines Tages hatte er großen Hunger, und er beschloß, in das
Dorf zu gehen, um einen
Hahn oder ein Huhn zu fangen. Als er auf den Dächer dahin
schlich, fiel er durch ein Loch
in ein Haus hinein, mitten in ein Faß, das mit grüner Farbe
gefüllt war. Der Fuchs sprang
so schnell heraus, wie er konnte, und lief unbemerkt aus dem
Dorf. Als er vom Dorf
weit weg war, begegnete er einem Esel. Als dieser den grünen
Fuchs erblickte, fragte er
ihn erstaunt: "He, Fuchs, was ist mit dir? Du hast dich sehr
verändert!"
Der Fuchs wußte aus eigener Erfahrung, daß er den Esel sehr
leicht hinter das Licht
führen und vielleicht durch ihn auch zu Nahrung kommen
konnte, und deswegen
erwiderte er: "Ich bin nicht mehr der Fuchs, sondern der
Hadschi Fuchs. Ich war
letztes Jahr in Mekka auf Pilgerfahrt und habe meinem
früheren Leben abgeschworen.
Dieses Jahr will ich wieder dorthin pilgern, wenn der große
Gott mir dabei hilft."
Als der Esel das hörte, glaubte er ihm und sagte: "Mein
lieber und geehrter Hadschi
Fuchs, Ihr dürft nicht zu Fuß über die Gebirgskette gehen,
bedenkt Euer Alter.
Kommt, steigt auf meinen Rücken. Ich werde Euch bis dorthin
tragen."
Der Fuchs freute sich darüber, daß er den Esel hatte
überlisten können. Er nahm die
Einladung an und setzte sich auf des Esels Rücken.
Nach einiger Zeit des Wanderns begegneten ihnen ein Hahn und
ein Huhn. Als die beiden
den Fuchs und den Esel erblickten, waren sie sehr erstaunt
und fragten neugierig:
"He, Fuchs, was ist mit dir? Du hast dich sehr verändert!"
Bevor der Fuchs antworten konnte, ergriff der Esel das Wort
und sagte: "Seid nicht so
frech und unhöflich, er ist nicht mehr der Fuchs, sondern
der Hadschi Fuchs."
Da wurden der Hahn und das Huhn sehr verlegen und sagten:
"Verzeiht, wir wußten es
nicht. Wohin geht ihr jetzt?"
Der Fuchs antwortete: "Wieder nach Mekka, wenn der große
Gott uns dabei hilft. Ihr
könnt auch mitgehen, wenn ihr wollt."
Obwohl es dem Hahn und dem Huhn klar war, daß zwischen ihrer
Sippe und der des
Fuchses seit jeher eine tiefe Feindschaft herrschte, ließen
sie sich überreden und
schlossen sich dem Fuchs und dem Esel an.
Es wurde sehr heiß, und der Esel bekam Durst. Deshalb schlug
er vor:
"Laßt uns an diesem
Bach trinken."
Am Bach trafen sie eine Ente und eine Gans. Diese waren sehr
erstaunt, als sie den
Fuchs und seine merkwürdige Begleitschaft sahen. Sie
fragten: "He, Fuchs, was ist mit
dir?" Du hast dich sehr verändert. Wohin willst du gehen?"
Der Esel antwortete abermals: "Seid nicht so frech. Er ist
nicht mehr der Fuchs, sondern der
Hadschi Fuchs."
Sie erwiderten: " Verzeiht, wir wußten es nicht."
Der Fuchs sagte: "Wir ziehen weiter nach Mekka. Und der
große Gott möge uns dabei
helfen." Da gingen auch die Ente und die Gans mit.
Auf diese Weise sammelte der Fuchs viele Vögel um sich, auch
die Taube und der
Wiedehopf waren dabei. Er dachte schon die ganze Zeit nach,
wie und wo er alle diese
Vögel verspeisen könnte. Sie wanderten über viele Berge und
durch viele Täler, bis der
Fuchs endlich eine Höhle fand, die ihm für sein Vorhaben
geeignet schien. Da sprach er:
"Liebe Freunde, ich bin alt und werde leicht müde. Jetzt
wird es Abend, und es dunkelt
bereits. Deswegen schlage ich vor, daß wir in dieser Höhle
übernachten."
Die Vögel waren einverstanden und machten es sich in der
Höhle häuslich; der Esel blieb draußen.
Der Fuchs sprach: "Ich werde heute Nacht Wache halten, ihr
könnt ruhig schlafen."
Um Mitternacht aber fingen die Vögel an, jeder nach seiner
Art Laute von sich zu geben.
