Martin Luther
   
 

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Fabelverzeichnis

Autorenverzeichnis



 
Martin Luther als Augustinermönch.
Kupferstich von Lucas Cranach dem Älteren [1521]




Kurzbiographie


Geboren am 10.11.1483 in Eisleben
Gestorben am 18.02.1546 ebenda

Die Vorfahren Luthers waren Bauern, der Vater war ein Bergmann und später Ratsherr. Luther besuchte die Schulen ins Mansfeld, Magdeburg und Eisenach. Ab 1501 studierte er Philosophie in Erfurt und machte dort seinen Magister.
Das anschließende Jurastudium brach er 1505 ab. Danach trat er ins Augustinerkloster
ein. 1508 wurde er Professor für Moraltheologie in Wittenberg. Von 1510 bis 1511 hielt
er sich in Rom auf. Er promovierte 1512 zum Professor der Theologie.
 

Was sagte Martin Luther über die Fabel?

Alle Welt hasset die Wahrheit, wenn sie einen trifft.
Darum haben weise hohe Leute die Fabeln erdichtet und lassen ein Tier mit dem
anderen reden, als wollten sie sagen: Wohlan, es will niemand die Wahrheit hören noch
leiden, und man kann doch der Wahrheit nicht entbehren, so wollen wir sie schmücken
und unter einer lustigen Lügenfarbe und lieblichen Fabeln kleiden; und weil man sie
nicht will hören aus Menschenmund, dass man sie doch höre aus Tier- und
Bestienmund. So geschieht's denn, wenn man die Fabeln liest dass ein Tier dem
andern, ein Wolf dem andern die Wahrheit sagt, ja zuweilen der gemalte Wolf oder Bär
oder Löwe im Buch dem rechten zweifüßigen Wolf und Löwen einen guten Text heimlich
liest, den ihm sonst kein Prediger, Freund noch Feind legen dürfte

Als Vorlage für Luthers Fabelbuch diente eine der lateinischen Sammlungen seiner Zeit,
und zwar die lateinische Übersetzung von Heinrich Steinhöwel (1412-1482.)

Luthers Fabeln erschienen erstmalig 1557 im fünften Band der Jenaer Lutherausgabe
unter dem Titel:
Etliche Fabeln aus Esopo / von D.M.L. verdeudscht / sampt einer schönen Vorrede /
von rechtem Nutz und Brauch desselben Buchs / jederman wes Standes er auch ist /
lustig und dienlich zu lesen. Anno M.D.XXX.

Die Fabeln Luthers zeichnen sich durch eine knappe, anschauliche Darstellungsweise
und gute Lehren, meist in der Form von treffenden Sprichwörtern aus.

Hier ist das Verzeichnis der von Heinrich Steinhöwel übersetzten Fabeln (I.Buch)
(leider nur eines, und auch da fehlen etliche Fabeln.)
L und wie sie von Martin Luther
übersetzt wurden.


                          Registrum fabularum esopi in librum primum

 

Heinrich Steinhöwels Fabeln latein

          Martin Luthers Übersetzung

 

Fabula prima
de gallo et margarita

In sterquilinio quidam pullus
gallinatius dum quereret escm,
invenit margaritam in loco indigno
iacentem, quam cum videret
iacentem sic ait: O bona res, in
stercore hic iaces! si te cupidus
invenisset, cum quo gaudio
raquisset ac in pristinum decoris tui
statum redisses. Ego frustra te in
hoc loco invenio iacentem, ubi
potius mihi escam quero, et nec ego
tibi prosum, nec tu mihi. Hec Esopus
illis narrat, qui ipsum legunt et non
intelligunt.

 

Die erst fabel
von dem han und dem bernlin

Ein han suchet syne spys uff ainer mistry, und
als er scharret, fand er ain kostliches bernlin an
der unwirdigen statt ligende; do er aber daz also
ligend sach, sprach er: O du guotes ding, wie
iegst du so ellenglich in dem kautt! hette dich ain
gytiger gefunden, wie mit großen fröden hett er dich
uffgezuket, und werest du wider in den alten schyn
dyner zierde geseczet worden. So aber ich dich finde
an der schnöden statt ligende, und lieber myne spys
fünde, so bist du weder mir nüczlich, noch ich dir.

Dise fabel sagt Esopous denen, die in lesent und nit
verstant, die nit erkennet die kraft des edeln bernlins,
und das honig uß den bluomen nit sugen künet;
wann den selben ist er nit nüczlich ze lesen.

 

Fabula secunda
de lupo et agno

Esopus de innocente et improbe
talem retulit fabulam.

Agnus et lupus sicientes ad rivum e
diverso venerunt; sursum bibebat
lupus, longeque inferior agnus. Lupus
ut agnum vidit sic ait: Turbasti mihi
aquam bibenti. Agnus patiens dixit:
Quomodo aquam turbavi tibi, que ad
me de te recurrit? Lupus non erubit
veritatem ac: Maledicis mihi? inquit.
Agnus ait: Non maledixi tibi.
At lupus: Et ante sex menses ita
pater tuus mihi fecit. Agnus ait:
Nec ego tunc natus eram. At lupus
denuo ait: Agrum mihi pascendo
devastasti. Agnus inquit: Cum
dentibus caream, quomodo id facere
potui? Lupus demum ira concitus ait:
Licet tua nequeam solvere
argumenta, cenare tamen opipare
intendo; agnumque cepit,
innocentique vitam eripuit ac
manducavit. Fabula significat, quod
apud improbos calumniatores ratio et
veritas non habent

 

Die ander Fabel
von dem wolff und dem lamp

Esopus seczet von den unschuldigen und den
böslistigen triegern ain sölliche fabel.

