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Carmina amatoria - Carmina Liebeslieder
Carmina potoria = Trink- und Spielerlieder



1 (lat.)
 
1.
Manus ferens munera
pium facit impium;
nummus iungit federa,
nummus dat consilium;
nummus lenit aspera,
nummus sedat prelium.
nummus in prelatis
est pro iure satis;
nummo locum datis
vos, qui iudicatis.

2.
Nummus ubi loquitur,
fit iuris confusio;
pauper retro pellitur,
quem defendit ratio,
sed dives attrahitur
pretiosus pretio.
hunc iudex adorat,
facit, quod implorat;
pro quo nummus orat,
explet, quod laborat.

3.
Nummus ubi predicat,
labitur iustitia,
et causam, que claudicat,
rectam facit curia,
pauperem diiudicat
veniens pecunia.
sic diiudicatur,
a quo nichil datur;
iure sic privatur,
si nil offeratur.

4.
Sunt potentum digiti
trahentes pecuniam;
tali preda prediti
non dant gratis gratiam,
sed licet illiciti
censum censent veniam.
clericis non morum
cura, sed nummorum,
quorum nescit chorum
chorus angelorum.

5.
"Date, vobis dabitur:
talis est auctoritas"
danti pie loquitur
impiorum pietas;
sed adverse premitur
pauperum adversitas.
quo vult, ducit frena,
cuius bursa plena;
sancta dat crumena,
sancta fit amena.

6.
Hec est causa curie,
quam daturus perficit;
defectu pecunie
causa
*Codri deficit.
tale fedus hodie
defedat et inficit
nostros ablativos,
qui absorbent vivos,
moti per dativos
movent genitivos.
 
1.
Bringt eine Hand Geschenke,
macht sie Fromme zu Sündern.
Geld schließt Pakte.
Geld gibt Rat.
Geld lindert Bitternis.
Geld legt Kriege bei.
Geld gilt bei den Geistlichen
genau so viel wie das Recht;
Dem Geld gebt ihr Raum,
ihr, die ihr Recht sprecht.

2.
Wo das Geld das Sagen hat,
gerät das Recht durcheinander;
der Arme, den Argumente
verteidigen, wird abgewiesen,
den Reichen aber lässt man vor:
Gewichtiger sind seine Münzen.
Ihn lieben die Richter,
tun, worum er sie ersucht.
Wer Geld zum Fürsprecher hat,
erreicht, worum er sich bemüht.

3.
Wo das Geld die Predigt hält,
kommt die Gerechtigkeit zu Fall,
und eine hinkende Klage
biegt der Gerichtshof gerade.
Den Armen urteilt
Mammons Auftritt ab.
So wird gerichtet,
wer nichts gibt,
so wird seines Rechts beraubt,
wer sich nicht gefällig zeigt.

4.
Die Finger der Mächtigen
raffen immerfort Geld;
mit solchem Raub begabt,
schenken sie ihre Gunst nicht umsonst,
sondern sehen, wenngleich sie sich vergehen,
die Vergebung als Geldquelle an.
Nicht die Sitten hütet
der Klerus, sondern sein Geld.
Deren Schar lernt der
Chor der Engel nicht kennen.

5.
"Gebt, so wird euch gegeben.
Das besagt die Schrift",
spricht zum Gebenden fromm
die Frömmigkeit der Unfrommen.
Doch unversöhnlich bedrängt
wird das Unglück der Armen.
Mit voller Börse lenkt man
die Zügel, wohin man will.
Heilige Gaben spendet der Geldbeutel,
heilig wird er selber, weil er so gütig ist.

6.
Bei Gericht setzt der sein Anliegen durch,
der bereit ist, Geschenke zu machen.
Durch Mangel an Geld
verliert
*Codrus den Rechtsstreit.
Ein solcher Pakt
verschandelt und besudelt
heute unsere Ablative,
die Lebendige verschlingen;
durch Dative bewegt,
bewegen sie ihre Genitive.
 
*Codrus: Muster des mittellosen Menschen, speziell auch des armen Poeten.
 

3 (lat.)
 
Walter di Châtillon
um 1135 (Lille) geboren.
1.
Ecce torpet probitas,
virtus sepelitur;
fit iam parca largitas,
parcitas largitur;
verum dicit falsitas,
veritas mentitur.
Omnes iura ledunt
et ad res illicitas
licite recedunt.

2.
Regnat avaritia,
regnant et avari;
mente quivis anxia
nititur ditari,
cum sit summa gloria
censu gloriari.
Omnes iura ledunt
et ad prava quelibet
impie recedunt.