Als die Taube zu gurren anhob, suchte der Fuchs nach einem
Vorwand und sprach:
"Dein Schnarchen ist den anderen unangenehm, viele klagen
über dich. Heute Nacht hast
du auch mich, den Reisenden nach Mekka , gestört, und das
ist ein schweres
Vergehen. Deswegen mußt du bestraft werden."
Und er fraß die Taube. Dann fingen die Enten und die Gans zu
schnattern an. Der Fuchs
rief zuerst die eine dann die andere zu sich und fraß sie
beide mit derselben Begründung,
nämlich, daß sie den Reisenden nach Mekka gestört hätten.
Als der Morgen dämmerte, dachte der Hahn, er müsse den
Hadschi Fuchs und die
anderen zum Gebet wecken, und er hob laut zu krähen an.
Als der Fuchs den Hahn hörte, rief er diesen zu sich und
sprach: "Ich kann mir schon
vorstellen, warum meine Vorfahren seit jeher mit den euren
in Feindschaft gelebt haben,
ihr habt nämlich eine so grauenvolle Stimme und stört den
Schlaf aller anderen Tiere,
und heute hast du den Reisenden nach Mekka gestört."
Und der Fuchs fraß auch den Hahn und das Huhn. Allein der
Wiedehopf blieb übrig, weil
er ein sehr ruhiger Vogel war. Der Fuchs wußte nicht, wie er
es anstellen sollte, auch ihn
zu fressen. Er dachte nach, dann rief er den Wiedehopf zu
sich und sagte hinterlistig:
"Du schmutziger Dieb, du hast den großen Propheten Suleiman
verraten und ihm
seinen Kamm gestohlen. Den trägst du jetzt auf deinem Kopf.
Deswegen mußt du
bestraft werden."
Als der Wiedehopf erkannte, daß er in Gefahr war, versuchte
er, sich zu retten, indem er
sprach: "Hadschi Fuchs, Ihr sollt folgendes wissen: Seit ich
diese Tat begangen habe,
hat mich Gott verflucht und mein Fleisch vergiftet. Wer es
ißt, wird sterben. Wenn Ihr
mich freilaßt, werde ich Euch zu einer Mahlzeit einladen."
Den Fuchs erfaßte die Angst, und außerdem war ihm nach einem
leckeren Happen
zumute, also ließ er den Wiedehopf frei. Der flog rasch in
das Dorf und zeigte sich dort
den Hunden. Diese liefen ihm sogleich nach. Der Wiedehopf
flatterte von Stein zu Stein,
bis er zu der Höhle kam. Die Hunde erblickten den Fuchs und
begannen, ihn zu
verfolgen. So konnte der Wiedehopf sein Leben retten.
Seit damals sagt man zu jemandem, mit dem man einen Streit
vom Zaun brechen will:
"Du hast den Kamm des Propheten Suleiman gestohlen."
Das Lamm und der Wolf
Ein Lamm weidete in einem Grasland. Ein hungriger Wolf kam
des Weges.
Als er das Lamm sah, floß ihm das Wasser im Mund zusammen,
und er sprach zu sich:
>Dieses Lamm soll meine nächste Mahlzeit werden.<
Er rief: "He, Lamm, warum weidest du in meinem Grasland?
Weißt du nicht, daß all das
hier mein Gebiet ist?"
Das Lamm antwortete: "Was? Das alles hier soll dir gehören?"
Der Wolf sagte: "Ja ganz gewiß. Wem denn sonst?"
Das Lamm entgegnete dem Wolf: "Was soll das heißen? Ich
weide hier seit Jahren schon,
und noch keiner hat einen solchen Anspruch erhoben."
Der Wolf machte ein finsteres Gesicht und sprach: "Schau
sich einer das an! Das Lamm
weidet in meinem Grasland und redet auch noch groß. Das ist
doch eine Frechheit!"
Das Lamm erwiderte: "Wenn das hier dein Eigentum ist, dann
bringe mir einen Zeugen dafür."
Der Wolf sprach: "Ich werde dir nicht nur einen, sondern
tausend Zeugen herbringen."
Das Lamm sagte: "Deine Zeugen sollen nur kommen, und wir
werden sehen, ob du nicht lügst."
Der Wolf sprach: "Ich stelle die folgende Bedingung: Wenn
ich einen Zeugen hergebracht
habe und dieser ausgesagt hat, daß das Grasland mir gehört,
werde ich dich auf der
Stelle fressen."
Das Lamm, das sich vor dem Wolf retten wollte, erwiderte:
"Du mußt mir aber deinen
Zeugen vorher benennen."
Der Wolf sagte: "Mein Zeuge wird der Fuchs sein. Warte hier,
ich gehe sogleich, ihn zu holen."
Das Lamm sprach: "Ich bin damit einverstanden."
Der Wolf ging, den Fuchs zu holen.
