Tagelieder
   
 

Home
Fabeln
Das Mittelalter
Gedichte
Gäste

 

 

 

 

 

 

 


Minnesänger


Tagelied oder Wächterlied



Diese Gattung des europäischen mittelalterlichen Minnesangs schildert zumeist in Wechselrede
das Scheiden der heimlich Liebenden am Morgen, der in der typischen Form des Liedes durch den
warnenden Wächter vom Turm verkündet wird. Durch seine unverhohlene Darstellung der erfüllten Liebe nimmt das Tagelied eine Sonderstellung innerhalb des klassischen Minnesangs ein.

©Reclam: Tagelieder des deutschen Mittelalters
 

Dietmar von Aist
 
1.
"Slâfest du, vriedel ziere?
wan wecket uns leider schiere;
ein vogellîn sô wol getân
daz ist der linden an daz zwî gegân."

2.
"Ich was vil sanfte entslâfen,
nu rüefestû, kint, >wâfen<
liep âne leit mac niht sîn.
swaz dû gebiutest,daz leiste ich, vriundîn mîn."

3.
Diu vrouwe begunde weinen:
"du rîtest hinnen und lâst mich eine.
wenne wilt du wider her zuo mir?
ôwê, du vüerest mîne vröide sant dir!"
 
1.
"Schläfst du, schöner Geliebter?
Man weckt uns, leider zu bald.
Ein schönes Vöglein
ist auf den Zweig der Linde geflogen."

2.
"Ich war so sanft eingeschlafen.
Nun rufst du, Mädchen, >gib acht!<
Liebe ohne Leid kann es nicht geben.
Was du verlangst, das tue ich, meine Freundin."

3.
Die Dame begann zu weinen:
"Du reitest weg und lässt mich einsam zurück.
Wann wirst du wieder zu mir kommen?
Ach, du nimmst meine Freude mit dir fort!"
 
Otto von Botenlauben
 
1.
"Wie sol ich den ritter nû gescheiden
und daz schœne wip,
die dicke bî ein ander lâgen ê?
dâ rât ich in rehten triuwen beiden
und ûf mîn selbes lîp
daz sie sich scheiden und er dannen gê.
mâze ist zallen dingen guot.
lîp und êre ist unbehuot,
ob man iht langer lît.
ichn singe eht anders niht wan: es ist zît.
stant ûf, ritter!"

2.
>Hœrstu, friunt, den wahter an der zinnen
wes sîn sanc verjach?
wir müezen unsich scheiden, lieber man.
alsô schiet dîn lîp ze jungest hinnen,
dô der tac ûf brach
und uns diu naht sô vlühteclîche entran.
naht gît senfte, wê tuot tac.
owê, herzeliep, in mac
dîn nû verbergen nieht:
uns nimt der fröiden vil daz grâwe lieht.
stant ûf, ritter!<

3.
"Dîn kuslîch munt, dîn lîp klâr unde süeze,
dîn drucken an die brust,
dîn umbevâhen lât mich hie betagen.
daz ich noch bî dir betagen müeze
ân aller fröiden vlust!
sô daz geschiht, son dürfen wir niht klagen.
dîn minne ist gar ein zange mir,
si klemmet mich, ich muoz ze dir,
gult ez mir al den lîp."
>dichn lât der tac, daz klage ich, sende wîp.
stant ûf, ritter!"
 

1.
"Wie soll ich den Ritter und die schöne Frau,
die schon häufig die Nacht miteinander
verbracht haben, nun voneinander trennen?
Weil ich ihnen treu ergeben bin und aus
Sorge um mein eigenes Leben rate ich beiden,
sich zu trennen und dass er fortgehen soll.
Es ist gut, in allen Dingen Maß zu halten.
Leben und Ansehen sind gefährdet,
wenn sie noch länger liegen bleiben.
Ich singe doch nichts anderes als: es ist Zeit.
Steh auf, Ritter!

2.
>Hörst du, Liebster, den Wächter auf der Zinne
und was sein Lied verkündet hat?
Wir müssen Abschied voneinander nehmen,
lieber Freund. Genauso musstest du vor
kurzem fortgehen, als der Tag anbrach
und die Nacht uns so schnell zerronnen war.
Die Nacht schenkt Angenehmes, der Tag
bringt Leid. Ach, Herzallerliebster, ich kann dich
nun nicht länger verbergen. Das Morgengrauen
nimmt uns unser ganzes Glück.
Steh auf, Ritter!<

3.
"Dein Mund, der zum Küssen einlädt, dein schöner,
anziehender Körper, deine Art, dich an mich zu
schmiegen, und deine Umarmungen verführen mich
dazu, den Tag über hier zu bleiben. Könnte ich doch
einmal den Tag bei dir verbringen, ohne alles Glück
zu verlieren. Wenn das geschieht, brauchen wir nicht
zu klagen. Deine Liebe kommt mir wie eine Zange
vor. Sie hält mich fest, ich muss zu dir, koste es
mich sogar mein Leben." >Der Tag lässt dich nicht
bleiben, das beklage ich voller Sehnsucht.<
Steh auf, Ritter!
 

1.
"Singet, vogel, singet miner frouwen,
der ich sanc:
ich sanc umbe alle ir ere und umbe ir werden
friundes lîp. den beiden diente ich gerne:
ir sô diene ich âne wanc.
daz triuwe ich wol erwenden, sît ich daz
wunderschœne wîp eins ritters und ir êren hât
bewegen. ich pflac ir her, nu mueze ir got der
rîche pflegen und helfe im wol von hinnen:
er hat ze lange hie gelegen.

2.
Ich ziuge ez uf der kleinen vogellîne morgensanc
daz ich dir hân geleistet, ritter,
swaz ich leisten sol dîm lîbe und mîner frouwen,
des mich her mîn triuwe ie twanc,
dazt hiute und iemer mêre bewaht bist
und behüetet wol, wan dac
ir zorn gen tage mir zwîvel gît.
nu wecke in, frouwe,
ich singe im rehte scheidens zît. nu hüet
dîn selbes, ritter: grôz angest bî der liebe lît."

3.
"lch bin unsanfte erwecket, frouwe, ob ich
entflâfen was, von manger vogel sange, die sich
da fröiwent gen dem tage.
ich hôrte lûte singen den wahter ûf dem palas,
als er uns hât bescheiden: mit sange hôrte ich sîn
klage. wie hâstu, saelic wîp, mich daz verdaget,
daz dû niht spraeche:"ritter, wache, ich waene,
ez taget!"
nu muoz ich von dir scheiden: grôz angest mich
von liebe jaget."
 
1.
"Singt, Vögel, singt für meine Herrin, für die ich
gesungen habe. Ich sang, um ihr Ansehen und das
Leben ihres edlen Geliebten zu bewahren. Beiden
habe ich bereitwillig und mit großer Zuverlässigkeit
gedient. Das glaube ich nun aufgeben zu können,
da die wunderschöne Frau auf einen Ritter und ihr
Ansehen keine Rücksicht nimmt. Bisher habe ich
sie beschützt, nun möge Gott der Allmächtige sie
beschützen und ihm helfen, unbehelligt von hier
fortzukommen. Er hat zu lange hier geschlafen.

2.
Der Morgengesang der kleinen Vögel ist mein Zeuge,
dass ich für dich, Ritter, getan habe, was ich dir und
meiner Herrin schuldig bin und wozu mich meine
Treueverpflichtung bisher stets angehalten hat, damit
du heute und in Zukunft immer gut bewacht und
beschützt bist. Nur ihr Zorn bei Tagesanbruch macht
mich unsicher. Nun weck ihn, Herrin, ich kündige ihm
mit meinem Lied den richtigen Zeitpunkt für den
Abschied an. Nun gib selbst auf dich acht, Ritter.
Große Gefahr ist mit der Liebe verbunden."

3.
"War ich eingeschlafen, so bin ich, Herrin, durch den
Gesang vieler Vögel, die sich auf den Tag freuen,
unsanft geweckt worden.
Ich hörte den Wächter auf der Burg, laut singen,
wie er uns gewarnt hat. Ich hörte seinen
klagenden Gesang. Warum hast du mir,
liebste Frau, dies verschwiegen und nicht gesagt:
>Ritter, wach auf, ich glaube, es wird Tag.<
Nun muss ich dich verlassen.
Große Gefahr treibt mich von der Liebe fort."
 

                  Anders als in der älteren Tradition weckt im folgenden Lied hier der Mann die Frau.
 
Oswald von Wolkenstein
 
1.
>Wach auf, mein hort, es leucht dort her
von orient der liechte tag.
blick durch die brau, vernim den glanz,
wie gar vein blau des himels kranz
sich mengt durch grau von rechter schanz.
ich fürcht ain kurzlich tagen.<

2.
"Ich klag das mort, des ich nicht ger:
man hört die voglin in dem hag
mit hellem schal erklingen schon.
o nachtigal, dein späher don
mir pringet qual, des ich nicht lon.
unweiplich muess ich klagen."

3.
>Mit urloub fort! deins herzen sper
mich wunt, seit ich nicht bleiben mag.
schidliche not mir trauren pringt.
dein mündli rot mich senlich twingt,
der bitter tod mich minder dringt.
darumb muess ich verzagen.<
 
1.
>Wach auf mein Schatz, es leuchtet dort
vom Osten her der helle Tag.
Blick durch die Wimpern, schau den Glanz,
wie ganz fein blau des Himmels Rund
sich in das Grau mengt, das uns günstig war.
Ich fürchte, es wird gleich tagen.

2.
"Ich beklage es wie den Tod, was ich nicht wünsche:
Man hört die Vöglein im Gebüsch
mit hellem Klang schön tönen.
O Nachtigall, dein kunstreiches Lied
bringt mir nur Leid, dafür belohn ich dich nicht.
Mein Klagen ist größer als Frauenkraft.<

3.
"Erlaube mir zu gehen! Dein Herz ist ein Speer,
der mich verwundet, weil ich nicht bleiben kann.
Der Schmerz des Scheidens macht mich traurig.
Dein rotes Mündlein bedrängt mich mit Sehnen.
Der bittere Tod macht mir weniger Angst.
Das lässt mich verzagen."
 


                          Das folgende Lied ist eine genaue Umkehrung des Tagesliedmotives.
 

1.
Ain tunkle farb in occident
mich senleichen erschrecket,
seid ich ir darb und lig ellend
des nachtes ungedecket.
Die mich zu fleiss mit ermlein weiss und
hendlein gleiss kan frönleich zu ir smucken.
die ist so lang, das ich von pang in dem gesang
mein clag nicht mag verdrucken.
Von strecken krecken mir die pain,
wenn ich die lieb beseufte,
dir mir mein gir neur went allain
darzu meins vatters teuchte.

2.
Durch winkenwankh ich mich verker
des nachtes ungeslaffen.
gierleich gedankh mir nahent ferr
mit unhilflichem waffen.
Wann ich mein hort an seinem ort nit find alldort,
wie offt ich nach im greife,
so ist neur, ach, mit ungemach feur in dem tach,
als ob mich prenn der reife.
Und winden, pinden sunder sail
tuet si mich gar gen tage.
ir mund all stund weckt mir die gail
mit seniclicher clage.

3.
Also vertreib ich, liebe Gret,
die nacht piss an den morgen.
dein zarter leib mein herz durchget,
das sing ich unverporgen.
Chum, höchster schatz mich schreckt ain ratz
mit grossem tratz,davon ich dick erwache,
die mir kain rue lat spat noch frue, lieb, darzu tue,
damit das bettlin krache.
Die freud geud ich auf hohem stuel.
wenn daz mein herz bedenket,
und mich hoflich mein schöner puel
gen tag freuntlichen schrenket.
 
1.
Die Dunkelheit im Westen
schreckt mich mit Liebessehnen,
da sie mir fehlt und ich einsam liege
bei Nacht, bloß und verlassen.
Die unermüdlich mich mit hellen Armen,
schimmernden Händen lustvoll an sich schmiegen
kann, die ist so fern, dass ich vor Angst in meinem
Lied das Klagen nicht unterdrücken kann.
Vom Wälzen knacken mir die Glieder,
wenn ich nach der Lieben seufze,
die allein mir mein Verlangen stillen kann
und auch den Krampf meiner Lenden.

2.
Ich wälze, werfe mich hin und her
des Nachts und kann nicht schlafen.
Verlangende Gedanken dringen aus der Ferne
unwiderstehlich mächtig auf mich ein.
Wenn ich dann meinen Schatz nicht finde dort
an seinem Platz, sooft ich auch nach ihr greife,
so ist bei mir, ach große Plage, Feuer am Dach,
als ob der Frost mich brennte.
Dann fesselt sie mich ohne Seil
und quält mich bis zum Morgen.
Ihr Mund weckt immer wieder mir den Trieb
mit Sehnen und mit Schmerz.

3.
So, liebe Gret, verbringe ich
die Nacht bis gegen Morgen.
Dein lieber Körper geht mir durch das Herz,
das singe ich vor allen Leuten.
Komm, höchstes Gut! Mich schreckt eine Ratte und
neckt mich bös, so dass ich oft davon erwache;
sie lässt zu keiner Stunde mich in Ruhe.
Sieh zu, mein Lieb, dass unser Bettlein kracht.
Vor Freude juble ich, fühl mich auf einem Thron,
wenn ich im Herzen mir ausmale,
wie mich mein schönes Lieb mit feinem Anstand
am Morgen liebevoll umarmt.
 
Ulrich von Lichtenstein
 
1.
"Got willekomen herre,
mîn friunt, geselle, lieber man.
mîn trûren daz ist verre,
sît ich dich umbevangen hân.
dû bist mir vor allen dingen süeze;
dâ ich dich herzenlîchen grüeze.
nu küsse tûsendstunden mich:
so küsse ich zwir als ofte dich."

2.
"Dîn wîplich friundes grüezen,
dîn küssen und dîn umbevanc,
kann sich sô lieplîch süezen,
daz mir diu wîle nimmer lanc
bî dir wirt, vil herzenliebiu frouwe.
al mîn fröide ich an dir einer schouwe.
dîn lieber man, mîn liebez wîp,
daz sî wir beidiu, unde ein lîp."

3.
Nâch disem friundes gruoze
mit triuten wart geküsset vil.
diu selbe süeze unmuoze
in beiden riet ein minnespil.
in dem spil ir beider herze jâhen,
dô sî in den ougen rehte ersâhen
ir lieplîch minnevarwen schîn,
daz er waer ir und sî waer sîn.

4.
Nâch disem spil si lâgen
geslozzen wol nâch friundes site.
ir beider münde pflâgen
dâ sich diu liebe erzeiget mite.
ir vil lûter liebe slôz diu minne
mit der triuwe vaste zeinen sinne
in innerhalp ir herzen tür.
dâ rigelt sich diu staete für.

5.
In minnen paradîse
ir beider lîp mit fröiden lac.
dar sleich ein maget lîse:
diu sprach "nu wol ûf, ez ist tac".
von dem worte ir ougen über wielen,
daz die treher in ûf diu wängel vielen.
dâ wart geküsset tûsent stunt
ir ougen kinne wengel munt.

6.
Sus wolt der tac si scheiden:
daz tet in herzenlîchen wê.
dô riet diu minne in beiden
ein süezez spil verenden ê.
ein ander sîz niht baz erbieten mohten:
mit armen und mit beinen
lac geflohten ir beider lîp. dô sprach diu
maget "iu beiden ez ze leide taget."

7.
Mit linden wîzen armen beslozzen lac
des ritters lîp. si sprach "lâ dich
erbarnen, guot friunt, mich fröiden
armez wîp: füere mich in dînen herzen
hinnen." "frouwe, ich minne dich mit
friundes sinnen. du bist vogt in dem
herzen mîn: sam bin ich in dem herzen
dîn. got müeze dîner êren pflegen:
dîn wîplîch güete sî mîn segen."
 

1.
Herzlich willkommen, Herr,
mein Freund, Geliebter, lieber Mann.
Meine Traurigkeit ist verflogen,
seit ich dich in meinen Armen halte.
Ich habe dich lieber als alles andere.
Deshalb begrüße ich dich herzlich.
Nun küsse mich tausendmal,
dann küsse ich dich zweimal so oft."

2.
"Deine Art, den Geliebten zu empfangen,
deine Küsse und deine Umarmung
sind so zärtlich und liebevoll,
dass mir die Zeit bei dir niemals
lang wird, herzallerliebste Herrin.
Du bist mein ganzes Glück.
Ich bin dein Geliebter, du bist meine
Geliebte, und wir sind doch beide eins."

3.
Nach der Begrüßung des Geliebten
umarmten und küssten sie sich immer
wieder. Beide drängte dieselbe süße
Unruhe zum Liebesspiel.
Als sie bei diesem Spiel in den
Augen des anderen ihr liebliches
Spiegelbild erkannten, beteuerten sie
einander, dass er ihr gehöre und sie ihm.

4.
Nach diesem Spiel lagen sie nach Art der
Liebenden eng umschlungen beieinander.
Voller Liebe küssten sie einander immer
wieder. Frau Minne schloss ihre
reine Liebe untrennbar mit der
Treue verbunden hinter der Tür ihrer
Herzen ein. Davor schob sich als Riegel
die Beständigkeit.

5.
Sie lagen beide glücklich im Paradies
der Liebe. Eine Dienerin schlich leise
herbei und sagte: "Steht auf, es ist Tag."
Wegen dieser Worte begannen sie
zu weinen, so dass die Tränen ihnen
auf die Wangen hinunterrannen.
Dann küssten sie einander tausendmal
Augen, Kinn, Wangen und Mund.

6.
Auf diese Weise wollte der Tag sie trennen.
Dies bereitete tiefen Schmerz. Da riet Frau Minne
ihnen, vorher noch ein zärtliches Spiel zu Ende
zu bringen. Sie konnten es nicht besser
miteinander spielen. Ihre Körper lagen mit
Armen und Beinen ineinander verflochten da.
Da sagte die Dienerin: "Zu euer beider Unglück
bricht der Tag an."