3.
Multum habet oneris
do das dedi dare;
verbum hoc pre ceteris
norunt ignorare
divites, quos poteris
mari comparare.
Omnes iura ledunt
et in rerum numeris
numeros excedunt

4.
Cunctis est equaliter
insita cupido;
perit fides turpiter,
nullus fidus fido,
nec Iunoni Iupiter
nec Enee Dido.
Omnes iura ledunt
et ad mala devia
licite recedunt.

5.
Si recte discernere
velis, non est vita,
quod sic vivit temere
gens hec imperita;
non est enim vivere,
si quis vivit ita.
Omnes iura ledunt
et fidem in opere
quolibet excedunt.
 
1.
Sieh, der Anstand liegt ohnmächtig da,
die Tugend wird begraben;
jetzt wird Freigebigkeit sparsam,
Sparsamkeit großzügig;
wahr spricht die Falschheit,
die Wahrheit lügt.
Alle verstoßen gegen das Recht,
und ungestört ziehen sie
zum Unerlaubten hin.

2.
Es regiert die Habgier,
und es regieren die Habgierigen;
ein jeder strebt mit bangem Sinn,
sich zu bereichern.
Denn es ist der größte Ruhm,
sich eines Vermögens zu rühmen.
Alle verstoßen gegen das Recht,
und zu jedwedem Schlechten
ziehen sie gottlos hin.

3.
Große Last bedeutet
"ich gebe", "du gibst", "ich gab" und "zu geben";
die Reichen verstehen es,
vor allem dieses Verb
nicht zu kennen – man könnte sie
mit dem Meer vergleichen.
Alle verstoßen gegen das Recht,
und jedes Maß überschreiten sie
mit dem Maß ihres Besitzes.

4.
Allen gleichermaßen
wohnt die Gier inne,
schmählich stirbt die Treue,
dem Treuen ist niemand treu:
weder Jupiter der Juno
noch dem Äneas Dido.
Alle verstoßen gegen das Recht,
und auf üble Abwege
weichen sie ungestört aus.

5.
Wenn du ehrlich urteilen
willst, ist das kein Leben,
was das unwissende Volk
so unbedacht verlebt;
denn es handelt sich nicht um "leben",
wenn jemand so lebt.
Alle verstoßen gegen das Recht,
und mit jedwedem Werk
verletzen sie den Anstand.
 

4 (lat.)
 
1.
Amaris stupens casibus
vox exultationis
organa in salicibus
suspendit Babylonis;
captiva est confusionis,
involuta doloribus
Sion cantica leta sonis
permutavit flebilibus.

2.
Propter scelus perfidie,
quo mundus inquinatur,
fluctuantis ecclesie
sic status naufragatur.
gratia prostat et scortatur
foro venalis curie;
iuris libertas ancillatur
obsecundans pecunie.

3.
Hypocrisis, fraus pullulat
et menda falsitatis,
que titulum detitulat
vere simplicitatis.
frigescit ignis caritatis,
fides a cunctis exulat,
aculeus cupiditatis
quos mordet atque stimulat.
 
1.
Beklommen von bitteren Vorfällen
hat der Jubelgesang
seine Instrumente
in Babylons Weiden gehängt.
Gefangen in Verwirrung,
eingehüllt in Schmerzen
hat Zion Freudenlieder
gegen Klagegesänge getauscht.

2.
Wegen der Untat der Untreue,
von der die Welt besudelt ist,
erleidet die auf den Wogen
treibende Kirche Schiffbruch.
Die Gnade wird käuflich und hurt
auf dem Markt der Kurie;
die Freiheit des Rechts wird geknechtet,
muss Folge leisten dem Geld.

3.
Heuchelei und Täuschung wuchern
sowie die Gebrechen der Falschheit,
die den Ehrennamen echter
Aufrichtigkeit entehrt.
Die Flamme der Liebe erkaltet,
verbannt ist Treue von allen,
die der Stachel der Begierde
sticht und spornt.

 

5 (lat.)
 
