Der Marner
   
 

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Minnesänger


Der Marner
13. Jahrhundert in Schwaben



Der tatsächliche Name ist nicht überliefert.
Er war ein Wanderdichter und Sänger, der in seinen Texten eine solide Schulbildung erkennen lässt.
1270 wahrscheinlich während des Interregnums, ermordet.
Er verfasste Minnelieder, auch fünf lateinische Dichtungen hat er hinterlassen. Seine Lieder sind
in den Jahren zwischen 1220 und 1270 entstanden.

Der Marner wurde zu den zwölf alten Meistern gezählt

 

1.
"Guot wahter wîs,
dû merke wol die stunt,
sô die wolken verwent sich
und werdent grîs:
die zît tuo mir kunt,"
sprach ein frouwe minneclich.
"Warne ob ich entslâfen bin,
sô daz der ritter vor der argen huote kume hin;
kius den morgensterne,
sanc der kleinen vogellîn.
ich waere gerne
langer hie; des mac niht sîn.
er liebet wol dem herzen mîn."

2.
Der wahter schiet
oben ûf die zinne dan.
dô der tac die wolken spielt,
ein tageliet
in der wîse vienc er an:
"saelde ir beider mâze wielt.
Troie wart zerstoeret ê,
Tristranden wart von minne Isalden dicke wê,
noch hât Minne werden
man, der wirbet frouwen gruoz,
dem sol er werden,
ob ich alsus warten muoz:
ez ist vor tage nicht einen vuoz."

3.
Diu liebe entslief,
wan si was vermüedet sô,
daz diu frouwe zuo dem man
sich umbeswief.
wahte dâ diu minne dô,
sô kumt wol der ritter dan.
Minne lache, unminne habe unminne;
entsliuz dû, Minne, tuo daz slôz mit fuogen abe.
diu zît meldet, melde
kumt, diu selten ie gelac.
an minne gelde
hât unminne noch bejac.
"nû wol ûf, ritter, ez ist tac."
 

1.
"Lieber kluger Wächter,
gib genau acht auf die Zeit,
wenn die Wolken sich verfärben
und grau werden,
und melde es mir",
sagte eine liebreizende Dame.
"Warne uns, wenn ich eingeschlafen bin,
damit der Ritter unbemerkt von den feindseligen
Aufpassern davonkommt. Achte auf den
Morgenstern und den Gesang der kleinen Vögel.
Ich bliebe gern länger hier,
aber das ist unmöglich.
Er gefällt mir sehr."

2.
Der Wächter stieg
daraufhin auf die Zinne hinauf.
Als der Tag durch die Wolken drang,
begann er folgendes
Tagelied zu singen:
"Diese beiden hielten Maß in ihrem Liebesglück.
Troja hingegen wurde erstmals zerstört, und
Tristan stürzte die Liebe zu Isolde häufig in tiefes
Leid. Noch hält die Liebe einen edlen Mann fest,
der um die Zuneigung einer Frau wirbt.
Die soll er erhalten,
wenngleich ich erkennen kann,
es wird bald Tag."

3.
Die Geliebte war eingeschlafen,
denn sie war nach dem Liebesspiel sehr müde
geworden. Wäre sie wach, käme der Ritter
wohlbehalten davon.
Wahre Liebe soll fröhlich sein,
falsche Liebe sei verhasst.
Löse du, Frau Minne, ihre innige Umarmung
auf angemessene Weise.
Es ist soweit, Frau Melde kommt,
die noch niemals geruht hat.
Bei einer kostbaren Liebe sind Hass
und Feindschaft immer noch auf Beute aus.
"Steht jetzt auf Ritter, es ist Tag."
 

Sing ich dien liuten mîniu liet,
sô wil der êrste daz
wie Dieterîch von Berne schiet, der ander,
wâ künc Ruother saz, der dritte wil der
Riuzen sturm, sô wil der vierde Ekhartes nôt,
Der fünfte wen Kriemhilt verriet,
dem sehsten taete baz war komen
sî der Wilzen diet. der sibende wolde
eteswaz Heimen ald hern Witchen sturm,
Sigfrides ald hern Eggen tôt. Sô wil der
ahtode niht wan hübschen minnesanc.
dem niunden ist diu wîle bî den allen lanc.
der zehend enweiz wie, nû sust nû sô,
nû dan nû dar, nû hin nû her, nû dort nû hie.
dâ bî haete manger gerne der Nibelunge hort.
der wigt mîn wort ringer danne ein ort:
des muot ist in schatze verschort.
sus gât mîn sanc in manges ôre, als der mit
blîge in marmel bort. sus singe ich unde
sage iu, des iu niht bî mir der künec enbôt.
 

