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Carmina amatoria - Carmina Liebeslieder
Carmina moralia et satirica - Moralisch-Satirische Dichtungen

188 (lat.)
1.
Diligitur, colitur,
quem sors illuminat ere;
Spernitur et premitur,
qui nulla videtur habere.

2.
Si dives fueris,
multorum laude frueris;
At neglectus eris,
si copia nulla sit eris.
1.
Man liebt, man verehrt,
wen das Schicksal mit
Reichtum ziert, man verachtet und nötigt,
wem man seine Armut ansieht.

2.
Wenn du reich bist,
genießt du Ruhm in der Menge;
unbeachtet jedoch wirst du sein,
wenn du nur wenig Geld hast.
 
190 (lat.)
1.
Sunt detractores
inimicis deteriores.
Retro rodentes
et coram blanda loquentes
sunt magis infesti,
quoniam non sunt manifesti.

2.
Lingua susurronis
est peior felle draconis.
1.
Lästerer sind
schlimmer als Feinde.
Denn hinterrücks sticheln sie,
wogegen sie vornherum schmeicheln.
Deshalb sind sie gefährlicher,
weil sie sich ja nicht zu erkennen geben.

2.
Was ein Flüsterer zischelt,
ist schlimmer als Drachengalle.
 
192 (lat.)
1.
Si quis displiceat pravis, non sollicitetur;
Cum non sit pravus, nemo placere potest.


2.
Opto placere bonis, pravis odiosus haberi;
Namque solent odio scmper habere bonos.
 
1.
Wenn einer den Schlechten missfällt, soll er sich
nicht bekümmern; keiner kann ihnen gefallen,
wenn er nicht selber schlecht ist.

2.
Den Guten möchte ich gefallen, als verhasst gelten
bei den Schlechten; denn sie pflegen ihren Hass
immer auf die Guten zu lenken.
 

                              


Trinkszene aus der Codex Burana

 

196 (lat.)
1.
In taberna quando sumus,
non curamus; quid sit humus,
sed ad ludum properamus,
cui semper insudamus.
quid agatur in taberna,
ubi nummus est pincera,
hoc est opus, ut queratur,
sed quid loquar, audiatur.

2.
Quidam ludunt, quidam bibunt,
quidam indiscrete vivunt.
sed in ludo qui morantur
es his quidam denudatur;
quidam ibi vestiuntur
quidam saccis induuntur.
ibi nullus timet mortem,
sed pro Baccho mittunt sortem.

3.
Primo pro nummata vini;
ex hac bibunt libertini.
semel bibunt pro captivis,
post hec bibunt ter pro vivis,
quater pro Christianis cunctis,
quinquies pro fidelibus defunctis,
sexies pro sororibus vanis,
septies pro militibus silvanis.

4.
Octies pro fratribus perversis,
nonvies pro monachis dispersis,
decies pro navigantibus,
undecies pro discordantibus,
duodecies pro penitentibus,
tredeciens pro iter agentibus.
tam pro papa quam pro rege
bibunt omnes sine lege.

5.
Bibit hera, bibit herus,
bibit miles, bibit clerus,
bibit ille, bibit illa,
bibit servus cum ancilla,
bibit velox, bibit piger,
bibit albus, bibit niger,
bibit constans, bibit vagus,
bibit rudis, bibit magus,

6.
Bibit pauper et egrotus,
bibit exul et ignotus,
bibit puer, bibit canus,
bibit presul et decanus,
bibit soror, bibit frater,
bibit anus, bibit mater,
bibit ista, bibit ille,
bibunt centum, bibunt mille.