Ain wolff und ain lamp, baide durstige, kamen an ainen
bach, allda ze trinken; der wolff trank oben an dem bach,
und das lamp ferr unden. Do der wolff das lamp ersach,
sprach er zuo im: So ich trinke, so trübst du mir das
waßer? Das geduldig lemlin aprach: Wie mag ich dir das
waßer trüb machen, das von dir zu mir flüßet? Der wolff
errötet nit von der warheit des lamps und sprach: He, he,
du fluochest mir. Antwürt daz lamp: Ich fluoch dir nit.
Ja sprach der wolff, vor sechs monet det mirs dyn vater
ouch. Do sprach das lamp: Nun bin ich doch die selben
zyt dannocht nit geboren gewesen. Do sprach der wolff:
Du hast mir ouch mynen aker gar verwüst mit dynem
nagen und verheret. Do sprach das lamp: Wie möchte
das gesyn, nun hab ich doch der zen nicht. Do ward der
wolff in zorn bewegt und sprach: Wie wol ich dyne
argument und ußzüg nit alle widerreden kann, so will ich
doch ain rychlich nachtmal hinacht mit dir haben.
Er fieng das unschuldig lemplin, er nam im sin leben und
fraß es.

Mit dieser fabel will Esopus bezaigen, daz by bösen und
untrüwen anklegern vernunft und warheit kain statt
finden mag; söliche wolff fint man in allen stetten.


 

Fabula tercia
de mure, de rana et de milvo

Qui de salute alterius adversa
cogitat, non effugiet malum. De quo
talem audi fabulam.

Mus dum transire vellet flumen,
a rana petit auxilium. At illa grossum
petit limum, quo murem sibi ad
pedem ligavit et natare cepit flumen.
In medio vero flumine se deorsum
mersit, ut misero muri vitam eriperet.
Ille validus dum teneret vires, milvus
e contra volans murem cum
unguibus rapuit, simul et ranam
pendentem sustulit. Sic et illis
contingit, qui de salute alterius
adversa cogitant.




 

Die iii.
Von der mus, frosch und wyen

Welher gedenckt dem andern laid und widerwärtikait ze
erzögen, der würt dem übel hart entrinnen; darvon hör
ain fabel.

Zu zyten wäre ain mus gern über ain waßer gewesen,
und begeret raut und hilff von einem frosch. Der frosch
nam ain schnur und band den fuoß der mus an synen
fuoß, und fieng an über das waßer ze schwimmen.
Und als er mitten in das waßer kam, tunket sich der
frosch, und zoch die mus under sich und wolt sie
ertrenken. Do des die ellend mus empfand, widerstund
sy dem frosch nach ieren krefften; in dem kompt ein wy
geflogen und nimpt die mit synen klawen, und den
hangenden frosch mit ir und aß sie baide.

Also beschicht ouch denen, die ander lüt veruntrüwen
wellent, und versprechent hilff, und begeren ze
schedigen, das in offt gelyche bütt würt.
Diese fabel findst ouch völliger in dem leben Esopi by
dem end.

 

Fabula iv
de cane et ove

De calumniosis hominibus talis dicitur
fabula, quod semper calumniosi in
bonos cogitant mendacium et
faventes secum adducunt ac falsos
testes emunt. De his ergo talis
preponiter fabula.

Canis calumniosus dixit deberi sibi ab
ove panem, quem dederat mutuo.
Contendebat autem ovis, nunquam
se panem ab illo recepisse. Cum
autem ante iudicem venissent, canis
dixit se habere testes.Introductus
lupus ait: Scio panem comodatum
ovi. Inductus milvus: Me coram
inquit accepit. Accipiter cum
introisset: Quare negasti quod
accepisti inquit? Victa ovis tribus
testibus falsis, indicatur artius exigi.
Coacta vero ante tempus lanas suas
vendidisse dicitur, ut quod non
habuit redderet. Sic calumniosi
faciunt malum innocentibus et miseris.

 

Die iv fabel
von dem hund und schauff

Von den … seczet Esopus ain söliche fabel.

Ain … hund sprach ain schauff an vor gericht umb ain
brot, das er im geluhen hette. Das schauff lögnet und
sprach, er hett nie kain brot von im enpfangen.
Der hund rümet sich zügnus, die ward im ze hören
erkennet; do ward für gezogen ain wolf der sprach:
Ich waiß, das er im das brot gelühen hat. Mer ain wy
oder ain aar der sprach: Ich bin darby gewesen. Do der
gyr hin yn gieng, sprach er zu dem schauff: Wie getarst
du lögnen, das du enpfangen hast? Das schauff ward
überwonden mit dry falschen zögen, und geurtailt,
dem hund das brot alsbald wider ze geben, und ward
bezwungen, syne wollen ze unrechten zyten an ze
gryffen, daz es bezalen möchte, das es nie schuldig
worden was. Also tund die den unschuldigen, daz sy
allweg triegery über sie erdenkend, und ir fürniemen mit
falschen zügen und gestiften lügen bestetigent.








 

Fabula v
de cane et frusto carnis

Amitit proprium quisque avidus
alienum sumere cupit. De talibus
Esopi fabula sic narrat.

Canis flumen transiens partem carnis
ore tenebat, cuius umbram videns in
aqua, aliam carnem credens,
patefecit os, ut etiam eandem
arriperet; et illam quam tenebat
dimisit, eamque fluvius rapuit. Et sic
constitit ubi illam perdidit, et quam
putabat sub aqua arripere, non
habuit, ac illam quam ferebat
similiter perdidit.