Singe ich den Leuten meine Lieder,
so wünscht der erste zu hören,
wie Dietrich von Bern ins Exil ging, der andere,
wo König Rother saß; der dritte möchte vom
Russen-Kampf hören, der vierte Eckharts Not,
der fünfte, wen Kriemhild verraten hat,
dem sechsten wäre es am liebsten zu hören, was aus
den Wilden geworden sei; der siebte möchte
etwas hören vom Kampf Heimes oder Herrn Witichs,
vom Tod Siegfrieds oder Eckes. Der achte jedoch
wünscht nur höfischen "Minnesang". Dem neunten
aber wird es bei allem langweilig. Der zehnte kann
sich nicht entscheiden: mal so, mal anders; mal hier,
mal da; mal hin, mal her; mal dort, mal hier.
Mancher besäße gerne etwas vom Nibelungen-Hort:
Der schätzt meine Worte ganz gering ein:
sein ganzes Denken ist auf Geld gerichtet. So dringt
mein Gesang vielen ins Ohr, wie wenn jemand mit
Blei in Marmor bohrt. So singe und sage ich euch,
was für euch bei mir nicht der König verlangt hat.
 

Wê dir von Zweter Regimâr!
dû niuwest mangen alten funt.
dû speltest als ein milwe ein hâr,
dir wirt ûz einem orte ein pfunt,
ob dîn liezen dich niht triuget.
dir wirt ûz einem tage ein jâr,
ein wilder wolf wirt dir ein hunt,
ein gans ein gouch, ein trappe ein star,
dir spinnet hirz dur dînen munt:
wâ mit hâstû daz erziuget?
ein lüg dur dîne lespe sam ein slehtiu wârheit vert.
dû hâst den vischen huosten, krebzen sât erwert.
bî dir sô sint driu wundertier:
daz ist der gît,
haz unde nît.
dû dœnediep,
dû briuwest âne malz ein bier:
supf ûz! ir ist ein lecker liep,
der den herren vil geliuget.
 

Weh dir, Reinmar von Zweter!
Du möbelst so manches alte Lied wieder neu auf.
Du spaltest wie eine Milbe ein Haar auf,
du machst aus einem Viertel ein Pfund,
wenn deine Wahrsagerei dich nicht trügt.
Dir wird aus einem Tag ein ganzes Jahr,
ein Wolf wird dir zu einem Hund,
eine Gans ein Kuckuck, eine Trappgans ein Star,
dir spinnt der Hirsch dank deinem Mund:
womit kannst du das beweisen?
Eine Lüge fährt über deine Lippen wie eine schlechte
Wahrheit. Du hast den Fischen Husten, den Krebsen
Samenkorn verweigert. Bei dir sind drei Wundertiere:
das ist der Geiz,
Hass und Neid.
Du Tönedieb,
du brauest ohne Malz ein Bier:
Sauf aus! Dem wird eine leckere Freude zuteil,
der den Herren viele Lügen aufgetischt hat!
 

Merkent an die kleine âmeiz:
sô si den winter vor ir weiz,
samnet in des sumers ernde kündeclîche ir
spîse. sam tuo, dû mensche, und bûwe enzît.
ein starker winter ûf dir lît, der machet
dich in sorgen alt und in dem alter grîse.
dû macht hie bûwen unde sæn mit guoten
werken gegen gote und dînem ebenkristen
daz dû maht snîden unde mæn und ouch
dich dort gein dînem hôhen hêrren maht
gefristen, sô dû den zins ze hove gîst,
die sêle gote, und dû in armen melwe
begraben lîst: dû schaffez sô,
daz dîn diu sêle warte im paradîse.
 

Merkt an der klugen Ameise:
wenn sie weiß, der Winter steht bevor,
sammelt sie mit der Sommerernte voraussorgend
ihre Nahrung. Genau so verhalte dich, du Mensch,
und bestelle rechtzeitig das Feld.
Ein schwerer Winter liegt vor dir, der macht dich
mit Sorgen traurig und im Alter grau.
Du kannst hier das Feld bestellen und säen und zwar
mit guten Werken gegenüber Gott und deinen
Mitchristen, indem du ernten kannst und mähen und
dich auch gegenüber deinem Patron behaupten kannst,
die Seele aber Gott anvertraust. Und wenn du einst im
grauen Staub begraben danieder liegst: richte du es
so ein, dass deine Seele Anwartschaft habe im Paradies.
 

