Neidhart von Reuental
   
 

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Minnesänger


Neidhart von Reuental
ca. 1180 - 1240




Der Name ist umstritten, er nennt sich selbst "der von Riuwental"; es könnte sich hier um einen fiktiven Namen handeln "Jammertal".
Bayrischer Ritter (Ministeriale) Beziehung zum Landshuter Hof des bayer. Herzogs Ludwig I. und zum erzbischöflichen Hof in Salzburg. Um 1230 verliert er sein bayrisches Lehen und tritt nach Österreich über.
 
Mîner vînde wille ist niht ze wol an mir
ergangen: wolde ez got, sîn mähte noch vil
lîhte werden rât.
in dem lande ze Oesterrîche wart ich wol
enphangen von dem edeln vürsten der mich nû
behûset hât. hie ze Medelicke bin ich
immer âne ir aller danc.
mir ist leit daz ich von Eppen und von Gumpen
ie ze Riuwental sô vil gesanc.

 
Der böse Wille meiner Feinde hatte für mich keine
guten Auswirkungen: Wollte Gott, so gibt es
vielleicht noch dagegen Abhilfe.
Im Land Österreich wurde ich gut aufgenommen
von dem edlen Fürsten, der mir jetzt ein Dach gab..
Hier in Mödling bin ich jetzt gegen den Willen
von ihnen allen. Mir ist es leid,
dass ich von Eppe und Gumpe so viel in
"Reuental" gesungen habe.

 

Beachte das Lied 24: "Sumer, diner süezen weter" in seinen Winterliedern.

Nach dem Tod Ludwigs I. (1231) am Hof des Babenbergers Friedrich II. von Österreich in Wien.
In Wien war er Hofsänger unter Herzog Friedrich II. dem Streitbaren.

Neidhart ist der sicherlich folgenreichste "Liedermacher" des Mittelalters, und außerdem einer der erfolgreichsten. Er war ein origineller Lyriker von ungewöhnlicher Wirkung. Die Bezeichnung. "Ein Neidhart" wurde sogar zu einem Gattungstyp, der vielleicht immer wieder nachgeahmt wurde. Genaueres weiß man aber nicht.
Neidhart begründete die dörperliche Dichtung, eine Spielart des Minnesangs, die als "höfische Dorfpoesie" bezeichnet wird, indem er in seinen Liedern vornehmlich das hoffärtige Treiben und die derbere Liebesweise der Bauern mit geistreich humoristischer Laune schilderte.

Neidharts Lieder sind in Sommerlieder, Winter- und Schwanklieder gegliedert.

Die Sommerlieder handeln von Liebessehnsucht und sommerlichem Vergnügen, oft in Form eines Gespräches zwischen zwei Freundinnen oder zwischen Mutter und Tochter; als Figur erscheint hier der (arme) "Ritter von Reuental", zu dem das Mädchen hin will.
Die Sommerlieder stehen karikierend in deutlichem Kontrast zur höfischen Haltung: Neben der Parodie auf den Ritter wird auch bäuerliche Rohheit bloßgestellt.

Die Winterlieder spielen zumeist beim Tanz in der Dorfstube oder erzählen davon, und es kommt oft zum Streit mit den als aufmüpfig gekennzeichneten Bauern (oder unter diesen); Die Winterlieder stellen Verse höfisch-konventioneller Minne in Kontrast zu wilden bäuerlichen Szenen.
Als Figur kommt hier immer wieder "Neidhart" vor, der wegen seiner Armut jedoch stets Probleme bei seinen Werbungen um die Mädchen hat.
Siehe die Lieder: " Sumer, diner süezen weter" und "Allez daz den sumer her".

Das Lied: "Der veihel" ist ein Schwanklied.

"Ez verlôs ein ritter sîne scheide"; ist vom Typ her noch weitgehend eine Pastourelle = lyrische Form der europ. Literatur des Mittelalters. Thema ist die Werbung eines Ritters um die Gunst einer Schäferin. =
Die Blütezeit der Pastourelle lag im 13.Jh.

Auch ein sogenanntes Alterslied will ich vorstellen: "Allez daz den sumer her"

Sein Grab befindet sich im Wiener Stephansdom?
Neidhart-Fresken kann man in Wien-Tuchlauben bewundern.

Die Abbildung stammt aus Fresken um 1400 in einem ehemaligen Wiener Bürgerhaus in der Tuchlauben 19,
den ältesten profanen Wandmalereien in Wien, die nach literarischen VorlagenNeidharts entstanden sind
-hier ein Reigen = Tanz.

