Pestalozzi Johann Heinrich
   
 

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Fabelverzeichnis

Autorenverzeichnis


Pestalozzi Johann Heinrich
12.1.1746 in Zürich -17.2.1827 in Brugg
Er
war ein Schweizer Pädagoge.
Außerdem machte er sich als Philanthrop, Schul- und Sozialreformer, Philosoph sowie
Politiker einen Namen.
 


Index
 

Der Berg und die Ebene
Der Biber und der Marder
Der Elefant motiviert sein Urteil
Der Fuchs erklärt das Wort Usurpation
Der gute Rat
Der Halbfuchs und der Ganzfuchs
Der Hirt und das Schaf
Der Hunde Bescheidenheit
Der Löwe und sein Ratgeber
Der Löwe, die Schlange und der Teufel
Der Luchs
Der Raupenfänger
Der Seelenverkäufer
Der Stier und der Biber
Der Strahl und der Graswurm
Der Sturm und die Schneeflocke
Der Tiere Gerechtigkeitspflege
Der Wind und der Schiffer
Der Zankapfel
Der Zyklopen-Schutz
Der allgemeine Tierfortschritt in der Gerechtigkeit

Der alte Bär auf der Tanne
Der unbekannte Ausweg
Die Affen-Beichte
Die Affengerechtigkeit
Die Anbetung des Teufels
Die Begriffe der Bienen von der Freiheit
Die Brücke und der Weg
Die Entstehung der Berge
Die Flamme und die Kerze
Die Fressordnung im Hühnerstalle
Die Katzengerechtigkeit
Die Linde und der König
Die Menschengerechtigkeit

Die Spinnengerechtigkeit
Die ungleichen Herren
Die Unverschämtheit des unbrauchbaren Mannes
Die verwandelten Schafe

 
Die Welle und das Ufer
Das Feuer und das Eisen
Das Hahnen-Geschrei
Das Menschenvertilgerin
Das Schuhmaß der Gleichheit
Das Storchenland
Das hohe Ross und der Zwerg
Das kranke Bäumchen
Das zerrissene Herz
Ein Esel und ein Löwenschädel
Ein Fuchs und ein Esel
Ein alter Elefant
Eis und Eisen
Alte Zeit, gute Zeit
Faule Eichen und junge Tannen
Fuchs und Esel beurteilen den Löwen
Gauch (Kuckuck) und Käfer
Hühner, Adler und Mäuse
Hirschenhorn

Junker Fritz und seine Bauern
Künstler und Narren
Kauz und Adler
Löwe und Reh
Nero
Rossfliege und Hornisse
Schwamm und Gras
Sonne und Mond
Stoffel und seine Uhr
Stoffels Brunnen
Von Zäunen mit faulem Holz
Was der Affe bei der Schlange gelernt hat
Was ist der Mensch – Blatt oder Stamm?
Wie die Tiere überhaupt regieren würden
Wieder die Eiche und das Gras
Zwei Füllen
Zwei Pferde und die Deichsel
Zwei Schäfer
Zwei Weiden

 

Der Berg und die Ebene

Der Berg sagte zur Ebene: ich bin höher als du. Kann sein, erwiderte die Ebene; aber ich bin alles, und du bist nur eine Ausnahme von mir.

Der Teil wäre immer so gerne mehr als das Ganze; das Zufällige erhebt sich so gerne über das Wesentliche; alles Gemeine spricht so gerne die Eigentümlichkeit des Vorzüglichen an; der Dachziegel selber scheint sich in seiner Höhe weit mehr zu fühlen als die Quaderstücke, auf denen die Mauern seines Hauses ruhen. Auch das Menschengeschlecht wirft allgemein auf die Ausnahmen der Dinge eine weit größere Aufmerksamkeit als auf das, was diese Dinge in der Regel allgemein sind. Das geht so weit, dass man gewöhnlich in den Anstalten für Blinde und Taubstumme einen sehr großen psychologischen Takt in ihren Unterrichtsweisen angewandt findet und allgemein als notwendig anerkennt, indessen man in gewohnten Volksschulen kaum daran denkt, dass für den Unterricht gemeiner Kinder, die alle fünf Sinne in der Ordnung haben, auch so ein psychologischer Takt in ihrer Unterrichtsweise notwendig wäre.

Der Biber und der Marder

»Es ist ein unangenehmes Ding um deinen Zahn, und ich sehe nicht einmal ein, dass du ihn zu deinem Fraße nötig hast,« also sagte ein Marder zu einem Biber. Dieser antwortete ihm: »Ich kann freilich meine Fische so gut ohne meinen Zahn fangen und fressen, als du deine Eier und Vögel ohne einen solchen auch finden und fressen kannst. Aber mein Zahn ist ein Kunstzahn, und du und deinesgleichen wissen nicht einmal, was das für eine Lust ist, einen Kunstzahn in seinem Kiefer zu haben; ich aber weiß es und will dir nur sagen: Er ist mir fast mehr wert als mein ganzes Fressgebiss, und ich kann dich versichern, das Ausüben meiner Baukunst ist mir viel lieber als das Fischessen.«

Der Elefant motiviert sein Urteil über die Regierungsunfähigkeit der Tiere

Ein Mensch, der diese Elefantenäußerung hörte, sagte zu ihm: »Ich wünschte zu wissen, wie du dein Urteil über die Regierungsunfähigkeit der Tiere gegen sie einzeln begründen könntest.« Der Elefant erwiderte: »Beim Löwen sind, außer seinem in Blutsachen allen Verstand tötenden Rachegefühle, noch seine allgemeine Verachtung der Tiere, sein stolzer Anspruch an ungestörte Ruhe und seine den Mord wie ein Nichts vollbringende Organisation ein ewiges Hindernis der Teilnahme, ohne die keine Regierungsfähigkeit stattfindet.
Dass auch die Esel gerne regieren möchten, ist sehr natürlich, indem ihnen kein anderes Mittel übrig bleibt, sich einem elenden Leben zu entziehen. Aber ewig lebt unter einem abgeriebenen Fell die Beruhigung nicht, ohne die ebenfalls keine wahre Regierungsfähigkeit statthat.
Auch ein Stier wird am Pfluge zu müde, als dass er sich zu einer ruhigen, von Selbstsucht freien Gemeinnützigkeit emporheben könnte. Der Hund ist zum Knechte geboren. Lecken und Bellen in einem Munde gehört ewig an die Kette. Der Fuchs vereinigt, neben der Mordlust des Löwen, die ängstliche Besorgnis, selbst gefressen oder zu Tod geprügelt zu werden.
Hieraus entspringt eine Gemütsstimmung, die die Teilnahme und die Zuverlässigkeit zugleich ausschließt. Die Schlange ist nichts anderes als ein Fuchs ohne Beine mit noch tausendmal stillerer Mordkraft. Der Rehbock kommt durch die Eitelkeit, die neben seiner Gutmütigkeit unter seinem Horn und hinter seiner Nase sitzt, alle Augenblicke in Gefahr, in seinem Einfluss auf die friedlichen Tiere ein Spiel der Fleischfressenden zu werden.«

Der Fuchs erklärt das Wort Usurpation

Als dieses Wort durch widerliche Umstände auch unter den größeren Tieren zur Sprache kam, fragte König Löwe, was es auch eigentlich bedeute.

»Sire!« antwortete der Fuchs, »es ist in seinem Wesen nichts anderes als eine abscheuliche Folge der irrigen und gefährlichen Lehre von einem Krautfresserrecht, dem man uns, die wir keine sind und keine sein wollen, wider unsere Natur und wider unsern Willen zu unterwerfen sich freventlich anmaßt.«

Der gute Rat

Haltet nur eure Nester gut in der Ordnung, so seid ihr so glücklich, als es euer Geschlecht nur immer werden kann. Also sprachen einmal die großen Vögel zu der Schar der Kleinen. Diese antworteten ihnen: was ihr sagt, ist wahr; aber es ist für uns kein Nest in der Ordnung, zu dem ihr leicht kommen könnt; denn ihr esst gerne Eier.

Große Vögel bekommen allenthalben leicht Zugang zu den Nestern der kleinen. War doch schon zu Davids Zeiten ein Mann, der nur ein einziges Schaf hatte, im Fall, dass ihm so ein großer Vogel dasselbe aus seinem Stall raubte und in den seinigen stellte. Er zog sich dabei freilich eine, in unseren Tagen altmodische Strafpredigt zu.

Der Halbfuchs und der Ganzfuchs

Ein junger Fuchs kam nur mit drei Beinen ins Nest. Seine Mutter jammerte darüber, aber der Vater schalt sie und sagte: »Wir Füchse müssen uns dessen versehen und ruhig sein, wenn unsere Kinder alle also und wenn sie auch gar nicht mehr ins Nest kommen.«
Die Mutter erwiderte: »Auf diese Art wollte ich lieber eine Schafsmutter sein und ein Schafsherz im Leibe tragen.«
»Pfui!« sagte der Vater, »ein echter Fuchs muss eher im Fangeisen ersticken, als einen Augenblick anders als ein Fuchs denken.«

Er hatte recht. Wer Fuchs ist, muss es ganz sein; ein Halbfuchs hat um deswegen kein Schafsherz und bekommt darum, weil er ein Halbfuchs ist, in Ewigkeit keines.

Der Hirt und das Schaf

»Dieser Zustand ist unleidlich,« sagte ein Schaf, da es aus einer reinen Herde in eine angesteckte versetzt wurde.
Der Hirt antwortete ihm: »Ich will dich gerne besonders versorgen, aber sage doch den andern Schafen nicht, dass du ihren Zustand unerträglich findest.«
Hierauf erwiderte das Schaf: »Wenn ich ein eigensüchtiger Hund wäre, so würde mir deine Antwort behagen, da ich aber ein Schaf bin, so finde ich sie abscheulich.«
Hirt: »Gutes Tier! überlege es doch, die Herde fühlt ja nicht einmal, dass ihr etwas fehlt.«
Schaf: »Wenn ich auch keinen Grund hätte, der Herde ihre Gefahr nicht zu verhehlen, so wäre mir dieser genug, dass sie dieselbe nicht einmal kennt.«
Hirt: »Deine Grundsätze sind der Herde selber verderblich.«
Schaf: »Vielleicht; aber sicher nur insoweit du ein schlechter Hirt bist.«

Der Hunde Bescheidenheit

Als einst der Löwe dem Hund das Zeugnis gab: ich habe ihn immer bescheiden gefunden, antwortete ein armer Esel: er mag wohl bescheiden sein, aber er ist es gewiss nicht gegen einen armen Esel. Als ich dem Schneider Mixli sagte: Junker Großaug sei ein guter Herr -- antwortete er mir ebenso: er mag wohl ein guter Herr sein, aber gewiss nicht gegen einen armen Schneider. Es ist ein eigenes Ding mit diesem Zeugnis der Bescheidenheit, das sich ein Hund von einem Löwen geben lässt. Ich denke kaum, dass irgendein Tier mit einer guten Nase einem solchen Zeugnis einen großen Glauben beimessen werde. Einmal unter den Menschen würde man allgemein einem solchen Bescheidenheits-Zeugnis eher glauben, wenn es von einem Schwachen und Armen einem Reichen und Starken, als wenn es von einem Reichen und Starken einem Schwachen und Armen gegeben würde.

