Sebastian Brant 1
   
 

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zu Sebastian Brant 2



Sebastian Brant
1457-1521


Brant studierte klassische Sprachen und Rechtswissenschaft an der Universität Basel,
und promovierte dort 1489 zum Doktor beider Rechte. Er lehrte kanonisches und ziviles
Recht, seit 1484 auch Poesie.
1492 wurde er Dekan der juristischen Fakultät.
1494 erschien die Satire "Das Narrenschiff", die zu einem europäischen Bestseller wurde.
1496 Professor des römischen und kanonischen Rechts.
1500 kehrte er in seine Vaterstadt Straßburg zurück und wirkte von 1503 bis zu seinem Tod
als Stadtschreiber. Kaiser Maximilian ernannte ihn zum Kaiserlichen Rat und zum Beisitzer des
Hofgerichts in Speyer.
1521 ist er in Straßburg gestorben.

"Daß Narrenschyff ad Narragoniam" des Sebastian Brant. Das reich bebilderte und aufwendig
gestaltete Werk erschien (Basel 1494) bei Johann Bergmann von Olpe.
Vom Erstdruck haben sich 10 Exemplare erhalten. Insgesamt gab es bis zu Brants Tod
16 Auflagen, sowohl autorisierte Nachdrucke als auch Raubdrucke in deutscher Sprache.

Zur Bebilderung des Werkes engagierten Brant und Bergmann von auch den jungen Albrecht
Dürer, dem gut zwei Drittel der Holzschnitte zugeschrieben werden.
Es wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um
eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren auf einem Schiff
mit Kurs gen Narragonien entwirft und so der verkehrten Welt durch eine unterhaltsame
Schilderung ihrer Laster kritisch den Spiegel vorhält.

Das Werk wurde 1497 von Jakob Locher (1471-1528) ins Lateinische "Stultifera navis"
übersetzt, und durch Weiterübersetzungen in verschiedene Landessprachen in ganz Europa
verbreitet.
 




Gen Narragonien

Hi sunt qui descendunt mare in nauibus
facientes operationem in aquis multis.
Ascendunt usque ad caelos / et descendunt usque
ad abyssos: anima eorum in malis tabescebat.
Turbati sunt et moti sunt sicut ebrius: et
omnis sapientia eorum devorata est.
Psalmo CVI

Hie findt man der welt ganzen louf.
dis buochlin wurt guot zuo dem kouf;
zuo schimpf und ernst und allem spil
findt man hie narren, wie man wil;
ein wiser findt, das in erfreit;
ein narr gern von sin bruodern seit.
hie findt man doren, arm und rich,
schlim schlem; ein jeder findt sin glich.






Index
 

Von unnützen Büchern
Von guten Räten
Von Habsucht
Von neuen Moden
Von alten Narren
Von rechter Kinderlehre
Von Zwietrachtstiftern
Gutem Rat nicht folgen
Von schlechten Sitten
Von wahrer Freundschaft
Verachtung der Schrift
Von unbesonnenen Narren
Von Buhlschaft
Von Vermessenheit gegen Gott
Von törichtem Planen
Von Völlerei und Prassen
Von unnützem Reichtum
Vom Dienst zweier Herren
Von vielem Schwatzen
Von Schätze finden
Vom Tadeln und Selbertun
Die Lehre der Weisheit
Von Überschätzung des Glücks
Von zu viel Sorge
Vom Borgen
Von unnützem Wünschen
Von unnützem Studieren
Von Wider-Gott-Reden

Von selbstgerechten Narren
 
Von viel Pfründen
Vom Aufschubsuchen
Vom Frauenhüten
Von Ehebruch
Immer ein Narr bleiben
Von leichtem Zürnen
Von Rechthaberei
Von Glückes Zufall
Von unfolgsamen Kranken
Von offenkundigen Anschlägen
An Narren Anstoß nehmen
Nicht auf alle Rede achten
Von Spottvögeln
Verachtung ewiger Freude
Lärm in der Kirche
Von Unglück durch Mutwillen
Wo Narren die Macht haben
Vom Weg der Seligkeit
Ein Gesellenschiff
Schlechtes Beispiel der Eltern
Vom Vergnügen
Geheimnisse wahren
Freien um Gutes willen
Von Hass und Neid
Tadel nicht dulden wollen
Von törichter Heilkunde
Vom Ende der Gewalt
Von Gottes Vorsehung


 

Die Zahlen innerhalb der Fabel bedeuten Anmerkungen, Interessantes und manch
Wissenswertes, bei Interesse das Glossar verwenden.


                                   Die Wahrheit wird nie wertlos sein,
                               Und wenn sich Narren den Hals abschrein.

                                                             Sebastian Brant.


Ein vorred in das narren schyff
 

Eine Vorrede in das Narrenschiff
 

All land syndt yetz voll heylger geschrifft
Vnd was der selen heyl antrifft /
Bibel / der heylgen vætter ler
Vnd ander der glich bůcher mer /

In maß / das ich ser wunder hab
Das nyemant bessert sich dar ab /
Ja würt all gschrifft vnd ler veracht
Die gantz welt lebt in vinstrer nacht
Und důt in sünden blint verharren

All strassen / gassen / sindt voll narren
Die nüt dañ mit dorheit vmbgan
Wellen doch nit den namen han
Des hab ich gdacht zů diser früst
Wie ich der narren schiff vff rüst

Galleen / füst / kragk / nawen / parck
Kiel / weydling / hornach / rennschiff starck
Schlytt / karrhen / stoßbæren / rollwagen
Ein schiff mœcht die nit all getragen
Die yetz sindt jn der narren zal

Ein teil kein fůr hant überal
Die stieben zůher wie die ymmen
Vil vnderstont zů dem schiff schwymmē
Ein yeder der wil vorman syn
Vil narren / doren kumen dryn

Der bildniß jch hab har gemacht
Wer yeman der die gschrifft veracht
Oder villicht die nit künd lesen
Der siecht jm molen wol syn wesen
Vnd fyndet dar jnn / wer er ist

Wem er glich sy / was jm gebrist /
Den narren spiegel ich diß nenn
In dem ein yeder narr sich kenn
Wer yeder sy wurt er bericht
Wer recht in narren spiegel sicht

Wer sich recht spiegelt / der lert wol
Das er nit wis sich achten sol
Nit vff sich haltten / das nit ist /
Dan nyeman ist dem nütz gebrist
Oder der worlich sprechen tar

Das er sy wis / vnd nit ein narr
Dann wer sich für ein narren acht
Der ist bald zů eym wisen gmacht
Aber wer ye wil witzig syn
Der ist fatuus der gfatter myn

Der důt mir ouch dar an gewalt
Wanñ er dyß bůchlin nit behalt
Hie ist an narren kein gebrust
Ein yeder findt das in gelust
Vnd ouch war zů er sy geboren

Vnd war vmb so vil sindt der doren /
Was ere vnd freyd die wißheit hat /
Wie sœrglich sy der narren stat /
Hie findt man der welt gantzen louff
Diß bůchlin wurt gůt zů dem kouff

Zů schympff vnd ernst vnd allem spil
Findt man hie narren wie man wil /
Ein wiser findt das in erfreydt
Ein narr gern von syn brůdern seyt /
Hie findt man doren arm vnd rich

Schlym schlem / ein yeder findt sin glich /
Ich schrot ein kapp hie manchem man
Der sich des doch nit nymet an
Het ich in mit sym namen gnent
Er sprech / ich het in nit erkent /

Doch hoff jch das die wisen all
Werdent harjnn han wolgefall
Vnd sprechen vß jr wissenheit
Das jch hab recht vnd wor geseit
Sydt jch sollch kuntschafft von jn weiß

So geb jch vmb narren eyn schweyß
Sie műssen hœren worheit all
Ob es jnn joch nit wol gefall
Wie wol Terencius spricht / das
Wer worheit sag / verdienet haß

Ouch wer sich langzyt schnützen důt
Der würfft ettwan von jm das blůt
Und wanñ man Colerâ anreygt
So würt die gall gar offt beweygt
Dar vmb acht ich nit / ob man schon

Mit worten mich wirt hindergon
Vnd schelten / vmb myn nutzlich ler
Ich hab der selben narren mer
Den wißheit nit gefallet wol
Dyß bűchlin ist der selben vol

Doch bitt jch yeden / das er mer
Wil sehen an vernunfft vnd er
Danñ mich oder min schwach gedicht
Warlich hab jch on arbeit nicht
So vil narren zůsamē bracht

Ich hab ettwan gewacht zů nacht
Do die schlyeffent der jch gedacht
Oder villicht by spyl vnd win
Sassent / vnd wenig dochtent myn /
Eyn teyl jn schlitten umbher fůren

Im schne / das sie wol halb erfrůren
Eyn teyl vff kalbß fűss gingen sust /
Die andern rechten jr verlust
Den sie den tag hetten gehan
Vnd was jnn gewyns dar vß mœcht gan

Oder wie sie morn wolten liegen
Mit gschwætz / verkouffen / mâchen triegē
Den selben noch zůdencken all
Wie mir jr wys / wort / werck / gefall
Ist wunder nit / ob ich schon offt

Do mit myn gdicht nit würd gestrofft
Gewacht hab / so eß nyeman hofft
In disen spiegel sollen schowen
All gschlecht der mēschē man vñ frowē
Je eyns ich by dem andern meyn

Die man sint narren nit allein
Sunder findt man ouch nærrin vil
Den ich die schleyer / sturtz vnd wile
Mit narren kappen hie bedeck
Metzen hant ouch an narren rœck

Sie wellen yetz tragen on das
Was ettwan mannen schæntlich was /
Spitz schů / vnd vßgeschnytten rœck
Das man den milchmerck nit bedeck
Wicklen vil hudlen jn die zœpff

Groß hœrner machen vff die kœpff
Als ob es wer ein grosser stier
Sie gænd har wie die wilden thier /
Doch sollen erber frowen mir
Verzyhen / danñ ich gantz nit jr

Gedencken zů keym argen wyl
Den bœsen ist doch nit zů vil
Der selben man ein teil hie fyndt
Die jnñ dem narren schiff ouch syndt
Dar vmb mit flyß sich yedes sůch

Fyndt eß sich nit jn dysem bůch
So mag es sprechen / das es sy
Der kappen vnd des kolben fry
Meint yemant das jch jnn nit rűr
Der gang zůn wysen fůr die thűr

Vnd lyd sich / vnd sy gůter dyng
Byß ich ein kapp von Franckfurt bryng
 
Alle Land' sind jetzt voll heiliger Schrift
Und was der Seelen Heil betrifft:
Voll Bibeln, heiliger Väter Lehr'
Und andrer ähnlicher Bücher mehr

In dem Maß, dass man sich wundern mag,
Weil niemand bessert sich danach.
Als gäb' man auf Schrift und Lehre nicht Acht,
So lebt die Welt in finstrer Nacht
Und tut in Sünden blind verharren;

All' Gassen und Straßen sind voll Narren,
Die treiben Torheit an jedem Ort
Und wollen es doch nicht haben Wort.
Drum hab' ich gedacht zu dieser Frist,
Wie ich der Narren Schiff ausrüst:'

Galeere, Füst1, Krack2, Naue3, Bark,
Kiel, Weidling4, Bagger, Rennschiff stark,
Samt Schlitten, Karre, Schiebkarr, Wagen:
Es könnt' ein Schiff nicht alle tragen,
Die jetzt sind in der Narren Zahl;

Ein Teil sucht Fuhrwerk überall,
Der stiebt umher gleich wie die Immen,
Versucht es zu dem Schiff zu schwimmen:
Ein jeder will der Vormann sein.
Viel Narren und Toren kommen drein,


Deren Bildnis ich hier hab gemacht.
Wär' jemand, der die Schrift veracht,'
Nicht hätt' gehabt, oder nicht könnt' lesen,
Der sieht im Bilde5 wohl sein Wesen
Und schaut in diesem, wer er ist,

Wem gleich er sei, was ihm gebrist.
Den Narrenspiegel ich dies nenne,
In dem ein jeder Narr sich kenne;
Wer selbst er sei, wird dem vertraut,
Der in den Narrenspiegel schaut.

Wer sich recht spiegelt, der lernt wohl,
Dass er nicht klug sich achten soll,
Nichts von sich halten, was nicht ist,
Denn niemand lebt, dem nichts gebrist,
Oder der sagen darf fürwahr,

Dass er sei weis' und nicht ein Narr;
Denn wer sich für einen Narren hält,
Wird bald den Weisen zugesellt,
Wer aber immer will weise sein,
Ist fatuus6, der Gevatter mein,


Der sich zu mir recht übel stellt,
Wenn er dies Büchlein nicht behält.
Hier ist die wahre Narrenweide;
Ein jeder findet, was ihn kleide,
Und auch wozu er sei geboren,

Und warum so viel sind der Toren;
Welch hohes Ansehen Weisheit fand,
Wie trübselig der Narren Stand.
Hier findet man der Welten Lauf,
Drum ist dies Büchlein gut zum Kauf.

Zu Scherz und Ernst und allem Spiel
Trifft man hier Narren, wie man will;
Ein Weiser sieht, was ihm behagt,
Ein Narr gern von den Brüdern sagt.
Hier hat man Toren, arm und reich,

Schlim schlem7, gleich findet gleich.
Die Kappe schneid' ich manchem Mann,
Der nimmt es sich trotzdem nicht an;
Wenn ich beim Namen ihn genannt,
Spräch' er, ich hätt' ihn nicht erkannt.

Doch hoff' ich, dass die Weisen alle
Drin finden werden, was gefalle,
Und sagen dann mit Wissenheit8,
Dass ich gab recht und gut Bescheid.
Und da ich das von ihnen weiß,

Geb' ich um Narren einen Schweiß;
Sie müssen hören Wahrheit alle,
Ob ihnen es auch nicht gefalle.
Wiewohl Terentius9 saget, dass
Wer Wahrheit spricht, erlanget Hass;

Und wer sich lange schneuzen tut,
Der wirft zuletzt von sich das Blut;
Und wenn man coleram10 anregt,
So wird die Galle oft bewegt.
Darum beacht' ich, was man spricht

Mit Worten hinterm Rücken, nicht,
Noch wenn man schilt die gute Lehr.'
Ich habe solcher Narren mehr,
Denen Weisheit nicht gefället wohl,
Dies Büchlein ist derselben voll.

Doch bitt' ich jeden, dass er mehr
Ansehen woll' Vernunft und Ehr'
Als mich und dies mein schwach Gedicht.
Ich hab' fürwahr ohn' Mühe nicht
So viele Narrn zuhauf gebracht:

Gar oft hab' ich gewacht die Nacht,
Die schliefen, deren ich gedacht
Oder saßen vielleicht bei Spiel und Wein,
Wo sie gedachten wenig mein;
Ein Teil in Schlitten fuhr umher

Im Schnee, wo sie gefroren sehr;
Ein Teil trieb Kindereien just;
Die andern schätzten den Verlust,
Der sie desselben Tags betroffen,
Und welchen Gewinn sie könnten hoffen,

Und wie sie morgen wollten lügen
Geschwätzig, verkaufen und manchen trügen.
Um solchen nachzudenken allen,
Wie mir Weis', Wort und Werk gefallen,
Hab' ich, kein Wunder ist's, gar oft

Gewacht, wann niemand es gehofft,
Damit man tadle nicht mein Werk. –
In diesen Spiegel sollen schauen
Die Menschen alle, Männer, Frauen;
Die einen mit den andern ich mein':

Die Männer sind nicht Narrn allein,
Man findet auch Närrinnen viel,
Denen ich Kopftuch, Schleier und Wil11
Mit Narrenkappen hier bedecke.
Auch Mädchen haben Narrenröcke;

Sie wollen jetzt tragen offenbar
Was sonst für Männer schändlich war:
Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke,
Dass man den Milchmarkt nicht bedecke;
Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe

Und machen Hörner auf die Köpfe,
Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier;
Sie gehn einher wie die wilden Tier'.
Doch sollen züchtige Frauen mir schenken
Verzeihung, denn an sie gedenken

In keiner argen Art ich will;
Den bösen ist doch nichts zu viel,
Von denen kann man hier gewahren
Ein Teil im Narrenschiffe fahren. –
Darum mit Fleiß sich jeder suche,

Und findet er sich nicht im Buche,
So kann er sprechen, dass er sei
Der Kappe und des Kolbens frei.
Wer meint, dass ich ihn nicht berühre,
Geh zu den Weisen vor die Türe,

Gedulde sich, sei guter Dinge,
Bis ich von Frankfurt12 'ne Kapp' ihm bringe!

 
 
Den vordantz hat man mir gelan
Danñ jch on nutz vil bűcher han
Die jch nit lyß / vnd nyt verstan
 
Im Narrentanz voran ich gehe
Da ich viel Bücher um mich sehe,
Die ich nicht lese und verstehe.
 

I
Von vnnutzē buchern

Das jch sytz vornan jn dem schyff
Das hat worlich eyn sundren gryff
On vrsach ist das nit gethan
Vff myn libry ich mych verlan

Von bűchern hab ich grossen hort
Verstand doch drynn gar wenig wort
Vnd halt sie dennacht jn den eren
Das ich jnn wil der fliegen weren
Wo man von künsten reden důt

Sprich ich / do heym hab jchs fast gůt
Do mit loß ich benűgen mich
Das ich vil bűcher vor mir sych /
Der künig Ptolomeus bstelt
Das er all bűcher het der welt

Vnd hyelt das für eyn grossen schatz
Doch hat er nit das recht gesatz
Noch kund dar vß berichten sich
Ich hab vil bűcher ouch des glich
Vnd lys doch gantz wenig dar jnn

Worvmb wolt ich brechen myn synn
Vnd mit der ler mich bkümbren fast
Wer vil studiert / würt ein fantast
Ich mag doch sunst wol sin eyn here
Vnd lonen eym der für mich ler

Ob ich schon hab eyn groben synn
Doch so ich by gelerten bin
So kan ich jta sprechen jo
Des tütschen orden bin ich fro
Danñ jch gar wenig kan latin

Ich weyß das vinū heysset win
Gucklus ein gouch / stultus eyn dor
Vnd das ich heyß domne doctor
Die oren sint verborgen mir
Man sæh sunst bald eins mullers thier
 
1
Von unnützen Büchern

Dass ich im Schiffe vornan sitz'
Das hat fürwahr besondern Witz;
Ohn Ursach kam ich nicht dahin:
Nach Büchern trachtete mein Sinn,
Von Büchern hab' ich großen Hort,

Versteh' ich gleich drin wenig Wort',
So halt' ich sie doch hoch in Ehren:
Es darf sie keine Flieg' versehren.
Wo man von Künsten13 reden tut,
Sprech' ich: »Daheim hab' ich sie gut!«

Denn es genügt schon meinem Sinn,
Wenn ich umringt von Büchern bin.
Von Ptolemäus14 wird erzählt,
Er hatte die Bücher der ganzen Welt
Und hielt das für den größten Schatz,

Doch manches füllte nur den Platz,
Er zog daraus sich keine Lehr.'
Ich hab' viel Bücher gleich wie er
Und les' doch herzlich wenig drin.
Zergrübeln sollt' ich mir den Sinn,

Und mir mit Lernen machen Last?
Wer viel studiert, wird ein Phantast!
Ich gleiche sonst doch einem Herrn
Kann einen halten, der für mich lern':
Wenn ich auch habe groben Sinn

Und einmal bei Gelehrten bin,
Kann ich doch sprechen: »Ita! – So!«
Des deutschen Ordens bin ich froh,
Dieweil ich wenig kann Latein.
Ich weiß, dass vinum heißet »Wein,«

Cuculu Gauch15, stultus, ein Tor,
Und dass ich heiß': »Dominus doctor!«
Die Ohren sind verborgen mir,
Sonst säh' man bald des Müllers Tier.

 
 
Wer sich vff gwalt jm radt verloßt
Und henckt sich wo der wint har bloßt
Der selb die suw jnn kessel stoßt
 
Wer auf Gewalt im Rat sich stützt
Und dem Wind folgt, der grade nützt,
Der stößt die Sau zum Kessel itzt.16

 

II
Von guten reten

Vil sint den ist dar noch gar not
Wie sie bald kumen jn den rot
Die doch des rechten nit verston
Vnd blintlich an den wenden gon

Der gůt Cusy ist leyder dot
Achytofel besytzt den rodt /
Wer vrteln sol vnd raten schlecht
Der dunck vnd folg alleyn zů recht
Vff das er nit ein zunsteck blib

Do mit man die suw in kessel trib
Worlich sag ich es hat kein fůg
Es ist mit duncken nit genůg
Do mit verkürtzet würt das recht
Es durfft das man sich baß bedecht


Vnd witer fragt / was man nit wust
Danñ wirt das recht verkürtzet sust
So hast kein wœrwort gegen got
Gloub mir / fürwor es ist kein spot
Wann yeder wüst / was volgt har noch

Im wer zů vrteiln nit so goch /
Mit sœlcher moß / wirt yederman
Gemessen / als er hat gethan
Wie du richtst mich / vnd ich richt dich
Als wirt er richten dich vnd mich /

Eyn yeder wart noch synem dot
Der vrteil die er geben hat
Wer mit sym urteil bschwæret vil
Dem ist gesetzet ouch sin zyl
Do er ein gwalttig vrteil fyndt

Der stein der felt jm vff den grindt
Wer hie nit halt gerechtikeit
Der fyndt sie dort mit hertikeit
Keyn wisheyt / gwalt / fűrsichtikeit /
Keyn ratt / got wider sich verdreit

 
2
Von guten Räten

Viel sind, die trachten früh und spat,
Wie sie bald kommen in den Rat,
Die doch vom Rechte nichts verstehn
Und blindlings an den Wänden gehn.
Den guten Chusi man begrub,

Zum Rat man Ahitophel17 hub.
Wer richten soll und raten schlecht,18
Der rat' und stimm' allein nach Recht,
Auf dass er nicht ein Zaunpfahl bleibe,
Der nur die Sau zum Kessel treibe.

Fürwahr, sag' ich, es hat nicht Fug:
Es ist mit Raten nicht genug,
Womit verkürzet wird das Rechte;
Das Bessere billig man bedächte
Und forscht' nach dem, was man nicht weiß.

Denn wird verdreht des Rechts Geleis,
So stehst du wehrlos da vor Gott,
Und glaube mir, das ist kein Spott!19
Wenn jeder wüsst', was folgt darnach,
Wär' er zu urteilen nicht zu jach;

Denn mit dem Maß wird jedermann
Gemessen, wie er hat getan.
Wie du mich richtest und ich dich,

So wird Gott richten dich und mich.
Ein jeder wart' in seinem Grab

Der Urteil', die er selbst einst gab,
Und wer damit verdorben viel,
Dem ist gesetzet auch sein Ziel,
Wo er ein kräftig Urteil find':
Es fällt der Stein ihm auf den Grind!

Wer hier nicht hält Gerechtigkeit,
Dem droht sie dort mit Härtigkeit:
Denn Vorsicht nicht, Gewalt noch Rat
Noch Witz vor Gott Bestehen hat.

 
 
Wer setzt sin lust vff zyttlich gůt
Vnd dar jnñ sůcht sin freyd vnd můt
Der ist eyn narr jnn lib vnd blůt
 
Wer setzt die Lust in zeitlich Gut,
Sucht darin Freud' und Mut,
Der ist ein Narr mit Leib und Blut.

 

III
Von gytikeit

Der ist eyn narr der samlet gůt
Vnd hat dar by keyn fryd noch můt
Vnd weyß nit wem er solches spart
So er zům finstren keller fart

Vyl narrechter ist der verdůt
Mit üppykeit vnd lichtem můt
Das so jm got hat geben heyn
Dar jnn er schaffner ist allein
Vnd dar vmb rechnung geben můß

Die me gilt dan ein hand vnd fůß
Ein narr verlæßt sin fründen vil
Sin sel er nit versorgen wil
Vnd vœrcht jm brest hie zitlich gůt
Nit sorgend / waß daß ewig důt /

O armer narr wie bist so blindt
Du vœrchst die rud / vnd findst den grindt
Mancher mit sunden gůt gewynt
Dar vmb er jn der hellen brynt
Syn erben achten das gar klein

Sie hülffen jm nit mit eym stein
Sie lœßten jnñ kum mit eym pfundt
So er dieff ligt in hellen grundt /
Gib wil du lebst durch gottes ere
Noch dym dot wirt ein ander here /

Eß hat keyn wyser nye begerdt
Das er mœcht rich syn hie vff erdt
Sunder das er lert kennen sych
Wer wys ist / der ist me dann rich /
Crassus das golt zů letzst vßtrangk

Noch dem jnn hat gedürstet langk /
Crates syn gelt warff jn das mer
Das es nyt hyndert jnn zůr ler /
Wer samlet das zergenglich ist
Der grabt sin sel jn kott vnd mist
 
3
Von Habsucht

Der ist ein Narr, der sammelt Gut
Und nicht dabei hat Fried noch Mut
Und weiß nicht, wem er solches spart,
Wenn er zum finstern Keller fahrt.
Ein größrer Narr ist, wer vertut

Mit Üppigkeit und leichtem Mut
Das, was ihm Gott gab als das Seine,
Darin er Schaffner20 ist alleine,
Wovon er Rechnung geben muss,
Die mehr einst gilt als Hand und Fuß.

Ein Narr lässt seinen Freunden viel,
Die Seel' er nicht versorgen will;
Er bangt, ihm mangle zeitlich Gut,
Fürs Ewige er nicht sorgen tut.
O armer Narr, wie bist du blind:

Die Räude scheust du – findst den Grind!
Ein andrer sündigem Gut nachrennt,
Wofür er in der Hölle brennt:
Das achten seine Erben klein,21
Sie helfen nicht mit einem Stein,


Sie spendeten kaum ein einzig Pfund22,
Und läg' er tief im Höllengrund.
Gib, weil du lebst, zu Gottes Ehr,

Stirbst du, so wird ein andrer Herr.
Ein Weiser hat noch nie begehrt

Nach Reichtum hier auf dieser Erd',
Wohl aber, dass er selbst sich kenne:
Den Weisen mehr als reich du nenne!
Zuletzt geschah's, daß Crassus23 trank
Das Gold, wonach ihn dürstet lang;

Doch Krates24 warf sein Geld ins Meer,
Das hindert' ihn beim Lernen sehr.
Wer sammelt, was vergänglich ist,
Vergräbt die Seel' in Kot und Mist.

 
 
Wer vil nüw fünd macht durch die land
Der gibt vil ærgernyß vnd schand
Vnd halt den narren by der hand
 
Wer neue Moden bringt durchs Land,
Der gibt viel Ärgernis und Schand'
Und hält den Narren bei der Hand.
 

IV
Von nuwen funden

Das ettwan was eyn schantlich dyng
Das wygt man yetz schlecht vnd gering
Eyn ere was ettwan tragen bert
Jetzt hand die wibschen mañ gelert

Vnd schmyeren sich mit affen schmaltz
Vnd důnt entblœssen jren halß
Vil ring vnd grosse ketten dran
Als ob sie vor Sant lienhart stan
Mit schwebel / hartz / büffen das har

Dar in schlecht man dan eyer klar
Das es jm schusselkorb werd kruß
Der henckt den kopff zům fenster vß
Der bleicht es an der sunn vnd für
Dar vnder werden lüse nit dür

Die trűgen yetz wol in der welt
Das důt all kleider sindt vol felt
Rœck / mentel / hembder vnd brustdůch
Pantoffel / Styffel / hosen / schůch
Wild kappen / mentel / vmblouff dran /

Der jüdisch syt wil gantz vffstan
Dann ein fundt kum dem andern wicht
Das zeygt / das vnser gműt ist licht
Vnd wanckelbar in alle schand
Vil nüwrung ist jn allem land

Kurtz schæntlich vnd beschrotten rœck
Das einer kum den nabel bdœck
Phfuch schand der tütschen nacion
Das die natur verdeckt wil han
Das man das blœst / vnd sehen lat

Dar vmb es leider übel gat
Vnd wurt bald han ein bœsern stand
We dem der vrsach gibt zů schand
We dem ouch der solch schand nit strofft
Im wurt zů lon das er nit hofft
 
4
Von neuen Moden

Was sonst wohl war ein schändlich Ding,
Das schätzt man schlecht jetzt und gering:
Sonst trug mit Ehren man den Bart,
Jetzt lernen Männer Weiberart
Und schmieren sich mit Affenschmalz

Und lassen am entblößten Hals
Viel Ring' und goldne Ketten sehn,
Als sollten sie vor Lienhart25 stehn.
Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar'
Und schlägt darein dann Eierklar,

Dass es im Schüsselkorb'26 werd' kraus.
Der hängt den Kopf zum Fenster 'raus,
Der bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer,
Darunter sind die Läus nicht teuer.
Die können es jetzt wol aushalten,

Denn alle Kleider sind voll Falten:
So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh,
Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu,
Wildschur und die Verbrämung dran:
Der Juden Sitt' man sehen kann.27


Vor einer Mod' die andre weicht,
Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht
Und wandelbar zu aller Schande,
Viel Neuerung ist im ganzen Lande.
Der Rock – wie kurz und wie beschnitten! –


Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten!
Pfui Schande deutscher Nation,
Dass man entblößt, der Zucht zum Hohn,
Und zeigt, was die Natur verhehlt!
Drum ist es leider schlecht bestellt

Und hat wohl bald noch schlimmern Stand:
Doch weh, wer Ursach' gibt zur Schand'!
Dem wird, der solche Schande leidet,
Ein unverhoffter Lohn bereitet!

 
 
Wie wol jch vff der grůben gan
Vnd das schyntmesser jm ars han
Mag jch myn narrheyt doch nit lan
 
Schon steh' ich an der Grube dicht,
Des Schinders Messer mich schon sticht,
Doch – meine Narrheit lass' ich nicht!
 

V
Von alten narren

Myn narrheyt loßt mich nit sin grys
Ich byn fast alt / doch gantz vnwys
Eyn bϧes kynt von hundert jor
Den jungen trag ich die schellen vor

Den kynden gib ich regiment
Vnd mach mir selbst ein testament
Das mir leydt würt noch mynē dot
Ich gib exempel vnd bœss rodt
Vnd trib was ich jung hab gelert

Mynr boßheit wil ich syn geert
Vnd gtar mich rűmen myner schand
Das ich beschissen hab vil land
Vnd hab gemacht vil wasser tryeb
In boßheit ich mich allzyt yeb

Vnd ist myr leydt / das ichs nit mag
Volbringen me / myn alten tag
Aber was ich yetz nym mag thůn
Wil ich entpfellen heyntz mym sůn
Der würt thůn / was ich hab gespart

Er kopt yetz mir noch jn die art
Eß stat jm dapferlichen an
Lebt er / eß würt vß jm eyn man
Man můß sprechen / er sy myn sůn
Dann er dem schelmē recht würt thůn

Vnd wirt sich in kein dingē sparen.
Vnd in dem narren schiff ouch faren
Das wirt mich nach mym dot ergetzē
Das er mich wirt so gantz ersetzen
Do mit důt alter yetz vmb gan

Alter will gantz kein witz me han
Susannen richter zeigten wol
Waß man eim alten truwen sol
Ein alter nar synr sel nit schont
Swær jst recht thůn / ders nit hat gewont
 
5
Von alten Narren

»Die Narrheit lässt mich nicht sein greis;
Ich bin sehr alt, doch ganz unweis,
Ein böses Kind von hundert Lenzen
Läut' ich die Schell' der Jugend Tänzen.
Den Kindern geb' ich Regiment28

Und mach' mir selbst ein Testament,
Das wird nach meinem Tod mir leid.
Mit schlechtem Beispiel und Bescheid
Treib' ich, was meine Jugend lernte;
Dass meine Schlechtigkeit Ehre ernte

Wünsch' ich und rühm' mich meiner Schande,
Weil ich betrogen viele Lande
Und hab' gemacht viel Wasser trübe;
In Schlechten ich mich allzeit übe
Es ist mir leid, dass ich nicht mehr


Mich so kann rühren wie vorher;
Doch was ich jetzt nicht mehr kann treiben,
Soll meinem Heinz empfohlen bleiben;
Mein Sohn wird tun, was ich gespart,
Er schlägt mir wol nach in die Art;

Es stehet ihm recht stattlich an
Und lebt er, wird aus ihm ein Mann.
Er sei mein Sohn, muss man einst sagen;

Dem Schelme wird er Rechnung tragen
Und wird in keinem Ding sich sparen

Und in dem Narrenschiff auch fahren!
Es soll mich noch im Grab ergetzen,
Dass er mich wird so ganz ersetzen!« –
Nach solchem jetzt das Alter trachtet,
Die Weisheit es gar nicht mehr achtet.

Susannens Richter29 zeigten wohl,
Was man dem Alter trauen soll:
Ein alter Narr der Seel' nicht schont;
Der tut schwer recht, wer's nicht gewohnt.

 
 
Wer synen kynden übersicht
Irn můtwil / vnd sie stroffet nicht
Dem selb zů letzst vil leydes geschicht
 
Wer seinen Kindern übersieht
Mutwillige Lust und sie nicht zieht,
Dem selbst zuletzt viel Leid geschieht.
 