7.
Der Ritter lag dort von weichen, weißen
Armen umfangen. Sie sagte: "Hab Erbarmen,
lieber Freund, mit mir unglücklicher Frau.
Nimm mich in deinem Herzen mit fort von hier."
"Herrin, ich liebe dich zärtlich.
Du gebietest in meinem Herzen, wie ich in
deinem Herzen gebiete.
Gott möge dein Ansehen schützen:
deine Vollkommenheit sei mein Segen."
 

1.
Ein schoeniu maget sprach
"vil liebiu frouwe mîn, wol ûf! ez taget.
schouwet gein dem vensterlîn,
wie der tac ûf gât. der wahter von der
zinnen ist gegangen. iuwer friunt sol
hinnen: ich führte er sî ze lange hie."

2.
Diu frouwe guot siufte und kuste
ir lieben man. der hôchgemuot sprach:
"guot frouwe wol getân, der tac ist
hôch ûf: ich kann niht komen hinnen.
maht du mich verbergen iender innen?
daz ist mîn rât und ouch mîn ger."

3.
"Und möhte ich dich bergen in den
ougen mîn, friunt, daz taet ich.
des kann leider niht gesîn. will du hie
in dirre kemenât belîben,
disen tac mit fröiden wol vertrîben,
dar innen ich dich wol verhil."

4.
"Nu birge mich, swie du wil, vil
schoene wîp;
doch sô daz ich sunder wer iht vliese
den lîp. wirt mîn iemen inne,
sô soltû mich warnen.
kumich ze wer, ez muoz sîn lîp eraren,
der mich mit strîte niht verbirt."

5.
Sus wart verspart der vil manlîch
hôchgemuot und wol bewart von der
reinen süezen guot. wie pflac sîn den
tac diu süeze minneclîche? sô daz er
wart hôhes muotes rîche. sô kurzen tac
gewan er nie.

6.
Diu naht quam dô sâ huop sich der
minne spil: sus unde sô wart von
in getriutet vil ich waen ie wîp würde
baz mit liebem manne danne ir was,
ouwê dô muoste er danne. dâ von
huop grôzer jâmer sich.

7.
Urloup genomen wart mit küssen
an der stunt. schier wider komen
baten ir süezer rôter munt.
er sprach "ich tuon. dû bist mîner
fröiden wunne, mînes herzen
spilndiu meien sunne, mîn fröiden
geb, mîn saelden wer."
 
1.
Eine hübsche Dienerin sagte:
"Meine liebste Herrin, steht auf, es wird Tag.
Schaut zum kleinen Fenster hinüber und seht,
wie der Tag anbricht. Der Wächter hat die Zinne
bereits verlassen. Euer Geliebter muss fort
von hier: Ich fürchte, er ist schon zu lange hier."

2.
Die schöne Dame seufzte und küsste ihren
Geliebten. Der edle Mann sagte: "Liebe, schöne
Herrin, es ist schon heller Tag. Ich kann nicht
mehr von hier fort. Kannst du mich hier drinnen
irgendwo verstecken? Das ist mein Vorschlag
und zugleich mein Wunsch."

3.
"Wenn ich dich in meinen Augen verbergen
könnte, Liebster, würde ich sogar das tun.
Doch geht das leider nicht. Wenn du hier
in diesem Zimmer bleiben und diesen Tag
vergnügt verbringen willst, so kann ich dich
leicht darin verstecken."

4.
"Verstecke mich, wie immer du willst,
wunderschöne Frau, doch so, dass ich nicht mein
Leben verliere, ohne mich wehren zu können.
Wenn mich jemand entdeckt, so musst du mich
warnen. Wenn ich mich verteidigen muss, wird
es denjenigen, der mich zum Kampf
herausfordert, das Leben kosten.

5.
So wurde der tapfere, edle Mann eingeschlossen
und von der liebreizenden schönen Frau
sorgsam versteckt. Wie kümmerte sich die
zärtliche Schöne den Tag lang um ihn? So dass
er überschwängliche Freude empfand.
Noch nie war ihm ein Tag so schnell vergangen.

6.
Dann kam die Nacht. Sogleich begann das
Liebesspiel. Sie liebten sich auf diese und
jene Weise. Ich glaube, keiner Frau erging es
je besser mit ihrem Geliebten als ihr.
Ach, dann musste er jedoch fort.
Deshalb begann ein schmerzliches Klagen.

7.
Mit Küssen nahmen sie daraufhin Abschied.
Ihr süßer roter Mund bat ihn, bald
wiederzukommen. Er sagte: "Das werde
ich tun. Du bist mein höchstes Glück, die
leuchtende Maisonne meines Herzens, der
Ursprung meiner Freuden, der Bürge meiner
Glückseligkeit."
 
Wolfram von Eschenbach
 
1.
Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs
ein vrouwe, dâ si tougen
an ir werden vriundes arm lac.
dâ von si der vreuden vil verlôs.
des muosen liehtiu ougen
aver nazzen. sî sprach: "ôwê tac!
Wilde und zam daz vrewet sich dîn
und siht dich gern, wan ich eine. wie sol iz mir
ergên! nu enmac niht langer hie bî mir bestên
mîn vriunt. den jaget von mir dîn schîn."

2.
Der tac mit kraft al durch diu venster dranc.
vil slôze sî besluzzen
daz half niht; des wart in sorge kunt.
diu vriundîn den vriunt vast an sich dwanc.
ir ougen diu beguzzen
ir beider wangel. sus sprach zim ir munt:
"Zwei herze und ein lîp hân wir.
gar ungescheiden unser triuwe mit ein ander
vert. der grôzen liebe der bin ich vil gar verhert,
wan sô du kumest und ich zuo dir."

3.
Der trûric man nam urloup balde alsus:
ir liehten vel, diu slehten,
kômen nâher, swie der tac erschein.
weindiu ougen - süezer vrouwen kus!
sus kunden sî dô vlehten
ir munde, ir bruste, ir arme, ir blankiu bein.
Swelch schiltaer entwurfe daz,
geselleclîche als si lâgen, des waere ouch dem
genuoc.ir beider liebe doch vil sorgen
truoc, si pflâgen minne ân allen haz.
 

1.
Den ersten Morgenstrahl, als der Wächter sang,
nahm eine Dame wahr, als sie heimlich
in den Armen ihres edlen Freundes lag.
Dadurch verlor sie all ihr Glück.
Deshalb mussten sich ihre hellen Augen
wiederum mit Tränen füllen. Sie sagte: "Ach, Tag!
Alle Lebewesen freuen sich über dich und sehen
dich gerne, nur ich nicht. Was soll mit mir werden?
Denn nun kann er nicht länger hier bei mir bleiben,
mein Geliebter. Den treibt dein Licht von mir weg."

2.
Der Tag drang kraftvoll durch die Fenster.
Viele Riegel hatten sie geschlossen.
Doch nützte ihnen das nichts; sie kamen dadurch
in Sorge. Die Geliebte umarmte den Geliebten fest.
Ihre Tränen machten die Wangen
von ihnen beiden nass. Das sagte sie zu ihm:
"Zwei Herzen, aber nur einen Körper haben wir.
Unsere treue Liebe begleitet uns untrennbar überall.
Liebe und Glück sind mir geraubt,
außer wenn du zu mir kommst und ich zu dir."

3.
Der betrübte Mann verabschiedete sich entschlossen,
und zwar so: Ihre hellen und glatten Körper
kamen zueinander, obwohl der Tag herankam.
Weinende Augen, um so süßer der Kuss der Herrin!
So konnten sie sich ineinander verflechten mit
Mund, Brust, Armen und bloßen Beinen:
Wenn ein Maler das darstellen wollte,
wie sie vereinigt dalagen, das wäre zu schwierig für
ihn. Ihre Liebe war zwar von Sorgen beschwert,
dennoch liebten sie sich ohne jede Einschränkung.
 

1.
Der helden minne ir klage
du sunge ie gên dem tage,
Daz sûre nâch dem süezen.
swer minne und wîplich grüezen
alsô enpfienc,
daz sie sich muosen scheiden, -
swaz du dô riete in beiden,
dô ûf gienc
der morgensterne, wahtaere swîc,
dâ von niht sinc.

2.
Swer pfliget oder ie gepflac,
daz er bî liebe lac
den merkaeren unverborgen,
der darf niht durch den morgen
dannen streben.
er mac des tages erbeiten.
man darf in niht ûz leiten
ûf sîn leben.
Ein offeniu süeziu wirtes wîp
kan solhe minne geben.
 

1.
Klagen über die Liebe, die sich verstecken muss,
hast du immer bei Tagesanbruch, gesungen,
vom Bitteren nach dem Süßen.
Wer Liebe und Gunst einer Frau
nur so empfing,
dass die beiden sich trennen mussten -
woran du sie mahntest,
als der Morgenstern aufging
Darüber, Wächter schweig,
davon sing nicht!

2.
Wer es so einrichtest oder jemals so eingerichtet
hat, dass er bei seinen Geliebten lag
und sich vor den Aufpassern nicht zu verstecken
brauchte, der braucht nicht am Morgen
davonzugehen.
Er kann vielmehr den Tag erwarten.
Ihn muss man nicht hinausführen,
unter Gefahr für sein Leben.
Eine öffentlich angetraute liebreizende Ehefrau,
die kann solche Liebe geben.
 

1.
"Sîne klâwen
durch die wolken sint geslagen,
er stîget ûf mit grôzer kraft.
ich sich in grâwen
tegelîch, als er wil tagen,
den tac der im geselleschaft
erwenden wil, dem werden man,
den ich mit mit sorgen în verliez.
ich bringe in hinnen, ob ich kan. sîn vil
manigiu tugent mich daz leisten hiez."

2.
"Wahtaer, du singest,
daz mir manige freude nimt
und mêret mîne klage.
maer du bringest,
der mich leider niht gezimt,
immer morgens gegen dem tage:
diu solt du mir verswîgen gar!
daz gebiut ich den triuwen dîn.
des lôn ich dir, als ich getar,
sô belîbet hie der geselle mîn."

3.
"Er muoz et hinnen
balde und ân sûmen sich.
nu gip im urloup, süezez wîp.
lâze in minnen
her nâch sô verholn dich,
daz er behalte êre unde den lîp.
er gap sich mîner triuwe alsô,
daz ich in braehte ouch wider dan.
ez ist nu tac. naht was ez dô mit drucken
an die brust dîn kus mir in an gewan."

4.
"Swaz dir gevalle,
wachtaer, sinc und lâ den hie,
der minne brâht und minne enpfienc.
von dînem schalle
ist er und ich erschrocken ie,
sô ninder morgenstern ûf gienc
ûf in, der her nâch minne ist komen,
noch ninder lûhte tages lieht.
du hâst in dicke mir benomen
von blanken armen und ûz herzen nieht."

5.
Von den blicken,
die der tac tet durch diu glas,
und dô wahtaere warnen sanc,
si muose erschricken
durch den, der dâ bi ir was.
ir brüstlîn an brust si dwanc.
der rîter ellens niht vergaz:
des wold in wenden wahtaers dôn.
urloup nâh und nâher baz
mit kusse und anders gap in minne lôn.
 

1.
"Seine Klauen
durch den Wolken sind geschlagen,
er steigt auf mit großer Kraft,
ich sehe ihn grauen,
taghaft, so wie er jetzt tagen wird,
den Tag, der ihm, dem edlen Mann,
den ich in der Nacht eingelassen habe,
das Zusammensein mit der Geliebten nehmen will.
Ich bringe ihn wieder fort, wenn ich es kann.
Seine edle Vollkommenheit gebot es mir, dies zu tun."

2.
"Wächter, du singst,
was mir viele Freude nimmt
und meine Klage vermehrt.
Du bringst Kunde,
die mir zu meinem Schmerz überhaupt nicht gefallen
kann, immer morgens bei Tagesanbruch.
Die solltest du mir ganz und gar verschweigen!
Das empfehle ich dir als Gebot der Treue.
Dafür belohne ich dich, so wie ich kann,
dann bleibt mein Geliebter hier bei mir."

3.
"Er muss fort,
sogleich und ohne sich zu säumen.
Nun gewähre im Abschied, liebliche Frau.
Lass ihn hernach
dich im Verborgenen so lieben,
dass er Ansehen und Leben behält.
Er stellt sich meiner Treue so anheim, dass ich
ihn auch wieder sicher von dannen bringen sollte.
Es ist nun Tag. Nacht war es, als unter
Umarmungen dein Kuss mir ihn wegnahm."

4.
"Was immer du magst,
Wächter, das singe, und lass den hier,
der Liebe gab und Liebe empfing.
Von deinem Ruf
sind er und ich immer schon erschreckt worden,
wenn noch nirgends der Morgenstern aufgegangen war
über ihm, der hierher zu mir gekommen war,
Noch irgendwo des Licht des Tages leuchtete.
Dann hast du oft schon mir genommen
aus meinen nackten Armen, aber aus dem Herzen nicht."

5.
Von den Strahlen,
die der Tag durch die Fenster warf
und als der Wächter seine Warnung sang,
da fuhr schreckliche Angst in sie
um den, der da noch bei ihr war.
Ihre zarten Brüste drängte sie an seine Brust.
Der Ritter spürte noch einmal seine Kraft.
Daran wollte ihn der Sang des Wächters hindern.
Abschied, nah und immer näher, gab ihnen
unter Küssen und mit andrem Tun der Liebe Lohn.
 

1.
"Von der zinnen
wil ich gên, in tagewîse
sanc verbern.
die sich minnen
tougenlîche, und ob sie prîse
ir minne wern,
sô gedenken sêre
an sîne lêre,
dem lîp und êre
ergeben sîn.
der mich des baete,
deswâr ich taete
ime guote raete
und helfe schîn
ritter, wache, hüete dîn!

2.
Niht verkrenken
wil ich aller wahter triuwe
an werden man.
niht gedenken
solt du, frouwe, an scheidens riuwe
ûf kunfte wân.
ez waere unwaege,
swer minne pflaege,
daz ûf im laege
meldes last.
ein sumer bringet
daz mîn munt singet:
durch wolken dringet
tagender glast.
hüete dîn, wache, süezer gast!"

3.
Er muos eht dannen,
der sie klagen ungerne hôrte.
dô sprach sîn munt:
"allen mannen
trûren nie sô gar zerstôrte
ir fröiden vunt".
swie balde ez tagete,
der unverzagete.
an ir bejagete,
daz sorge in flôch.
unfrömedez rucken,
gar heinlîch smucken,
ir brüstel drucken
und mê dannoch
urloup gap, des prîs was hôch.
 

1.
"Von der Zinne
will ich jetzt gehen, und mit diesem Tagelied
meinen Sang lassen.
Und wenn auch die, die sich da
im Verborgenen lieben,
ihrer beider Zuneigung ehrt,
so sollen sie doch auch zu ihrem Schmerz
an dessen Mahnung denken,
dem sie Leben und Ansehen
anvertraut haben.
Wenn mich jemand darum ersuchte,
wahrlich ich gäbe ihm
guten Rat
und wirkliche Hilfe.
Ritter, wach auf, nimm dich in acht!

2.
Nicht herabsetzen will ich bei diesem edlen Mann
die Treue aller Wächter.
Nicht denken
sollst du Herrin, an den Schmerz des Abschieds
in der Hoffnung auf sein Wiederkommen.
Es wäre eine starke Belastung,
wenn auf dem,
der sich der Liebe hingibt,
auch noch
die Aufgabe der Warnung läge.
Der Sommer bringt es mit sich,
dass ich singe:
durch Wolken dringt
der Schimmer des anbrechenden Tages.
Nimm dich in acht, wach auf, lieber Gast"

3.
Er musste jetzt wirklich fort,
dem ihre Klage ins Herz schnitt.
Da sagte er:
"Keinem Manne
zerstörte jemals Trauer so völlig
das erlebte Glück."
Wie rasch es auch tagte,
der unerschrockene Mann
erlangte noch einmal durch sie,
dass aller Schmerz ihn verließ.
Inniges Zusammenrücken,
vertrautes Sichaneinanderschmiegen,
streicheln ihrer Brüste
und mehr noch
gewährte der Abschied, der hoch bezahlt wurde.
 

1.
"Ez ist nu tac! daz ich wol mac mit wârheit jehen.
ich wil niht langer sîn."
>diu finster naht hât uns nu brâht ze leide mir
den morgenschîn.
sol er von mir scheiden nuo,
mîn vruint, diu sorge ist mir ze vruo.
ich weiz wol, daz ist ouch ime,
den ich in mînen ougen gerne burge,
möht ich in alsô behalten.
mîn kumber wil sich breiten:
ôwê des, wie kumt ers hin?
der hôhste vride müeze in noch
an mînen arn geleiten.<

2.
Daz guote wîp ir vriundes lîp vaste umbevie:
der was entslâfen dô.
dô daz geschach, daz er ersach den grâwen tac,
dô muoste er sîn unvrô.
an sîne bruste dructe er sie
und sprach: "jôn erkande ich nie
kein trûric scheiden alsô snel,
uns ist diu naht von hinnen balde.
wer hât si sô kurz gemezzen?
der tac wil niht erwinden.
hât minne an saelden teil,
diu helfe mir, daz ich dich noch
mit vröiden müeze vinden."

3.
Si beide luste, daz er kuste si genuoc.
gevluochet wart dem tage.
urloup er nam, daz dâ wol zam, nu merket wie:
dâ ergie ein schimpf bî klage.
si hâten beide sich bewegen,
ez enwart sô nâhen nie gelegen,
des noch diu minne hât den prîs.
ob sunnen drî mit blicke waeren,
sine möhten zwischen si geliuhten.
er sprach: "nu wil ich rîten.
dîn wîplich güete neme mîn war
und sî mîn schilt hiut hin und her
noch zallen zîten."