Der Löwe und sein Ratgeber

»Ich sehe ungern, dass man immer mehr Hunde in meinen Dienst nimmt«– also sagte ein Löwe, der seinem Ende nahte, zu seinem Vertrauten.
Dieser wusste nicht, was er dem sterbenden Löwen antworten sollte; aber er fühlte tief im Herzen die drückende Wahrheit: So wie die Löwen unbrauchbar werden, werden die Hunde unentbehrliche Tiere.

Der Löwe, die Schlange und der Teufel

Der Löwe stritt einst mit der Schlange, wer von beiden eines höhern Geschlechts sei. Der Löwe sagte: »Der große Jupiter schuf mir hinter meinem Rachen eine sorgenfreie Brust.« Die Schlange antwortete: »Und mir gab er eine Kraft zu töten, die keinen Schein hat, und eine Wohnung, zu welcher niemand kommen kann.«
Der Teufel hörte ihr Gespräch und sagte zu sich selber: »Bei meiner Hölle, wenn die Kräfte, die in diesen zwei Tieren liegen, in einem einzelnen vereinigt wären, ich hätte vor diesem fast soviel als nichts zum voraus.«
Ein Mann, der dieses Gespräch hörte, sagte: »Wenn der Teufel diese doppelte Tierkraft unter den Menschen gesucht hätte, so hätte er sie hie und da ganz gewiss vereinigt gefunden.« Er setzte dann noch hinzu: »Aber Gnade Gott einem jeden Menschen, der unter die Hände einer dieser vereinigt gedoppelten Tierkraft zu fallen das Unglück hat.«

Der Luchs

Der Luchs rühmte sich vor allen Tieren seiner mittelmäßigen Kraft und seines starken Auges.
Ein Mann, der es hörte, antwortete ihm: »Du hast nur zuviel Aug' für deine mittelmäßige Kraft.« Der Luchs glaubte das nicht und sagte: »Mein starkes Auge ist bestimmt das, was ich bei der Mittelmäßigkeit meiner sonstigen Kraft vorzüglich bedarf zu ersetzen.«
Der Mann staunte einen Augenblick ob dieser Antwort und sagte dann: »Ich fühle, du sagst eine große Tierwahrheit; aber für die Menschen ist das Gleichgewicht der Kräfte der Probestein der Zuverlässigkeit.«

Der Raupenfänger

Sie flog vor ihm als Schmetterling einher. Er jagte ihr durch Feld und Flur nach; aber das Volk, das die Erde baute, klagte, er verderbe ihm mit seinem Tun sein Gras und sein Korn.
Sie kroch vor ihm auf dem wachsenden Kohlstock, auf dem blättervollen Baum und an der grünenden Hecke; er haschte sie wieder; aber sie starb in seiner Hand, und er warf sie als faulendes Aas weg.
Jetzt hing sie am sich entblätternden Baum und an den kahlen Wänden des Hauses – er haschte sie noch einmal und wartet jetzt, bis ihre tote Larve für ihn sicher zum Leben erwacht.

Wenn du die Wahrheit suchst, so jage ihr nicht nach, hasche nicht nach ihr, warte ihrer in Liebe, Ruhe und Geduld. Tust du dieses, sie kommt selbst zu dir; sie klopft an deiner Türe an und will Wohnung bei dir machen; besonders aber jag' ihr nicht nach, wenn sie vor dir in den Lüften schwebt und von dir weg fliegt. Jagst du ihr dann nach, so zertrittst du mit deinen Jagdsprüngen nach ihr Segenswahrheiten, die du schon im Besitz hast und die dir ohne alles Maß mehr wert sind als die, denen du nachjagst. Am allerwenigsten reiße die Wahrheit, wenn sie vor deinen Augen, zu deinen Füßen gedeiht, mit harter, frevelnder Gewalt von dem Platze weg, auf dem sie Nahrung findet, um sie, ohne Rücksicht auf ihre Nahrung, hinzutragen, wo es dich gelüstet. Tust du dieses, so wird sie in deiner Hand zum stinkenden Aas. Nur allein, wenn du der Wahrheit, in welchem Zustand sie auch vor dir steht, wäre es auch in einer tot scheinenden Hülle, mit Ruhe, Geduld und Liebe wartest, bis sie für dich sich zum Leben entfaltet, nur dann wird die Wahrheit, die du suchst, heilige, segnende Wahrheit, nur dann wird sie für dich wirkliche Wahrheit sein.

Der Seelenverkäufer

Er hatte sie jetzt alle an Bord; aber sie serbten auch alle. Das Unrecht, das sie litten, drohte den Edelsten unter ihnen den Tod.

Es ging dem Räuber selber ans Herz. Er setzte sich unter sie hin, redete mit ihnen und sagte: »Ihr werdet an dem Orte, wo ich euch hinführe, glücklicher sein, als ihr zu Hause wart. Während der Reise will ich euch alles gestatten, was ich immer kann, und wenn sich einer über irgend etwas zu beklagen hat, so rede er, ich will ihm Recht schaffen.«

Die Sklaven bogen ihr Haupt. Die meisten schwiegen, aber einer sagte: »Wir sind durch Unrecht und böse Gewalt in deiner Hand, und ich für mich will lieber sterben, als einen Mann wie du bist von Recht und Gerechtigkeit reden hören.«
Der Seelenverkäufer antwortete: »Du bist ein exaltierter Mensch und könntest mich in Zorn bringen; aber ich will deiner schonen und allen, die auf meinem Schiffe sind, zeigen, dass ihr es in der Tat besser haben sollt, als irgend jemand, der in eurer Lage ist.«
Der Sklave erwiderte: »Dem sei wie ihm wolle. Es bleibt gleich wahr, dass zwischen dir und uns kein Recht statthat und keines statthaben kann, solange wir auf deinem Schiffe und an deinen Ketten sind.«

Seelenverkäufer: »Aber warum sollte ich nicht zwischen Leuten, die allerseits in meiner Gewalt und auf meinem Schiffe sind, Recht und Gerechtigkeit ausüben können?«
Sklave: »Gott schenke dir Unrecht! Und in der Stunde deines tiefsten Leidens wird er unauslöschlich das Wort in deine Seele legen: Es hat kein Recht statt, und kein Glaube an das Recht, solange das Unrechtleiden nicht aufhört.«
Seelenverkäufer: »Mann, du hast recht. Ich war ein Gefangener, und in der Stunde meines tiefsten Leidens hat Gott sein Wort, wie du es aussprachst, in meine Seele gelegt; aber ich habe es wieder vergessen. Steuermann, kehre zurück! Die Gefangenen sind frei, und du, den ich nicht freimachen kann, weil dein Herz dich in meinen Banden frei lässt, edler Mann, wenn du auf dem Boden deines Landes angekommen sein wirst, so frage dich selbst, ob du mein Freund sein könnest.«

Der Stier und der Biber

Der Stier sagte zum Biber: »So ein Leben unter dem Wasser, wie du eins hast, möchte ich um aller Welt willen nicht haben.«
Der Biber schwieg und antwortete ihm nicht.
Aber der Stier fuhr fort und machte jetzt eine Lobrede seines bessern und glücklichern Lebens.
»Mein Stall«, sagte er, »ist beinahe so viel wert als eine Menschenwohnung, und dann muss ich ihn nicht einmal bauen; der Bauer, der mich füttert, baut mir ihn selbst.«

Der Biber antwortete ihm: »Ich weiß wohl, dass es viele Stierenställe gibt, die besser aussehen und im Winter gar viel wärmer sind als tausend armer Leute Wohnstuben, und ich kann auch gar wohl denken, es gefalle dir wohl darin, wenn dein Barren recht voll und dein Gras und dein Heu recht gut sind. Ich aber liebe die Wohnung, die ich mir selbst baue und in der ich frei bin, und möchte um alles in der Welt nicht eine Wohnung, die mir ein anderer baute, und mich nicht wie dich darin angebunden finden, wenn er dich anjocht und zum Pflug oder Wagen anspannen will.«

Der Strahl und der Graswurm

»Die Menschen klagen soviel über mich, und ich nage doch nur an einem armseligen Blatt, du hingegen verbrennest Häuser und Dörfer.« Also sagte der Graswurm zum schrecklichen Strahl. »Kleiner Heuchler!« donnerte ihm dieser herunter, »du verheerst mit stillem Blätterfressen weit mehr, als ich mit meiner lauten gewaltigen Kraft.«

Unbemerkte, aber in die Fundamente des häuslichen Wohls des niedern Volks tief eingreifende Landesübel, von denen du oft jahrelang keinen öffentlichen Laut hörst,
wirken gemeiniglich weit verderblicher als einzelne Verheerungen und Schrecknisse,
von denen die Jahrbücher aller Länder voll sind.

Der Sturm und die Schneeflocke

Der Sturm brach hie und dort einen Ast von den Bäumen, aber da er nachließ, fiel ohne ein Lüftchen ein Schnee, dessen kleine Flocken tausend Äste von den Bäumen brachen gegen einen, den der Sturm abriss.

Es ist ein altes Sprichwort: Stille Wasser fressen auch Grund. Darum verachte die klein scheinende Kraft nicht; der Regentropfen, der von der Rinne fällt, durchlöchert den Felsen.

Der Tiere Gerechtigkeitspflege

Der Löwe zerreißt das beklagte Tier; denn in seinem Rachen steht geschrieben: Es ist des Todes schuldig. Und die Wahrheit von dem Beklagten zu ergründen, schlägt ihm der Stier seinen Farrenschwanz über den Rücken.

Der Hund sucht sein Bekenntnis durch die Beängstigungen des Bellens und die Qualen des Beißens zu erzwingen. Der Affe fragt das beklagte Tier auch, aber wie ein Affe, und wenn er dann mit seinen Affenfragen nichts herausbringt, so wird er wild und nimmt zu den Maßregeln des Hundes und des Stiers seine Zuflucht. Der Elefant hingegen fragt dasselbe, aber auf eine Weise, dass er es, wenn es sich im dritten Verhör nicht selbst verstrickt hat, mit Sicherheit aus seinem Gehege lassen kann.

Der Wind und der Schiffer

»Wenn ich hinauf will, so wehst du hinab, und wenn ich hinab will, so wehst du hinauf«, also sprach der Schiffer für gut derb zum Windegott Aeolus.
»Weißt du was?« erwiderte dieser. »Wenn ich hinab blase, so fahre du hinab; und wenn ich hinauf blase, so fahre du hinauf. Dient dir aber das nicht und findest du mich dennoch dir entgegen, so arbeite du gegen mich, wie ich gegen dich.«

Kräfte können nur durch Kräfte besiegt werden. Der Wind kann nur durch einen andern Wind und durchaus nicht durch eine Theorie vom Winde und noch weniger durch einen Befehl, dass ein anderer Wind wehen sollte, besiegt werden.

Der Zankapfel

Affenkinder baten ihren Vater um einige Äpfel aus dem Vorrate, den er vor ihnen
verborgen hatte. Er antwortete ihnen: »Ihr seid mir lieb; aber der große Jupiter hat euch Hände und Füße gegeben wie mir; also seht, wie ihr selbst Äpfel findet.« Indessen warf er ihnen einen, aber nur einen dar.
Sie zerrissen sich ob demselben alle miteinander die Haut.