©Bild: Historisches Museum der Stadt Wien


Wieviele Lieder hat Neidhart aber wirklich verfasst? Er hat es uns selbst aufgeschrieben:

Vier und hundert wîse diech gesungen hân
und niune die der werlte noch niht vollekomen
sint und eine tagewîse,
niht mêr mînes sanges ist.
swaz ich dar an üppiclîchen hân getân,
daz machte wan diu Werlt und ir vil
tumberaezen kint. daz geruoche mir vergeben,
herre Jêsus Krist. sit ich dîner hulde ger,
sô lâz mich hie gebüezen
durch willen dîner marter hêr;
des bitte ich dich vil süezen.

 
Einhundertundvier Lieder, die ich gesungen
habe, und neun, die den höfischen
Ansprüchen noch nicht genügen, und ein Tagelied:
Mehr an Gesang habe ich nicht vorzuweisen.
Was ich auch immer mit diesen an Hochfahrendem
getan habe, das verursachten allein (Frau) Welt
und ihre dummdreisten Kinder. Das wolltest Du mir
vergeben, Herr Jesus Christus!
Weil ich deine Gnade suche, so lass mich hier Buße
tun um Deiner Marter willen!
Darum bitte ich Dich, liebster Gott.

 

Sommerlieder
Winterlieder


 

1.
Der meie der ist rîche:
er füeret sicherlîche
den walt an sîner hende.
der ist nû niuwes loubes vol;
der winter hât ein ende.

2.
"Icu fröwe mich gegen der heide,
der liehten ougenweide
diu uns beginnet nâhen"
sô sprach ein wolgetâniu maget:
"die will schône enpfâhen.

3.
Muoter, lâz âne melde.
jâ will ich komen ze velde
und will den reien springen.
jâ ist ez lanc daz ich diu kint
niht niuwes hôrte singen."

4.
"Neinâ, tohter, neine!
ich hân dich alterseine
gezogen an mînen brüsten:
nû tuo ez durch den willen mîn,
lâz dich der man niht lüsten."


5.
"Den ich iu will nennen
den muget ir wol erkennen.
ze dem sô will ich gâhen:
er ist genant von Riuwental:
den will ich umbevâhen.

6.
Ez gruonet an den esten
daz alles möhten bresten
die boume zuo der erden.
nû wizzet, liebiu muoter mîn,
ich belig den knaben werden.

7.
Liebiu muoter hêre,
nâch mir sô klaget er sêre.
sol ich im des niht danken?
er spricht daz ich diu schoenste sî
von Beiern unz in Vranken."

 
1.
Der Mai ist reich und mächtig:
Er geleitet gewisslich
den Wald an seiner Hand herbei.
Der ist nun neu belaubt:
der Winter ist zu Ende.

2.
"Ich freue mich auf die helle Augenweide
der Wiese, die jetzt wieder kommt",
so sprach ein schönes Mädchen,
"die will ich auf richtige Weise
willkommen heißen.

3.
Mutter, mach kein Getöse!
Ich will unbedingt hinausgehen
und will den Reigen springen:
Es ist doch lange her, dass ich die
Mädchen nichts Neues singen hörte."

4.
"Nein, Tochter, und nochmals nein!
Ganz allein habe ich dich
an meiner Brust aufgezogen:
Daher folge mir und
lass dich nicht nach den Männern gelüsten."


5.
"Den ich Euch jetzt nenne,
den müsset Ihr gut kennen.
Zu dem will ich hineilen.
Er heißt "von Reuental":
den will ich umarmen.

6.
Es grünt und wächst so auf den Ästen,
dass das alles fast die Bäume auf die Erde
herunterbricht. Nehmt zur Kenntnis, meine
liebe Mutter, dass ich mit diesem
angesehenen jungen Mann ins Bett gehe!

7.
Liebe und gute Mutter,
er jammert und seufzt nach mir:
soll ich ihm das nicht lohnen?
Er sagt, dass ich die Allerschönste sei
von Bayern bis nach Franken."

 

"Das Veilchenlied" – Ein Schwank

Zu Strophe 2
*Hier hinterlässt der Bauer einen übelriechenden Haufen, anstelle des Frühlingsveilchens.