 

Die v fabel
von dem hund und stuk flaisch

Welher ze vil gyting ist über fremdes gout, der verlürt
offt syn aigen gout dardurch.
Von den selben sagt Esopus also.

Ain hund troug ain stük flaisch in dem mul, und lieff
durch ain fließend waßer. Im durchlouffen sicht er das
flaisch in das waßer schynen, und wänet er sech ain
ander stuk in dem waßer, und ward begirig das selb
ouch zu niemen, und so bald er das mul uff tett, das
selb ouch ze erwüschen, enpfiel im das, das er vor troug,
und fuort es das waßer bald hinweg. Also stound er und
hett das gewiß mit dem ungewißen verlorn.

Darumb welher gytiger ze will, dem würt offt ze wenig.


 

Fabula vi
de leone, vacca, capra et ove

icitur in proverbio nunquam fidelem
esse potentis divisionem cum
paupere. De isto videamus quid hec
fabula narret cunctis hominibus.

Iuvenca, capella et vois socii
fuerunt simul cum leone, qui cum in
saltibus venissent et cepissent
cervum, factis partibus leo sic ait:
Ego primam tollam ut leo; secunda
pars mea est, eo quod sim fortior
vobis; tercia vero mihi defendo quia
plus vobis cucurri, quartam vero qui
tetigerit me inimicum habebit. Sic
totam predam illam solus improbitate
sua abstulit.
Cunctos monet hec fabula non
sociari cum potentibus.













 

Di vi fabel
von dem löwen, rind, gaiß und schauf

Es ist ein gemain sprichwort: Nicht gesell dich zuo
gewalt, so behelt dyn wesen ouch ain guot gestalt.
Von dem sagt Esopus allen menschen ain sölliche fabel.


Ain rind, ain gaiß, ain schauff, geselten sich zuo ainem
löwen. Sie zohen mit ainander uff das gejägt in ainen
forst unf fiengen ainen hirs, der ward in fier tail getailet.
Do sprach der leo: Den ersten tail nim ich, darumb,
das ich ain leo und ain künig aller tiere bin; so ist der
ander tail myn, darumb das ich sterker bin wann ir;
so will ich den dritten han, darumb das ich fester
geloffen bin wann ir Welher aber den fierden an regt,
des fynd will ich syn. Also schilet der untrüw leo die dry
von ieren tailen und behielt er sie all.

Diese fabel warnet alle menschen vor der mechtigen
geselschafft hüten söllen; die selben fabel seczet
Rimicius in der nüwen translation uß kriechisch in latin
von dem löwen, aim esel und aim fuchs. Und als der esel
von dem löwen gehaißen ward ze tailen, machet er dry
teil dar uß.Darum ward der leo zornig über den esel und
grißgramet mit den zenen und sprach zuo dem fuchs,
er sollte tailen. Do stieß der fuchs die tail all dry wider
zesamen und gab sie dem löwen gar. Das gefiel im und
sprach: Fuchs; wer hat dich so wol gelernt tailen?
Antwürt er bald: Die sorg, dar inn der esel gestanden ist,
hat michs geleret.

Und wyset diese fabel, das der sälig ist, den fremde sorg
fürsichtig machet.

 

Fabula vii
de fure, malo et sole

Natura nemo mutatur; sed de malo
peior nascitur. De hoc audi fabulam.

Vicini, qui erant furi, frequentabant
illi nuptias. Sapiens cum
intervenissent vicinos gratulari ut
vidit, continuo narrare cepit: Audite
inquit, gaudia vestra. Sol uxorem
voluit ducere; omnis natio interdixit
ei, et magno clamore lovi conviciis
non tacuerunt. Iupiter commotus ab
illis causas iniurie querit; tunc unus
ex illis ait lovi: Modo sol unus est
nobis et esta suo omnia turbat
tanto, ut deficiat simul omnis
natura; quid nam erit nobis futurum,
cum sol filios procreaverit! Admonet;
malis hominibus non congratulari.




 

Die vii fabel
von dem dieb und der sunnen

Was dem menschen von der natur anhanget,
das mag im hart benommen werden, als diese
fabel bezüget.

Uff ain zyt hetten die nachpuren große fröd und wolnust
mit ainem dieb uf syner hochzyt, in hoffnung er würde
sich verkeren. Zuo denen kam ain wyser man, und als er
sie in fröden sach, sprach er zuo in: Hören zuo. Ich will
üch üwere fröden ußlegen. Die sunn wolt sich uf ain zyt
vermäheln, das was wider alle land, und warde die gancz
welt darumb ungedultig, so vil, das sie ouchden öbristen
got Iupiter darumb scheltwort nicht überhuobent.
Darumb ward Iupiter zornig, und fraget ursach der
scheltwort. Do sprach ainer zuo im: Wir haben iecz nit
me wann ain ainige sunnen, die betrübt alle ding mit ierer
hicz, so vil, das sich die natur dar von krenket; was sol
uns dann künfftig werden, wann die sunn ander sunnen
bringen würde?

Die fabel zögt, das man sich nit mit den bösen fröwen
sol umb syns gelychen zemerren; wann griß schlecht
gern nach gramen, ain dieb bringt den andern

 

Fabula octava
de lupo et grue

Quincunque malo benefacit, satis
peccat, de quo talem audi fabulam.