Ez nâhet gein der suone tage,
daz got wil süenen alle klage.
wir haben niht gewisses für des tôdes offenunge.
wiltû dem tôde entrinnen dort, sich mensch,
vernim daz gotes wort, erfülle mit den
werken, daz dû sprichest mit der zunge.
wie snel ist eines ougen blic, sô snel ist dâ
ze Jôsaphat des algerihtes ende.
die rehten füerent dâ den sic, sô windent die
vertânen dâ vil jæmerlîch ir hende.
die müezen in des tievels kewen;
dâ sint si lebende in jâmer tôt von êwen
unze êwen. dâ samne uns gotes güete zuo der
rehten samenunge.
 

Es naht die Zeit des Jüngsten Gerichts,
an dem Gott alle Not beseitigen wird. Wir haben
keine Gewissheit über den Eintritt des Todes.
Willst du den Tod dann dort entrinnen, wache auf,
Mensch, vernimm Gottes Wort, erfülle mit Werken,
was deine Zunge versprochen hat.
Wie schnell ist doch ein Augenblick – so schnell ist
dann das Weltgericht da.
Die Rechtschaffenen bestehen sie siegreich, während
die Verfluchten in Jammer ihre Hände flechten.
Sie müssen in den Rachen des Teufels; dort sind
sie in ihren Jammer lebendig tot auf alle Ewigkeit.
Gottes Güte möge uns dort zur ewigen Vereinigung
zusammen führen.
 

Lebt von der Vogelweide
noch, mîn meister hêr Walthêr,
der Venis, der von Rugge, zwêne Regimâr.
Heinrich der Veldeggære, Wahsmuot,
Rubîn, Nîthart! Die sungen von der heide.
von dem minnewerden her, von den vogeln,
wie die bluoem sint gevar: sanges meister
lebent noch: si sint in tôdes vart.
die tôten mit den tôten, lebende mit den
lebenden sîn! ich vorder ie zuo ze geziuge
von Heinberc den herren mîn
- dem sint rede, wort und rîme in sprüchen
kunt -, daz ich mit sange nieman triuge.
lîhte vinde ich einen vunt, den si vunden
hânt, die vor mir sint gewesen.
ich muoz ûz ir garten und ir sprüchen
bluomen lesen.
 

Ach, lebte doch der von der Vogelweide
noch, mein Meister, Herr Walther,
Rudolf von Fenis, der von Rugge, zwei Reinmare,
Heinrich von Veldeke, Wachsmut,
Rubin, Neidhart! Die sangen von der Heide, von der
liebenswürdigen Schar der Damen, von den Vögeln und
wie die Blumen gemustert sind: die Meister der
Sangeskunst leben noch: sie stehen aber am Rande
des Todes. Die Toten sollen mit den Toten, die Lebenden
mit den Lebenden sein. Ich nominiere schon immer als
Zeugen den von Heinberg, meinen Herren
- dem sind Vorträge, der Inhalt und die Strophenform
meiner Sangsprüche bekannt, - dass ich mit meiner
Sangeskunst niemand betrüge. Leicht mache ich einen
aus, den Vorgänger schon für sich entdeckt haben.
Ich muss aus ihren Gärten und ihren Sangsprüchen
die Kostbarkeiten herauslesen.
 

Die tier zesamen kâmen,
und wolten einen künec weln:
eln und ûren, wisent und helfant, lewen unt bern,
hirz und einhorn. swaz vier beine hât, des kam
vil aldar mislîchen kriec sie nâmen,
des enkam ich niht erzeln.
ein krote diu kam ouch dar; diu wolte niht enbern,
si wære an der wal. des nâmn die tier dur
spotten war. si sprach: "ich hân ouch vier bein,
ich wil daz künicrîch."
der lewe sprach: >bôsheit, var verwâzen!
dû bist tieren niht gelîch.<
noch grôzer si sich blât, hie mite si gar zerbarst.
diz bîspel kumt nû den ze mâzen,
die êren gernt und sint ir gast,
dâ von daz natûre an in niht tugende treit;
swâ frô Êre wol gevert,
daz ist frô Schanden leit.
 