Das Lamm dachte nach und sprach zu sich: >Der Wolf allein
war mir schon zuviel; jetzt
kommt auch noch der Fuchs dazu. Sie werden mich sicher
fressen. Was soll ich bloß tun?"
Und das Lamm nahm einen Weg, der zum Dorfe führte. In der
Nähe des Dorfes sah es
einen großen Hund. Das kann mein Retter sein, dachte es.
Der Wolf wanderte auch sehr weit, bis ihm ein Fuchs
begegnete. Er sprach zum Fuchs:
"Gevatter Fuchs, möchtest du heute mit mir gemeinsam Mahl
halten?"
Der Fuchs antwortete: "Das wäre fein, glaub mir, ich kann
vor Hunger kaum mehr gehen.
Sag mir, wo soll es sein? Und was hast du gefunden?"
Der Wolf antwortete: "Ich habe ein Lamm gefunden. Es weidet
drüben im Grasland."
Der Fuchs sprach zum Wolf: "Sag mir die Wahrheit! Welche
Gedanken hegst du?
Wieso ist deine Wahl gerade auf mich gefallen? Ich habe
Angst davor, daß du etwas
ausgeheckt hast und ich dir in die Falle gehe. Solange ich
nicht die Wahrheit erfahre,
werde ich nicht mitgehen."
Der Wolf sagte: "Ich schwöre dir, daß ich keine böse
Absichten gegen dich hege.
Du sollst nur bezeugen, daß das
Grasland mein Eigentum ist.
Ich will nicht mehr und nicht
weniger von dir."
Der Fuchs sprach: "Ich gehe aber nur mit, wenn ich meinen
Anteil bekomme."
Der Wolf versprach es ihm und sagte: "Zwei Drittel an mich
und ein Drittel an dich."
Der Fuchs sagte: "Einverstanden, gehen wir."
Das Lamm jedoch, das sich vor den beiden retten wollte, war
zum Hund hingegangen
und hatte ihm alles erzählt. Und der Hund sprach zum Lamm:
"Wir müssen uns beeilen,
damit wir dort sind, bevor sie ankommen."
Das Lamm fragte ihn dagegen: "Was wirst du unternehmen?"
Der Hund erwiderte: "Ich werde mich unter dem alten Baum im
Grasland verstecken,
und du sollst mich mit Gras bedecken. Wenn der Wolf und der
Fuchs dann kommen,
sollst du zum Fuchs sagen, solange er nicht mit der Hand den
alten Baum berührt und
nicht schwört, wirst du seine Bezeugung nicht annehmen. Wenn
sie dich fragen, warum
der Fuchs den Baum berühren soll, antwortest du: Weil dieser
ein Heiligtum ist."
Ehe der Wolf und der Fuchs erschienen, versteckte sich der
Hund am Fuße des Baumes,
und das Lamm bedeckte ihn mit Gras. Danach kamen der Wolf
und der Fuchs zum Lamm.
Der Wolf sprach: "Hier ist mein Zeuge, wie wir es vereinbart
haben. Sag, Fuchs, gehört
mir dieses Grasland oder nicht?"
Der Fuchs antwortete: "Ich schwöre, seit ich mich erinnere,
gehört dieses Grasland Euch,
Majestät."
Das Lamm sprach: "Nein, das genügt mir nicht. Der Fuchs soll
zu dem alten Baum,
der ein Heiligtum ist, hingehen und schwören, dann werde ich
sein Zeugnis annehmen."
Der Fuchs sagte: "Ich habe nichts dagegen, ich werde nicht
nur einmal, sondern hundertmal schwören,
daß dieses Land dem
Wolf gehört. Nein, nein, ich werde es nicht
verweigern, ich werde schwören."
Und der Fuchs ging zum Baum hin. Als er in dessen Nähe kam,
erblickte er im Gras
zwei glänzende Augen. Eine große Angst erfaßte ihn, und er
lief zum Wolf zurück und
sagte: "Das Lamm hat recht, wenn ich bei einem Eid lüge,
werde ich von diesem
Heiligtum bestraft, ich tue es nicht."
Der Fuchs ging noch einmal zu dem Baum hin und besah sich
das Gras genau.
Er bemerkte, daß sich ein Hund darunter versteckt hatte. Als
er wieder zum Wolf
zurückgekehrt war, weigerte er sich, als Zeuge auszusagen.
Und er sprach zum Wolf:
"Ich habe Ehrfurcht vor Gott und vor allen Heiligtümern. Ich
kann mein Zeugnis nicht ablegen."
Der Wolf wurde zornig und schrie den Fuchs an: "Was heißt
Heiligtum? Und wovor muß
man Ehrfurcht haben?! Derartiges ist mir unbekannt. Ich
werde deshalb selbst hingehen."