VI
Von ler der kind

Der ist in narheyt gantz erblindt
Der nit mag acht han / das syn kyndt
Mit züchten werden vnderwißt
Vnd er sich sunders dar vff flyßt

Das er sie loß jrr gon on straff
Glich wie on hirten gœnt die schaf
Vnd jn all můtwil vbersicht /
Vnd meynt sie dœrffen stroffens nicht /
Sie sygen noch nit by den joren

Das sie behaltten jn den oren
Was man jn sag / sy stroff vnd ler /
O grosser dor / merck zű vnd hœr
Die jugent ist zů bhaltten gering
Sie mercket wol vff alle ding /

Was man jn nüwe hæfen schitt
Den selben gsmack verlont sie nit /
Ein junger zwyg sich biegen lot /
Wann man ein altten vnderstat
Zű biegen / so knellt er entzwey

Zymlich stroff / brīgt kein sœrglich gschrey
Die rüt der zücht vertribt on smertz
Die narrheit vß des kindes hertz
On straffung seltten yemens lert
Alls übel wechßt das man nit wert

Hely was recht vnd lebt on sünd
Aber das er nit strofft sin kynd
Des strofft jn got / das er mit klag
Starb / vnd syn sűn vff eynen tag /
Das man die kind nit ziehen wil

Des findt man cathelynen vil
Es stünd yetz vmb die kynd vil bas
Geb man schůlmeister jnn / als was
Phenix / den peleus synem sůn
Achilli sůcht / vnd zů wolt důn

Philippus durch sůcht kriechē landt
Biß er sym sůn ein meister fandt
Dem grœsten kunnig jn der welt
Wart Aristoteles zů geselt
Der selb Platonē hort lang jar

Vnd Plato Socratem dar vor
Aber die vætter vnser zitt
Dar vmb das sie verblent der gyt
Nemen sie vff sœlich meister nůn
Der jn zům narren macht ein sůn

Vnd schickt jn wider heym zů huß
Halb narrechter dann er kam druß
Des ist zů wundern nit dar an
Das narrē narrecht kynder han
Crates der allt sprach / wân es jm

Zů stůnd / wolt er mit heller stym
Schryē / jer narrē vnbedacht
Ir hant vff gůtsamlē groß acht
Vnd achtē nit vff vwer kind
Den jr sœlich richtum samlen sindt

Aber vch wirt zů letst der lon
Wann uwer sűn jn rott sœnt gon
Vnd stellen zücht vnd eren nach
So ist jn zů dem wesen gach
Wie sie von jugent hant gelert

Dann wirt des vatters leydt gemert
Vnd frist sich selbst das er on nutz
Erzogen hat ein wintterbutz
Ettlich důnt sich in bůben rott
Die læstern vnd gesmæchen gott

Die andren hencken an sich sæck
Dise verspielen roß vnd rœck
Die vierden prassen tag vnd nacht
Das würt vß solchen kynden gmacht
Die man nit jn der iugent zücht

Vnd (mit) eim meister wol versycht
Dann anfang / mittel / end / der ere
Entspringt allein vß gůter lere
Ein lœblich ding ist edel syn
Es ist aber frœmbd / vnd nit din

Es kumbt von dynen eltern har /
Ein kœstlich ding ist richtum gar
Aber des ist des gelückes fall
Das vff vnd ab dantzt wie ein ball /
Ein hubsch ding der weltt glory ist /

Vnstantbar doch / dem alzyt gbrist /
Schonheit des libes man vyl acht
Wert ettwan doch kum vbernacht /
Glich wie gesuntheit ist vast liep
Und stielt sich ab doch wie ein diep

Groß sterck / acht man für kœstlich hab
Nymbt doch von kranckheit / altter ab /
Dar vmb ist nützt vndœttlich mer
Vnd bliblich by vns dann die ler
Gorgias frogt / ob sellig wer

Von Persia der mæhtig her
Sprach Socrates / ich weiß noch nüt
Ob er hab ler vnd tugent üt /
Als ob er sprech / das gwalt vnd golt
On ler der tugent nützet solt
 
6
Von rechter Kinderlehre

Der ist vor Narrheit wol ganz blind,
Wer es nicht verachtet, dass sein Kind
In guter Zucht man unterweist,
Und sich insonderheit befleißt,
Dass er sie irrgehn lässt ohn' Strafe,

Wie ohne Hirten gehn die Schafe;
Der ihrem Übermut nicht wehrt
Und sie zu strafen nicht begehrt,
Dieweil er meint, sie sei'n zu jung,
Es hafte nicht Erinnerung

In ihrem Ohr, nicht Straf' noch Lehre. –
O großer Tor, merk' auf und höre:
Der Jugend ist nichts zu geringe,
Sie merket wohl auf alle Dinge.
Der neue Topf hält vom Gericht

Geschmack und Duft und lässt ihn nicht.
Ein junger Zweig sich dreht und schmiegt,
Doch wenn man einen alten biegt,
So knackt und bricht er bald entzwei. –
Gerechte Straf' bringt kein Geschrei,

Der Rute Zucht vertreibt ohn' Schmerzen
Die Narrheit aus des Kindes Herzen.
Ohn' Strafe selten man belehrt,
Das Übel wächst, dem man nicht wehrt.
Eli war brav und lebte rein,


Doch straft' er nicht die Kinder sein,
Drum straft' ihn Gott, dass er mit Klage
Samt ihnen starb an einem Tage.
Weil man der Kinder Zucht nicht will,
Drum trifft man Catilinen30 viel.

Es stände besser um manches Kind,
Gäb' man ihm Lehrer wohlgesinnt,
Wie Phönix, den einst aufgesucht
Peleus zu des Achilles Zucht.
Philipp durchsuchte Griechenland,

Bis er dem Sohn den Meister fand:
Zum größten König31 in der Welt
Ward Aristoteles zugesellt,
Der hörte Plato manches Jahr,
Dem Sokrates einst Lehrer war.

Jedoch die Väter unsrer Zeit,
Die gehen blind vor Geiz so weit
Und nehmen solchen Lehrer schon,
Der ihnen zum Narren macht den Sohn
Und schickt ihn wieder heim nach Haus


Halb närrischer als er kam daraus.
Drum ist zu wundern nichts daran,
Wenn närrische Kinder ein Narr gewann.
Der alte Krates sprach, wenn ihm
Es zuständ, wollt' mit lauter Stimm'

Er schreien: Narren unbedacht!
Um Gut zu sammeln habt ihr acht
Und achtet nicht auf Euer Kind,
Für das ihr doch auf Reichtum sinnt.
Aber euch wird zuletzt der Lohn,

Wenn in den Rat soll gehn der Sohn
Und trachten Zucht und Ehre nach,
Dann ist zu solchem Ding' ihm jach,
Das man von Jugend ihn gelehrt;
Dann wird des Vaters Leid gemehrt,

Der sich verzehrt, weil er ohn' Nutzen
Erzogen einen Winterbutzen.32
Die einen gehn zu der Buben Rott'
Und lästern dort und schmähen Gott;
Die andern hängen sich an Säcke,33


Die dritten verspielen Ross' und Röcke;
Die vierten prassen Tag und Nacht.
Das wird aus solchen Kindern gemacht,
Die man nicht in der Jugend zieht
Und mit einem Meister wohl versieht.

Denn Anfang, Mittel, Schluss der Ehre
Entspringt allein aus guter Lehre.
Ein löblich Ding ist Adlingsein,
Doch hast du's nicht erworben allein:
Er kommt von deinem Elternpaar;

Ein köstlich Ding ist Reichtum gar,
Aber er ist des Glücks Zufall,
Das auf und ab tanzt wie ein Ball;
Der Ruhm der Welt sich schön anlässt:
Doch schwankt er und ist voll Gebrest;

Ein schöner Leib steht hoch in Acht
Und währt etwa bis über Nacht;
So ist Gesundheit uns sehr lieb
Und stiehlt sich weg doch wie ein Dieb;
Der Stärke Größe, die man schätzt,


Schwindet vor Krankheit und Alter zuletzt:
Drum ist unsterblich nichts so sehr
Und unvergänglich als gute Lehr'.
Einst fragte Gorgias34, ob wohl Heil
Ward Persiens großem Herrn zuteil.

Drauf Sokrates: »Ich weiß noch nicht,
Ob er gelernt der Tugend Pflicht!«
Als spräch' er, was Gewalt und Gold
Ohne Tugendlehre nützen sollt'?

 
 
Wer zwischen stein vnd stein sich leit
Vnd vil lüt vff der zungen dreit
Dem widerfert bald schad vnd leidt
 
Wer zwischen Stein und Stein sich legt
Und viel Leut' auf der Zunge trägt,
Den Trübsal bald und Schaden schlägt.
 

VII
Von zwytracht machen

Mancher der hat groß freüd dar an
Das er verwirret yederman
Vnd machen künn diß hor vff das
Dar vß vnfrüntschafft spring vnd haß

Mit hynder red vnd lyegen groß
Gibt er gar manchem einen stoß
Der das erst vberlang entpfindt
Vnd machet vß dem fründ ein findt
Vnd das ers wol besyglen mœg

Lůgt er / das er vil dar zů leg
Vnd wills jn bichts wiß han geton
Das nit verwissung kum dar von
Vnd das ers vnder der rosen hett
Vnd jn din eigen hertz geredt

Meynen do mit gefallen wol
Die welt ist sœlcher zwytracht voll
Das man eins vff der zungen trag
Wyter dann vff eim hangenden wag
Als Chore det / vnd Absolon

Das sie groß anhang mœchten han
Aber es flytzt jn vbel vß
In allem land ist Alchymus
Der fründ zertrag vnd hynder lieg
Vnd finger zwüschen angel dieg

Die werden offt geklembt dar von
Als der / der meynt entpfohen lon
Vmb das er Saul erslagen hett
Vnd die do dœttent Hißboseth
Als dem der zwischen mülstein lyt

Gschicht / wer vil zwytraht macht all zyt
Man sicht gar bald jn gberden an
Was er sag vnd sy für ein man
Bürg man ein narren hynder thür
Er streckt die oren doch har für
 
7
Von Zwietrachtstiftern

Gar mancher hat viel Freude dran,
Dass er verwirren jedermann
Und bürsten kann dies Haar auf das,
Daraus dann Feindschaft kommt und Hass.
Mit Afterred' und Lügen groß

Gibt er gar manchem einen Stoß,
Den der erst lang nachher empfindet,
Wenn aus Freundschaft Hass sich zündet;
Und dass er's wohl besiegeln möge,
Lugt er, wie viel er noch zulege,

Und will es nur beichtweise sagen,
Um nicht Verweis davonzutragen;
Ja, unter der Rose35 – beteuert er –
Es dir aus Herz geleget wär',
Und meint, damit gefall' er wohl.

Die Welt ist solcher Zwietracht voll,
Dass man einen auf der Zunge tragen
Kann weiter als im Hängewagen.36
Wie Korah tat und Absalon,
Sie wünschten Anhang sich und Kron'

Und holten sich nur Schimpf und Schande.
Ein Alcimus in jedem Lande
Die Freund' entzweit, mit Lüg' umringt
Und die Finger zwischen die Angeln bringt;
Die werden oft geklemmt davon,

Wie dem, der wollt' empfahen Lohn,
Dieweil er Saul erschlagen hätt',
Und denen, so schlugen Isboseth.
Wie zwischen zwei Mühlsteinen liegt,
Wer stets an Zwietracht sich vergnügt.

Man sieht ihm an Gebärden an,
Welch' Wort' es sind und welch' ein Mann:
Man berg' den Narren hinter der Tür,
Er steckt die Ohren doch herfür.

 
 
Wer nit kan sprechen ja vnd neyn
Vnd pflegen ratt vmb groß vnd kleyn
Der hab den schaden jm allein
 
Wer nicht kann sprechen ja und nein
Und pflegen Rat um groß und klein,
Der trag' den Schaden ganz allein.
 

VIII
Nit volgen gutem ratt

Der ist ein narr der wys will syn
Vnd weder glympf / noch moß důt schyn
Vnd wenn er wyßheit pflegen will
So ist ein gouch syn fæderspyl /

Vil sint von worten wyse vnd klůg
Die ziehen doch den narren pflůg
Das schafft das sie vff ir wyßheit
Verlossen sich vnd bschydikeit
Vnd achten vff kein frœmden ratt

Biß jn vnglück zů handen gat
Syn sůn Thobias allzyt lert
Das er an wysen ratt sich kert /
Dar vmb das nit folgt gůttem rott
Vnd den veracht die husfrow Loth

Wart sie geplagt von got dar von
Vnd můst do zů eim zeichen ston /
Do Roboam nit volgen wolt
Den altten wysen / als er solt
Vnd volgt den narren / do verlor

Er zehen gslecht / vnd bleib ein dor /
Het Nabuchodonosor Daniel ghœrt
Er wer nit jnn ein dier verkœrt
Machabeus der sterckest man
Der vil groß tugent hat getan

Hett er gefolget Jorams rott
Er wer nit so erschlagen dot /
Wer allzytt volgt sym eygnen houbt
Vnd gůttem rott nit folgt vnd gloubt
Der acht vff glück vnd heyl gantz nüt

Vnd will verderben ee dann zytt
Ein fründes ratt nieman veracht
Wo vil rætt sint / ist glück vnd macht
Achitofel sich selber dot
Das Saul nit volget synem rott
 
8
Gutem Rat nicht folgen

Der ist ein Narr, der weis' will sein
Und hält nicht Glimpf37 noch Maße ein,
Und wenn er Weisheit pflegen will,
So ist ein Gauch sein Federspiel.
Viel sind mit Worten weis' und klug

Und ziehen doch den Narrenpflug.
Das macht, weil sie zu jeder Zeit
Für klug sich halten und gescheit.
Und achten nicht auf fremden Rat,
Bis ihnen sich das Unglück naht.

Tobias stets den Sohn belehrt,
Dass er an weisen Rat sich kehrt;
Man riet der Hausfrau Lots wohl gut,
Doch voll Verachtung war ihr Mut,
Drum ward von Gott sie heimgesucht

Und ward zur Säule auf der Flucht.
Rehabeam nicht folgen wollte
Den alten Weisen, wie er sollte;
Den Narren folgt' er, da verlor
Er Stämme zehn und blieb ein Tor.


Hätt' Nebukadnezar auf Daniel gehört,
Er wäre nicht in ein Tier verkehrt;
Und Makkabäus, der stärkste Mann,
Der durch Taten Ruhm gewann,
Hätt' Jorams Rath er zu Herzen genommen,

Er wäre nicht ums Leben gekommen.
Wer allzeit folgt seinem eignen Haupt
Und gutem Rat nicht folgt und glaubt,
Der lässet Glück und Heil bei Seit'
Und will verderben vor der Zeit!

Freundes Rat drum niemals veracht',
Wo Räte viel – dort Glück und Macht.
Ahitophel sogar getötet sich hat,
Weil Saul nicht folgte seinem Rat.

 
 
Wer hat bϧ sitten vnd geberd
Vnd guckt wo er zům narren werd
Der schleyfft die kappen an der erd
 
Wer schlecht an Sitte und Gebärde
Und schaut, wo er zum Narren werde,
Der schleift die Kappe an der Erde.
 

IX
Von bosen sytten

Vil gandt gar stoltz jn schuben har
Vnd werffent den kopff har vnd dar
Dann hyn zů tal / dann vff zů berg
Dann hyndersich dann vberzwerg

Dann gont sie bald / dann vast gemach
Das gibt ein anzeig vnd vrsach
Das sie hant ein lichtferig gműt
Vor dem man sich gar billich hűtt
Wer wyß ist / vnd gůt sitten hatt

Dem selb syn wesen wol an stat
Vnd was der selb anfaht vnd důt
Das dunckt ein yeden wysen gůt
Die wor wysheit voht an mit scham
Sie ist züchtig / still / vnd fridsam /

Vnd ist ir mit dem gůten wol
Des füllt sie got genaden vol
Besser ist haben gůt geberd
Dann alle richtum vff der erd
Vß sytten man gar bald verstat

Was einer jn sym hertzen hat
Mancher der sytten wenig schont
Das schafft / er hatt sin nit gewont
Vnd ist gezogen nit dar zů
Des hatt geberd er / wie ein ků

Die best gezierd / vnd hœhster nam
Das sint gůt sitten / zucht / vnd scham
Zů gůttem sydt sich Noe zoch
Doch flůg jm Cham syn sůn nit noch
Wer einen wysen sůn gebert

Der sytt / vernunfft / vnd wyßheit lert
Der soll des billich dancken got
Der jn mit gnad versehen hat
Syns vatters nase Albinus aß
Das er jn nit hatt gzogen baß.
 
9
Von schlechten Sitten

Viel gehn in Schauben38 stolz daher
Und werfen den Kopf bald hin, bald her,
Dann hin zu Tal, dann auf zu Berg,
Drauf hinter sich und überzwerch,39
Bald gehn sie rasch, dann sehr gemach;

Das zeigt als Zeichen und Ursach',
Dass leichtsinnig sie von Gemüte,
Wovor man sich gar billig hüte.
Wer klug nach guter Sitte späht,
Dem auch sein Wesen wohl ansteht,

Und was er auch beginnt und tut,
Das dünket jeden Weisen gut.
Die echte Weisheit zeigt erst Scham,
Ist züchtig, still und friedesam,
Es ist ihr in dem Guten wohl,

Drum füllt sie Gott der Gnaden voll.
Viel besser hat man gute Gebärde,
Denn allen Reichtum auf der Erde,
Weil aus den Sitten man entnimmt,
Wie einer im Herzen ist gestimmt.


Gar mancher nur wenig Sitte zeigt,
Das macht, er ist ihr nicht geneigt
Und ist erzogen nicht dazu,
Drum hat er Sitten wie eine Kuh.
Die beste Zierde, der höchste Nam'

Sind gute Sitten, Zucht und Scham.
Noah wol guter Sitten pflag,
Doch schlug ihm Ham, sein Sohn, nicht nach.
Wer einen weisen Sohn gebärt,
Den man Vernunft, Sitt', Weisheit lehrt,

Der danke Gott doch früh und spat,
Der ihn mit Gnad' versehen hat.
In des Vaters Nase biss Albin,
Weil der ihn nicht ließ gut erziehn.

 
 
Wer vnrecht / gwalt / důt einem man
Der jm nye leydes hat gethan
Do stossend sich sunst zehen an
 
Wer Gewalt und Unrecht einem Mann
Antut, der Leid ihm nie getan,
Da stoßen sich zehn andre dran.
 

X
Von worer fruntschafft

Der ist ein narr / vnd gantz dorecht
Der einem menschen důt vnreht
Dan er dar durch gar manchen trœwt
Der sich dar nach syns vnglücks frœwt

Wer synem frund üt vbels důt
Der all sin hoffnung / trüw / vnd můt
Allein gesetzet hat vff jnn
Der jst ein narr vnd gantz on synn
Man findt der fründ / als Dauid was

Gantz keinen me / mit Jonathas
Als Patroclus vnd Achilles
Als Horestes vnd Pilades
Als Demades vnd Pythias
Oder der schyltknecht Saulis was

Als Scipio / vnd Lelius
Wo gelt gbrist do jst früntschafft vß
Keiner so lieb syn nechsten hat
Als dan jm gsatz geschriben stat
Der eigen nutz vertribt all recht

All früntschafft lieb sipschafft / geschlecht
Kein fyndt man Moysi jetz gelich
Der andre lieb hab / als selbst sich
Oder als was Neemias
Vnd der gotzvorchtig Thobias

Wem nit der gmein nütz jst als werd
Als eigen nutz des er begert
Den halt jch für ein nærschen gouch
Was gmeyn ist / das ist eigen ouch
Doch Cayn ist in allem stat

Dem leid ist was glücks Abel hat
Früntschafft wann es gat an ein not
Gant vier vnd zweintzig vff ein lot
Vnd well die besten meynen syn
Gant siben wol vff ein quintin
 
10
Von wahrer Freundschaft

Der ist ein Narr mit Torenmut,41
Der einem Menschen Unrecht tut,
Weil er dadurch gar manchem dräut,
Der sich dann seines Unglücks freut.
Wer einem Freund ein Leid antut,

Der seine Hoffnung, Treu und Mut42
Allein gesetzet hat auf ihn,
Der ist ein Narr und ohne Sinn. –
Es gibt nicht mehr ein Freundespaar,
Wie Jonathan und David war,

Patroklus und Achill dabei,
Orest und Pylades, die zwei,
Wie Demades43 und Pythias
Oder der Schildknecht Saulis was,
44
Und Scipio, Laelius, die beiden. –

Wo Geld gebricht, muss Freundschaft scheiden;
Die Nächstenliebe so weit nicht geht,
Wie im Gesetz45 geschrieben steht:
Der Eigennutz vertreibt das Recht,
Die Freundschaft, Lieb', Sippschaft, Geschlecht;


Es lebt jetzt keiner Moses gleich,
An Nächstenlieb' wie dieser reich,
Oder wie Nehemias im Land
Und der fromme Tobias waren bekannt. –
Wem nicht der gemeine Nutzen ist wert

Wie der eigene Nutzen, den er begehrt,
Den halt' ich für einen närrischen Gauch:
Denn was gemeinsam, ist eigen auch.
Doch Kain lebt in jedem Stand,
Dem leid ist, wenn Glück Abel fand.

Es gehen Freunde in der Not
Wohl vierundzwanzig auf ein Lot,
Und die am besten wollen sein,
Gehn sieben auf ein Quentelein.

 
 
Wer yedem narren glouben will
So man doch hœrt der gschrifft so vil
Der schickt sich wol jns narren spil
 
Wer jedem Narren glauben will,
Da man doch hört von Schrift soviel,
Der schickt sich wohl ins Narrenspiel.

 

XI
Verachtūg der gschrift

Der ist ein narr der nit der geschrifft
Will glouben die das heil antrifft
Vnd meynet das er leben sœll
Als ob kein got wer / noch kein hell

Verachtend all predig vnd ler
Als ob er nit sæh noch hœr
Kem einer von den dotten har
So lieff man hundert mylen dar
Das man von jm hort nuwe mer

Was wesens jn der hellen wer
Vnd ob vil lut fůrend dar jn
Ob man ouch schanckt do nuwen win
Vnd des glich ander affen spil
Nůn hat man doch der gschrifft so vil

Von alter vnd von nuwer ee
Man darff kein zugniß furter me
Noch sůchen die kappel vnd klusen
Des sackpfiffers von Nickelshusen
Got redt das vß der worheit sin

Wer hie sünd dűt / der lidt dort pin
Wer hie sin tag zů wißheit kert
Der wirt jn ewikeit geert
Gott hat geschaffen das ist wor
Das sæh das oug / vnd hœrr das or

Dor vmb ist der blindt vnd ertoubt
Der nit hœrt wißheit vnd jr gloubt
Oder hœrt gern nuw mær vnd sag
Ich vœrcht / es kumen bald die tag
Das man me nuwer mær werd jnn

Dann vns gefall vnd syg zű synn
Theremias der schrey vnd lert
Vnd wart von nyeman doch gehœrt
Des glichen ander wisen me
Des ging harnoch vil plag vnd we.
 
11
Verachtung der Schrift

Der ist ein Narr, der nicht der Schrift
Will glauben, die das Heil betrifft,
Und meint, dass er mit Fuge lebe,
Als ob's nicht Gott noch Hölle gebe,
Verachtet Predigt sowie Lehre,

Als ob er gar nicht säh' noch höre. –
Stünd' einer von den Toten auf,
Man liefe hundert Meilen drauf,
Damit man hörte neue Märe,
Welch Wesen in der Hölle wäre;

Ob viele Leut' dort führen ein,
Ob man auch zapfte neuen Wein
Und ander ähnlich Affenspiel.
Nun hat man doch der Schrift soviel
Vom Alten und vom Neuen Bund,


Kein ander Zeugnis zu der Stund'
Braucht man, noch Kapell' und Klausen
Des Sackpfeifers von Nickelshausen.46
Denn Gott spricht nach der Wahrheit sein:
»Wer hier gesündigt, hat dort Pein,

Und wer sich hier zur Weisheit kehrt,
Der wird in Ewigkeit geehrt.«
Gott gab, das leidet Zweifel nicht,
Gehör dem Ohr, dem Auge Licht;
Darum ist blind der und betäubt,

Der nicht hört Weisheit und ihr gläubt
Und lauscht auf neue Mär' und Sage.
Ich fürcht', es kommen bald die Tage,
Dass man mehr neuer Mär' werd' inne,
Als uns gefall' und sei nach Sinne.

Jeremias schrie und hat gelehrt
Und ward von niemand doch gehört,
Desgleichen andre Weise mehr,
Drum kam viel Plage hinterher.

 
 
Wer nit vor gürt / ee danñ er rytt
Vnd sych versicht vorhyn by zyt
Des spott man / falt er an eyn sytt.
 
Wer nicht recht gürtet47 vor dem Reiten,
Nicht weise Vorsicht übt beizeiten,
Des spottet man, fällt er zur Seiten.

 

XII
Von vnbesintē narren

Der ist mit Narheyt wol vereynt
Wer spricht / das hett jch nit gemeint
Danñ wer bedenckt all dyng by zyt
Der satlet wol / ee danñ er rytt

Wer sich bedenckt noch der gedat
Des anslag gmeynklich kumbt zů spat /
Wer jnn der gdat gůt ansleg kan
Der můß syn ein erfarner man
Oder hat das von frowen gelert

Die syndt sollchs rates hochgeert /
Het sich Adam bedocht vor baß
Ee dann er von dem appfel aß
Er wer nit von eym kleynen biß
Gestossen vß dem Paradiß /

Hett Jonathas sich recht bedacht
Er hett die goben wol veracht
Die jm Tryphon jn falscheit bot
Vnd jn erschlůg dar noch zů dot /
Gut anschleg kund zů aller zyt

Julius der keiser / jn dem strit /
Aber do er hat frid vnd glück
Sumbt er sich an eym kleynen stuck
Das er die brieff nit laß zů hant
Die jm jn warnung worent gsant /

Nycanor vberschlůg geryng
Verkoufft das wyltpret / ee ers fyng
Sin anschlag doch so grœplich fælt
Zung / handt / vnd grynt man jm abstrælt
Gůt anschlæg die sint allzyt gůt

Wol dem / der sy by zyten důt
Mancher ylt / vnd kumbt doch zů spot
Der stoßt sich bald / wem ist zů not /
Wer Asahel nit schnell gesyn
Abner hett nit erstochen jn
 
12
Von unbesonnenen Narren

Der ist mit Narrheit wohl geeint,
Wer spricht: »Das hätt' ich nicht gemeint!«
Denn wer bedenkt all Ding beizeiten,
Der sattelt wohl, eh er will reiten.
Wer sich bedenkt erst nach der Tat,

Des Anschlag kommt wohl oft zu spat;
Wer in der Tat sich raten kann,
Muss sein ein wohlerfahrner Mann,
Oder es haben's ihn Frauen gelehrt,
Die solchen Rats sind hochgeehrt.

Hätt' Adam zuvor bedacht sich baß,48
Bevor er von dem Apfel aß,
Er wär' nicht um den kleinen Biss
Gestoßen aus dem Paradies.
Hätt' Jonathas sich recht bedacht,

So nahm der Gab' er wenig acht,
Die Tryphon ihm in Falschheit bot
Und ihn darnach erschlug zu Tod.
Guten Anschlag wusste alle Zeit
Der Kaiser Julius49 in dem Streit,


Doch, als er hatte Fried' und Glück,
Versäumte er ein kleines Stück,
Als er den Brief nicht las zur Hand,50
Den man zur Warnung ihm gesandt.
Nikanor überschlug gering,

Verkaufte das Wildbret, eh er's fing,
Drum fiel sein Anschlag grob genug:
Zung', Hand und Haupt man ab ihm schlug. –
Ein weiser Plan allzeit gut passt,
Wohl dem, der ihn beizeiten fasst.

Gar mancher eilt und kommt zu spät,
Der stößt sich bald, der zu rasch geht.
Asahel, einst als schnell bekannt,
Sank hin, durchbohrt von Abners Hand.

 
 
An mynem seyl ich draffter yeich
Vil narren / affen / esel / geüch
Die ich verfűr betrüg vnd leych
 
An meinem Seil' ich nach mir zieh'
Viel' Affen, Esel und Narrenvieh:
Ich täusche, trüge, verführe sie.
 

XIII
Von buolschafft

Frow Venus mit dem strœwen ars
Byn nit die mynnst jm narren fars
Ich züch zů mir der narren vil
Vnd mach ein gouch vß wem ich wil

Myn kunden nyemans nennet all
Wer hat gehœrt von Circes stall /
Calypso / der Syrenen joch
Der gdenck / was gwaltes ich hab noch
Welcher meynt das er wytzig sy

Den dunck ich dieff jnn narren bry /
Wer eyn mol wurt von mir verwunt
Den macht keyn krütter krafft gesunt /
Dar vmb hab ich ein blynden sůn /
Keyn bůler sicht was er soll tůn /

Myn sůn ein kindt ist / nit eyn man
Bůler mit kintheit důnt vmbgan /
Von jnn wurt seltten dappfer wort
Glych wie von eynem kindt gehœrt /
Myn sůn stat nackt vnd bloß all tag

Dann bůlschafft nyeman bergen mag /
Bœß lieb die flügt / nit lang sie stat
Dar vmb myn sůn zwen flügel hat /
Bůlschafft ist licht zů aller frist
Nüt vnstætters vff erden ist /

Cupido treit syn bogen bloß
Vff yeder sytt / ein kocher groß /
In eym / hat er vil hocken pfil
Do mit trifft er der narren vil /
Die sint scharpff / guldē / hockecht / spitz

Wer troffen würt / der kumbt von witz /
Vnd dantzt har noch am narren holtz /
Im andern kœcher / vogelboltz
Sint stumpf / mit bly beswert / nit lücht
Der erst macht wunt / der ander flücht

Wæn trifft Cupido / den entzyndt
Amor syn brůder / das er bryndt
Vnd mag nit leschen wol die flam
Die Didoni jr leben nam
Vnd macht das Medea verbrant

Ir kind / den brůder dot mit jr handt
Tereus wer ouch keyn wydhopff nit /
Pasyphae den stier vermitt /
Phedra Theseo fűr nit nach
Noch sűcht an jrem styeff sůn smach /

Nessus wer nit geschossen dott /
Troy wer nit kumen jn solch not /
Scylla dem vatter ließ syn hor
Hyacinthus wer keyn ritter spor /
Leander nit syn schwymmen dæt

Messalina wer jn küscheit stæt
Mars ouch nit jnn der ketten læg
Procris der hecken sich verwæg
Sappho nit von dem berg abfiel
Syræn vmb kerten nit die kyel

Circe ließ faren wol die schiff
Cyclops vnd pann nit leidtlich pfiff
Leucothoe nit wyhrouch gbær
Myrrha wer nit Adonis swær
Byblis wer nit jrm brůder holt

Danæ entpfing nit durch das golt
Nyctimine flűg nit vß by nacht /
Echo nit wer ein stym gemacht /
Tysbe ferbt nit die wissen bœr
Athalanta keyn lœwin wer

Des leuiten wib wer nit gesmæcht
Vnd drumb erschlagen eyn geschlecht
Dauid ließ weschen Bersabe
Samson vertruwt nit Dalide
Die abgœt Salmon nit anbæt

Amon wer an synr swester stæt
Joseph würd nit verklagt vmb suß
Als Bellerophon Hyppolitus
Der wiß man als eyn roß nit gyng
Am thurn Virgilius nit hyng

Ouidius hett des keysers gunst
Hett er nit gelert der bůler kunst
Es kæm zů wißheit mancher me
Wann jm nit wer zůr bůlschafft we
Wer mit frowen hat vil credentz

Dem würt verbrennt syn conscientz
Vnd mag gæntzlich nit dienen got
Wer mit jnn vil zů schaffen hat
Die bůlschafft ist eym yeden stand
Gantz spœtlich / nærrisch / vnd eyn schand

Doch vil schæntlicher ist sie dann
So bůlen důnt allt wib vnd mann /
Der ist eyn narr / der bůlen will
Vnd meynt doch haltten maß vnd zil /
Dann das man wyßheit pfleg vnd bůl

Mag gantz nit ston jn eynem stůl /
Eyn bůler würt verblænnt so gar /
Er meynt / es næm nyeman sin war /
Diß ist das krefftigst narren krutt
Diß kappen klæbt lang an der hütt
 
13
Von Buhlschaft

Ich, Venus mit dem strohernem Steiß51
Bin nicht die letzte des Narrenbreis;
Ich lock' zu mir der Narren viel
Und mach' zum Gauche, wen ich will,
Meine Kunden Niemand nennet all.