7.
Parum durant sex nummate,
ubi ipsi immoderate
bibunt omnes sine meta,
quamvis bibant mente leta.
sic nos rodunt omnes gentes,
et sic erimus egentes.
qui nos rodunt, confundantur
et cum iustis non scribantur.
1.
Wenn wir in der Schenke sind,
scheren wir uns nicht um die Welt,
sondern eilen zum Spiel
und kommen stets dabei ins Schwitzen.
Was in der Schenke vor sich geht,
wo die Münze Mundschenk ist,
das sollte man erkunden!
Hört also, was ich euch berichte:

2.
Manche spielen, manche trinken,
manche führen sich liederlich auf.
Aber sie, die beim Spiel verweilen -
von denen werden manche nackt,
manche werden dort bekleidet,
manche ziehen sich Säcke über.
Dort fürchtet keiner den Tod,
sondern sie werfen das Los um Bacchus:

3.
zunächst um die Zeche des Weines,
von der sie dann ausgelassen trinken.
Einmal trinken sie auf die Gefangenen,
dann trinken sie dreimal auf die Lebenden,
viermal auf alle Christen,
fünfmal auf die seligen Toten,
sechsmal auf die eitlen Schwestern,
siebenmal auf die Raubritter.

4.
Achtmal auf die schlechten Brüder,
neunmal auf die Vagantenmönche,
zehnmal auf die Seefahrer,
elfmal auf die Zwieträchtigen,
zwölfmal auf die Reumütigen,
dreizehnmal auf alle, die auf der Straße leben.
Auf den Papst und auf den König
trinken alle ohne Maß.

5.
Es trinkt die Herrin, es trinkt der Herr,
es trinkt der Kleriker, es trinkt der Soldat,
es trinkt dieser, es trinkt diese,
es trinkt der Sklave mit der Magd,
es trinkt der Flinke, es trinkt der Träge,
es trinkt der Weiße, es trinkt der Schwarze,
es trinkt der Standhafte, es trinkt der Unstete,
es trinkt der Ungebildete, es trinkt der Weise,

6.
es trinkt der Arme und der Kranke,
es trinkt der Verbannte und der Unbekannte,
es trinkt der Knabe, es trinkt der Alte,
es trinkt der Bischof und Dekan,
es trinkt die Schwester, es trinkt der Bruder,
es trinkt die Vettel, es trinkt die Mutter,
es trinkt diese, es trinkt dieser,
es trinken hundert, es trinken tausend.

7.
Sechs Münzen reichen nicht weit,
wo diese alle trinken,
ohne Maß und Ziel.
Allerdings: Sie trinken mit fröhlichem Sinn.
So nehmen uns alle Völkerschaften aus,
und deshalb werden wir arm.
Wer uns ausnimmt, soll zuschanden werden
und sein Name nicht im Buch der Gerechten stehen.
 
198 (lat.)
1.
Mella, cibus dulcis, sunt sepe nocentia multis;
Divitie dulces pluribus, Alle, graves.


2.
Esca quidem simplex sanum facit atque valentem,
Sed sanum multi destituere cibi.

Godefridus Vincestriensis
od. Godefrid von Winchester
ca. 1050 - 1107
1.
Honig die süße Speise, schadet zwar
häufig vielen. Doch süßer Reichtum,
Allius, drückt noch mehr Menschen nieder.

2.
Schlichtes Essen zwar macht gesund
und kräftig, üppige Speisen
aber haben sogar Besonnene verführt.



 
200 (lat.)
 
1.
Bacche, bene venies gratus et optatus,
per quem noster animus fit letificatus.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

2.
Bacchus forte superans pectora virorum
in amorem concitat animos eorum.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

3.
Bacchus sepe visitans mulierum genus
facit eas subditas tibi, o tu Venus.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

4.
Bacchus venas penetrans calido liquore
facit eas igneas Veneris ardore.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

5.
Bacchus lenis leniens curas et dolores
confert iocum, gaudia, risus et amores.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

6.
Bacchus mentem femine solet hic lenire
cogit eam citius viro consentire.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

7.
Bacchus illam facile solet expugnare,
a qua prorsus coitum nequit impetrare.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

8.
Bacchus numen faciens hominem  iocundum, reddit eum pariter doctum et facundum.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

9.
Bacche, deus inclite, omnes hic astantes
leti sumus munera tua prelibantes.
Istud vinum, bonum vinum, vinum generosum, reddit virum curialem, probum, animosum.