Es freute indessen den alten Affen, zu sehen, wie sich seine Jungen darüber zerkratzten. In seiner Affenseele, in der er sich keine andere Tierkraft als eine Affenkraft zu denken vermochte, stellte er sich vor: Indem sie sich also dafür zerkratzen, stärken sie sich die Kräfte, die sie nötig haben, sich in Zukunft auch selber Äpfel und was sie sonst alles bedürfen, zu verschaffen, wodurch denn auch die Gründe, weiter für sie zu sorgen, von selbst wegfallen werden.

Der Zyklopen-Schutz

In der Zyklopen-Zeit dachte ein Schwächling: Ich will mich seinem Schutz anbefehlen, er tut mir dann nichts.

Das ist wohlgetan, sagte der Zyklop; nimm jetzt nur diesen Faden in die Hand, und ich will dich daran leiten, wo du links oder rechts gehen musst.
Dieses Mitgehen mit dem einäugigen Großen erschreckte den Schwächling; er zitterte am ganzen Leib; doch er nahm den Faden in die Hand, aber schon morgens sagte der Zyklop: Dieser Faden könnte brechen, und bot ihm dafür eine Schnur in die Hand.
Wenige Tage darauf sagte ihm der Riese: Der Faden und die Schnur waren nur für die Probezeit, für die Zukunft musst du dieses Schutzseil in die Hand nehmen, und mir schwören, dasselbe weder bei Tage noch bei Nacht aus den Händen fallen zu lassen.
Totenblass schwor jetzt der Mensch, was nicht möglich war, zu halten. Das Seil fiel ihm bald aus den Händen, und er eilte nur nicht, es von dem Boden, auf den es hinfiel, aufzuheben.

Darüber zürnte der Wüterich und sagte: Das ist Untreue und Meineid, dem muss man vorbeugen. Mit dem knüttelte er ihm das Schutzseil um beide Hände. Also gebunden seufzte der Mann: Selig sind die, die er ohne Schutz frisst, und nagte dann einmal eine Nacht durch mit den Zähnen an diesem Schutzseil, und wollte es durchfressen, aber das Ungeheuer erwachte, ehe er los war, und band ihm jetzt das gefürchtete Seil um den kitzligen Hals mit ernster Bedrohung des schrecklichen Zuknüpfens beim ersten Fehler wider den heiligen Schutz.

Der allgemeine Tierfortschritt in der Gerechtigkeit

In der Gaukelzeit, in welcher die wilden fleischfressenden Tiere eben wie die krautfressenden allgemein über die Gerechtigkeit untereinander ein großes Maulwaschen hatten, versammelten sich die fleischfressenden einmal, um sich zu beraten, wie sie sich unter obwaltenden Umständen zu benehmen hätten.
In dieser Versammlung riet ihnen der Fuchs, fürderhin und in Zukunft niemals mehr ganze Herden von Vieh miteinander anzugreifen; zweitens keine Ställe und keine Wohnungen mehr gewaltsam zu erbrechen; und drittens vorzüglich unter allem Vieh dem verirrten, verlaufenen und unbekannten aufzulauern und sich wo immer möglich mit dem Fraß von Tieren, deren Verschwinden kein großes Aufsehen im Tierreich zu machen geeignet sei, zu begnügen; vor allem aber, sich sorgfältig zu hüten, irgendein Tier mörderisch anzufallen, wenn andere Tiere um den Weg sein möchten, die als Zeugen ihrer Tat dem krautfressenden Gesindel im Land ein Geschrei gegen sie machen könnten.

Der alte Bär auf der Tanne

Nun, wann willst du uns einst ins Honigland führen? sagte eine Schar junger Bären zu einem alten.
Dieser erwiderte: Das will ich gleich tun, aber vorher sollt ihr noch sehen und erkennen, was ich für ein Bär bin. Seht diese Tanne; so weit sie geschunden ist, haben sie vorher schon andere Bären erklommen, ich aber will ihren obersten Gipfel erklimmen.
Also sprach er und kletterte die hohe Tanne hinan. So weit sie geschunden war, ging es wie nichts, aber da er höher kam, schwankte der Baum mit jedem Schritte mehr auf beide Seiten.
Doch, er strengte sich an und klammerte die wunden Tatzen in den schwankenden Baum. So ging es langsam, doch eine Weile immer höher hinan. Aber jetzt wehte der Sturm; der Bär bohrt seine blutenden Klauen mit äußerster Kraft in den schwankenden Baum. Also überlebt er den Sturm; aber seine Kraft ist dahin; er kann die eingebohrten Klauen nicht mehr aus dem erklimmten Holz herausbringen; er fühlt, dass sein Leben dahin ist und ruft von seiner Höhe hinab den jammernden Jungen: Meine große Tat ist mein Tod; ich führe euch nicht ins Honigland, aber das seht ihr und das könnt ihr zeugen, dass ich auf dieser Tanne als der allerhöchste Bär v... bin.

Der unbekannte Ausweg

Wir sind doch unglücklich, dass aus unserem Tale kein Ausweg stattfindet -- also jammerten Schafe und Kühe in einer eingeschlossenen Bergweide.
Ein Reh, das ihre Klagen hörte, sagte zu ihnen: Es hat freilich Auswege aus eurer Weide, aber Hirt und Metzger werden sie euch nicht zeigen, und um sie selber zu finden, muss man weder Kuh noch Schaf sein.
Der Eigentümer des Berges, der die Äußerung des Rehs an seine Kühe und Schafe hörte, sagte darüber: Dieses Reh scheint eine bestimmte Neigung zu haben, eine böse Aufklärung unter mein Vieh zu bringen; meine Kühe und Schafe haben gar kein Recht, einen anderen Ausweg aus ihrer Weide zu suchen, als denjenigen, durch den sie meine Knechte in meinen Stall, oder in meine Metzger zu führen gewohnt sind und Befehl haben.

Die Affen-Beichte

»Dieser Ochs weidet so ruhig, indessen wir, die wir doch von einem vornehmem Geschlecht sind, uns so unruhig herumtreiben müssen.«
Also sagte ein Affe zu seiner Gemahlin, da ein Ochs unter seinem Baum ruhig Gras fraß.
Diese antwortete: »Wir sind freilich von einem vornehmern Geschlecht, aber auch unendlich mehr Affen als vornehm.«

Ich kannte einen Mann, der vom ganzen Menschengeschlecht sagte: Es sei ein imitatorum servum pecus, und die Beichte dieses Affenweibs scheint ihm ganz recht zu geben; indessen ist in jedem Fall das Vornehmtun so im höchsten Grad gemeiner Tiere, wie die Affen sind, das Lächerlichste, aber auch das Drückendste in allen Formen,
in denen die Armseligkeit dieses Tuns erscheint.

Die Affengerechtigkeit

Der Thron des Tierreichs fiel einmal auch den Affen anheim. In diesem Zeitpunkte redeten einige Hauptaffen miteinander ab, sie wollten in keinem Falle eine Ungerechtigkeit an sich kommen lassen.

Die armen Tiere! Es kam ihnen nicht einmal in Sinn, dass sie vermöge ihrer Natur nicht anders können, als verstellte, heuchlerische, naschende und beißende Tiere zu Handlangern ihrer Gerechtigkeit anzustellen.

Die Anbetung des Teufels

Als einst das Feuer einen Wald stärker als gewöhnlich brandschatzte, sagte ein alter erschrockener Stock zu den übrig gebliebenen Tannen: »Ich habe einst gehört, die Menschen beten den Teufel an und dann tue er ihnen nichts. Wie wäre es, wenn wir das Feuer anbeteten, vielleicht wäre es auch dankbar wie der Teufel.«

Dieser Vorschlag gefiel den furchtsamen Tannen; aber das Feuer war nicht dankbar;
es knisterte von nun an vor Hohnlächeln noch lauter, wenn es die dummen Tannen verzehrte, und forderte jetzt nebst seinem alten Feuerrecht noch als ein Altarrecht einen ewigbrennenden Holzstoß, zum Dienst der ihm versprochenen Anbetung.

Die Begriffe der Bienen von der Freiheit und der Gerechtigkeit

Die guten Bienen, die bei ihrem Honigsuchen in aller Welt herumschwärmen, hörten in allen Ecken die tierischen Begriffe, die sich die Löwen und Bären, die Füchse und Marder, die Ochsen und Esel, die Auerhähne und Spatzen, die Hunde und Katzen von der Freiheit und der Gerechtigkeit machten; aber obwohl sie diese großen Tiere alle für höhere Wesen ansahen als sich selber, so konnten sie, so klein sie sich auch immer gegen sie fühlten, doch nicht begreifen, dass irgend etwas von alledem, was diese Tiere für sich als Freiheit und Gerechtigkeit ansprachen, wirkliche Freiheit und Gerechtigkeit sei. Und je mehr sie dieses Geschwätzwerk über diese zwei großen Menschenwörter hörten, je mehr freuten sie sich, stille kleine Bienen und nicht so anmaßliche große Tiere zu sein. Vorher, ehe sie ihr fades Geschwätz treiben hörten, fühlten sie sich in ihren Körben nur glücklich; sie wussten nicht, dass etwas in der Welt sei, das unter den Menschen Freiheit und Gerechtigkeit heißt und von dem auch alle Tiere der Welt auf die verschiedenste Weise, jedes nach seiner Gattung, das Maul brauchen.

Die Brücke und der Weg

Die Brücke sagte zum Weg: »Was Schönes an dir ist, bin ich.«
»Kann sein,« erwiderte der Weg, »aber wenn du abgetragen oder weggeschwemmt wirst, bleibe ich und warte ruhig, bis man dich wieder macht.«

So sagte ein Mann, der in einer Hauptstadt Bürger war: im ganzen Reiche sieht man nicht so viel Schönes und Rares, als in der kleinsten Gasse unserer Stadt. Ihm antwortete ein Mann, der kein Spießbürger dieser Stadt war: aber wenn deine Stadt nicht mehr unsere Hauptstadt ist, so bleibt jeder Winkel im Lande doch wenigstens, was er vorher war, nur deine Stadt allein nicht.

Die Entstehung der Berge

Die Erde wunderte sich einmal, wie die Berge sich auf ihr haben bilden können.
Diese antworteten ihr: »Es geschah nur durch die Verhärtung dessen, was du schon selbst bist.«

Die Flamme und die Kerze

Ich schäme mich immer, wenn ich mich so nahe bei dir erblicke - also sagte die Flamme zur Kerze.
Diese antwortete: ich glaubte bisher, du schämst dich, wenn ich vergehe, indem du dann allemal selber erlöschst.
Törichter Schmutz! erwiderte die Flamme: ich glänze freilich nur so lange ich dich fresse, aber ich schäme mich, dass man es sieht.

Die Fressordnung im Hühnerstalle

Eine Hühnermagd fütterte alles Gefieder aus einem Troge. Die Starken hatten es gut; aber die Schwachen, Kranken und Jungen kamen täglich zu kurz und wurden gedrückt und zertreten.
Das ging einem alten Hahn, der schon einmal auf dem Todbette gelegen hatte, ans Herz. Da nach dem Mittagsmahle wieder eine junge Ente vor dem Troge tot lag, redete er die Häupter und die ganze Gemeinde im Hühnerstalle also an:
»Edle, gefiederte, zweibeinige Tiere!
Wir sind doch alle von einem schuldlosen Geschlechte und handeln auf keine Weise wie die großen Bösewichter, die Katzen und die abscheulichen Marder, welche alles Geflügel essen und selbst der heiligen Eier nicht schonen, noch das geweihte Blut scheuen. Darum – ich weiß es – der Jammer geht euch allen zu Herzen, den die Frau Reichsvögtin unseres Gemeinwesens über unsre Armen und Schwachen verhängt.
Ich weiß es, ihr wollt alle lieber mit Gerechtigkeit fressen, als diesem Jammer länger zusehen.«
Aber die Hühner und Gänse verstanden gar nicht, was das sei, mit Gerechtigkeit fressen.