Wer je gehört von Circes Stall,
Kalypso, der Sirenen Joch,
Bedenk, welch Macht ich habe noch.
Denn wer meint, dass er weise sei,
Den tauch' ich tief in Narrenbrei,

Und wer einmal von mir wird wund,
Den macht kein kräftig Kraut gesund.
Ich habe einen Sohn, der blind:
Kein Buhler sieht, was er beginnt;
Mein Sohn ein Kind ist, nicht ein Mann:


Und kindisch ist der Buhler Plan;
Sie kennen Worte von Gewicht
Gleich einem kleinen Kinde nicht;
Mein Sohn steht nackt und bloß voran,
Denn Buhlschaft niemand verbergen kann;


Böse Lieb' entfliegt, nicht lang sie steht,
Daher mein Sohn geflügelt geht.
Buhlschaft ist leicht52 zu aller Frist,
Nichts weniger stet auf Erden ist;
Cupido trägt den Bogen bloß,

An jeder Seit' einen Köcher groß,
In einem hat er Hakenpfeile,
Damit trifft er viel Narrn in Eile,
Sie sind scharf, hakig, gülden, spitz
Und wen sie treffen, verliert den Witz53

Und tanzt darnach am Narrenholze;
Im andern Köcher die Vogelbolze
Sind stumpf, nicht leicht, beschwert mit Blei,
Macht einer wund, so scheuchen zwei.
Wen traf Cupidos sich're Hand,


Den setzet Amor rasch in Brand,
Dass er nicht löschen kann die Flamm',
Die Dido einst das Leben nahm,
Durch die Medea einst verbrannt
So Kind wie Bruder mit eigner Hand.

Kein Wiedehopf ward Tereus je,
Den Stier vermiede Pasiphae,
Phädra führ' nicht dem Theseus nach,
Sucht' nicht bei ihrem Stiefsohn Schmach;
Nessus wär' nicht geschossen tot,

Troja gekommen nicht in Not;
Es ließe Scylla dem Vater das Haar,
Hyazinth wär' keine Blume fürwahr:
Leander durchs Meer nicht schwimmen tät,
Messalina wäre in Keuschheit stet;

Mars läg' nicht in Ketten um sein Lieben,
Und fern wäre Prokris der Hecke54 geblieben.
Es stürzte nicht Sappho vom Felsenhang,
Keinen Kiel versehrte Sirenengesang;
Es ließe Circe wol fahren die Schiffe,

Und Zyklops mit Pan nicht kläglich pfiffe;
Leukothea nicht Weihrauch wär',
Myrrha fiel' nicht Adonis schwer.
Byblis wär' nicht ihrem Bruder hold,
Es empfinge nicht Danae durch Gold,


Nyctimene flöge nicht aus bei Nacht,
Zur Stimme nicht wäre Echo gemacht;
Es färbte nicht Thisbe die Beeren rot,
Atalante schüfe als Löwin nicht Not.
Des Leviten Weib wäre nicht geschwächt

Und darum erschlagen ein ganz Geschlecht;
David ließe baden die Bathseba,
Und Samson nicht traute der Delila;
Nicht betete Salomo Götzen an,
Der Schwester hätt' Amon nichts Böses getan;

Ohn' Grund wär' Joseph verklaget nit

Wie Bellerophon und Hippolyt;
Der Weise55 wie ein Ross nicht ginge,
Am Turm Virgilius56 nicht hinge,
Ovidius hätte des Kaisers Gunst,

Wenn er nicht gelehrt der Buhler Kunst. –
Es würde weise mancher Mann,
Doch Buhlschaft hindert ihn daran.
Wer viel mit Frauen hat Kredenz,57
Dem wird verbrannt sein Konszienz;58


Es dienet Gott nicht früh noch spat,
Wer viel mit ihnen zu schaffen hat,
Die Buhlschaft wird einem jeden Stande
Zu Spott und Narrheit und zu Schande;
Noch schändlicher ist sie alsdann,

Wenn buhlt im Alter Weib und Mann.
Der ist ein Narr, der buhlen will
Und meint zu halten Maß und Ziel;
Denn dass man Weisheit pfleg' – und buhle,
Verträgt sich nicht auf einem Stuhle.

Ein Buhler wird verblendet gar:
Er meint, es nähm' ihn niemand wahr.
Dies ist das kräftigste Narrenkraut,
Die Kappe klebt lang an der Haut.

 
 
Wer spricht das gott barmhertzig sy
Alleyn / vnd (nit) gerecht dar by
Der hat vernůnfft wie genß vnd sü
 
Wer spricht, dass Gott barmherzig sei
Allein, und nicht gerecht dabei,
Der hat Vernunft wie Gäns' und Säu'.
 

XIV
Vō vermessenheit gotz

Der schmyert sich wol mit esels schmaltz
Vnd hat die büchsen an dem halß
Der sprechen gtar / das gott der herr
So bærmyg sy / vnd zürn nit ser

Ob man joch ettwann sund volbring /
Vnd wygt die sünden also gering
Das sünden ye sy gantz menschlich
Nůn hab doch gott das hymelrich
Den gensen ye gantz nit gemacht

So hab man allzyt sünd volbracht
Vnd vohe nit erst von nuwem an /
Die Bybel er erzelen kan
Vnd ander sunst hystorien vil /
Dar vß er doch nit mercken will

Das allenthalb die stroff darnach
Geschriben stat / mit plag vnd rach /
Vnd das gott nye die leng vertrűg
Das man jn an eyn backen schlűg /
Gott ist keyn bœhem / oder Datt

Ir sprochen er doch wol verstat /
Wie wol syn bærmung ist on moß /
On zal / gewiecht / vnnentlich groß /
So blibt doch syn gerechtikeyt
Vnd strofft die sünd jn erwikeyt

An allen den / die nit dűnt recht
Gar offt / biß jnn das nünd geschlecht
Barmhertzigkeyt die leng nit stat
Wenn gott gerechtikeyt verlat /
Wor ist / der hymel ghœrt nit zů

Den gensen / aber ouch keyn ků
Keyn narr / aff / esel / oder schwyn
Kumbt yemer ewiklich dar jn /
Vnd was ghœrt jn des tüffels zal
Das nymbt jm nyeman vberal /
 
14
Von Vermessenheit gegen Gott

Der schmiert sich wohl mit Eselsschmalz
Und hat die Büchse an dem Hals,
Wer sprechen darf, dass Gott der Herr
Barmherzig sei und zürn' nicht sehr,
Wenn man auch etwa Sünd' vollbringe,

Und wägt die Sünden so geringe,
Dass er sie für ganz menschlich nimmt.
Den Gänsen sei doch nicht bestimmt
Von Gott des Himmelreiches Pracht,
Auch hat man allzeit Sünd' vollbracht

Und fang' nicht erst von neuem an.
Die Bibel er erzählen kann
Und andere Historien viel,
Daraus er doch nicht merken will,
Dass Strafe überall darnach

Geschrieben steht mit Plag' und Rach',
Und dass es Gott nie lang' vertrug,
Wenn man ihn auf den Backen schlug.
Gott ist kein Böhme und Tatar,
Doch ihre Sprache ist ihm klar;

Ist sein Erbarmen noch so groß,
Ohn' Zahl, Gewicht und Maße los,
So bleibt doch die Gerechtigkeit
Und straft die Sünd' in Ewigkeit
An allen, die nicht tuen recht,

Gar oft bis in das neunte Geschlecht.
Barmherzigkeit nicht lang' besteht,
Wenn Gottes Gerechtigkeit vergeht.
Wahr ist's, der Himmel kommt nicht zu
Den Gänsen; doch auch keine Kuh,

Kein Narr, Aff', Esel oder Schwein
Kommt je ins Himmelreich hinein;
Denn was gehört in des Teufels Zahl,
Das nimmt ihm niemand überall.
 
 
Wer buwen will / der schlag vor an
Was kostens er dar zů můß han
Er würt sunst vor dem end abstan
 
Wer bauen will, der schlage an,
Was ihm der Bau wol kosten kann,
Sonst sieht er nicht das Ende an.
 

XV
Von narrechtem anslag

Der ist eyn narr der buwen wil
Vnd nit vorhyn anschlecht wie vil
Das kosten werd / vnd ob er mag
Volbringen solchs / noch sym anschlag

Vil hant groß buw geschlagen an
Vnd mœchtent nit dar by bestan
Der kunig Nabuchodonosor
Erhůb jn hochfart sich entbor
Das er Babylon die grosse statt

Durch synen gwalt gebuwen hatt
Vnd kam jm doch gar bald dar zů
Das er jm feld bleib / wie eyn ků
Nemroth wolt buwen hoch jn lufft
Eyn grossen thurn für wassers klüfft

Vnd schlůg nit an das jm zů swær
Sin buwen / vnd nit mœglich wær
Es buwt nit yeder so vil vß
Als vor zyten dett Lucullus
Wer buwen will / das in nit ruw

Der bdenck sich wol / ee dann er buw
Dann manchem kumbt sin ruw zů spat
So jm der schad jnn seckel gat /
Wer ettwas groß will vnderstan
Der soll sin selbst bewerung han

Ob er mœg kumen zů dem stat
Den er jm für genomen hatt
Do mit jm nit eyn gluck zů fall
Vnd werd zů spot den menschen all /
Vil weger ist / nüt vnderstan

Dann mit schad / schand / gespœt ablan /
Pyramides die kosten vil
Vnd Labyrinthus by dem Nyl /
Doch ist es als nůn langst do hyn /
Keyn buw mag lang vff erd hye syn /
 
15
Von törichtem Planen

Der ist ein Narr, der bauen will
Und nicht zuvor anschlägt, wieviel
Es kosten kann, und ob er mag
Vollbringen es nach dem Anschlag.
Groß Werk hat Mancher ausersehn

Und konnte nicht dabei bestehn.
Der König Nebukadnezar
vermaß sich einst, zu sagen gar,
Dass Babylon die große Stadt
Durch seine Macht gebaut er hat,

Und doch kam es gar bald dazu,
Dass er im Feld lag wie eine Kuh.
Nimrod wollt' bauen in die Luft
Einen Turm, stärker als Wassers Kluft,
Und schlug nicht an, dass ihm zu schwer

Sein Bauen und nicht möglich wär'.
Es baut nicht jeder so geschickt,
Wie es Lucullus einst geglückt.
Wer nicht gern Reu' beim Bau gewinnt,
Bedenk' sich wohl, eh' er beginnt,

Denn manchem kommt die Reu' zu spät,
Dann, wenn es ans Bezahlen geht.
Wer großes Werk zu tun begehrt,
Muss selber erst recht sein bewährt,
Ob er gelangen mög' zum Ziel,

Das er für sich erreichen will,
Damit ihn nicht des Glückes Fall
Mach' zum Gespött den Menschen all'.
Viel besser ist es, nichts beginnen
Als Schaden, Schand' und Spott gewinnen.

Die Pyramiden kosten viel,
Das Labyrinth auch dort am Nil
Und mussten doch schon längst vergehn:
Kein Bau der Welt kann lang' bestehn!
 
 
Billich jn kunfftig armůt feltt
Wer stæts noch schleck vnd füllen stelt
Vnd sich den brassern zů geselt
 
In künftige Armut billig fällt
Wer Völlerei stets nachgestellt
Und sich den Prassern zugesellt.
 

XVI
von fullen vnd prassen

Der důt eym narren an die schů
Der weder tag noch nacht hat růw
Wie er den wanst füll / vnd den buch
Vnd mach vß jm selbs eyn wynschluch

Als ob er dar zů wer geboren
Das durch jn wurd vil wyns verloren
Vnd er wer eyn tæglicher riff
Der ghœrt wol jn das narren schiff
Dann er zerstœrt vernunfft vnd synn

Das würt er jn dem altter jnn
Das jm würt schlottern kopff vnd hend
Er kürtzt syn leben vnd syn end
Eyn schædlich ding ist vmb den wyn
By dem mag nyeman witzig syn

Wer freüd vnd lust dar jnn jm sůcht
Eyn drunckner mēsch gar nyemâs růht
Vnd weiß keyn moß noch vnderscheit /
Vil vnkusch kumbt vß trunckenheyt /
Vil vbels ouch dar vß entsprinckt /

Eyn wiser ist / wer syttlich drinckt /
Noe mœcht lyden nit den wyn
Der jnn doch fand vnd pflantzet jn /
Lotth sündt durch wyn zůr andern fart /
Durch wyn der toüffer kœppfet wart /

Wyn machet vß eym wysen man
Das er die narren kapp streifft an /
Do Israhel sich füllet wol /
Vnd jnn der buch was me dann vol /
Do fyngen sie zů spyelen an

Vnd můsten do gedantzet yan /
Gott gbot den sűnen Aaron
Das sie syn soltten wynes on /
Vnd alles das do truncken macht
Des priesterschafft doch wenig acht

Do holofernes truncken wart
Verlor den kopff er / zů dem bart /
Thamyris riecht zů spiß vnd tranck
Do sie den künig Cyrum zwang /
Durch wyn lag nyder Bennedab /

Do er verlor noh all sin hab /
All ere vnd tugent gar vergaß
Allexander / wann er truncken was /
Vnd dett gar offt in trunckenheit
Das jm wart selber darnoch leit /

Der rich man tranck als eyn gesell
Vnd aß des morndes jnn der hell /
Der mensch wer fry / keyn knecht gesin
Wann drunckenheit nit wer / vnd wyn /
Wer wyns vnd feißt dings flysset sich

Der wurt nit selig oder rich /
Dem we vnd synem vatter we
Dem wurt krieg / vnd vil vnglucks me
Wer stædts sich fullet wie eyn ků
Vnd will eym yeden drincken zů

Vnd wartten / als das man jm bringt /
Dann wer on not vil wyns vßtrinckt
Dem ist glich / als der vff dem mer
Entschlofft / vnd lyt on synn / vnd wer
Als důnt die vff den praß hant acht

Schlēmen vnd demmen / tag vnd nacht
Den dreit der wirt noch kuntschafft zů
Eyn bůg vnd viertel von eynr ků
Vnd bringt jnn mandel / figen / riß /
So bzalen sie jn vff dem yß

Vil würden bald vast witzig syn
Wann wyßheit stecket jnn dem wyn
Die jnn sich giessen spat vnd frů
Je eyner drinckt dem andren zů /
Ich bring dir eins / ich kützel dich /

Das gbürt dir / der spricht / so wart ich /
Vnd wer mich / biß wir beid sint vol
Do ist den narren yetz mit wol
Eins vff den becher / zwey für den mund
Ein strick an hals wer eym gesundt

Vnd wæger dann sollich füllery
Triben / es ist eyn groß narry /
Die Seneca zittlich für sach
Dar vmb er jnn syn bűchern sprach
Das man würd ettwann geben mer

Eym druncknen / dann eim nűhtern ere
Vnd man wurd wellen gerűmet syn
Das eyner druncken wer von wyn /
Die biersupper ich dar zů meyn
Do eyner drinckt eyn tunn alleyn

Vnd werden do by allso vol
Man lieff mit eym eyn tür vff wol /
Eyn narr můß vil gesoffen han
Eyn wiser mæßlich drincken kan
Vnd ist gesünder vil dar mit

Dann / der mit kübeln jn sich schüt
Der wyn ist gar senfft am jngang
Zů letzst sticht er doch wie eyn schlang
Vnd güßt syn gifft durch alles blůt
Glich wie der Basiliscus důt /
 
16
Von Völlerei und Prassen

Der zieht einem Narren an die Schuh,
Der weder Tag noch Nacht hat Ruh',
Wie er den Wanst füll' und den Bauch
Und mach' sich selbst zu einem Schlauch,
Als ob er dazu wär' geboren,

Dass durch ihn ging viel Wein verloren,
Als müsst' ein Reif59 er täglich sein, –
Der passt ins Narrenschiff hinein,
Denn er zerstört Vernunft und Sinne,
Das wird er wohl im Alter inne,

Wenn ihm dann schlottern Kopf und Hände;
Er kürzt sein Leben und sein Ende.
Ein schädlich Ding ist's um den Wein,
Bei dem mag niemand weise sein,
Wer nach der Freud' in ihm getrachtet.

Ein trunkner Mensch niemandes achtet
Und weiß nicht Maß noch recht Bescheid.
Unkeuschheit kommt aus Trunkenheit,
Viel Übeles aus ihr entspringt
Und weis' ist nur, wer mäßig trinkt.


Noah vertrug selbst nicht den Wein,
Der ihn doch fand und pflanzte ein,
Lot ward durch Wein zweimal zum Tor,
Durch Wein der Täufer den Kopf verlor.
Wein machet, dass ein weiser Mann


Die Narrenkapp' aufsetzen kann.
Als Israel sich fühlte wohl
Und ihm der Bauch war mehr als voll,
Begann es übermütig Spiel,
Gottloser Tanz ihm wohlgefiel.

Darum gebot Gott Aarons Söhnen,
Sie sollten sich des Weins entwöhnen
Und alles, was da trunken macht,
– Doch haben's Priester wenig acht! -
Als Holofernes trunken ward,

Verlor den Kopf er samt dem Bart;
Thamyris brauchte Speis' und Trank,
Als sie den König Cyrus zwang;
Durch Wein lag nieder Bennedab,60
Als er verlor all seine Hab';

Der Ehr' und Tugend ganz vergaß,
Alexander, wann er trunken was;
Er tat gar oft in Trunkenheit,
Was ihm darnach ward selber leid;
Der Reiche trank wie ein Zechgeselle

Und aß des Morgens in der Hölle;
Der Mensch könnt' frei, kein Knecht mehr sein,
Wenn Trunkenheit nicht wär' und Wein.
Wer Weins und feisten Dings61 sich fleißt,
Den niemand reich noch selig heißt,


Ihm
Weh und seinem Vater Weh'!
Dem wird nur Streit und Unglück je,
Wer stets sich füllt wie eine Kuh
Und jedermann will trinken zu
Und Zuspruch tut dem, was man bringt.

Denn wer ohn' Not viel Wein austrinkt,
Ist dem gleich, welcher auf dem Meer

Entschläft und liegt ohn' Sinn und Wehr:
So tun, die nur auf Prass bedacht,
Schlemmen und demmen Tag und Nacht.

Trägt denen der Wirt als Kunden zu
Einen Bug und Viertel von einer Kuh
Und bringt ihnen Mandeln, Feigen und Reis:
So bezahlen sie ihn wohl auf dem Eis.62
Viel würden bald sehr weise sein,

Wenn Weisheit steckte in dem Wein,
Die in sich gießen spat und fruh.
Je einer trinkt dem andern zu:
»Ich bring' dir Eins! – Ich kitzle dich! –
Das kommt dir zu!« – Der spricht: »Wart', ich

Will wehrn mich, bis wir beid' sind voll!«
Damit ist Narren jetzo wohl!
Eins auf den Becher, zwei vor den Mund,
Ein Strick an den Hals, wär' einem gesund
Und besser, als so Völlerei


Zu treiben; das ist Narretei,
Wie Seneca schon sah vorher,
Als in den Büchern geschrieben er,
Dass man würd' einmal geben mehr
Dem Trunknen als dem Nüchternen Ehr',

Und dass der würd' berühmet sein,
Der da trunken wär' vom Wein.
Die Biersupper dazu ich meine,
Wenn einer trinkt eine Tonn' alleine
Und wird dabei so toll und voll, –

Man stieß mit ihm die Tür' auf wohl.
Ein Narr muss saufen erst recht viel,
Ein Weiser trinkt mit Maß und Ziel
Und ist dabei doch viel gesunder
Als wer's mit Kübeln schüttet 'runter.

Der Wein geht ein, – man merkt es nicht,
Zuletzt er wie die Schlange sticht
Und gießt sein Gift durch alles Blut
Gleichwie der Basiliskus63 tut.

 
 
Wer gůt hat / vnd ergetzt sich mit
Vnd nit dem armen do von gytt
Dem wurt verseit / so er ouch bitt
 
Wer Gut hat, sich ergötzt damit
Und teilt es nicht dem Armen mit,
Dem wird versagt die eigne Bitt'.
 

XVII
Von vnnutzem richtum

Die grœsßt torheit jn aller welt
Ist / das man eret für wißheit gelt /
Vnd zücht harfür eyn richen man
Der oren hat / vnd schellen dran

Der můß alleyn ouch jn den rat
Das er vil zů verlieren hat /
Eym yeden gloubt so vil die welt
Als er hat jnn sinr tæschen gelt
Her pfenning der můß vornen dran

Wer noch jn leben Salomon
Man ließ jn / jnn den rat nit gon
Wann er eyn armer weber wer
Oder jm stünd sin seckel ler /
Die richen ladt man zů dem tisch

Vnd bringt jnn wiltpret / vogel / visch /
Vnd důt on end mit jnn hofiern
Die wile der arm stat vor der tűren
Vnd switzet / das er mœcht erfrieren /
Zům richen spricht man / essen herr /

O pfening / man dűt dir die ere
Du schaffst / daß vil dir günstig sint
Wer pfening hat / der hat vil fründ
Den grűßt vnd swagert yederman /
Wolt eyner gern eyn ee frow han /

Die erst frag ist / was hat er doch /
Man fragt der erberkeyt / nym noch
Oder der wißheit / ler / vernunfft
Man sůcht eyn vß der narren zunfft
Der jnn die mylch zů brocken hab

Ob er joch sy eyn kœppels knab
All kunst / ere / wißheit / ist vmb sunst
Wo an dem pfening ist gebrust
Wer syn or / vor dem armen stopfft
Den hœrt got nit / so er ouch klopft
 
17
Von unnützem Reichtum

Die größte Torheit in der Welt
Ist, dass man ehrt vor Weisheit Geld
Und vorzieht einen reichen Mann,
Der Ohren hat und Schellen dran;
Der muss allein auch in den Rat,

Weil er viel zu verlieren hat.
Einem jeden glaubt soviel die Welt,
Als er trägt in der Tasche Geld:
»Herr Pfennig!« der muss stets vornan.
Wär' noch am Leben Salomo,

Man ließ ihn in den Rat nicht so,
Wenn er ein armer Weber wär'
Oder ihm stünd' der Seckel leer.
Die Reichen lädt man ein zu Tisch
Und bringt ihnen Wildbret, Vögel, Fisch

Und tut ohn' Ende ihnen hofieren,
Dieweil der Arme vor der Türen
Im Schweiß steht, dass er möcht' erfrieren.
Zum Reichen spricht man: »Esset, Herr!«
O Pfennig, man gibt dir die Ehr';


Du schaffst, dass viel dir günstig sind:
Wer Pfennige hat, viel Freund' gewinnt,
Den grüßt und schwagert jedermann.
Hält einer um eine Ehfrau an,
Man fragt zuerst: »Was hat er doch?«

Wer fragt nach Ehrbarkeit denn noch
Oder nach Weisheit, Lehre, Vernunft?
Man sucht einen aus der Narrenzunft,
Der in die Milch zu brocken habe,
Wenn er auch sei ein Köppelknabe.64

Man achtet Kunst,65 Ehr', Weisheit nicht,
Wo an dem Pfennig es gebricht.
Doch wer sein Ohr vor dem Armen stopft,
Den hört Gott nicht, wenn er auch klopft.

 
 
Der vocht zwen hasen vff ein mol
Wer meynt zweyn herren dienen wol
Vnd richten vß me dann er sol
 
Der setzt zwei Hasen sich zum Ziel,
Wer zweien Herren dienen will
Und ladet auf sich allzuviel.
 

XVIII
Vō dienst zweyer herrē

Der ist eyn narr der vnderstot
Der welt zů dienen / vnd ouch got
Dann wo zwen herren hat eyn knecht
Der mag jn nyemer dienen recht

Gar offt verdürbt eyn hantwercksman
Der vil gewærb vnd hantwerck kan
Wer jagen will / vnd vff eyn stund
Zwen hasen vohen / mit eym hund
Dem wurd ettwan kum eyner wol

Gar dick würt jm gantz nůt zůmol
Wer schiessen vß vil armbrust will
Der trifft kum ettwan wol das zil
Wer vff sich selbst vil æmpter nymbt
Der mag nit tůn das yedem zymbt

Der hye můß syn vnd anderswo
Der ist reht weder hie noch do
Wer tůn will das eym yeden gfalt
Der můß han ottem warm vnd kalt
Vnd schlucken vil das jm nit smeckt

Vnd strecken sich noch der gedeckt
Vnd künnen pfulwen vnderstrowen
Eym yeden vndern ellenbogen
Vnd schmyeren yedem wol syn styrn
Vnd lůgen das er keynen erzürn

Aber vil æmpter schmecken wol
Man wermbt sich bald by grossem kol
Vnd wer vil wyn versůchen důt
Den dunckt doch nit eyn yeder gůt
Dann schlæcht gesmydt / ist bald bereit

Dem wisen liebt eynfaltikeyt
Wer eynem dient / vnd důt jm recht
Den halt man für eyn truwen knecht
Der esel starb / vnd wart nie satt
Der all tag nuwe herren hatt
 
18
Vom Dienst zweier Herren

Der ist ein Narr, dem es gefällt,
Dass Gott er diene und der Welt;
Denn wo zwei Herren hat ein Knecht,
Der kann ihnen dienen nimmer recht.
Gar oft verdirbt ein Handwerksmann,

Der viel Gewerb' und Künste kann.
Wer jagen will zu einer Stund
Und fahn zwei Hasen mit einem Hund,
Dem wird kaum einer wohl zuteil
Und oft gar nichts – trotz aller Eil'.

Wer mit viel Bogen schießen will,
Der trifft wohl kaum einmal das Ziel;
Und wer viel Ämter auf sich nimmt,
Der kann nicht tun, was jedem66 ziemt;
Wer hier muss sein und doch auch dort,

Ist weder hier noch dort am Ort;
Wer tun will, was einem jeden gefällt,
Des Odem sei warm und kalt bestellt,
Der schlucke viel, was ihm nicht schmecke
Und strecke sich nach jeder Decke,


Der möge Pfühle unterschieben
Dem Arme jedes nach Belieben,
Und salben jedem wohl die Stirne
Und sehen, dass ihm keiner zürne.
Aber viel Ämter schmecken gut,

Man wärmt sich bald bei großer Glut,
Und wer der Weine viel erprobt,
Darum noch nicht jedweden lobt.
Ein schlicht Geschmeid ist bald bereit,
Der Weise lobt Einfältigkeit;67

Wer einem dient und tut dem recht,
Den hält man für den treusten Knecht.
Der Esel stirbt und wird nie satt,
Der täglich neue Herren hat.

 
 
Wer syn zung vnd syn mundt behűt
Der schyrmt vor angst / sel / vnd geműt
Eyn specht sin jung mit gschrey verriet
 
Wer Zung' und Mund nimmt in die Hut,
Der schirmt vor Angst sich Seel' und Mut:68
Ein Specht verrät sein eigen Blut.

 

XIX
Von vil schwetzen

Der ist eyn narr der anden wil
Dar zů sunst yederman swigt still
Vnd wil on not verdienen haß
So er mit ere mœcht schwigen baß

Wer reden wil / so er nit sol
Der fügt jn narren orden wol
Wer antwurt / ee man froget jn
Der zeigt sich selbs eyn narren syn
Mancher hatt von sym reden freid

Dem doch dar vß kumbt schad vnd leid
Mancher verlaßt sich vff syn schwætzen
Das er eyn nuß redt von eynr hætzen
Des wort die sindt so starck vnd tieff
Das er eyn loch redt jn eyn brieff

Vnd richtet zů eyn gschwætz gar licht
Aber wenn er kumbt zů der bicht
Do es jm gyltet ewig lon
So will die zung von stat nit gon /
Es sindt vil Nabal noch vff erd

Die schwætzen me dan (jn) gůt werd /
Mancher für witzig würd geschetzt
Wann er sich nit hett selbst verschwætzt
Eyn spæcht verradt mit syner zung
Das man syn næst findt / vnd die jung

Mit schwigen man veranttwurt vil
Schaden entpfocht / wer schwætzen wil /
Es ist die zung eyn kleyn gelyd
Bringt doch vil vnrů / vnd vnfrid
Befleckt gar dick den gantzen lib

Vnd macht vil zancken / krieg / vnd kyb
Vnd ist eyn wunder groß jn mir
Das man macht zam eyn yedes thier
Wie hert / wie wild / wie grymm das ist /
Keyn mensch synr zungen meister ist

Zung ist eyn vngerűwigs gůt
Vil schaden sy dem menschen důt /
Durch sie so důnt wir scheltten gott
Den næchsten gschmæhen wir mit spot
Mit flůchen / nochred / vnd veracht

Den gott noch sym bild hat gemacht /
Durch sie / verrotten wir vil lüt
Durch sie / blibt vnuerschwigen nüt /
Mancher durch gschwætz sich so begot
Er darff nit kouffen wyn noch brot

Die zung die brucht man in das recht
Durch sie würt krū das vor was schlecht
Durch sie / verlűrt manch armer man
Syn sach / das er můß bettlen gan /
Schwætzer ist nüt zů reden vil

Er kitzt sich / vnd lacht wann er wil
Vnd redt keym menschen üt gůts noch
Er sy joch nyder oder hoch /
Welch machen groß geschrey vnd braht
Die lobt man yetz vnd hat jr acht

Vor vß welch kœstlich jnhar gant
Vil grosser rœck vnd ring an hant
Die fűgen yetz wol für die lüt
Eyns dünnen rocks acht man yetz nüt /
Wer noch vff erd Demosthenes

Tullius oder Eschynes
Man geb jn durch jr wißheyt nüt
Wann sie nit kündent bschissen lüt
Vnd reden vil geblűmter wort
Vnd was eyn yeder narr gern hort /

Wer vil redt / der redt dick zů vil /
Vnd můß ouch schiessen zů dem zil
Werffen den schlegel verr vnd witt
Vnd rinckengyessen zů widerstrit
Vil schwætzen ist seltten on sünd

Wer vil lügt / der ist nyemans fründ
Wer herren vbel redet üt
Das blibt verschwygen nit lang zit
Ob es joch ver geschæh von jm
Die vogel tragen vß din stym

Vnd nymbt die leng nit wol gůt end
Dann herren hant gar lange hend /
Wer vber sich vil howen wil
Dem fallen spæn jn die ougen vil
Vnd wer syn mundt jnn hymel setzt

Der würt offt mit sym schad geletzt /
Eyn narr syn geist eyns mols vff schytt
Der wis schwigt vnd beit kunfftig zytt
Vß vnnütz red / keyn nutz entspringt
Schwætzē me schad dañ frommē bringt

Dar vmb vil wæger ist geschwygen
Dann schwætzen reden oder schryen
Sotades durch wenig wort
Gekerckert wart als vmb eyn mort /
Es sprach alleyn Theocrytus

Das einoygig wer Antigonus /
Vnd starb drumb jn sym eygnen huß
Als Demosthenes vnd Tullius
Schwigen ist loblich / recht / vnd gůt
Besser ist red / der jm recht důt
 
19
Von vielem Schwatzen

Der ist ein Narr, wer tadeln will,
Wozu sonst jedermann schweigt still,
Und will unnötig haben Hass,
Wo er doch könnte schweigen baß.
Wer reden will, wo er nicht soll,

Der taugt zum Narrenorden wohl;
Wer ohne Frage gibt Bescheid,
Der zeiget selbst sein Narrenkleid.
Von solcher Red' wird mancher ergötzt,
Die in Schaden ihn und Leid versetzt,

Und mancher verlässt sich auf sein Schwätzen,
Dass er eine Nuss red' von einer Hätzen,69
Des Worte sind so stark und tief,
Er schwatzt ein Loch in einen Brief70
Und richtet an ein Geschwätz gar leicht.

Doch wenn er kommt dann zu der Beicht',
Wo man doch ewigen Lohn verheißt,
Geht ihm die Zunge nicht so dreist.
Noch sind viel Nabal auf der Erde,
Die schwätzen mehr, als gut ihnen werde,

Und mancher würde für klug geschätzt,
Wenn er nicht selbst sich hätte verschwätzt:
Ein Specht verrät mit seiner Zungen
Das eigne Nest mitsamt den Jungen.
Im Schweigen liegt oft Antwort viel,


Und Schaden hat, wer schwatzen will.
Oft trägt die Zunge, ein Glied so klein,
Unruhe und Unfrieden ein,
Befleckt gar oft den ganzen Mann
Und stiftet Streit, Krieg, Zanken an;

Ein großes wundern ist in mir,
Dass man bezähmt ein jedes Tier,
Wie hart, wie wild, wie grimm es ist:
Doch keiner seiner Zunge Meister ist!
Sie ist ein unruhiges Gut,

Das Schaden oft dem Menschen tut;
Durch sie wird oft gescholten Gott,
Den Nächsten schmähen wir mit Spott,
Mit Fluchen, Nachred' und Veracht,
Den Gott nach seinem Bild gemacht;

Gar mancher wird durch sie verraten,
Sie offenbart geheimste Taten.
Durch Schwatzen mancher sich so nährt,
Dass Wein und Brot er nicht mehr begehrt;
Die Zunge braucht man in dem Recht,

Dass krumm wird, was zuvor war schlecht;71
Manch armer Narr verliert die Habe
Durch sie und greift zum Bettelstabe.
Dem Schwätzer kostet das Reden nicht viel,
Er kitzelt sich, lacht, wann er will,


Und redet Gutes in der Welt
Von keinem, wie der auch gestellt.
Wer viel Lärm und Geräusch jetzt macht,
Den lobt man und hat seiner acht,
Zumal wer köstlich geht einher

Mit dicken Röcken und Ringen schwer;
Die taugen jetzt wohl für die Leute,
Man achtet dünnen Rocks nicht heute.
Wenn noch auf Erden Demosthenes
Oder Tullius wäre und Aeschines,

Man schätzte nicht ihre Weisheit heute,
Wenn sie nicht könnten bescheißen die Leute,
Und reden viele Worte geschmückt,
Welche zu hören Narren entzückt.
Wer vieles spricht, sagt oft zu viel,

Und muss auch schießen nach dem Ziel,
Werfen den Schlägel fern und weit
Und Ränke schmieden im Widerstreit.72

Viel Schwätzen sündigt und betrügt,
Und keines Freund ist, wer viel lügt,

Und wer vom Herren Übles spricht,
Das bleibt verschwiegen lange nicht,
Wenn es auch fern geschäh' von ihm:
Die Vögel tragen aus die Stimm',
Es nimmt zuletzt kein gutes Ende,


Denn Herren haben lange Hände.
Wer über sich viel hauen will,
Dem fallen Spän' ins Auge viel,
Und wer seinen Mund in den Himmel setzt,73
Der wird mit Schaden oft geletzt.