4.
Ir ougen naz dô wurden baz. ouch twanc in
klage: er muoste von ir.
si sprach hin zime: "urloup ich nime ze vröiden
mîn diu wil gar von mir.
sît ich vermîden muoz
dînen munt, der manigen gruoz
mir bôt unde ouch dînen kus,
alse in dîn ûzerwelte güete lêrte
und dîn geselle, dîn triuwe:
weme wiltdu mich lâzen?
nu kum schiere wider ûf rehten trôst!
owê dur daz mac ich strenge
sorge niht gelâzen."
 
1.
"Tag ist es jetzt! Das muss ich deutlich verkünden.
Ich werde nicht länger über euch wachen."
>Die finstere Nacht hat uns jetzt und mir zum
Schmerz die ersten Morgenstrahlen beschert.
Wird er sich jetzt von mir trennen, mein Geliebter,
dann kommt mir dieser Kummer zu früh.
Ich weiß genau, das geht auch ihm so, den ich
in meinen Augen liebend gern verbergen wollte,
könnte ich ihn auf diese Weise behalten.
Mein Schmerz wird größer werden:
O Weh, darüber, wie kommt er davon?
Gottes Schutz möge ihn
noch einmal in meine Arme führen.<

2.
Die edle Frau nahm ihren Geliebten fest in ihre
Arme: der war dort eingeschlafen.
Als er aber den grauen Tag erblickte,
befiel ihn Traurigkeit.
Er drückte sie an seine Brust
und sagte: "Noch nie musste ich
so plötzlich schmerzliches Abschiednehmen
und so schnelles Vergehen der Nacht erfahren.
Wer hat sie so kurz bemessen?
Der Tag will sich nicht aufhalten lassen.
Wenn Liebe Teil höchster Glückseligkeit ist,
dann helfe sie mir, dass ich dich jemals
in Freude wieder finde."

3.
Es gelüstete sie beide, dass er sie unzähligmal küsste.
Der Tag wurde verflucht. Abschied nahm er,
wie es sich gehört, aber hört nun wie:
da geschah Kurzweil trotz des Kummers!
Sie waren beide entschlossen, so nahe
beieinander zu liegen wie nie zuvor ein Liebespaar,
wofür die Liebe noch heute gepriesen wird.
Und wenn es auch drei Sonnen mit Strahlen gäbe,
sie vermöchten nicht zwischen sie zu leuchten.
Er sprach: "Jetzt muss ich fort reiten.
Deine weibliche Vollkommenheit nehme mich in
Obhut und sei mein Schutzschild
heute und für immer."

4.
Ihre Augen wurden immer nässer. Auch ihn zwang
der Kummer: er musste fort von ihr.
Sie sprach zu ihm: "Ich nehme Abschied von meinem
Glück. Das will mich vollkommen verlassen.
Da ich nun auf deinen Mund verzichten muss,
der oft mich freundlich ansprach,
und auch auf deinen Kuss,
wie er Dank deiner glänzenden Erziehung dir eigen
war, und auf deinen Begleiter - deine Treue -:
wessen Schutz willst du mich anvertrauen?
Nun kehre bald wieder zu wahrem Trost!
o Weh, das alles vermag nicht meine
gewaltige Sorge zu vertreiben."
 
Heinrich von Morungen
 
1.
Owê, -
Sol aber mir iemer mê
geliuhten dur die naht
noch wîzer danne ein snê
ir lîp vil wol geslaht?
Der trouc diu ougen mîn.
Ich wânde, ez solde sîn
des liehten mânen schîn.
Dô tagte ez.

2.
"Owê, -
Sol aber er iemer mê
den morgen hie betagen?
als uns diu naht engê,
daz wir niht durfen klagen:
>Owê, nu ist ez tac,<
als er mit klage pflac,
dô er jungest bî mir lac.
Dô tagte ez."

3.
Owê, -
Si kuste âne zal
in dem slâfe mich.
Dô vielen hin ze tal
ir trehene nider sich.
Iedoch getrôste ich sie,
daz sî ir weinen lie
und mich al umbevie.
Dô tagte ez.

4.
"Owê, -
Daz er sô dicke sich
bî mir ersehen hât!
Als er endahte mich,
sô wolt er sunder wât
Mîn arme schouwen blôz.
ez was ein wunder grôz,
daz in des nie verdrôz.
Dô tagte ez."
 
1.
Ach,
wird mir denn je wieder
durch die Nacht ihr
wundervoller Leib leuchten,
strahlender noch als Schnee?
Der täuschte meine Augen:
Ich glaubte, es wäre der Glanz
des hellen Mondes -
Da brach der Tag an.

2.
"Ach,
wird er je wieder den
Morgen über hier bleiben?
Möge uns doch die Nacht einmal
so vergehen, dass wir nicht zu klagen
brauchen: >O weh, jetzt ist es Tag.<
So rief er klagend,
als er zuletzt bei mir war.-
Da brach der Tag an."

3.
Ach,
unzählige Male küsste sie
mich im Schlafe
Da rannen ihre
Tränen nieder.
Ich aber tröstete sie,
so dass sie aufhörte zu weinen
und mich ganz umfing -
da brach der Tag an.

4.
"Ach,
dass er sich so oft
in meinem Anblick verloren hat!
Als er die Decke zurückschlug,
da wollte er meine nackten
Arme sehn, ganz nackt.
Es war unerklärlich, dass er
sich daran nicht satt sehen konnte -.
da brach der Tag an."
 
Johannes Hadlaub
 
1.
"Ich wil ein warnen singen,
daz lieb von liebe bringen
nu mag, die mâzze kunnen hân.
Sus râte ich dien ein scheiden,
der ich nu hüete, beiden:
der tag, der wil so schiere ûf gân.
Des ich wunder sorgen hân,
wie ez uns noch irgange:
ir nâhen umbevange,
die wellent sî so kûme lân.

2.
In gibe dem herren nit die schulde:
ich weiz ir ungedulde
so wol, si lât in kûme varn.
Der herre sol si lâzzen weinen:
der nacht ist noch so kleinen,
er sol ez langer nicht ensparn.
Nu bin ich aller fröiden arn,
ich vürchte mir so sêre:
ez stât umb lîb und êre.
In kann ir nicht biwarn,

3.
Sin volgen danne mînem râte.
und tuont si daz ze spâte,
owê, ich bin mit in verlorn!
Nu hœrent sî doch wol mîn warnen.
muoz ich ir minn erarnen
noch mê, daz ist mir leit und zorn.
Ôwê, daz ich wart erkorn,
daz ich wart ir wachtære!
noch wendent unsir swære:
den tag man kündet dur diu horn."
 

1.
"Ich will ein Warnlied singen,
das den Geliebten von seiner Liebsten trennen wird,
wenn sie das rechte Maß halten können.
Auf diese Weise rate ich den beiden,
die ich zur Zeit beschütze, Abschied zu nehmen.
Der Tag wird in Kürze anbrechen.
Ich mache mir größte Sorgen,
wie es uns ergehen wird.
Denn sie wollen gar nicht aufhören,
sich zärtlich zu umarmen.

2.
Ich gebe nicht dem Herrn die Schuld daran.
Ich kenne ihre ungezügelte Leidenschaft genau,
sie lässt ihn nicht fort.
Der Herr soll sie weinen lassen.
Die Nacht ist nur noch so kurz,
er darf den Abschied nicht länger hinauszögern.
Nun ist mir jegliche Freude vergangen,
statt dessen habe ich furchtbare Angst.
Leben und Ansehen stehen auf dem Spiel.
Ich kann sie nicht vor Unheil bewahren,

3.
es sei denn, sie folgen meinem Rat.
Wenn sie dies aber zu spät tun,
ach, dann bin ich zusammen mit ihnen verloren.
Nun hören sie doch meine Warnung genau.
Wenn ich für ihre Liebe noch mehr büßen muss,
packen mich Schmerz und Wut.
Ach, dass man ausgerechnet mich auserwählt hat,
ihr Wächter zu sein.
Wendet das Unheil, das uns droht, doch noch ab.
Schon kündigt das Hörnerblasen den Tag an."
 

1.
Der ich leider dise nacht gehüetet hân,
der umbevân ist noch so manigvalt,
Wan ir beider wille stellet sich inein.
Ir sorge ist klein: si sint so minnen balt.
Wan sorgent sî, wie ez uns irgê?
wirt man sîn gewar, so komen wir in nôt.
Nu welle got, daz sî sich scheiden ê!

2.
"Ez biginnet gegen dem tage stellen sich":
alsus warne ich si beidiu, der ich pflag.
Des gewinnet doch mîn frowe leides vil,
davon sin wil nicht wîzzen noch den tag.
Mîn herre sehe selb darzuo:
ez stêt beiden umb ir lîb -, ich kum wol hin,
wan ich wil sîn ûz vor dem morgen fruo.

3.
Ich sleich tougen ûz und sang ein warnen
dô. do sprach ie sô mîn frowe minnenklîch:
"Âne lougen, der wachter hât uns verlân.
du solt ûf stân, mîn herre tugenden rîch!
Ich weiz nu wol, daz ez ist zît,
des sich unser lieblich triuten scheiden sol.
ez kumt nicht wol, swer doch ze lange lît!"
 

1.
Die, für die ich zu meinem Leidwesen heute Nacht
Wache gehalten habe, die hören nicht auf, einander
zu umarmen, denn beide wollen das gleiche.
Sie sind völlig unbekümmert, so sehr sind sie mit der
Liebe beschäftigt. Warum kümmert es sie nicht, wie es uns
ergehen wird? Wenn man ihn hier entdeckt, geraten wir
in Gefahr. Nun gebe Gott, dass sie sich vorher trennen.

2.
"Der Tagesanbruch rückt näher." Mit diesen Worten
warne ich die beiden, für die ich gewacht habe.
Dies bereitet meiner Herrin allerdings großen Schmerz,
und sie will deshalb den Tag noch nicht wahrhaben.
Mein Herr sehe selbst, wie er zurecht kommt. Beider Leben
steht auf dem Spiel - ich komme schon ungeschoren
davon, denn ich will noch vor dem Morgengrauen fort sein.

3.
Heimlich schlich ich hinaus und sang draußen ein Warnlied.
Daraufhin sagte meine liebreizende Herrin:
"Der Wächter hat uns wahrhaftig verlassen.
Du musst aufstehen, mein vortrefflicher Geliebter.
Ich weiß nun genau, dass es Zeit ist.
Deshalb müssen unsere Zärtlichkeiten ein Ende haben. Es
nimmt kein gutes Ende, wenn jemand zu lange liegen bleibt."
 

1.
Sich fröit ûf die edlen nacht
ein gislacht minnaere harte,
des sîn frowe ruochen wil.
Sô der tag sîn liecht verlât,
secht, so gât si an die warte,
als si hânt gileit ir zil.
Sô kumt er gegangen tougenlîche
unde rüert daz tor so lîse iesâ.
sô si daz erhoert, diu minnenkliche,
sô spricht sî: "mîn herre, bist du dâ?"
er sprichet: "edliu frowe, jâ.
tuo mir ûf, vil wunnenrîche,
daz ich dich al umbevâ!"

2.
Im wont wilde fröide bî,
swanne sî daz tor entsliuzzet,
und daz hoert der werde man,
und sî engegen im danne ûf tuot:
dast ein guot, des nicht verdriuzzet
beider lîb so lobesan.
Sî vüert in mit ir so wîzzen hende
vür ir bette, dur der huote bant,
also stille, daz echt nieman wende.
wie schier sî sich danne enkleidet hânt!
sî gênt zemene, lieb bewant
wirt da wol mit liebem ende:
in wirt beiden minne irkant.

3.
Wer möchte bezzer fröide hân,
des enkan ich nicht volspehen,
als si hânt die nacht so gar?
Dâ wirt manig umbevang
lieblîch lang, da mag geschehen
manig kus so valsches bar.
dâ wirt brust an brust so wol gedruket,
daz da sorgen mag belîben nicht,
beider lîb zesemene nâch gesmuket,
dâvon dâ daz liebste lieb geschicht.
doch hânt sî die zuoversicht,
daz in fröide wirt verzuket,
sô der wachter tages gicht.
 
1.
Ein vornehmer Liebhaber, den seine Dame
erhören will, freut sich sehr auf die
wunderschöne Nacht.
Sobald die Dämmerung einsetzt,
seht, so geht sie, um Ausschau zu halten,
wie sie es miteinander verabredet haben.
Heimlich kommt er herbei und klopft
sogleich ganz leise ans Tor.
Sobald die liebreizende Frau dies hört,
fragt sie: "Mein Freund, bist du es?"
Er antwortet: "Ja, edle Herrin.
Schließ mir auf, Liebste,
damit ich dich zärtlich umarmen kann."

2.
Wenn der edle Mann hört,
dass sie das Tor aufschließt, ist er außer
sich vor Freude. Und der Augenblick,
wenn sie ihm dann öffnet, ist so wundervoll,
dass die beiden vortrefflichen Liebenden
ihn in keiner Weise missen möchten.
Sie führt ihn an ihrer weißen Hand an den
Aufpassern vorbei so leise zu ihrem Bett,
dass es niemand verhindern kann.
Wie rasch sie sich dann ausgezogen haben!
Sie legen sich zueinander,
ihre Liebe ist am ersehnten Ziel.
Beide erfahren, was Liebe ist.

3.
Ich kann mir nicht vorstellen,
wer größeres Glück erleben könnte,
als sie es die Nacht lang erleben.
Ihre unzähligen zärtlichen Umarmungen
finden kaum ein Ende, und zahllose Küsse
werden ohne eine Spur von Treulosigkeit
ausgetauscht. Sie liegen so eng Brust
an Brust beieinander, dass alle Sorgen
verfliegen, und schmiegen sich so nah
aneinander, dass ihnen dabei das größte
Liebesglück widerfährt. Allerdings wissen
sie genau, dass ihr Glück dahin ist,
sobald der Wächter den Tag ankündigt.
 
Steinmar
 
1.
Ein kneht, der lag verborgen,
bî einer dirne er slief,
unz ûf den liehten morgen.
der hirte lûte rief:
"Wol ûf, lâz ûz die hert!"
des erschrak diu dirne
und ir geselle wert.

2.
Daz strou, daz muost er rûmen
und von der lieben varn.
Er torste sich niht sûmen,
er nam si an den arn.
Daz höi, daz ob im lag,
daz ersach diu reine
ûf fliegen in den dag.

3.
Davon si muoste erlachen,
ir sigen diu ougen zuo.
So suozze kunde er machen
in dem morgen fruo
Mit ir daz bettespil.
wer sach ân geraete
ie fröiden mê so vil!
 

1.
Ein Knecht lag heimlich
schlafend bei einer Magd
bis gegen den hellen Morgen:
Der Hirte rief laut:
"Auf denn, lass die Herde heraus!"
Da erschrak die Magd
und auch ihr liebster Freund.

2.
Er sollte das Stroh räumen
und von der Liebsten weggehen.
Er wagte nicht, sich zu versäumen:
Er nahm sie in die Arme.
Das Heu, das aus ihm lag,
das sah die Vortreffliche
himmelwärts fliegen.

3.
Darüber musste sie vor Freude lachen,
die Augen fielen ihr langsam zu:
So vortrefflich verstand er es,
an diesem frühen Morgen
mit ihr das Bettspiel zu treiben.
Wer sah jemals mehr Freude,
und zwar ohne allen Luxus!
 

1.
Swer tougenliche minne hât,
der sol sich wênig an den lân,
Den man so grôzze missetât
an sînem herren siht gegân,
Dem er bewachen guot und êre sol!
lât er den gast ûf schaden în,
wie solt ich dem getrûwen wol?

2.
Waer ich so minneklîch gelegen
bî liebe tougen ûf den lîp,
so wolt ich wênig slâfes pflegen,
dur mich und durch daz reine wîb.
Mir selbem sô wolt ich getrûwen baz,
danne ieman, der mich weken solte.
so wê im, man dâ vergaz!

3.
Die merker und darzuo der slâf,
die könden wênig mir geschaden.
Ich huote ouch vor der merker strâf:
waer ich zuo liebe alsô geladen,
daz ich da hôhe fröide solte hân,
so nüest er sîn ein staeter friunt,
den ich daz wizzen solte lân.
 
1.
Wer ein heimliches Liebesverhältnis hat,
der darf sich nicht dem anvertrauen,
den man so großes Unrecht an seinem
Herrn verüben sieht, dessen Besitz und Ansehen
er eigentlich beschützen soll. Wenn der den
Besucher zum Schaden seines Herrn hereinlässt,
wie könnte ich dem vorbehaltlos vertrauen?

2.
Läge ich heimlich und unter Lebensgefahr
zärtlich bei meiner Geliebten,
so würde ich mir um meinet- und der schönen
Frau willen keinen Schlaf gönnen.
Ich würde mich lieber auf mich selbst verlassen
als auf irgendjemand, der mich wecken sollte.
Wehe dem, den man dort vergaß!

3.
Die Aufpasser und selbst der Schlaf könnten mir
nichts anhaben. Ich würde mich auch vor den
Anschuldigungen der Aufpasser in acht nehmen.
Wenn ich mich mit meiner Geliebten treffen würde,
um mit ihr höchstes Glück zu genießen,
so dürfte es nur ein zuverlässlicher Freund sein,
den ich dies wissen ließe.
 
Konrad von Würzburg
 
Swâ tac erschînen sol zwein liuten,
die verborgen inne liebe stunde
müezen tragen, dâ mac verswînen wol ein
triuten: nie der morgen minnediebe kunde
büezen clagen.
er lêret ougen weinen trîben;
sinnen wil er wünne selten borgen.
swer mêret tougen reinen wîben
minnen spil, der künne schelten morgen.
 