Der Wolf ging zu dem Baum hin. Doch als er schon nahe an
diesen herangekommen war,
erfaßte ihn die Angst, und seine Beine begannen zu
schlottern. Er redete sich selbst Mut
zu: Du bist doch der Wolf. Wovor fürchtest du dich?
Er ging noch näher heran. Doch sowie er den Baum berührte,
sprang der Hund unter
dem Gras hervor und griff den Wolf an. Dieser nahm wie der
Blitz Reißaus, und der Hund
verfolgte ihn. Von den Verletzungen erschöpft, konnte sich
der Wolf nur mit viel Mühe vor
dem Hund retten. Er ging auf einen hohen Berg, und von dort
schallt er den Fuchs,
weil ihn dieser auslachte.
Der Löwe und der Fuchs
Als der Löwe eines Tages von der Jagd heimkam, begegnete er
dem Fuchs. Er trat an
diesen heran und begrüßte ihn: "Gevatter Fuchs, wie stellst
du dir die Welt vor?"
Der Fuchs, dem vor Hunger fast die Stimme versagte,
antwortete dem Löwen:
"Bruder, wie soll ich die Welt verstehen? Mir ist vor Hunger
schwindlig, und ich habe
keine Kraft mehr."
Der Löwe erwiderte: "Ach, wenn es weiter nichts ist, dem
können wir abhelfen.
Komm, steh auf, wir gehen."
Der Fuchs fragte: "Wohin?"
Der Löwe antwortete: "Was kümmerst du dich darum? Willst du
nicht, daß ich dich
satt mache? Sei du mein Knecht, was immer ich zu fressen
bekomme, werde ich mit dir teilen."
Der Fuchs sagte darauf: "Geh weg, laß mich in Ruhe. Ich kann
nicht dein Knecht sein.
Such dir jemand anderen, es schickt sich besser für dich."
Der Löwe entgegnete: "Die Wahl liegt bei dir, du kannst
mitkommen oder hier bleiben
und des Hungers sterben."
Der Fuchs kam zu dem Schluß, daß er wirklich verhungern
würde, wenn er nicht
mitkäme. Also sprach er zum Löwen: "Wenn du mir versprichst,
daß du mich jeden Tag
satt machen wirst, will ich dein Knecht sein." So wurden
sich der Löwe und der Fuchs
einig, und sie gingen gemeinsam auf die Jagd.
Sie suchten viele Berge und Täler ab, bis sie endlich auf
einen Wolf stießen.
Der Löwe
sprach zum Fuchs: "Bleib hier stehen und bestätige alles,
was ich sage."
Der Fuchs sagte: "Zu Befehl Majestät!"
Der Löwe näherte sich dem Wolf, schlich um ihn herum und
fragte den Fuchs:
"Sind meine Augen rot?"
"Ja, Majestät, sie sind ganz rot."
Der Löwe näherte sich dem Wolf, schlich um ihn herum und
fragte den Fuchs:
"Hat sich meine Mähne schon aufgestellt?"
"Ja, Majestät, ich beschwöre es!"
Der Löwe machte noch eine Runde um den Wolf und fragte den
Fuchs wieder:
"Ist mein
Schwanz schön aufgerichtet, und berührt die Schwanzquaste
die Stirn?"
Der Fuchs antwortete: "Masch-allah, großartig! Ich habe noch
nie derartiges gesehen."
Der Löwe griff den Wolf mit einem Satz an, überwältigte ihn
und fraß ihn dann
gemeinsam mit dem Fuchs, bis beide satt waren.
So gingen einige Tage dahin. Mit jedem Tag sah der Fuchs
seine Mahlzeiten üppiger und
mannigfaltiger werden. Eines Morgens sprach er schließlich
zu sich voll Selbstgefälligkeit:
>Warum soll ich weiter des Löwen Knecht sein? Es ist an der
Zeit, daß ich mich von ihm
trenne und mir selber einen Knecht finde.<
Und der Fuchs machte sich auf die Suche nach einem Knecht,
bis er einem schwachen anderen
Fuchs begegnete. Er redete diesen an: "Hallo, mein
alter Freund, du schaust mir
so schwach aus."
Der andere Fuchs erwiderte: "Der Hunger hat mir jede Kraft
genommen." Der wohlgenährte
Fuchs sprach zu ihm: "Ach, wenn es weiter nichts ist, dem
können wir abhelfen.
Komm, steh auf, wir gehen."
Der schwache Fuchs fragte: "Wohin?"
Der wohlgenährte Fuchs entgegnete ihm: "Was kümmerst du dich
darum? Willst du nicht,
daß ich dich satt mache?"
Der schwache Fuchs fragte dagegen: "Wie willst du es
anstellen, daß ich satt werde?"
Der wohlgenährte Fuchs antwortete: "Sei du mein Knecht, was
immer ich zu fressen
bekomme, werde ich mit dir teilen."