10.
Omnes tibi canimus maxima preconia,
te laudantes merito tempora per omnia.
1.
Bacchus, lieb und angenehm,
sei uns willkommen,
denn du erfreust unsere Herzen.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

2.
Bacchus bezwingt die Herzen der Männer
mit Macht und spornt
ihr Gemüt zur Liebe an.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

3.
Bacchus besucht häufig
das weibliche Geschlecht
und macht es dir, o du Venus, ergeben.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

4.
Bacchus durchdringt die Adern als glühender
Strom und entflammt
sie mit dem Feuer der Venus.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

5.
Bacchus, der Milde, lindert Sorgen
und Schmerzen und bringt Scherz,
Freude, Lachen und Liebe.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

6.
Alsdann pflegt Bacchus,
Frauen milde zu stimmen, nötigt sie,
einem Mann schnell nachzugeben.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

7.
Mit Leichtigkeit erobert Bacchus für gewöhnlich
solche die keiner nüchtern
zum Beischlaf überreden kann.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

8.
Bacchus bewirkt als Gottheit bei den Menschen
Heiterkeit, macht sie gleichermaßen
gelehrt und redegewandt.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

9.
Bacchus, gepriesener Gott, alle,
die wir hier anwesend sind, sind froh,
das Opfer deiner Gaben zu begehen.
Dein Wein, ein guter Wein, ein edler Wein,
macht einen Mann höfisch, tüchtig und mutig.

10.
Alle singen wir dir die herrlichsten Lobgesänge
und preisen dich zu Recht in Ewigkeit.
 

                             






Würfelspieler aus der Codex Burana




 

203 (lat.)
1.
Hiemali tempore,
dum prata marcent frigore
et aque congelescunt,
concurrunt in estuario,
qui regnant cum Decio
et postquam concalescunt,
socius a socio ludens irretitur.
qui vestitus venerat,
nudus reperitur.
hei, trepidant divitie,
cum paupertas
semper servit libere.

2.
Salutamus, socii,
nos, qui sumus bibuli,
tabernam sicco ore.
potemus alacriter!
scyphi impleantur iugiter!
ludamus solito more!
plana detur tabula!
sortes concedantur!
pro nummis et pro poculis
vestes mutuantur.
hei, nunc appareat,
cui sors magis
aut Fortuna faveat!

3.
Mox stupam egreditur,
a Chaldeo recipitur,
eius commilitone.
quassantur mandibole,
nudus clamat: "ve ve ve!"
currunt dentes in agone.
"o infelix nimium!
cur venis de calore
decantans regem martyrum
deferens in ore?"
hei, hec est regula,
per quam nobis
cutis erit morbida.
1.
Im Winter, wenn die Wiesen
vor Kälte kahl sind
und die Gewässer gefrieren,
versammelt sich das Gefolge von König Decius
in der geheizten Stube.
Und nachdem sie sich aufgewärmt haben,
verwickelt ein Gefährte den anderen ins Spiel.
Wer bekleidet gekommen war,
der ist anschließend nackt.
Hei, der Reiche zögert da,
der Arme hingegen gibt
sich stets unbefangen hin.

2.
Wir Zecher,
Gefährten, wollen der Schenke
einen Besuch abstatten,
denn unser Mund ist trocken.
Lasst uns munter trinken!
Unablässig sollen die Becher gefüllt werden!
Spielen wir wie üblich!
Bring uns einen ebenen Tisch!
Stell uns Würfel her!
Gebt eure Kleider für Münzen und Getränke zum Pfand.
Hei, nun soll sich zeigen,
wem Würfel und Glücksgöttin
am stärksten gewogen sind.

3.
Bald verlässt einer die Stube
und wird von einem
Chaldäer empfangen,
seinem Kameraden.
Man schüttelt die Kiefer,
und nackt ruft er: "Weh, weh, weh!"
ihre Zähne klappern um die Wette.
"O du Unseligster!
Warum trittst du aus der Wärme
und leierst den >König der Märtyrer<
von vorne bis hinten herunter?"
Hei, das ist unsere Ordensregel,
damit unsere Haut entsagungsreich wirkt.
 