Wo immer der Tag für zwei Menschen anbricht,
die die Stunde ihrer Liebe im Verborgenen
verbringen müssen, da wird jede Zärtlichkeit unweigerlich
ein Ende haben. Noch nie konnte der Morgen dem,
der sich die Liebe stehlen muss, die Trauer ersparen.
Vielmehr lehrt er die Augen zu weinen. Niemals wird er
den Sinnen Freude bereiten.
Jeder, der schönen Frauen heimlich Liebeswünsche
erfüllt, hat Grund, den Morgen zu schelten.
 

1.
"Ich sihe den morgensternen glesten!"
rief ein wahter überal.
"swer nâch sînes herzen wal
hie minne tougen sunder lougen
ûf dem sal, der scheide sich enzît
von liebe daz im nâhe lît.
vil unverborgen ûf den esten
manec wildiu nahtegal
lûte doenet âne zal.
den tac vermelden in den welden
kann ir schal: dâ warne ich friunde bî,
dur daz in gâch von minnen sî,
ê den palas erliute
daz froelîche mogenrôt.
ein scheiden mich von liebe diute
waeger danne ein grimmeclicher tôt.
diz merke ein ritter, dem ze bitter
al sîn fröude werden mac,
ob er langer ûf den tac
wil spulgen hinne süezer minne:
swer gepflac der mâze an liebe nie,
dem misselanc an minnen ie"

2.
Ein frowe schoene von der stimme
sêre und inneclîche erschrac,
dô si liebe nâhe lac;
ir jâmerwunde gar ze grunde
tiefe wac; diu reine sprach: "owê!
nu muoz ich truren aber als ê.
der minne loene sint ze grimme,
wol ich daz erkennen mac:
wande ir fröude ist mir ein slac
sî ich dur dîne glanzen schîne,
leider tac, vermîden sol mîn liep.
du waere ie mînes heiles diep,
der mîn gelücke stôrte
mit unsaelden kumberlich:
swenn ich den morgen nennen hôrte,
sô verbarc mîn hôchgemüete sich.
geselle reine, dem ich eine
ganzer triuwe schuldec bin,
wache und île von mir hin!
der tac ûf dringet unde bringet
leiden sin, der mich an liebe wunt
wil machen ûf des herzen grunt."

3.
Dem Ritter küene sorge entsperret
wart von jâmer inneclich,
zuo der schoenen twanc er sich;
er sprach: "trût herze, bitter smerze
lêret mich daz ich von sender nôt
gelige an hôher wunne tôt.
mîn fröude grüene wirt gederret,
mîde ich unde lâze dich.
herzetroesterinne, sprich:
waz sol mîn werden ûf der erden,
frouwe, ob ich ze lange schiuhen muoz
dich unde dînen werden gruoz?
du solt mir des gelouben,
daz ich kûme dîn enbir.
uns wil der morgen fröuden rouben:
lege mich, trût, ein wênec nâher dir!
an dînen armen lâz erwarmen
mich, vil reine saele wîp,
unde twing ouch dînen lîp
zuo mînem herzen! senden smerzen
dû vertrîp und gib ein küssen mir!
dâ mite scheide ich mich von dir."
 
1.
"Ich sehe den Morgenstern glänzen!"
rief ein Wächter laut.
"Wenn jemand tatsächlich hier
in diesem Haus heimlich der Liebe nachgeht,
so wie es sein Herzenswunsch ist,
dann möge er sich bald von
seiner Liebsten trennen, die bei ihm liegt.
Hell und unüberhörbar singen auf den Ästen
bereits unzählige übermutige Nachtigallen.
Ihr Gesang kündigt in den Wäldern
den Tag an. Deshalb warne ich die Liebenden,
damit sie ihr Liebesspiel eilig beenden,
bevor das heitere Morgenrot den Palas erhellt.
Sich von der Geliebten zu trennen
erschiene mir besser als ein furchtbarer Tod.
Dies nehme sich ein Ritter zu Herzen,
dessen ganzes Glück sehr bitter werden kann,
wenn er hier drinnen noch länger
in den Tag hinein
zärtlicher Liebe nachgehen will.
Wer in der Liebe nie maßvoll gewesen ist,
dem ist sie stets zum Verhängnis geworden."

2.
Eine schöne Dame erschrak zutiefst
über den Ruf des Wächters,
als sie bei ihrem Geliebten lag,
Der große Schmerz erschütterte
ihr Innerstes. Die edle Frau sagte: "Ach!
Nun werde ich wieder wie zuvor traurig sein.
Der Lohn der Liebe bereitet zuviel Schmerz,
das erkenne ich genau, denn ihr Glück
ist für mich ein herber Schlag,
seitdem ich mit meinem Geliebten wegen
deiner hellen Strahlen, verfluchter Tag,
nicht länger zusammen sein darf. Du bist schon
immer der Dieb meines Glücks gewesen,
der es durch schmerzliches Unglück zerstörte.
Sobald ich hörte, dass man den Morgen
ankündigte, verschwand meine Freude.
Edler Freund, dem ich allein
unverbrüchliche Treue schulde,
wach auf und eile von mir fort.
Der Tag bricht an und versetzt mich
in eine traurige Stimmung,
die mich im tiefsten Herzen freudlos macht."

3.
Der große Schmerz machte den
unerschrockenen Ritter Angst.
Er drückte die schöne Frau fest an sich
und sagte: "Liebste, ein bitterer Schmerz
lässt mich erkennen, dass ich vor
Sehnsuchtsqualen wie tot bin und keinerlei
Freude mehr empfinde. Mein blühendes Glück
verdorrt, wenn ich weggehe und dir fern bin.
Meines Herzens-Zuversicht, sage mir,
was soll aus mir werden auf dieser Welt,
Herrin, wenn ich dich und deinen
lieben Gruß allzu lange meiden muss?
Du musst mir glauben,
dass ich ohne dich nicht sein kann.
Der Morgen will unser Glück rauben.
Lass uns noch ein wenig näher
zusammenrücken, Liebste.
Wärme mich in deinen Armen,
wundervolle Frau, und dränge auch du dich
ganz nah an mein Herz.
Vertreibe den Sehnsuchtsschmerz und küsse mich.
Auf diese Weise nehme ich Abschied von dir."
 
aus dem
"Liederbuch der Clara Hätzlerin"

 
1.
Lig still meins hertzen trautt gespil,
Wann es ist noch nit morgen,
Der Wächter uns betrügn wil,
Der Mon hat sich verporgen.
Man sicht noch vil der sterne glast
Her durch die wolckn dringen;
Lig still by mir ain weil vnd rast,
Und lasz den wachter singen.
Hie ist erfrät ain traurigs hertz!
Ummuot muosz uns entweichen;
Der sich nit kert an senlich schmertz,
Der muosz an fräden reichen.

2.
Sy sprach: "mein hordt, der lieben mer;
Muosz ich bey dir beleiben,
So ist zergangen all mein swär.
Wir wöllen kurtzweil treiben,
Das dich und mich erfräen mag,
Darein will ich mich setzen."
Sy sprach: "es ist noch nyendert tag,
Wir wöllen uns laids ergetzen."
Hie ist erfrät ain traurigs hertz!
Ummuot muosz uns entweichen;
Der sich nit kert an senlich schmertz,
Der muosz an fräden reichen.

3.
Sy truckt ain prüstlin an das mein.
Mein hertz wolt mir zerspringen.
Sy sprach: "lasz dir bevolhen sein
Mein Er vor allen dingen,
Und schliüsz uff deine ärmlen planck,
Darynn so will ich rasten."
Ze hannd der wachter aber sangk:
"Ich sich des tages glaste."
Hie ist erfrät ain traurigs hertz!
Ummuot muosz uns entweichen;
Der sich nit kert an senlich schmertz,
Der muosz an fräden reichen.
 

1.
Bleib ruhig liegen, mein Herzallerliebster,
denn es ist noch nicht Morgen.
Der Wächter will uns betrügen,
es hat sich nur der Mond verborgen.
Man sieht noch überall den Glanz der Sterne
durch die Wolken dringen.
Bleib noch eine Weile ruhig bei mir liegen
und ruh dich aus und lass den Wächter singen."
Nun ist ein unglückliches Herz wieder froh.
Traurigkeit sei fern von uns.
Wer sich Sehnsuchtsschmerz nicht zu Herzen
nimmt, der wird immer glücklicher.

2.
Sie sagte: "Mein Schatz, schenk mir noch mehr
von deiner Liebe. Kann ich bei dir bleiben,
so löst sich mein ganzer Schmerz in nichts auf.
Wir wollen uns so vergnügen,
dass wir unsere Freude daran haben.
Das will ich mir vornehmen."
Sie sagte: "Es ist noch keineswegs Tag.
Wir wollen gemeinsam das Leid vergessen"
Nun ist ein unglückliches Herz wieder froh.
Traurigkeit sei fern von uns.
Wer sich Sehnsuchtsschmerz nicht zu Herzen
nimmt, der wird immer glücklicher.

3.
Sie drückte ihre kleine Brust an die meine,
mein Herz wollte mir zerspringen.
Sie sagte: "Lass dir vor allen Dingen
mein Ansehen anvertraut sein.
und öffne deine nackten Arme.
Darin will ich ausruhen."
In diesem Augenblick sang der Wächter erneut:
"Ich sehe den Glanz des anbrechenden Tages."
Nun ist ein unglückliches Herz wieder froh.
Traurigkeit sei fern von uns.
Wer sich Sehnsuchtsschmerz nicht zu Herzen
nimmt, der wird immer glücklicher.
 

1.
Ich will gen dieser vasennacht
Frisch und frey beleiben,
He und will auch als mein ungemach
Gar frölich von mir treiben,
Des hab ich guoten willen.
Ich hett ain puolen, hiesz Hille;
He sy batt mich, das ich zu ir käm
Dörtt oben uf die dillen.

2.
Da ich uff die dillen tratt,
Da vand ich die guoten,
Ich viel in die vederwat,
Das mir mein kny ward pluoten.
Ich lebet in der wunne,
Die vederwat was dünne,
Ich ruofft an crist von himel,
Das ich ir entrunne.

3.
Die nacht verharrt ich ganz by ir,
Sy schmuckt mich zu ir schone,
Ain rippeln, kratzen das ward mir
Von der lieben ze lone.
Sy legt sich an den ruggen,
Sy gund sich kratzen und iucken
He die gantzen nacht. der wantzen macht,
Die lews pissen mir lucken.

4.
Sy muost fruo in die kirchen
Und bat mich umb ain gabe:
Siben tag für ain wochen
Die müst sy von mir haben.
Da lebt ich in der wunne,
Die vederwat was dünne,
Ich ruoft an crist von himel,
Das ich ir entrunne.

5.
Des morgens, als nu taget es,
Die sunn schain an die wende,
Ich ergraiff da all mein hesz
Und entran ir in aym hemde.
Da schied ich von der cluogen
Gar hoflich mit fuogen;
got danck den lieben füssen mein,
Die mich von danen trugen!
 
1.
Ich will an diesen Fastnachtstagen
fröhlich und ungebunden bleiben,
und will auch meinen ganzen Kummer
vergnügt loswerden.
Das habe ich mir fest vorgenommen.
Ich hatte eine Liebste, die hieß Hille.
Hei! Sie bat mich, zu ihr oben
auf den Dachboden zu kommen.

2.
Da ich auf den Dachboden kam,
fand ich die Gute dort schon.
Ich ließ mich in das Federbett fallen,
dass mir meine Knie anfingen zu bluten.
Ich erlebte das reinste Glück.
Das Federbett war dünn.
Ich flehte Christus im Himmel an,
dass ich ihr entkäme.

3.
Die ganze Nacht blieb ich bei ihr.
Sie drückte mich eng an sich.
Zum Lohn erhielt ich von der Liebsten
Kratzen und Scheuern.
Sie legte sich auf den Rücken
und begann sich zu kratzen und zu jucken,
hei! die ganze Nacht lang. Eine Unmenge
von Wanzen und Läusen zerbissen mich völlig.

4.
Sie müsste früh in die Kirche
und bat mich um eine Gabe.
Sieben Tage für eine Woche
kann sie allenfalls von mir haben.
Dort erlebte ich das reinste Glück.
Das Federbett war dünn.
Ich flehte Christus im Himmel an,
dass ich ihr entkäme.

5.
Gegen Morgen, als der Tag anbrach,
beschien die Sonne die Wände.
Da packte ich all meine Kleider
und machte mich im Hemd davon.
Formvollendet, wie es sich gehört,
nahm ich so Abschied von der Feinen.
Gott lohn es meinen lieben Füßen,
die mich davontrugen.
 
Markgraf von Hohenburg
 
1.
"Ich wache umb eines ritters lîp
und umb dîn êre, schoene wîp:
wecke in, frouwe!
got gebe daz ez uns wol ergê,
daz er erwache und nieman mê:
wecke in, frouwe!
est an der zît, niht langer bît.
ich bite ouch niht wan dur den willen sîn.
wiltun bewarn, sô heiz in varn:
verslâfet er, sost gar diu schulde dîn.
wecke in, frouwe!"

2.
"Din lîp der müeze unsælic sîn,
wahtaere, und al daz singen dîn!
slâf geselle!
dîn wachen daz wær allez guot:
dîn wecken mir unsanfte tuot.
slâf geselle!
wahtære in hân dir niht getân
wan allez guot, daz mir wirt selten schîn.
du gers des tages dur daz du jages
vil sender fröiden von dem herzen mîn.
slâf geselle!"

3.
"Dîn zorn sî dir vil gar vertragen:
der ritter sol niht hie betagen,
wecke in, frouwe!
er gap sich ûf die triuwe mîn:
do enpfalch ich in den gnâden dîn.
wecke in, frouwe!
vil saelic wîp, sol er den lîp
verliesen, sô sîn wir mit im verlorn.
ich singe, ich sage, est an dem tage, nu
wecke in, wande in wecket doch mîn horn.
wecke in, frouwe!"
 
1.
"Ich wache um das Leben eines Ritters
und für deine Ehre, schöne Frau.
Wecke ihn, edle Dame!
Gott gebe, dass es uns glückt,
dass nur er aufwacht und sonst niemand.
Wecke ihn, edle Dame!
Es ist Zeit, warte nicht länger.
Ich bitte dich nur deshalb darum, weil er es
befohlen hat. Willst du ihn retten, so heiße ihn gehen:
verschläft er, so ist das nur deine Schuld.
Wecke ihn, edle Dame!

2.
"Du und all dein Singen,
Wächter seien verflucht!
Schlafe, mein Geliebter!
Dein Wachen wäre durchaus in Ordnung:
Aber dein Wecken bringt mir Leid.
Schlafe, mein Geliebter!
Wächter, ich habe dir nur
Gutes getan, und das vergiltst du mir jetzt nicht.
Du verlangst nach dem Tag, damit du
die Liebesfreude aus meinem Herzen vertreibst.
Schlafe, mein Geliebter!"

3.
"Dein Zorn ist verständlich:
aber der Ritter darf hier nicht bis Tagesanbruch bleiben.
Wecke ihn, edle Dame!
Er vertraute sich meiner Treue an,
und ich übergab ihn in deine Gnade.
Wecke ihn, edle Dame!
Schönste Frau, wird er hier sein Leben
verlieren, so sind wir mit ihm verloren.
Ich singe, ich sage: Es ist bald Tag!
Nun wecke du ihn auf, denn sonst weckt ihn mein Horn.
Wecke ihn, edle Dame!"
 
Kristan von Hamle
 
1.
"Ich bin der lieben liebiu maere singet
und der lieb von liebe dicke unsanfte
bringet. swaz ich sol, daz leiste ich in
mit triuwen gar:bringe ich lieb ze liebe,
ist beiden lieb al dar,
singe ab ich ein scheiden,
nement sies vil kleine war."

2.
>Wächter, wie mag dich sô kurzer wîle
erlangen, sît ich hân den lieben man zuo
mir gevangen, der mir an dem arme und
in dem herzen lît unde mir für sende sorge
spilnde fröide gît? wahtaer,bekennest
dû des mânen schîn für tages zît?<

3.
"Frouwe, ich kann ze hulden iu niht wol
gesingen: got der lâze iu beiden iemer
wol gelingen! iedoch klag ich den edeln
werden süezen man; mir ist leit, sol ich
im helfen niht von dan. wol im
der bî liebe leides sich behüeten kan!"

4.
>Sît dîn rât mit triuwen vert, wahtaere
guote, sô gang von der wer her umbe an
dise huote. ja getorste ich dir mîn leit
wol geklagen ê: owê liebes mannes
und mîns herzen wê! wahtaere,nim mîn
golt und hilf im hin, swiez mir ergê.<
 
1.
"Ich bin der, der zwei Liebenden Angenehmes ankündigt
und sie doch häufig auch unerbittlich voneinander trennt.
Was meine Aufgabe ist, das erledige ich in treuer
Ergebenheit für sie. Bringe ich den Geliebten zu seiner
Liebsten, so freuen sich beide sehr.
Kündige ich mit meinem Singen aber den Abschied an,
so wollen sie das nicht wahrhaben."

2.
>Wächter, wie kann dir die kurze Zeit so lang vorkommen,
die vergangen ist, seit ich meinen Geliebten eng
umschlungen habe, der in meinen Armen liegt und in
meinem Herzen ist und der mir meinen Sehnsuchtsschmerz
mit vergnüglichen Freuden vertreibt? Wächter, hältst du
etwa den Schein des Mondes für den anbrechenden Tag?<

3.
"Herrin, ich kann Euch nichts singen, was mir Euer
Wohlwollen einbringen würde. Gott möge dafür sorgen,
dass es euch beiden immer gut geht. Allerdings klage ich
um Euren vortrefflichen, edlen Geliebten. Es betrübt mich,
wenn ich ihm nicht helfen kann, von hier fortzukommen.
Wohl dem, der sich in der Liebe vor Leid bewahren kann."