Der alte Hahn machte es ihnen begreiflich und sagte: »Es lasse ein jeder von uns sich seinen Schnabel messen, und je nachdem dieser groß ist, bestimme man ihm sein Fressrecht. Dann wechsle täglich ein Hahn und eine Gans in der Fressstunde als Hüter. Der Hahn hüte den Gänsen und Enten, und die Gans hüte den Hähnen und Hühnern. Wer dann im Fressen nicht bei seinem Schnabelrecht bleibt, den strafen sie mit rechtlichem Picken am Kopfe und Rupfen am Halse.«

Wer bisher in der Fressstunde zu kurz kam, der stimmte von Herzen zu der Meinung des Hahns. Anders war's mit den Häuptern und Vorstehern der Hühnergemeinde. Diese fanden die Sache in ihrer Weisheit bedenklich. Doch endlich auf Fürsprache des alten, geliebten Mithahns willigten auch sie darein, mit einem solchen Gerechtigkeitsfressen auf ein Jahr hin und auf Zusehen eine Probe zu machen.

Also war die Meinung des alten Hahns insoweit im Hühnerstalle zum Gesetze gemacht.

Aber die Hähne und Gänse übten das Gesetz aus wie Hähne und Gänse. Sie taten sämtlich ein Auge zu, wenn die Stärkern fraßen, und es blieb den Schwachen und Kleinen täglich weniger übrig, wenn die Ordnung des Fressens an sie kam, und dieses wenige ward ihnen noch durch dieses neue Gerechtigkeitspicken und Gerechtigkeitsrupfen unerträglich verbittert. Auch starben bei diesem Gerechtigkeitselend weit mehr Hühner und Gänse, als bei dem Freiheitselend der Vorzeit.

Zum Glücke dauerte das neue Unglück im Hühnerstalle nur bis zur Lichtmesse, wo dann eine neue Hühnermagd eintrat und alsbald die einzige Gerechtigkeit, die im Hühnerstalle möglich war, einführte, indem sie die stärkeren Tiere einsperrte, wenn sie den Schwächern ihr Fressen vorstellte.

Die Katzengerechtigkeit

»Wo wir uns nur zeigen, da heißt es: ›Hier sind die untreuen, diebischen Katzen!‹
Könnten wir nicht auch zu Futter und Mahl kommen, ohne diesen bösen Namen?«

Also sprach neulich eine Katzenschar, da ein paar von ihnen über der Tat ertappt,
mit wundem Felle ihrer Strafe entronnen. Eine fette Schoßkatze antwortete ihnen: »Kinder, schmeichelt den Menschen, und sie werden euch füttern, wie mich die Tante, die mir alle Sorge des Stehlens und alle Mühe des Mausens mit ihrem eignen Brot und mit ihrem eignen Braten erspart.«
»Das hilft nur«, sagte eine arme, magere, »wenn man ein Fell hat, das dem lüsternen
Manntier gefällt oder sonst so glücklich ist, eine Katzentante zu finden, wie du eine hast.«
»Ja, ja, die Schoßkatzen haben gut reden«, schrieen jetzt alle magern Katzen, »wir anderen mögen lange miauen; es bringt uns dafür niemand weder Braten noch Brot.«
Das verdross die alte Schoßkatze; sie sagte zu ihrer Nachbarin: »Das Bettelvolk ist allenthalben gleich; es lässt sich nie raten; wenn sie Verstand hätten, so würden sie doch an meinem Sessel und an meinem Tische merken, dass ich es wohl verstanden habe, mich durch die Welt zu ziehen.« Mit dem schlich sie sich fort.

Darauf sagte die alte, arme, magere, die aber auch nur auf eine andere Art als die Schoßkatze einen verdrehten Kopf voll der dünnsten, träumerischen Einbildungen hatte, zu ihren magern Gespielen: »Ärgert euch nicht, sie meint es nicht böse; aber das Sesselsitzen macht alle Katzen zu Narren. Mich hat es nicht verderbt; mein mageres Fell zeugt, dass ich alles Katzenelend selbst erfahren und selbst getragen habe. Ich weiß also aus sicheren, eigenen Erfahrungen nicht bloß, wo es uns fehlt, sondern auch noch, wo es uns in Zukunft fehlen wird. Auf diese Erfahrungen gestützt, glaube ich, es sei ein einziges Mittel zu unserer Errettung übrig. Wir müssen uns nämlich mit den Mäusen vergleichen, dass sie uns Futter und Mahl selbst zusammentragen, und wir hingegen sie dann nicht mehr fressen.«

Erstaunt stand die Katzenschar da. Der Vorschlag schien ihr eine wesentliche Neuerung gegen die uralte Verfassung der Welt und gegen die ursprünglichen Naturansprüche und Gewaltsrechte ihres Standes.
Doch allmählich wurden sie mit dem Gedanken an eine solche Vereinigung vertrauter und fingen an, ihn allerdings mit dem Geist der Zeit und der Umstände übereinstimmend zu finden. Er gefiel vorzüglich den Armen und Mageren. Von den Jungen und Starken hingegen sagten einige: »Die so allenthalben zusammengetragene Mäusespeise kann uns nicht dienen, und es ist uns ewige Schande, also an der Mäuse Kost zu kommen und von ihnen das Gnadenbrot zu essen.«

Andere hingegen behaupteten: »Diese Ehrenbedenklichkeit gegen Mäuse sind weit unter uns und jetzt gar zur Unzeit. Was uns Tiere bringen, die wir fressen könnten, kann uns in Ewigkeit keine Schande sein.«

Eine arme, magere, die diese Ehrenbedenklichkeiten auch zur Unzeit angebracht fand, sagte noch: »Glaubt mir, ich habe es erfahren, Mäusespeisen sind Leckerbissen, und wenn sie es auch nicht wären, so bedenkt: wenn wir uns forthin ohne eine Nachhülfe bloß mit Mäusefleisch erhalten wollen, so müssen diese Tiere, sie könnten nicht anders, nach und nach aussterben, und dann wird das hartherzige Manntier, das uns nicht ferner brauchen kann, uns zu Tausenden zu Tode schlagen.«
Vor diesem Gedanken entsetzten sich alle Katzen, und hoch schwoll jetzt in ihrem Herzen der Wunsch, mit Mäusebrot versorgt, ein ehrliches und gerechtes Auskommen zu haben und die Mäuse dann nicht mehr zu fressen.

Diese wurden also versammelt. Die mürben Katzen gaben ihnen Geleitsbriefe, und eine katzenfeindliche Dogge war ihnen für das Worthalten Gewährsmann.
Indessen hatten es die schlauen Tiere durch Hoffnungen, die sie bei einigen Mäusen erregten, beim einzuführenden Katzentribut als Kommissäre angestellt zu werden, dahingebracht, dass ihre Gesandtschaft mit großen Ehren empfangen und mit einer feierlichen Anrede bekomplimentiert wurde, deren Auszug den Akten beigefügt ist.

Sobald die Komplimentiermaus ausgeredet hatte, so trat dann der Katzengesandte mit gemessenem Schritte hervor, stellte sich ganz bescheiden an die Seite seines Gewährsmannes, dankte vorläufig für den freundlichen, ehrenhaften Empfang und versicherte darauf von aller Katzen wegen, ihr jetzt lebendes Geschlecht sei mit dem Geiste der Zeit unendlich vorgeschritten und habe selbiges an der Liebe, die nunmehr alle Tiergeschlechter zur Gerechtigkeit, zur Mäßigung und zur Sittlichkeit zu zeigen anfangen, sein größtes Wohlgefallen. Sie wünschen auch nichts mehr und nichts sehnlicher, als das goldene Zeitalter, in welchem alle Tiere friedlich untereinander lebten, wiederherzustellen und besonders schickliche Mittel ausfindig zu machen, den alten Zwist, der zwischen ihrem gewaltigen und starken Geschlechte und dem gutmütigen, bescheidenen, aber schwächeren Mäusegeschlecht seit der Erschaffung der Welt unglücklicherweise obgewaltet hat, ein beförderliches und glückliches Ende zu machen. Sie seien auch ihrerseits fest entschlossen, das Mäusegeschlecht von nun an nicht mehr als ein ihnen mit Leib und Blut zu dienender Fraß, sondern als ein ihnen freiwillig und rechtlich verbundenes Volk anzusehen und zu betrachten; hoffen dann aber, dass die Mäuse hierin ihren Edelmut ganz erkennen und auch ihrerseits alles dasjenige tun werden, was unumgänglich erfordert werde, eine so glückliche Vereinigung des gegenseitigem Interesses beider Geschlechter zustande zu bringen.

Darauf ließ sie von der Spitzmaus, welche die Feder führte, das weitläufige Projekt dieser ewigen Vereinigung ablesen; und nachdem dieses geschehen war, sagte sie dann noch mit katzenfreundlichen Worten: »Es ist ja nur eine ganz unbedeutende Kleinigkeit, was die mächtigen und edelmütigen Katzen von euch zu fordern geruhen; und ihr könnt jetzt, was ihr nie hattet hoffen dürfen, Sicherheit, Leben und häusliche Ruhe mit unglaublich kleinen Dienstleistungen erkaufen.«

Aber kaum hatte sie ausgeredet, so trat eine Maus, deren Kühnheit sie zum Sprecher ihres Geschlechts machte, auf und sagte: »Brüder und Schwestern! Bisher fing uns doch nur das Manntier mit Speck; lasst uns nicht dahin versinken, selbst am Katzenspeck anzubeißen und uns durch Verräter aus unserer Mitte und ihre freche Beredsamkeit selbst dahin zu verführen, uns, unsere Kinder und Nachkommen zu ewigen Katzenknechten zu machen. Die Natur«, fuhr sie fort, »hat uns gelehrt, unser Heil in unseren Löchern zu suchen und es unserm Herzen verboten, dasselbe jemals von Katzengunst und Katzengnade zu erwarten.«

Das war allen guten Mäusen wie aus dem Herzen geredet; sie flohen in ihre Löcher, und was auch die Komplimentiermaus immer tat, es zu verhüten, so konnte sie die Mäuse nicht mehr zum Stehen bleiben bringen, und die deputierte Katze musste mit dem Bericht zurück: Wenn sie leben wollen, so müssen sie sich forthin allen Beschwerden des Lauerns, allen Mühseligkeiten des Mausens und allen Gefahren des Stehlens unterziehen. Die unnatürlichen. und versteckten Maustiere seien ganz unmöglich dahin zu bringen, ihnen aus freiem Willen ein ehrliches und gerechtes Auskommen zu versichern.