Ein Narr den Geist auf einmal zeigt,
Der Weise Besseres hofft und – schweigt.
Unnützes Wort keinen Nutzen bringt,
Und aus Geschwätz nur Schad' entspringt.
Darum ist besser stille sein

Als Schwatzen, Reden oder Schrein.

Sotades ward um wenig Wort'
Einst eingekerkert wie um Mord.
Es sprach nur dies Theokritus:
Einäugig sei Antigonus,

Da war's mit ihm im eignen Haus
Wie mit Tullius und Demosthenes aus.
Schweigen ist löblich, recht und gut,
Wer weise spricht, stets besser tut.

 
 
Wer ettwas fyndt / vnd dreyt das hyn
Vnd meynt gott well / das es sy syn
So hat der tufel bschyssen jn
 
Wer etwas findet und trägt das hin
Und wähnt, Gott schenkt es ihm, in seinem Sinn,
So hat der Teufel betrogen ihn.
 

XX
Von schatz fynden

Der ist eyn narr der ettwas fyndt
Vnd jn sym synn ist also blindt
Vnd spricht / das hat mir got beschert
Ich acht nit wem es zů gehœrt /

Was eyner nit hat vß gespreit
Das ist zů schnyden jm verseit /
Eyn yeder wisß by siner ere
Das das eym andern zů gehœr
Was er weiß das es syn nit ist

Es hilfft nit / ob jm schon gebryst
Vnd er es fyndet on geuerd
Er lůg das es dem wider werd
Weißt er jn / des es ist gesyn
Oder geb es den erben syn

Ob man die all nit wissen kan
So geb man es eym armen man
Oder sunst durch gotts willen vß
Es soll nit bliben jn dym huß
Dann es ist ab getragen gůt

Dar durch verdampt jn hellen glůt
Gar mancher vmb solch synden sitzt
Den man offt ribt / so er nit schwitzt /
Achor behielt das nit was syn
Vnd brocht dar durch das volck jn pyn

Zů letst wart jm / das er nit meynt
Do man on bærmung jn versteynt /
Wer vff sich ladt eyn kleyne bürd
Der næm eyn grosser / wen es jm wurd /
Fynden vnd rouben acht got glich

Dann er din hertz ansycht vnd dich /
Vil wæger ist gantz fynden nüt
Dann fundt / den man nit wider gitt
Was man fyndt vnd kumbt eym zů huß
Das kumbt gar vngern wider druß
 
20
Von Schätze finden

Der ist ein Narr, wer etwas findet
Und im Verstand ist so erblindet,
Dass er spricht: »Gott hat mir das beschert;
Ich frag' nicht, wem es zugehört!«
Was einer nicht hat ausgesät,

Ist ihm versagt auch, dass er's mäht,
Und jeder weiß, bei seiner Ehre,
Dass dies einem andern zugehöre.
Was, wie er weiß, sein Gut nicht ist,
Das hilft ihm nicht, ob's ihm gebrist74

Und er es finde ohn' Gefährde;
Er schau, dass es dem wieder werde,
Wenn er ihn weiß, der es erworben,
Oder geb' es den Erben, falls jener gestorben,
Und wenn man die nicht wissen kann,

Geb' man es einem armen Mann
Oder sonst um Gottes Willen aus;
Es soll nicht bleiben in dem Haus,
Denn es ist fortgetragen Gut,
Dadurch verdammt in Höllenglut

Gar mancher um solch Finden sitzt,
Den man oft reibt, wenn er nicht schwitzt.
Achor behielt, was nicht war sein
Und bracht' dadurch das Volk in Pein,
Zuletzt ward ihm, was er nicht meinte,


Als ohn' Erbarmung man ihn steinte.
Wer auf sich nimmt eine kleine Bürde,
Trüg' größre auch, wenn sie ihm würde.
Rauben und finden Gott gleich achtet,
Weil er dein Herz und dich betrachtet.

Nichts finden macht kein Herz betrübt,
Doch Fund, den man nicht wiedergibt.
Denn was man findet und trägt ins Haus,
Das kommt gar ungern wieder heraus.

 
 
Wer zeygen důt eyn gůte stroß
Vnd blibt er jn dem pfütz vnd moß
Der ist der synn vnd wißheit bloß
 
Wer guten Weg zeigt andern zwar,
Doch bleibt, wo Schlamm und Pfütze war,
Der ist der Sinn' und Weisheit bar.
 

XXI
Vō stroffē vnd selb tun

Der ist eyn narr der stroffen will
Das jm zů tůn nit ist zů vil
Der ist eyn narr vnd vngeert
Der alle sach zům bœsten kert

Vnd yedem ding eyn spett anhenckt
Vnd nit syn eygnen bresten denckt
Ein hant die an dem wægscheid stat
Die zeygt eyn weg / den sie nit gat
Wer jn sym oug eyn trotboum trag

Der tűg jn druß / ee dann er sag
Brůder / hab acht / ich sieh an dir
Ein æglin die mißfallet mir
Es stat eym lerer vbel an
Der sunst kan stroffen yederman

Wann er das laster an jm hat
Das vbel ander lüt an stat /
Vnd das er lyden můß den spruch
Herr artzt důnt selber heylen üch
Mancher kan ratten ander lüt

Der jm doch selb kan raten nüt
Als Gentilis vnd Mesue
Der yeder starb am selben we
Des er meynt helffen yederman
Vnd aller meyst geschriben von /

Eyn yedes laster das geschieht
So vil schynbarer man das sieht
So vil / als der wurt hœher geacht
Der sollichs laster hat volbraht
Dů vor die wergk / dar noch die lere

Wilt du verdienen lob vnd ere
Das volck von jsrahel hatt synn
Stroffen die sűn Benyamyn
Vnd lagen sie dar nyder doch
Dann sie jn sünden worent noch
 
21
Vom Tadeln und Selbertun

Der ist ein Narr, der tadeln will,
Was ihm zu tun ist nicht zuviel;
Der ist ein Narr und ungeehrt,
Der jedes Ding zum Schlechten kehrt,
Der einen Lappen an alles hängt

Und nicht der eignen Gebrechen denkt.
Eine Hand, die an der Wegscheid steht.
Zeigt nur den Weg, den sie nicht geht,
Und wer im Aug' den Balken hat,
Tu' ihn heraus, eh' er gibt Rat:

»Bruder, hab' acht, ich seh' an dir
Ein Fäserlein, das missfällt mir!«
Dem, der da lehrt, steht's übel an,
Wenn er sonst tadelt jedermann
Und selbst dem Laster nach doch geht,

Das andern Leuten übel steht,
Und wenn er hören muss den Spruch:
»Herr Arzt, für dich erst Heilung such!«
Mancher den andern Rat zuspricht,
Der sich doch selbst kann raten nicht;


Wie Gentilis und Mesuë,75
Deren jeder starb am selben Weh,
Das er von andern gern vertrieben,
Worüber fleißig er geschrieben.
Ein jedes Übel, das geschieht,

Um soviel deutlicher man sieht,
Als man denselben hat in acht,
Der solchen Fehler hat vollbracht.
Tu erst das Werk und darnach lehre,
Willst du verdienen Lob und Ehre.

Einst hatte Israel im Sinn
Zu strafen den Stamm Benjamin,
Obschon es lag darnieder doch
Und selbst noch trug der Sünde Joch.

 
 
Wer gern die wißheyt hœrt vnd lert
Gentzlich zů jr sich allzyt kert
Der wurt jn ewikeyt geert
 
Wer gern die Weisheit hört und lehrt
Und ganz zu ihr sich allzeit kehrt,
Der wird in Ewigkeit geehrt.
 

XXII
Die ler der wisheit

Die wißheyt schrygt mit heller stym
O menschlich gschlecht myn wort vernym
Vff bschydikeyt hant acht jr kyndt
Mercken all / die jn dorheyt synt /

Sůchen die ler vnd nit das gelt
Wißheyt ist besser dann all welt
Vnd alles das man wünschen mag
Stellen noch wißheyt nacht vnd tag
Nüt ist / das ir glich vff der erd

In rætten ist wißheyt gar werdt
All sterck vnd all fürsichtikeyt
Stot zů mir eyn / spricht die wißheyt
Durch mich / die kunig hant jr kron
Durch mich / all gsatz mit reht vff ston

Durch mich / die fürsten hant jr landt
Durch mich / all gwælt jr rehtspruch hâd
Wer mich lieb hat / den lieb ouch ich
Wer mich frü sucht / der fyndt mich
By mir ist richtům / gůt / vnd ere

Mich hat besessen gott der herre
Von anbegynn jn ewikeyt
Durch mich hatt got all ding bereit
Vnd on mich ist gar nüt gemacht
Wol dem / der mich allzyt betracht

Dar vmb myn sůn nit synt so træg
Sellig ist der gat vff mym wæg
Wer mich findt / der fyndt heil vnd glück
Der mich hasßt / der verdyrbt gar dick
Die plag wurt vber narren gan

Sie werdent wißheyt sehen an
Vnd den lon / der drumb ist bereit
Vnd werend wurt jn ewikeyt
Das sie jnblůtend vnd selbst sich
In jamer nagent ewiklich
 
22
Die Lehre der Weisheit

Die Weisheit ruft mit heller Stimm':
»Menschlich Geschlecht, mein Wort vernimm!
Erfahrung achte stets, mein Kind!
Aufmerket all', die töricht sind!
Sucht die Belehrung, nicht das Geld!

Weisheit ist besser als die Welt
Und Alles, was man wünschen mag!
Nach Weisheit trachte Nacht und Tag!
Nichts ist, was ihr gleicht auf der Erd';
Weisheit im Rate ist gar wert;

All' Stärk' und all' Fürsichtigkeit
Ist einzig mein,« so spricht Weisheit.
»Dem König die Krone aufs Haupt ich setze,
Ich schaff' mit Recht alle Gesetze;
Durch mich die Fürsten haben ihr Land,

Durch mich die Macht ihr Recht erfand.
Wer mich lieb hat, den lieb' auch ich;
Wer früh mich sucht, der findet mich.
Bei mir ist Reichtum, Gut und Ehr',
Mich hat besessen Gott der Herr

Von Anbeginn in Ewigkeit.
Durch mich macht Gott all Ding bereit,
Und ohn' mich ist gar nichts gemacht.
Wohl dem, der mich stets hat in acht.
Drum, meine Söhne, seid nicht träge,

Selig, wer geht auf meinem Wege!
Wer mich findet, hat Glück und Heil,
Wer mich hasst, dem wird Verderben zuteil!«
Übel wird es den Narren gehn,
Sie werden den Glanz der Weisheit sehn

Und den Lohn, so jener ist bereit
Und währen wird in Ewigkeit,
Dass Schmerz sie greift; – sie werden sich
In Jammer nagen ewiglich.
 
 
Wer meynt das jm gantz nütz gebrest
Vnd er glück hab vffs aller best
Den trifft der klüpfel doch zů lest
 
Wer meint, vollkommen sei sein Heil
Und stetes Glück allein sein Teil,
Den trifft zuletzt der Donnerkeil.
 

XXIII
Vō vberhebūg glucks

Der ist eyn narr der rümen gtar
Das jm vil glücks zů handen far
Vnd er glück hab jn aller sach
Der wardt des schlegels vff dem tach

Dann glücksal der zergenglicheyt
Eyn zeychen ist vnd vnderscheyt
Das got des menschen sich verrůcht
Den er zů zytten nit heymsůcht
Im spruchwort mâ gemeynlich gyecht

Eyn fründt den andern offt besiecht
Eyn vatter strofft offt synen sůn
Das er vorcht hab / vnd recht ler tůn
Eyn artzt / gibt sur vnd bitter trangk
Do mit dest ee genæß der krangk

Eyn scherer meisselt / schnydt die wund
Do mit der siech bald werd gesunt /
We we dem krancken wann verzagt
Der artzt / vnd er nit strofft / noch sagt
Das solt der siech nit han geton /

Er solt das / vnd das han gelon /
Sunder er spricht / gent jm recht hyn
Als das er wil / vnd glustet jn /
Als wæn der tufel bschissen wil
Dem gibt er glück / vnd richtum vil

Gedult ist besser jn armůt
Dann aller welt glück / richtům / gůt /
Sins glücks sich nyemans vberhab
Dann wenn gott will / so nymbt es ab /
Eyn narr ist / wer do schryget dyck

O glück wie loßtu mich / o glück
Was zychstu mich / gib mir so vil
Das ich eyn narr blib noch eyn wil
Dann grosser narren wurden nye
Dann die allzyt glück hatten hye
 
23
Von Überschätzung des Glücks

Das ist ein Narr, der Rühmens macht,
Dass ihn das Glück stets angelacht
Und er Glück hab' in jeder Sache:
Der harrt des Schlägels76 auf dem Dache.
Denn der Vergänglichkeit Glücksal

Ein Zeichen ist und ein Merkmal,
Dass Gott des Menschen ganz vergisst,
Der nicht zur Zeit geprüfet ist.
Im Sprichwort man gemeinlich spricht:
»Ein Freund den andern oft besicht77

Ein Vater tadelt oft die Söhne,
Dass er an Rechttun sie gewöhne;
Ein Arzt gibt sauern und bittern Trank,
Dass desto eh genes' der Krank';
Ein Bader sondiert und schneidet die Wunde,

Damit der Sieche bald gesunde,
Und weh dem Kranken, wann verzagt
Der Arzt und nicht mehr straft noch sagt:
»Das sollte der Sieche nicht haben getan
Und des nicht haben sich unterfahn!«


Vielmehr spricht: »Gebt ihm nur recht hin
Das, was er will und lüstet ihn!«
Wen also der Teufel bescheißen will,
Dem gibt er Glück und Reichtum viel.
Geduld ist besser in Armut

Denn aller Welt Glück, Reichtum, Gut.
Auf Glück soll niemand Stolz empfinden,
Denn wenn Gott will, so wird es schwinden.
Ein Narr schreit jeden Augenblick:
»O Glück, was lässt du mich, o Glück?

Wes zeihst du mich? Gib mir recht viel,
Weil ich ein Narr noch bleiben will!«
Drum, größre Narren wurden nie
Denn die Glück hatten allzeit hie!

 
 
Wer aller welt sorg vff sich ladt
Vnd nit gedenckt syn nutz vnd schad
Der lyd sich / ob er ettwan bad
 
Wer aller Welt Sorg' auf sich ladet,
Nicht denkt, ob es ihm nützt ob schadet,
Hab' auch Geduld, wenn man ihn badet.
 

XXIV
Von zů vil sorg

Der ist eyn narr / der tragen will
Das jm vffheben ist zů vil
Vnd der alleyn will vnderston
Das er selb dritt nit mœcht gethon

Wer nymbt die gantz welt vff syn rück
Der felt jn eynem ougenblück
Man lyßt von Alexander das
Die gantz welt jm zů enge was
Vnd schwitzt dar jnn / als ob er nit

Für synen lib genůg hett witt
Ließ doch zů letst benűgen sich
Mit sibenschůhigem erterich
Allein der dot erzeigen kan
Wo mit man můß benűgen han

Diogenes vil mæhtiger was
Wie wol sin bhusung was eyn faß
Vnd er nüt hatt vff aller erdt
So was doch nüt das er begerdt
Dann Alexander solt für gon

Vnd jm nit vor der sunnen ston /
Wer hohen dingen stellet noch
Der můß die schantz ouch wogen hoch
Was hülff eyn menschen das er gwynn
Die gantz welt / vnd verdurb er drynn

Was hülff dich / das der lib kæm hoch
Vnd fœr die sel jns hellen loch /
Wer sorget ob die gænß gent bloß
Vnd sægen will all gaß vnd stroß
Vnd eben machen berg vnd tal

Der hat keyn fryd / růw / vberal
Zů vil sorg / die ist nyenan fůr
Sie machet manchen bleich vnd dürr
Der ist eyn narr der sorgt all tag
Das er doch nit gewenden mag
 
24
Von zu viel Sorge

Der ist ein Narr, der tragen will,
Was ihm zu heben ist zu viel,
Und der allein darauf bedacht,
Was kaum von dreien wird vollbracht.
Wer auf den Rücken nimmt die Welt,

In einem Augenblick oft fällt.
Man liest von Alexander, dass
Die ganze Welt zu eng ihm was;
Er schwitzte drin, als ob er kaum
Für seinen Leib drin hätte Raum,

Und fand zuletzt doch seine Ruh
In einem Grab von sieben Schuh.
Der Tod allein erst zeiget an,
Womit man sich begnügen kann.
Diogenes mehr Macht besaß,

Und dessen Wohnung war ein Fass;
Wiewohl er nichts hatt' auf der Erde,
Gab es doch nichts, was er begehrte
Als: Alexander möchte gehen
Und ihm nicht in der Sonne stehn.


Wer hohen Dingen nach will jagen,
Der muss auch hoch die Schanze wagen78.
Was hilft's dem Menschen zu gewinnen
Die Welt und zu verderben drinnen?
Was hilft's dir, dass der Leib käm' hoch

Und die Seele führ' ins Höllenloch?
Wer Gänse nicht will barfuß lassen
Und Straßen fegen rein und Gassen
Und eben machen Berg und Tal,
Der hat nicht Frieden überall.

Zu viele Sorg' ist nirgend für,
Sie machet manchen bleich und dürr.
Ein Narr nur sorgt und denkt daran,
Was er ohnehin nicht ändern kann.

 
 
Wer vil zů borg vff nemen will
Dem essent wœlff doch nit syn zyl /
Der esel schlecht jn vnderwil
 
Wer will zu Borg aufnehmen viel,
Dem fressen die Wölfe doch nicht das Ziel,79
Und der Esel schlägt ihn, wann er will.

 

XXV
Von zuo borg vff nemē

Der ist me dann eyn ander narr
Wer stæts vff nymbt vff borg vnd harr
Vnd jn jm nit betrahten wil
Das man spricht / wœlff essen keyn zyl

Als důnt ouch die / den jr boßheyt
Gott lang vff besserung vertreit
Vnd sie doch tæglich mer vnd mer
Vff laden / dar durch gott der herr
Ir warttet / byß das stundlin kunt

So bzalen sie bym mynnsten pfundt
Es sturben frowen / vieh / vnd kyndt
Do der von Amorreen sünd
Vnd Sodomiten kam jr ziel /
Hierusalem zů boden fiel

Do jm gott beittet lange jor
Die Niniuiten bzaltten vor
Gar bald jr schuld / vnd wurden quit
Doch bhartten sie die lenge nit
Sie nomen vff noch grœsser we

Des schickt jn gott keyn Jonas me /
All ding die hant jr zyt vnd zyl
Vnd gant jr stroß noch / wie gott wil /
Wem wol ist mit nēmen vff borg
Der hat zů bzalen gantz keyn sorg /

Nit biß by den / die bald jr hendt
Strecken / vnd für dich bürgen wendt
Dann so man nit zů bzalen hett
Sie nement kuter von dem bett /
Do hunger jn Egypten was

Nomen sie korn vff so vil / das
Sie eygen wurden hyndennoch
Vnd můsten das bezalen doch /
Wann der esel anfoht syn dantz
Haltt man jn nit wol by dem schwantz
 
25
Vom Borgen

Der ist mehr Narr als andre Narren,
Wer stets auf Borg aufnimmt und Harren
Und nicht bei sich erwägen will
Das Wort: »Es frisst der Wolf kein Ziel!«
So tun auch die, deren Schlechtigkeit

Gott trägt auf Bessrung lange Zeit,
Und die doch täglich mehr und mehr
Sich laden auf, weshalb der Herr
Ihrer wartet, bis kommt ihre Stund'
Und sie zahlen bis zum letzten Pfund.

Es starben Frauen, Vieh und Kind,
Als einstmals kam Gomorras Sünd'
Und Sodoms zu dem letzten Ziel.
Jerusalem zu Boden fiel
Als Gott gewartet manches Jahr;

Die Niniviten zahlten zwar
Bald ihre Schuld und wurden quitt,
Doch beharrten sie die Länge nit;
Sie nahmen auf noch größre Schand',
Da ward kein Jonas mehr gesandt.


Alle Dinge haben Zeit und Ziel
Und gehn ihre Straße, wie Gott will.
Wer wohl sich fühlt bei seinem Borgen,
Macht ums Bezahlen sich nicht Sorgen.
Sei nicht bei denen, die rasch die Hand

Hinstrecken für dich zum Bürgepfand.
Denn so man nicht zum Bezahlen hätte,
Nähmen sie's Kissen von dem Bette.80
Als Hunger einst Ägypten fraß,
Nahmen sie soviel Korn auf, dass

Sie eigen wurden hinterher,
Und mussten's doch bezahlen schwer.
Denn wenn der Esel beginnt den Tanz,
Hält man ihn nicht fest bei dem Schwanz.

 
 
Wer wünschet das er nit verstot
Vnd nit syn sachen setzt zů got
Der kumbt zů schaden dick vnd spott
 
Wer sich erwünscht, was ihm nicht not,
Und seine Sach' nicht setzt auf Gott,
Der kommt zu Schaden oft und Spott.
 

XXVI
Von vnnutzē wunschē

Der ist eyn narr der wünschen důt
Das jm als bald schad ist als gůt /
Vnd wann ers hett / vnd wurd jm wor
So wer er doch eyn narr als vor

Mydas der kunig wünschen wolt
Das alls / das er angriff / würd goldt
Do das wor wart / do leidt er nott
Dann jm zů gold wart wyn vnd brot /
Recht hatt er / das er deckt sin hor

Das man nit sæch syn esels or
Die dar noch wůchsen jn dem ror
We dem syn wünsch all werden wor /
Vil wünschen das sie leben lang
Vnd důnt der sel doch also trang

Mit schlēmen / prassen im wynhuß
Das sie vor zyt můß faren vß /
Dar zů ob sie schon werden alt
Sint sie doch bleich / siech / vngestalt
Ir backen vnd hüt sint so lær

Als ob eyn aff jr můter wær /
Vil getzlicheyt die jugent hat
Das altter jn eym wesen stat
Inñ zittern glyder / stym / vnd hirn /
Eyn trieffend naß / vnd glatzeht stirn /

Synr frowen ist er vast vnmær /
Im selbst / vnd synen kynden schwær
Im schmeckt vnd gfelt nüt was man důt
Vnd sicht vil das jn nit dunckt gůt /
Welch leben lang / die hand groß pin

Allzyt jn nüwem vnglück syn
In truren vnd jn stætem leidt /
Enden jr tag jn schwartzem kleyd
Nestor / Peleus / vnd Laertes /
Beklagten sich jm alter des

Das sie zů lang ließ leben gott
Do sie jr sűn an schowten dot /
Wer Priamus gestorben vor
Vnd het gelebt nit so vil jor
Sæh er nit leid so jæmerlich

An sűn / frow / dœchter / stat / vnd rich /
Wann Mythridates / vnd Marius /
Cresus / vnd der groß Pompeyus
Nit werent worden also alt
Werent sie dott in grossem gwalt /

Wer hübscheyt jm / vnd synem kynd
Wünschet / der sůcht vrsach zů sünd
Wer Helena nit gwesen schon
Pariß het sie jn kriechen gelon /
Wer hæslich gsyn Lucrecia

Sie wer geschmæchet nit also /
Hett Dyna kropff vnd hofer ghan
Sychem hett sie gelossen gan /
Es ist gar seltten das man treit
Bynander schonheyt vnd küscheyt /

Vor vß / die hübschen hansen nůn
Die went all bübery yetz tůn
Vnd werden doch gefellet dick
Das man sie sticht jm narren strick /
Mancher wünscht / hüser / frow / vnd kynd

Oder das er vil gulden fynd
Vnd des glich goückels / das gott wol
Erkennt / wie es geroten sol
Dar vmb gibt er vns ettwan nüt
Vnd das er gibt / nymbt er zů zyt

Ettlich dem gwalt ouch wünschē noch
Vnd wie sie stygen vff vast hoch
Vnd btrachten nit das hœher gwalt
Dest hœher wider abher falt
Vnd das / wer vff der erden lyt

Der darff vor vall sich vœrchten nyt
Gott gibt vnß alles das er will
Er weist was recht ist / was zů vil
Ouch was vns nütz sy / vnd kum wol
War vß vns schad entspringen sol

Vnd wann er vns nit lieber hett
Dann wir vns selb / vnd das er dæt
Vnd macht vns (was wir wünschttē) wor
Es ruwt vns / ee vß kem eyn jor /
Dann vnser bgir die macht vns blint

Zů wünschen ding / die wider vns sint /
Wer wůnschen well das er reht leb
Der wünsch das jm gott dar zů geb
Eyn gsunden synn / lib / vnd geműt
Vnd jn vor vorcht des todes bhűt

Vor zorn / begyr / vnd bœsem gydt
Wer das erwirbt jn diser zyt
Der hat sin tag geleit baß an
Dann Hercules ye hat gethan
Oder Sardanapalus hatt

In wollust / gfüll / vnd fæderwatt
Vnd hatt alles das jm wurt sin not
Darff nit an rüffen glück für got
Eyn narr wünscht synen schaden dyck
Syn wunsch würt offt syn vnglück
 
26
Von unnützem Wünschen

Das ist ein Narr, der Wünsche tut,
Die ihm mehr schädlich sind als gut;
Denn wenn er's hätt' und würd' ihm wahr, –
Er blieb' der Narr doch, der er war.
Der König Midas wünscht' als Sold,81

Was er berührte, würde Gold;
Als das geschah, – da litt er Not,
Nun ward zu Gold ihm Wein und Brot.
Dass man nicht säh' sein Eselsohr,
Das ihm gewachsen drauf im Rohr,

Verhüllte er mit Recht sein Haar.
Weh dem, des Wünsche werden wahr!
Viele wünschen, dass sie leben lange,
Und machen doch der Seele bange
Mit Prass und Schlemmen im Weinhaus,

Dass sie vor Zeit muss fahren aus;
Dazu, wenn sie schon werden alt,
Sind sie doch bleich, siech, ungestalt;
Ihre Wangen und Leiber sind so leer,
Als ob ein Aff' ihre Mutter wär'.

Viel Freude hat nur, wer noch jung,
Das Alter ist ohn' Abwechselung,
Ihm zittern Glieder, Stimm' und Hirn,
Ihm trieft die Nas', ist kahl die Stirn,
Es ist den Frauen zuwider fast,

Sich selbst und seinen Kindern zur Last;
Ihm schmeckt und gefällt nichts, was man tut,
Es sieht viel, was ihm dünkt nicht gut.
Lang leben andre, um in Pein
Und neuem Unglück stets zu sein,

In Trauer und in stetem Leid;
Sie enden die Tag' im schwarzen Kleid;
Es konnte Nestor in alten Tagen
Samt Peleus und Laertes klagen,
Dass sie zu lang ließ leben Gott,

Weil sie die Söhne sahen tot.
Wär' Priamus gestorben eh',
Er hätt' erlebt nicht so viel Weh,
Das ihm mit Jammer ward bekannt
An Frau und Kindern, Stadt und Land.

Wenn Mithridat und Marius,
Pompejus, Krösus noch zum Schluss
Nicht so alt worden wären,
Sie wären gestorben hoch in Ehren.
Wer Schönheit sich und seinem Kind

Erwünscht, der sucht Ursach' zur Sünd.
War Helena nicht als schön bekannt,
Ließ Paris sie in Griechenland;
Wär' hässlich gewesen Lukrezia,
Dann solche Schmach ihr nicht geschah;

Wenn Dina kröpfig und höckrig war,
Bracht' Sichem nicht ihrer Ehre Gefahr.
Schönheit und Keuschheit offenbar
Gar selten beieinander war.
Zumal die hübschen Hansen82 nun

Begehren Büberei zu tun
Und straucheln doch, dass man sie oft
Am Narrenstrick sieht unverhofft.
Mancher wünscht Häuser, Frau und Kind,
Oder dass er viel Gulden find'

Und ähnliche Torheit – von der Gott wohl
Erkennt, wie sie geraten soll;
Drum säumt er, sie uns zu erteilen,
Und was er gibt, nimmt er zuweilen.
Etliche wünschen sich Gewalt

Und Aufstieg ohne Aufenthalt
Und sehen nicht, dass wer hoch steigt,
Von solcher Höhe fällt gar leicht,
Und dass, wer auf der Erde liegt,
Vorm Fall sich braucht zu fürchten nicht.


Gott gibt uns alles, was er will;
Er weiß, was gut ist, was zu viel,
Auch was uns nütz sei und bekomme,
Und was uns schade und nicht fromme;
Und wenn er uns nicht lieber hätt'

Als wir uns selbst, und wenn er tät'
Und macht uns, was wir wünschten, wahr, –
Es reut' uns, eh' verging ein Jahr.
Denn die Begierde macht uns blind
Zu wünschen Ding', die schädlich sind.

Wer wünschen will, dass er recht lebe,
Der wünsche, dass der Herr ihm gebe
Gesunden Sinn, Leib und Gemüte
Und ihn vor Furcht des Todes hüte,

Vor Zorn, vor bösem Geiz und Gier.

Wer das für sich erwirbet hier,
Hat seine Zeit gelegt besser an
Als Herkules je hat getan
Oder als Sardanapalus tat
Trotz Wollust, Füll' und allem Staat;

Der hat alles, was ihm ist not,
Braucht nicht zu rufen das Glück statt Gott.
Ein Narr wünscht seinen Schaden oft:
Sein Wunsch wird Unglück unverhofft.

 
 
Wer nit die rechte kunst studiert
Der selb jm wol die schellen rűrt
Vnd wurt am narren seyl gefűrt
 
Wer nicht die rechte Kunst83 studiert,
Derselbe wohl die Schellen rührt
Und wird am Narrenseil geführt.

 

XXVII
Von vnnutzē studieren

Der studentten ich ouch nit für
Sie hant die kappen vor zů stür
Wann sie alleyn die streiffen an
Der zippfel mag wol naher gan

Dann so sie soltten vast studieren
So gont sie lieber bůbelieren
Die jugent acht all kunst gar kleyn
Sie lerent lieber yetz alleyn
Was vnnütz vnd nit frůchtbar ist

Das selb den meystern ouch gebrüst
Das sie der rehten kunst nit achten
Vnnütz geschwetz alleyn betrachten
Ob es well tab syn / oder nacht
Ob hab eyn mensch / eyn esel gmacht

Ob Sortes oder Plato louff
Sollch ler ist yetz der schůlen kouff /
Syndt das nit narren vnd gantz dumb
Die tag vnd nacht gant do mit vmb
Vnd krützigen sich vnd ander lüt

Keyn bessere kunst achten sie nüt
Dar vmb Origines / von jnñ
Spricht / das es sint die frœsch gesyn
Vnd die hundsmucken die do hant
Gedurechtet Egypten landt /

Do mit so gat die jugent hyen
So sint wir zů Lyps / Erfordt / Wyen
Zů Heidelberg / Mentz / Basel / gstanden
Kumen zů letst doch heym mit schanden
Das gelt das ist verzeret do

Der truckery sint wir dann fro
Vnd das man lert vfftragen wyn
Dar vß wurt dann eyn henselyn
So ist das gelt geleit wol an
Studenten kapp will schellen han
 
27
Von unnützem Studieren

Der Studenten ich auch nicht schone:
Sie haben die Kappe voraus zum Lohne,
Und wenn sie die nur streifen an,
Folgt schon der Zipfel hintendran,
Denn wenn sie sollten fest studieren,

So gehn sie lieber bubelieren.84
Die Jugend schätzt die Kunst gar klein;
Sie lernt jetzt lieber ganz allein,
Was unnütz und nicht fruchtbar ist.
Denn dies den Lehrern auch gebrist,

Dass sie der rechten Kunst nicht achten,
Unnütz Geschwätz allein betrachten:
Ob es erst Tag war oder Nacht?
Obwohl ein Mensch einen Esel gemacht?
Ob Sortes85 oder Plato gelaufen?

Die Lehr' ist jetzt an Schulen kaufen.
Sind das nicht Narren und ganz dumm,
Die Tag und Nacht gehn damit um
Und kreuzigen sich und andre Leut'
Und achten bessre Kunst keinen Deut?

