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Die drei Spatzen
Christian Morgenstern

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.
Der Erich rechts und links der Franz
und mittendrin der freche Hans.
Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber, da schneit es, hu!
Sie rücken zusammen dicht, ganz dicht.
So warm wie der Hans hat's niemand nicht.
Sie hörn alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

Die schlimmste Frau
Gotthold Ephraim Lessing

Die Weiber können nichts als plagen.
Der Satz sagt viel und ist nicht neu.
Doch, Freunde, könnt ihr mir nicht sagen,
Welch Weib das schlimmste sei?

Ein Weib, das mit dem Manne scherzet
Wie ein gebildter Marmorstein,
Das ohne Glut und Reiz ihn herzet,
Das kann kein gutes sein.

Ein Weib, das wie ein Drache geizet,
Und gegen Kind und Magd genau,
Den Dieb, mich zu bestehlen reizet,
O eine schlimme Frau!

Ein Weib, das gegen alle lachet,
In Liebesstreichen frech und schlau
Uns täglich neue Freunde machet,
O eine schlimmre Frau!

Ein Weib, das nichts als bet' und singet,
Und bei der Kinder Zeitvertreib
Mit Seufzen ihre Hände ringet,
O ein noch schlimmer Weib!

Ein Weib, das stolz aufs Eingebrachte,
(Und welche nimmt der Stolz nicht ein?)
Den Mann sich gern zum Sklaven machte,
Das muss ein Teufel sein!

Ein Weib, das ihrem Manne fluchet,
Wenn er Gesellschaft, Spiel und Wein,
Wie heimlich sie Liebhaber, suchet,
Das muss – – ein Weibsbild sein!

Doppelter Nutzen einer Frau
Gotthold Ephraim Lessing

Zweimal taugt eine Frau – für die mich Gott bewahre! –
Einmal im Hochzeitbett, und einmal auf der Bahre.

Der unbefugte Kritikus
Heinrich von Kleist

Ei, welch ein Einfall dir kommt!
Du richtest die Kunst mir, zu schreiben,
Ehe du selber die Kunst,
Bester, zu lesen gelernt.

Freund, versäume nicht zu leben

Freund, versäume nicht zu leben,
Denn die Jahre fliehn;
Und es wird der Saft der Reben
Uns nicht lange glühn!

Eure Kinder
Khalil Gibran

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
und obwohl sie mit euch sind,
gehören sie euch doch nicht
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben verläuft nicht rückwärts,
noch verweilt es beim Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

Gib nicht auf!
Khalil Gibran

Gleiche nicht jenem,
der am Kamin sitzt und wartet,
bis das Feuer ausgeht,
und dann umsonst in die erkaltete Asche bläst.

Gib die Hoffnung nicht auf,
und verzweifle nicht wegen vergangener Dinge!
Unwiederbringliches zu beweinen,
gehört zu den ärgsten Schwächen des Menschen.

Max Dauthendey
*25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java
Er war ein deutscher Dichter und Maler.

Solang ein Weib tut leben

Solang ein Weib tut leben,
Wird selig auch der Mann.
Sie kann den Himmel geben,
In den man kommen kann.

Solang ein Weib tut leben,
Solang lebt auch der Kuss,
Sie kann den Kuss dir geben,
Der sich verdoppeln muss.

Solang ein Weib tut geben,
Gibt's keine tote Stund.
Wie das Bukett der Reben,
Hat sie den Rausch im Bund.

Sommerwind

Sommerwind durch die Felder rennt,
Heupferdchen springt, die Sonne brennt.
Mittag schlug's auf der Dorfkirch schon,
Der Stunden Wege niemand kennt,
Das Herz läuft mit dem Wind davon.

Stein fliegt zu Stein, und Berg zu Berg im Singen

Ein Springbrunn spielte in dem Garten, der verschwiegen,
Und lernte sich im heißen Mittag fliegen.
Sein Plätschern und sein Tun, in das die Rosen starrten,
Benarrten meine Schritte, und ich ging
Ins Blaue, wie der kühle Brunn verstiegen,
Auf eine Aue, die im Himmel hing.
Saß nieder, lauschte lieblichem Gesing,
Versank in meine Brust und ihre Lieder.
Und Lieber machen selbst die Steine zarter,
Die keine Worte kannten, können's plötzlich wagen,
Und sich im Echo über Täler tragen.
Stein fliegt zu Stein, und Berg zu Berg im Singen,
Und Lieder können sie zusammenbringen.
Ein Lied zieht durch verschlossne Türen.
Wenn Lieder an die müden Menschen berückend rühren,
So spüren sie nicht drückend mehr die Glieder,
Entführen könnte dich ein schwacher Schmetterling,
So leicht macht einen Menschen herzliches Gesing.

Vom Hahn
Heinrich Seidel
25. Juni 1842 - 7. November 1906

Ich wünscht ich wär ein Gockelhahn,
Dann säß' ich auf dem Zaune,
Und krähte meine Hühner an,
in aller bester Laune

Ich wünscht ich wär ein Kirchturmhahn,
dann säß' ich auf dem Turme
Schaut' mir die Welt von oben an
und drehte mich im Sturme

Und wenn ich gar ein Fasshahn wär,
und wär das Fass am laufen
würd' ich ganz und schrecklich sehr
mich Tag und Nacht besaufen

William Blake
*28. November 1757 in London; † 12. August 1827 ebenda
war ein englischer Dichter, Naturmystiker, Maler, und Erfinder der Reliefradierung.