Das hatten die stolzen Katzen nicht erwartet; sie glaubten im Gegenteil, die Mäuse würden alles in der Welt tun, um sich von ihrem Blutrecht loszukaufen. Da es aber also nicht geschah, schrieen sie wie aus einem Munde: »Es ist nichts daran gelegen; wir wollen es ihnen jetzt schon machen.« Doch miaute noch eine zwischenhinein: »Es ist verflucht, dass wir mit diesem unvorsichtigen Antrage unsern ganzen Katzenstand kompromittiert haben; aber wenn ich dabei gewesen wäre, so wäre es gewiss nicht geschehen.«

Die Linde und der König

Als ein König einsam unter seiner Linde an ihren Gipfel emporstaunte, sagte er zu sich selbst: »Wenn meine Untertanen auch an mir hingen wie deine Blätter an dir!«
Die Linde antwortete ihm: »Ich treibe den Saft meines Stammes mit weit mehr Gewalt in meine Blätter, als ich denselben auch von ihnen in mich selbst zurücksauge.«

Die Menschengerechtigkeit

Weibel und Schulze wünschten ihm Glück. Der neue Richter antwortete: »Ich will mich
einmal nicht bestechen lassen.«
Der Schulze erwiderte: »Das ist recht und wohlgetan. Tugend und Rechtschaffenheit sind immer die ersten Stützen des Staats, und hierin wird dem Herrn – er darf es versichert sein – unserseits gewiss niemand etwas in den Weg legen. Aber in die vorläufigen Abreden, die wir in jedem Falle miteinander treffen, wird der Herr doch hoffentlich auch eintreten!«
Der neue Richter wusste gar nicht, was das sagen wollte. Allein der Weibel, der sein alter Schulkamerad war, nahm ihn beiseite und sagte: »Es ist einmal bei uns so: eine Hand wäscht die andere, und wenn du es nicht mithalten wolltest, so würde es mit dem Nutzen und mit der Ehre deiner Stelle nicht viel sein.«
Der neue Richter antwortete: »Ich will natürlich aus meiner Stelle auch ziehen,
was jeder andere.«
Der Schulze, der bald sah, dass er es näher gab, schlug ihm auf die Achsel und sagte: »Ich sehe schon, der Herr wird als ein freundlicher, braver, neuer Gerichtsbruder das Utile und das Honorifikum seiner Stelle sich nicht schmälern lassen, sondern auch, wie unsereiner, dahin trachten, dass das, was wir von unsern Voreltern empfangen haben, auch ungeschmälert auf unsere Nachkommen herabfließe.«

Der neue Richter: »Ich werde mir es zur heiligsten Pflicht machen, diesen, in meiner Stellung, wie ich wohl sehe, höchst wichtigen Gesichtspunkt nie aus den Augen zu verlieren.«
Aber er sah bei dieser Art so verwirrt und so betroffen aus, dass der Weibel es merkte und für gut fand, um ihm den Puls darüber noch mehr zu greifen, ihn noch einmal auf die Seite zu nehmen und ihm zu sagen: »Es wird dir freilich im Anfange gar nicht alles gefallen, was wir in unsern Abendstunden miteinander verabreden; aber wenn du einmal ein paar Jahre dabei gewesen sein wirst, so wirst du sicher finden, es sei in jedem Falle besser, dass wir uns verabreden und Freunde bleiben, als dass wir uns zanken und Feinde werden.«

»Ja, ja«, antwortete jetzt der neue Richter, »Streit und Zank ist in jedem Falle immer das allergrößte Übel.«

Die Spinnengerechtigkeit

Auch die Spinne wollte einst gerecht sein und sagte der Besenfrau, welche alle Wochen einmal ihr Haus in den Staub legte, sie sei gewiss kein so böses Geschöpf,
als man sie allgemein dafür halte; es sei freilich wahr, sie empfinde nicht alles immer richtig, was an den äußersten Spitzen ihrer langen Spindelgebeine vorgehe. Und wenn sie zuzeiten genötigt sei, ein unglückliches Tier wegen Frevel und Unruhe zu ihrem Haupt bringen zu lassen, so sei sie ganz unschuldig, wenn ihre gefühllosen Fingerspitzen ein solches Tier etwa zu hart in die Klauen fassen.

Die große Kunstgewalt zum Morden, die der Spinne einwohnt, fiel mir auf. Es wunderte mich zum Erstaunen, wie dieses elende Tierchen dahin gekommen, im Mittelpunkt eines für sie mit so viel Kunst organisierten Mördersitzes zu wohnen und gleichsam einen zum Dienst ihres Lauerns und Mordens geschaffenen Weltkreis um sich her zu besitzen, den sie dennoch im Falle seiner Verletzung und sogar im Falle seiner gänzlichen Zerstörung aus sich selbst wieder herzustellen im Stande ist.
Doch, es fiel mir bald auf, dass, je kleiner das Tier ist, das vom Morden lebt, desto mehr bedarf es der tierischen Kunst, dieser großen Dienstmagd des tierischen Lauerns, Fangens und Mordens, zu seiner tierischen Erhaltung; und in diesem Gesichtspunkt war mir ganz heiter, dass das elende Tierchen, die kleine Spinne, eine so ganze Kunstwelt zu ihrem Dienst notwendig hat. Sie müsste ja ohne diese Kunstwelt, die ihr zu allen Bedürfnissen ihres Lauerns, Fangens und Mordens dienend die Hand bietet, wahrlich verrecken oder betteln gehn.
Die Sache der Spinne schien mir jetzt vollkommen gerechtfertigt oder wenigstens erklärt. Indessen möchte ich doch um alles in der Welt kein Faden ihres Gewebes sein, noch viel weniger ein Spinnenbein, das sie nach allen Richtungen zu ihrem Fraße hinträgt und unglückliche, gefangene Tierchen zu ihrem Haupt bringt und ihr vors Maul legt.

Die ungleichen Herren

Der eine darf trauen und glauben, der andere muss lauern und fangen; darum liebt der eine das Recht und die friedliche Weisheit, der andere Arglist und derbe Gewalt.
Auch leben in den Dörfern des ersten fromme, frohsinnige, glückliche Menschen, in den Dörfern des andern viel freches, verfängliches, misstrauisches und gewalttätiges Gesindel.

Die Unverschämtheit des unbrauchbaren Mannes

»Wie darfst du dich auch neben mir zeigen?« sagte ein unbrauchbarer Mahlstein zu einem abgeschliffenen alten, der neben ihm lag.
Dieser antwortete ihm: »Wir sind jetzt freilich beide unbrauchbar; aber ich, weil ich ausgebraucht bin, und du, weil man dich nie gebraucht hat und nie brauchen kann.«

Die verwandelten Schafe

Die Herden des größeren Viehs vertrieben die schwächeren Schafe aus allen Ebenen bis an die steilen Gebirge.
Dahin verjagt, jammerten sie für ihr Leben. Da erbarmte sich Jupiter, der aller Armen Vater ist, ihrer gedrängten Schwäche, schuf ihnen starke Gelenke zum Springen, Hörner, sich in die Felsen zu klammern und eiserne Schenkelgebeine.
Also ward das wilde Gemsgeschlecht, das in glücklichen Höhen sein Gras findet, erschaffen und lebte Jahrhunderte ferne von den gefürchteten Menschen und Herden.
Aber einst gelüstete ein weibliches Gemstier beides, auf den Bergen und in den Tälern zu leben, und bat um ein Herz, das sich nicht mehr vor Menschen und Herden entsetze.

Jupiter erhörte auch diesen Wunsch und machte sie zur Stamm-Mutter der elenden Ziegen.

Die Welle und das Ufer

Das Ufer sagte zur Welle: »Warum beschädigst du mich?«
Die Welle antwortete: »Die Gewalt meines Stroms wirft mich zu meinem eigenen Verderben an dich hin.«

Alle menschliche Kraft, die ohne ihr Wissen und wider ihren Willen der Schwäche, dem Irrtum und der Gewalttätigkeit irgendeiner anderen menschlichen Kraft als totes Werkzeug und Mittel dient, ist dieser Welle gleich, und kann gegen jedermann, den sie schädigt, mit Recht die gleiche Entschuldigung anbringen.

Das Feuer und das Eisen

Das Feuer sagte zum Eisen: ich bin dein rechtmäßiger Herr. Das Eisen antwortete: ich kenne deine Gewalt über mich; aber ich achte sie nie weniger für rechtmäßig, als wenn du mich schmelzest. Diese Antwort missfiel der hochfahrenden Flamme; sie knisterte, rauchte und sprach: der mich schuf, gab mir meine Gewalt über dich. Das Eisen erwiderte: es sind indessen doch nur Menschenhände, die mich in die Esse und in den Tiegel legen. Ein Prachtgeländer von Eisen, das dieses Gespräch hörte, erwiderte: ich lobe mir das Feuer, das mich schmelzt, ich lobe mir die Zange, die mich in die Esse legt und die Menschenhand, die mich schmiedet, sonst wäre ich noch elendes Erz, deren es Berge voll hat, und auf das niemand achtet.

So verschieden sind die Ansichten über den nämlichen Gegenstand, wenn sie von verschiedenen Standpunkten ins Aug' gefasst werden.

Das Hahnen-Geschrei

Meister Erdwust: »Warum kräht der Hahn allemal, ehe du aufstehst?«
Knecht Frohmut: »Damit ich noch einen Augenblick als ein Mensch denken könne,
ehe ich als ein Vieh arbeiten muss.«

Dieser Meister Erdwust sagte auch einmal zu seinem Knecht, es sei mit dem Ruhetag, den man den Sonntag heiße, eine bloße Narrheit, wir haben ja in der Woche sieben Ruhenächte.

Das Menschenvertilgen

Es entstand einst im weiten Reiche der Tiere ein großes Geflüster, sie müssten sich alle miteinander vereinigen, ihre grausamen Feinde, die allmörderischen Menschen,
zu vertilgen.
Aber die Elefanten, die Löwen, die Tiger und die Bären wollten nichts mit dieser Vereinigung zu tun haben. Sie sagten: »Wenn uns jemand angreift, so wollen wir uns wehren.«
Die Schlange hingegen klagte über den Mangel an Gemeingeist unter den größeren Tieren und bot ganze Haufen Gift an gegen die Menschen.
Der Fuchs bot alle seine List an.
Der Esel meinte: »Wenn nur ein jedes Tier hartnäckig genug wäre, sich eher zu Tod schlagen zu lassen, als das zu tun, was die Menschen von ihm forderten!«
Die Kuh meinte: »Wenn nur ein jedes Tier sich Hörner aufsetzen ließe, wie sie ein Paar auf dem Kopfe trage, und dann dem ersten besten Menschen wenigstens eins davon in den Leib hineinstoßen würde, so könnte der Krieg mit den Menschen nicht fehlen.«
Der Affe sagte: »Wenn nur jedes Tier so ein paar Kletterbeine wie ich hätte, so könnten wir die Menschen ohne Gefahr von den Bäumen herunter mit Steinen zu Tode werfen.«
Das Stärkste aber trugen die Hunde an. Sie meinten, man könnte die Menschen mit dem Maulbrauchen vertilgen und behaupteten, diese ihrem Geschlechte eigene Kraft sei dem Menschen so fürchterlich, dass sich sicher eine Möglichkeit denken lasse, sie alle miteinander – zu Tode zu bellen.