206 (lat.)
1.
Hircus quando bibit,
que non sunt debita dicit,
Cum bene potatur,
que non sunt debita fatur

2.
Cum bene sum potus,
tunc versibus effluo totus.
Cum sitio, siccor,
nec in hoc, nec in hec, nec in hic cor.
1.
Wenn der Bock getrunken hat,
redet er Ungebührliches,
wenn er ordentlich gezecht hat,
gibt er Ungebührliches von sich.

2.
Habe ich ordentlich gezecht,
dann fließe ich von Versen ganz über.
Habe ich Durst, vertrockne ich und habe weder
hierzu noch dazu noch zu sonst was Lust.
 

                 





Wurfzabelspiel aus der Codex Burana



 

207 (lat.)
1.
Tessera, blandita fueras michi, quando tenebam,
Tessera perfida, concava, res mala, tessera grandis


2.
Tessera materies est omnis perditionis,
Tessera deponit hominem summe rationis.


3.
Sunt comites ludi mendacia, iurgia, nudi,
Parva fides, furta, macies, substantia curta.


4.
Hi tres ecce canes segnes, celeres et inanes
Sunt mea spes, quia dant michi res et multiplicant
es. Pignora cum nummis, cum castris predia summis Venantur; te predantur, michi sic famulantur.

 
1.
Würfel, du hast mich bezirzt, als ich noch
etwas besaß, Würfel, du treuloser, hohler.
Hässliches Etwas klobiger Würfel.

2.
Würfel sind die Wurzel allen Unheils,
Würfel bringen die weisesten
Menschen zu Fall.

3.
Die Begleiter des Spiels sind Falschheit,
Streiterei, Nackte, Misstrauen, Diebstahl,
Hunger und ein ruiniertes Vermögen.

4.
Sieh her, diese drei Hunde, langsam,
schnell und hohl, sind meine Hoffnung,
weil sie mir Vorteile bringen und mein
Geld vervielfachen. Pfänder und Münzen,
Beute und riesige Schlösser können sie
erjagen; dich berauben sie,
mir aber dienen sie so.
211 (lat.)
1.
Alte clamat Epicurus:
"venter satur est securus.
venter deus meus erit.
talem deum gula querit,
cuius templum est coquina,
in qua redolent divina."

2.
Ecce deus opportunus,
nullo tempore ieiunus,
ante cibum matutinum
ebrius eructat vinum,
cuius mensa et cratera
sunt beatitudo vera.

3.
Cutis eius semper plena
velut uter et lagena;
iungit prandium cum cena,
unde pinguis rubet gena,
et, si quando surgit vena,
fortior est quam catena.

4.
Sic religionis cultus
in ventre movet tumultus,
rugit venter in agone,
vinum pugnat cum medone;
vita felix otiosa,
circa ventrem operosa.

5.
Venter inquit: "nichil curo
preter me. sic me procuro,
ut in pace in id ipsum
molliter gerens me ipsum
super potum, super escam
dormiam et requiescam."
1.
Laut ruft Epikur:
"Ein satter Magen befreit von Sorgen.
Der Magen soll mein Gott sein.
Die Völlerei verlangt nach so einem Gott,
dessen Tempel eine Küche ist,
in der es göttlich duftet."

2.
Siehe, das ist ein brauchbarer Gott,
der zu keiner Zeit nüchtern ist,
der vor dem Morgenmahl
betrunken Wein erbricht,
dessen Altar und Mischkrug
die wahre Glückseligkeit sind.

3.
Seine Haut ist immer glatt
wie ein Schlauch oder eine Flasche;
sein Frühstück mündet im Mittagsmahl.
Deshalb glänzen seine feisten Wangen,
und wenn sein "Riemen" einmal anschwillt,
ist er härter als eine Kette.