Ossa lupus cum devoraret, unum ex
illis in faucibus ei adhesit
transversum, graviter eum affligens.
Invitavit lupus magno premio, qui ab
hoc malo ipsum liberaret, os illud de
faucibus extrahendo. Rogabatur grus
collo longo, ut prestaret lupo
medicinas. Id egit, ut immitteret
caput faucibus lupi et os ledens
extraheret. Sanus cum esset lupus,
rogabat grus promissa sibi premia
reddi. At lupus dixisse dicitur:
O quam ingrata est grus illa, que
aput incolumne de nostris faucibus
extraxit, nec dentibus meis in aliquo
vexatum, et insuper mercedem
postulat. Nunquit meis virtutibus
facit iniuriam.

Hec fabula monet illos, qui malis
volunt benefacere.

 

Die viii fabel
von dem wolff und kranch

Welher den bösen wol tuot, der würt selten belönet;
dar von hör diese fabel.

Ain wolff verschland ain bain, an dem er große pyn
erlaide, wann es im über zwerch in dem schlund was
gesteket; der erbot sich großes lones, welher im an dem
übel möchte gehelffen. Do ward berüffet der kranch mit
dem langen hals, daz er dem wolff hilff bewyset, der selb
stieß synen kragen in den schlund des wolffes und zoch
im das bain daruß und machet in gesund. Als aber dem
wolff geholffen ward, begeret der kranch, daz im der
versprochen lon würde gegeben. Do sagt man wie der
wolff spräche: O wie undankbar ist dieser kranch, so er
so tief ist in mynen schlund gewesen, und hab ich in
ungeleczt von mynen zennen laßen genesen, und
begeret dannocht lones von mir, daz doch mynen
tugenden schmachlich ist!

Diese fabel warnet alle die, die den bösen welent
dienstlich syn oder guotes bewysen.






 

Fabula nona
de duobus canibus

Blanda verba mali hominis graves
faciunt iniurias, quas ut omnes
vitemus subjecta monet fabula.


Canis parturiens rogabat alteram,
ut in eius cubiculo exponeret
foetum. At illa roganti concessit
ingressum, ut partum exponeret;
deinet et illa rogabatur, ut cum
catulis suis iam firmis exiret, illa vero
roganti non concessit. Paulo post ille
cepit cubile suum repetere et
minando illam ut exiret hortari. At illa
ab stomacho sic ait: Quid me turbas
cum iniuris? Si mihi meeque turbe
occurras et sis fortior nobis, reddam
locum tibi.Sic sepe boni amittunt sua
per aliorum verba blanda.

 

Die ix fabel
von zweien hunden

Senftmütige schmaichwort bringent offt den menschen
schädliche ungemach. Und darumb daz wir den
schmaichern und liebkallern nit uff losen, sonder sie
vermyden, seczet Esopus dise fabel.

Ain tragende hüntin bat mit senften schmaichenden
worten demütiglich ainen hund, das er ir vergündet in
synem hüslin ze welffen. Der hund vergündet ir das und
wich uß synem huß und ließ sie dar inn. Da das beschach
daz sie gewelffet hett und nun die jungen erstarket
waren, bat sie der hund uß ze gan und syn hus zerumen,
aber sie wolt es nit tuon. Unlang darnach erfordert der
hund syn hus mit etwas tröworten bittende; do antwürt
im die hüntin ungestümglich: Warumb bekimerst mich
unrechtiglich? wilt du je wider mich und myn volk syn
oder bist du sterker wann wir, so will ich uß dem hus
wychen.

Also verlieren offt die fromen ir guot durch schmaichwort
und liebkallen der bösen.


 

Fabula xi
de asino et apro

De male ridentibus sapiens talem
subicit fabulam.

Aliqui homines aliis contumeliosi
existunt, sed sibi congerant malum,
veluti asinus apro: Salve, inquit,
frater. Indignatus aper tacuit
dissimulans, agitavitque caput.
Absit, inquit, tamen a me, ut de
vano sanguine dentes meos
coinquinem, nam oportebit vel
iniuriosum vel laceratum relinquere.
Monet hec fabula insipientibus parci
debere, stultus autem defendere,
qui insultare volunt melioribus.


 

Die xi fabel
von dem esel und wilden schwyn

Von den übermütigen torochten spötigen menschen
seczet der wys ain sölliche fabel. Etlich menschen
schmächent die andern, dar uß in selber ungemach uff
erstst.

Als der esel, do er dem wilden schwyn begegnet, sprach
er zuo im: Ich grüß dich bruoder. Daz schwyn ward
unwirsch und gab im nit antwürt und verachtet syne
wort, undschütet den kopf und gedacht in im selb:
Du wilt dyn zen mit dem üppigen bluot nit vermalgen.
Wann wa du dich mit im ynlegtest, so müstest
aintweders in scheltenden oder zerißnen hinder dir laßen
und ist beßer den toren über hören.

Diese fabel leret die menschen, daz man den toren
vertragen sol und die narren beschirmen, die den wysen
törlichen zuoredent.

 

Fabula xii
de duobus muribus

Securum in paupertate milius esse
quam divitem tedio macerari, par
hanc brevem auctoris probatur
fabulam.

Mus urbanus iter agebat sicque a
mure agrario rogatus hospitio
suscipitur, et in eius brevi casella ei
glandes et ordeum exhibuit. Deinde
abiens mus itinere perfecto murem
agrarium rogabat, ut etiam ipse
secum pranderet, factumque est
dum simul transirent, ut
ingrederentur domum honestam in
quoddam cellarium bonis omnibus
efectum. Cum hec mus muri
ostenderet, sic ait: Fruere mecum,
amice, de hiis que nobis quottidie
superant. Cumque multis cibariis
vescerentur, venit cellerarius
festinans et ostium cellarii impulit;
mures strepitu territi fugam per
diversa petiere. Mus urbanus notis
cavernis cito se abscondit. At miser
ille agrarius fugit per parietes ignarus
morti se proximam putans. Dum vero
cellerarius exiret celare ostio clauso,
sic mus urbanus agrario dixit: Quid
te fugiendo turbasti? fruamur amice
bonis his ferculis omnibus! nil
verearis nec timeas, periculum namque nullum est nobis. Agrarius
hec contra: Tu fruere his omnibus,
qui nec times nec pavescis, nec te
quottidiana terret turbatio; ego vivo
frugi in agro ad omnia letus. Nullus
me terret timor, nulla mihi corporis
perturbacio. At tibi omnis sollicitudo
et nulla est securitas, a tensa
teneris muscipula, a catto captus
comederis, ac infestus ab omnibus
exosus haberis.