1.
Urlaub hab der winter
und auch der kalte snee!
Uns kumt ein sumer linder:
man siht anger unde klee
gar sumerlich bestellet.
Ir ritter und ir frauen,
ir sult auf des maien plan
den ersten veihel schauen,
der ist wunniglich getan.
Die zeit hat sich gesellet.
Ir sult den sumer grússen
und all sein ingesinde.
Er kann wol swere pússen
und fert da her so linde.
So will ich auf des maien plan
den ersten veihel suchen.
Gott geb, das es mir wol muß ergan!
der zeit soll wir gerúchen,
seit sie mir wol gefellet.


2.
Do gieng ich hin und here,
unz daz ich fand das blúmelein.
Do vergaß ich aller swere
und begunde da gar frólich sein.
Wollaut begund ich singen.
Wann auf die selben blûmen
sturzt ich meinen hut, das ich mich tórst rúmen, wann es daucht mich so gut;
mir solt wol gelingen.
Das sah ein vilzgebauer hindert
mir in einem tal.
Es ward im sider zu sauer,
das er treib so reichen schal.
Ich waen, der ungelinke zucht auf
den meinen hut, und sein bruder Hinke.
Sor er darumb erleidt.
Do begund mich sorge zwingen.

3.
Do gieng ich sunder tougen
auf die burg und redt also:
"Die rede ist on lougen,
ir solt alle wesen fro.
Ich han den sumer funden."
Die herzogin von Bayern,
furt ich an meiner handt,
mit pfeiffern, fidlern, flaiern.
Freud was uns wol bekannt
all zu den selben Stunden.
Do sprach ich zu der feinen:
"Kniet nider und hebt auf den hut.
Ir lat den summer scheinen,
wann das dunkt uns so gut."
Die minniglich, die reine,
die bot dar ir schneeweise handt,
die stúrzt den hut wolumbe.
sorg sie darunter fandt.
Mein freund, die was verswunden.


4.
Do sprach die herzoginne:
"Neithart, das habt ir getan,
des ich mich wol versinne.
Die schmacheit muss mir nahet gan
und mag euch wol gereuen.
Bei allen meinen tagen
geschah mir nie so leidt.
das ich es torst gesagen,
zu freuden bin ich unbereit.
Mein leid, das will sich neuen."
So waffen úber mich tummen!
Ich wolt, das ich wer todt.
nu muß ich leiden kumer;
ich kam nie in grosser not.
Die wolgemuten munde
muß ich von schulden clagen,
das ich mich von in kunde.
das leid soll ich alleine tragen:
das habt auf meine treue!


5.
An einem lobentanze
gieng Irrenber und Irrenfrid
mit irem rosenkranze.
Roßwin, Goßwin und der schmid,
die wurden faste singen
und der junge Lanze,
und sein bruder Unzenger,
Frisper und Ranze.
Gevatter Platfuß, nu tritt her,
lat neue sporen klingen!
Ir waren zwen und dreissig,
die verlorn doch ir linkes bein.
Einer, der hiez Wissigk,
wie ser er úbern prúel grein:
"verflucht sei der summer,
den der Neithart erste fandt!
Nun múß wir leiden kummer;
so der veihel sei geschant!
Nu múg wir nimer springen."

 

1.
Leb wohl, Winter
und auch du, kalter Schnee!
Auf uns kommt ein angenehmer Sommer zu:
Man sieht Anger und Klee
in sommerlicher Pracht.
Ihr Ritter und ihr Damen,
Ihr sollt auf der Frühlingswiese
nach dem ersten Veilchen Ausschau halten;
das ist so schön. Die Jahreszeit
entspricht unseren Wunschvorstellungen:
Begrüßt den Sommer und seinen Hofstaat!
Er kann sehr gut Ausgleich für alles Leid schaffen
und stellt sich so angenehm ein.
Deshalb will ich auf der Frühlingswiese
das erste Veilchen suchen.
Gott gebe, dass ich Erfolg habe!
Wir sollen alle unsere Sinne auf die
beginnende Zeit des Sommers ausrichten,
da sie mir gut gefällt.


2.
Da lief ich hin und her,
bis ich das Blümlein fand.
Da vergaß ich alle meine Sorgen;
mir wurde überaus froh zumute.
Mit schöner Stimme begann ich zu singen.
Alsbald stülpte ich meinen Hut über diese
Blume, damit ich es wagen konnte,
mich meines Fundes zu rühmen, denn es
erschien mir so gut; ich sollte damit Erfolg haben!
Das sah einer dieser lausigen
Bauern, hinter mir in einer Bodenvertiefung
Es sollte ihm später noch sauer werden,
dass er so ein Getöse machte.
*Ich glaube, der Unglückselige, unterstützt von
seinem Bruder Hinke, hob meinen Hut auf.
Was er dann tat, sollte ihm noch leid tun.
Da kam das Unglück über mich.