4.
>Da dein Rat, lieber Wächter, aufrichtiger Trauer entspringt,
so komme vom Wehrgang herunter an diesen geschützten
Platz. Ich habe es wirklich nicht gewagt, dir meinen Schmerz
früher zu klagen. O weh über den Schmerz des Geliebten
und den meines eigenen Herzens. Wächter, nimm mein Gold
und hilf ihm fort, wie auch immer es mir dabei ergehen mag.<
 
Burggraf von Lienz
 
1.
Ez gienc ein juncfrou minneclîch
zem wahter an die zinne stân:
"wahtaer, wis hôhes muotes rîch:
sehst ieman tougen zuo dir gân,
sô sprich vil lîse >wer gêt dâ?<
und ouch niht frevenlîche gar.
sprech er dann balde zuo dir >jâ,<
sô wizzest daz er rehte var.
du winke im an daz vensterlîn;
des lônet dir diu frouwe mîn."

2.
Diu wîle was niht lanc dar nâch,
der hôchgelopte der kam sâ.
dem wahter was zer miete gâch,
er sprach vil balde "wer gêt dâ?"
>daz bin ich der der minne gert:
wachtaer, du hüete hôh embor.<
"ir mügt wol sîn der minne wert.
stêt eine wîle noch dâ vor."
ein in verlâzen wart im kunt.
er kuste ir rôsenrôten munt.

3.
"Der morgen niht erwinden wil",
sô sanc ein wahter alsô wol,
"swer langer slâfet, dest ze vil.
ich warne als ich von rehte sol.
unschuldic wil ich sîn dar an,
sol zwein gelieben iht geschehen.
den tac nieman erwenden kan.
ich sihe den morgenstern ûf brehen
vil liehte als er noch dicke tuot.
nu wache, ein ritter hôchgemuot!"

4.
Diu saelderîche sêre erschrac,
dô sî vernam diu maere alsô.
"Nu wol ûf, ritter, ez ist tac!"
sô sprach diu minneclîche dô.
"du lâ mich dir bevolhen sîn
als dû mir bist für alle man:
bî mir hân ich daz herze dîn,
des mînen ich dir vil wol gan.
dem hôhsten gote bevilhe ich dich:
ein scheiden von dir riuwet mich."

5.
Urloup der ritter dô genam
von der vil lieben frouwen sîn
als ez den senelîchen zam,
den wart von minnen jâmer schîn.
ein lieplîch wehsel dâ geschach.
mit mangem kusse de ergienc.
ir herze im durch daz sine brach,
mit armen er sî umbevienc.
nâch liebe kumt et dicke leit.

6.
Ez nâhet daz ich scheiden muoz:
wie sol ich mich der friunde erwegen,
ich 'nbiute in allen mînen gruoz:
daz ir der hôhste müeze pflegen!
ich hân gedingen in daz lant
dâ got vil menschlîch inne gie.
wer seit in wider ûf den Sant
dâ ich die lieben alle lie,
und ich kein urloup von in habe?
mîn wille stêt ze Kristes grabe.
 
1.
Eine hübsche junge Dienerin stieg hinauf zum
Wächter auf die Zinne. "Wächter, zeige deine
höfische Gesinnung und sei großzügig.
Wenn du jemanden heimlich auf dich zukommen
siehst, so frage ganz leise und keineswegs in
verletzender Weise: >Kommt da jemand?<
Wenn er dir darauf sogleich mit >ja< antwortet,
so weißt du, dass er zu Recht kommt.
Winke ihn an das kleine Fenster.
Dafür wird dich meine Herrin belohnen."

2.
Kurze Zeit später
kam der vielgepriesene Mann.
Der Wächter war auf die Belohnung erpicht.
Er fragte sogleich: "Wer kommt da?"
>Ich bin es, der nach Liebe verlangt.
Wächter, halte du hoch oben Wache für uns.<
"Ihr seid gewiss der Liebhaber.
Wartet noch einen Augenblick vor dem Tor."
Man zeigte ihm, wo er Einlass finden konnte.
Er küsste ihren rosenroten Mund.

3.
"Der Morgen lässt sich nicht aufhalten",
sang ein Wächter laut.
"Wenn jemand noch länger schläft, ist das zuviel.
Ich warne, wie es meine Pflicht ist.
Ich will unschuldig daran sein,
wenn zwei Liebenden etwas zustößt.
Den Tag kann niemand aufhalten.
Ich sehe den Morgenstern ganz hell aufgehen,
wie er es noch häufig tun wird.
Nun wach auf, edler Ritter."

4.
Die anmutige Frau erschrak sehr,
als sie diese Worte vernahm.
"Auf jetzt, Ritter, es ist Tag!"
sagte die Liebliche.
"Lass mich dir anvertraut sein, so wie du
mir vor allen anderen Männern anvertraut bist.
Dein Herz behalte ich bei mir
und überlasse dir gern meines.
Dem höchsten Gott vertraue ich dich zum Schutz an.
Die Trennung von dir schmerzt mich."

5.
Darauf nahm der Ritter Abschied
von seiner geliebten Dame,
wie es Verliebte voller Sehnsucht tun,
denen ihre Liebe Leid gebracht hat.
Ein lieblicher Austausch fand dort statt,
der sich mit vielen Küssen vollzog.
Ihr Herz durchdrang seines, er nahm sie fest
in seine Arme. Auf Liebe folgt nun einmal
häufig Leid. Der edle Held ging fort.

6.
Die Zeit naht, dass ich Abschied nehmen muss.
Wie soll ich meine Freunde verlassen?
Ich lasse allen durch einen Boten meinen Gruß
übermitteln. Möge sie der Höchste beschützen!
Ich will in das Land ziehen, in dem Gott ganz als
Mensch gelebt hat.
Wer bringt meinen Gruß in die Heimat,
wo ich die Freunde alle zurücklassen
musste und keinen Abschied von ihnen
nehmen konnte? Mich zieht es zu Christi Grab.
 
Wenzel von Böhmen
 
1.
"Ez taget unmâzen schône,
diu naht muoz abe ir thrône,
den sî ze Kriechen hielt mit ganzer frône:
der tac wil in besitzen nuo.
der trîbet abe ir vesten
die naht mit sîner glesten.
dest wâr, si mac niht langer dâ geresten,
wan es ist zît und niht ze fruo
daz man ein scheiden werbe,"
sus sanc der wahter, "ê daz sich geverbe
der tac mit sîner roete. wol ûf,
wol ûf, ich gan iu niht ze blîben bî der noete.
ich fürhte daz der minne ir teil verderbe."

2.
Daz hôrte in tougener schouwe
ein êren rîche frouwe,
und ouch ir minnen dieb, der durch ein ouwe
was ritterlîchen dar bekomen.
si sprach "friunt mîner wunnen,
der wahter wil niht gunnen
uns liebes, wan er wolte sîn bespunnen
mit miete, daz hân ich vernomen:
ez ist dem Tage unnâhen."
diu frouwe stuont ûf und begunde gâhen
hin zuo dem wahter eine. si sprach
"nim, wahter, silber golt und edel rîch
gesteine, lâ mich den zarten lieben umbevâhen."

3.
Er sprach "ich bin gemietet:
gêt wider unde nietet
iuch fröiden, wan ich wolt daz ir berietet
mich: daz habt ir ûf ende brâht.
ich warne iuch, swenne ez zîtet,
daz er mit fröiden rîtet.
swenn ich iu sage, sô hüet daz ir iht bîtet,
ir lât in dar er habe gedâht."
si wart sâ umbevangen,
er kuste ir rôten munt, ir klâren wangen.
daz was der minne lêhen. lîp unde lust
die liezen sich dô wênic ieman flêhen.
dâ daz ergienc, dâ ist ouch mê ergangen.
 
1.
"Es bricht ein außergewöhnlich schöner Tag an.
Die Nacht muss von ihrem Thron herabsteigen,
den sie in Griechenland mit großer Macht besetzt
hielt. Der Tag will ihn jetzt besteigen.
Der vertreibt die Nacht mit seinem Glanz aus
ihrer Burg. Sie kann wahrhaftig nicht länger dort
ausruhen, denn es ist Zeit und keineswegs zu
früh dafür, um mit dem Abschiednehmen zu
beginnen, bevor der Morgenhimmel sich rötlich
färbt." So sang der Wächter. "Auf, auf,
notgedrungen kann ich euch nicht erlauben,
länger zu verweilen. Ich fürchte,
dass die Liebe sonst zu Schaden kommt."

2.
Dies hörten bei ihrem heimlichen
Rendezvous eine angesehene Dame
und ihr Liebhaber, der nach
Ritterart über eine Wiese zu ihr
gekommen war. Sie sagte: "Gefährte meines
Glücks, der Wächter will uns unsere Liebe
nicht gönnen, denn er möchte mit einer
Belohnung bestochen sein, wie ich gehört habe.
Der Tag ist noch fern."
Die Dame stand auf und suchte eilends allein
den Wächter auf. Sie sagte: "Wächter, nimm dir
Silber, Gold und kostbare Edelsteine und lass
mich meinen zärtlichen Geliebten umarmen."

3.
Er antwortete: "Einverstanden.
Geht wieder zurück und genießt Euer Glück,
denn ich wollte nur, dass Ihr mir etwas
zukommen lässt. Das habt Ihr nun getan.
Ich werde Euch warnen, wenn es Zeit ist,
damit er unbesorgt fortreiten kann. Wenn ich
Euch benachrichtige, so hütet Euch davor
zu zögern und lasst ihn gehen, wohin er will."
Sie wurde sogleich umarmt. Er küsste ihren
roten Mund und ihre schönen Wangen.
Das war das Geschenk der Liebe.
Liebe und Lust braucht dort niemand lange erflehen.
Wo das geschah, ist auch noch mehr geschehen.
 
Walther von der Vogelweide
 
1.
Friuntlîche lac
ein rîter vil gemeit
an einer frouwen arm. er kôs den morgen lieht,
dô er in durch diu wolken verre schînen sach.
diu frouwe in leide sprach:
"wê geschehe dir, tac,
daz dû mich lâst bî liebe langer belîben nieht.
daz sî dâ heizent minne, dâst niwan sende leit."

2.
Friundinne mîn,
dû solt dîn trûren lân. ich wil mich von dir
scheiden, daz ist uns beiden guot. ez hât
der morgensterne hie inne gemachet lieht.
"mîn friunt, nû tuo des nieht,
lâ die rede sîn,
daz dû mir iht sô sêre beswæret mînen muot.
war gâhest also balde? ez ist niht wol getan,"

3.
Frouwe, nû sî,
ich wil belîben baz.
nû rede in kurzen zîten allez, daz dû wil,
daz wir unser huote triegen aber als ê.
"mîn friunt, daz tuot mir wê,
ê aber ich dir bî
gelige, mîner swære der ist leider alze vil.
nû mît mich niht lange. vil liep ist mir daz."

4.
Daz muoz alsô geschehen,
daz ich es niene mac.
sol ich dich, frouwe, mîden eines tages lanc,
sô enkumt mîn herze doch nie mêr von dir.
"mîn friunt, nû volge mir:
dû solt mich schiere sehen,
ob dû mir sîst mit triuwen stæte sunder wanc.
owê der ougenweide, nû kiuse ich den tac."

5.
Frouwe, ez ist zît.
gebiut mir, lâ mich varn. jâ tuon ichz
dur dîn êre, daz ich von hinnen ger.
der wahter diu tageliet sô lûte erhaben hât.
"friunt, wie wirt es rât?
dâ lâze ich dir den strît. owê des urloubes,
des ich dir hinnan wer! von dem
ich habe die sêle, der müeze dich bewarn."

6.
Waz helfent bluomen rôt,
sît ich nû hinnen sol?
vil liebiu friundinne, die sint unmære mir,
reht als den vogellîn die winterkalten tage.
"friunt, dâst ouch mîn klage
und mir ein wernde nôt. jôn weiz ich niht
ein ende, wie lange ich dîn enbir. nû lige
 eht eine wîle, son getæt dû nie sô wol."

7.
Der ritter dannen schiet,dô sente sich
sîn lîp und liez ouch sêre weinende
die schœnen frouwen guot.
doch galt er ir mit triuwen, dâz im vil nâhe lac.
si sprach: "swer ie gepflac
ze singenne tageliet, der wil mir wider
morgen beswæren mînen muot,nû lige ich
liebes âne, reht als ein senende wîp."
 
1.
Als ihr Geliebter lag
ein stattlicher Ritter
im Arm einer Dame. Er gewahrte den hellen Morgen,
als er ihn ferner durch die Wolken scheinen sah.
Die Dame sagte betrübt:
"Verwünscht seist du, Tag, weil du mich nicht
länger beim Geliebten bleiben lässt. Was sie da
Minne heißen, das ist nichts als sehnsüchtiges Leid."

2.
Meine Freundin
Du musst Dein Trauern lassen. Ich werde mich
von dir trennen, das ist für uns beide gut.
Es hat der Morgenstern hier innen hell gemacht.
"Mein Freund, nun tue das nicht,
lass das Reden sein,
damit du mir mein Gemüt nicht so sehr bedrückst.
Wohin eilst du so schnell? Es ist nicht wohlgetan."

3,
Herrin, nun sei es,
ich will länger bleiben.
Nun sage in Kürze alles, was Du willst, damit wir
unsere Aufsicht wieder wie früher täuschen.
"Mein Freund, das tut mir weh,
bis ich wieder bei Dir liege,
ist mein Kummer allzu groß. Nun bleibe
nicht lange von mir fern: Das wäre mir recht lieb."

4.
Es muss so geschehen,
da ich dagegen nichts vermag.
Sollte ich Dich, Herrin, einen Tag lang nicht sehen,
so kommt mein Herz doch niemals von Dir los.
"Mein Freund, nun folge mir:
Du wirst mich bald wieder sehen, falls Du mir in
Aufrichtigkeit treu bist, ohne zu wanken. Weh über
den schönen Anblick – nun erkenne ich den Tag!"

5.
Herrin, es ist Zeit.
Befiel mir, lass mich ziehen. Ja, ich tue es um
Deiner Ehre willen, dass ich von hier wegstrebe.
Der Wächter hat das Tagelied so laut angestimmt.
"Geliebter, was ist da zu tun?
Da lasse ich Dir Deinen Willen. Ach über die Zeit,
die ich Dir fern von hier gewähre! Der, von dem ich
die Seele empfangen habe, der möge dich behüten."

6.
Was nützen rote Blumen, da ich von hinnen soll?
Gar liebe Freundin, die sind mir zuwider gerade
wie den Vöglein die winterkalten Tage.
"Geliebter, das ist auch meine Klage und mir ein
dauernder Schmerz. Fürwahr, ich sehe noch nicht
ab, wie lange ich Dich entbehre.
Nun lege Dich doch noch eine Weile zu mir.
Dann hättest Du nie besser gehandelt."

7.
Der Ritter schied von dannen, da wurde er
voller Sehnsucht und ließ auch die schöne Herrin
schmerzlich weinend zurück. Doch vergalt er ihr
durch Treue, dass sie sich zu ihm gelegt hatte,
Sie sprach: "Wer immer die Gewohnheit hat,
Tagelieder zu singen, der wird mir gegen Morgen
mein Gemüt beschweren. Nun liege ich ohne
Geliebten, ganz wie eine sehnsuchtsvolle Frau!"
 

Das taghorn

Das taghorn, auch gut zu blasen, und ist
sein pumhart dy erst note und yr
underoctavaslecht hin.
 

Das Taghorn

Das Taghorn, auch gut zu blasen. Die erste
Note ist der Ton des Pumharts sowie ihre
untere Oktave.
 

Der Pumhart ist ein altes Blasinstrument und ein Vorläufer des Fagott.
 
Mönch von Salzburg
 
1.
Gar gar leis
in senfter weis
wach, libste fra!
plik durch dy pra
und scha,
wy tunkel gra
so gar fein pla
ist zwischen dem gestirn.
nu wach, mein mynnikliche dirn,
in liber süzz
und grüzz
dein aigenz hercz bey mir,
seind ich enpir
der stymm von dir,
daz mir gar still
dein rainer will
wünsch liben guten tag,
den mir hëut sag
tugentlichen,
mynniklichen
dein güt mit mangem liben plik,
so daz mein hercz in freüden schrik
zu trost der libsten zuversicht,
der mir dein weiblich güt verjicht,
bis das geschicht,
daz mir wünsch guten tag dein mund.

2.
Erwach
in liber sach!
dein ärmlin rek,
dein füzlin strek,
ich wek
dich auz der dek,
dein hercz enplek
und brüstlin wolgestalt,
dy dem armen tun dy nacht gewalt.
dein haup enpör
und hör
das wunderlich geschell,
wy dein gesell
dich weken well.
frau, ich betracht
all tag und nacht
den libsten anevang,
wy mich betwang
liblich scherczen
in dem herczen,
da ich den libsten wechsel traib,
so daz mein hercz pey dir belaib:
des wechsels ich her wider wart
von dir, mein libstez freülin zart,
und han all vart
dich pey mir in meins herczen grund.

3.
Lib zeit,
dy gancz frëud geit,
sey dein gelait
mit sälikait.
berait
mich, frau gemait,
wy dein will sait,
das wil ich täglich mern,
wann ich getet ny ding so gern.
wurd mir das hail
zu tail,
dich täglich sehen an,
auf erd ny man
sölch freüd gewan:
wenn so ich dich,
traut frau, an sich,
so han ich freüd genug;
wann du pist chlug
mit gelympfen,
frölich schympfen
zu tratz, den dein gepërd missvelt.
gib urlaub mir, frau auzerwelt:
gedenk an mich und hab dein ru
und slaf mie freüden wider zu,
ez ist noch fru.
tu dein genad mir all zeit kund.
 