Hec fabula illos increpat, qui se iungunt melioribus, ut aliquo bono fruantur, quod ipsis a natura datum non est, diligant ergo vitam homines frugalem ipsis a natura datam, et securiores in casellis vivent.
 

Die xii fabel
von zwaien müsen

Vil beßer ist in armout sicher leben, wann in richtung
durch forcht und sorgfeltikait verschmorren, als durch
diese kurcze fabel Esopi wart bewyset.


Ain husmus gieng über feld und ward von ainer feldmus
gebetten, by ir ze herbergen. Von der sie ward wol und
schon in ir klaines hüslin enpfangen, und mit aicheln und
gersten gespyset. Als sie aber von dannen schiede und
ieren weg volbracht, wider haim in ir hus kerend, bat sie
die feldmus, mit ir zegaun, und das mal ouch mit ir ze
niemen. Das beschach, und giengen mit ainander in ain
schön herlich hus, in ainen keller, dar inn aller hand spys
behalten was. Die zöget die mus und sprach: Fründ, nun
bruch dieser guoten spys nach dynem willen; deren hab
ich täglich überflüßig. Als sy aber mangerlay spys
genoßen hetten, do kam der kellerylend geloffen und
rumpelt an der tür. Die müs erschrakent und wurden
fliehen, die husmus in ir erkantes loch; aber der feldmus
warend die löcher unerkannt und wiste nit zu fliehen,
wann allain die wend uff und ab ze louffen, und hette
sich ieres lebens verwegen. Do aber der schaffner uß
dem kellner kam und die tür beschloßen hett, sprach die
husmus zuo der andern: Warum betrübst du dich selber
mit dynem fliehen, lieber fründ? Laß uns eßen und wol
leben mit der guoten spys, wann hie ist kain sorg;
fürcht dir nit, sonder biß wol gemuot. Antwürt die
feldmus: Behalt dir dyne spys, bruch sie nach dynem
willen; wann du hast weder sorg noch angst, dich
bekümern ouch die täglich trübseli nit; so leb ich wol und
mäßlich uff dem acker, frölich zuo allen dingen, kain sorg
bekrenket mich, kain trübsäli des lybes, so bist du allweg
sorgfältig, und haust kain sicherheit; dir synt allweg
fallen gericht, dich ze fahen, die kaczen durchächten
dich zuo allen zyten, und bist iere spys on widerstand,
und von menglichem gehaßet.

Dise fabel straffet die lüt, die sich zuo andern höhern
menschen gesellent, daz sie etwas von inen erlangen
mügen, das in doch von dem gelükrad nicht bescheret
ist. Darumb söllent die menschen das gemachsam ruowig
leben erwelen umb merer sicherhait in ieren armen hüslin
ze behalten, und nit begeren daz ieren naturen nit zuo
gehört noch gewonlich ist.







 

Fabula xv
de corvo et vulpe

Qui se laudari gaudent verbis
subdolisdecepti penitent. De quo
hec fabula.

Cum de fenestra corvus casenum
raperet, alta consedit in arbore.
Vulpes, ut hunc vidit, caseum
habere cupiens subdolis verbis sic
eum alloquitur: O corve, quis similis
tibi et pennarum tuarum qualis est
nitor, qualis esset decor tuus, si
vocem habuisses claram, nulla tibi
rior avis fuisset. At illa vana laude
gaudens dum placere vult et vocem
ostendere validius clamavit, et ore
aperto oblitus casei ipsum
deiecit.Quem vulpes dolosa celerius
rapuit et avidis suis dentibus
abrodit. Tunc corvus ingemuit, ac
vana laude deceptus penituit, sed
factum quid penitet.

Monet autem hec fabula cunctos
verbis subdolis vaneque laudantibus
non attendere.

 

Die xv fabel
von dem rappen mit dem käs und fuchsen

Welche den schmaichern und den liebkallern gerent ierer
wort ufflosen, die werdent betrogen, und rüwig darum
syn, als dise fabel ußwyset.

Ain rapp nam ainen käs in ainem fenster und füret in uf
ainen hohen boum. Do das ain fuchs ersach, ward er des
käs begirig, und sprach im zuo schmaichend mit
lobworten: O rapp, welher ist dir gelych! Nun hat doch
kain vogel sölichen schyn der federn als du hast. Kain
zierlicher vogel möchte erfunden werden, wann du nun
ain stimm hettest, dyner schöny gelyche; aber dyne
stimm ist ze grob. Der rapp fröwet sich des üppigen
falschen lobes und wolt sich gefälliger machen und syn
stimm größer erzaigen. Er rekt sich und schry kreftiglich.
Als er aber den schnabel uf tett, enpfiel im der käs;
denselben ergrif der böslistig fuchs behendiglich und fraß
in. Do ward der rapp rüwig und merket erst, daz alle
süße wort des fuchs in list und untrüw warent
beschenhen.

Darum warnet diese fabel menglich vor den schmaichern
und liebkallern.