3.
Ich ging direkt
auf die Burg und sagte:
"Wirklich, ich sage die Wahrheit.
Freut euch alle,
ich habe den Sommer gefunden."
Ich führte die bayrische Herzogin
an meiner Hand,
begleitet von Pfeifern, Fiedlern und
Flötenspielern. Wir freuten uns
alle gemeinsam in diesen Stunden.
Da sprach ich zu der Feinen:
"Kniet Euch hin und hebt den Hut auf.
Ihr lasst uns den Glanz des Sommers
sehen, denn das lieben wir alle!"
Die Liebliche, Reine,
hielt ihre schneeweiße Hand hin.
Sie drehte den Hut um
- und fand Sorge darunter.
Meine Freude war verflogen.


4.
Da sprach die Herzogin:
"Neithart, das habt Ihr getan,
das durchschaue ich ganz genau.
Diese Schande muss mir nahe gehen,
und Euch wird das noch leid tun.
Noch nie ward mir
ein solcher Schmerz zugefügt.
Dass ich es nur sage: ich habe keine Lust
mehr zu irgendwelchen Ausgelassenheiten.
Der Schmerz übermannt mich aufs neue."
Ach, ich Idiot!
Ich wünschte, ich wäre tot.
Nun muss ich Schmerz erdulden;
noch nie bin ich in größeres Unheil geraten.
Ich muss zu Recht
die frohgestimmten Lippen beklagen,
dass ich mich durch sie mitgeteilt habe.
Das Leid muss ich allein auf mich nehmen:
das dürft ihr mir glauben!


5.
An dem verabredeten Tanz
sprangen Irrenbar und Irrenfrid,
beide mit ihrem Rosenkranz.
Roßwin, Goßwin und der Schmid,
die haben laut gesungen,
und der junge Lanze,
sein Bruder Unzenger,
Frisper und Ranze.
Vetter Plattfuß, komm her,
lass deine neuen Sporen klingen!
Es waren zweiunddreißig,
die doch ihr linkes Bein einbüßten.
Einer, er nennt sich Wissigk,
wie laut er doch über den Hügel grölte:
"Verflucht sei das Sommerzeichen,
das der Neithart zuerst gefunden hat!
Nun müssen wir Schmerz erdulden.
Verflucht sei das Veilchen!
Nie mehr können wir nun tanzen."

 

Der Gimpel Gempel
 
 
1.
Ich het an si gewendet.
gar allen minen muot.
ich wande ich hetz vol endet.
si sprach wa ist daz guot.
ich kan iu niht gezeigen.
des minen guotes mer.
wan riuwental ist min eigen.
daz braht min muoter her.
frowe daz wil ich iu gippen gappen.
herre daz sult ir iu hippen happen.

2.
Der ich mich mit willen
ie zedienste bot.
an der han ich ersehen
einen giurtel rot.
swas ich ir gewinke.
das ist ir an mich zorn.
glesin ist diu ringge.
von kupfer ist der dorn.
ich nam sin war es was ein smaler riemen.
den braht ein ritter her von wiemen.

3.
Ich kom ir nach geslichen.
in ein fiur holz.
ir fröide div was michel
bi einen ritter stolz.
ich kom dar nach gegangen.
des wart ich unfro.
div wile wert vnlange.
nider druht er si do.
er gab ir schiere in ir wissen hentel.
eines heisset man
den gimpel gempel.

4.
Do si den gimpel gempel.
in di hant genam.
si fast in an das wempel.
er druht in durch die gram.
nu ruera du den hozel bozel vaste.
daz der gimpel gempel iht geraste.
urra
burra
wer gat da.
 

1.
Auf sie nur war gerichtet
Mein Trachten und mein Tun.
Für sie hab ich gedichtet,
Sie ließ mich niemals ruh'n.
"Sag, was könnt Ihr mir zeigen
An Gütern und an Pracht?"
"Dies Haus nur ist mein eigen,
Das mir Mama vermacht.
Das würde ich so gerne mit Euch teilen."
"Oh Gott! Da könnt' ich keinen Tag verweilen."

