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Ludwig Heinrich Freiherr von Nicolay
* 29. 12. 1737 - †18. 11.1820


Sinngedichte



Auf die Alten

Was soll ich mir den Kopf zerbrechen,
Zu wissen, was die Alten sprechen?
Ich bin so gut, als sie gewesen.
Sie haben mich auch nicht gelesen.

Der Arzt

Wenn Übel und Natur in einem Körper streiten,
So kommt ein blinder Arzt, und haut nach beiden Seiten.
Wenn er das Übel trifft, so stellt er wieder her;
Wenn die Natur, so tötet er.

Auf einen schlechten Geiger

Wenn Orpheus Hand die Saiten strich,
So regten und bewegten sich
Der Wald, die Felsen und die Wogen;
Doch du bewegtest nichts, als deinen Fiedelbogen.

Grabschrift auf . . .

So viel Schönheit leben kann,
Lebt in ihr.
So viel Tugend sterben kann,
Starb in ihr.

Die drei Fakultäten

Ein Apfel unterwarf den Pfaffen meine Taten,
Ärzte meinen Leib, mein Gut dem Advokaten.

Das Lob

Das Lob macht ärger und macht besser.
Durch Beifall wird der Edle größer,
Der Böse schlimmer als zuvor.
Der Schlaue listiger, und dümmer noch der Tor.

Der gute Rat

Von vorne flieh ein schön Gesicht,
Von hinten trau dem Maultier nicht,
Vermeide neben dir den Karren,
Von allen Seiten flieh den Narren.

Till

Till hat ein leeres Haupt, und immer geht sein Maul
Am besten läuft ein unbeladner Gaul.

Die Ehe

Ich habe nun von allen Ehen
Die allerfriedlichsten gesehen:
Den ganzen Morgen schläft der Mann,
Und wacht er auf, so fängt die Frau zu schlafen an.

Der Trost

Lisette: Ach, bittrer Schmerz! Weil ich Leandern nicht geschenkt,
           Was er verlangt, so hat er gestern sich erhängt.
Rosette: Nun! Weine nicht so sehr. Sieh, hättest du ihm geschenkt,
           Was er verlangt, so hätt' er morgen sich erhängt.

Der Faule

Für alles, was ich bei dem Grabe
Zum Leichenzuge nötig habe,
(So sprach ein Sterbender) Herr Max, was fordert Ihr?
Vierhundert Taler. — Wohl! Hier hat er zwanzig mehr;
Doch dass ich mich mit nichts zu plagen habe.

Der Wunsch

Man wünschet nie den Tod, das Alter wünscht man nur.
Das heißt: Die Krankheit ohne Kur.

An einen Höfling

Gut, wirst du kleiner, aber besser,
Schlimm, wirst du ärger, aber größer.

Elmire und der Maler

E: Um Gottes Willen, Herr! sind Sie wohl klug?
    Wie? Dies mein Mund? Ein solcher Rachen?
M: Mich dünkt, er gleichet; doch man kann ihn kleiner machen.
    Was denken Sie? ist er so klein genug?
E: Noch etwas kleiner.
M: So?
E: Noch etwas, sollt' ich meinen.
M: O! wenn sie wollen, mal' ich Ihnen auch gar keinen.

Auf einen bösen Fürsten

Setzt Gott uns solche Brut zu Königen auf Erden,
So kann der Teufel auch noch sein Gesalbter werden.

Das Wunder

Ist das nicht wunderbar zu sehen?
Tills Haar ist grau im Bart, und dunkel auf der Stirn.
Leicht ist das Wunder zu verstehen:
Die Backen braucht er oft, und nie das Hirn.

Der Schläfer

Wer den ersten Wein gemacht,
Wer den ersten Pflug erdacht,
Wer die Lettern aufgebracht,
Wer die Leier ausgedacht,
Wer uns jede Kunst gelehret,
Wird gleich einem Gott verehret;
Nur an den wird nie gedacht,
Der das erste Bett gemacht.

Die Heirat

A. Nimm eine Frau. B. Ich bleibe frei.
A. Allein mein Freund, ich weiß dir eine,
Wie du sie brauchst. B. So gibt es keine.
A. Schön wie der Tag. B. Gefahr dabei.
A. Kaum fünfzehn. B. Desto schlimmer! A. Züchtig.
B. Grimasse. A. Zärtlich. B. Eifersüchtig!
A. Von altem Adel. B. Stolz! A. Ein treffliches Genie.
B. Ein Waschmaul! A. Hunderttausend bar. B. Ich nehme sie.