Es ist wahr, die tierische Natur hat große Mittel gegen das Menschengeschlecht in ihrer Hand, und ich muss gestehen, unter allen schien mir keines nachteiliger als das hündische Maulbrauchen

Das Schuhmaß der Gleichheit

Ein Zwerg sagte zum Riesen: »Ich habe mit dir gleiches Recht.« – Der Riese erwiderte: »Freund, das ist wahr, aber du kannst in meinen Schuhen nicht gehen.«

Das sollte man dem Dorfvogt antworten, der eine Stadtpolizei auf seinem Dorf haben möchte, und dem Stadtbürgermeister, der eine Macht vor seinem Rathaus und vor dem Stadttor, auf Kosten der Stadt, in fürstlicher Parade aufziehen zu machen gelüstete.

Das Storchenland

Ein Reisender verirrte sich in ein abgelegenes Tal, darin er keine Stimme hörte als quakende Frösche; er konnte nicht weiter; alles war Sumpf. Doch ehe er zurückging, fragte er noch einen Frosch, warum hierzulande alles quake. Der Frosch erwiderte: »Unser glückliches Land ist wie kein anderes bis auf seine hintersten Winkel für unsern Gott organisiert.«– »Und wer ist denn euer Gott?« sagte der Fremde. Der Frosch antwortete: »Der Storch.«

Das hohe Ross und der Zwerg

Ein Zwerg wollte hoch scheinen; dafür setzte er sich auf das höchste Ross, das im Lande war. Ein Bauer, der ihn antraf, glaubte, es sitze ein Kind auf diesem Rosse und sagte zu ihm: »Du hast gewiss keinen Vater daheim, dass man dich auf das höchste Ross setzt. Komm, ich will dir herunterhelfen; du könntest sonst zu Tode fallen.«

Man denke sich jetzt die Augen des Zwergs, aber auch das Lachen des Bauers, da er sah und erkannte, wen er vor sich hatte.

Das kranke Bäumchen

Sein Vater hatte es gepflanzt – es wuchs mit ihm auf, es liebte es wie eine Schwester und wartete seiner wie seiner Kaninchen und seiner Schäfchen.
Aber das Bäumchen war krank; täglich welkten seine Blätter. Das gute Kind jammerte; riss ihm täglich die welkenden Blätter von seinen Zweigen und goss dann auch täglich gutes, nährendes Wasser auf seine Wurzeln.
Aber einmal neigte das leidende Bäumchen seinen Gipfel gegen das liebende Kind und sagte zu ihm: »Mein Verderben liegt in meinen Wurzeln; wenn du mir da hilfst,
so werden meine Blätter von selbst wieder grünen.«

Da grub das Kind unter das Bäumchen und fand ein Mäusenest unter seinen Wurzeln.

Das zerrissene Herz

Als ein Hahn ein Küchlein aufs Blut pickte, und die Mutter dem Hahn ohne Gegenwehr zusah, entfloh das verwundete Küchlein unter einen Holzstoß, und kam nicht mehr hervor; so sehr auch die Henne ihm lockend rief, blieb es doch unbewegt unter dem Holzstoß, und starb voll gleichen Entsetzens über das Picken des Vaters und über das Zusehen der Mutter.

Wenn Teilnahme und Hilfe mangeln, wo Natur und Pflicht Hilfe gebieten, dann ergreift Entsetzen das verwahrloste Herz. Das ist bei einem Kinde wahr, dem die Eltern in diesem Grade mangeln. Es kann aber auch bei ganzen Menschenhaufen wahr werden; es kann das Herz eines Volkes ergreifen, das von denen, die es zu versorgen Pflicht und Eid auf sich haben, so auf eine herzzerreißende Weise verwahrlost, hintangesetzt und gedrückt wird.

Ein Esel und ein Löwenschädel

Ein Esel fand einen solchen. Es schauerte ihm noch vor dem toten Gebiss. Der Schädel, der es sah, sagte ihm spottend: »Siehe da neben mir den großen Elefantenzahn;
das ist etwas zum Zittern.«
Aber der Esel antwortete ihm: »Nein, nein, dieser sagt mir nur: ›Tue recht!‹ – du aber sagst mir: ›Ich fresse dich.‹«

Ein Fuchs und ein Esel

»Ich freue mich allemal, wenn ich einen unsrer Feinde, Treiber und Mörder hierher bringen sehe und denke: Es liegt wieder einer unsrer Feinde bei der Menge derer, die schon tot sind« – also sagte ein Esel auf einem Kirchhofe zum Fuchs.
Aber dieser antwortete ihm: »Ich hingegen erschrecke immer bei einem Leichenbegräbnis. Es kommt mir bei einem solchen immer kein Sinn an den einzelnen Menschen, den man ins Grab legt, ich denke nur an die Menge derer, die um dasselbe herumstehen.«

Es ist doch gut, dass die Menschengefühle bei einem Begräbnis gewöhnlich weder Fuchsen- noch Eselsgefühle sind.

Ein alter Elefant

Er war eben nicht der Klügste aus seinem Geschlechte, aber er bekam dennoch wegen der Ordnung, die er unter den Tieren eines kleinen Bezirks hatte, einen so guten Namen, dass ihn die Tiere eines großen Landes baten: »Werde unser König!«
Er wollte im Anfange nicht und sagte: »Ich will bei meinen alten Tieren leben und sterben.« Aber auch diese baten ihn und sagten: »Nimm die Ehre an und werde ein König.«
Er tat es endlich; aber die Folge davon war: Die Tiere des alten Bezirks verloren einen Führer, mit dem sie zufrieden waren, und die Tiere des großen Landes bekamen einen, mit dem sie unzufrieden werden mussten.

Das alte Tier war zu kleinlich für ein Königreich; aber durch sein Königreich zugleich auch unfähig, seinen alten Forst so ordentlich und sorgfältig zu verwalten, als er es vorher getan.

Eis und Eisen

»Du drückst mich eben wie das Stück Eisen, das neben dir liegt« – also sagte die Erde zu einer Eisscholle, die der Bach auf sie hinwarf.
Diese antwortete: »Ja, aber beim ersten lieblichen Tag vergehe ich wieder.«
Darauf sagte das Eisen: »Ich vergehe ja auch, wenn die Hitze groß genug ist.«
Aber die Erde erwiderte: »Behüte mich Gott davor, dass sie jemals für mich so groß werde.«
Und der Eisklumpen setzte noch hinzu: »Es ist nicht einmal wahr, dass du jemals vergehst; wenn du auch, in der höchsten Glut fließend, wie wallendes Feuer scheinst, so bist du doch Eisen, und wenn du geschmolzen wieder erkältest, so bist du nur anders geformt.«

Alte Zeit, gute Zeit

»Ich wollte aus einer solchen Eiche zwölf Ruhbänke machen, die ebenso dienen«, sagte Schaffner Christoph zu seinem Herrn, der eben auf einer Eiche saß, die sein Ahnherr zu einer Ruhbank vor sein Schloss hatte legen lassen.
»Nun, so nimm eine solche Eiche«, antwortete sein Herr, »und mache zwölf solche Ruhbänke daraus.«
Der Schaffner tat es; aber die Ruhbänke sind schon alle wieder verfault, und des Großvaters Eiche liegt noch unversehrt da und wird in hundert Jahren bei späten Enkeln noch unversehrt daliegen.

Faule Eichen und junge Tannen

»Du hast die Pracht und die Zierde aller unserer Nachkommen niedergemacht« – also sagten alte und hohe, aber schon faule Eichen, da sie in ihrem Falle junge Bäume zu Tausenden niederschlugen, zum Bauer, der sie umhieb. Aber die übergebliebenen, unbeschädigten Tannen und Eichen trösteten ihn und sagten: »Das Elend, welches ihr Fall über uns verbreitet, ist viel kleiner als dasjenige, welches ihr Leben über uns verhängte. Denn wir werden von nun an sicher aufhören, die elenden Sterblinge zu sein, welche wir um ihretwillen immer waren.«

Fuchs und Esel beurteilen den Löwen

Da einst ein Löwe, so gut er konnte, gerecht war, das heißt, da er die Tiere seines Waldes gar nie zu seiner Lust zu Tode jagte, sondern nur zu seiner Erhaltung auffraß, erhub ein Esel gegen den Elefanten ein großes Geschrei und sagte: »Du großer Baumnascher, komm und siehe, ob es wahr sei, was du immer behauptest, dass die Löwen zu regieren nichts taugen!«
Der Elefant ließ ihn reden und pflückte Kokosnüsse von seinem Baume. Aber ein Fuchs, der eben jetzt nicht im Löwendienst war, antwortete ihm: »Wenn du nicht ein Esel wärst, so würdest du begreifen, dass Tiere, die nicht leben können, ohne andere zu fressen, ewig nie gegen eben diese Tiere gerecht sein können.«
»Das denk ich: Du! Aber er ist doch gerecht, unser Herr«, erwiderte der Esel.
Und der Fuchs: »Ja, er hat eben gestern, ich denke aus Vollmaß seiner Gerechtigkeit, ein Pferd zerrissen, weil es gesagt hat, er regiere um seiner selbst und nicht um des andern Viehs willen.«
Der Esel war unterrichtet und antwortete: »Der Fall, wie du ihn erzählst, ist entstellt. Der Löwe hat das Tier nicht um der Gerechtigkeit willen zerrissen, er hat es um der öffentlichen Meinung willen tun müssen.«

Der Fuchs, wenn er schon ein mitfressender Tierschalk war, hatte doch recht. Die Tiere haben keinen Frieden und keine Gerechtigkeit, weil sie Tiere sind und als Tiere nur tierisch fühlen, denken und handeln. Und umgekehrt haben die Menschen nur insoweit Frieden unter sich und Gerechtigkeit untereinander, als sie wahrhaft menschlich denken, fühlen und handeln. Dass aber der Fuchs diese Wahrheit ausspricht, ist leicht dadurch zu erklären, dass er nicht mehr im Löwendienst war; denn man weiß ja, Tiere außer dem Dienst reden ganz anders als Tiere im Dienst.
Weit unerklärlicher erscheint mir die Antwort des unterrichteten Esels; man sollte fast denken, er wäre an des Fuchses Statt im Löwendienst angestellt gewesen. Wie wären sonst ein armer Distelfresser und der Unterricht zusammengekommen?

Gauch (Kuckuck) und Käfer

Ein schwarzer Käfer warf dem Gauch vor, er stinke.
Aber dieser antwortete ihm: »Ich bin doch schöner als du, und wenn mich einer gesehen hat, so bedarf er eben nicht noch an mir zu riechen.«

Hühner, Adler und Mäuse

Die Hühner rühmten ihr Gesicht und sagten selber zum Adler: »Auch das kleinste Korn liegt heiter vor unsern Augen.« –
»Arme Hühner!« erwiderte dieser, »das erste Kennzeichen eines guten Gesichts ist dieses: von allem dem nichts zu sehen, was euch in die Augen fällt.«–
Also sagten auch die Maulwürfe: »Die schreckliche Sonne ist der Tod alles Lichts, und es ist nur unter dem Boden recht heiter.« –
Alle Mäuse gaben ihnen Beifall, und eine jede betet täglich zum großen Jupiter: »Bewahre uns vor dem Blendwerk der Sonne und erhalte uns das milde Licht unserer Löcher von nun an bis in Ewigkeit.«

Die vielerlei Arten von Menschen, die bei der Nacht und bei dem Nebel, der sie umhüllt, mit Blendlaternen herumgehen und dabei glauben, ihre Blendlaternen seien helles Sonnenlicht, kommen zuzeiten auch in den Fall dieser Maulwürfe und Fledermäuse.