2.
Die, der ich einst in Treue
Meinen Dienst erbot,
Sie brachte stets aufs Neue
Mir nur große Not.
Ich schenkte schöne Dinge,
Doch nichts war gut genug:
Tücher, Perlen, Ringe,
Die sie niemals trug.
Nun trägt sie einen Gürtel, rot wie Feuer.
Einem Rittersmann aus Wien war nichts zu teuer!

3.
Ich bin ihr nachgegangen,
Versteckte mich im Holz.
Dort wurde sie empfangen
Von ihrem Ritter stolz.
Der fackelte nicht lange,
Der kam sehr schnell zum Ziel,
Als er in wildem Drange
Mit ihr zu Boden fiel.
Er schob in ihre schönen weißen Hände
Den Gimpel-Gempel.
Ach, ahnt ihr schon das Ende?

4.
Sie zog den Gimpel-Gempel
Mit ihrer weißen Hand
Hinab zum Freudentempel,
Bis er die Pforte fand.
"Beweg nun deinen Hürzel-Bürzel tüchtig,
Dann macht der Gimpel-Gempel alles richtig.
Hurra!
Oh ja!
Wer kommt denn da???
 

Das nun folgende Lied ist der Mühsal der Kreuzzüge gewidmet. Es spielt auf die Ereignisse aus dem
1217 begonnenen Kreuzzug an, an dem neben Herzog Leopold VI. von Österreich u.a. französische,
später auch italienische Kreuzfahrer beteiligt waren.
Es findet sich keine einzige Spur von religiöser Inbrunst in diesem Kreuzzugslied, im Gegenteil, Neidhart hasst die Mühsal des realen Kreuzfahrerdasein. Er hat Sehnsucht nach seinen Freunden, der Geliebten und der Heimat in der jetzt alles grünt und blüht.

1.
Ez gruonet wol diu heide,
mit grüenem loube stât der walt:
der winder kalt
twanc si sêre beide.
diu zît hât sich verwandelôt.
mîn sendiu nôt
mant mich an die guoten,
von der ich unsanfte scheide.

2.
Gegen der wandelunge
wol singent elliu vogelîn
den vriunden mîn,
den ich gerne sunge,
des sî mir alle sagten danc.
ûf mînen sanc
ahtent hie die Walhen niht:
sô wol dir, diutschiu zunge!

3.
Wie gerne ich nu sande
der lieben einen boten dar,
(nu nemt des war!)
der daz dorf erkande,
dâ ich die seneden inne lie:
jâ meine ich die,
von der ich den muot mit
staeter liebe nie gewande.


4.
Bote, nu var bereite
ze lieben vriunden über sê!
mir tuot vil wê
sendiu arebeite.
dû solt in allen von uns sagen,
in kurzen tagen
saehens uns mit vröuden dort,
wan durch des wâges breite.

5.
Sage der meisterinne
den willeclîchen dienest mîn!
si sol diu sîn,
diech von herzen minne
vür alle vrouwen hinne vür.
ê ichs verkür,
ê wold ich verkiesen,
deich der nimmer teil gewinne.

6.
Vriunden unde mâgen
sage, daz ich mich wol gehabe!
vil lieber knabe,
ob si dich des vrâgen,
wiez umbe uns pilgerîne stê,
sô sage, wie wê
uns die Walhen haben getân!
des muoz uns hie betrâgen.


7.
Wirp ez endelîchen!
mit triuwen lâ dir wesen gâch!
ich kum dar nâch
schiere sicherlîchen,
so ich aller baldist immer mac.
den lieben tac
lâze uns got geleben,
daz wir hin heim ze lande strîchen!

8.
Ob sich der bote nu sûme,
sô wil ich selbe bote sîn
zen vriunden mîn:
wir leben alle kûme,
daz her ist mêr dan halbez mort.
hey, waere ich dort!
bî der wolgetânen laege
ich gerne an mînem rûme.

9.
Solt ich mit ir nu alten,
ich het noch eteslîchen dôn
ûf minne lôn
her mit mir behalten,
des tûsent herze wurden geil.
gewinne ich heil
gegen der wolgetânen,
mîn gewerft sol heiles walten.


10.
Si reien oder tanzen,
si tuon vil manegen wîten schrit,
ich allez mit.
ê wir heime geswanzen,
ich sage iz bî den triuwen mîn,
wir solden sîn
zOesterrîche: vor dem
snite sô setzet man die phlanzen.

12.
Er dünket mich ein narre,
swer diesen ougest hie bestât.
ez waer mîn rât,
lieze er siech geharre
und vüer hin wider über sê:
daz tuot niht wê;
nindert waere baz ein man
dan heime in sîner pharre.