Die Tiere kamen zusammen
und wollten einen König wählen:
Elche und Auerochsen, Wisent und Elephant, Löwen
und Bären, Hirsch und Einhorn. Alles was vier
Beine hat, kam dahin. Unangenehmen Streit
hatten sie, von dem ich nichts erzählen will.
Eine Kröte kam auch hinzu; die wollte darauf
verweisen, sie wäre an der Wahl. Nur mit Spott
vernahmen das die Tiere. Sie sagte: "Ich habe
auch vier Beine, ich will das Königreich."
Der Löwe sprach: >Bosheit, sei verflucht!
Du bist den Tieren nicht gleich.<
Noch mehr blähte sie sich auf, wodurch sie ganz
zerplatzte. Diese Fabel kommt denen entgegen,
die nach Ehre verlangen und ihr willkommen sind
und deren Natur sie nicht hindert, Tugenden zu
haben: wo immer es Frau Ehre gut geht,
geschieht Frau Schande Leid.
 

Wer kan den liuten lüge erwern?
lüg ist ein alter hort;
mit lüge muoz sich vil maneger nern.
lüg hât gestiftet mangen mort.
lüg hât einen argen vater,
lüg hât tumber kinde vil.
lüg hât sich als ein weich wahs bern;
lüg hât vil süeziu wort,
mit lüge kan manger eide swern.
lüg hât manic spitzic ort:
lüge ist ein vil snellez übel,
lüg ist der bœsen geiste spil.
lüge ist in dem wazzer,
lüge ist komen über mer,
lüg hât gein der wârheit ein vil breitez her,
lüg kumt an bâbest tür,
lüg wont ouch schœnen frouwen bî,
man treit ouch lüge den vürsten für.
lüg ist in dörfen und in bürgen,
lüge ist in der stat.
lüg hât den pfat den der tiuvel trat,
dô er Âdâmen ezzen bat den apfel:
lüg gît mangem schâch,
lüg spilt ûf maneges tôren mat.
lüg hât sâmen unde krût,
des wurze niht erdorren wil.
 

Wer vermag den Menschen die Lüge zu verbieten?
Lüge ist ein lang aufgehäufter Schatz;
mit Lüge müssen viele ihr Brot verdienen.
Lüge hat so manchen Mord verursacht.
Lüge hat einen bösen Vater,
Lüge hat viele törichte Kinder.
Lüge lässt sich wie weiches Wachs formen;
Lüge kennt viele verführerische Worte;
mit Lüge können manche Eide schwören.
Lüge hat viele markante Orte:
Lüge breitet sich sehr rasch aus,
Lüge ist böser Geister Zeitvertreib.
Lüge ist im Wasser,
Lüge ist übers Meer zu uns gekommen,
Lüge bietet gegen die Wahrheit eine starke Streitmacht auf,
Lüge dringt bis zum Papst vor,
Lüge ist auch schönen Frauen eigen,
Lüge trägt man auch den Fürsten vor.
Lüge ist in Dörfern und Burgen,
Lüge ist in der Stadt.
Lüge ist von der Art, die der Teufel verfolgte,
als er Adam zum Essen des Apfels verführte:
Lüge bietet manchem Schach,
Lüge ist auf das Matt manches Toren aus.
Lüge hat Samen und Blätter,
deren Wurzel nicht verdorren wird.
 

Dû blüende gerte Arônes,
diu sünde nie bekort,
dû sippe Salomônes;
die dîn geburt schuof uns ein wort.
der werlte hort; dû trüege ân alle swære.
daz was der werde reine,
der süeze Altissimus,
den dû geboren al eine,
und leitest an in manegen kus.
er schuof ez sus, daz dû meit in gebære.
wol uns, daz er ie wart geborn!
ûz al der werlte hât er dich ze muoter im
erkorn. von dîner liebe wart versüenet der
alte zorn, den uns Êvâ brâhte ân alle schulde.
da genuzzen wird der güete dîn: des muoz
dîn lop im himelrîch vor allen megden sîn.
dû bist ein helfærîn uns, frouwe mîn,
daz wir verdienen dînes kinde hulde.
 

Du blühender Zweig Aarons,
die du Sünde nie kanntest,
du, aus der Familie Salomons;
deine Geburt schenkte uns Segen.
Du, Schatz der Welt, du wurdest ohne alle
Beschwernis schwanger. Das war der kostbare Reine,
der liebliche Allerhöchste,
den du ganz allein gebarst
und ihn mit vielen Küssen bedachtest.
Gepriesen seien wir, dass er je geboren wurde!
Gott bewirkte, dass du als Jungfrau ihn gebären sollst.
Aus der gesamten Menschheit hat er dich als Mutter
für ihn erwählt. Deine Liebe sühnte die alte Last,
die uns Eva ohne Absicht auf uns brachte.
Da kamen wir in den Genuss deiner Güte:
deshalb gebührt dir Preis im Himmel vor allen Jungfrauen.
Du bist eine Helferin; nun hilf uns, meine Herrin,
dass wir die Gnade deines Kindes verdienen.
 