1.
Wach ganz leise
und behutsam auf,
liebste Freundin!
Blinzle durch deine Wimpern
und sieh,
wie sich das dunkle Grau
zwischen den
Sternen hellblau färbt.
Nun wach auf süße,
angenehme Weise auf,
meine Liebste,
und begrüße dein Herz,
das bei mir ist,
seit ich auf deine Stimme
verzichten muss.
Mögest du mir in Gedanken
ohne jede Falschheit ganz still
einen angenehmen guten Tag wünschen,
wie du ihn mir in deiner
Güte heute noch mit vielen
liebevollen Blicken zärtlich wünschen wirst,
so dass mein Herz vor Freude zusammenzuckt
und voller Zuversicht ist, wie sie
mir deine Güte nach Frauenart schenkt,
bis mir endlich
dein Mund selbst einen guten Tag wünscht.

2.
Wach
voller Liebe auf!
Reck deine kleinen Arme,
streck deine kleinen Füße.
Ich wecke dich,
indem ich dir die Decke wegziehe.
Entblöße dein Herz
und deine schönen Brüste,
die mich Armen nachts um den Verstand bringen.
Heb den Kopf
und höre
die seltsame Musik,
mit der dein Freund
dich wecken will.
Liebste, ich denke
Tag und Nacht
an den Anfang
unserer Liebe und daran,
wie das zärtliche Liebesspiel
mein Herz gefangen nahm,
als wir voller Liebe unsere Herzen tauschten,
so dass mein Herz bei dir blieb.
Im Gegenzug erhielt ich
deines von dir, liebste Freundin,
und trage dich auf diese Weise
überall tief im Innersten bei mir.

3.
Ich wünsche dir
eine angenehme Zeit,
in der vollkommene Freude
und höchstes Glück
dich stets begleiten mögen.
Lass mich wissen, Liebste,
was du dir wünscht.
Das will ich täglich für dich tun,
denn ich habe nie etwas lieber getan.
Hätte ich das Glück,
dich täglich sehen zu können,
so gäbe es keinen Mann
auf der ganzen Welt,
der jemals größere Freude empfunden hätte.
Dich, liebste Freundin,
anzusehen genügt mir,
um glücklich zu sein.
Denn alles an dir ist
voller Anmut, mögen die
auch übermütig spotten,
denen dein Verhalten missfällt.
Lass mich gehen, Liebste,
denk an mich und mach dir keine Sorgen.
Schlaf glücklich wieder ein,
es ist noch früh.
Bleib mir immer in Liebe verbunden.
 
Das nachthorn

Das nachthorn, und ist gut zu blasen.
 
Das Nachthorn

Das Nachthorn, es ist gut zu blasen.
 
1.
Zart libste frau in liber acht,
wünsch mir ain liblich, frölich nacht,
wann so mein hercz dein treü betracht,
das freüet all mein kraft und macht
auf stäten syn,
so ich nu pin
dahin,
ellend und ain,
und nymand main
zu trösten mich
wenn dich.
mit senen ich den slaf bekrenk,
daz ich dy nacht gar vil an dich gedenk;
süzz trëum dy machent mich so gail,
daz ich mir wünsch das hail,
daz ich slaffen
solt an straffen
in sölcher liber sach an end.

2.
Dich lät nicht ain meins herczen gir,
dar umb so wünsch ich me wenn zwit,
daz dir sol traumen auch von mir,
wy ich gar frölich sey bey dir
und doch in gut
nach deinem munt
behut,
und daz du, mynnikliche dirn,
in süzzen slaf dy herczen libsten pirn
umbvingest nach dem willen mein,
als ich da selb solt sein:
in den sachen
sold entwachen,
mein hercz, sold frölich sein behend.

3.
Enczuket wird ich oft so hart,
daz ich wën an der selben vart,
ich seh dich, libstez frëulin zart,
vor mir gepildet schon von art
gar weiblich stan,
daz ich denn han
den wan,
ym sey also,
und pin gar fro
in herczen grund:
zu stund,
so mir entwischet dein figur,
das wirdt dem armen herczen vil ze sur,
ez mant mich an dy libsten zeit,
y herter ez ym leit;
wann dein belangen
hat gevangen
mich, bis du tröstest mein ellend.
 
1.
Wünsch mir, allerliebste Freundin,
eine angenehme, unbeschwerte Nacht.
Wenn mein Herz an deine treue Liebe denkt,
erfüllt mich das mit großer Freude
und lässt mich durchhalten
in dieser Zeit, in der ich
unglücklich und einsam
fern von dir bin
und niemand mich zu
trösten vermag außer du.
Die Sehnsucht
lässt mich nicht schlafen,
da ich nachts sehr viel an dich denke.
Süße Träume wecken meine Begierde,
so dass ich mir wünsche,
ich hätte das Glück,
sorglos eine Liebesnacht
ohne Ende verbringen zu können.

2.
Meine Sehnsucht lässt dich nicht los.
Deshalb wünsche ich mir oft,
auch du würdest von mir träumen, davon,
dass ich ganz unbeschwert bei dir wäre,
so, wie du es magst,
ans Herz gedrückt
und immer wieder
von deinen weißen Armen zärtlich umarmt,
und lass du, Liebste, im Schlaf
deine herzallerliebsten Brüste streicheln
würdest, wie ich es mir wünsche und so,
als ob ich selbst da wäre.
Auf diese Weise würde ich gern erwachen,
und mein Herz wäre sofort vergnügt.

3.
Oft bin ich soweit,
dass ich geradewegs glaube,
dich zu sehen, liebste Freundin,
als ob du leibhaftig in deiner ganzen
Schönheit vor mir stehen würdest,
so dass ich meine, es sei wirklich so,
und außer mir vor Freude bin.
Sobald deine Gestalt
sich jedoch verflüchtigt,
bereitet das meinem armen Herzen
bitteren Schmerz.
Je unglücklicher ich bin,
desto mehr muss ich an
die schönste Zeit
mit dir denken.
Denn die Sehnsucht nach dir
hält mich gefangen,
bis du mich aus meiner Einsamkeit erlöst.
 
Das kchühorn

Untarn ist gewonlich reden ze Salzburg
und bedëutt, so man izzet nach mittem
tag über ain stund oder zwo.
 
Das Kuhhorn

Untarn ist ein in Salzburg gebräuchlicher
Ausdruck und bezeichnet die Essenszeit
mittags zwischen ein und zwei Uhr.
 
a

1.
Untarn slaf
tut den sumer wol,
der an straf
liblich ruen sol
pey der diren
auf dem stro:
in der stiren
macht es fro.

2.
Dy mit lust
dem gesellen gut
drukt sein brust -
hey, wy wol ez tut! -
der ist zoren,
wer sey wekt
mit dem horen
und erschreekt

3.
In dem lauzz,
so der herter schreit:
ho, treib auzz!
hoho, des ist zeit!
sy erwachet
nach der mü:
unbesachet
sint dy kchü.

b

1.
Sy:
Ich muzz hyn, mein traut gesell,
ich hab ze lang geslaffen hy pey dir.
Er:
Traut gespil, ge, wy got well,
ich laz dich schaiden nicht so pald von mir.
Sy:
Ja sint dy kchü noch ungemolchen,
darumb ist mir gach:
gespottet wurd mir von den volchen,
sold ich treiben nach.
ain frische, wolgemute diren
kan und waiz gelympf:
dar umb sorg nyman umb dy yren:
ez ist nür yr schympf.

2.
Er:
Herczen Trost, wy wol ich spür,
daz du mir pist ain ungetrëuez weib!
Sy:
Dinst und lon ich gar verlür,
wizz got! nit, daz ich lenger hy beleib.
gehab dich wol, ich küm her wider,
so ich peldist kan,
und leg mich wider zu dir nyder,
herczen libster man.
ain frische, wolgemute diren
kan und waiz gelympf:
dar umb sorg nyman umb dy yren:
ez ist nür yr schympf.

3.
Das fügt wol ainem armen knecht,
dem gut und mut stet all zeit in dem saus;
gold und vechs ist ym nit recht,
ym fügt vil paz dy dyren in dem haus:
wenn sy des morgens fru wil haiczen,
so wekt sy yn vor;
sein hercz kan sy zu freüden raiczen,
daz ez swebt enpor.
ain frische, wolgemute diren
kan und waiz gelympf:
dar umb sorg nyman umb dy yren:
ez ist nür yr schympf.
 
a

1.
Ein Mittagsschlaf
im Sommer tut gut,
wenn einer
ohne Sorgen zärtlich
bei der Magd
auf dem Stroh
liegen kann.
Das bereitet Vergnügen.

2.
Diese umarmt
ihren Liebsten leidenschaftlich
drückt seine Brust -
hei, wie gut das tut! -
Wer sie mit
dem Horn weckt
und erschreckt,
dem ist ihr Zorn sicher.

3.
Als der
Hirte ruft:
"Hoho, treib aus!
Hoho, es ist Zeit!"
schreckt sie in ihrem
Versteck nach dem Liebesspiel
hoch, denn ihre Kühe
sind noch nicht versorgt.

b

1.
Sie:
Ich muss fort, liebster Freund, ich habe
schon zu lange hier bei dir geschlafen.
Er:
Geh es, wie Gott will, Liebste,
ich lass dich nicht so schnell fort.
Sie:
Die Kühe sind doch noch nicht gemolken,
deshalb habe ich es so eilig.
Die Leute würden über mich spotten,
wenn ich als letzte hinterher käme.
Eine junge, aufgeweckte Magd
weiß genau, was sich schickt.
Deshalb kümmere sich niemand darum,
wie sie sich vergnügt.

2.
Er:
Liebster Schatz, ich spüre genau,
dass du mir untreu bist.
Sie:
Ich würde Arbeit und Lohn sicherlich verlieren,
weiß Gott, es geht nicht, dass ich noch länger
hier bleibe. Leb wohl, ich komme zurück,
so schnell ich kann,
und leg mich wieder zu dir,
herzallerliebster Freund.
Eine junge, aufgeweckte Magd
weiß genau, was sich schickt.
Deshalb kümmere sich niemand darum,
wie sie sich vergnügt.

3.
So geht es einem armen Knecht,
der jederzeit nur auf sein Vergnügen aus ist.
Auf Gold und Hermelin kann er verzichten,
ihm ist die Magd im Haus viel lieber.
Wenn sie früh am Morgen das Feuer anmachen
muss, weckt sie ihn zuvor.
Sie kann ihn so zur Liebe verführen,
dass er sich wie im siebten Himmel fühlt.
Eine junge, aufgeweckte Magd
weiß genau, was sich schickt.
Deshalb kümmere sich niemand darum,
wie sie sich vergnügt.
 
Hugo von Montfort
 
1.
Ich fröw mich gen des abentz kunft
der nacht, wenn si her slichen tuot.
Das machet als ir lieb vernunft,
davon so han ich hohen muot,
das ich ir guet solt sehen an:
frowt si mich nit die rein, die zart,
so wer ich gar ein hürnin man.

2.
Ein glöggli man erklenket suss,
darnach hör ich eins hornes don;
Ein halsen und ein lieplich kuss
das wirt uns beiden nun zelôn.
Wann scheiden daz tuot also we:
und gedecht ich nit hinwider ze kon,
so wer mins senens dester me.

3.
Mitt züchten schôn gar ân gever,
dabi so mug wir wol bestân;
Seit ieman davon andre mer,
da beschicht uns gar unguetlich an.
Venus und ouch Jupiter
die gând vor der sunnen:
damit so vert der tag daher.
 

1.
Ich freue mich abends auf die Nacht,
wenn sie leise herbeikommt.
Das macht alles ihre liebe, kluge Art, durch
die ich so hochgestimmt bin, da ich ihre
Vollkommenheit betrachten kann. Würde die
schöne, zärtlicher Frau mich nicht froh machen,
so wäre ich ein ganz und gar gefühlloser Mann.

2.
Ein Glöckchen lässt man süß erklingen,
danach höre ich ein Horn ertönen.
Nun werden wir beide mit einer Umarmung
und einem zärtlichen Kuss belohnt,
denn Abschied nehmen tut weh.
Und dächte ich nicht an die Rückkehr,
so wäre meine Sehnsucht noch größer.

3.
Liebevoll und ohne jede Arglist
werden wir zusammen sein.
Behauptet jemand etwas anderes,
dann geschieht uns großes Unrecht.
Venus und Jupiter
gehen der Sonne voraus.
Auf diese Weise bricht der Tag an.
 

1.
Weka, wekch die zarten lieben!
ich glob, es si nicht unrecht tân;
ich wil ir nit betrigen:
der tag der gât daher.
Si stât zwar uff mit eren,
mins hertzen muot erkikerinn,
(ir glükch das tuot sich meren)
ze dinst dem werden gott.
Wer hât uff erd ein biderb wib,
der hât ein seldenrichen hort:
ir zucht, ir er ist leid vertrib. -
ich hör der vogel sang,
ich sich die sternen schiessen:
es chuolet gen dem morgen fruo.
mich tuot zwar nicht verdriessen:
das macht ir angesicht.

2.
Wachter, ich wil dir sagen:
was got uff erd ie geschaffen hât,
so tuond die Frowen tragen,
der himel chör erfüllen.
Davon so lob ich selge wib
bi tag und och bi nacht,
die sind der welt doch leid vertrib:
ich wünsch in er und guot.
Das ich vil sung von wekchen,
min frow die stât mit selden uf,
fro Er die tuot si dekchen:
si fürcht nicht sunnen schin.
Ich lob minr frowen guete
für vogelsankch und bluomen schin:
si git gar hochgemuete,
ir er ist wol behuot.

3.
Ach Wachter,ich muoss tichten
minr frowen hie ein tagewis;
und künd ichs wol ussrichten,
ich tetzmit gantzem fliss.
So ist mir min muot gesunken,
und gât das weltlich nicht me dar
(mag wol die jungen dunken),
und grawet mir min har.
Si hett michs wol erlassen,
so sol ich ir gehorsam sin:
in gassen und uff strâssen
ir diener bin ich zwâr.
Herr got, durch dine guete
verlich uns beiden sinn und muot,
vor ungelükch behuete
uns durch dine gnad.

4.
Ich wünsch minr frowen heile,
glükch, er und guot daz wont ir bi
und wird ir als ze teile:
got habs in siner huot!
Des swer ich wol bi minem lib,
das ich vil sung von sternen schin;
dafür sech ich ein biderb wib,
die geb mir hochgemuete.
Es wer kein muot von mannen,
und weren selge, werde wib:
got bhuet si all vor schanden!
ir gestalt ist wunneklich;
Des wil ich sicher wekchen.
got bhuet der werden frowen er,
tuo si mit gnaden dekchen,
wann es ist liechter tag.
 
1.
Weck auf, weck die zärtliche Geliebte!
Ich glaube, das geschieht zu Recht.
Ich will sie nicht täuschen,
der Tag bricht an. Sie, die mein Herz erfreut,
steht wahrhaft in Ehren auf,
um dem großen Gott zu dienen
(ihr Glück wird immer größer).
Wer auf Erden eine gute Frau hat,
der besitzt einen Glück bringenden Schatz.
Ihr angemessenes Verhalten und ihre
ehrenvolle Gesinnung vertreiben den Schmerz.
Ich höre die Vögel singen
und sehe die Sterne untergehen:
es wird kühl am frühen Morgen.
Mich kann das wahrhaftig nicht verdrießen,
das bewirkt ihr Anblick.

2.
Wächter, ich will dir sagen,
Was Gott je auf Erden geschaffen hat,
das besitzen die Frauen,
um die Himmelschöre zu füllen.
Deshalb preise ich anmutige Frauen
bei Tag und auch in der Nacht,
vertreiben sie doch alles Leid der Welt.
Ich wünsche ihnen Ansehen und Reichtum.
Da ich viel vom Wecken gesungen habe,
steht meine Frau glücklich auf.
Frau Ehre beschützt sie:
sie fürchtet das helle Sonnenlicht nicht.
Ich preise die Vollkommenheit meiner Frau
mehr als Vogelsang und Blumenpracht:
Sie schenkt ungeschmälertes Hochgefühl
ihr Ansehen ist sorgfältig bewahrt.

3.
Ach, Wächter, ich soll meiner Frau
ein Tagelied dichten.
Könnte ich das gut zustande bringen,
täte ich es mit großem Eifer.
Nun habe ich allen Mut verloren.
Es gelingt auf dieser Welt nicht mehr
(mögen die Jungen denken),
denn mein Haar wird grau.
Sie hat es mir zum Glück erlassen,
ich soll ihr auf andere Weise gehorsam sein.
In den Gassen und auf den Straßen
bin ich wahrhaft ihr Diener.
Herr Gott, durch deine Güte
verleih uns beiden Zuversicht
und die richtige Gesinnung und beschütze
uns durch Deine Gnade vor Unglück.

4.
Ich wünsche meiner Frau Gesundheit,
Glück, Ansehen und Reichtum,
das alles soll ihr zuteil werden.
Möge Gott sie beschützen.
Ich schwöre gerne bei meinem Leben,
dass ich viel vom Glanz der Sterne gesungen habe.
wäre mir statt dessen eine gute Frau,
die mir Freude schenken würde.
Es gäbe keine edle Gesinnung bei den Männern,
wenn es keine schönen, edlen Frauen gäbe.
Gott behüte sie alle vor Schande.
Ihre Gestalt ist liebreizend.
Deshalb will ich sie gewiss aufwecken.
Gott behüte das Ansehen der edlen Damen
und schütze sie mit seiner Gnade,
denn es ist heller Tag.
 