1.
Flete perhorrete lugete pavete dolete
Flenda perhorrenda lugenda pavenda dolenda!


2.
Etates anni vitium peccata tyranni
Currunt labuntur remanet crescunt statuuntur.


3.
Virtus ecclesia clerus Mammon simonia
Cessat calcatur ambit regnat dominatur.


4.
Pontifices reges proceres sacraria leges
Errant turbantur turbant sordent violantur


5.
Abbas possessa prebendam contio fessa
Inflatur vastat minuit declamitat astat.


6.
Militibus laude monachos mundalia fraude
Gaudet inescatur horret colit insidiatur.


7.
Subiecti stulti gnari contemptus inulti
Dissiliunt gaudent merent attollitur audent.


8.
Ordo pudicitia pietas doctrina sophia
Languet sordescit refugit rarescit hebescit.


9.
Insons pupillus humilis viduata pusillus
Plectitur artatur teritur premitur spoliatur.


10.
Ingenuus servus parasitus scurra protervus
Servit honoratur tonat imperitat domniatur.


11.
Elluo periurus raptor fallax Epicurus
Prestat ditatur viget excellit decoratur.


12.
Delicie fastus inimicitie tumor astus
Enervant turget exercentur furit urget.


13.
Blandimenta mine rabies usura rapine
Suadent adduntur sevit tractatur aguntur.


14.
Idcirco pesti detrimentum grave mesti
Cedimur incidimus patimur languescimus imus.


15.
Aër languores incendia mucro timores
Tabet adaugentur consumunt sevit habentur.


16.
Aurum censores pravi iusti meliores
Fallit falluntur presunt desunt rapiuntur.


17.
Giraldus mores deflendus ovile dolores
Prefuit ornavit ruit orbavit cumulavit.


18.
Omnipotens penis hostis paradisus amenis
Audi tollatur fugiat pateat foveatur.

 
1.
Beweint Beweinenswertes, scheuet Scheußliches, betrauert Trauriges, fürchtet Fürchterliches, beklagt Beklagenswertes!

2.
Die Zeit verrinnt, die Jahre verfliegen, das Laster bleibt bestehen, die Sünde weitet sich aus, Tyrannen treten auf.

3.
Die Tugend schwindet, die Kirche wird mit Füßen
getreten, den Klerus hat Ehrgeiz gepackt,
der Mammon regiert, es herrscht die Simonie.

4.
Bischöfe begehen Verfehlungen, Könige werden bedrängt, Adlige drängen sie, Kapellen verwahrlosen, Gesetze werden gebrochen.

5.
Der Abt bläht sich auf, verprasst den Besitztum,
verringert die Pfründe, der Konvent hält eifrig Reden, steht müde daneben


6.
An Rittern hat er Freude, wird von Lob geködert,
Mönche scheut er,
er huldigt Weltlichem, ist hinterhältig und listig.

7.
Die Untertanen fliehen, die Dummen freuen sich,
die Klugen trauern, wer ehrlos ist, wird erhöht, ungestraft bricht man Regeln.

8.
Welk ist die Ordnung, die Keuschheit besudelt,
Frömmigkeit auf dem Rückzug, selten wird die Gelehrsamkeit, Weisheit ermattet.

9.
Unschuldig wird man bestraft, das Mündel bedrängt, der Geringe gemartert, Witwen werden genötigt, der Schwache beraubt.

10.
Geknechtet wird der Freigeborene, der Knecht geehrt, der Schmarotzer tönt,
der Freche siegt, der Lebemann gebietet.


11.
Der Prasser steht prächtig da, reich der Meineidige, der Räuber ist angesehen, der Betrüger erhaben, Epikur steht in Ehren.

12.
Vergnügungen entkräften, Hochmut strotzt,
Feindschaften werden gepflegt,
Aufbrausen wütet, Verschlagenheit bedrückt.

13.
Schmeichelei erteilt Ratschlag, von Drohungen verfolgt, Raserei treibt ihr Unwesen,
Wucher wird praktiziert, Raub geht vonstatten.

14.
Deswegen weichen wir, verfallen wir der Pest, nehmen wir Schaden, sind wir
zutiefst erschlafft, machen wir traurig Platz.

15.
Die Luft verwest, Krankheit greift um sich, Brände verzehren,
es wütet das Schwert, alle sind in Furcht.


16.
Gold täuscht, Richter werden getäuscht,
Schlechte stehen gut da, Gerechte fehlen,
die Besten werden dahingerafft.

17.
Giraldus war Vorstand, eine Zierde der Tugend,
beweinenswert ging er zugrunde, verwaist ist der Schafstall, er hat die Schmerzen vergrößert.

18.
Höre, Allmächtiger, den Schmerzen sei er entrissen, sein Feind soll ihn fliehen das Paradies
stehe ihm offen, mögen ihn Wonnen umhegen.

 

13 (lat.)
 