4.
Demgemäß erregt der Kult dieser Religion
im Magen einen Aufstand,
der Bauch rumort im Widerstreit,
der Wein kämpft mit dem Met.
Glückseliges Leben voll Muße,
das sich nur mit seinem Magen beschäftigen muss.

5.
Der Magen sagt: "Ich kümmere mich
ausschließlich um mich. So sorge ich für mich,
damit ich es mir, auf Trank gebettet,
gebettet auf Speise, gut gehen lasse
und in Frieden
ruhe und schlafe."
 
213 (lat.)
1.
Sperne lucrum, versat mentes insana cupido.


2.
Fraude carete graves, ignari cedite doctis.


3.
Lusuri nummos animos quoque ponere debent.


4.
Irasci victos minime placet, optime frater.


5.
Ludite securi, quibus es est semper in arca.


6.
Si quis habens nummos venies, exibis inanis.


7.
Lusori cupido semper gravis exitus instat.


8.
Sancta probis pax est; irasci desine victus.


9.
Nullus ubique potest felici ludere dextra.


10.
Inicio furias; ego sum tribus addita quarta.


11.
Flecte truces animos, ut vere ludere possis.


12.
Ponite mature bellum, precor, iraque cesset.
 
1.
Gib nichts auf den Gewinn,
unmäßige Habsucht verdirbt dir den Sinn.

2.
Verzichtet auf den Betrug, ihr Großen.
Ihr Anfänger, gebt den Erfahrenen nach!

3.
Wer spielen will, muss sowohl
Münzen als auch seine Seele setzen.

4.
Besonderen Anstoß erregen zornige Verlierer,
liebster Bruder.

5.
Spielt unbesorgt, sofern ihr stets
Geld in der Truhe habt.

6.
Wenn jemand mit Münzen hineinkommt,
wird er ohnhinausgehen.

7.
Dem gierigen Spieler steht immer
ein schlimmes Ende bevor.

8.
Anständigen Menschen ist der Friede heilig;
werde nicht zornig, wenn du verlierst.

9.
Keiner kann überall mit einer
glücklichen Hand spielen.

10.
Ich rufe die Furien herbei; zu diesen dreien
geselle ich mich selbst als die vierte.

11.
Bändige dein wildes Gemüt,
um vernünftig spielen zu können.

12.
Beendet einen Streit bitte zügig,
und lasst euren Zorn sich legen.
 
217 (lat.)
1.
Iocundemur, socii,
sectatores otii!
nostra pangant ora
cantica sonora,
ut laudemus dignos laude
virtuosos et carentes fraude!
O et o
cum iubilo
largos laudet nostra contio!

2.
Ad honorem hospitis,
cuius festum colitis,
canite benigne
carmen laudis digne!
merorem repudiemus
et psallentes omnes intonemus:
O et o
cum iubilo
largos laudet nostra contio!

3.
"Invidos hypocritas
mortis premat gravitas!
pereant fallaces
et viri mendaces,
munus qui negant promissum,
puniendi ruant in abyssum!"
O et o
cum iubilo
largos laudet nostra contio!
1.
Lasst uns heiter sein, Kameraden,
ihr Anhänger der Muße!
Unsere Münder sollen schallende
Lieder verkünden,
um die Preiswürdigen zu loben,
die Auserlesenen und die Aufrichtigen.
O und o,
mit Freudengesang
preise unsere Schar die Freigebigen!

2.
Zu Ehren des Gastgebers,
dessen Fest ihr feiert,
singt aus vollem Herzen
ein würdiges Loblied!
Legt den Kummer beiseite,
und stimmen wir allesamt ein in diesen Jubel:
O und o,
mit Freudengesang
preise unsere Schar die Freigebigen!

3.
"Der Teufel soll sie holen,
die neidischen Heuchler!
Verdammt sollen sie sein,
die Betrüger und Lügner,
und wer ein versprochenes Geschenk verweigert,
soll zur Strafe zur Hölle fahren!"
O und o,
mit Freudengesang
preise unsere Schar die Freigebigen!
 