Hirschenhorn

Ein Mensch, der noch wenig Tiere gesehen hatte, kam plötzlich in einen Tiergarten, und staunte über die Pracht der zahmen und wilden Geschöpfe; aber das Horn des Hirsches ging ihm über alles. Er sagte zum Wärter: Die Natur hat dieses Tier gewiss zum König der Tiere bestimmt.
Warum meinst du das? fragte ihn der Wärter.
Der Neuling im Tierreich antwortete: Sein mächtiges Horn zeugt von unermesslicher Kraft. –
O nein, erwiderte der Wärter, es ist nur ein schwülstiger Auswuchs seiner mittelmäßigen Kraft.
Neuling: Ich hielt es für eine Naturkrone, die alle Tiere als das über sein Haupt emporstrebende Zeichen seiner allgemeinen inneren Kraft anerkennen und respektieren müssen.
Der Wärter erwiderte, die Kraft der Hirsche liege wesentlich in ihren Beinen und diese brauchen sie vorzüglich zum Fliehen, wenn sie auch nur einen kleinen Hund bellen hören.

Ein alter Soldat, der diese Erzählung über das Hirschenhorn und die Hirschenkraft hörte, sagte darüber: Ich kenne ein Leibregiment, das auf der Parade sich auch in seiner Kleidung, aber auch in der Schlacht im Fliehen auszeichnete, wie der Hirsch mit seinem Horn und mit seinen Beinen.

Junker Fritz und seine Bauern

Ich tue doch vieles, um euch glücklich und eures Lebens froh zu machen. Also sagte Junker Fritz zu seinen Bauern in Kohlhofen. Es ist wahr, es ist wahr, ihr seid ein gütiger Junker: Es geht allemal lustig, wenn ihr um den Weg seid, und wir haben euch vieles zu danken. Also antworteten die Bauern in Kohlhofen fast aus einem Munde.

Nur einer schwieg bei ihrem Danken und sagte: Gnädiger Herr! darf ich euch etwas fragen? Warum das nicht, antwortete Fritz. Darauf sagte der Bauer: Ich habe zwei Äcker, der eine ist stark gemistet, aber schlecht gefahren und voller Unkraut; der andere aber ist weniger gemistet, aber wohl gefahren und rein von Unkraut. Welcher von beiden glauben jetzt Euer Gnaden wird mir mehr abtragen? Natürlich der letzte, sagte der Junker, du hast diesem, so viel als du konntest, sein ganzes Recht widerfahren lassen, den anderen aber nur gemistet.
Lieber Junker! erwiderte der Bauer, auch wir gedeihen besser, wenn Sie uns unser Recht widerfahren lassen, als wenn Sie uns mit Guttaten - übermisten.

Das Bild dieser zwei so ungleich besorgten Äcker führt weit. So wie der Acker, dem sein ganzes Recht widerfahren ist, gleichsam von selbst gute und reiche Früchte trägt, und hinwieder, so wie der andere, der nur übermistet ist, unmöglich viel abtragen kann, weil ihn eingewurzeltes Unkraut und die Härte der Erde daran hindert, so kommt auch der Mensch, der im ganzen Umfang seines Rechts wohl besorgt und gesichert ist, leicht dahin, sich selber wohl versorgen und ebenso leicht Segen und Wohlstand um sich her verbreiten zu können. Aber der Mensch, der im Wesentlichen seiner Bedürfnisse verwahrlost und im Genuss billiger und lange genossener Rechte gestört, gefährdet und beunruhigt wird, kommt dadurch, dass man ihn zu Zeiten mit Wohltaten übermistet, d.h., dass man ihm zu Zeiten oder noch gar öfter lustige Tage und Sinnlichkeitsgenießungen verschafft, die für seine Lage nicht passen, auf keine Weise dahin, weder sich selbst und die Seinigen wohl versorgen, noch weit weniger Wohlstand, Segen, Weisheit und Tugend um sich her verbreiten zu können.

Künstler und Narren

Ein Narr sah einen Künstler an einem rohen Stein arbeiten. »Schade, schade«, sagte er, »dass der nicht poliert.«
Der Künstler: »Nein, Guter, wir Steinkünstler machen es nicht wie die Menschenkünstler. Diese geben den Kindern eine vollendete Politur, eh sie auch nur daran denken, sie zu bearbeiten.« –
»Ja, ja«, sagte der Narr, »das ist recht, das ist ganz so. Eben so solltet auch ihr es machen.«

Kauz und Adler

Als die Vögel einen Kauz aushöhnten, sagte ihnen ein zuschauender Mensch:
»Dem Adler, dem Adler solltet ihr euren Unwillen also zeigen!«
Die Vögel erwiderten: »Wir wissen wohl, dass der Adler viele von uns frisst; aber wir verspotten den Kauz nicht, weil er uns frisst, sondern weil er wie ein Narr Augen macht, wenn er uns anschaut.«

Die Vögel hatten recht. Es kann jemanden, der weiß, was die Augen im Menschenkopf bedeuten sollen, nichts Widrigeres sein, als von jemand mit Nachteulenaugen angeguckt zu werden.

Löwe und Reh

Der Löwe meinte, das Reh sollte in jedem Falle stillestehen, wenn er rufe.
Aber das Reh antwortete ihm: »Der große Jupiter hat das meinem Herzen verboten,
wie dir das Grasfressen.«

Jupiter hatte sehr recht, sonst würde es gewiss dahin kommen, dass auch die Mäuse den Katzen stillstehen müssten, wenn sie nur miauten.

Nero

Ein Bürger von Rom spritzte Nero, da er durch die Gassen der Stadt fuhr, von seinem Fenster herunter Wasser an die Nase.

Der erzürnte Unmensch ließ darauf alle Spritzen in Rom zugrunde richten und zündete ein paar Gassen der Stadt an, um zu sehen, ob während der Brunst sich etwa eine gegen seinen Befehl dem Staate vorenthaltene Spritze hervorzeige.

Rossfliege und Hornisse

Die Rossfliege wollte den Rang vor der Wespe; damit sie ihn bekomme, ging sie zu der Hornisse in Dienst, und leckte dieser den Angel im Leibe, der ihr zu Zeiten weh tut.

Es macht mich nichts so sehr lachen, als wenn ich solche Rossfliegen sehe, die sich im Dienste einen höheren Rang zum Nachteil kraftvollerer Männer, die diesen Rang verdient haben, durch Niederträchtigkeit zu erschleichen gewusst. Ich kann nicht verhehlen: die Rossfliege und ihr Verdienst um die Hornisse kommt mir in diesem Falle dann immer in Sinn.

Schwamm und Gras

Der Schwamm sagte zum Gras: »Ich schieße in einem Augenblick auf, indessen du einen ganzen Sommer durch wachsen musst, um zu werden, was ich in einem Augenblick bin.«
»Es ist wahr«, erwiderte das Gras, »ehe ich etwas wert bin, kann dein ewiger Unwert hundertmal entstehen und hundertmal wieder vergehen.«

Sonne und Mond

Wenn der Mond sich verdunkelt, so ist er dann nur, wie er in sich selbst ist, und du achtest es nicht; aber wenn die Sonne in einen Schatten fällt, so verdunkelt sich das Licht, das in ihrer Natur selbst liegt, und deine ganze Aufmerksamkeit wird auf den Schatten gerichtet, der auf sie fällt.

Bei dem gemeinen Menschen achtest du es nicht viel, wenn du schon etwas Schwaches und Gemeines von ihm hörst, aber wenn dir von einem Menschen, den du hoch achtest, plötzlich eine Schwäche und ein Fehler auffällt, so vergisst du in diesem Augenblick leicht seinen in dir selbst tief gegründeten Wert und siehst und fühlst jetzt nur die vorübergehende Blöße, die er sich in diesem Augenblick gegeben; und wahrlich, je kleiner du selbst bist, desto größer scheint dir diese Augenblicksschwäche des Mannes.

Stoffel und seine Uhr

»Wenn du gehst, so schleifst du dich aus; wenn ich dich aufziehe, so kannst du zerspringen« – also sprach Stoffel, der blinde Erbe der Uhr, und machte nach reifem Bedenken der Sache ihr endlich das Urteil: »Steh still – und meinethalben verroste.«

Es gehen tausendmal mehr Kräfte der Menschennatur dadurch verloren, dass man sie stillstehen und ungebraucht verrosten lässt, als dadurch, dass man sie durch überspannte Anstrengung in sich selber zersprengt oder durch langen, anhaltenden Gebrauch abschleift und durch Ermüdung unbrauchbar macht.

Stoffels Brunnen

Als des eitlen armen Stoffels Hausbrunnen beinahe abstund, befahl er seinem Knecht: »Wenn niemand um den Weg ist, so stopfe die Röhre; wenn aber ein Fremder durch den Hof geht, so lasse sie laufen.«
Der Knecht antwortete: »Damit wird der Brunnen immer schlechter, und ich kann weder zur rechten Zeit tränken, noch zur rechten Zeit schöpfen.«
Der Meister erwiderte: »Ich will für einmal alles lieber, als dass mein Herr Nachbar merke, dass mein Brunnen schlecht ist.«

Man sollte nicht glauben, wie viele solche eitle Gimpel es in unsrer Zeit gibt.

Ganz neulich sagte in meiner Gegenwart eine solche Gimpelmutter zu ihrem Kinde: »Mach doch in allem, was du tust, dass es auch eine Art hat.« – »Aber wie muss ich das machen?« fragte das Kind. Die Mutter erwiderte: »Ich will es dir sagen. In allem, was du tust, musst du immer darauf sehen, dass niemand merke, was du damit suchst, und dir niemand ansehe, was du dabei denkst.«

Von Zäunen mit faulem Holz
und von schlechten Dorfvorgesetzten

»Man zäunt hie und da auf den Bergen mit starkem gutem Holze, weil man daselbst solches im Überfluss hat. Im Tal aber, wo es hie und da selten ist, zäunen arme Leute gar oft mit schwachem, schlechtem und oft halbfaulem Holze.« Das antwortete mir ein Bauer, als ich ihn fragte, warum sein Junker so schlechte Burschen in seinem Dorfe zu Vorgesetzten mache. Ich erwiderte ihm: »Aber wozu dient denn ein Zaun, wenn sein Holz faul ist?« Er antwortete: »Die Sache hat dennoch mehr Vorteile, als man glaubt; denn erstlich versieht ein solcher Zaun was ein guter, solange kein Stier sein Horn daran stößt und kein Wind bläst. Zweitens: Was dumm unter dem Vieh ist, ahnt nicht einmal, dass das Zaunholz faul ist, wenn es nur dasteht. Und endlich glauben die faulen Zaunstöcke, solange sie immer noch stehen, sie seien gutes Holz, und dieser Glaube an sich selbst macht ihnen Freude.«

Und so ist es auch bei den Menschen; denn man hat die Mittel der öffentlichen Ordnung notwendig und gerne, auch wenn sie nur halb gut sind, und auch der schlechteste Bursche, wenn er in einem Dorfe Vorgesetzter oder in einer Stadt Ratsherr wird, meint von der Stunde an, er sei ein ganz vorzüglicher Mensch. Und dieser Glaube an sich selbst macht auch wirklich, dass mancher in seinem Amte und durch dasselbe etwas mehr und etwas besser wird, als er ohne seine Stelle nie geworden wäre.