 

Nun einige seiner Fabeln, geschrieben in der Sprache, die zu Martin Luthers Zeiten üblich war.
Damit du sehen kannst wie sich die Sprache entwickelt hat, werde ich sie auch im aktuellen Deutsch wiedergeben.

 

Die Fabeln "einst"
 

Dieselben heute
 

Vom wolff und lemlin

Ein wolff und lemlin kamen on geferd, beide
an einen bach zu trincken. Der wolff tranck oben am bach, das lemlin aber fern unden. Da der wolff des lemlins gewar ward, lieff er zu yhm, und sprach: Warumb trübestu mir das wasser das ich nicht trincken kan, das lemlin antwortet: wie kan ich dirs wasser truben, trinckestu doch ober mir, und mochtest es mir wol truben. Der wolff sprach: Wie? fluchestu mir noch dazu? Das lemlin antwortet: Ich fluche dir nicht. Der wolff sprach, ja dein Vater thet mir fur sechs monden auch ein  solchs, du wilt dich Vetern. Das lemlin antwortet, bin ich doch dazu mal nicht geborn gewest, wie sol ich meins Vaters entgelten? Der wolff sprach, so hastu mir aber meine wisen und ecker abgenaget und verderbet, das lemlin antwortet, wie ist das muglich, hab ich doch noch keine zeene? Ey sprach der wolff, und wenn du gleich viel aüsreden und schwetzen kanst, wil ich dennoch, heint nicht ungefressen bleiben und wurget also das unschuldige lemlin und fras es.

Lere

Der wellt lauff ist, Wer frum sein will,
der mus leiden, solt man eine sache
vom alten zaun brechen, denn
Gewalt gehet für Recht, wenn man
dem hunde zu will, so hat er das ledder gefressen, wenn der wolff will, so ist das lamb unrecht.
 

Vom Wolf und Lämmlein

Ein Wolf und ein Lämmlein kamen von ungefähr
beide an einen Bach, um zu trinken.
Der Wolf trank oben am Bach,
das Lämmlein aber fern unten.
Da der Wolf des Lämmleins gewahr ward,
lief er zu ihm und sprach:
»Warum trübst du mir das Wasser,
dass ich nicht trinken kann?«
Das Lämmlein antwortete: »Wie kann ich dir das
Wasser trüben; trinkst du doch über mir und
möchtest es mir wohl trüben.«
Der Wolf sprach: »Wie, fluchst du mir noch dazu?«
Das Lämmlein antwortete: »Ich fluche dir nicht.«
Der Wolf sprach: »So tat es dein Vater vor sechs Monaten, und du bist ebenso wie dein Vater.«
Das Lämmlein antwortete: »Bin ich doch
dazumal noch nicht geboren gewesen,
wie soll ich meines Vaters entgelten?«
Der Wolf sprach: »So hast du mir aber meine Wiesen
und Acker abgenagt und verdorben.«
Das Lämmlein antwortete: »Wie ist, das möglich,
habe ich doch noch keine Zähne.« -
»Ei,« sprach der Wolf, »und wenn du gleich noch so
viele Ausreden hast, so will ich dich heute
doch fressen« und würgte also das unschuldige
Lämmlein und fraß es.










 

Vom frosch und der maus

Eine maus were gern uber ein wasser gewest und kundte nicht, und bat einen frosch umb rat und hülffe. Der frosch war ein schalck und sprach zur maus, binde deinen fus an meinen fus, so will ich schwimmen und dich hinüber zihen. Da sie aber auffs wasser kamen, tauchet der frosch hin untern, und wolt die maus ertrencken. In dem aber die maus sich weret und erbeitet, fleuget ein weyhe daher, und erhasschet die maus, zeucht den frosch auch mir eraus, und frisset sie beide.

Lere

Sihe dich für, mit wem du handelst, die welt ist falsch und untrew. Denn welcher freünd den andern vermag der steckt yhn ynn sack, doch: Schlegt untrew allzeit yhren eigen herrn, wie dem frosch hie geschicht.
 

Vom Frosch und der Maus

Eine Maus wäre gerne über einem Wasser gewesen und konnte nicht und bat einen Frosch um Hilfe.
Der Frosch war ein Schalk und sprach zur Maus: »Binde deinen Fuß an meinen Fuß, so will ich schwimmen und dich hinüberziehen.«
Da sie aber auf das Wasser kamen, tauchte der Frosch hinunter und wollte die Maus ertränken. Indem aber die Maus sich wehrt und arbeitet, fliegt eine Weihe daher und erhascht die Maus, zieht den Frosch auch mit heraus und frisst sie beide.

Lehre

Sieh dich vor, mit wem du dich einlässt. Die Welt
ist falsch und voller Untreue. Denn welcher Freund den anderen vermag, der steckt ihn in einen Sack. Doch schlägt Untreue ihren eigenen Herrn, wie dem Frosch hier geschieht.





 

Vom hunde

Es lieff ein hund durch ein wasser strom und hatte ein stuck fleischs ym maul. Als er aber den schemen vom fleisch ym wasser siher, wehnet er, es were auch fleisch, und schnappet gyrig darnach, da er aber das maul auffthet, entfiel yhm das stuck fleischs und das wasser furets weg. Also verlor er beyde fleisch und schemen.

Dieße fabel zeigt

Man sol sich benugen lassen, an dem das Gott gibt. Wer zu viel haben will, dem wird zu weng. Mancher verleurt auch das gewisse uber dem ungewissen.
 