Der schwache Fuchs sagte unwillig: "Geh weg, geh weg. Du
bist nur ein Fuchs, genau so
wie ich. Was zeichnet dich mir gegenüber aus? Warum soll ich
dein Knecht sein?"
Der wohlgenährte Fuchs erwiderte: "Die Entscheidung liegt
bei dir. Es gibt Tausende,
die mein Knecht sein wollen. Ich werde gehen, du wirst hier
verhungern, und die
Aasgeier werden deinen Leichnam fressen."
Dem schwachen Fuchs wurde klar, wenn er nicht mitginge,
würde er verhungern, also
sprach er zum wohlgenährten Fuchs: "Wenn du mir versprichst,
daß du mich nie hinter
das Licht führst und mich immer satt machst, will ich dein
Knecht sein."
Der wohlgenährte Fuchs versprach es, und sie wurden einig.
Gemeinsam wanderten sie über Berge und durch Täler. Allein
sie fanden nichts, das sie
überwältigen und fressen konnten. So sprach der schwache
Fuchs zum wohlgenährten:
"Ich habe dir doch gesagt, daß du auch nur ein Fuchs bist
und nicht mehr vermagst als ich."
Der wohlgenährte Fuchs erwiderte: "Sei nicht so ungeduldig.
Du mußt noch durchhalten.
Wir werden ganz sicher etwas bekommen."
Da begegneten sie einem Pferd. Der wohlgenährte Fuchs war
sehr erfreut und rief dem
schwachen Fuchs zu: "Komm, beeil dich" Bleib hier stehen und
bestätige alles, was ich sage!"
Der wohlgenährte Fuchs ging an das Pferd heran, schlich
genau wie der Löwe um es
herum und fragte den schwachen Fuchs: "Sind meine Augen
rot?"
Der schwache Fuchs antwortete: "Nein, überhaupt nicht."
Der wohlgenährte Fuchs wurde wütend und schrie: "Sag ja!"
Der schwache Fuchs sagte: "Ja, ja, deine Augen sind rot."
Der wohlgenährte Fuchs schlich erneut um das Pferd herum und
fragte: "Hat sich meine
Mähne schon aufgestellt?"
Der schwache Fuchs antwortete: "Nein, du hast ja gar keine
Mähne."
Der wohlgenährte Fuchs wurde wieder zornig und schrie
aufgeregt: "Sag ja, sag ja!"
Der schwache Fuchs sagte nun dann: "Ja, sie hat sich schon
aufgestellt."
Der wohlgenährte Fuchs wiederholte seine Runde und fragte: "
Ist mein Schwanz schön
aufgerichtet, und berührt die Schwanzquaste die Stirn?"
Der schwache Fuchs antwortete: "Nein, gar nicht, dein
Schwanz schleift hinter dir auf
dem Boden dahin."
Der wohlgenährte Fuchs spie Gift und Galle und schrie den
schwachen Fuchs an:
"Ich habe dir doch gesagt, du sollst alles bestätigen!"
Der schwache Fuchs fügte sich und sprach: "Ja, Majestät,
deine Schwanzspitze berührt
die Stirn."
Sodann ging der wohlgenährte Fuchs einige Schritte zurück,
blickte zum schwachen Fuchs hin,
um sich dessen Bewunderung sicher zu sein, und setzte
zum Sprung auf des
Pferdes Rücken an.
Doch dieses versetzte ihm einen so kräftigen Huftritt, daß
er den Tod in seinen Körper
kriechen fühlte. Der schwache Fuchs lachte laut, ging zu
seiner Majestät hin, streichelte
ihn und sprach: "O du Armer, jetzt sind deine Augen ganz
rot, deine Haare haben sich
ganz aufgestellt, und die Schwanzspitze berührt die Stirn."
Der wohlgenährte Fuchs starb, und der schwache Fuchs fraß
sich an ihm satt und ging weg.
Chapa, der
wohlgenährte Wolf
In Kurdistan lebte in einem schönen Gebirge mit einer reinen
Luft ein junger Wolf mit
seiner Mutter. Sein Vater und seine Geschwister hatten in
Fallen, die von Jägern
aufgestellt worden waren, den Tod gefunden. Der kleine Wolf
war so rund und
wohlgenährt, daß man ihn Chapa, den Wohlgenährten, nannte.
Doch da er sehr
übermütig und schlecht erzogen war, mochten ihn die anderen
Bewohner des Gebirges
nicht sehr gern. Er tat, was ihm gerade in den Sinn kam und
nahm keine Rücksicht auf
andere.