Die Selbsterkenntnis

Erkenne dich! wird Harpalus gelehrt:
Allein ist Harpalus wohl dieser Mühe wert?

An Wilibalden

Mit Unrecht klagst du, Wilibald,
Dass dein Gedicht so schnell veraltet sei.
Ein schlechtes Lied ist immer alt,
Ein gutes immer neu.

Der Rat

Sehn sie mir die Schabracke da!
Sie kam von meinem Großpapa,
Der nahm sie einem türk'schen Bassen . .
Bei . . . bei . . . es endet sich auf o.
Reich ist sie, doch zu alt; ich will sie ändern lassen.
B: Nein! Tagen Sie sie nur noch so.

Die Kugel

In einer durchgeschossnen Lende
Hausierten der Chirurgen Hände.
Der arme Kranke bat und schrie:
Wann werdet ihr das Metzeln enden?
Ja! wenn wir erst die Kugel fänden!
Zum Henker! redet denn! da findet ihr sie nie;
In meiner Tasche hab' ich sie.

Auf die Alten

Bring' ich was schönes an das Licht,
So tritt ein Alter her und spricht:
Freund! das hast du von mir genommen.
Ein Narr, wer nach euch Alten fragt.
Ihr hättet sollen nach mir kommen,
So hätt' ich es zuerst gesagt.

Auf den Philon

Der karge Philon zürnt auf jeden Armen;
Den Zorn ist nicht so teuer, als Erbarmen.

Auf den Pikus

Der magre Pikus ruhet hier.
Du Erde, sei ihm leicht! er war es dir.

Der Raub

Der Räuber, wenn er kann, nimmt Küh' und Pferde;
Der Fürst nimmt, wenn er will, den Hirten samt der Herde.

Der Biedermann

Von andern sagt ein Biedermann
Das Böse, wenn er muss, das Gute, wenn er kann.

Der Tod

Was sollt' ich vor dem Tod erschrecken?
Ein gutes Ding ist's um das Grab.
Seht! alle, die es einmal schmecken,
Die lassen gar nicht wieder ab.

An Neären, die sich schminkte

Du solltest deinen Reiz verkaufen? ewig nicht!
Du kaufst ja täglich dein Gesicht.

Meine Grabschrift

Hier lieg' ich auch
Nach altem Brauch.
Ich habe viel gesungen,
Weis nicht, wie's mir gelungen.

Adam und Eva

Wer sündigte zuerst? War's Eva, war's der Mann? —
Er ganz gewiss. — Wieso? Sie biss den Apfel an. —
Wohl! aber Adam war bereits vorher gefallen. —
Das find ich nicht. Die Bibel sagt genau . . .
So höre doch den Schluss, den richtigsten von allen:
Er ward vorher gestraft; Gott gab ihm eine Frau.

Der Blinde

Ein Blinder trug bei Nacht ein Licht.
Ei! ruft ihm einer zu, nun wirst du trefflich sehen! —
Für mich, versetzt er, trag' ich's nicht;
Du sollst mir aus dem Wege gehen.

Der Spion der Schwaben

Die Bayern kriegten mit den Schwaben.
Um Nachricht von dem Feind zu haben,
Ward aus dem ganzen Schwabenland
Der schlaueste Jüngling hingesandt.
Die Bayern merkten sein Betragen,
Man griff ihn fest, ihn auszufragen.
Ihr Heren, lasst mich davon;
Ich muss zurück, ich bin ja der Spion.

Orpheus

Euridiken beweinte lang' ihr Gatte.
Ein Zeichen, dass er sie nur kurz besessen hatte.
Zur Hölle steigt er bei lebend'gen Leib.
Wo sucht man sicherer ein Weib?
Der Witwer geht, beginnt zu singen,
Denn die Natur lässt sich nicht zwingen.
Der geiz'ge Pluto spricht: Es sei!
Die Narrheit schien ihm all zu neu.
Die Hölle lacht. Denn Eine minder
Macht ihre Qual so viel gelinder.
Doch Orpheus, nie sollst du im gehn
Nach deiner Frau zurücke sehn.
Er geht, er überlegt mit kühlerer Empfindung.
Noch ist es Zeit. Er blickt, und freut sich der Verschwindung.

Cicero und Demosthenus

Sprach Cicero, so rief das ganze Rom: Wie schön,
Wie göttlich strömts von seinen Lippen!
Sprach zu dem Griechen Demosthen,
So riefen sie: Krieg mit Philippen!

An einen klugen Freund

Zwei Dinge fürcht' ich: Dir gefalle
Der Verse keiner, Baven alle.