Reinmar der Alte
 
1.
Sô ez iender nâhet gegen dem tage
sô getar ich niht gefrâgen >ist es tac?<
Daz kumet mir von sô grôzer klage,
daz ez mir niht ze helfe komen mac.
Doch gedenke ich wol, daz ich sîn anders pflac
hie vor, dô mir diu sorge niht sô ze herzen lac.
Iemer an dem morgen trœste ich mich der
vogele sanc. mire kome ir helfe an der zît,
mir ist beidiu sumer unde winter alze lanc.

2.
Ime ist wol, der mac gesagen,
daz er sîn liep in senenden sorgen lie.
Nû muoz aber ich ein anderz klagen:
Ich gesach ein wîp nâch mir getrûren nie.
Swie lange ich was, sô tet si doch daz ie.
diu nôt mir underwîlent rehte an mîn herze gie.
Und wære ich anders iemen alse unmære
manigen tac, deme het ich gelâzen den strît.
Diz ist ein dinc, des ich mich niht getrœsten mac.

3.
Diu Liebe hât ir varnde guot
alsô geteilet, daz ich den schaden hân.
Der nam ich mêre in mînen muot,
danne ich von rehte sollte haben getân,
Doch wæne ich, si ist von mir vil unverlân,
swie lützel ich der triuwen mich anderhalp
verstân. Si was ie mit fröiden, ich muose in
sorgen sîn. Alsô vergie mich diu zît.
Ez taget mir leider selten nâch dem willen mîn.

4.
Diu werlt verswîget mîniu leit
und saget vil lützel iemer, wer ich bin.
Ez dunket mich unsælichkeit,
daz ich mit triuwen allen mînen sin
bewendet hân, dar ez mich dunket vil
unde mir der besten eine des niht gelouben wil.
Ez wart von schulden nieman sô rehte wê.
Got helfe mir, daz ich mich bewar,
daz ich ûz ir hulden kome niemer mê.

5.
"Owê trûren unde klagen,
wie sol mir dîn mit fröiden iemer werden buoz?
Mir tuot vil wê, daz ich dich tragen muoz.
Die swære wendet nieman, er entuoz,
den ich mit triuwen meine, gehort ich sînen
gruoz, daz er mir nâhen læge, sôzergienge al mîn
nôt. Sîn fremden tuot mir den tôt
unde macher mir diu ougen dicke rôt."
 
1.
Wenn es irgend auf den Tag zugeht,
dann wage ich nicht zu fragen >ist es Tag<?
Das kommt mir von so großem Leid,
dass dies mir nicht zu Hilfe kommen kann.
Doch erinnere ich mich wohl, dass ich es anders hielt,
vordem, als mir die Sorge nicht so auf dem Herzen lag.
Immer des Morgens tröste ich mich am Gesang der
Vögel. Kommt mir nicht ihre Hilfe zur rechten Zeit,
dauern mir beide, Sommer und Winter, allzu lange.

2.
Dem ist wohl, der sagen kann,
dass er seine Geliebte in liebender Sorge zurückließ.
Nun muss ich dagegen das Gegenteil beklagen: Ich sah
nie eine Frau nach mir sich traurig sehnen. Wie lange
ich auch schon lebe, so tat sie das doch nie.
Dies Leid schnitt mir manches Mal tief ins Herz.
Und wäre ich jemand anderem viele Tage lang ebenso
gleichgültig – dem hätte ich das Feld überlassen. Dies
ist eine Sache, über die ich nicht hinwegkommen kann.

3.
Die Liebe hat ihre bewegliche Habe
so verteilt, dass ich den Schaden habe.
Daraus nahm ich mehr in mein Herz auf, als ich
vernünftigerweise getan haben sollte. Doch fürchte
ich, sie wird von mir wohl niemals verlassen, wie
wenig ich an Treue ihrerseits auch gewärtigen kann.
Sie war immer bei den Freuden, ich musste in Sorgen
leben. So überging mich die Zeit.
Es tagt mir leider selten nach meinem Willen.

4.
Die Welt verschweigt mein Leid
und sagt immer so gut wie nichts darüber, wer ich bin.
Es deucht mich Unheil,
dass ich in Treue all mein Sinnen
dorthin gerichtet habe, wo es mich viel deucht,
wenn mir auch eine der Besten dies nicht glauben will.
Es wurde mit Grund niemandem so wirklich weh!
Gott helfe mir, dass ich mich vorsehe,
damit ich nie mehr aus ihrer Gnade falle.

5.
"Ach, trauern und klagen! Wie soll ich für dich jemals
durch Freude entschädigt werden? Mir tut sehr weh,
dass ich dich ertragen muss, du bist zu schwer, doch
muss ich dich ertragen. Dieses Leid nimmt niemand
von mir, es sei denn, er täte es, den ich in Treue
liebe. Hörte ich ihn sagen, dass er bei mir liegen wolle,
dann verginge all meine Not. Sein Fernsein
gibt mir den Tod und macht mir die Augen oft rot."
 
Ulrich von Singenberg
 
1.
Wie hôhes muotes ist ein man,
der sich zuo herzeclichem liebe
schoenem lîbe hât geleit!
Zer vreude ich niht gelîchen kan:
mir ist elliu vreude gar enniht
gegen dirre, swaz mir ieman seit.
Swer sich so wunneclicher wunne
wol für wâr gevreuwen mac,
der hât die naht niht angest,
wan daz in vertrîben sol der tac.

2.
Geselliclicher umbevanc
mit blanken armen sunder wân
tuot senede herze hôhgemuot.
Da wirt daz ungemüete kranc,
swa minneclicher minne kus
so lieplîch liep anander tuot.
Swer sich so wunneclicher wunne
wol für wâr gevreuwen mac,
der hât die naht niht angest,
wan daz in vertrîben sol der tac.

3.
Der tac mich leider hât betaget
so selten nâch der êren sige,
daz ich niht vreude mac verjehen.
Vil saelic man, der des niht clagit,
und ime sîn herze mac gesagen,
waz ime ze leide ist geschehen!
Swer sich so wunneclicher wunne
wol für wâr gevreuwen mac,
der hât die naht niht angest,
wan daz in vertrîben sol der tac.

4.
Der süeze wehsel under zwein,
den werdiu minne vüegen kan,
wie ruchet der daz herze enbor!
Diu beide ir muotes sint al ein:
ich kan nach wunsch erdenken
niht zer welte saelde dirre vor.
Swer sich so wunneclicher wunne
wol für wâr gevreuwen mac,
der hât die naht niht angest,
wan daz in vertrîben sol der tac.

5.
"Der tac wil scheiden, ritter wert,
von liebe liep: ez muoz eht sîn,
wol ûf, lâz ir daz herze hie,
diu dî ze friunde hât gegert.
si wil och dir ir herze lân,
diu triuwen dir gewankte nie:
Die leist och ir, als ez dîn werder
lîp vil wol geleisten mac,
mit schiere komenne! ez mac
niht langer hie gesîn: ich sihe den tac."
 
1.
In welcher Hochstimmung ist ein Mann,
der mit einer liebenswerten schönen Geliebten
geschlafen hat. Es gibt nichts, das ich mit diesem Glück
vergleichen kann. Jedes andere Vergnügen erscheint mir,
verglichen mit diesem, völlig unbedeutend,
was immer mir auch jemand erzählen mag.
Wer solch herrliches Glück von ganzem Herzen
genießen kann, der hat während
der Nacht nur die eine Sorge:
dass ihn der Tag vertreiben wird.

2.
Eine liebevolle Umarmung
mit nackten Armen macht ein
sehnsuchtsvolles Herz zweifellos glücklich.
Wo bereits allein ein Kuss
aus innigster Liebe so liebevolle Zärtlichkeit
schenkt, da verfliegt alle Niedergeschlagenheit.
Wer solch herrliches Glück von ganzem Herzen
genießen kann, der hat während
der Nacht nur die eine Sorge:
dass ihn der Tag vertreiben wird.

3.
Der Tag ist für mich leider kaum einmal in der Weise
angebrochen, dass ihm ein rühmenswerter Erfolg
vorausgegangen wäre, so dass ich keinen Grund zum
Jubeln habe. Wie glücklich muss hingegen ein Mann sein,
der darüber nicht zu klagen braucht und dem sein Herz
sagen kann, was ihm Schmerzliches widerfahren ist.
Wer solch herrliches Glück von ganzem Herzen
genießen kann, der hat während
der Nacht nur die eine Sorge:
dass ihn der Tag vertreiben wird.

4.
Das zärtliche Geben und Nehmen zwischen zwei
Menschen, das wahre Liebe bewirken kann,
wie leicht versetzt das ein Herz in den siebten Himmel.
Die beiden sind in ihrem Herzen ganz eins.
Ich kann mir auf dieser Welt kein Glück vorstellen,
das vollkommen wäre.
Wer solch herrliches Glück von ganzem Herzen
genießen kann, der hat während
der Nacht nur die eine Sorge:
dass ihn der Tag vertreiben wird.

5.
"Der Tag wird die Liebenden voneinander trennen,
edler Ritter. Dies ist unweigerlich so.
Auf, auf, lass dein Herz hier bei der zurück,
die dich zu ihrem Geliebten erwählt hat.
Dann wird auch sie, die dir immer treu war,
dir ihr Herz überlassen.
Halte auch du ihr die Treue, wie es deinem
edlen Wesen entspricht, indem du bald zurückkommst.
Es ist unmöglich, länger hier zu bleiben.
Ich sehe den Tag anbrechen."
 
Der Marner
 
1.
"Guot wahter wîs,
dû merke wol die stunt,
sô die wolken verwent sich
und werdent grîs:
die zît tuo mir kunt,"
sprach ein frouwe minneclich.
"Warne ob ich entslâfen bin,
sô daz der ritter vor der argen huote kume hin;
 kius den morgensterne,
sanc der kleinen vogellîn.
ich waere gerne
langer hie; des mac niht sîn.
er liebet wol dem herzen mîn."

2.
Der wahter schiet
oben ûf die zinne dan.
dô der tac die wolken spielt,
ein tageliet
in der wîse vienc er an:
"saelde ir beider mâze wielt.
Troie wart zerstoeret ê,
Tristranden wart von minne Isalden dicke wê,
 noch hât Minne werden
man, der wirbet frouwen gruoz,
dem sol er werden,
ob ich alsus warten muoz:
ez ist vor tage nicht einen vuoz."

3.
Diu liebe entslief,
wan si was vermüedet sô,
daz diu frouwe zuo dem man
sich umbeswief.
wahte dâ diu minne dô,
sô kumt wol der ritter dan.
Minne lache, unminne habe unminne;
entsliuz dû, Minne, tuo daz slôz mit fuogen abe.
 diu zît meldet, melde
kumt, diu selten ie gelac.
an minne gelde
hât unminne noch bejac.
"nû wol ûf, ritter, ez ist tac."
 
1.
"Lieber kluger Wächter,
gib genau acht auf die Zeit,
wenn die Wolken sich verfärben
und grau werden,
und melde es mir",
sagte eine liebreizende Dame.
"Warne uns, wenn ich eingeschlafen bin,
damit der Ritter unbemerkt von den feindseligen
Aufpassern davonkommt. Achte auf den
Morgenstern und den Gesang der kleinen Vögel.
Ich bliebe gern länger hier,
aber das ist unmöglich.
Er gefällt mir sehr."

2.
Der Wächter stieg
daraufhin auf die Zinne hinauf.
Als der Tag durch die Wolken drang,
begann er folgendes
Tagelied zu singen:
"Diese beiden hielten Maß in ihrem Liebesglück.
Troja hingegen wurde erstmals zerstört, und
Tristan stürzte die Liebe zu Isolde häufig in tiefes
Leid. Noch hält die Liebe einen edlen Mann fest,
der um die Zuneigung einer Frau wirbt.
Die soll er erhalten,
wenngleich ich erkennen kann,
es wird bald Tag."

3.
Die Geliebte war eingeschlafen,
denn sie war nach dem Liebesspiel sehr müde
geworden. Wäre sie wach, käme der Ritter
wohlbehalten davon.
Wahre Liebe soll fröhlich sein,
falsche Liebe sei verhasst.
Löse du, Frau Minne, ihre innige Umarmung
auf angemessene Weise.
Es ist soweit, Frau Melde kommt,
die noch niemals geruht hat.
Bei einer kostbaren Liebe sind Hass
und Feindschaft immer noch auf Beute aus.
"Steht jetzt auf Ritter, es ist Tag."
 
Ulrich von Winterstetten
 
1.
"Verholniu minne sanfte tuot",
- sô sanc ein wahter an der zinne -
"doch sol sich liep von liebe scheiden.
dar nâch sô wende er sînen muot,
ist ieman tougenlîche hinne;
deswâr sô tuot er wol in beiden.
er sol sorgen wier von hinnen kêre:
est an dem morgen. volge er mîner lêre,
sî daz ich in warnen sol;
sô tuot er wol und sint sîn êre."

2.
Der frouwen dienerinne kluoc
erhôrte dâ des wahters singen.
dâ von erschrac diu vil getriuwe.
diu maer si hin zer frouwen truoc.
si sprach "wol ûf und lât iu lingen:
der tac ist komen." dâ huop sich riuwe.
"est ân sünde" sprach diu tugenderîche,
"der in sô fünde ligen minneclîche:
erst entslâfen, nû sich hie!
in weiz niht wie er hin entwîche."

3.
Die rede erhôrt der werde gast
dâ er lac bî der minneclîchen
bî liebes brust an blanken armen;
dâ von im slâfes dô gebrast.
er sprach "sol ich von hinnen strîchen,
owê daz müeze got erbarmen."
beider sinne wurden dâ versêret,
(daz schouf rou Minne) fröide gar verkêret.
dâ schiet leit der wunnen spil.
der trehene vil wart dâ gerêret
 
1.
Heimliche Liebe ist süß",
sang ein Wächter auf der Zinne,
"doch muss sich der Geliebte nun von seiner Liebsten
trennen. Wenn jemand heimlich hier ist,
so richte er sich danach,
dann tut er für beide gewiss das Richtige.
Er muss sich darum kümmern, wie er von hier
fortkommt. Es ist Morgen. Er möge meinem
Rat folgen, da ich die Aufgabe habe, ihn zu warnen.
Dann handelt er richtig und bewahrt sein Ansehen."

2.
Die kluge Dienerin der Dame
hörte den Gesang des Wächters.
Darüber erschrak die zuverlässliche Frau.
sie berichtete ihrer Herrin davon und sagte:
"Steht auf und beeilt euch: Der Tag ist angebrochen."
Da machte sich traurige Niedergeschlagenheit breit.
"Es ist keine Sünde", sagte die edle Frau,
wenn ihn jemand so liebenswert hier liegen fände.
Er ist eingeschlafen, sieh doch hier.
Ich weiß nicht, wie er von hier fortkommen soll."

3.
Diese Worte hörte der edle Ritter,
als er an der Brust seiner zärtlichen Geliebten lag,
in ihren weißen Armen.
Deshalb konnte er nicht länger schlafen.
Er sagte: Muss ich von hier fort,
ach, das möge Gott erbarmen."
Beide wurden von Schmerz überwältigt
(dies bewirkte Frau Minne) und ihr Glück völlig
in sein Gegenteil verkehrt. Der Schmerz beendete ihr
Liebesspiel. Viele Tränen wurden dort vergossen.
 
Heinrich von Frauenberg
 
1.
Gegen den morgen
suozze ein wahter lûte sank,
dô er sach den oriôn.
Dâ verborgen
wîbes bilde zuo zim drank,
<.....> durch minnen lôn:
"Frouwe hêre,
ja sult ir wachen:
ich sihe des nahtes krefte balde swachen,
in singe niht mêre."

2.
>Wahter, schouwe,<
sprach daz minnekliche wîb,
>ob der leide tag ûf gê!<
Er sprach: "frouwe,
swer wol solder mir den lîp,
swenne ez taget, ich singe iu mê.
Ist der ritter
hie inne, frouwe,
vermîde ich danne mîner ougen schouwe,
so wirt iuwer froede bitter."

3.
>Hôhem solde
warte mir, geselle mîn,<
sprach diu frouwe wolgetân,
>daz mîn holde
lange bî mir muge sîn,
den ich umbevangen hân.
Wahter liebe,
hilf mir in fristen
mit dînen kluogen, wol verholnen listen.
wirt sant mir zeinem diebe!<
 
1.
Gegen den Morgen
begann ein Wächter mit schöner heller
Stimme sein Lied, als er den Orion erblickte.
Da schlich sich aus Sorge um ihre Liebe
heimlich eine Frauengestalt zu ihm.
<.....>
"Edle Herrin,
Ihr müsst wahrhaftig aufstehen.
Ich sehe die Kräfte der Nacht schnell schwächer
werden, ich singe nicht mehr länger."

2.
>Wächter, sieh nach<,
sagte die liebreizende Frau,
>ob der verhasste Tag anbricht.<
Er antwortete: "Herrin,
wenn mich einer angemessen bezahlt,
singe ich länger für Euch, wenn der Tag anbricht.
Wenn der Ritter
hier drinnen ist, Herrin,
und ich es dann unterlasse, aufmerksam
Ausschau zu halten, so wird Euer Freund bitter."

3.
>Du kannst eine hohe Belohnung
von mir erwarten, mein Freund<,
sagte die schöne Dame,
>damit mein Geliebter
den ich in meinen Armen halte,
lange bei mir bleiben kann.
Lieber Wächter,
hilf mir, sein Weggehen mit deiner
listenreichen Schläue heimlich hinauszuzögern.
Werde gemeinsam mit mir zu einem Dieb!<
 
Walther von Breisach
 
1.
"Ich singe und solte weinen
den tugenthaften ritters lîp,
daz niht mîns sanges meinen
dich kan gemanen, werdez wîp.
noch hoere wîsen rât:
der tac ûf gât
und lât diu naht ir vinster varwe als ie.
vil schône wîp, bewar
daz wol gevar
der gar an mîne huote sich verlie."