 
1.
Frisches Grün schmückt die Heide,
in grünem Laub steht der Wald.
Der kalte Winter
hatte beiden Schmerz und Gewalt angetan.
Die Zeit hat sich gewandelt.
Meine Liebesschmerzen
erinnern mich an die Gute,
von der ich schwer lassen kann.

2.
In Erwartung des Frühlings
jubilieren die Vöglein,
dass es meine Freunde hören können.
Ihnen widmete ich gern mein Lied,
wofür sie mir alle Dank sagten.
Auf meinen Gesang
achten die Welschen hier nicht:
drum fahre wohl, deutsches Volk!

3.
Wie gern möchte ich jetzt senden
hin zur Geliebten einen Boten
(das könnt ihr mir glauben!)
dem das Dorf bekannt wäre,
in dem ich die Liebste zurückließ.
Ja, meine Gedanken kreisen um die,
von der ich mein treuliebendes
Herz nie abgewendet habe.


4.
Bote, nun mach dich schnell auf den Weg
übers Meer nach lieben Freunden!
Mich schmerzen bitterlich
Sehnsuchtsqualen.
Du sollst ihnen allen von uns ausrichten,
dass sie in wenigen Tagen
uns freudig bei ihnen sehen könnten,
läg nicht das breite Meer dazwischen.

5.
Sage der Herrin,
dass ich ihr bereitwillig dienen will!
Sie soll diejenige sein,
die ich von Herzen liebe
vor allen Frauen immerfort.
Ehe ich von ihr ablasse,
wollte ich lieber verzichten,
je Glück bei den andern zu haben.

6.
Freunden und Verwandten
berichte, dass ich wohlauf bin.
Lieber junger Bote,
wenn sie dich danach fragen,
wie es um uns Kreuzfahrer stehen mag,
dann sage, wie viel Leid
uns die Welschen angetan haben!
Darüber müssen wir uns hier ärgern.


7.
Verrichte deinen Auftrag gut und schnell,
lass Eile walten, wie sich's gehört!
Ich komme hinterher
gewiss so bald und schnell,
wie es mir irgend möglich ist.
Den Freudentag
lasse uns Gott erleben,
dass wir zurück ins Heimatland ziehen!

8.
Wenn der Bote zu langsam ist,
will ich mein eigener Bote sein
und meinen Freunden künden:
wir sind alle kaum noch am Leben,
das Heer ist mehr als zur Hälfte tot.
Ach, wäre ich dort!
An der Seite der Schönen
nähme ich gern meinen Platz ein.

9.
Dürfte ich dann bei ihr bleiben,
könnte ich noch mit manchem Lied
in Erwartung von Liebeslohn
dienen,
worüber tausend Herzen froh würden.
Habe ich Glück
bei der Geliebten,
wird es meinem Sängerberuf zugute kommen.


10.
Ob sie springen oder tanzen,
viele große Schritte machen,
in Gedanken bin ich immer dabei.
Ehe wir daheim herumstolzieren können,
bei meiner Treu,
müssten wir erst mal
in Österreich sein. Erst setzt man die Pflanzen,
dann schneidet man sie.

11.
Der dünkt mich ein Tor,
wer diesen August über hier aushält.
Mein Rat wäre der,
dass er die schlimme Warterei ließe
und übers Meer zurückzöge.
Das tut nicht weh.
Nirgendwo lebt man besser
als daheim in der eigenen Pfarre.

 

In Ez verlos ein ritter sîne scheide ist es in Umkehrung der klassischen Minnesituation einmal anders:
Ein Ritter versucht verzweifelt, diverse Avancen einer Frau abzuwehren und sieht schließlich keinen anderen Ausweg als die Flucht (wer solte des getrûwen?"  "ziet wider diu würze ist noch niht gebrûwen.)

1.
Ez verlôs ein ritter sîne scheide.
dar umb wart einer frouwen alsô leide:
sî sprach "herre, ich will iu eine lîhen,
der will sich mîn leider man verzîhen;
des ist niht lanc daz ers verwarf.
wie wol ich in dran handel;
dem gibe ich sî gar âne allen wandel".

2.
"Frouwe, lât mich eine rede wizzen,
ob sî zuo dem orte iht sî verslizzen."
"nein sî ûf mîn sêle und ûf mîn triuwe.
ich gap sî mînem leiden man für niuwe.
sî ist dicke als ein bret, niuwan an der
einen stet, dâ ze dem hengelriemen:
daz enschadet iu noch ander niemen."