Blick und Lächeln

Es gibt ein Lächeln der Liebe,
Und es gibt ein Lächeln aus Trug,
Und es gibt ein Lächeln des Lächelns,
Drin trifft sich der zweifache Zug.

Und es gibt einen Blick aus Hass,
Und es gibt einen Blick aus Veracht,
Und es gibt einen Blick des Blicks,
Den nichts mehr vergessen macht.

Denn er steckt in dem tiefen Herz,
Und er steckt in dem tiefen Gebein.
Und kein Lächeln ward je gelächelt,
Als nur ein Lächeln allein.

Und es ist zwischen Wiege und Grab
Nur zu lächeln ein einzig Mal,
Doch ward es einmal gelächelt,
Hat's ein Ende mit aller Qual.

Die Welt sehn in einem Körnchen Sand

Die Welt sehn in einem Körnchen Sand,
den Himmel in einem Blütenrund,
die Unendlichkeit halten in der Hand,
die Ewigkeit in einer Stund'.
 
Der Garten der Liebe
 
The Garden of Love
 
Ich ging in den Garten der Liebe
Und sah, was ich niemals geschaut:
Eine Kapelle war, wo im Grünen
Als Kind ich einst spielte, gebaut.

Und die Pforten waren verschlossen,
und Du sollst nicht stand über der Tür;
So wandte ich mich zum Garten
Und suchte nach Blumen wie früh'r.

Statt Blumen fand ich dort Gräber
Und Grabsteine um sie herum
Gingen Priester in Scharen in schwarzen Talaren,
Die spießten mit Stangen mein Glück und Verlangen.
 
I went to the Garden of Love,
And I saw what I never had seen:
A Chapel was built in the midst,
Where I used to play on the green.

And the gates of this Chapel were shut,
And Thou shalt not. Writ over the door;
So I turn'd to the Garden of Love,
That so many sweet flowers bore.

And I saw it was filled with graves,
And tomb-stones where flowers should be:
And Priests in black gowns, were walking their rounds,
And binding with briars, my joys & desires.
 

Sebastian Brant
*1457 oder 1458 in Straßburg; † 10. Mai 1521 in Straßburg,
war ein deutscher Humanist und Verfasser des Narrenschiffs, eines der populärsten
Bücher im 16. Jahrhundert.

Der Freunde gehn zur Zeit und Not

Der Freunde gehn zur Zeit und Not,
wohl vierundzwanzig auf den Lot,
und die zumeist uns wollen lieben,
die gehen auf ein Quentchen sieben.

Ein Narr

Ein Narr, der Kindern geben wollte,
womit er selbst sich fristen sollte.

Nach Einsicht trachtet

Nach Einsicht trachtet,
nicht nach Geld:
Weisheit ist mehr
als alle Welt.

Wer fördern will

Wer fördern will,
des andern Karren,
den eignen hindert,
hat den Sparren.

Wer sammelt

Wer sammelt, was vergänglich ist,
vergräbt die Seel' in Kot und Mist.

Wer wünschen well

Wer wünschen well, das er reht leb,
Der wünsch, das im got dazü geb
Ein gsunder sinn, lib und gemüt,
Und in vor vorcht des todes bhüt,
Vor zorn, begir und bösem git.

Zuviel der Sorge tut nicht gut

Zuviel der Sorge tut nicht gut,
macht bleich und dürr und dünnt das Blut.
Ein Narr, der nicht will lassen schlendern,
was er doch nicht vermag zu ändern.

Michelangelo Buonarroti
*6. März 1475 -  † 18. Februar 1564
war ein italienischer Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter.

Es sandte mir das Schicksal

Es sandte mir das Schicksal frühen Schlaf.
Ich bin nicht tod, ich tausche nur die Räume.
Ich leb in euch und geh durch eure Träume,
da uns, die wir vereint, Verwandlung traf.

Hier am äußersten Rande

Hier am äußersten Rande des Lebensmeeres
Lern ich zu spät erkennen, o Welt, den Inhalt
Deiner Freuden, wie du den Frieden, den du
Nicht zu gewähren vermagst, versprichst und jene
Ruhe des Daseins, die schon vor der Geburt stirbt.
Angstvoll blick ich zurück, nun da der Himmel
Meinen Tagen ein Ziel setzt: unaufhörlich
Hab ich vor Augen den alten, süßen Irrtum,
Der dem, den er erfasst, die Seele vernichtet.
Nun beiweis ich es selber: den erwartet
Droben das glücklichste Los, der von der Geburt ab
Sich auf dem kürzesten Pfad zum Tode wandte.

Weh jedem, der vermessen

Weh jedem, der vermessen und verblendet,
die Schönheit wieder zu den Sinnen reißt.
Zum Himmel trägt sie den gesunden Geist.

Friedrich Nietzsche
15. Oktober 1844 - 25. August 1900

Liebeserklärung

Oh Wunder! Fliegt er noch?
Er steigt empor und seine Flügel ruhn?
Was hebt und trägt ihn doch?
Was ist ihm Ziel und Zug und Zügel nun?

Gleich Stern und Ewigkeit
Lebt er in Höhn jetzt, die das Leben flieht,
Mitleidig selbst dem Neid: -
Und hoch flog,
Wer ihn auch nur schweben sieht!

Oh Vogel Albatros!
Zur Höhe treibt's mit ew'gen Triebe mich.
Ich dachte dein: da floss
Mir Trän' und Träne – ja, ich liebe dich!

Zarathustras Rundgesang

Oh Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief, -
Aus tiefem Traum
bin ich erwacht:
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh, -
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit, -
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"


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