Am frühen Morgen weckte ihn seine Mutter auf, damit er in
die Schule gehe. Aber Chapa
steckte beide Füße in einen Schuh und sagte trotzig: "Ich
werde auf keinen Fall in die
Schule gehen!" Und immer, wenn ihm die Mutter vorhielt, er
werde unwissend und
unerzogen bleiben, wenn er nicht in die Schule gehe,
erwiderte er ihr: "Spielen ist
viel angenehmer, als in die Schule zu gehen, und ich werde
auch ohne sie nicht
unwissend und unerzogen bleiben."
Die Mutter sagte darauf: "Mein Kind, wären dein Vater und
deine Geschwister in die
Schule gegangen und hätten einige Dinge über die Welt
gelernt, wären sie nicht in den
Fallen der Jäger gestorben." Chapa aber hörte nicht auf
seine Mutter und erwiderte:
"Ich werde die Welt verstehen lernen, indem ich herumlaufe
und spiele." Die Mutter
sagte: "Es liegt an dir, zwischen der Schule und dem
Umherlaufen und Spielen zu
wählen."
Und Chapa ging fort, nicht einmal die Hände und das Gesicht
wusch er sich. Als erstes
wollte er die kleinen Fische besuchen. Doch die waren nicht
zu Hause, sondern in der
Schule. Deren Mutter sagte zu ihm: "Störe sie bitte nicht,
denn sie müssen nachher
gleich ihre Schulaufgaben machen." Dann ging er zu den
kleinen Schildkröten. Diese aber
sagten zu ihm: "Bitte komm nicht zu uns, wir möchten mit
jemandem, der nicht zur
Schule gehen will, nichts zu tun haben. Du wirst am Ende
auch uns noch davon
abbringen, zur Schule zu gehen."
Als Chapa merkte, daß keiner mit ihm spielen wollte, ging er
in die Berge zurück.
Unterwegs begegnete ihm der Tiger. Dieser schickte sich an,
über ihn herzufallen, um ihn
zu fressen. Doch zum Glück geriet der Tiger in eine Falle.
So konnte sich Chapa sowohl
vor der Falle als auch vor dem Tiger retten. Da dachte Chapa
nach und sprach zu sich:
>Es wird gut sein, wenn ich in die Nähe des Dorfes gehe und
dort spiele.<
Er war noch nicht lange unterwegs, da begegnete ihn der
Fuchs. Dieser tat sehr
schmeichelnd und stellte sich dem kleinen Wolf als ein guter
Freund vor. Er sagte:
"Mein liebster Chapa, komm mit! Wir gehen in die Nähe des
Dorfes und werden dort
spielen." Chapa sagte: "Es ist schon lange mein Wunsch
gewesen, jemanden zu finden,
der mit mir spielt."
Als sie in die Nähe des Dorfes gelangten, sprach der Fuchs
zu Chapa: "Wir wollen jetzt
sehen, wie fleißig du bist. Ich zähle von eins bis hundert,
und wenn du mir bis dahin mit
deinen scharfen Zähnen ein Truthahnküken gebracht hast,
werde ich mit dir spielen."
Chapa antwortete: "Nein, das ist Stehlen. Das tue ich nicht.
Ich bin kein Dieb. Das ist
schlecht." Der Fuchs antwortete ihm: "Wer sagt, daß Stehlen
schlecht ist?"
Chapa antwortete: "Das haben sie mir in der Schule
beigebracht." Der Fuchs sagte:
"Du lügst, du gehst doch gar nicht in die Schule!" Chapa
konnte nichts darauf erwidern,
und er sagte: "Ich werde das Truthahnküken bringen, aber nur
unter der Bedingung,
daß du es wieder dorthin zurückträgst, von wo ich es
herbringen werde." Der Fuchs
sagte: "Du sollst dann auch von eins bis hundert zählen, und
dann werde ich das Küken
zurückgebracht haben."
So ließ sich Chapa vom Fuchs überlisten und ging in das
Dorf. Sowie er dort
angekommen war, erblickten ihn die Bewohner und riefen: "Ein
Wolf, ein Wolf, fangt ihn,
laßt ihn nicht entkommen!" Schnell lief Chapa aus dem Dorf.
Es war ihm jetzt klar, daß
der Fuchs ihn hinter das Licht geführt hatte. Er schwor, daß
er immer auf seine Mutter
hören und zur Schule gehen würde, wenn er wohlbehalten nach
Hause käme.
Schließlich konnte er sich retten, weil die Dorfbewohner den
Fuchs erblickten und riefen:
"Kommt, wir fangen besser den Fuchs, denn der hat ein
wertvolleres Fell!"
Der alte Vogel
In ganz frühen Zeiten war einmal ein alter Vogel, der sehr
weise und erhaben war.