3.
Er wolt sîn mezzer in die scheide
schieben; dô begunde sich diu klinge
biegen her wider rehte gegen deme
hefte: doch brât er sî drin mit sîner
krefte. schiere het er wider gezogen.
"ez habe ein swarziu krâ gelogen: wer
solte des getrûwen?" -  "ziet wider:
 diu würze ist noch niht gebrûwen."

 
1.
Einst verlor ein Ritter seine Scheide.
Das bekümmerte eine Dame sehr. Sie sagte:
"Mein Herr, ich will Euch eine leihen, die mein leidiger
Mann nicht mehr will. Erst seit kurzem kümmert er
sich nicht mehr um sie. Und kommt jetzt jemand zu
mir, der sie benötigt, wie gut behandle ich ihn dann
in dieser Hinsicht: Dem gebe ich sie ganz fehlerfrei."

2.
"Edle Dame, sagt mir genau, ob sie am Rande nicht
starke Gebrauchsspuren hat."
"Nein, bei meiner Seele und auf meine Treue!
Ich hatte sie meinem Mann völlig neu gegeben.
Sie ist fest wie ein Brett, außer an einer Stelle,
dort am Hängeriemen.
Aber das schadet weder Euch noch sonst jemanden."

3.
Er wollte nun sein Messer in die Scheide
schieben. Aber da bog sich die Klinge
wieder ganz bis zum Griff zurück.
Doch schließlich brachte er sie mit all seiner Kraft
hinein. Sogleich zog er sie wieder.
"Da hat ja wohl eine schwarze Krähe gelogen!
Das ist ja unglaublich!" - "Auf, zieht nochmals:
die Soße ist noch nicht gar gekocht!"

 
 
1.
Diu sunne und ouch die bluomen hânt ir hoehe
hin geneiget. ir viel liehter schîn beginnet truoben
alle tage. des sint diu kleinen vogelîn ir sanges
gar gesweiget (deist vor allem leide mînes senden
herzen klage) und der walt
muoz von sûren winden ungevüegen schaden
dulden. ich hazze den winder kalt.
disiu nôt kumt gar von sînen schulden. er unde
ein wîp diu machent mich in kurzen tagen alt.

2.
Diu wil mit beiden ôren niht gehoeren,
swaz ich singe.

kunde ich sanfte rûnen, daz vernaeme sî
mir gar. unsaelic müeze er sîn, der mich von ir
genâden dringe, swelhen ende er kêre, daz er
nimmer wol gevar!
ich vergaz ir mit triuwen nie,
nu tuost si mir sô toubez ôre ie lenger sô ie baz.
des bin ich mit guotem willen tôre. mir schadent
getelinge, waene ich, durch den alten haz.


3.
Die wâren des gerüemic disen sumer an der
strâzen, dô man sagete, daz ich singen wolde
mêr verloben. ir etelîcher möhte sîn gemüffe
gerner lâzen. dem sîn gämelîche zimt als einem,
der wil toben.
Ellenhart treit an sînem buosem ein vil waehez
vürgespenge.er unde Regenwart
habent mit den wîben ir gerenge.
jâ sint si doch zewâre beide niht von hôher art.

4.
Ich gevriesch bî mînen jâren nie gebûren alsô
geile, sô die selben zwêne sint und etelîcher mêr.
wie wol si noch verkoufent, daz si tôren vüerent
veile! got geb in den market, daz man sî mit
vollen wer! Beremuot
hât min in vil mangen liehten vîretac geloufen.
wirt sîn gelücke guot,
er mac sînen merz vil wol verkoufen.
erst aber ungewunnen, treit er sînen hiubelhuot.


5.
Dar durch ist er mit swerten in sîn houbet
unverschrôten. dar zuo treit er ouch ein hôhez
collier umbe den kragen. erst ûf gezieret wol mit
einem tuoche rôten. daz sol jungen mägden an
dem tanze wol behagen. Megengôz
brüttet sich gein in: er dünket sich sô ragehüffe.
des üppikeit ist grôz.
ich weiz niht, wes sich der tôre güffe. vor im
genaese niemen, würd joch im ein drüzzelstôz.