Sünder, besich die strâzen
in der werlte, war sî gân,
wannen dû sîst komen ald wie dîn leben sî,
war dû wellest, sô dû mit der werlte für dich
verst. sich, wie si hât gelâzen
die, die si niht wolden lân: lâ diu werlt,
ir wont ein bitter ende bî; sich für dich
die strâze, wie dû die zem tôde kêrst.
sich hinder dich, wie nôt dir von dem reinen
schepfer ist, des lîp sich an das kriuze hêre
für unsich bôt, der süeze Krist.
wiltû des gedenken, waz er dur dich leit,
sich über dich, waz wunne und êre
dir ze himel ist bereit;
under dir besich die iemerwernden nôt
in der helle; schiuhe und fliuch den êweclîchen tôt.
 

Sünder, sieh dir die Straßen
in der Welt an, wohin sie führen, woher du
gekommen bist oder wie dein Leben verläuft,
wohin du willst, wenn du dich mit der Welt einlässt.
Sieh doch, wie hat sie diejenigen im Stich gelassen,
die nicht von ihr ablassen wollten:
lass die Welt, ihr ist ein bittres Ende eigen;
sieh vor die Straße, die du zum Tode wählst.
Sieh hinter dich, wie nötig du den Schöpfer hast,
dessen Leib um unsretwillen an das hohe Kreuz
sich darbot, der herrliche Christ.
Wenn du das bedenkst, was er um deinetwillen litt,
dann sieh über dich, was an Freuden und Ehre
für dich im Himmel bereitet sind;
sieh unter dir die immerwährende Qual
in der Hölle; meide und fliehe den ewigen Tod.
 

Ich wil die minne strafen,
si swachet ir eren ein teil.
swa si wol solde slafen,
da wachet si uf ir unheil.
ich tuen ir mit rede gewalt,
das ist ir widerwinne.
si vert usserthalb der mâsse
und ist genant unminne.
minne ist unstete vri.
swa sich du rose erzeiget,
da reiget der dorn an das zwi.
 

Ich will die Liebe schelten,
sie bringt sich um die Ehre.
Zu ihrem eigenen Schaden wacht sie,
wo sie ruhen sollte.
Ich schmähe sie mit Worten,
das ist ihr zuwider.
Sie ist maßlos und muss
das Gegenteil von Liebe heißen.
Wahre Liebe kennt keine Unbeständigkeit.
Aber auf dem Zweig, auf dem sich die Rose zeigt,
macht sich auch der Dorn breit.
 

Es hat du starke gotes kraft
mit wunderlicher meisterschaft
geziehet wol der sternen kreis,
den sunnen und die manen.
du bist gebildet, mensche, nach im.
du sitze, du stant, du wat, du swim,
du solt dich siner helfe niemer vreuenliche
entanen. sin hoehe, diu ist dir ze hoh,
sin wite ze breit, sin grunt ze tief,
sin lenge sich dir lenget.
der erste mensche sin lere floch,
da von wart er us paradyses froeiden
her gepfrenget in dirre werlte unfroeiden
kamer; da von uns twinget noch des
fluoches zange und sleht der hamer:
wir muessen unser spise in sweize von der
erden ianen.
 
Die gewaltige Macht Gottes
hat in wunderbarer Meisterschaft
dem Sternenrund, der Sonne und dem Mond
ihre Bahnen aufs genaueste zugemessen.
Du, Mensch, bist nach seinem Vorbild gestaltet.
Ob du nun sitzt, stehst, watest, schwimmst,
seiner Hilfe sollst du dich niemals mutwillig
entschlagen. Seine Höhe ist zu hoch für dich,
seine Weite zu weit, seine Tiefe zu tief,
seine Länge zu ausgedehnt.
Der erste Mensch entzog sich seinem Gebot,
deshalb wurde er aus den Freuden des Paradieses
hinaus in das jammervolle Gehäuse dieser Welt
verstoßen; von daher hält uns noch heute die Zange
des Fluches in ihrem Griff und schlägt uns sein Hammer:
Im Schweiß müssen wir unsere Nahrung der Erde
abgewinnen.
 

Minnesänger