Darum Origenes von ihnen
Spricht, dass sie ihm die Frösche schienen
Und die Hundsmücken, die das Land
Ägypten plagten, wie bekannt.
Damit geht uns die Jugend hin,


So sind zu Lips86 wir, Erfurt und Wien,
Zu Heidelberg, Mainz, Basel gestanden
Und kamen zuletzt doch heim mit Schanden.
Ist dann das Geld verzehret so,
Dann sind der Druckerei wir froh,

Und dass man lernt auftragen Wein:87
Der Hans wird dann zum Hänselein.
So ist das Geld gelegt wohl an:
Studentenkapp' mit Schellen dran!

 
 
Solt gott noch vnserm willen machen
Vbel ging es jn allen sachen
Wir wurden weynen me dann lachen
 
Sollt' Gott nach unserm Willen machen,
So ging es schlimm in allen Sachen,
Wir würden weinen mehr, denn lachen.
 

XXVIII
Von wider gott reden

Der ist eyn narr / der macht eyn für
Das er dem sunnen schyn geb stür
Oder wer fackeln zündet an
Vnd will der sunnen glast zů stan

Vil mer der gott strofft vmb syn werck
Der heisßt wol Henn von narrenberg
Dann er all narren vbertrifft
Sin narrheyt gibt er jn geschrifft
Dann gotts gnad vnd fürsichtikeyt

Ist so voll aller wissenheyt
Das sie nit darff der menschen ler
Oder das man mit rům sie mer
Dar vmb o narr / was straffst du gott
Din wißheit ist gen jm eyn spot

Loß gott důn synem willen nach
Es syg gůttæt / stroff / oder rach
Loß wittern jn / loß machen schœn
Dann ob du joch dar vmb bist hœn
So gschicht es doch nit dester ee

Din wünschen důt alleyn dir wee
Dar zů versündest dich gar schwær
Vil wæger dir geschwygen wer
Wir betten das syn will der werd
Als jn dem hymel / so vff erd /

Vnd du narr wilt jn stroffen leren
Als ob er sich an dich můst keren
Gott weiß all ding baß ordinieren
Dann durch din narreht fantisieren
Das judisch volck das lert vns wol

Ob gott well das man murmlen sol
Wer was sin ratgeb zů der zyt
Do er all ding schůf / macht vß nüt
Wer hat jm geben vor vnd ee
Der rűm sich des / vnd stroff jn me
 
28
Von Wider-Gott-Reden

Der ist ein Narr, der Feuer facht,
Zu mehren des Sonnenscheines Macht,
Oder wer Fackeln setzt in Brand,
Dem Sonnenglanze zum Beistand;
Doch wer Gott tadelt um sein Werk,

Der heißt wohl Heinz von Narrenberg,
Die Narren all er übertrifft,
Seine Narrheit gibt er in Geschrift.
Denn Gottes Gnad' und Fürsichtigkeit
Ist so voll aller Wissenheit –

Dass sie entbehrt der Menschenlehre,
Oder dass man mit Ruhm sie mehre.
Darum, o Narr, was tadelst du Gott?
Dein Wissen ist vor ihm ein Spott.
Lass Gott tun seinem Willen nach,

Sei's Guttat, Strafe oder Rach';
Lass wittern88 ihn, lass machen schön,
Denn ob du auch magst bös aussehn,
Geschieht es doch nicht desto eh,
Dein Wünschen tut allein dir weh;


Dazu versündigst du dich schwer,
So dass dir Schweigen besser wär'!
Wir beten, dass sein Wille werde
So wie im Himmel, auf der Erde,
Und du Narr willst ihn tadeln lehren,

Als ob er sich an dich müsst' kehren!
Gott kann es besser ordinieren89
Als durch dein närrisch phantasieren.
Der Juden Volk belehrt uns wohl,
Ob Gott will, dass man murren soll;

Wer gab ihm Rat zu jener Zeit,
Als er aus Nichts schuf Herrlichkeit?
Wer etwas ihm gegeben ehr,
Der rühm' sich des und straf' ihn mehr!

 
 
Wer vff syn frumkeyt halt alleyn
Vnd ander vrtelt bϧ vnd kleyn
Der stoßt sich offt an hertte steyn
 
Wer sich rechtschaffen glaubt allein
Und andre hält für schlecht und klein,
Der stößt sich oft an hartem Stein.
 

XXIX
Der ander lut vrteil

Der ist eyn narr der sich vertrœst
Vff won / vnd meynt er sig der grϧt
Vnd weiß nit das jn eyner stund
Syn sel fert dieff jn hellen grund

Aber den trost hat yeder narr
Er meynt nit syn der næhst der far
Wann er schon ander sterben sicht
Bald hat eyn vrsach er erdicht
Vnd kan sagen / der dett also /

Der was zů wild / der seltten fro
Der hatt diß / vnd der jhens gethan
Dar vmb hatt jn gott sterben lan
Vnd vrteilt eynen noch sym tod
Der villicht ist jn gotts gnod

So er jn grœssern sünden lebt
Wider gott vnd syn næhsten strebt
Vnd forcht dar vmb nit stroff noch bůß
Vnd weiß doch das er sterben můß
Wo / wenn / vnd wie / ist jm nit kundt

Biß das die sel fert vß dem mundt
Doch gloubt er nit das syg eyn hell
Biß er hin jn kumbt vber die schwell
So wurt jn den der synn vff gan
So sie jn mitt der flâmen stan

Eyn yeden dunckt syn leben gůt
Alleyn das hertz gott kennen důt
Für bœß schetzt man offt manchen man
Den gott doch kent / vnd lieb will han
Mancher vff erden würt geert

Der noch sym tod zůr hellen fert
Eyn narr ist wer gesprechen dar
Das er reyn sig von sünden gar
Doch yedem narren das gebrist
Das er nit syn will / das er ist
 
29
Von selbstgerechten Narren

Ein Narr sich auf den Trost verlässt
Und meint, er sei der allerbest'
Und weiß nicht, dass in einer Stunde
Die Seel' ihm fährt zum Höllengrunde.
Denn diesen Trost hat jeder Narr,

Er meint, noch fern zu sein der Bahr';
Sieht andre er im Sterbekleid,
Hat einen Grund er bald bereit
Und sagt dann wohl: »Der lebte so!
Der war zu wild; der selten froh!

Der hat dies, jener das getan,
Drum tat ihm Gott das Sterben an!«
Er richtet den nach seinem Tod,
Der Gnade fand vielleicht bei Gott,
Während er in größern Sünden lebt,

Wider Gott und seinen Nächsten strebt
Und scheut nicht Strafe drum noch Buß'
Und weiß doch, dass er sterben muss.
Wo, wann und wie ist ihm nicht kund,
Bis ihm die Seel' fährt aus dem Mund;

Doch glaubt er nicht an eine Hölle,
Bis er kommt über ihre Schwelle,
Dann wird ihm wohl der Sinn aufgehn,
Wird er inmitten der Flammen stehn!
Einen jeden dünkt sein Leben gut,


Doch Gott das Herz erkennen tut;
Für schlechter hält man manchen Mann,
Den Gott doch kennt und lieb gewann.
Auf Erden mancher wird geehrt,
Der nach dem Tod zur Hölle fährt.

Ein Narr ist, wer es wagt und spricht,
Er sei befleckt von Sünden nicht:
Doch jedem Narren das gebrist,
Dass er nicht sein will, was er ist.

 
 
Wem noch vil pfrůnden hie ist nott
Des esel fellt me dann er got
Vil seck die synt des esels dot
 
Wem nach viel Pfründen hier ist not,
Des Esel fällt oft in den Kot:
Viel Säcke sind des Esels Tod.
 

XXX
Von vile der pfrunden

Der ist eyn narr / wer hat eyn pfrůn
Der er alleyn kum recht mag tůn
Vnd ladt noch vff so vil der seck
Biß er den esel gantz ersteck

Eyn zymlich pfrůnd nert eynen wol
Wer noch eyn nymbt / der selb der sol
Acht han / das er eyn oug bewar
Das jm das selb nit ouch vß far
Dann wo er noch eyn dar zů nynnt

Wurt er an beiden ougen blynt
Dar noch keyn tag noch nacht hat růw
Wie er on zal vff nem dar zů
Als ist dem sack der boden vß
Biß er fert jnn das gernerhuß /

Aber man důt yetz dispensieren
Dar durch sich mancher ist verfieren
Der meynt das er sy sicher gantz
So eilff vnd vnglück wurt syn schantz /
Mancher vil pfrůnden bsitzen důt

Der nit wer zů eym pfrűndlin gůt
Dem er allein wol recht mœcht tůn
Der bstelt / duscht / koufft / so manig pfrůn
Das er verjrrt dick an der zal
Vnd důt jm also we die wal

Vff welcher er doch sytzen well
Do er mœg syn eyn gůt gesell
Das ist eyn schwer sorglich collect
Worlich der dot jm hafen steckt
Seltten man pfrűnden yetz vß gyt

Symon vnd Hyesy louffen mit
Merck wer vil pfrůnden haben well
Der letsten wart er jnn der hell
Do wurt er fynden eyn presentz
Die me důt dann hie sechs absentz
 
30
Von viel Pfründen

Ein Narr ist, wer eine Pfründe gewann,
Der er allein kaum gerecht werden kann,
Und lädt soviel Säcke auf den Rücken,
Bis dass der Esel muss ersticken.
Pfründ', die geziemet, nähret wohl;

Wer mehr sich nimmt, derselbe soll
Achthaben, dass ein Aug' er wahre,
Damit ihm das nicht auch ausfahre;
Denn wenn er Pfründen noch gewinnt,
Wird er auf beiden Augen blind,

Dann hat er Tag und Nacht nicht Ruh',
Wie er zahllose nehm' dazu.
Dem Sack ist ganz der Boden aus,
Bis dass er fährt zum Totenhaus.
Aber man tut jetzt dispensieren90,

Wodurch sich mancher lässt verführen,
Der meint, dass er sei sicher ganz,
Bis elf und Unglück wird sein' Schanz'91.
Viel Pfründen mancher besitzen tut,
Der nicht zu einem Pfründlein gut,

Dem er möcht' recht Genüge tun,
Der tauscht und kauft nun ohne Ruhn,
Dass er wohl irr wird in der Zahl
Und schmerzt ihn also sehr die Wahl,
Wo er sitz' auf der rechten Stelle,


Um dort zu leben als guter Geselle.92
Das ist eine sorgenvolle Kollekt'
93:
Wahrlich, der Tod im Hafen steckt94!
Wo man Pfründen jetzt verleiht,
Sind Simon und Hiesi nicht weit.

Merk: will viel Pfründen ein Geselle,
So harrt er der letzten in der Hölle,
Da wird er finden eine Präsenz,
Die mehr bringt als sechsmal Absenz.95

 
 
Wer singt Cras Cras glich wie eyn rapp
Der blibt eyn narr biß jnn syn grapp
Morn hat er noch eyn grœsser kapp
 
Wer singt »cras, cras«96 gleichwie ein Rabe,
Der bleibt ein Narr bis hin zum Grabe;
Und hat morgen eine noch größrre Kapp'.

 

XXXI
Von vffschlag suchē

Der ist eyn narr dem gott jn gyt
Das er sich besseren soll noch hüt
Vnd soll von synen sünden lan
Eyn besser leben vohen an

Vnd er jm selbs sůcht eyn vffschlag
Vnd nymbt zyl vff eyn andern tag
Vnd singt Cras / Cras / des rappē gsang
Vnd weißt nit ob er leb so lang /
Dar durch synt narren vil verlorn

Die allzyt süngen / morn / morn / morn /
Was sünd an trifft vnd narrheyt sust
Do ylt man zů mit grossem lust
Was got an trifft / vnd recht ist gton
Das will gar schwærlich naher gon

Vnd sůcht eyn vffschlag jm allzyt
Bychten ist besser morn / dann hüt
Morn went wir erst recht leren tůn
Als spricht mancher verlorner sůn
Das selb morn / kumbt dañ nyemer me

Es flüht vnd smyltzt glich wie der schne
Biß das die sel nym blibē mag
So kumbt dann erst der mornig tag
So wurt von we der lib gekrenckt
Das er nit an die sel gedenckt

Also verdurbent jn der wűst
Der juden vil / der keyner műst
Noch solt gantz kumen jn das landt
Das gott verhieß mit syner handt
Wer hüt nit gschickt zů ruwen ist

Der fyndt morn me das jm gebrist
Wæn hüt berűfft die gottes stym
Der weißt nit / ob sie morn rüff jm
Der sint vil tusent yetz verlorn
Die meynten besser werden morn
 
31
Vom Aufschubsuchen

Der ist ein Narr, dem Gott gebeut,
Dass er sich bessern soll noch heut
Und ab von seinen Sünden stehn,
Ein besser Leben sich ersehn,
Und der nicht gleich sich bessern mag,

Nein, Frist sich setzt zum andern Tag
Und singt »cras, cras!« des Raben Sang,
Und weiß nicht, ob er lebt so lang.
Viel Narren sind verlorn gegangen,
Die allzeit: »Morgen! Morgen!« sangen.

Was Sünd' und Narrheit sonst angeht,
Da eilt man zu so früh wie spät;
Was Gott betrifft und Rechtes tun,
Das schleicht gar langsam näher nun,
Dem suchen Aufschub stets die Leute.

»Morgen ist besser beichten denn heute!
Wir lernen Rechttun morgen schon!«
So spricht gar mancher verlorne Sohn.
Derselbe Morgen kommt nimmer je,
Er flieht und schmilzt gleichwie der Schnee.


Erst wenn die Seel' nicht bleiben mag,
Dann erst kommt dieser morgige Tag,
Dann wird von Schmerz der Leib bedrängt,
Dass er nicht an die Seele denkt.
So sind auch in der Wüste vergangen

Der Juden viel; deren sollte gelangen
Kein einziger in jenes Land,
Das Gott verhieß mit milder Hand.
Wer heut' nicht fähig zur Reue ist,
Hat morgen noch mehr, was ihm gebrist.

Wen heute rief die Gottesstimm',
Weiß nicht, ob sie ruft morgen ihm,
Drum sind viel Tausend jetzt verloren,
Die morgen sich zu bessern schworen!

 
 
Der hűtt der hewschreck an der sunn
Vnd schüttet wasser jn eyn brunn
Wer hűttet das syn frow blib frum
 
Heuschrecken hütet an der Sonnen
Und Wasser schüttet in den Bronnen,
Wer hütet die Frau, so er gewonnen.
 

XXXII
Von frowen huetten

Vil narren tag / vnd seltten gůt
Hat wer synr frowen hűtten důt
Dann welch wol wil / die důt selb recht
Welch vbel wil / die macht bald schlecht

Wie sie zů wegen bring all tag
Ir bœß fürnemen vnd anschlag
Leitt man eyn malschloß schon dar für
Vnd bslüßt all rygel / tor / vnd tűr /
Vnd setzt jns huß der hűtter vil

So gatt es dennaht als es wil
Was halff der turn dar jnn Danæ ging
Dar für / do sie eyn kynd entpfyng /
Penelope was fry vnd loß
Vnd hatt vmb sich vil bůler groß

Vnd was jr man zwentzig jor vß
Bleib sy doch frum / jn irem huß
Der sprech alleyn / das er noch sy /
Vor btrügniß syner frowen fry
Der hab syn frow ouch lieb vnd holt

Den syn frow nie betriegen wolt
Eyn hübsch frow die eyn nærrin ist
Ist glich eym roß dem oren gbryst
Wer mit der selben eren will
Der machet krumber fürchen vil

Eyn frōme frow sol haben gberd
Ir ougen schlagen zů der erd
Vnd nit hoffwort mit yederman
Tryben / vnd yeden gæfflen an
Noch hœren alles das man jr seitt /

Vil kuppler gont jn schoffes kleydt
Hett nit Helen vff pariß gifft
Eyn antwürt geben jn geschrifft
Vnd Dydo durch jr schwester Ann
Sie werent beid on frœmde mann
 
32
Vom Frauenhüten

Viel Narrentag' und viel Verdruss
Hat, wer der Frauen hüten muss;
Denn welche wohl will, tut selbst recht,
Die übel will, die macht bald schlecht97,
Wie sie zu Wege bring' all Tag

Ihr schlechte Absicht und Anschlag.
Legt man ein Malschloss98 schon dafür
Und schließt all Riegel, Tor und Tür
Und setzt ins Haus der Hüter viel,
So geht es dennoch, wie es will.

Was half der Turm, drein Danae ging,
Dafür, dass sie ein Kind empfing?
Penelope war frei und los
Und hatt' um sich viel Buhler groß,
Ihr Mann blieb zwanzig Jahre aus,

Sie blieb gar schön in ihrem Haus.
Der sprech' allein, dass er noch sei
Von Weiberlist und Truge frei,
Und halt' die Frau auch lieb und hold,
Den seine Frau nie täuschen wollt'.


Eine Frau, die hübsch, doch närrisch ist,
Gleicht einem Ross, dem's Ohr gebrist;
Wer mit derselben ackern will,
Der macht der krummen Furchen viel.
Das sei der braven Frau Gebärde:

Die Augen schlagen zu der Erde,
Nicht Artigkeit von jedermann
Eintauschen, jeden gäffeln an,
Noch hören alles, was man sagt:
Viel Kupplern Schafsgewand behagt.

Hätt' Helena nicht, als Paris schrieb,
Antwort gegeben, er sei ihr lieb,
Und Dido durch ihre Schwester Ann',
Sie wären beid' ohn fremden Mann.

 
 
Wer durch die fynger sehen kan
Vnd loßt syn frow eym andern man
Do lacht die katz die müß sůsß an
 
Wer durch die Finger sehen kann
Und lässt die Frau einem andern Mann,
Da lacht die Katz' die Maus süß an.
 

XXXIII
Von eebruch

Eebrechen wigt man als geryng
Als ob man schnellt eyn kyseling /
Eebruch / das gsatz yetz gantz veracht
Das keiser Julius hatt gemacht

Man vœrht keyn pen noch stroff yetz me
Das schafft das die synt jn der ee
Zerbrechen krűg vnd hæfen glich
Vnd kratz du mich / so kratz ich dich
Vnd schwig du mir / so schwig ich dir

Man kan wol haltten finger für
Die ougen / das man sæch dar vß
Vnd wachend tůn / als ob man ruß /
Man mag yetz lyden frowen schmach
Vnd gat dar nach keyn stroff noch rach

Die mann / starck mægen hant jm land
Sie mœgen towen gar vil schand
Vnd tůn als ettwan dett Catho
Der lech syn frow Hortensio /
Wenig sint den gat yetz zů hertz

Vß eebruch sollch leyd / sorg / vnd smertz
Als Atrydes strafften mit recht
Do jn jr wiber worent gschmæht /
Oder als Collatinus det
Das man Lucretz geschmæhet het /

Des ist der eebruch yetz so groß
Clodius beschisßt all weg vnd stroß /
Der yetz mit geyßlen die wol strich
Die vß dem eebruch rűmen sich /
Als man Salustio gab lon

Mancher der wurd vil schnatten han /
Ging yedem eebruch sollch plag nach
Als dann Abymelech geschach /
Vnd den sűnen Benyamyn /
Oder dar noch ging sollich gwynn

Als Dauid gschah mit Bersabee
Manchen glust brechen nit die ee /
Wer lyden mag das syn frow sy
Im eebruch / vnd er wont jr by
So er das wißlich weisßt vnd sycht

Den halt ich für keyn wysen nycht
Er gibt jr vrsach mer zů fall
Dar zů die nochburn mumlen all
Er hab mit jr teyl vnd gemeyn
Sie bring ouch jm den rœrroub heyn

Sprech zů jm / hans myn gůtter man
Keyn liebern will ich / wen dich han
Eyn katz den müsen gern noch gat
Wann sie eynst angebissen hat /
Welch hatt vil ander mann versůcht

Die würt so schamper vnd verrůcht
Das sie keyn scham noch ere me acht
Irn můtwill sie alleyn betracht /
Eyn yeder lůg das er so leb
Das er synr frow keyn vrsach geb

Er hallt sie früntlich / lieb vnd schon
Vnd vœrcht nit yeden glocken thon /
Noch kyfel mit jr nacht vnd tag
Lůg dar by was die glocken schlag
Dann ich das rott jn truwen keym

Das er vil gest fűr mit jm heym
Vor vß lůg für sich der genow
Wer hat ein hübsch / schō / weltlich frow
Dann nyemans ist zů truwen wol
All welt ist falsch vnd vntruw vol

Menelaus hett syn frow behan
Hett er Paris do vsßhin gelan /
Hett Agammennon nit zů huß
Gelossen syn fründt Egysthus
Vnd dem vertruwt hof / gůt / vnd wyb

Er wer nit kumen vmb syn lyb /
Glych wie Candaules der dor groß
Der zeigt syn wyb eym andern bloß /
Wer nit syn freüd mag han alleyn
Dem gschicht reht das sie werd gemeyn

Dar vmb soll man han für das best
Ob eelüt nit gern haben gest
Vor vß / den nüt zů trüwen ist
Die weltt steckt voll beschysß vnd lyst
Wer argwon hat / der gloubt gar bald

Das man tűg das jm nit gefalt
Als Jacob mit dem rock beschach
Den er mit blůt besprenget sach
Aswerus gdocht das Amon meynt
Hester gesmæhen der doch weynt /

Abraham vorcht synr frowen ee
Dann er ye kæm gon Gerare
Wæger eyn schmyrtzler jn sym huß
Dann brűten frœmde eyer vß
Wer vil vß fliegen will zů wald

Der wurt zů eyner grasmuck bald /
Wer brennend kol jnn gœren leidt
Vnd schlangen jnn sym bůsen treyt
Vnd jnn synr teschen zücht eyn muß
Solch gest lont wenig nutz jm huß
 
33
Von Ehebruch

Ehbrechen wägt man als gering,
Als ob man schnellt' einen Kieseling.
Ehbruch hat des Verbots nicht acht,
Des Kaiser Julius gemacht.
Man scheut jetzt Straf noch Tadel nicht,

Das macht, die in der Ehe Pflicht
Zerbrechen Töpf' und Häfen gleich99
Und: »Schweig du mir, so ich dir schweig!«
Und: »Kratz du mich, so kratz' ich dich!«
Man kann die Finger halten sich

Vor's Auge so, dass man doch sieht,

Und wachen bei geschlossenem Lid.
Man kann jetzt leiden Frauenschmach,
Und folgt nicht Straf' noch Rache nach.
Stark ist im Land der Männer Magen,

Viel Schande können sie vertragen

Und tun, was ehemals Cato tat,
Der dem Hortens die Frau abtrat.
Gar wen'gen gehen jetzt zu Herzen
Aus Ehbruch Leid' und Sorg' und Schmerzen,

Wie die Atriden straften recht,

Da ihre Frauen man geschwächt,
Oder wie Collatinus tat,
Als man Lukrezia Schmach antat.
Drum ist der Ehbruch jetzt so groß,


Auf allen Straßen ist Clodius100 los.
Wer jetzt mit Geißeln die wohl strich',
Die wegen Ehbruchs rühmen sich,
Wie man Salustio gab Lohn –
Trüg mancher Striemen viel davon.

Wär' solche Straf' für Ehbruch da,
Wie Abimelech einst geschah,
So wie den Söhnen Benjamin,
Oder würd' ihm solcher Gewinn,
Wie David geschah mit Bersabe101 –

Mancher würd' brechen nicht die Eh'.
Wer leiden kann, dass sein Weib sei
Im Ehbruch, und er wohnt ihr bei,
So er das kündlich weiß und sieht,
Den hält für klug nicht mein Gemüt.

Er gibt ihr Ursach mehr zu Fall;
Dazu die Nachbarn munkeln all,
Er hab' mit ihr teil und gemein,
Und ihre Beute sei auch sein.
Sie sprech' zu ihm: »Hans, guter Mann,

Dich seh' ich doch am liebsten an!« –
Die Katz' den Mäusen gern nachgeht,
Wenn sie das Mausen erst versteht;
Und die viel andre hat versucht,
Wird also schandbar und verrucht,


Dass Ehr' und Scham sie nicht mehr achtet,
Nach Üppigkeit allein sie trachtet.
Ein jeder schau, dass er so lebe,
Dass er der Frau nicht Ursach gebe;
Er halt' sie freundlich, lieb und schön

Und fürcht' nicht jeder Glock' Getön,
Noch keif' er mit ihr Nacht und Tag;
Er sehe, was die Glocke schlag',
Dann lass dies treuer Rat dir sein:
Führ' nicht viel Gäste bei dir ein!

Vor allen schaue der genau,
Wer hat eine feine, hübsche Frau,
Denn niemand ist zu trauen wohl,
Die Welt ist falsch und Untreu' voll.
Es blieb' die Frau dem Menelaus,

Wenn Paris nicht kam in das Haus;
Hätt' Agamemnon den Aegisth
Nicht zu Haus gelassen, wie Ihr wisst,
Und ihm vertraut Weib, Hof und Gut,
Hätt' fließen müssen nicht sein Blut,

Gleichwie Kandaules, der Tor so groß,
Der zeigte sein Weib einem andern bloß.
Wer Freude nicht will haben allein,
Dem geschieht ganz recht, wird sie gemein;
Drum soll man halten das für's Beste,


Wenn Ehleut' nicht gern haben Gäste.
Zumal denen nicht zu trauen ist:
Die Welt steckt voll Betrug und List!
Wer Argwohn hat, der glaubt gar bald,
Man tue, was ihm nicht gefallt,

Wie Jakob mit dem Rock geschah,
Den er mit Blut besprenget sah;
Ahasverus dachte, dass Haman meinte
Die Esther zu schmähen, der doch weinte;
Für Sarah fürchtete Abraham eh,

Bevor er kam gen Gerare.
Besser ist ängstlich hüten das Haus
Als fremde Eier brüten aus.
Wer viel ausfliegen will zu Wald,
Der gleichet der Grasmücke102 bald.

Wer brennende Kohlen im Kleide trägt
Und Schlangen in seinem Busen hegt
Und in der Tasche zieht eine Maus –
Die Gäste nützen wenig dem Haus.
 
 
Manchen dunckt / er wer witzig gern
Vnd ist eyn ganß doch / hür als vern
Dann er keyn zůcht / vernunfft / will lern
 
Mancher hält sich für weise gern
Und bleibt eine Gans doch heuer wie fern,103
Lernt nicht Vernunft noch Zucht begehrn.

 

XXXIV
Narr hur als vern

Eyn narr ist der vil gůttes hœrt
Vnd würt syn wißheyt nit gemœrt
Der allzyt bgert erfaren vil
Vnd sich dar von nit besseren wil

Vnd was er sicht will er han ouch
Das man merck / das er sy eyn gouch
Dann das ist aller narren gbrust
Was nuw ist / allzyt doren glust
Vnd hant doch bald vernüwgert dran

Vnd wellen ettwas frœmdes han
Eyn narr ist wer vil land durchfert
Vnd wenig kunst / noch tugend lert
Als ist eyn ganß geflogen vß
Vnd gagack kumbt wider zů huß /

Nit gnůg / das eyner gwæsen sy
Zů Rom / Hierusalem / Pauy
Aber do ettwas geleret han
Das man vernunfft / kunst / wißheit kan
Das halt ich fůr eyn wandlen gůt /

Dann ob voll krützer wer din hůt
Vnd du künst schissen berlin kleyn
Hielt ich doch nit vff das allein
Das du vil land ersůchet hast
Vnd wie eyn ků / on wißheit gast

Dann wandlen ist kein sunder ere
Es sy dann das man sunders ler
Hett Moyses jn Egypten nüt /
Vnd Daniel gelert die zyt
Do er was jn Chaldeen landt

Sye weren nit so wol erkant
Mancher kumbt melbig zů der bicht
Der gantz wisß werden meint / vnd licht
Vnd gat beræmt doch wider heyn
Vnd dreyt am hals eyn mülensteyn
 
34
Immer ein Narr bleiben

Ein Narr ist, wer viel Gutes hört
Und doch nicht seine Weisheit mehrt,
Wer allzeit wünscht Erfahrung viel
Und sich davon nicht bessern will,
Und was er sieht, begehret auch,

Damit man merk', er sei ein Gauch.
Denn das plagt alle Narren sehr:
Was neu ist, das ist ihr Begehr;
Doch ist die Lust dran bald verloren
Und etwas andres wird erkoren.

Ein Narr ist, wer durchreist viel Land
Nichts lernt und mehrt nicht den Verstand,
Der als eine Gans geflogen aus
Und kommt als Gagak heim nach Haus.
Nicht genug ist's, dass er gewesen sei

Zu Rom, Jerusalem, in der Türkei,
Sondern dass etwas gelernt er hat,
Dass er besitzt Vernunft, Kunst104, guten Rat;
Das halt' ich für ein Wandeln gut.
Denn wär' voll Kreuze auch dein Hut105,


Und könntest du scheißen Perlen fein,
So schätzte ich doch nicht allein,
Dass du viel Land besucht und sahst
Und – wie die Kuh ohn' Weisheit stahst.
Denn wandern bringt nicht große Ehre,

Es sei denn, dass man klüger wäre.
Hätt' Moses in Ägypterland
Und Daniel nicht bekommen Verstand,
Als er war in Chaldäa fern,
Man würde sie nicht also ehrn.

Mancher kommt staubig zu der Beicht',
Der rein zu werden meint und leicht,
Und geht doch wieder fort unrein
Und trägt am Hals den Mühlenstein.

 
 
Wer stæts jm esel hat die sporen
Der juckt jm dick biß vff die oren
Bald zürnen / stat wol zů eym doren
 
Wer stets im Esel hat die Sporen,
Der rückt ihm oft bis auf die Ohren:
Leicht zürnen passt wohl einem Toren.
 

XXXV
Von luchtlich zyrnen

Der narr den esel allzyt ryt
Wer vil zürnt do man nüt vmb gyt
Vnd vmb sich schnawet als eyn hunt
Keyn gůtig wort gat vß sym mundt

Keyn bůchstab kan er dann das R
Vnd meynt man soll jn vœrchten ser
Das er müg zürnen wann er well
So spricht eyn yeder gůtter gsell
Wie důt der narr sich so zerryssen

Vnglück will vns mit narren bschyssen
Er wænt man hab keyn narren vor
Gesehen / dann hans esels or /
Der zorn hyndert eyns wysen můt
Der zornig weyßt nit was er důt /

Archytas / do jm vnrecht gschach
Von synem knecht / zů jm er sprach /
Ich soltt das yetz nit schencken dir
Wann ich nit merckt eyn zorn jn mir /
Des glychen Plato ouch geschach

Keyn zorn von Socrates man sach /
Wæn lycht syn zorn jn vngedult
Zücht / der velt bald jn sünd vnd schuldt /
Gedult / senfft widerwertikeyt
Eyn weiche zung bricht herttikeyt

All tugend / vngedult verschytt
Wer zornig ist / der bettet nit
Vor schnellem zorn / dich allzyt hűt
Dann zorn wont jnn eyns narrē gmůt
Vil ringer wer eyns beren zorn

Der joch syn jungen hett verlorn
Dann tulden / das eyn narr dir důt
Der vff syn narrheyt setzt syn můt /
Der wiß man důt gemach allzyt
Eyn gæher / billich esel rytt
 
35
Von leichtem Zürnen

Der Narr das Eselreiten liebt,
Der unnütz sich mit Zorn betrübt
Und um sich knurret wie ein Hund,
Kein gutes Wort lässt aus dem Mund,
Keinen Laut kennt als nur das R

Und meint, man soll ihn fürchten sehr,
Weil er kann zürnen nach Behagen.
Drum hört man gute Freunde sagen:
»Wie tut der Narr sich so zerreißen!
Unglück will uns mit Narrn bescheißen!

Er wähnt, man hab' nicht Narren zuvor
Gesehen als Hans Eselsohr!«
Den Weisen blendet Zornesglut,
Der Zornige weiß nicht, was er tut.
Archytas106 sprach zu seinem Knecht,

Als ihm von dem geschah Unrecht:
»Ich würde dies nicht schenken dir,
Spürt' ich nicht jetzo Zorn in mir!«
Mit Plato solches auch geschah;
An Sokrates nicht Zorn man sah.


Wen leicht sein Zorn zu Ungeduld
Bringt, der fällt bald in Sünd' und Schuld.
Geduld besänftigt Widrigkeit,
Eine weiche Zunge Härtigkeit;
All Tugend Ungeduld zerbricht,

Wer zornig ist, der betet nicht.
Vor schnellem Zorn dich allzeit hüte,
Denn Zorn wohnt in des Narrn Gemüte.
Viel leichter ist des Bären Zorn,
Hätt' er die Jungen auch verlorn,

Zu dulden als des Toren Wut,
Für den die Narrheit höchstes Gut.
Den weisen Mann ziert Mäßigkeit,
Der Jähe auf dem Esel reit'!

 
 
Wer vff syn eygnen synn vßflügt
Der selb zůn vogel næster stygt
Das er offt / vff der erden lygt
 
Wer auf den eignen Sinn ausfleugt
Und gern zu Vogelnestern steigt,
Der fällt zur Erde oft und leicht.
 