2.
Des wahters klagesingen
mit jâmer in ir herze brach,
dâ von ein misselingen
an lieben fröiden in gesach.
ir leides hûsgenôz,
der trehene flôz,
begôz ir beider wengel dô vil gar.
si sprach >friunt, herre mîn,
wie sol ich dîn
nu sîn verweiset aller saelden bar.<

3.
Der wahter aber lûte
mit zorne sanc durch friundes klage
"swâ liep betagt bî trûte,
dâ kumet der merkaere sage.
ein herze in fröiden hô
sol minnen sô
daz frô dar nâch diu liebe und lanc bestê.
wirt sî der huote erkant,
sô wirt zehant
gesant ir wunne in lange wernde wê."

4.
Sîns lebens küneginne
der ritter an sich nâher twanc.
dâ schuof diu werde minne
von beiden süezen umbevanc.
ein lieber nâher smuc,
ir mündel druc,
ein fluc ir herzen an ein ander dâ
tet kunt ir minne gir,
sî im, er ir:
"an dir mîn leben lît, niht anderswâ."

5.
Von den gelieben beiden
wart dâ mit willen unbegert
ein jâmerlîchez scheiden.
dem ritter und der frouwen wert
ir wunneclicj gemach
daz scheiden brach
und jach in wandelunge: liebe in leit.
ir herzen wehsel wart
dâ niht gespart.
diu vart alsô geschach. der tac zuo schreit.
 
1.
Ich singe und sollte eigentlich
um den vorbildlichen Ritter weinen,
da mein Lied dich nicht aufzurütteln
vermag, edle Frau.
Doch höre meinen guten Rat:
Der Tag bricht an, und die Nacht
verliert ihre finstere Farbe wie immer.
Sorge dafür, wunderschöne Frau, dass er
sicher davonkommt, der sich uneingeschränkt
auf meine Wachsamkeit verlassen hat."

2.
Das Klagelied des Wächters
drang schmerzlich in ihr Herz
und bereitete ihrem Liebesglück
ein jähes Ende.
Der Strom der Tränen,
der ihren Schmerz begleitete,
machte ihre beiden Wangen ganz nass.
Sie sagte: >Mein Freund und Geliebter,
wie kann ich ohne dich sein
und ohne jedes Glück?<

3.
Der Wächter, den die Klage um den
Geliebten erzürnte, sang von neuem laut:
"Wo immer ein Geliebter den Tag über
bei seiner Liebsten bleibt, da entsteht
das Gerede der Aufpasser. Selbst im Zustand
höchsten Glücks soll ein Herz so lieben,
dass die Liebe auch danach noch glücklich ist
und lange Bestand hat. Wenn sie der
Aufsicht bekannt wird, so verkehrt sich
ihr Glück sogleich in lang währendes Leid."

4.
Der Ritter presste die Königin
seines Herzens noch fester an sich.
Dann ließ die edle Frau Minne
sie einander zärtlich umarmen.
Eine liebevolle Umarmung,
das Zusammentreffen ihrer Lippen
und der Flug ihrer Herzen zueinander
machten ihr Verlangen nach Liebe offenbar.
Sie versicherte ihm, er ihr:
"An dir hängt mein Leben, an nichts anderem."

5.
Die beiden Liebenden nahmen
die schmerzliche Trennung nur widerwillig hin.
Der Abschied bereitete ihrem glücklichen
Zusammensein ein jähes Ende
und bedeutete für den Ritter und der
edlen Dame, dass Liebe in Leid umschlug.
Der Austausch ihrer Herzen
wurde da nicht länger hinausgezögert.
So vollzog sich der Abschied.
Der Tagesanbruch schritt voran.
 

Über den Autor des nun folgenden, letzten Tageliedes ist so gut wie nichts bekannt.
Sein Lied hat 23 Strophen und ist somit das Umfangreichste in der mhd. Literatur.

Günther von dem Forste
 
1.
Nu her, ob ieman kan verneme
des ich von minne kunden wil.
ob ûch diu rede niht gar enzeme,
verdrieze ûch, leget mir ein zil,
vur daz sprich ich niht mê:
swer mich dar an bedenke,
des wille muoze an wunsche ergê.
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

2.
Ez warb ein ritter lange zît
umb eine vrouwen vil gemeint;
doch wart verendet wol sîn strît,
si galt im al sîn arebeit
vil wol nâch sîner ger;
si beschiet im tougenlîchen
dâ sî in des lônes wolde wer.
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

3.
Diu schône vrouwe kam gegân
dâ sî den selben ritter vant.
er wânde sî zuo sich gevân,
in dûhte, er waere al dâ volant.
bindes huop sich ein dôz,
daz sî sich muosten scheiden;
des wart ir beider leit vil grôz.
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

4.
Si wâren beide enzundet gar,
der ritter und diu vrouwe hêr.
des nam diu Minne guote war,
si enliez si langer beiten mêr,
si schuof vil schire alsô,
dazs aber zeinander kâmen
und wurden wol nach leide vrô.
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

5.
Dô alle ir wille wol ergienc
mit lieben werken dâ ze stunt,
die vrouwen er zuo sich gevienc,
er kustes an ir suozen munt,
er swuor vil tiure hie,
im wurde nie sô liebe,
sî daz in got zer werlde lie.
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

6.
Nâch der vil grôzen liebe kam
im ein unsenftez ungemach,
daz im der minne ein teil benam.
der lieben vrouwen er verjach,
er sprach: "vil schône wîp,
daz wir uns muozen scheiden,
des lît gar vröudelôs mîn lîp."
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

7.
Diu minneclîche vrouwe sprach
>vröu dich, trûtgeselle mîn,
sît dir sô liebe nie geschach
sô her ze mir, nu bin ich dîn.
ich hân dich umbevân:
nu wis in hôhem muote,
jo 'st al dîn wille an mir ergân.<
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

8.
Der ritter guot sprach dô hin zir
"genâde, vrouwe kunegîn,
du hâst sô wol gelônet mir,
daz dir iemer sol daz herze mîn
gelîchen willen trage
alsô mîn selbes lîbe;
vurwâr vernim waz ich dir sage."
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

9.
>Ich sol dir<, sprach diu vrouwe hêr,
>getrûwen aller staetigkeit.
nu tuo durch mich ein lutzel mêr,
daz dû vermîdes sendiu leit,
ob ich dir maere bin.
dun' leistes mînes lêre,
so ist unser zweier liebe hin.<
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

10.
"Wie mohte ich leisten dîniu wort,
diu dû mir vor gezellet hâst?
der liebe vunde nieman ort,
wie nâ du mir ze herzen gâst.
des muoz ich kumber dol,
swenn ich mich von dir scheide,
des ich von schulden trûren sol."
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

11.
Dô sprach daz wunneclîche wîp
>nu 'ntrûre niht, daz ist mîn rât:
wiltû verliesen sô den lîp,
daz ist unvrumes mannes tât.
du solt geduldic sî:
swer minnet âne mâze,
dâ nist niht guoter sinne bî.<
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

12.
"Swer sich an liebe mâzen kan,
der hât mir ungelîchez leben.
jâ twinget mich vil senden man
diu minne, daz ich muoz begeben
die werlt in kurzen tagen
nâch dînem suozen lîbe.
mahtû daz, vrouwe, an mir vertragen?"
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

13.
>Wie mohte ich lengen baz dîn leben?
nu tuon in allez daz ich sol.
mich selben hân ich dir gegeben:
sô wânde ich dir gesenften wol.
nu sprich, waz wiltu mê?
mag ich dir daz gewinnen,
dar an sol al dîn wille ergê.<
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

14.
"Mîn sorge swachet mir den sin,
des muoz ich in den riuwen sîn,
swenn ich sô lange von dir bin,
daz dû vergezzest, vrouwe, mîn.
des muoz ich kumber trage:
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
daz ist mîn allermeiste klage."
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

15.
Nu hôret wie der vrouwen guot
des heldes klage ze herzen gie.
si dâhte senften im den muot,
mit armen sin ze sich gevie.
si kuste in âne zal.
si sprach gezogenlîchen
>nu hâstu guoter minne wal.<
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

16.
Dô sprach der ritter uberlanc
"nu hôre, herzevrouwe, mir:
ein swaere tuot mich vröuden kranc,
sô mir gedanke komet von dir
und ich dîn niene hân,
sô gât ez an ein trûren;
des muoz ich staete vröude lân."
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

17.
Dô sprach diu vrouwe wolgetân
>der sorgen soltu wesen vrî.
die wîle ich muot ze minnen hân,
sô sol mir iemer wonen bî
guot trûtschaft hin ze dir
von herzelîcher liebe;
des soltu wol getrûwen mir.<
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

18.
"Sô wol mich daz ich hân vernomen
von dir so wunneclîchen trôst.
ez sol mir al ze heile komen,
ich wirde ab aller leide erlôst,
sît ich gehôret hân
von dir sô suoze maere;
des wil ich allez trûren lân."
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

19.
Nu hôret wie die lieben dô
ir leit verklageten dô zehant.
si wurden beide ein ander vrô.
diu minne het an in geblant
riuw unde sende nôt.
si sprach >mîn trûtgeselle,
uns mac niht scheiden wan der tôt.<
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

20.
Hie mugt ir merken vremde zal,
wie liebe dâ mit liebe vaht:
ê dan si schieden ab dem wal.
daz jâmer swendet in die naht.
dâ was sîn ungemach,
er sûfte inneclîchen,
dô er den morgen schînen sach.
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

21.
Swer ûch von ende solte sage,
wie daz in dô diu minne twanc
dô er erschrac von deme tage,
ez mohte ûch dunken al ze lanc.
des wart sîn herze sêr,
er sprach vil jâmerlichen
"gebût mir, edeliu vrouwe hêr!"
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.

22.
Diu schône vrouwe sprach alsô
>vil lieber lîp, nu wis gesunt,
vil senftes muotes unde hô.<
si kusten sich ze maniger stunt.
er sprach "trût vrouwe mîn,
gelucke liebe und êre,
heil, saelde muoze mit dir sîn."
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage

23.
Sus endet sich der zweier strît
mit suozen worten âne haz.
swâ lieb an liebes arme lît,
die sulen iemer merken daz,
ê 'z an ein scheiden gê,
dazs aber zesamene denken;
wan afterriuwe tuot vil wê.
ez nâhet dem tage.
swâ sich zwei liebe scheiden,
die haben herzeleide klage.
 
1.
Nun kommt hierher, wenn ihr hören möchtet,
was ich von der Liebe erzählen will.
Wenn euch mein Vortrag nicht ganz gefällt
und euch langweilt, sagt mir, wenn ich abbrechen soll,
dann werde ich nicht weitersprechen.
Wer mich dafür beschenkt,
dessen Wünsche mögen in Erfüllung gehen.
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

2.
Ein Ritter hatte lange
um eine wunderschöne Dame geworben,
und schließlich war sein Bemühen erfolgreich.
Sie belohnte ihn für all seine Mühe
ganz nach seinem Wunsch.
Heimlich ließ sie ihm wissen,
wo sie ihm den Lohn gewähren wollte.
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

3.
Die schöne Dame kam an den vereinbarten Ort,
wo sie den Ritter fand.
Er hoffte, sie umarmen zu können,
und glaubte, am Ziel seiner Wünsche zu sein.
In diesem Augenblick setzte ein Lärm ein,
der sie zwang, sie zu trennen.
Dies bereitete beiden sehr großen Schmerz.
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

4.
Der Ritter und die edle Dame
waren beide in heftiger Liebe entbrannt.
Dies erkannte die gute Frau Minne
und ließ sie nicht mehr länger warten.
Sie sorgte sehr bald dafür,
dass sie einander erneut trafen
und nach der Trauer wieder Freude empfanden.
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

5.
Als sich daraufhin alle ihre
Wünsche in Liebesdingen erfüllten,
zog er die Dame an sich.
Er küsste ihren süßen roten Mund
und schwor ihr hoch und heilig,
dass er in seinem ganzen Leben
noch nie solche Liebe erfahren hätte.
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

6.
Nach dem leidenschaftlichen Liebesspiel
überfiel ihn eine bedrückende Unruhe,
die ihm einen Teil des Liebesglücks raubte.
Er sagte zu seiner geliebten Dame:
"Schönste Frau,
dass wir uns trennen müssen,
macht mich ganz unglücklich."
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

7.
Die liebreizende Dame antwortete:
>Freue dich, mein Liebster.
Da dir bisher solches Liebesglück nie widerfahren
ist, komm her zu mir, ich bin nun dein.
Ich habe dich umarmt, nun sei glücklich,
denn es sind doch alle deine Wünsche
bei mir in Erfüllung gegangen.<
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

8.
Der edle Ritter erwiderte ihr daraufhin:
"Erbarmen, meine Königin,
du hast mich so reich belohnt,
dass ich für dich immer das gleiche
empfinden werde wie für
mich selbst.
Fürwahr, höre, was ich dir sage."
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

9.
>Ich will<, sagte die edle Dame,
>auf deine uneingeschränkte Beständigkeit vertrauen.
Nun tu um meinetwillen noch ein wenig mehr,
indem du jeglichen Sehnsuchtsschmerz vermeidest,
wenn du mich liebst.
Wenn du meiner Bitte nicht folgst,
ist unsere Liebe zu Ende.<
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

10.
"Wie könnte ich das befolgen,
was du mir gerade gesagt hast?
Niemand könnte unserer Liebe ein Ende setzen,
so nah, wie du mir am Herzen liegst.
Deshalb muss ich Leid auf mich nehmen,
wenn ich von dir Abschied nehme,
und werde zu Recht darüber traurig sein."
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

11.
Da sprach die wunderschöne Frau:
>Nun sei nicht traurig, das rate ich dir.
Wenn du auf diese Weise dein Leben verlieren willst,
dann ist das die Tat eines schwächlichen Mannes.
Du musst Geduld haben:
wer maßlos liebt,
der handelt nicht vernünftig.<
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

12.
"Wer in der Liebe Maß halten kann,
der ist von mir völlig verschieden.
Mein Verlangen ist so groß,
dass die Liebe mich vor lauter Sehnsucht
nach dir, Liebste,
nicht länger leben lässt.
Kannst du, Herrin, mir das verzeihen?"
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

13.
>Wie könnte ich dein Leben verlängern?
Ich werde jetzt alles tun, was ich soll.
Ich habe mich selbst dir hingegeben
und hoffte, auf diese Weise deinen Schmerz
zu stillen. Nun sage, was willst du mehr?
Kann ich es dir verschaffen,
so soll sich dein Wunsch erfüllen.<
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

14.
"Die Angst, dass du mich vergisst,
wenn ich so lange von dir fort bin,
nimmt mir allen Mut
und macht mich traurig.
Deshalb bedrückt mich Kummer.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Dies ist meine allergrößte Not."
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

15.
Hört nun, wie sehr die Not
des Helden der edlen Dame zu Herzen ging.
Sie wollte ihn beruhigen
und zog ihn in ihre Arme.
Sie küsste ihn unzählige Mal
und sagte freundlich:
>Jetzt kannst du frei über die wahre Liebe verfügen.<
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

16.
Nach langer Zeit ergriff der Ritter wieder das Wort:
"Nun höre mir zu, Liebste.
Ein Schmerz nimmt mir jegliche Freude.
Wenn ich an dich denke
und dich nicht bei dir habe,
beginnt die Traurigkeit.
Deswegen ist dauerhaftes Glück mir fremd."
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

17.
Darauf erwiderte die schöne Dame:
>Deswegen brauchst du dir keine Sorgen machen.
Solange mir der Sinn nach Liebe steht,
werde ich immer zärtliche
und innige Liebe
für dich empfinden.
Das musst du mir glauben.<
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

18.
"Wohl mir, dass ich so liebevollen
Trost von dir empfangen habe.
Meinem Glück steht nun nichts mehr im Wege.
Ich werde von allem Schmerz erlöst,
seit ich diese angenehme Nachricht
von dir vernommen habe.
Darum will ich nicht länger traurig sein."
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

19.
Hört nun, wie die beiden Liebenden
daraufhin sogleich aufhörten, ihr Unglück zu beklagen.
Sie begannen, sich aneinander zu freuen.
Die Liebe hatte ihren Schmerz
und ihre Sehnsuchtsqualen vertrieben.
Sie sagte: >Liebster,
uns kann nichts mehr trennen, außer der Tod.<
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

20.
An dieser Stelle könnt ihr eine wunderliche
Erzählung hören, wie die Liebenden
dort miteinander rangen, ehe sie den Ort
verließen. Die Nacht vertrieb ihren Kummer.
Als er jedoch den Morgen
heraufdämmern sah,
wurde er wieder unglücklich und seufzte tief.
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

21.
Wenn euch jemand von Anfang
bis Ende schildern müsste, wie ihn die Liebe
überwältigte, als er über den Tagesanbruch erschrak,
würde euch das viel zu lang erscheinen.
Er wurde deswegen sehr traurig
und sagte voller Kummer:
"Lass mich gehen, edle Herrin."
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

22.
Die schöne Dame antwortete:
>Liebster, bleibe gesund,
heiter und froh.<
Sie küssten sich immer wieder.
Er sagte: "Liebste Herrin,
mögen Glück, Liebe und Ansehen,
Gesundheit und Gottes Segen mit dir sein."
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.

23.
So endete das Liebesspiel der beiden
mit zärtlichen Worten ohne Hass. Überall,
wo zwei Liebende einander in den Armen liegen,
sollen sie, bevor es ans Abschiednehmen geht,
immer an ihr nächstes Zusammensein denken.
Denn wenn sie dies unterlassen,
werden sie es sehr schmerzlich bereuen.
Es geht auf den Tag zu.
Überall, wo sich zwei Liebende trennen müssen,
sind sie von tiefem Schmerz erfüllt.
 


Minnesänger