Vom Hunde

Es lief ein Hund durch einen Strom und hatte ein Stück Fleisch im Maul. Als er nun aber das
Spiegelbild vom Fleisch im Wasser sah, wähnte er,
es wäre auch Fleisch, und schnappte gierig danach. Als er aber das Maul auftat, entfiel ihm das Stück Fleisch, und das Wasser trug es weg; also verlor er beides: das Fleisch und das Spiegelbild.

Diese Fabel zeigt:

Man soll sich damit begnügen,
was Gott gibt. Wer zu viel haben will,
dem wird zu wenig. Mancher verliert auch
 das Gewisse über dem Ungewissen.


 

Von dem lewen, rind, zigen und schaff

Es geselleten sich ein Rind, Ziegen und Schaf zum Lewen und zogen mit ein ander auff die Jaget in einen Forst. Da sie nu einen Hirs gefangen und in vier Teil gleich geteilet hatten, sprach der Lewe. Ir wisset, das ein Teil mein ist als ewrs Gesellen. Das ander gebürt mir, als eim Könige unter den Thieren. Das dritte will ich haben darumb, das ich stercker bin und mehr darnach gelauffen und geerbeitet habe denn ir alle drey. Wer aber das vierdte haben will, der mus mirs mit gewalt nehmen. Also mussten die drey für ire mühe das Nachsehen und den schaden zu Lohn haben.

Lere

Fare nicht hoch, halt dich zu deines Gleichen. Es ist mit Herrn nicht gut Kirschen essen, sie werffen einen mit den Stielen.
 

Mit dem Löwen jagen


Es gesellten sich ein Rind, Ziege und Schaf zum Löwen und zogen miteinander auf die Jagd in einen Forst. Da sie nun einen Hirsch gefangen und in vier Teile gleich geteilt hatten, sprach der Löwe:
»Ihr wisset, dass ein Teil mein ist, als eures Gesellen. Das andere gebührt mir, als dem König unter den Tieren. Das dritte will ich haben darum, dass ich stärker bin und mehr danach gelaufen und gearbeitet habe, denn ihr alle drei. Wer aber das vierte haben will, der muss mir's mit Gewalt nehmen.« Also mussten die drei für ihre Mühe das Nachsehen und den Schaden zu Lohn haben.

Lehre

Fahre nicht hoch! Halte dich zu deinesgleichen.
Es ist mit Herren nicht gut Kirschen essen,
sie werfen einen mit den Stielen.



 

Vom hunde und schaff

Der hünd sprach ein schaff fur gericht an, umb brod, das er yhm gelihen hette. Da aber das schaff leügnet, berieff sich der hund auff zeugen, die muste man zu lassen. Der erste zeuge war der wolff, der sprach, ich weis, das der hund dem schaff brod gelihen hat, der weyh sprach, ich bin da bey gewest, der geyr sprach zum schaff: wie tharstu das so unverschampt leugenen? Also verlor das schaff seine sache, und muste mit schaden zur uneben zeit seine wolle angreiffen, da mit es das brod bezalet, des es nicht schüldig worden war.

Lere

Hutt dich fur bosen nachbarn, odder schicke dich auff gedult, wiltu bey leüten wonen, denn es gonnet niemand dem andern was guts, das ist der wellt lauff.
 

Vom Hunde und Schaf

Der Hund sprach ein Schaf vor Gericht an um Brot, das er ihm geliehen hätte.
Da aber das Schaf leugnete, berief sich der Hund
auf Zeugen; die musste man zulassen.
Der erste Zeuge war der Wolf, der sprach:
»Ich weiß, dass der Hund dem Schaf Brot geliehen hat.« Der Weih sprach: »Ich bin dabei gewesen.« Der Geier sprach zum Schaf: »Wie darfst du so unverschämt leugnen?« Also verlor das Schaf seine Sache und musste mit Schaden zur unrechten Zeit seine Wolle angreifen, damit es das Brot bezahlte, das es nicht schuldig war.

Lehre

Hüte dich vor bösen Nachbarn oder füge dich mit Geduld, willst du unter den Leuten wohnen.
Denn es gönnet niemand dem andern etwas Gutes, das ist der Welt Lauf.



 

Vom raben und fuchse

Win Rab hatte einen keße gestolen und satzt sich auff einen hohen bawn und wollte zeren. Als er aber seiner art nach nicht schweigen kann wenn er isset, horet yhn ein fuchs, uber den keße kecken und lieff zu, und sprach: O rab, nu hab ich mein lebtage nicht schoner vogel gesehen von feddern und gestalt, denn du bist. Und wenn du auch eine schone stimme hettest zu singen, so solt man dich zum konige kronen aller vogel. Den Raben kützelt solch lob und schmeicheln, fieng an und wolt sein schon gesang horen lassen, und als er den schnabel auffthet empfiel yhm der keße, den nam der fuchs behend, fras yn und lachet des torichten Rabens.

Hut dich wenn der fuchs den Raben lobt
Hut fur schmeicheln, so schinden und schaben (ausbeuten)
 

Vom Raben und Fuchs

Ein Rab hatte einen Käse gestohlen und setzte sich auf einen hohen Baum und wollte zehren;
als er aber seiner Art nach nicht schweigen kann, wenn er isst, höret ihn ein Fuchs über dem Käse kecken und lief zu und sprach:
»O, Rab, nun hab ich mein Lebtag nicht schönern Vogel gesehen von Federn und Gestalt,
denn du bist. Und wenn du auch so eine schöne Stimme hättest zu singen, so sollt man dich zum König krönen über alle Vögel.« Den Raben kitzelte solch Lob und Schmeicheln; fing an, wollt seinen schönen Gesang hören lassen, und als er den Schnabel auftut, entfiel ihm der Käse; den nahm
der Fuchs behende, fraß ihn und lachet des törichten Raben.