218 (lat.)
1.
Audientes audiant:
diu schande uert al uber daz lant
querens viles et tenaces.
si hat sich uermezzen des,
quod velit assumere
di bosen herren, swie ez erge,
ad perdendum in Dothaim.
nu hin, nu hin, nu hin, nu hin.

2.
O liberales clerici,
nu merchent rehte, wi deme si:
date, vobis dabitur,
ir sult lan offen iwer tur
vagis et egentibus,
so gewinnet ir daz himel hus
et in perenni gaudio
alsus, also, alsus, also.

3.
Sicut cribratur triticum,
also wil ih die herren tun:
liberales dum cribro,
die bosen risent in daz stro;
viles sunt zizania,
daz si der tieuel alle erslahœ
et ut in evum pereant.
avoy, avoy, alez avanz!

4.
Rusticales clerici
semper sunt famelici.
die geheizent unde lobent uil
unde lovfen hin zer schande zil.
quisque colit et amat,
daz in sin art geleret hat;
natura vim non patitur.
hin vur, hin vur, hin vur, hin vur!
1.
Wer Ohren hat, soll hören:
Die Schande zieht im Land umher,
kümmerliche Geizhälse sucht sie.
Sie hat sich kühn dazu entschlossen,
solch böse Herren in ihre Gewalt zu bringen,
wie auch immer es gelingt,
um sie in Dothan zu vernichten.
Zieht hin, zieht hin, zieht hin, zieht hin!

2.
O ihr freigebigen Kleriker,
nun achtet wohl, wie sich's verhält:
Gebt, so wird euch gegeben.
Lasst eure Türen offen stehen
für Vaganten und Bedürftige,
dann gewinnt ihr das himmlische Haus
zu eurer ewigen Freude.
Auf diese, diese, diese Weise.

3.
So wie man den Weizen siebt,
will ich mit den Herren umgehen:
Ich siebe die Gütigen aus,
die Bösen fallen nieder ins Stroh.
Die Gemeinen sind Unkraut -
dass sie der Teufel alle holt,
sie sollen für immer verloren sein.
Auf, auf los, los, davon!

4.
Ständiger Hunger plagt
die Kleriker auf dem Lande.
Sie verheißen und lobpreisen viel
und rennen der Schande entgegen.
Ein jeder treibt und liebt,
wie ihn seine Art gelehrt hat.
Die Natur lässt sich nicht zwingen.
Hinfort, hinfort, hinfort, hinfort!
 
223 (lat.)
1.
Res dare pro rebus, pro verbis verba solemus.


2.
Pro nudis verbis montanis utimur herbis,
Pro caris rebus pigmentis et speciebus.
 
1.
Taten pflegen wir mit Taten,
Worte mit Worten zu vergelten.

2.
Bloße Worte honorieren wir mit Kräutern
von der Wiese, freundliche Taten mit
Spezereien und exotischen Gewürzen.
 

Nachtrag

Freidank
* um 1170/80, † Kaisheim um 1233

Freidank (auch: Vrîdanc, Vrîgedanc; war ein fahrender Kleriker ohne Weihen, (Vagant)
der vermutlich aus Schwaben oder dem Elsaß stammte.

 

17*(mhd)

Diu mukke muez sich sere muen,
wil si den ohsen uber luen.


Gienge ein hunt des tages tausent stunt
ze chirchen, er ist doch ein hunt.

Manich hunt wol gebaret,
der doch der leute varet.

Ez dunchet mich ein tumber sin,
swer waent den ouen obergin.

Swa ich waiz den wolues zant,
da wil ich hueten meiner hant,
daz er mich niht verwnde,
sein beizzen swirt uon grunde.


Der lewe sol auch nimmer lagen,
wellent in die hasen iagen.

Div fliug ist, wirt der sumer heiz,
der chuenste uogel, den ich waiz.

Der bremen hohgezit zergat,
so der augest ende hat.

Die cheuern uliegen unuerdaht,
des uallet maniger in ein paht.