Er genoß bei den anderen Vögeln großes Ansehen, und sie
liebten ihn sehr. Was immer
er ihnen auftrug oder riet, sie befolgten es und führten es
aus. Trotz seiner großen Klugheit
und Erfahrung fühlte er sich nie über den anderen
stehend. Er hatte auch vor dem kleinsten
Vogel hohe Achtung und sorgte dafür, daß
keinem Vogel etwas zum
Schaden gereichte.
Doch ein Gedanke bewegte ihn, solange er sich erinnern
konnte: Eines Tages würde er
an einen Ort gelangen, den ihm seine Vorfahren hunderte, ja
tausende Male
beschrieben hatten, den Ort, der wie das Paradies sei und wo
die Vögel ohne Furcht vor
den zweibeinigen Lebewesen und ihren anderen Feinden in
Würde leben könnten, den
Ort, wo ihnen keine Jäger mit Fallen und Pfeilen
nachstellten, wo man nach Laune und
Belieben auf prächtige Wiesen und an schattigen Plätzen
umhergehen könne, wo die
Luft und das Wasser rein seien.
Von diesem Gedanken war er so ergriffen, daß er nicht von
ihm ablassen konnte. Aber
er erinnerte sich auch daran, daß sie ihm gesagt hatten,
dort hin zu gelangen sei sehr
schwierig, weil man auf dem Weg zu diesem Ort viele Meere
und Wüsten, hohe und
niedrige Berge zu überfliegen hätte. Er müsse auch Durst und
Hunger und Müdigkeit
ertragen, bis er dorthin gelangen werde.
Als ihm das klar zu Bewußtsein kam, erkannte er, daß es ihm
unmöglich sei, die Reise
zu diesem Ort alleine zu bewältigen. Er erinnerte sich, wie
er in jungen Jahren mit seinen
Freunden in das Netz der Jäger geraten war, wie sie
gemeinsam das Netz in den Himmel
gehoben und sich an einem ruhigen und sicheren Ort mit Hilfe
der Maus befreit hatten.
Deshalb rief er alle Vögel zu sich her und erklärte ihnen
seine Absicht. Er erzählte ihnen,
wie es an diesem Ort sei, daß sie niemals mehr Schmerz und
Unterdrückung zu erleiden
hätten und zusehen müßten, wie ihre Freunde getötet und
verletzt würden. Sie würden
dort glücklich und in Frieden leben und mit ihren
wundervollen Gesängen die Erde und
den Himmel zum Tanzen bringen. Doch er verschwieg ihnen auch
nicht die Fährnisse des
Weges, der dorthin führte, und erklärte, daß viele von ihnen
auf der Reise ihr Leben
lassen müßten.
Alle Vögel waren einverstanden und wollten mitfliegen, nur
der Rabe nicht, der sein
Leben durch Diebereien und im Schmutz erhielt. Sie
beschlossen, daß sie am nächsten
Morgen aufbrechen würden, und sie erwählten einstimmig den
alten Vogel zu ihrem
Anführer. In der Nacht träumten alle Vögel von dem Ort zu
dem sie am nächsten
Morgen den Flug antreten würden Alle waren voller Vorfreude
und selig vor Glück.
Ganz früh am Morgen, noch ehe die goldgelbe Scheibe der
Sonne zu sehen war, regten sie ihre
Schwingen und flogen mit lautem Gekreisch davon.
Die ersten Tage ihrer langen Reise vergingen
in Freude, Überall, wo es schöne Wiesen gab,
gingen die Vögel nieder
und fraßen sich satt.
Eine Woche verging, und allmählich begannen sie die
Müdigkeit von der Reise zu spüren.
Als die Nachtigall sich daran erinnerte, wie sie dort, wo
sie immer gelebt hatte, in Frieden
und Wohlergehen ihr Leben singend unter den Bäumen und in
den Gärten verbracht,
ihr niemand nachgestellt und man ihr sogar Futter gegeben
hatte, erfaßte sie die Angst
vor der Ungewißheit der weiteren Reise, und sie kehrte um,
ohne es den anderen Vögeln
mitzuteilen.
Einige Vögel machten sich gleichfalls auf den Weg, der sie
wieder heimführte, weil sie an
den Schilderungen des alten Vogels Zweifel zu hegen begannen
und sie für Lügen
hielten. Andere Vögel fanden Plätze, die schöner als jene
waren, die sie verlassen hatten;
sie beendeten ihre Reise und ließen sich dort nieder.
Der alte Vogel bemerkte, daß die Schar von Tag zu Tag
kleiner wurde. Aber er verstand
auch, daß die, welche an seiner Seite blieben, die Besten
und Treuesten waren.
Wirbelwinde, Niederschläge, Hunger und Müdigkeit kosteten
viele Vögel das Leben,
und viele wurden von den Pfeilen der Jäger getroffen. Aber
ihre Zuversicht war
ungebrochen. Sie umflogen hunderte Berge, Meere und Wüsten.