XXXVI
Von Eygenrichtikeit

Der kratzet sich mit den dornen scharff
Wæn duncket das er nyemans darff
Vnd meynt er sy alleyn so klůg
Vnd allen dingen witzig gnůg

Der jrrt gar dick vff ebner stroß
Vnd fűrt sich jnn eyn wilttniß groß
Das er nit licht kumbt wyder heyn /
We dem der velt / vnd ist alleyn
Zů kætzer synt vil worden offt

Die woltten nit / das man sie strofft
Verlossend sich vff eygne kunst
Das sie eruolgtent rům vnd gunst
Vil narren fyelen ettwann hoch
Die stygen vogelnæster noch

Vnd sůchten wæg / do keyner was
On leytter mancher nyder saß
Verahtung dick den boden rűrt
Vermessenheyt vil schiff verfűrt
Nyemer erfolget nutz noch ere

Wer nit mag han / das man jn lere
Die welt wolt Noe hœren nye
Biß vndergingen lüt vnd vieh /
Chore wolt důn das jm nit zam
Dar vmb er mit sym volck vmb kam

Das sunder thier das frißt gar vil
Wer eygens koppfs sich bruchen will /
Der selb zertrennen vnderstat
Den rock gar offt / der do ist on nat
Wer hofft dem narren schiff entgan

Der můß des wachs jnn oren han
Das brucht Vlisses vff dem mer
Do er sach der Syrenen her
Vnd er durch wißheyt von jnn kam
Do mit eyn end jr hochfart nam
 
36
Von Rechthaberei

Der kratzt sich mit den Dornen scharf,
Wen dünkt, dass niemands er bedarf,
Und meint, er sei allein so klug,
In allen Dingen gewitzt genug;
Der irrt gar oft auf ebnem Wege

Gerät gar leicht auf wilde Stege,
Auf denen Heimkehr nicht wird sein.
Weh dem, der fällt und ist allein!
Zu Ketzern wurden oft verkehrt,
Die rechter Tadel nicht belehrt,

Verlassend sich auf eigne Kunst,
Dass sie erlangten Ruhm und Gunst.
Viel Narren fielen schnell und jach,
Die stiegen Vogelnestern nach
Und suchten Weg, wo keiner was;

Ohn' Leiter mancher niedersaß;
Verachtung oft den Boden rührt107;
Vermessenheit viel Schiff' verführt,
Und dem folgt Nutzen nie noch Ehre,
Wer nicht will, dass man ihn belehre.


Die Welt wollt' Noah hören nie,
Bis untergingen Leut' und Vieh;
Korah wollt' tun, was Schand' erwarb,
Drum er mit seinem Volke starb.
Das sondre Tier108, das frisst gar viel.

Wer eignen Kopf gebrauchen will,
Sich zu zertrennen untersteht
Den Rock, der nirgend ist genäht.
Wer hofft, vom Narrenschiff zu weichen,
Der muss vom Wachs ins Ohr sich streichen,

Das tat Ulysses auf dem Meer,
Als er sah der Sirenen Heer
Und ihm durch klugen Sinn entkam,
Womit ihr Stolz ein Ende nahm.

 
 
Wer sitzet vff des glückes rad
Der ist ouch warten fall / mit schad
Vnd das er ettwann næm eyn bad
 
Wer sitzet auf des Glückes Rade,
Der sehe, dass kein Fall ihm schade,
Und dass er etwan komm' zum Bade.
 

XXXVII
Von gluckes fall

Der ist eyn narr der stiget hoch
Do mitt man sæch syn schand vnd schmoch
Vnd sůchet stæts eyn hœhern grad
Vnd gdencket nit an glückes rad

Eyn yedes ding wann es vffkunt
Zům hœchsten / felt es selbst zů grunt
Keyn mensch so hoch hie kumen mag
Der jm verheiß den mornden tag
Oder das er morn glück soll han

Dann Clotho loßt das rad nit stan /
Oder den syn gůt vnd gewalt
Vorm tod eyn ougenblick behalt /
Wer gwalt hatt der hat angst vnd nott
Vil synt durch gwalt geschlagen dott /

Den gwalt man nit langzyt behalt
Den man můß schyrmen mitt gewalt
Wo nit lieb ist vnd gunst der gmeyn
Do ist vil sorg vnd wollust kleyn
Der můß vil vœrchten / der do wil

Das jn ouch sœllen vœrchten vil
Nůn ist vorcht / gar eyn bœser knecht
Die leng mag sie nit hűtten recht
Wer hatt gewalt der selb der ler
Lieb haben gott / vnd sůch syn ere

Wer gerechtikeyt halt jn der hant
Des gwalt mag haben gůt bestant
Der hatt syn gwalt wol angeleyt
Vmb des abgang man truren treit
We dem regyerer noch des dot

Man sprechen můß gelobt sy gott
Wer waltzt eyn steyn vff jn die hœh
Vff den falt er vnd důt jm we
Vnd wer verloßt sich vff syn glück
Der vellt offt jn eym ougenblyck
 
37
Von Glückes Zufall

Der ist ein Narr, der hochauf steigt,
Damit er Schmach und Schande zeigt,
Und sucht stets einen höhern Grad
Und denkt nicht an des Glückes Rad.
Was hochauf steigt in dieser Welt,

Gar plötzlich oft zu Boden fällt.
Kein Mensch so hoch hier kommen mag,
Der sich verheißt den künft'gen Tag,
Und dass er Glück dann haben will,
Denn Klotho109 hält ihr Rad nicht still,

Oder dessen Macht und Güter
Wären vor dem Tod ein Hüter.
Wer Macht hat, der hat Angst und Not,
Viel sind um Macht geschlagen tot.
Die Herrschaft hat nicht langen Halt,

Die man muss schirmen mit Gewalt.
Wo keine Lieb' und Gunst der Gemein',
Da ist viel Sorg' – und Freude klein.
Es muss viel fürchten, wer da will,
Dass ihn auch sollen fürchten viel.

Nun ist die Furcht ein böser Knecht,
Sie kann nicht lange hüten recht.
Wer innehat Gewalt, der lerne
Liebhaben Gott und ehr' ihn gerne.
Wer Gerechtigkeit hält in der Hand,


Des Macht mag haben gut Bestand;
Des Herrschaft war wohl angelegt,
Um dessen Tod man Trauer trägt.
Weh dem Regenten, nach des Tod
Man sprechen muss: »Gelobt sei Gott!«

Wer einen Stein wälzt auf die Höh',
Auf den fällt er und tut ihm weh,
Und wer vertrauet auf sein Glück,
Fällt oft in einem Augenblick.

 
 
Wer kranck ist / vnd lyt jn der nott
Vnd volget nit eyns artztes rott
Der hab den schaden / wie es gott
 
Wer krank ist und liegt in der Not
Und folgt nicht eines Arztes Gebot,
Der hab' den Schaden, der ihm droht!
 

XXXVIII
Vō krâckē die nit volgē

Der ist eyn narr der nit verstat
Was jm eyn artzt jnn nœten rat
Vnd wie er recht haltt syn dyget
Die jm der artzt gesetzet hett

Vnd er für wyn das wasser nymbt
Oder des glich das jm nit zymbt
Vnd lůg das er syn lust erlab
Biß man jn hyn treit zů dem grab
Wer will der kranckheyt bald entgan

Der soll dem anfang widerstan
Dann artzeny můß würcken langk
Wann kranckheyt vast nymbt vberhanck
Wer gern well werden bald gesund
Der zoug dem artzet recht die wund

Vnd lyd sich / so man die vff brech
Oder mit meißlin dar jn stech
Oder sie hefft / wesch / oder bynd
Ob man jm schon die hut abschynd
Do mit alleyn das leben blib

Vnd man die sel nit von jm trib /
Eyn gůtter artzt dar vmb nit flücht
Ob joch der kranck halber hyn zücht
Eyn siech sich billich lyden sol
Vff hoffnung / das jm bald werd wol /

Wer eym artzt jn der kranckheyt lügt
Vnd jn der bicht eyn priester drügt
Vnd vnwor seyt sym aduocat
Wann er will nemen by jm ratt
Der hatt jm selbs alleyn gelogen

Vnd mit sym schaden sich betrogen
Eyn narr ist / der eyn artzet sůcht
Des wort / vnd ler / er nit gerůcht
Vnd volget altter wiber rott
Vnd loßt sich segen jn den dott

Mitt kracter vnd mitt narren wurtz
Des nymbt er zů der hell eyn sturtz
Des abergloub ist yetz so vil
Do mitt man gsuntheyt sůchen will
Wann ich das als zů samen sůch

Ich maht wol druß eyn ketzerbůch
Wer kranck ist der wer gern gesunt
Vnd acht nit wo die hilff har kunt
Den tüfel rűfft gar mancher an
Das er der kranckheyt mœcht engan

Wann er von jm hülff wartend wer
Vnd nit műst sorgen grœsser schwer /
Der würt jnn narrheyt gantz verrůcht
Wer wider gott gesuntheyt sůcht
Vnd on die wore wißheyt gert

Das er well wyß syn vnd gelert
Der ist nit gsunt / sunder gantz blœd /
Nit wyß / sunder jn torheyt schnœd
In stætter kranckheyt er verhartt
In vnsünn blintheyt gantz ernarrt /

Kranckheyt vß sünden dick entspringt
Die synd vil grosser siechtag bringt
Dar vmb wer kranckheyt will entgan
Der soll gott wol vor ougen han
Lůgen das er der bicht sich noh

Ee er die artzeny entpfoh
Vnd das die sel vor werd gesunt
Ee dann der liplich artzet kunt
Aber es spricht yetz mancher gouch
Was sich gelibt das gesœlt sich ouch

Doch wurt es sich zů lest so liben
Das weder lib noch sel wurt bliben
Vnd werden ewig kranckheyt han
So wir der zyttlich went entgan
Vil sindt yetz ful / vnd langest dott

Hetten sie vor gesůchet gott
Syn gnad erworben / hülff / vnd gunst
Ee dann sie sůchten artzet kunst
Vnd meynten leben on syn gnad
Stűrben doch mit der selen schad /

Hett Machabeus sich verlon
Alleyn vff gott / vnd nit vff Rom
Wie er zům ersten dett dar vor /
Er hett gelebt noch lange jor
Ezechias wer gestorben dott

Hett er sich nit gekœrt zů gott
Vnd dar vmb erworben / das gott wolt
Das er noch lenger leben soltt
Hett sich Manasses nit bekert
Gott hett jn nyemer me erhœrt

Der herr zů dem bettrysen sprach
Der lange jor was gwesen schwach
Gang hyn / sünd nym / nit biß eyn narr
Das dir nit bœsers wider far /
Mancher gelobt jn kranckheyt vil

Wie er syn leben bessern will
Dem spricht man / do der siech genaß
Do wart er bœser dann er was
Vnd meynt gott do mitt btrogen han
Bald gont jn grœsser plagen an
 
38
Von unfolgsamen Kranken

Der ist ein Narr, der nicht versteht,
Was ihm ein Arzt in Nöten rät,
Und der nicht recht diät will leben,
Wie ihm der Arzt hat aufgegeben,
Und der für Wein nun Wasser nimmt

Und andres, was ihm sonst nicht ziemt,
Und lugt, dass er sein Lüstchen labe,
Bis man ihn hinträgt zu dem Grabe.
Wer bald der Krankheit will entgehn,
Der soll dem Anfang widerstehn,

Denn Arzenei muss wirken lang,
Wenn Krankheit schon nahm Überhang.
Wer gern will werden bald gesund,
Der zeig' dem Arzte recht die Wund'
Und dulde, dass man sie aufbreche

Oder mit Sonden darein steche,
Sie hefte, wasche und verbinde,
Ob man ihm auch die Haut abschinde,
Damit ihm nur das Leben bleibe
Und man die Seel' nicht von ihm treibe.

Ein guter Arzt darum nicht flieht,
Wenn auch der Kranke halb hinzieht;
Ein Siecher billig dulden soll
Auf Hoffnung, dass ihm bald werd' wohl.
Wer einem Arzt in Krankheit lügt


Und in der Beicht' den Priester trügt
Und Falsches sagt dem Advokaten,
Der ihm doch soll zum Guten raten,
Der hat sich ganz allein betrogen,
Zu seinem Schaden sich belogen.

Ein Narr ist, wer den Arzte befragt
Und dann nicht tut, was der ihm sagt,
Doch alter Weiber Rat hält fest
Und in den Tod sich segnen lässt
Mit Amulett und Narrenwurz,

So nimmt zur Hölle er den Sturz.
Des Aberglaubens ist jetzt viel,
Womit man Heilung suchen will,
Wenn ich den all zusammensuch',
Mach' ich wohl draus ein Ketzerbuch.110

Der Kranke nach Gesundheit schmachtet
Und überall nach Hilfe trachtet;
Den Teufel riefe mancher an,
Dass er der Krankheit möcht' entgahn,
Wenn ihm von dem auch Hilfe würde

Müßt' er doch fürchten ärg're Bürde.
Der wird in Narrheit ganz verrucht,
Wer wider Gott Gesundheit sucht
Und ohne Weisheit doch begehrt,
Als klug zu gelten und gelehrt,


Der ist gesund nicht, sondern blöde,
Nicht klug, vielmehr in Torheit schnöde;
In steter Krankheit er verharrt
Und ist in Blindheit ganz ernarrt.
Krankheit aus Sünden oft entspringt,

Denn Sünde großes Siechtum bringt.
Drum wer der Krankheit will entgehn,
Dem soll Gott wohl vor Augen stehn,
Der soll sich erst der Beichte nahn,
Eh' er will Arzenei empfahn,

Und soll zuvor die Seele heilen,
Eh' er zum Leibesarzt will eilen.
Doch redet jetzo mancher Gauch:
»Was sich beleibt, beseelt sich auch!«
Doch wird es sich zuletzt so leiben,

Dass weder Leib noch Seele bleiben,
Und ewige Krankheit den ficht an,
Der hier will zeitlicher entgahn.
Viel sind verfault und längst schon tot,
Die, hätten sie gesuchet Gott,

Sich Gnad' erworben, Hilf' und Gunst,
Eh' sie gesucht Arzneienkunst
Und Leben hofften ohne Gnaden,
Hinstarben zu der Seele Schaden.
Hätt' Makkabäus recht vertraut


Auf Gott und nicht auf Rom gebaut,
Wie er zuerst beraten war,
Er hätt' gelebt noch lange Jahr'.
Hiskias wär' gestorben tot,
Hätt' er sich nicht gekehrt zu Gott

Und so erworben, dass Gott wollte,
Dass er noch länger leben sollte.
Hätt' sich Manasse nicht bekehrt,
Gott hätt' ihn nimmermehr erhört.
Der Herr zu dem Bettsiechen sprach,

Der lange Jahr' gewesen schwach:
»Geh hin, bleib rein und sei kein Narr,
Dass dir nicht Schlimmeres widerfahr!«
Mancher gelobt in Krankheit viel,
Wie er sein Leben bessern will,

Von dem spricht man: »Der Sieche genas
Und wurde schlimmer, als er was!«
Er meinet Gott damit zu äffen:
Bald wird ihn größre Plage treffen!

 
 
Wer œfflich schleht syn meynung an
Vnd spannt syn garn fůr yederman
Vor dem man sich lycht hűtten kan
 
Wer laut den Anschlag kündet an
Und spannt sein Garn vor jedermann,
Vor dem man leicht sich hüten kann.
 

XXXIX
Von offlichē anschlag

Eyn narr ist wer will fahen sparen
Vnd für jr ougen spreit das garn
Gar lycht eyn vogel flyehen kan
Das garn / das er sicht vor jm stan

Wer nüt dann trowen důt all tag
Do sorg man nit / das er vast schlag
Wer all syn ræt schlecht œfflich an
Vor dem hűt sich wol yederman /
Hett nit entfrembt sich Nycanor

Vnd anders gstelt / dann er dett vor
Judas hett nit gmerckt syn geműt
Vnd sich so bald vor jm gehűt /
Das dunckt mich syn eyn wyser herr
Der syn sach weiß / sunst nyemans mer /

Vor vß / do jm syn heyl lyt an
Es will yetz rætschen yederman
Vnd triben solche kouffmanschatz
Die vornen leck / vnd hynden kratz
Ich halt nit für eyn wysen man

Wer nit syn anschlag bergen kan
Dann narren rott / vnd bůler wergk /
Eyn statt gebuwen vff eym bergk
Vnd strow das jn den schůhen lyt
Die vier verbergen sich keyn zyt

Eyn armer bhalt wol heymlicheyt
Eyns richen sach / würt wyt gespreyt
Vnd würt durch vntruw hußgesynd
Geœffnet vnd vßbrocht geschwynd /
Eyn yedes ding kumbt lychtlich vß

Durch die / by eym syndt jn dem huß
Zů schaden ist keyn bœser vyndt
Dann die stæts by eym wonent syndt
Vor den man sich nitt hůtten důt
Bringen doch vil / vmb lib vnd gůt
 
39
Von offenkundigen Anschlägen

Ein Narr ist, wer will fangen Sparrn111
Und offenkundig stellt das Garn;
Denn leicht ein Vogel dem entflieht,
Wenn er es offen vor sich sieht.
Wer nichts als drohen tut all Tage,

Da sorgt man nicht, dass er fest schlage;
Wer seinen Rat schlägt offen an,
Vor dem bewahrt sich jedermann.
Hätt' nicht verändert sich Nikanor
Und anders gestellt sich als zuvor,

So hätt' ihn Judas nicht erraten
Und sich beizeiten bewahrt vor Schaden.
Der dünket mich ein Weiser sehr,
Weiß er den Plan, sonst niemand mehr,
Zumal wenn ihm sein Heil liegt an.

Es will jetzt horchen jedermann
Und sich in solche Händel stecken,
Die hinten kratzen, vorne lecken.
Den acht' ich nicht als weisen Mann,
Wer sein Plan nicht bergen kann.

Denn Narrenplan und Buhlerwerk,
Eine Stadt, erbaut auf einem Berg,
Und Stroh, das in den Schuhen steckt,
Die viere werden bald entdeckt.
Ein Armer wahrt wohl Heimlichkeit,


Eines Reichen Sache trägt man weit;
Sie wird durch treulos Hausgesind'
Verraten und verschwatzt geschwind.
Ein jedes Ding kommt leicht heraus
Durch die Genossen in dem Haus.

Es schaden mehr uns keine Fluch'
Als die, so Wohnung mit uns eint;
Die bringen viel um Leib und Gut,
Vor denen man nicht auf der Hut.

 
 
Wer sicht eyn narren fallen hart
Vnd er sich darnoch nit bewart
Der grifft eym narren an den bart
 
Wer einen Toren sieht fallen hart
Und sich darnach doch nicht bewahrt –
Greift einem Narren an den Bart.
 

XL
An narrē sich stossen

Man sicht tæglich der narren fal
Vnd spottet man jr vberal
Vnd synt verachtet by den wysen
Die doch jnn narren kapp sich brysen

Vnd schylt eyn narr den andern narren
Der doch vff synem weg důt karrhen
Vnd stoßt sich do zů aller frist
Do vor der narr gefallen ist
Hyppomenes sach manchen gouch

Vor jm enthoubten / doch wolt er ouch
Sich wogen / vnd syn leben gantz
Des wer nah gsyn vnglück syn schantz
Eyn blynd den andern schyltet blyndt
Wie wol sie beid gefallen synt

Eyn krebs den andern schaltt / vmb das
Er hynder sich gegangen was
Vnd gyng jr keyner für sich doch
Dann eyner gyng dem andern noch
Eym stieff vatter volgt dick vnd vil

Wer nit sym vatter volgen will
Hett Phaeton syn faren gelon
Vnd Icarus gemæcher gton
Vnd beid gefolgt jrs vatter rott
Sie wern nit jn der jugent dot

Welcher den weg Hyeroboam
Gyng / keyner ye zů gnaden kam
Vnd sahen doch / das plag vnd roch
Gyng stæts on vnderloß dar noch
Wer sicht eyn narren fallen hart

Der lůg / das er syn selbs wol wart
Dann das ist nit eyn doreht man
Wer sich an narren stossen kan
Der fuchs wolt nit jnn berg / vmb das
Nye keyner wyder kumen was /
 
40
An Narren Anstoß nehmen

Täglich sieht man der Narren Fall
Und spottet ihrer überall;
Sie sind verachtet bei den Klugen,
Die selbst die Narrenkapp' oft trugen;
Es schilt ein Narr den andern Narren

Und fährt auf dessen Weg den Karren
Und stößt sich dort zu jeder Frist,
Wo erst ein Narr gefallen ist.
Hippomenes sah manchen Gauch
Vor sich enthaupten, wollte auch

Sich und sein Leben wagen ganz,
Und fast war Unglück seine Schanz112.
Ein Blinder schilt den andern blind,
Wiewohl sie beid' gefallen sind;
Ein Krebs den andern schalt, um dass

Er hinter sich gegangen was,
Und ging ihrer keiner vorwärts doch,
Denn einer hinter dem andern kroch.
Dem Stiefvater folgt oft und viel,
Wer nicht dem Vater folgen will.


Hätt' Phaëton nicht den Wagen bestiegen,
Wollt' Ikarus so hoch nicht fliegen,
Wären gefolgt den Vätern beide –
Sie blieben verschont von Tod und Leide.
Noch nie bei Gott zu Gnaden kam,

Wer nachgefolgt Jerobeam,
Obschon er sah, daß Rach' und Plag'
Kam stets ohn' Unterlass darnach.
Wer einen Narrn sieht fallen hart,
Mög' selbst sich halten wohlbewahrt,

Denn das ist gar ein weiser Mann,
Wer sich durch Narren bessern kann.
Der Fuchs wollt' nicht zur Höhle113 gehn,
Weil kein Tier wieder er gesehn.

 
 
Eyn glock on klüpfel / gibt nit thon
Ob dar jnn hangt eyn fuchßschwantz schon
Dar vmb loß red für oren gon
 
Glock' ohne Klöpfel gibt nicht Ton,
Hängt auch darin ein Fuchsschwanz schon:
Nicht jedes Wort dem Ohr bringt Lohn.
 

XLI
Nit achten vff all red

Wer by der weltt vß kumen will
Der můß yetz lyden kumbers vil
Vnd sehen vil / vor syner tűr
Vnd hœren / das er gern entbűr

Dar vmb jnn grossem lob die ston
Die sich der welt hant ab gethon
Vnd synd durch gangen berg vnd tal
Das sie die welt nit bræcht zů fal
Vnd sie villicht verschuldten sich

Doch loßt die welt sie nit on stich
Wie wol sie nit verdienen kan
Das sie solch lüt sol by jr han
Wer recht zů tůn den willen hett
Der acht nit / was eyn yeder redt

Sunder blyb vff sym fürnem stiff
Ker sich nit an der narren pfiff
Hetten propheten vnd wissagen
Sich an noch red by jren tagen
Kert / vnd die wyßheyt nit geseit

Es wer jn yetz langst worden leit
Es lebt vff erden gantz keyn man
Der recht tůn yedem narren kan
Wer yederman künd dienen recht
Der műst syn gar eyn gůter knecht

Vnd frűg vor tag dar zů vff ston
Vnd seltten wider schloffen gan
Der můß mæl han / vil me dann vil
Wer yedems mul verstopffen wil
Dann es stat nit jn vnserm gwalt

Was yeder narr red / klaff / od kalt
Die welt můß triben das sie kan
Sie hatß vor manchem me getan
Ein gouch singt guckguck dick vnd lang
Wie yeder vogel syn gesang
 
41
Nicht auf alle Rede achten

Wer mit der Welt auskommen will,
Der muss jetzt leiden Kummers viel
Und sehen viel vor seiner Tür
Und hören manche Ungebühr.
Darum in großem Lobe stehn,

Die nicht mehr mit der Welt umgehn,114
Sie überschritten Berg und Tal,
Dass sie die Welt nicht brächt' zu Fall
Und sie vielleicht vergingen sich.
Doch lässt die Welt sie nicht ohn' Stich,

Wiewol sie nicht verdienen kann,
Dass man trifft solche bei ihr an.
Wem recht zu tun ist Herzenspflicht.
Der achte nicht, was jeder spricht,
Bleib vielmehr auf dem Vorsatz steif,

Und hör' nicht auf des Narren Pfeif';
Hätten Propheten und Weissagen115
Sich an Nachred' in ihren Tagen
Gekehrt und nicht gesagt Bescheid –
Es täte ihnen jetzt längst leid.

Es lebt auf Erden gar kein Mann,
Der jedem Narren recht tun kann;
Wer jedermann könnt' dienen recht,
Der müsste sein ein guter Knecht
Und früh vor Tag dazu aufstehn


Und gar nicht wieder schlafen gehn.
Der muss Mehl haben mehr denn viel,
Wer jedem das Maul verstopfen will,
Denn es steht nicht in unsrer Macht,
Was jeder Narr kläfft, schwatzt und sagt.

Die Welt muss treiben, was sie kann,
Sie hat's vor manchem mehr getan.
Ein Gauch singt Kuckuk oft und lang
Wie jeder Vogel seinen Sang.

 
 
Es ist der narren gůt entbern
Die allzyt mit steyn werffen gern
Vnd went keyn straff vnd wyßheyt lern
 
Man kann die Narren gut entbehrn,
Die stets mit Steinen werfen gern
Von Furcht und Weisheit sind sie fern.
 

XLII
Von spott vogelen

Ir narren / wellen von mir leren
Anfang der wyßheyt / vorcht des herren
All kunst der heilgen ist gespreit
In den weg / der fürsichtikeyt

Von wyßheyt würt der mensch geert
Von jr all tag' / vnd jor gemert
Eyn wyser ist nütz der gemeyn
Eyn narr syn kolben dreitt alleyn
Vnd mag vor wyßheyt hœren nitt

Er spott der wysen zů aller zyt
Wer eyn spott vogel leren will
Der macht jm selbst gespœttes vil
Wer strofft eyn boßhafftigen man
Der henckt jm selbst eyn spætlin an

Eyn wysen stroff / der hœrt dich gern
Vnd yllt / von dir me wyßheyt lern
Wer eyn gerechten stroffen důt
Der hat von jm syn stroff für gůt
Der vngerecht geschændet vil

Vnd würt doch selbst geschænt bywil
Der hæher eyn spottvogel ist
Vnd ist doch vil / das jm gebrist
Wann man eyn spœtter würfft für thűr
So kumbt mit jm / all spott hyn fůr

Vnd was er zanck vnd speywort tribt
Das selb dann vor der tűren blybt
Hett Dauid nit syn selbs geschont
Nabal wer syns gspœts gelont /
Sannabalath syn spottes ruwt

Do man die mur Hierusalem buwt
Die kynd wurdent von Beren gdœt
Die glatzeht schulten den prophet
Semey hat noch gar vil sűn
Die gern mit steynen werffen tűn
 
42
Von Spottvögeln

Ihr Narren, möchtet von mir lernen
Anfang der Weisheit, Furcht des Herrn!
All Kunst116 der Heiligen liegt bereit
Am Wege der Fürsichtigkeit.117
Durch Weisheit wird der Mensch geehrt,

Durch sie so Tag wie Jahr gemehrt.
Ein Weiser ist nützlich der Gemeine,
Ein Narr trägt seinen Kolben alleine;
Er dünkt sich weise wie ein Gott
Und treibt mit allen Weisen Spott.

Der macht sich selbst Gespöttes viel,
Wer einen Spötter lehren will;
Wer straft118 den schlechtgesinnten Mann,
Der hängt sich selbst ein Läpplein an.
Einen Weisen tadle, der hört dich gern

Und eilt, dass er von dir mehr lern'.
Rüge einen gerechten Mann,
Der nimmt sich deinen Tadel an;
Der Ungerechte lästert viel
Und ist doch oft des Schimpfes Ziel.


Der Häher ein Spottvogel ist,
Und doch gar vieles ihm gebrist.
Wirft man den Spötter vor die Tür,
So kommt mit ihm all Spott dafür,
Und was er Zank und Speiwort119 treibt,

Dasselbe vor der Türe bleibt.
Hätt' David nicht sein selbst geschont,
Wär' Nabals Spotte schlecht gelohnt;
Sannabalach den Spott bereute,
Als man Jerusalem erneute.

Von Bären wurde den Kindern vergolten,
Die glatzig den Propheten gescholten.
Simei nennt viel Söhne sein,
Die werfen gern mit Kot und Stein.

 
 
Das ich alleyn zyttlichs betracht
Vnd vff das ewig hab keyn acht
Das schafft / eyn aff hat mich gemacht
 
Dass ich nur Zeitliches betrachte
Und auf das Ewige nicht achte,
Das schafft, weil mich ein Affe machte.
 

XLIII
Verachtūg ewiger freyt

Eyn narr ist / wer berűmet sich
Das er gott ließ syn hymelrich
Begerend / das er leben mag
Inn narrheyt / biß an jungsten tag

Vnd blyben mœcht eyn gůt gesell
Er far joch dann / war gott hyn well /
Ach narr / wer doch vff erd eyn freyd
Die wert eyn tag vnd nacht on leyd
Das sie nit wurd verbittert dir

So mœcht ich gdencken doch jn mir
Das du mœchtst han ettwas vrsach
Die doch wer narreht / klein vñ schwach
Dann der hatt worlich dorecht glust
Wæn hie die leng zů leben lust

Do nüt ist dann das jamertal
Kurtz freüd / voll leid steckt vberal
Gedencken soll man wol do by
Das hie keyn bliblich wesen sy
Die wile wir farent allesant

Von hynnan / jn eyn frœmdes landt
Vil sint vorhyn / wir kumen noch
Wir műssen gott an schowen doch
Es sy zů freüden oder stroff /
Dar vmb sag an du dorehts schoff

Ob grœsser narr ye kem vff erdt
Dann der / wer sollches mit dir gerdt
Du wünschest von got scheyden dich
Vnd würst dich scheyden ewigklich
Eyn hunig trœpflin dir gefalt

Vnd wurst dort gall han / tusent falt
Eyn ougenblick / all freüd hie sint /
Dort ewig freüd vnd pyn man findt /
Welch fræuelich triben sollch wort
Den fælt jr anschlag / hie vnd dort
 
43
Verachtung ewiger Freude

Ein Narr ist, wer sich rühmt mit Spott,
Dass er das Himmelreich ließ Gott,
Und wünscht nur, dass er leben mag
In Narrheit bis zum jüngsten Tag
Und bleiben mög' ein guter Gesell',

Fahr' er dann hin, wo Gott befehl'.
Ach Narr, gäb' es selbst Erdenfreud',
Die Tag und Nacht währt' ohne Leid,
Dass sie nicht würd' verbittert dir,
So möcht' ich denken still bei mir,

Dass du dir wünschest doch ein Ding,
Das armselig ist, klein und gering.
Denn der fürwahr als Tor sich brüstet,
Den hier die Läng' zu leben lüstet,
Wo nichts ist denn das Jammertal:

Kurz Freud', lang Leid steckt überall.
Gedenken soll man wohl dabei,
Dass hier kein bleibend Leben sei,
Dieweil wir werden all gesandt
Von hinnen in ein fremdes Land.

Viel sind vorauf, uns ruft der Tod,
Wir müssen doch einst schauen Gott,
Es sei zur Freude oder Straf'.
Drum sage an, du töricht Schaf,
Ob größre Narrn je war'n auf Erden,


Als die, so dies mit dir begehrten?
Du willst von Gotte scheiden dich
Und wirst dich scheiden ewiglich.
Ein Tröpflein Honig dir gefällt,
Und dort es nicht an Galle fehlt;

Einen Augenblick währt hier die Freud',
Dort ewig Freude - oder Leid.
Drum, wer mit Frevel treibt solch Wort,
Den irrt sein Anschlag hier und dort.

 
 
Wer vogel / hund / jnn kyrchen fűrt
Vnd ander lüt / am betten jrrt
Der selb / dē gouch wol stricht vnd schmyert
 
Wer Vögel, Hund' zur Kirche führt
Und Andere im Beten irrt,
Derselbe den Gauch wohl streicht und schmiert.
 