Die froesche tuent in selben schaden,
wellent si den storchen zu hůse laden;
di wisen chunnen wol uerstan,
waz ich tore gesprochen han.

Der lewe fuerhtet des mannes niht,
wan ob er in hoeret und niht siht.

Der cheuer sich selb betriuget,
swenn er ze hohe fliuget.

Diu nahtegal diche muet,
swenn ein esel oder ein ohse luet.

Der hunt hat leder urezzen,
so man dienstes wil uergezzen.

Der hofwart vnd der wind
selten gůte friunde sind.

Swer schalchait lernt in der iugent,
der hat uil selten staete tugent.

Man siht uil selten richez hůs
ane dieb und ane můs.

Von reht iz auf in selben gat,
swer dem andern geit valschen rat.

Der esel und di nahtigal
singent ungelichen schal.

Swa man den esel chroenet,
da ist daz land gehoenet.

Minne, schatz, groz gewin
vercherent gůtes mannes sin.

Man minnet nu schatz mere
danne got, lyb, sel vnd ere.

So stæte friundin nieman hat,
er fuerihte doch ir missetat.

Vremede scheidet herzelieb,
stat machet manigen dieb.

Swer lieb hat, der wirt selten urei
vor sorgen, daz ez unstæte sei.

Herzelieb hat manich man,
der doch gar uerniugeret dran.

 

Die Mücke muss sich sehr bemühen,
will sie lauter brüllen als der Ochse.

Ginge ein Hund auch tausendmal am Tag
in die Kirche, so bleibt er doch ein Hund.

Mancher Hund gebärdet sich freundlich
und will doch die Leute beißen.

Ein Narr scheint mir, wer glaubt,
das Maul weiter aufreißen zu können als der Ofen.

Wo ich um den Wolfszahn weiß,
da geb ich Acht auf meine Hand,
damit er mich nicht verwundet:
Sein Biss schwärt gründlich.

Auch dem Löwen ist nicht mehr bestimmt, zu lauern,
wenn ihn die Hasen jagen wollen.

Wird der Sommer heiß, dann ist die Fliege
der kühnste Vogel, den ich kenne.

Für die Bremsen ist's mit dem Feiern vorbei,
wenn der August ein Ende hat.

Die Käfer fliegen unbesonnen,
und so fällt mancher in den Dreck.

Die Frösche schaden sich selbst,
wenn sie den Storch nach Hause einladen.
Die Klugen können wohl verstehen,
was ich Narr damit meine.

Der Löwe fürchtet den Menschen nicht,
es sei denn, er hört ihn und sieht ihn nicht.

Der Käfer täuscht sich selbst,
wenn er zu hoch dahinfliegt.

Die Nachtigall hat oft Verdruss,
wenn Ochs oder Esel brüllen.

Der Hund hat Leder gefressen -
so will man dem Lehnsdienst entgehen.

Der Hofhund und das Windspiel
sind selten gute Freunde.

Wer in der Jugend Arglist lernt,
ist später kaum beständig und gut.

Selten sieht man ein reiches Haus
ohne Dieb und ohne Maus.

Zu Recht fällt auf ihn selbst zurück,
wer dem andern falschen Rat gibt.

Der Esel und die Nachtigall
singen nicht das gleiche Lied.

Wo man den Esel krönt,
da ist das Land entehrt.

Minne, Schatz und großer Gewinn
verkehren guten Mannes Sinn.

Jetzt liebt man Reichtum mehr
als Gott, Leib, Seele und Ehre.

Niemand hat eine so treue Gefährtin,
dass er nicht ihren Fehltritt fürchtet.

Entfernung scheidet herzliche Liebe,
und Nähe, die macht viele Diebe.

Wer wirklich liebt, wird selten frei
von Sorgen, dass es nicht beständig sei.

Viele Leute lieben von Herzen
und verlieren die Lust doch ganz daran.

 

Carmina amatoria - Carmina Liebeslieder
Carmina moralia et satirica - Moralisch-Satirische Dichtungen