Vor Hunger und
Müdigkeit waren sie bald nur mehr ein Schatten ihrer selbst.
Wenn sie sich am Abend an
einem Platz niederließen, waren sie so müde, daß sie nicht
mehr miteinander sprachen
und sogleich einschliefen, und am nächsten Morgen machten
sie sich wieder auf den
Weg.
Eines Abends kamen sie an einen hohen Berg. Sie ließen sich
dort nieder, und ohne
miteinander zu sprachen, schliefen sie ein. Als sie am
nächsten Morgen von der frischen
Kühle der Morgenluft erwachten und sich umschauten,
erblickten sie einen Ort, der wie
das Paradies war. Es blühten dort alle Arten von Blumen. Der
alte Vogel, dessen Augen
von Tränen erfüllt waren, sprach zu seinen Freunden: "Wir
sind an unserem Ziel
angelangt. Hier ist der Ort, von dem unsere Vorfahren
Hunderte von Jahren geträumt
hatten." Alle Vögel umarmten einander, und sie hatten Tränen
in den Augen. Doch als
sie um sich blickten, erkannten sie, daß ihrer nur mehr drei
waren, deren Wille nicht
erlahmt war und ihre ganze Hoffnung auf ein schönes Leben
und eine glückliche
Zukunft gerichtet hatten.
Der dumme Mann
Es war einmal ein dummer Mann. Eines Tages legte er seinem
Esel die Zügel an und zog
ihn fort. Zwei Diebe schauten ihm zu, und der eine sprach
zum anderen: "Ich werde dem
Mann den Esel wegnehmen, ohne daß er es merkt." Sein Freund
erwiderte: "Wie willst
du das anstellen?" Der eine antwortete: "Komm mit, ich zeige
es dir."
Der eine Dieb nahm dem Esel die Zügel ab und legte sie sich
selbst wie eine Leine um den
Hals. Sein Freund führte den Esel fort, und der Mann zog mit
dem Dieb an der Leine
weiter. Als der andere Dieb mit dem Esel schon ganz weit
fort war, hielt der eine an und
ging keinen Schritt mehr weiter. Der dumme Mann blickte
zurück und sah, daß er einen
Menschen und nicht seinen Esel hinter sich herzog. Das
verwirrte ihn sehr, und er wußte
nicht, was geschehen war.
Er fragte den Dieb: "Wer bist du, und warum hast du die
Zügel um den Hals?"
Der Dieb erwiderte: "Ich bin ein Esel, und meine Geschichte
wird dich sehr verwundern."
Der dumme Mann sagte: "Dann erzähle mir die Geschichte."
Der Dieb begann zu erzählen: "Ich habe eine sehr alte und
gute Mutter. Eines Tages kam
ich betrunken nach Hause, und als mich meine Mutter
erblickte, machte sie mir
Vorhaltungen und sprach: "Mein Sohn, laß von diesem
Lebenswandel ab und kehre um."
Doch ich hörte nicht auf sie und schlug sie. Sie war von mir
sehr enttäuscht und flehte zu
Gott, er möge mich in einen Esel verwandeln. Gott erhörte
sie, und so kam ich zu dir.
Am heutigen Tag jedoch begegneten wir ihr wieder. Sie wurde
von Mitleid erfaßt und
flehte erneut zu Gott, er möge mir wieder meine menschliche
Gestalt zurückgeben."
Da sprach der dumme Mann zum Dieb: "Ich bitte dich um
Verzeihung, wenn ich dich
schlecht behandelt habe." Schnell nahm er dem Dieb die Zügel
vom Hals und ließ ihn
frei.
Das Geschehene verwirrte den dummen Mann so sehr, daß ihn
seine Frau zu Hause
fragte: "Mann, was ist dir zugestoßen, und wo ist der Esel?"
Der dumme Mann erzählte
alles, und die Frau schlug sich an die Stirne und rief:
"Welch große Sünde! Wir haben
jetzt statt eines Esels einen Menschen für uns arbeiten
lassen."
Es war eine Zeit darauf vergangen, und die Frau sprach zum
Mann: "Wie lange willst du
noch zu Hause sitzen und die Hände in den Schoß legen? Los,
steh auf, geh auf den
Markt und kauf einen anderen Esel!" Der Mann ging auf den
Markt und erblickte seinen
Esel, wie er zum Verkauf angeboten wurde. Der dumme Mann
trat an den Esel heran und
flüsterte ihm in das Ohr: "Du Haltloser! Wenn ich mich nicht
irre, hast du wieder deine
Mutter geschlagen und bist wieder zu einem Esel geworden.
Ich schwöre bei Gott, daß
ich dich nicht noch einmal kaufen werde."
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