1.
Invidus invidia comburitur intus et extra.


2.
Invidus alterius rebus macrescit opimis.
Invidia Siculi non invenere tyranni
Maius tormentum. qui non moderabitur ire,
Infectum volet esse, dolor quod suaserit aut
mens.
II. Horaz, Ep. 1, 2, 57-60


3.
Invidiosus ego, non invidus esse laboro.


4.
Iustius invidia nichil est, que protinus ipsos
Corripit auctores excruciatque suos.


5.
Invidiam nimio cultu vitare memento.

V. Dist. Caton. 2, 13, 1


 
1.
Der Neider wird durch seinen Neid von innen
wie außen verzehrt.

2.
Vor Neid auf den fetten Besitz eines anderen wird man mager. Die sikulischen Tyrannen ersannen keine Pein, die schlimmer wäre als Neid. Wer seinen Grimm nicht mäßigen kann,
der wird wünschen, es sei nie geschehen,


3.
Beneidet, nicht neidisch zu sein, darum bemühe ich mich.

4.
Nichts ist gerechter als Neid, weil der seine eigenen Schöpfer unverzüglich erfasst und zugrunde gehen lässt.

5.
Denke daran, dass du nicht durch allzu viel Pracht Neid aufkommen lässt.was Schmerz oder Leidenschaft ihm rieten.


 

17 (lat.)
Fortuna Imperatrix Mundi

 

17
Glück, die Kaiserin der Welt

 
1.
O Fortuna,
velut luna
statu variabilis,
semper crescis
aut decrescis;
vita detestabilis
nunc obdurat
et tunc curat
ludo mentis aciem,
egestatem,
potestatem
dissolvit ut glaciem.

2.
Sors immanis
et inanis,
rota tu volubilis,
status malus,
vana salus
semper dissolubilis,
obumbrata
et velata
michi quoque niteris;
nunc per ludum
dorsum nudum
fero tui sceleris.


3.
Sors salutis
et virtutis
michi nunc contraria,
est affectus
et defectus
semper in angaria.
hac in hora
sine mora
corde pulsum tangite;
quod per sortem
sternit fortem,
mecum omnes plangite!

 
1.
O Glück,
wie der Mond
im Zustand wechselhaft,
nimmst du ständig
zu oder ab;
dein abscheulicher Lebenswandel
lähmt jetzt
und erquickt dann, spielerisch,
den scharfen Verstand;
Elend und Macht
lässt es
schmelzen wie Schnee.

2.
Schicksal, gewaltig
und eitel,
du kreisendes Rad,
schlechter Stand,
flüchtiges Wohl,
jederzeit vergänglich,
verhohlen
und verborgen
richtest du dich auch gegen mich;
durch dein tückisches Spiel
trage ich nun
nichts am Rücken.


3.
Ein Schicksal aus Wohlergehen
und Stärke
hat sie mir abgewandt.
Mein Verlangen und
mein Bangen steht
allezeit unter seinem Gebot!
In diesem Moment,
ohne Aufschub
fangt an, die Saiten zu schlagen:
Dass es den Tüchtigen
durch Würfel niederstreckt,
beklaget alle mit mir!

 

18 (lat.)
 
Dat Fortuna bonum, sed non durabile donum;
Attollit pronum, faciens de rege colonum.


Quos vult Sors ditat, quos non vult, sub pede
tritat.


Qui petit alta nimis, retro lapsus ponitur imis.


 
Glück gibt Gaben, jedoch keine Geschenke von Dauer, Gefallene richtet es auf, macht Könige aber zu Bauern.

Bei wem ihm danach ist, macht das Schicksal
Geschenke, bei wem nicht, den zermalmt es unter seinen Füßen.

Wer allzu Hohes erstrebt, fällt hintenüber und wird zu den Letzten gestellt.

 

20 (lat.)
 
Virtus est medium vitiorum utrimque reductum,
Et mala sunt vicina bonis; errore sub illo
Virtus pro vitio crimina sepe tulit.

Horaz, Ep. 1,18,9 Ovid, Remedia 323/24f.


Dum stultus vitat vitia, in contraria currit;
Fallit enim vitium specie virtutis et umbra.

Horaz, Sat. 1, 2, 24 Juvenal 14, 109

 
Die Tugend bildet die Mitte zwischen zwei Lastern, mit Abstand zu beiden, und das Böse ist Nachbar des Guten; dadurch getäuscht, muss die Tugend häufianstelle des Lasters Vorwürfe erdulden.

Der Dumme läuft, indem er den einen Fehler meidet, dem anderen in die Arme. Es trügt nämlich der Fehler durch den schemenhaften Schein einer Tugend.

 

38 (lat.)
 
Doctrine verba paucis prosunt sine factis.

Eloquium sanctum pretiosum fit super aurum.
Expers doctrine tenebras patictur ubique.
Est quasi vas vacuum, cui cura deest animarum.

Otloh Ratisbonensis
ca. 1010 - ca. 1070

 
Gelehrte Worte ohne Taten nutzen nur wenigen.
Ein heiliger Ausspruch erweist sich kostbarer
als Gold. Wer ohne Bildung ist, wird überall
Finsternis erdulden. Wie ein leeres Gefäß ist,
wem die Seelsorge abgeht.




 

Carmina amatoria - Carmina Liebeslieder
Carmina potoria = Trink- und Spielerlieder