XLIV
Gebracht ī der kirchē

Man darff nit fragen / wer die sygen
By den die hund jnn kylchen schrygen
So man meß hat / predigt / vnd singt
Oder by den der habich schwyngt

Vnd důt syn schellen so erklyngen
Das man nit betten kan noch syngen
So můß man hüben dann die hætzen
Do ist eyn klappern vnd eyn schwætzen
Do můß man richten vß all sachen

Vnd schnyp / schnap / mit dē holtzschůh machē
Vnd sunst vil vnfůr mâcher hâd
Do lůgt man wo frow kryemhild stand
Ob sie nit well har vmbher gaffen
Vnd machen vß dem gouch eyn affen

Lyeß yederman syn hund jm huß
Das nit eyn dieb stiel ettwas dar vß
Die wile man wer zů kylchen gangen
Ließ er den gouch stan vff der stangen
Vnd brucht die holtzschů vff der gassen

Do er ein pfenīgwert drecks mœht fassē
Vnd dœubt nit yederman die oren
So kant man ettwan nit eyn doren
Doch die natur gybt yedem jn
Narrheyt will nit verborgen syn

Christus der gab vns des exempel
Der treib die wechßler vß dem tempel
Vnd die do hatten tuben feil
Treib er jn zorn vß mit eym seil
Solt er yetz offen sünd vß triben

Wenig jnn kylchen wurden bliben
Er fing gar dick am pfarrer an
Vnd würt biß an den meßner gan
Dem huß gottes heylikeit zů stat
Do gott der herr syn wonung hat
 
44
Lärm in der Kirche

Man darf nicht fragen, wer die seien,
Bei denen die Hund' in der Kirche schreien,
Während man Mess' hält, predigt und singt,
Oder bei denen der Habicht schwingt
Und lässt seine Schellen120 so laut erklingen,

Dass man nicht beten kann noch singen.
Da muss behauben man die Hätzen,121
Das ist ein Klappern und ein Schwätzen!
Durchhecheln muss man alle Sachen
Und Klippklapp mit den Holzschuhn machen,

Und Unfug treiben mancherlei.
Da lugt man, wo Frau Kriemhild sei,
Ob sie nicht wolle um sich gaffen
Und machen aus dem Gauch einnen Affen?
Ließ jedermann den Hund im Haus,

Dass man nicht stehle etwas draus,
Ließ man den Gauch122 stehn auf der Stangen,
Dieweil zur Kirche man gegangen,
Und brauchte Holzschuh auf der Gassen,
Wo etwas Dreck man möchte fassen,


Und betäubte nicht jedermann die Ohren,
So kennte man wohl nicht die Toren.
Doch macht Natur sie offenbar
Und Narrheit zeigt sich hell und klar.
Es gab uns Christus das Exempel,

Der trieb die Wechsler aus dem Tempel,
Und die da hatten Tauben feil,
Trieb er in Zorn aus mit dem Seil.
Sollt' er jetzt offen Sünd' austreiben,
Wer würde in der Kirch' wol bleiben!

Er trieb' wohl oft den Pfarrer aus
Und ließ den Mesner nicht im Haus!
Dem Gotteshaus ziemt Heiligkeit,
Das sich der Herr zur Wohnung weiht.

 
 
Wæn jn das für syn můttwill bringt
Oder sunst selbs jnn brunnen springt
Dem gschicht recht / ob er schon erdrinckt
 
Wen Mutwille ins Feuer bringt,
Und wer von selbst in den Brunnen springt,
Dem geschieht schon recht, wenn er ertrinkt.
 

XLV
Vō mutwilligē vngfell

Manch narr ist der do bettet stæt
Vnd důt (als jn dunckt) andaht gbet
Mitt rűffen zů gott vberlut
Das er kum von der narren hut

Vnd will die kappen doch nit lon
Er zücht sie tæglich selber an
Vnd meynt / gott well jn hœren nitt
So weiß er selbst nit was er bitt /
Wer mit můttwill jn brunnen springt

Vnd vœrchtend / das er drynn erdrinckt
Schryg vast / das man eyn seil jm brecht
Sin nochbur sprech / es gschicht jm reht
Er ist gefallen selbst dar jn
Er mœcht hie vß wol blyben syn

Empedocles jn solch narrheyt kam
Das er vff Ethna sprang jnn flam
Wer jn har vß solt gzogen han
Der hett jm gwalt vnd vnrecht gtan /
Dann er jn narrheyt was verrůcht

Er hett es doch noch me versůcht /
Alls důt wer meynt das gottes stym
In ziehen soll mit gwalt zů jm
Im geben gnad / vnd goben vil
Sich dar zů doch nit schicken will /

Mancher fűrloufft jm selbs syn tag
Das gott jn nym erhœren mag
Dann er jm nym die gnaden gytt
Das er üt fruchtbars von jm bitt
Wer bett / vnd weißt nit was er bett /

Der bloßt den wint / vnd slecht die schet
Mancher jm gbett von gott begert
Im wer leid / das er wurd gewert
Wer lebt jnn eym sœrglichen stat
Der hab den schad / wie es jm gat
 
45
Von Unglück durch Mutwillen

Der ist ein Narr, wer betet stet
Und tut – so dünkt ihn – heiß Gebet
Und ruft zu Gott oft überlaut,
Dass er komm' aus der Narrenhaut,
Und doch die Kapp' nicht missen kann;

Er zieht sie täglich selber an
Und meint, Gott woll' ihn hören nicht;
So weiß er selbst nicht, was er spricht.
Wer in den Brunnen keck erst springt
Und dann, voll Furcht, dass er ertrinkt,

Laut schreit, dass man ein Seil ihm brächt',
Des Nachbar spricht: »Geschieht ihm recht!
Er ist gefallen selbst darein,
Er könnt' geblieben draußen sein!«
Empedokles123 in Narrheit kam

Und sprang selbst in des Ätnas Flamm'.
Hätt' jemand ihn daraus befreit,
Der tat ihm Unrecht an und Leid:
Denn er war worden Narr so sehr,
Er hätt' es doch versucht noch mehr.

So tut, wer meint, Gott solle ihn
Mit Wort und Gewalt recht zu sich ziehn,
Ihm geben Gnad' und Gaben viel,
Und doch sich drein nicht schicken will.
Mancher verkürzt sich den Lebenstag,


Weil Gott ihn nicht mehr hören mag,
Weil er ihm nicht die Gnad' verleiht,
Dass er erfleht, was ihm gedeiht.
Wer betet, wie ein Tor gesinnt,
Der schlägt den Schatten, bläst den Wind.

Mancher mit Bitten von Gott begehrt,
Was, ihm verliehn, nur Leid gewährt.
Drum, wer da lebt im Stand voll Sorgen,
Trag' seinen Schaden heut wie morgen!

 
 
Narrheyt hatt gar eyn groß gezelt
By jr lægert die gantze welt
Vor uß / was gwalt hatt / vnd vil gelt
 
Narrheit hat ein gar groß Gezelt;
Es lagert bei ihr alle Welt,
Zumal wer Macht hat und viel Geld.
 

XLVI
Vō dē gwalt der narrē

Es ist nott / das vil narren synt
Dann vil synt an jn selbs erblynt
Die mitt gwalt went witzig syn
Do yederman sicht vnd ist schyn

Ir narrheyt / doch nyeman getar
Zů jnn sprechen / was tůstu narr /
Vnd wenn sie grosser wißheyt pflegen
So ist es vast von der gouch wegen
Vnd wann sie nyemans loben wil

So loben sie sich dick vnd vil
So doch der wiß man gibt vrkund
Das / lob stinck / vß eym eigenen mundt
Wer jn sich selbst vertruwen setz
Der ist eyn narr vnd doreht gœtz

Wer aber wisßlich wandlen ist
Der würt gelobt zů aller frist
Die erd ist sellig / die do hat
Eyn herren / der jnn wißheyt stat
Des rott ouch ysßt zů rechter zyt

Vnd sůchen nit wollust / vnd gydt
We we dem ertrich / das do hat
Eyn herren / der jnn kynttheyt gat
Des fürsten essen morgens frűg
Vnd achten nit was wißheyt tűg /

Eyn arm kyndt / das doch wißheyt hat
Ist besser vil jn synem stadt
Dann eyn künig / eyn alter tor
Der nit fürsicht die kunfftig jor /
We den gerechten vber we

Wann narren stygen jnn die hœh
Aber wann narren vndergondt
Gar wol die gerechten dann gestondt
Das ist dem gantzen land eyn ere
Wann vß dem gerechten wurt eyn here

Aber doch / wann eyn narr regyert
So werdent vil mit jm verfűrt /
Der důt nit recht / wer an gerycht
Durch früntschafft eim jns anttlit sicht
Der selb ouch vmb eyn byssen brot

Worheyt / vnd gerechtikeyt verlot /
Recht vrteyln / stat eym wisen wol
Eyn richter nyemans kennen sol
Ratt und gerycht / hat keynen fründt
Susannen rychter noch vil syndt

Die můttwill triben / vnd gewalt
Gerechtikeyt die ist vast kalt
Die schwert die sint verrostet beyd
Vnd wellen nym recht vß der scheyd
Noch schnyden me / do es ist nott

Gerechtikeyt ist blyndt vnd dott
All ding dem geltt sint vnderthon /
Jugurtha do er schyed von Rom
Do sprach er / o du veyle statt
Wie werstu so bald schoch vnd matt

Wann du eyn kouffman hettst alleyn
Man fyndt der stett noch me dann eyn
Do mâ hant schmyerung gern vff nymt
Vnd dar durch důt vil das nit zymbt
Myet / früntschafft / all worheyt vmb kert

Als moysen syn schwæher lert
Pfēnīg / nyd / früntschafft / gwalt vñ gūst
Zerbrechen yetz / recht / brieff / vnd kunst /
Die fürsten worent ettwann wiß /
Hattent altt ræt / gelert / vnd gryß

Do stund es wol jn allem land
Do wart gestroffet sünd vnd schand
Vnd was gůt fryd jnn aller welt
Jetz hatt narrheyt all jr gezelt
Geschlagen vff / vnd lyt zů wer

Sie zwingt die fürsten / vnd jr her
Das sie sœnt wißheyt / kunst / verlan
Alleyn eygen nutz sehen an
Vnd wœlen jnn eyn kyndschen ratt
Dar vmb es leyder vbelgat

Vnd hat kunfftig noch bœser gstalt
Groß narrheyt ist by grossem gwalt /
Gott ließ / das mancher fürst regiert
Langzyt / wann er nit wůrd verfűrt
Vnd vnmylt wurd / vnd vngerecht

Durch anreytz valscher rætt vnd knecht
Die næmen gaben / schenck / vnd myet
Vor den eyn furst sich billich hůt
Wer gaben nymbt / der ist nit fry
Schenck nemen / macht verretery

Als von Ayoht geschach Eglon /
Vnd Dalida verryet Samson /
Andronicus nam gulden vaß
Des wart gedœtet Onyas /
Ouch Benedab der künig brach

Syn büntniß / do er gaben sach /
Tryphon do er betryegen wolt
Das jonathas jm glouben solt
Do schanckt er gaben jm vorhyn
Do mit er mœcht beschissen jn
 
46
Wo Narren die Macht haben

Not ist, dass viele Narren sind,
Denn viel sind an sich selbst ganz blind,
Die mit Gewalt wollen weise sein,
Da jedermann mit klarem Schein
Wohl ihre Narrheit sieht. Doch wagt

Es keiner, dass »du Narr!« er sagt.
Und wenn sie großer Weisheit pflegen,
Ist's fast nur solcher Gäuche wegen;
Und wenn sie niemand loben will,
So loben sie sich oft und viel,

Wo doch der weise Mann gibt Kunde,
Dass Lob stinkt aus dem eignen Munde.
Die in sich selbst Vertrauen setzen
Sind Narren und törichte Götzen,
Wer aber klug im Umgang ist,

Der wird gelobt zu aller Frist.
Das Land ist selig, dessen Herrn
Die Weisheit leitet wie ein Stern,
Des Rat auch isst zu rechter Zeit
Und dient nicht Gier noch Üppigkeit.


Weh, weh dem Erdenreich, das gewinnt
Einen Herren, der noch ist ein Kind,
Des Fürsten prassen in der Früh'
Und achten nicht der Weisheit Müh'!
Doch ist ein Kind, das weise ist,

Viel besser noch zu jeder Frist
Denn ein König, der – ein alter Tor –
Die Zukunft nicht bedenkt zuvor.
Weh dem Gerechten über weh,
Wenn Narren steigen in die Höh'!

Jedoch wenn Narren untergehn,
Gar wohl Gerechte dann bestehn.
Das ehrt ein Land so nah wie fern,
Wenn ein Gerechter wird zum Herrn,
Aber sobald ein Narr regiert,

So werden viel mit ihm verführt.
Der tut nicht recht, wer bei Gericht
Nach Freundschaft und nach Ansehn spricht,
Der selbst auch um den Bissen Brot
Wahrheit und Recht zu lassen droht.

Gerecht Urteil steht Weisen wohl,
Ein Richter niemand kennen soll.
Gericht soll sein für Freundschaft blind;
Susannen-Richter124 noch viel sind,
Die Mutwill treiben und Gewalt;


Gerechtigkeit, die ist ganz kalt.
Die Schwerter sind verrostet beide125
Und wollen nicht recht aus der Scheide;
Sie schneiden nicht, wo es ist not:
Gerechtigkeit ist blind und tot.

Jetzt singen alle des Geldes Lied;
Jugurtha, als von Rom er schied,
Da sprach er: »O du feile Stadt,
Wie wärst du bald so schach und matt,
Wenn sich ein Käufer stellte ein!«

Man findet Städte groß und klein,
Wo man Handschmierung gerne nimmt
Und alsdann tut, was sich nicht ziemt.
Freundschaft und Lohn Wahrheit verkehrt,
Wie Mosis Schwäher schon ihn lehrt,

Neid, Pfennige, Freundschaft, Macht und Gunst
Zerbrechen jetzt Recht, Brief126 und Kunst.127
Die Fürsten waren sonst wohl weis,
Die Räte alt128, gelehrt und greis,
Wohl stand es da in jedem Lande,

Da ward gestrafet Sünd' und Schande
Und Friede war rings in der Welt.
Jetzt hat die Narrheit ihr Gezelt
Geschlagen auf und liegt zur Wehr;
Sie zwingt die Fürsten und ihr Heer,


Dass Weisheit gänzlich sie aufgeben
Und nur nach eignem Nutzen streben
Und sie wählen kindische Rät'.
Darum es leider übel steht
Und künftig hat noch bös're Gestalt:

Narrheit ist groß bei großer Gewalt.
Gar mancher Fürst hätt' lang regiert
Durch Gottes Gnad', wenn nicht verführt
Und karg er würd' und ungerecht
Durch Reizung falscher Rät' und Knecht'.

Die nehmen Gab', Geschenk und Miete;129
Ein Fürst vor solchen sich wohl hüte!
Wer Gabe nimmt, der ist nicht frei,
Geschenk bewirkt Verräterei,
Wie von Ehud geschah Eglon

Und Dalida verriet Samson.130
Andronîcus güldne Gefäße nahm,
Drob Onyas zu Tode kam;
Um Ben-Hadads Bündnis war's geschehn,
Als er die Gaben angesehn;

Tryphon voll Trug bewirken wollte,
Dass Jonathas ihm glauben sollte,
Drum schenkt' er Gaben ihm zuvor,
Dass jener würd' ein blinder Tor.

 
 
Vil důnt jnn dorheyt hye beharren
Vnd ziehen vast eyn schweren karrhen
Dort würt der recht wag naher faren
 
In Torheit will man hier beharren
Und ziehen einen schweren Karren,
Dort wird der Wagen nachgefahren.

 

XLVII
Vō dē weg der sellikeit

Gott laßt eyn narren nit verston
Syn wunder / die er hat gethon
Vnd tæglich důt / dar vmb verdyrbt
Gar mancher narr / der zittlich styrbt

Hie / vnd dort ist er ewig dott
Das er nitt lernet kennen got /
Vnd leben noch dem willen syn
Hie hatt er plag / dort lydt er pyn /
Hie můß er burd des karrhen tragen

Dort wůrt er ziehen erst / jm wagen /
Dar vmb narr / nit frog noch dem stæg
Der fűret vff der hellen weg
Gar licht do hyn man kumen mag
Der weg statt offen / nacht vnd tag

Vnd ist gar breyt / glatt / wolgebant
Dann narren vil sint / die jn gant
Aber der weg der sellikeit
Der wißheyt ist alleyn bereyt
Der ist gar eng / schmal / hert vnd hoch

Vnd stellen wenig lüt dar noch
Oder die jn hant můt zů gan
Do mitt will ich beschlossen han
Der narren frog die offt geschicht
War vmb / man me der narren sicht

Oder die faren zů der hell
Dann des volcks / das noch wißheyt stel
Die welt jnn üppikeyt ist blynt
Vil narren / wenig wyser synt
Vil sint berűfft zů dem nachtmol

Wenig erwelt / lůg für dich wol /
Sechßhundert tusent man alleyn
On frowen vnd die kynder kleyn
Fůrt gott vß / durch des meres sandt
Zwen komen jnn das globte landt
 
47
Vom Weg der Seligkeit

Gott lässt die Narren nicht verstehn
Die Wunder, die durch ihn geschehn
Gestern wie heut; darum verdirbt
Gar mancher Narr, der zeitlich stirbt
Allhier und dort ist ewig tot,

Weil er nicht kennen lernte Gott
Und leben nach dem Willen sein.
Hier hat er Plag', dort trägt er Pein,
Hier muss er Karrenbürde tragen,
Dort wird er ziehen erst im Wagen.

Drum, Narr, so frag' nicht nach dem Steg,
Der führet auf den Höllen Weg!
Gar leicht dahin man kommen kann,
Der Weg bietet sich selber an
Und ist gar breit und glatt zu sehn,

Denn viele Narren auf ihm gehn.
Aber der Weg zur Seligkeit,
– Der Weisheit nur ist er bereit –
Der ist gar eng, schmal, steil und hart,
Und Wenige wagen drauf die Fahrt


Und haben drauf zu gehn den Mut.
Der Narren Frag', die man oft tut,
Will ich damit beschlossen haben:
Warum man Narren mehr sieht traben
Oder die fahren zu der Hölle

Denn Volks, das nach der Weisheit stelle?
Die Welt in Üppigkeit ist blind,
Viel Narren, wenig Weise sind.
Viel sind berufen zu dem Mahl,
Klein ist – merkt's! – der Erwählten Zahl.

Sechshunderttausend Mann allein
Ohne die Fraun und Kinder klein
Führt' Gott einst durch des Meeres Sand:
Zwei kamen ins gelobte Land.

 
 

XLVIII
Eyn gesellen schiff

Eyn gsellen schiff fert yetz do hær /
Das ist von hantwercks lüten schwær
Von allen gwerben vnd hantyeren /
Jeder syn gschyrr důt mit jm fűren

Keyn hantwerck stat me jnn sym wærdt
Es ist als überleydt / beschwært
Jeder knecht / meyster werden will
Des sint yetz aller hantwerck vil
Mancher zů meysterschafft sich kert

Der nye das hantwerck hat gelert
Eyner dem andern werckt zů leyd
Vnd tribt sich selbs dick vber die heyd
Das ers wolfeyl erzügen kan
Des můß er offt zům thor vß gan

Was dyser nit will wolfeyl gæn
Do findt man sunst dryg oder zwen
Die meynen das erzügen wol
Důnt doch nit arbeyt / als man sol
Dann man hyen sudelt yetz all ding

Das man sie geben mœg gering
Do by mag man nit langzyt bliben
Dür kouffen / vnd wolfeyl vertriben
Mancher eym andern macht eyn kouff
Der blibt / so er zům thor vß loufft

Vff wolfeyl gæn / gat yederman
Vnd ist doch gantz keyn werschafft dran
Dann wenig kosten man dran leidt
Vnd würt als vff die yl bereydt
Das es alleyn eyn muster hab

Do mit die hantwerck gont vast ab
Mœgent nit wol erneren sich
Was du nit důst / das dů doch ich
Vnd leg dar an keyn kost noch wile
Echt ich alleyn mœg machen vil /

Ich selbs / das ich die worheyt sag
Mit disen narren hab vil tag
Vertriben / ee ichs hab erdicht
Noch sint sie nit recht zů gericht
Ich hett bedœrfft noch lenger tag

Keyn gůt werck / yl erlyden mag
Der moler der Apelli bracht
Syn tafel / die er bald hat gmacht
Vnd sprach er hett geylt do mit
Fand er jnn bald on anttwürt nitt

Er sprach / die arbeyt zeigt wol an
Das du hast wenig flyß gethon
Vnd wunder ist / das du nit vil
Der glych hast gmacht jn kurtzer wil
Keyn arbeit dett nie gůt zůr yl

Den stich es nit wol lyden mag
Zwentzig par schů / vff eynen tag
Eyn dutzen tægen vß bereytten
Vil wercken / vnd vff borg dann beitten
Vertrybt gar manchem offt das lachen

Bœß zymerlüt vil spænen machen
Die murer důnt gern grosse brüch
Die schnyder důnt gar witte stich
Do würt die natt gar leittig von
Die trucker in dem brasß vmb gon

Vff eynen tag / eyn wochen lon
Verzeren / das ist jr gefert
Ir arbeyt ist doch schwer vnd hert
Mitt trucken / vnd (mit) bosselyeren
Mit setzen / strichen / corrigieren

Vff tragen / mit der schwartzen kunst
Varb brennend / jn des füres brunst
Vnd ryben die / vnd vigen spitzen /
Vil sint die lang jnn arbeyt sitzen
Machen doch nit dest besser werck

Das důt / sie sint von affenberck
Vnd hant die kunst nit baß gelert
Mancher in disem schyff gern fert
Dann es sint vil gůt bossen drynn
Die groß arbeit vnd kleynen gwynn

Hant / vnd verzeren das doch licht
Dann jnn ist wol by der wynfücht
Vff kunfftigs / hant gar wenig sorg
Wann man alleyn jnn gibt vff borg
Mancher eyn bletzschkouff machen kan

Do er nit vil gewynnet an /
Man kan yetz nüt verkouffen me
Man hab dann gott geschworen ee
Vnd so man lang schwœrt / jn vnd vß
So wurt eyn vischerschlag dann druß

Do by merckt man das all diß welt
Sich vast des kœllschen bœttchen helt
Dat halff ab / ist yetz vast der schlagk
Berott dich gott / bricht keym den sack
Die hantwerck faren all do hær
Noch sint vil schifflin halber lær
 
48
Ein Gesellenschiff

Ein Gesellenschiff fährt jetzt daher,
Das ist von Handwerksleuten schwer,
Von allem Gewerbe und Hantieren,
Sein Gerät tut jeder mit sich führen.
Kein Handwerk hat mehr seinen Wert,

Entehrt ist jedes und beschwert;
Ein jeder Knecht will Meister werden,
Drum sind jetzt Handwerk viel auf Erden.
Mancher zum Meister sich erklärt,
Dem nie ein Handwerk ward gelehrt.

Einer dem andern werkt zu Leide
Und treibt sich selbst oft über die Haide;
Weil wohlfeil er es schaffen kann,
Sieht er die Stadt mit dem Rücken an.
Was dieser nicht will billig geben,

Da sieht man zwei oder drei daneben,
Die meinen das zu liefern wohl,
Doch ist die Arbeit nicht, wie sie soll;
Man sudelt Ware jetzt in Eil',
Dass man sie billig halte feil.

Dabei kann man nicht lange bleiben:
Teuer kaufen und wohlfeil vertreiben!
Mancher erleichtert andern den Kauf
Nimmt deshalb zur Stadt hinaus den Lauf.
Wohlfeilen Kauf liebt jedermann,


Und ist doch keine Bürgschaft dran;
Denn wenig Kosten legt man an,
Wenn man es schnell nur schaffen kann,
Und wenn es nur ein Ansehn habe.
Das Handwerk trägt man so zu Grabe,

Es kann kaum noch ernähren sich.
»Was du nicht tust, das tu' nun ich
Und seh' nicht Zeit noch Kosten an,
Wenn ich nur recht viel liefern kann!«
Ich selbst, dass ich die Wahrheit sage,

Verbracht' mit solchen Narrn viel Tage,
Eh ich von ihnen hab' gedichtet.
Noch sind sie nicht recht zugerichtet,
Ich hätt' gebraucht noch manchen Tag:
Kein gut Werk Eile leiden mag.

Ein Maler, der Apelles131 brachte
Ein Werk, das er in Eile machte,
Und sprach, er hätt' geeilt damit,
Fand die gewünschte Antwort nit.
»Das Werk,« sprach jener, »zeigt wohl an,

Du wandtest wenig Müh daran;
Dass du nicht viel in kurzer Frist
Dergleichen schufst, ein Wunder ist!«
Noch niemand Eile nützlich fand.
Sagt, welcher Prüfung hält das stand:


An einem Tag zwanzig Paar Schuh,
Ein Dutzend Degen ohne scharten?
Viel schaffen und auf Zahlung warten
Vertreibt gar manchem oft das Lachen.
Schlechte Zimmerer viel Späne machen,

Die Maurer lassen große Brüche,132
Die Schneider machen weite Stiche,
Da wird die Naht gar schwach davon.
Auf einen Tag den Wochenlohn
Die Drucker in der Schenk' verzehren,

Das ist so ihre Lebensart,
Ist doch die Arbeit schwer und hart
Mit Drucken und mit Bosselieren,
Mit Setzen, Schlichten, Korrigieren,
Auftragen mit der schwarzen Kunst,133

Farb' brennen in des Feuers Brunst,
Dann reiben, und die Stäbchen spitzen.134
Viel sind, die lang bei der Arbeit sitzen
Und schaffen doch kein besser Werk,
Das macht, sie sind von Affenberg

Und haben die Kunst nicht besser begriffen.
Mancher fährt gern in solchen Schiffen,
Denn es sind gute Knechte drin,
Haben viel Arbeit und mageren Gewinn
Und sie verzehren den doch leicht,


Weil stets ihr Hals vom Weine feucht.
Um Künftiges haben sie wenig Sorgen,
Will man ihnen nur heut noch borgen.
Einen Restkauf135 mancher machen kann,
Wo er nicht viel gewinnt daran.

Man kann jetzt nichts verkaufen mehr,
Man hab' denn Gott geschworen vorher;
Und schwört man lange ein und aus,
So wird ein Fischerschlag136 dann draus.
Dabei merkt man, dass alle Welt

Gar fest am köln'schen Bieten137 hält:
»Dat half af!« gilt jetzt Nacht und Tag;
»Berat dich Gott!« bricht nicht den Sack.
So fahren die Zünfte all daher,
Doch sind viel Schiffe noch halb leer.

 
 
Do werdent kynd den eltern glich
Wo man vor jnn nit schamet sich
Vnd krűg vor jnn / vnd hæfen bricht
 
Den Eltern gleicht der Kinder Gesicht,
Wo man vor ihnen schämt sich nicht
Und Krüg' und Töpf' und Häfen bricht.
 

IL
Bos exēpel der eltern

Wer vor frowen vnd kynder wil
Von bůlschafft / boßheyt / reden vil
Der wart / das von jnn widerfar
Des glich / er vor jn triben tar

Keyn zůcht / noch ere / ist me vff erd
Kynd / frowen / leren wort vnd gberd
Die frowen das von mannen hand
Die kynd von eltern nemen schand
Vnd wenn der appt die würffel leydt

So sint die münch zům spiel bereit
Die welt ist yetz voll bœser lere
Man findt leyder keyn zůcht / noch ere
Die vætter sint schuldig dar an
Die frow die lert von jrem man

Der sůn / des vatters halttet sich
Die dochter ist der můtter glich
Dar vmb zů wundern nyemans yl
Ob jnn der welt sint narren vil
Der krebs glich wie syn vatter trytt

Es macht keyn wolff / keyn lemblin nytt
Brutus / vnd Catho sint beyd dott
Des mert sich Cathelynen rott /
Wis / syttlich vætter / tugentrich
Machen ouch kynder jren glich

Diogenes eyn jungen sach
Der druncken was / zů dem er sprach
Myn sůn / das ist dins vatter stadt
Eyn drunckner dich geboren hat
Es darff das man gar eben lůg

Was man vor kynden red vnd tűg
Dann gwonheyt / andere natur ist /
Die macht / das kynden vil gebrist
Eyn yedes leb recht / jnn sym huß
Das ærgerniß nit kumm dar vß
 
49
Schlechtes Beispiel der Eltern

Wer vor Frauen und Kindern viel
Von Buhlschaft, Leichtsinn reden will,
Dem wird nicht unvergolten bleiben,
Was er vor ihnen wagt zu treiben.
Nicht Zucht, noch Ehr' ist mehr auf Erden:

Es lernen Frau und Kind Gebärden
Und Wort. Die Frau von ihrem Mann,
Das Kind nimmt's von den Eltern an,
Und wenn der Abt die Würfel leiht,
So sind die Mönche spielbereit.

Die Welt ist jetzt voll schlechter Lehre,
Man findet keine Zucht noch Ehre:
Die Väter tragen Schuld daran,
Die Frau lernt es von ihrem Mann,
Der Sohn zum Vater sich gesellt,

Die Tochter zu der Mutter hält.
Drum niemand sich zu wundern eile,
Dass in der Welt manch Narr verweile.
Der Krebs so wie sein Vater tritt,
Es zeugt der Wolf kein Lämmlein nit,

Brutus und Cato sind beide tot,
Drum Catilinas138 Rotte droht.
Sind Väter klug und tugendreich,
Die zeugen Kinder ihnen gleich.
Diogenes einen Jungen sah


Betrunken; zu dem sprach er da:
»Du zeigst des Vaters Sitte schon,
Man sieht, du bist eines Trunknen Sohn!«
Drum sehe man bedachtsam zu,
Was man vor Kindern red' und tu';

Gewohnheit – andere Natur –
Führt Kinder leicht auf schlechte Spur.
Drum lebe jeder recht im Haus,
Dass Ärgernis nicht komm' daraus!

 
 
Wollust durch eynfalt manchen feltt
Manchen sie ouch am flug behelt
Vil hant jr end dar jnn erwelt
 
Wollust durch Einfalt Manchen fällt,
Manchen sie auch am Flügel hält,
Viel haben ihr End' darin erwählt.
 

L
Von wollust

Wollust der welt / die glychet sich
Eym üppigen wib / die offentlich
Sitzt vff der straß vnd schrygt sich vß
Das yederman kum jnn jr huß

Vnd syn gemeynschafft mit jr teil /
Dann sie vmb wenig gelt sy feil
Bittend / das man sich mit jr űb
Inn boßheyt / vnd in falscher lieb
Als gont die narren jnn jr schosß

Glich wie zům schynder got der ochß
Oder eyn einfalt schæflin geyl /
Das nit verstat / das es jnns seyl
Gefallen ist / vnd jnn die streng
Biß jm der pfyl syn hertz durch dreng

Gedenck narr / das es gylt din sel
Vnd du dyeff fallest jnn die hell
Wann du mit jr vermeynschaffst dich
Wer wollust flüht / der würt dort rich
Nit sůch zitlich wollust vnd freüd

Als Sardanapalus der heyd
Der meynt man solt hye leben wol /
Mit wollust / freüd / vnd füllen voll
Es wer keyn wollust noch dem todt /
Das was eyns rechten narren rott

Das er sůcht so zergenglich freüd /
Doch hat er wor jm selbs geseydt
Wer sich mit wollust vberlad /
Der koufft kleyn freüd / mit schmertz vñ schad
Keyn zitlich wollust würt so sűsß

Do von nit gall zů letst vß flyeß
Der gantzen welt wollustikeyt
Endt sich zů letst / mitt bitterkeyt
Wie wol der meyster Epycurus
Das hœhst gůt setzet jnn wollust
 
50
Vom Vergnügen

Irdische Lust vergleichet sich
Einem üppigen Weib, das öffentlich
Sitzt auf der Straß' und schreit sich aus,
Dass jedermann komm' in ihr Haus
Und die Gemeinschaft mit ihr teil',

Weil sie um wenig Geld sei feil,
Begehrend, dass man mit ihr übe
In Wollust sich und falscher Liebe.
Drum gehn die Narren in ihren Schoß
Gleichwie zum Schinder geht der Ochs

Oder ein harmlos Schäflein geil,139
Das nicht versteht, wie es ans Seil
Gekommen ist und in den Strang,
Bis ihm der Pfeil sein Herz durchdrang.
Denk, Narr, es gilt die Seele dein!

Du fällst tief in die Höll' hinein,
Wenn es in ihren Arm dich zieht.
Der wird dort reich, wer Wollust flieht.
Such nicht der Zeiten Lust und Freude
Wie einst Sardanapal, der Heide,

Der dachte, dass man leben soll
Der Wollust, Freud' und Fülle voll;
Des Toten keine Freuden harren!
Das war der Rat recht eines Narren,
Der suchte sich so kurze Freud',


Doch gab er selbst sich recht Bescheid!
Wer sich mit Lüsten will beladen,
Kauft kleine Freud mit Schmerz und Schaden.
Kein' Erdenfreud' ist also süße,
Dass nicht zuletzt ihr Gall' entfließe;

Die Freude dieser ganzen Zeit
Wird doch zuletzt zu Bitterkeit,
Owohl der Meister Epikur
Sieht höchste Gut in Lüsten nur.

 
 
Wer nit kan schwygen heymlichkeyt
Vnd syn anschlag eym andern seyt
Dem widerfert / rüw / schad / vnd leydt
 
Wer kein Geheimnis kann bewahren
Und jeden Plan muss offenbaren,
Dem muss wohl Schaden widerfahren.
 