Hüt dich, wenn der Fuchs lobt den Raben,
Hüt dich für Schmeichlern, so schinden und schaben.


 

Von der stadmaus und feldmaus

Ein Stadmaus gieng spatzieren und kam zu einer Feldmaus, die thet yhr gutlich mit eicheln, gersten nüssen, und womit sie kund. Aber die Stadmaus sprach, du bist eine arme maus, was wiltu hie ynn armut leben kom mit mir, ich will dir und mir gnug schaffen von allerly kostlicher speise, die feldmaus zog mit yhr hin, ynn ein herrlich schon haus, darinn die Stadmaus wonet, und giengen ynn die kemnoten, dor war vol auff von fleisch, speck, wurste, brod, kese uns alles, da sprach die Stadmaus, nu isß und sey guter ding. Solcher speise hab ich teglich uberflussig. Inn des kompt der kelner und rumpelt mit den schlusseln an der thur. Die meuse erschracken und lieffen dauon die Stadmaus fand bald yhr loch, aber die felt maus, wuste nirgen hin, lieff die wand auff und abe und hatte sich yhrs lebens erwegen. Da der kelner widder hinaus war, sprach die Stadmaus, es hat nü kein not, las uns guter dinge sein, die feltmaus antwortet, du hast güt sagen, du wustest dein loch fein zu treffen, die weil bin ich schier fur angst gestorben, ich will dir sagen was die meinung ist: bleib du ein reiche Stadmaus und fris würste und speck, ich will eine armes feltmeuslin bleiben und meine eicheln essen, du bist kein augenblick sicher fur dem kelner, fur den katzen fur so viel meusefallen und ist dir das gantze haus feind. Solchs alles bin ich frey und sicher ynn meinem armen feldlochlin.

Wer reich ist, hat viel–neyder–sorge-fahr
 

Von der Stadtmaus und der Feldmaus

Eine Stadtmaus ging spazieren und kam zu einer Feldmaus. Die tat sich gütlich an Eicheln, Gersten, Nüssen und woran sie konnte. Aber die Stadtmaus sprach: »Was willst du hier in Armut leben. Komm mit mir, ich will dir und mir genug schaffen von allerlei köstlicher Speise.«
Die Feldmaus zog mit ihr hin in ein herrlich schönes Haus, darin die Stadtmaus wohnte, und sie gingen in die Kammern, die voll waren von Fleisch, Speck, Würsten, Brot, Käse und allem. Da sprach die Stadtmaus: »Nun iss und sei guter Dinge. Solcher Speise habe ich täglich im Überfluss.«
Da kam der Kellner und rumpelte mit den
Schlüsseln an der Tür. Die Mäuse erschraken und liefen davon. Die Stadtmaus fand bald ihr Loch, aber die Feldmaus wusste nirgends hin, lief die Wand auf und ab und gab schon ihr Leben verloren.
Da der Kellner wieder hinaus war, sprach die Stadtmaus: »Es hat nun keine Not, lass uns guter Dinge sein.« Die Feldmaus antwortete: »Du hast gut reden, du wusstest dein Loch fein zu treffen, derweil bin ich schier vor Angst gestorben. Ich will dir sagen, was meine Meinung ist:
bleib du eine Stadtmaus und friss Würste und Speck, ich will ein armes Feldmäuslein bleiben und meine Eicheln essen. Du bist keinen Augenblick sicher vor dem Kellner, vor den Katzen, vor so vielen Mäusefallen, und das ganze Haus ist dir feind. Von alldem bin ich frei und bin sicher in meinem armen Feldlöchlein.«

Wer reich ist, hat viel Sorge.


 

Vom kranich und wolffe

Da der Wolff eins mals ein Schaf geiziglich fras, bleib im ein Bein im Halse uber zwerch stecken, davon er grosse Not und Angst hatte, und erbot sich gros Lohn und Geschenck zu geben, wer im hülffe. Da kam der Kranich und sties seinen langen Kragen dem Wolff in den Rachen und zoch das Bein eraus. Da er aber das verheissen Lohn foddert, sprach der Wolff, wiltu noch Lohn haben, dancke du Gott, das ich dir den Hals nicht abgebissen habe, du solltest mir schencken, das du lebendig aus meinem Rachen komen bist.

Diese Fabel zeigt:

Wer den Leuten in der Welt will wol thun, der mus sich erwegen(damit abfinden) Undanck zuverdienen. Die Welt lohnet nicht anders denn mit Undanck, wie man spricht. Wer einen vom Galgen erlöset, dem hilfft derselbige gern dran.

Vom Kranich und Wolfe

Da der Wolf einstmals ein Schaf gierig fraß,
blieb ihm ein Bein im Halse überzwerch stecken, davon er große Angst und Not hatte. Da erbot er sich, großen Lohn und Geschenk dem zu geben,
der ihm hülfe. Da kam der Kranich und stieß seinen langen Hals dem Wolf in den Rachen und zog das Bein heraus. Da er aber den verheißenen Lohn forderte, sprach der Wolf: »Willst du noch Lohn haben? Danke du Gott, dass ich dir den Hals nicht abgebissen habe! Du solltest mir schenken, dass du lebendig aus meinem Rachen kommen bist.«

Lehre

Wer den Leuten in der Welt will wohl tun, der muss sich erwägen, Undank zu verdienen. Die Welt lohnt nicht anders denn mit Undank wie man spricht:
Wer einen vom Galgen erlöst, dem hilft derselbige gern dran.



 


Fabelverzeichnis

Autorenverzeichnis