Was der Affe mit der Schlange gelernt hat

Ein junger Affe studierte lange und konnte nicht ergründen, was Bescheidenheit sei; endlich sah er eine Schlange auf dem Bauche kriechen und sagte zu seiner Mutter:
»So ohne Hände und Füße sich durch die Welt zu winden, das wird wohl Bescheidenheit sein.«

Der gute Junge wusste nicht, wie leicht und wie hoch die Schlange ihren Kopf in die Höhe heben und wie sie ihren Leib zu einem Kamelrücken machen kann, wenn sie sich auf die Kraftsprünge vorbereitet, mit denen sie nicht bloß schwache Affen, sondern auch starke Tiere mörderisch anfällt, um den Demutsbauch ihres kriechenden Leibes voll zu stopfen. Glaube doch niemand, dass, wer sich beim Kriechen gerne und leicht unsichtbar macht, demütig sei.

Was ist der Mensch – Blatt oder Stamm?

Missmutig über den Tod seiner Erschlagenen, neigte ein siegender König sein Haupt gegen den Boden. Ein Schmeichler, der merkte, was den Fürsten drückte, zeigte ihm zahllose am Boden liegende Blätter unter einer Linde und fragte den König: »Werden diese nicht wieder wachsen?«

Das empörte einen edlen Mann, der neben ihm stand. Dieser führte den König in das Dickicht des Waldes, zeigte ihm tausend vom Sturme niedergestürzte Tannen und sagte zu ihm: »Werden denn diese auch wieder wachsen?«

Wie die Tiere überhaupt regieren würden

»Wenn wir jetzt auch Menschen wären und wie sie die Erde regieren könnten,
was würden wir auch tun?« Also sagte ein Affe zu einer Tierschar.

Der Löwe antwortete: »Ich würde tun, was mich gelüstete und es dann darauf ankommen lassen, was daraus entstünde.«

Der Esel sagte: »Ich würde in eine Schule gehen, und was ich darinnen lernen würde, das müssten mir Menschen und Tiere dann alle auch lernen und betreiben.«

Das Schwein sagte: »Ich würde die ganze Erde mit Eicheln besäen und dafür sorgen, dass die gemästeten Tiere allenthalben Pfützen fänden, sich darin zu erquicken.«

Der Hund sagte: »Ich würde, denke ich, auch dann ein Hund bleiben und also dem dienen, der mich fütterte und streichelte, und den anbellen, an den er mich hetzte.«

Der Stier sagte: »Ich würde eine große Ratsstube erbauen; alles müsste mir beim offenen Mehr verhandelt werden und Recht sein, was das Mehr wollte.«

Der Fuchs sagte: »Die Stierenordnung würde mir recht sein; aber ich würde mich hinter den Ratsbänken hindurch in ein Geheimnest unter den Thron hinschleichen und dann da freilich nicht für das Stierenmehr, sondern für meine Fuchsgelüste zu arbeiten suchen.«

Die Schlange sagte, sie wolle der Tiere Teufel sein und sie durch Entsetzen zu allem dem hinführen, was ihre weisen Obertiere von ihnen fordern würden.

Der Rehbock fand den Antrag der Schlange abscheulich und trug seinerseits an,
die Tiere von des großen Jupiters wegen und mit lauter Liebe zu eben diesem Endzwecke hinzuführen.

Der Affe sagte: »Bald denke ich, ich wollte alle Tiere tun lassen, was sie gelüstete, und Freude haben am Spiel ihrer Freiheit, bald aber, ich wollte mich auf einen Thron setzen, der wie die Sonne glänzte, und alle Tiere der Erde müssten mir mit dem Schilde meiner Herrschaft auf eine Weise bezeichnet sein, dass man sie daran auf tausend Schritte hin als Untertanen meiner Hoheit und Herrschaft erkennen würde.«

Der Elefant wollte lange seine Meinung nicht sagen; da aber vom Löwen an bis zum Esel hinunter alles in ihn drang, sagte er: »Wenn ich regieren müsste, so würde ich glauben, nur insoweit gut zu regieren, als ich verhüten könnte, dass von allem dem, was ihr in diesem Falle tun würdet, gar nichts geschähe.
Ich würde also trachten, dass König Löwe gar nicht tun dürfte, was ihn gelüstete.

Ich würde dem Ratsherrn Esel bedeuten, die Eseleien seiner Schuljahre für sich selbst zu behalten und sie gar nicht zu Normalformen der allgemeinen Bildung des Viehreichs zu machen.

Ich würde dem Gemeinmann Schwein sagen, dass Menschen und Vieh nicht allein von Eicheln leben und dass die Pfützenordnung, die ihm so lieb sei, und seine wilden Borsten eigentlich nicht schlechter mache als sie schon seien, den meisten andern Tieren ihr Fell verderben würde.

Dem Allerweltsknecht Hund würde ich erklären, dass er kurzum nicht mehr Hund sein oder nicht regieren müsse.

Dem Innungsmeister Stier würde ich sagen, dass bei einem Gemeinmehr, bei welchem ein Stier präsidiere, der Stier selber auf seinem Präsidentenstuhl von den Füchsen unter dem Thron einem Metzger verkauft werden könnte.

Dem Geheimrat Fuchs würde ich seine Höhle unter dem Thron mit einer Glastüre beleuchten und ihm alle Schleichwege hinter den Ratsbänken verrammeln.

Dem infamen Affen würde ich das Viehmäßige, beides, seiner Freiheits- und seiner Regierungsgelüste mit der Knute auf seinem Hintern austreiben.

Die satanische Schlange würde ich fangen und würgen, wo ich sie fände.

Der geweihten Einfalt des Rehbocks würde ich die Schädel aller wilden Tiere an seine Hörner aufhängen, damit er sich anatomisch und physiognomisch überzeugen lerne,
wie groß die Torheit sei, Menschenwahrheit und Menschenrecht in Löwenschädel, in Stierenköpfe, in Hundsbäuche und in Schlangenhäute hineinpredigen zu wollen.«

Der ganze Tierkreis schnitt lange Gesichter; aber er schwieg. Nur der Löwe antwortete: »Ich weiß es schon lange, dass du den Adel aller Bluttiere verachtest und dich allein den schwachen aber hinterlistigen Feinden unseres Geschlechts, den Menschen, gleich glaubst.«

Der Elefant versetzte: »Von mir sagte ich nichts; aber was ich über euch urteilte, das ist Wahrheit. Ihr seid alle an Hirn und Herz nicht so beschaffen, dass es gut gehen könnte, wenn ihr regieren würdet; den Fall ausgenommen, wenn ihr mit Gewalt gehindert würdet, nach eurem Herzen und nach eurem Kopfe zu regieren.«
»Aber das würden wir in keinem Falle leiden«, schrie jetzt der ganze Tierkreis, und der Elefant antwortete: »Ebenso schreien auch unter den Menschen alle die, so euch gleichen, wenn Recht und Gesetze sie hindern wollen, gewalttätig, hinterlistig, niederträchtig, dumm, herzlos und affensüchtig, das heißt so zu regieren, wie ihr es allenfalls auch könntet, wie ich es aber in keinem Fall möchte.«

Wieder die Eiche und das Gras

Gleich morgens sagte die Eiche zu ihrem Bodengras: du bist undankbar, dass du den Segen meiner Herbstblätter, die ich alle Jahre wie ein Winterkleid auf dich lege, nicht anerkennst. Aber das Gras antwortete ihr: du nimmst mir mit Stamm und Gipfel mein Recht an Sonne, Tau und Regen, und mit deinen Wurzeln meinen Anspruch an die Nahrung des Bodens, in welchem ich stehe; lass jetzt das genug sein, und plaudere mir nicht noch von dem Almosen des Winterkleides, das du um deiner Wurzeln willen, auf mein Elend zu legen, genötigt bist.

So, so, die Eiche wollte noch Dankbarkeit von dem Grase, das unter ihrem Schatten zu sterben gezwungen war. Diese Anmaßung ist fast so stark, als die Anmaßung des Dei von Algier, der von seinen Sklaven noch fordert, sie sollen bei dem Unrecht, das sie in der Sklaverei leiden, ihm dennoch für den Schutz danken, den sie dadurch genießen, dass sie die Luft seines Reiches einatmen und sich an der Sonne seines Reiches wärmen dürfen.

Zwei Füllen

Zwei Füllen, die sich in Wuchs und Bildung wie ein Ei dem andern glichen, fielen in
ungleiche Hände. Das eine kaufte ein Bauer und gewöhnte es, ohne Rücksicht auf die Veredlung seiner Natur, zum niedern Dienste am Pflug und an den Karren. Das andere fiel in die Hand eines Bereiters. Dieser baute die Kunst seines Dienstes auf die Veredlung seiner Natur, das ist auf die Erhaltung und Ausbildung seiner Feinheit, seiner Kraft, seines Muts. Es ward ein edles Geschöpf, indessen das andere alle Spuren seiner edlen Natur an sich selber verlor.

Zwei Pferde und die Deichsel

Die Deichsel brach vom Wagen, und die Pferde sprangen wütend mit ihr über Stauden und Stöcke. Da sie aufgefangen wurden, sagte die Deichsel zu ihnen: »Ihr geht sonst so still neben mir euren Weg; warum wütet ihr jetzt also an meiner Seite?« Die Pferde antworteten: »Solange du selbst am Wagen angekettet als eine tote Stange in dir selbst unbeweglich in Ruhe zwischen uns lagst, so gingen wir freilich auch ruhig an deiner Seite unsern Weg; da du jetzt aber vom Wagen abgerissen, selbst ungebunden in wilden, bösen Sprüngen um unsere Beine herumtanzest, so macht uns das wütend.«

Ebenso können Regierungsmaßregeln, die in willkürlichen Sprüngen den Geldsäckel, den Brotkorb, die Ehrliebe und das Rechts- und Sicherheitsbedürfnis eines Volks verletzend angreifen, bei den Menschen die gleiche Wirkung hervorbringen wie die vom Wagen abgerissene Deichsel, wenn sie in willkürlichen Sprüngen um die Füße der Pferde herumtanzt.

Zwei Schäfer

Der eine hütete die Schafe mit einem Hunde, der ohne Not keinen Laut gab, aber stark war und Wolf und Fuchs bis in ihre Höhlen verfolgte.

Der andere hütete sie mit einem, der, wenn sein Meister flötete, ihm tanzte, und wenn er schlief, unter der Herde herum sprang und die Zucht und Unzucht aller ihrer Ecken und Winkel auskundschaftete. Das war freilich für die Kurzweile und die Trägheit des Schäfers gut ausgedacht; aber die Herde hielt diesen Hund für ihren Teufel, und Fuchs und Wolf sagten untereinander: »Wir haben auf hundert Stunden weit keinen bessern Freund als diesen Hund.«

Zwei Weiden

Die eine war gut, aber des Tages kränkten grinsende Affen die weidenden Tiere, und des Nachts lauerten braune Füchse auf ihr Leben.
Die andere war mager und schlecht, aber kein Affe kränkte die weidenden Tiere, und kein Wolf und kein Fuchs lauerten auf ihr Leben.

Als die Schafe beides erfahren, baten sie den Hirten: »Lieber Vater! führ uns doch nie mehr auf diese fette Weide; wenn wir sicher und ungekränkt sein können, so wollen wir wahrlich lieber ein wenig hungern, als unter Unsicherheit und Kränkung uns täglich voll fressen.«