LI
Heymlicheit verswigē

Der ist eyn narr / der heymlicheyt
Synr frowen / oder yemans seyt
Dar durch der sterckest man verlor
Samson / syn ougen vnd syn hor /

Es wart verrotten ouch alsus
Der wissag Amphyaraus
Dann frowen sint als die gschrifft seyt
Bœß hűteryn der heimlicheyt
Wer heymlich ding nit schwigen kan /

Wer důt mit btrogenheit vmb gan
Vnd spannt syn lefftzen wie eyn tor
Do hűt eyn yeder wis / sich vor /
Mancher berűmbt sich grosser sach /
Wo er nachts vff der bůlschafft wach

Wann mâ syn worten recht nach gründ
Offt man jnn vff eym misthuff fünd
Dar vß gar dick entspringet ouch /
Das man merckt / wo er ætzt den gouch
Dann was du wilt das ich nit sag /

Schwigstu gar wol ich schwigen mag
Magst du nit bhaltten heymlicheyt
Die du jnn gheym mir hast geseyt
Was bgærst du dann schwigen von mir
Das du nit haben mœchst an dir

Hett Achab nit syn heymlicheyt
Synr frowen Iezabel geseyt
Vnd hett verschwigen solich wort
Es wer geschehen nit eyn mort
Wer üt heymlichs jm hertzen trag

Der hűt sich / das ers nyeman sag
So ist er sicher / das nyeman
Das jnnen werd / vnd sag dar von
Der prophet sprach / jch will alleyn /
Myn heimlicheyt han / nit gemeyn /
 
51
Geheimnisse wahren

Der ist ein Narr, wer offenbart
Der Frau, was er geheim bewahrt,
Der starke Simson140 büßte ein
Dadurch die Haar' und Augen sein.
Es ward auch ebenso verraten

Der Seher Amphiaraus mit Schaden.
Die Schrift schon sagt, dass man den Frauen
Nicht Heimlichkeit soll anvertrauen;
Wer Heimliches nicht kann verschweigen,
Wer Blendwerk ausübt und dergleichen

Und krümmt die Lippen wie ein Tor,
Bei dem seh' sich der Weise vor!
Gar mancher rühmt sich großer Sache,
Wo er des Nachts auf Buhlschaft wache,
Will man sein Wort dann recht ergründen,

Wird man ihn auf dem Mist oft finden;
Daraus gar oft ersieht man auch
Und merket, wo er atzt den Gauch.141
Willst du, dass ich etwas nicht sage,
So schweig, weil solches leicht ich trage;

Kannst du nicht Heimlichkeit bewahren,
Die du mir musstest offenbaren,
Was forderst Schweigen du von mir,
Da du's nicht halten kannst bei dir?
Hätt' Ahab nicht der Jezabel


Vertrauet sein Geheimnis schnell,
Hätt' er verschwiegen Naboths Wort,
Es wär' geschehen nicht ein Mord.
Wer etwas will im Herzen tragen,
Der hüte sich, es auszusagen,

Dann ist er sicher, dass man nicht
Es inne wird und davon spricht.
Jesajas sprach: »Nicht allgemein,
Nein, mein soll das Geheimnis sein!«

 
 
Wer durch keyn ander vrsach me
Dann durch gůts willen grifft zůr ee
Der hat vil zancks / leyd / hader / we /

 
Wer nicht aus anderm Grunde je
Denn Gutes willen schritt zur Eh',
Der hat viel Zank, Leid, Hader, Weh.

 

LII
Wibē durch gutz willē

Wer schlüfft jnn esel / vmb das schmær
Der ist vernunfft / vnd wißheyt lær
Das er eyn alt wib nymbt zůr ee
Eyn gůtten tag / vnd keynen me

Er hatt ouch wenig freüd dar von
Keyn frůcht mag jm dar vß entston
Vnd hatt ouch nyemer gůtten tagk
Dann so er sicht den pfening sagk
Der gatt jm ouch dick v
mb die oren

Durch den er worden ist zům doren
Dar vß entspringt ouch offt vnd dick
Das dar zů schlecht gar wenig glück
So man das gůt alleyn betracht
Vff ere / vnd frümkeyt / gar nit acht

So hatt man sich dann vber wibt
Keyn fryd noch früntschafft me do blibt
Lichter wer eym syn / jnn der wűst
Dann das er langzyt / wonen műst
By eym zorn / wæhen / bœsen wib

Dann sie dœrtt bald des mannes lib /
Worlich zů truwen ist dem nůt
Welcher vmb gelt syn jugent gytt
Sidt das jm smeckt des schmæres rouch
Er durst den esel schinden ouch

Vnd wann es langzyt vmbhar gat
So fyndt er nüt dann myst vnd kat
Vil stellent Achabs dochter noch
Vnd fallent jnn syn sünd vnd roch /
Der tufel Asmodeus hat

Vil gwalt yetz jnn dem eelichen stat /
Es sindt gar wenig Boos me
Die Ruth begeren zů der ee
Des fyndt man nüt dann ach vnd we
Vnd criminor te / kratznor a te

 
52
Freien um Gutes willen

Wer in den Esel kriecht um
Schmer,142
Ist an Vernunft und Weisheit leer;
Einen guten Tag und keinen meh'
Hat, wer ein alt Weib nimmt zur Eh',
Er wird auch wenig Freude sehn,

Weil keine Kinder ihm erstehn,
Und hat auch nie einen guten Tag,
Außer er sieht den Pfennigsack,
Und der klingt nur ihm um die Ohren,
Durch den er worden ist zum Toren.

Daher denn oftmals es geschehn,
Dass wenig Glück dabei zu sehn,
Zieht man das Gut nur in Betracht
Und lässt Rechtschaffenheit ohn'
Acht.
Hat man sich übel dann beweibt,

Nicht Freud' noch Freundschaft
fürder bleibt.
Man wär' wohl lieber in der Wüste,
Als dass man lange wohnen müsste
Bei einem zornigbösen Weib,
Die mit Geld betört des Mannes Leib.


Dem möge trauen, wem's beliebt,
Wer um das Geld die Jugend gibt!
Weil schön ihm riecht des Fettes
Rauch,
Würd' er den Esel schinden auch.
Wenn auch viel Zeit vergangen ist,

Find't er doch nichts als Kot und
Mist.
Viel stellen Ahabs Tochter nach,
Und fall'n wie er in Sünd' und
Schmach.
Der Teufel Asmodeus fand
Viel Macht jetzt in der Ehe Stand.

Doch selten ist ein Boas jetzt,
Der eine Ruth begehrt und schätzt,
Drum hört man nichts als Ach und
Weh
Und criminor te! kratznor a te!

 
 
Vergunst vnd haß / witt vmbhar gat
Man fyndt groß nyd / jn allem stat
Der nythart / der ist noch nit dot
 
Missgunst und Hass füllt alle Land',
Man findet Neid in jedem Stand:
Den Neidhart deckt noch nicht der Sand.
 

LIII
Von nyd vnd has

Vindtschafft vnd nyd / macht narren vil
Von den ich ouch hye sagen will /
Der doch entspringt alleyn dar von
Das du vergünst mir das ich han

Vnd du dir hettest gern das myn
Oder mir sunst nit hold magst syn /
Es ist nyd / eyn so tœtlich wundt
Die nyemer me würt recht gesundt
Vnd hat die eygenschafft an jr

Wann sie jr ettwas gantz setzt für
So hat keyn růw sy / tag noch nacht
Biß sie jr anschlag hat volbracht
So lieb ist jr keyn schloff noch freyd
Das sie vergeß jrs hertzen leyd

Dar vmb hat sie eyn bleichen mundt
Dürr / mager / sie ist wie eyn hundt
Ir ougen rott / vnd sicht nyeman
Mitt gantzen vollen ougen an
Das wart an Saul mit Dauid schyn

Vnd Joseph mit den brűdern syn /
Nyd lacht nit / dann so vndergat
Das schiff / das sie ertrencket hat
Vnd wann nyd kyfflet / nagt / langzyt
So isßt sie sich / sunst anders nüt

Wie Ethna sich verzert alleyn
Des wart Aglauros zů eym steyn
Was gyfft hab jn jm / nyd vnd haß
Das spűrt man zwyschen brűdern basß
Als Cayn / Esau / Thyestes /

Jacobs sűn / vnd Ethyocles
Die trůgen grœsseren nyd jn jnn
Dann weren sie nit brűder gsyn
Dann das geblűt würt so entzündt
Das es vil me dann frœmbdes bryndt
 
53
Von Hass und Neid

Feindschaft und Neid macht Narren viel,
Von denen ich hier reden will.
Der Neid den Ursprung daher nimmt:
Du missgönnst das, was mir bestimmt,
Und hättest gerne selbst, was mein,

Oder kannst sonst nicht hold mir sein.
Der Neid ist solche Todeswund',
Die nimmermehr wird recht gesund;
Er hat die Eigenschaft bekommen,
Wenn er sich etwas vorgenommen,

So hat nicht Ruh' er Tag und Nacht,
Bis er den Anschlag hat vollbracht.
So lieb ist ihm nicht Schlaf noch Freud',
Dass er vergäß' sein Herzeleid;
Drum hat er einen bleichen Mund,

Ist dürr und mager wie ein Hund,
Die Augen rot, und niemand kann
Mit vollem Blick er sehen an.
Das ward an Saul mit David klar,
An Josephs Brüdern offenbar.

Neid lacht nur, wenn versinkt das Schiff,
Das er gesteuert selbst ans Riff;
Und nagt und beißt der Neid recht sehr,
Frisst er nur sich und sonst nichts mehr,
Wie Ätna sich verzehrt allein.


Drum ward Aglaurus auch zum Stein.
Welch Gift trägt in sich Neid und Hass,
Das spürt man zwischen Brüdern baß;
Das zeigen Kain und Esau, nicht minder
Thyest144, Eteokles145, Jacobs Kinder;

Die waren von größerm Neid entbrannt,
Als hätten sie nicht sich Brüder genannt:
Entzündet sich verwandt Geblüt,
Dann es viel mehr als fremdes glüht.

 
 
Wem sackpfiffen freüd / kurtzwil gytt
Vnd acht der harpff / vnd luten nytt
Der ghœrt wol vff den narren schlytt
 
Wem Sackpfeifen Freude macht,
Dass Harf' und Laut' er drob verlacht,
Wird auf den Narrenschlitten gebracht.
 

LIV
Von vngedult der straff

Eyn gwisses zeichen der narrheyt
Ist / das eyn narr nyemer vertreyt
Noch mit gedult gelyden mag
Das man von wysen dingen sag

Eyn wyser gern von wißheyt hœrt
Do durch syn wißheit wurt gemert
Eyn sackpfiff ist des narren spil
Der harppfen achtet er nit vil
Keyn gůt dem narren jn der welt

Baß dann syn kolb / vnd pfiff gefelt
Kum loßt sich stroffen der verkert
Narren zal ist on end gemert /
O narr gedenck zů aller fryst
Das du eyn mensch / vnd tœtlich bist

Vnd nüt dann leym / æsch / erd / vnd myst
Vnd vnder aller creatur
So hat vernunfft jn der natur
Bist du das mynst / vnd eyn byschlack
Eyn abschum / vnd eyn trůsensack

Was überhebst dich dins gewalt /
Dyns adels / richtům / jugent / gestalt /
Sydt als das vnder der sunnen ist
Vnnütz ist / vnd dem wißheyt gbrist /
Wæger das dich eyn wyser stroff

Dann dich anlach eyn narrecht schof
Dann wie eyn brennend dystel kracht
Als ist eyn narr ouch wenn er lacht /
Sellig der mensch der jn jm hat
Allzyt eyn schrecken / wo er gat

Der wysen hertz / truren betracht
Eyn narr alleyn vff pfiffen acht
Man sing vnd sag / man flœh vnd bitt /
Ab syn elff ougen kumbt er nit
Vmb keyn stroff / ler / er ettwas gitt
 
54
Tadel nicht dulden wollen

Dass Narrheit sich im Herzen regt,
Zeigt dies: ein Narr es nie erträgt
Noch mit Geduld es hören kann,
Spricht über weise Dingen man.
Ein Weiser gern von Weisheit hört,

Wodurch ihm Weisheit wird gemehrt.
Die Sackpfeif' ist des Narren Spiel,
Der Harfen achtet er nicht viel.
Kein Gut dem Narren in der Welt
Mehr als ein Kolb' und Pfeif' gefällt.

Kaum lässt sich tadeln, wer verkehrt;
Der Narren Zahl ohn' End' sich mehrt.
O Narr, bedenk' zu aller Frist,
Dass du ein Mensch und sterblich bist
Und nichts als Lehm, Asch', Erd' und Mist.

Denn unter aller Kreatur,
Die hat Vernunft in der Natur,
Bist die geringste du, ein Schaum,
Ein Hefensack146 und Bastard kaum.
Was rühmst du doch an dir Gewalt

Und Adel, Jugend, Geld, Gestalt,
Da alles unter der Sonne ist
Unnütz, wenn Weisheit ihm gebrist.
Besser, dass dich ein Weiser straf',
Als dass dich anlach' ein närrisch Schaf.


Denn wie eine brennende Distel kracht,
So bleibt er Narr auch, wenn er lacht.
Drum selig der Mensch, der in sich hat
Die Furcht des Herrn an jeder Statt.
Des Weisen Herz auch Trauer betrachtet,

Ein Narr allein auf Pfeifen achtet.
Man sing' und sag' mit Bitten und Flehn,
Er solle von seinen elf Augen abgehn:147
Er wird nicht Lehre noch Tadel verstehn.

 
 
Wer artzeny sich nyemet an
Vnd doch keyn presten heylen kan
Der ist eyn gůtter gouckelman
 
Wer sich des Arzeneins nimmt an
Und doch kein Siechtum heilen kann,
Der ist ein guter Gaukelmann.
 

LV
Von narrechter artzny

Der gat wol heyn mit andern narrn
Wer eym dottkrancken bsycht den harrn
Vnd spricht / wart / biß ich dir verkünd
Was ich jn mynen bűchern fynd

Die wile er gat zůn bűchern heym
So fert der siech gœn dottenheym /
Vil nemen artzeny sich an
Der dheyner ettwas do mit kan
Dann was das krüter bűchlin lert

Oder von altten wybern hœrt
Die hant eyn kunst / die ist so gůt
Das sie all presten heylen důt
Vnd darff keyn vnderscheyt me han
Vnder jung / allt / kynd / frowen / man /

Oder füht / trucken / heiß / vnd kalt /
Eyn krut das hat solch krafft / vnd gwalt
Glych wie die salb jm Alabaster
Dar vß die scherer all jr plaster
Machent / all wunden heylen mit

Es sygen gswær / stich / brüch / vnd schnyt
Her Cucule verloßt sye nit /
Wer heylen will mit eym vngent
All trieffend ougen / rott / verblent /
Purgyeren will on wasserglaß

Der ist eyn artzt als Zůhsta was /
Dem glych / ist wol eyn Aduocat
Der jnn keynr sach kan geben ratt /
Eyn bichtvatter ist wol des glych
Der nit kan vnder richten sich

Was vnder yeder maletzy
Vnd gschlecht der sünden / mittels sy
Io on vernunfft / gat vmb den bry /
Durch narren mancher würt verfůrt
Der ee verdürbt / dann er das spűrt /
 
55
Von törichter Heilkunde

Der geht wohl heim mit andern Narrn,
Wer dem Todkranken beschaut den Harn
Und spricht: »Wart, bis ich dir verkünde,
Was ich in meinen Büchern finde!«
Dieweil er geht zu den Büchern heim,

Fährt der Kranke hin gen Totenheim.
Viel maßen sich der Arztkunst an,
Von denen keiner etwas kann,
Als was das Kräuterbüchlein lehrt
Und man von allen Weibern hört.

Die treiben Kunst, die ist so gut,
Dass sie all' Bresten heilen tut,
Und ist kein Unterschied dabei,
Ob jung, alt, Kind, Mann, Frau es sei,
Ob feucht, ob trocken, heiß und kalt;148

Ein Kraut hat so Kraft und Gewalt,
Gleich wie die Salb' im Alabaster,
Daraus der Scherer macht sein Pflaster
Und alle Wunden heilt damit,
Es sei Geschwür, Stich, Bruch und Schnitt:

Herr Kukulus verlässt sie nit.
Wer zu der Heilung nur ein Unguent149
Für Augen rot, blind, triefig kennt,
Klistieren will ohn' Wasserglas,
Der ist ein Narr, wie Zuohsta was.


Dem gleichet wohl ein Advokat,
Der in keiner Sache gibt uns Rat;
Ein Beichtvater gleicht dem sicherlich,
Der nicht kann unterrichten sich,
Wie denn bei jeder Art von Sünden

Und Übeln Mittel sei'n zu finden
Und ohne Vernunft geht um den Brei.
Gar mancher wird durch Narren verführt
Und verdirbet eher, als er es spürt.

 
 
So groß gewalt vff erd nye kam
Der nitt zů zytten / end ouch nam
Wann jm syn zyl / vnd stündlin kam
 
Nie Macht so groß auf Erden kam,
Die nicht zuzeiten End' auch nahm,
Wenn ihr das Ziel und Stündlein kam.
 

LVI
Von end des gewalttes

Noch fyndt man narren manigfalt
Die sich verlont vff jren gwalt
Als ob er ewiklich solt ston
Der doch dűt / wie der schne zergon

Julius der keyser / was genůg
Rich / mæchtig / vnd von synnen klůg
Ee dann er mit gewalt an sich
Brocht / vnd regyert das Rœmsche rich
Do er den zepter an sich nam

Syn sorg vnd angst jm huffeht kam
Vnd was so witzig nit an rott
Er würd dar vmb erstochen dott /
Darius der hat groß / mæchtig land
Vnd wer wol blyben heym on schand

Vnd hett behaltten gůt vnd ere
Aber do er wolt sůchen mer
Vnd haben das / das syn was nitt
Verlor er ouch das syn dar mitt /
Xerxes der brocht jnn kriechen landt

So vil des volcks / als meres sandt
Das mer mit schiffen er bedeckt
Er mœcht die gantz welt han erschreckt
Aber was wart jm me dar von
Er greiff Athenas grüslich an

Glich wie der lœw / angrifft eyn hůn
Vnd floch doch als die hasen thůn /
Der künig Nabuchodonosor
Do jm zů fyel me glück dann vor
Vnd er Arfaxat vber wandt

Meynt er erst haben alle landt
Vnd setzt eyn gœtlich gwalt jm für
Wart doch verwandelt jn eyn thyer
Der mœcht ich wol erzalen me
Inn altter / vnd jn nuwer ee

Aber es dunckt mich nit syn nott
Gar wenig sint jn růwen dott
Oder die stürben an jrm bett
Die man nit sunst erdœttet hett /
Har by mercken jr gwaltigen all

Ir sitzen zwor jn glückes fall
Sindt witzig / vnd trachtend das end
Das gott das radt / üch nit vmb wend
Vœrchten den herren / dyenent jm
Wo uch syn zorn ergryfft / vnd grym

Der kurtzlich wurt entflâmen ser
Würt üwer gwalt nit blyben mer
Vnd werden jr / mit jm zergan
Ixion blibt syn rad nit stan
Dann es loufft vmb / von wynden kleyn

Sellig / wer hofft jnn gott alleyn /
Er fellt / vnd blibt nit jn der hœh
Der steyn / den waltzt mit sorg vnd we
Den berg vff / Sisyphus der tor
Glügk vnd gwalt / wert nit lange jor /

Dann noch der altten spruch vnd sag
Vnglück vnd hor / das wechßt all tag /
Der vnrecht gwalt / nymbt gruntlich ab
Als Iezabel zeygt / vnd Achab /
Ob schon eyn herr sunst hatt keyn vynd

Můß er besorgen doch syn gsynd
Vnd vnderwil syn næhsten fründ /
Die bringen jnn vmb syn gewalt
Zambry sins herren rich noch stalt
Vnd dett an jm mort vnd dotschlag

Vnd wart eyn herr vff syben tag /
Alexander all welt bezwangk
Eyn dyener dott jn / mitt eym tranck /
Darius entrann / vnd was on nott /
Bessus syn dyener stach jn dott /

Also der gwalt sich enden důt
Cyrus der tranck syn eygen blůt /
Keyn gwalt vff erd / so hoch ye kam
Der nit eyn end mitt truren nam
Nye keyner hatt so mæchtig fründ

Der jm eyn tag verheyssen künd
Vnd sicher wer eyn ougenblick
Das er solt han gewalt / vnd glück
Was die welt acht vffs aller best
Das würt verbyttert doch zů lest

Wer vberhebt sich das er stand
Der lůg vnd schlypff nit vff dem sand
Das jm nit werd schad / spott / vñ schâd /
Groß narrheyt ist vmb grossen gwalt
Dann man jn seltten langzyt bhalt

So ich durch sůch all rich do hær
Assyrien / Meden / Persyer /
Macedonū / vnd kriechen landt
Carthago / vnd der Rœmer standt
So hatt es als gehan sin zyl

Das rœmsch rich blibt so lang got will /
Got hat jm gsetzt syn zytt / vnd moß
Der geb / das es noch werd so groß
Das jm all erd sy vnderthon
Als es von recht / vnd gsatz solt han
 
56
Vom Ende der Gewalt

Man findet Narren mannigfalt,
Die sich verlassen auf Gewalt,
Als ob sie ewig sollte stehn,
Die doch wie Schnee pflegt zu zergehn.
Der Kaiser Julius war genug

Wohl reich und stark, an Sinnen klug,
Ehe er mit Gewalt gebracht
An sich der Römer Reich und Macht.
Als er das Szepter an sich nahm,
Ihm Sorg' und Angst in Haufen kam;

Da war er nicht an Rat so klug:
Denn bald darob man tot ihn schlug.
Darius hatte reiches Land
Und konnte bleiben ohn' Schand'
Und hätt' behalten Gut und Ehr';

Doch weil er wollte suchen mehr
Und haben das, was sein nicht war,
Verlor er auch das seine gar.
Und Xerxes bracht' nach Griechenland
Des Volks soviel wie Meeressand,

Das Meer mit Schiffen er bedeckte,
Dass er die ganze Welt erschreckte.
Und doch, was war's, das er gewann?
Er griff Athen so schrecklich an,
Wie sonst der Löwe packt ein Huhn


Und – floh doch, wie die Hasen tun.
Als König Nabuchdonosor150
Mehr Glück zufiel als je zuvor
Und er Arphaxad überwand,
Wollt' er erst haben alle Land!

Er trachtete nach Gottes Macht
Und ward zum Tiere über Nacht.
Gar leicht ich euch noch viele nennte
Im Alten und Neuen Testamente,
Aber es dünkt mich das nicht not.

Gar wenig sind in Ruhe tot
Und sterben auf dem eignen Bette,
Die man sonst nicht getötet hätte.
Ihr Mächtigen das merken wollt,
Jetzt ist euch zwar das Glück noch hold,

Seid weise und bedenkt das Ende,
Dass Gott das Rad euch nicht umwende!
Fürchtet den Herrn und dienet ihm!
Wenn euch sein Zorn ergreift und Grimm,
Der bald sich wird entflammen sehr,

Wird eure macht nicht bleiben mehr.
Sie wird vielmehr mit euch vergehn;
Ixîons Rad151 bleibt nimmer stehn,
Denn es läuft um von Winden klein,
Drum selig, wer hofft auf Gott allein!


Es fällt und bleibt nicht in der Höhe
Der Stein, den wälzt mit Sorg' und Wehe
Den Berg auf Sisyphus152, der Narr.
Glück und Gewalt währt nicht viel Jahr',
Denn nach der Alten Spruch und Sage

Wächst Haar und Unglück alle Tage.
Unrechte Macht nimmt gründlich ab,
Das zeigt mit Jezabel Ahab,
Und hat ein Herr sonst keinen Feind,
So muss er befürchten sein Gesind

Und die ihm nächste Freunde sind.
Die bringen ihn um seine Macht;
So hat des Herren Reich gebracht
An sich Simri durch Mord und Schlag
Und ward ein Herr auf sieben Tag'.

Held Alexander die Welt bezwang:
Er starb durch eines Dieners Trank.
Darius floh erst ohne Not:
Sein Diener Bessos stach ihn tot.
So endet Macht und stolzer Mut,

Dass Cyrus trank sein eigen Blut.
Auf Erden Macht so hoch nie kam,
Die nicht ein End' mit Schrecken nahm.
Der Freunde Stärke keinem Mann
Noch jemals einen einen Tag gewann.


Wer ist sicher einen Augenblick,
Dass er sollt' haben Macht und Glück?
Denn was die Welt aufs Höchste schätzt,
Das wird verbittert doch zuletzt;
Und wer sich stolz erhob und stand,

Der schau und gleit nicht auf den Sand,
Dass ihm nicht werde Spott und Schand'.
So ist es närrisch um Macht bestellt,
Da man sie selten lange behält!
Und wo ich beschaue die Reiche bisher:

Assyrien, Persien und andre mehr,
Mazedonien, Medien, Griechenland,
Karthago und der Römer Stand,
So haben sie all gehabt ihr Ziel.
Das römische Reich153 bleibt, so Gott will;

Der hat gesetzt ihm Maß und Zeit,
Der geb', es werd' so groß und weit,
Dass ihm sein untertan all Land',
Wie es nach Fug und Recht bewandt!

 
 
Wer on verdienst / will han den lon
Vnd vff eym schwachen ror will ston
Des anschlag / wurt vff krebsen gon
 
Wer unverdienten Lohn will sehn,
Auf einem schwachen Rohr bestehn,
Des Anschlag wird auf Krebsen gehn.
 

LVII
Furwissenheyt gottes

Man fyndt gar manchen narren ouch
Der ferbet vß der gschrifft den gouch
Vnd dunckt sich stryffecht vnd gelert
So er die bůcher hat vmb kert

Vnd hat den psaltter gessen schyer
Biß an den verß / Beatus vir /
Meynend / hab got eym gůts beschert
So werd jm das nyemer entwert /
Sol er dann faren zů der hell

So well er syn eyn gůt gesell
Vnd leben recht mit andern wol
Im werd doch / was jm werden sol /
Narr loß von sollcher fantesy
Du gsteckst sunst bald jm narrenbry /

Das gott on arbeit belonung gytt
Verloß dich druff / vnd bach du nytt
Vnd wart / wo dir von hymel kunt
Eyn brotten tub / jn dynen můndt
Dann solt es also schlecht zů gon

So würd eym yeden knecht syn lon
Gott geb / er arbeyt oder nit
Das doch nit ist vff erden sytt
War vmb wolt gott dann ewig lon
Eym geben / der wolt műssig gon

Geben eym knecht der schlaffen wolt
Syn rich / vnd eyn so grossen solt /
Ich sprich / das vff erd nyemans leb
Dem gott on gnaden ettwas geb
Oder dem er sy pflychtig üt

Dann er ist vns gantz schuldig nüt
Eyn fryer her / schenckt wem er wil
Vnd gibt vß wenig oder vil /
Wie jm gelyebt / wæn gat es an
Er weiß / war vmb ers hat gethan /

Eyn hafner vß eym erdklotz macht
Eyn erlich gschyrr / sunst vil veracht
Als kachlen / hæfen / wasserkrűg
Do man jn / bœß / vnd gůttes tűg
Die kachel spricht nit wyder jn

Ich solt eyn krůg / eyn hafen syn
Gott weiß (dem es alleyn zů stat)
War vmb er all ding geordnet hat /
War vmb er Jacob hat erwelt
Vnd nit Esau jm glich gezelt /

War vmb er Nabuchodonosor
Der vil gesündet hatt lang jor
Strofft / vnd zů ruw doch kumen lyeß
Vnd zů sym rich / noch dem er bűsßt /
Vnd Pharao mit Geyßlen hart

Strofft / der do von doch bœser wart /
Eyn artzeny macht eynen gsunt
Vnd macht den andern mer verwundt /
Dann eyner noch dem er entpfandt
Gotts stroff / vnd der gewaltigen handt

Bdocht er syn sünd / mit sufftzen vil /
Der ander brucht syn fryen will
Vnd merckend gotts gerechtikeyt
Myßbrücht er syn barmhertzigkeyt /
Dann gott nye keynen hatt verlon

Er wust / war vmb ers hatt gethon
Wann ers wolt als glych han eracht
Er hett wol nůt dann rosen gmacht
Aber er wolt ouch dystlen han
Do man syn gerechtikeyt sæh an

Der was ein nydisch schalckhafft knecht
Der meynt syn herr dæt jm vnrecht
Do er jm gab syn gdingten solt
Vnd gab eym andern was er wolt
Der wenig arbeyt hatt gethon

Dem gab er doch eyn glychen lon
Man fyndt gar vil gerechter lüt /
Die hye vff erd hant vbelzyt
Vnd loßt jn gott zů handeln gon
Als ob si vil sünd hetten gthon

Dar gegen fyndt man narren dick
Die zů all sachen hand vil glück
Vnd jnn jrn sünden syndt so fry
Als ob jr werck gantz heylig sy /
Das sint die vrteyl gotts heymlich

Der vrsach weiß nyeman gentzlich
Je me man die zů gründen gært
Je mynder man dar von erfært
Ob yeman schon wænt das ers wiß
So ist er syn doch vngewiß

Dann all ding werdent vns gespart
Inn kunfftig / vnsicher / hynfart /
Dar vmb loß gots fürwissenheyt
Vnd ordenung der fürsichtikeyt
Stan wie sie stat / thů recht vnd wol

Gott ist barmhertzig / gnaden vol
Loß wissen jnn / als das er weiß
Dů recht / den lon ich dir verheiß
Beharr / so gib ich dir myn sel
Zů pfand / du kumbst nit jnn die hell /
 
57
Von Gottes Vorsehung

Man findet manchen Narren auch
Der aus der Schrift färbt seinen Gauch
Und dünkt sich vornehm und gelehrt,
Wenn er die Bücher umgekehrt
Und hat verzehrt den Psalter schier

Bis an den Vers: Beatus vir,154
Und meint, hab' Gott ihm Gut beschert,
So werde ihm das nie versehrt.
Soll er dann fahren zu der Hölle,
So will er sein ein guter Geselle

Und leben recht mit andern wohl,
Ihm wird doch, was ihm werden soll.
Narr, lass von solcher Phantasei,
Du steckst sonst bald im Narrenbrei,
Dass Gott ohn' Arbeit Lohn verspricht -

Darauf verlass dich! Brate nicht
Und wart, vom Himmel wird geraten
Dir in den Mund eine Taub' gebraten.
Denn sollt' es einfach so zugehn,
So würde jeder Knecht besehn -

Er arbeit' oder sei ein Gauch -
Denselben Lohn – das ist nicht Brauch!
Was sollte Gott mit ewigem Dank
Dir lohnen deinen Müßiggang,
Oder einem Knecht, der schlafen wollt',


Mit seinem Reich und großem Sold?
Ich wähn', auf Erden niemand lebe,
Dem Gott ohn' Gnade etwas gebe,
Oder dem er stehe in Pflicht,
Denn er ist uns verschuldet nicht.

Ein freier Herr schenkt, wem er will,
Und gibt uns wenig oder viel,
Wie ihm beliebt; wen geht es an?
Er weiß, warum er es getan.
Ein Hafner155 aus dem Erdkloß macht

Geschirr, wie er sich hat erdacht,
Formt Kacheln, Häfen, Wasserkrüge,
Damit er jedem Wunsch genüge,
Die Kachel spricht ihm nicht darein:
»Ich sollt' ein Krug, ein Hafen sein!«

Gott weiß, dem es allein zukommt,
Wie jedes Ding dem Menschen frommt,
Warum er Jakob hat erwählt
Und Esau ihm nicht gleichgestellt,
Warum er Nebukadnezar,

Der viel gesündigt manches Jahr,
Gestraft und dann zur Reu' ließ kommen
Und in sein Reich hat aufgenommen,
Doch Pharao mit Geißeln156 hart
Bestraft, der doch nur schlechter ward.


Dieselb' Arznei macht einen gesund
Und macht den andern noch mehr wund.
Denn jener, nachdem er empfand
Die Straf' aus Gottes starker Hand,
Gedachte der Sünden mit Seufzen im Stillen,

Der andre folgte dem freien Willen,
Und merkte Gottes Gerechtigkeit,
Weil er missbraucht seine Barmherzigkeit.
Denn Gott hat immer an jeden gedacht,
Er weiß, warum er's also gemacht.

Wenn es als billig ihm gefallen,
Hätte er Rosen gemacht aus allen,
Aber auch Disteln haben er wollte,
Dran man Gerechtigkeit sehen sollte.
Der war ein neidisch-böser Knecht,

Der meinte, ihm täte sein Herr nicht recht,
Da er ihm gab den bedungenen Sold
Und einem andern, was er wollt';
Der wenig Arbeit hatte getan,
Den ließ er gleichen Lohn empfahn.

Man findet viel gerechte Leut',
Die haben auf Erden schlechte Zeit,
Gott lässt es ihnen also gehn,
Als wäre viel Sünd' durch sie geschehn.
Dagegen findet man Narren oft,


Die haben viel Glück und unverhofft
Und sind in ihren Sünden so frei,
Als ob ihr Werk ganz heilig sei.
Drum ist verborgen Gottes Gericht,
Seine letzten Gründe weiß man nicht,

Je mehr man die zu erforschen begehrt,
Je weniger man davon erfährt,
Und wer da wähnt, er hab' sie enthüllt,
Ist recht mit Finsternis erfüllt.
Denn alles wird uns aufgespart

Für künftige, unsichre Fahrt.
Drum lasse Gottes Allwissenheit,
Die Ordnung seiner Fürsichtigkeit
Stehn, wie sie steht! Tu recht und wohl!
Gott ist barmherzig, gnadenvoll!

Lass wissen ihn alles, was er weiß:
Tu recht! und Lohn ich dir verheiß';
Harr' aus! So geb' ich dir mein Wort,
Du kommst nicht in die Hölle dort!