6.
Ich hân von oeden ganzen alle wîle her
gesungen, die mich nie sô sêre gemüeten,
dâ ze Riuwental.
er hât in disem sumer an einer mägde hant
gesprungen, diu sîn doch niht naeme, und hiet si
aller manne wal.
afterreif hât sîn langez swert mit einem
schîbelohten knophe. dô man die tänze sleif,
dô reit er daz houbet ûf dem krophe.
unverwendeclîchen, waen, er nâch ir hüffel greif.


7.
Mich hât ein ungetriuwer tougenlîchen an gezündet,
hât mir vil verbrant, des mîniu kindel solten leben.
diu leit sîn unserm trehtîn und den friunden mîn
gekündet! ich hân nû dem rîchen noch dem armen
niht ze geben. mir ist nôt,
gebent mir die friunt mit guotem willen brandes
stiuwer. gewinne ich eigen brôt, ich gesanc nie
gerner danne ouch hiuwer. jâ führte ich, daz ich
ê vil dicke werde schamerôt.



8.
*Trutzstrophe

"Nu hân ich snoeden schimpf gerochen, erküelet
mîn gemüete an mînem vînt von Riuwental",
sprach jener Ellengôz. "ich hân im stadel unde
korn gemachet zeiner glüete. des muoz er disen
winter sîn der liute hûsgenôz. sô wê sîn, daz er ie
gesanc ûf mich, daz ich waer ragehüffe!
ein wazzer heizt der Rîn.
waz, ob ich mich al dâ hin verlüffe? ich tet
im doch ze Riuwental vil liehten funken schîn."

 
1.
Die Sonne und die Blumen sind dahin gesunken.
Ihr heller Schein trübt sich von Tag zu Tag.
Dadurch wird der Sang der kleinen Vöglein völlig zum
Schweigen gebracht. (das ist vor allem Schmerz der
Kummer meines sehnsüchtigen Herzens)
und der Wald wird von den harten Stürmen schlimm
heimgesucht. Ich hasse den kalten Winter.
An diesem Unheil ist er ganz allein schuld. Er und
eine Frau die bringen mich schon bald ins Grab.

2.
Die will mit beiden Ohren nicht hören, was ich singe.
Könnte ich leise wispern, das vernähme sie bis zum
kleinsten Laut. Verflucht sei, wer mich aus ihrer
Huld verdrängt, wohin er sich auch wendet, es soll
ihm niemals gut gehen! Treu wie ich bin vergess
ich sie nie. Nun hat sie für mich jedoch nur taube
Ohren, je länger, je tauber. Und deshalb bin ich in
meiner Gutmütigkeit ein solcher Dummkopf.
Ich glaube, die Dörfler wollen aus alter Feindschaft
mein Verderben.


3.
Die rühmten sich dessen diesen Sommer auf der
Straße, als man erzählte, dass ich das Singen ein
für allemal aufgeben wollte. Mancher von ihnen,
dem seine Ausgelassenheit so steht wie einem
Verrückten, sollte sein spöttisches Verhalten lieber
unterlassen. Ellenhart trägt an seiner Brust eine
kostbare Spange. Er und Regenhart
haben mit den Frauen ihr Gerangel: dabei sind sie
doch beide wirklich nicht von hoher Abstammung.

4.
Ich sah während meines Lebens nie so übermütige
Bauern, wie die beiden und noch einige andere mehr.
Wie die Toren das wohl noch preisgeben müssen,
was sie feilbieten! Gott schenke ihnen den Markt,
auf dem man sie gänzlich ausbezahlt. Beremuot
ist manchen hellen Feiertag mit ihnen gelaufen.
Wenn er Glück hat,
kann er seine Ware gut verkaufen.
Er ist aber unverwundbar, wenn er seinen Helm trägt.


5.
Dadurch ist er für Schwertschläge auf den Kopf
unempfindlich. Überdies trägt er noch einen hohen
Kragen um den Hals. Er ist über und über geschmückt
mit rotem Tuch. Das soll den jungen Mädchen beim
Tanz Eindruck machen. Megengoz hat rasendes
Verlangen nach ihnen, seine steilen Hüften hält er für
unwiderstehlich. Sein Übermut ist ungeheuer. Ich weiß
nicht, worauf der Tor sich etwas einbildet. Vor ihm
könnte sich niemand retten, würde ihm ein Stoß aufs
Maul zuteil.

6.
Ich habe die ganze Zeit von widerwärtigen
Gänserichen gesungen, die mich nie so sehr
bekümmert haben dort in Riuwental. Er hat diesen
Sommer an der Hand eines Mädchens getanzt, die
ihm doch nicht nähme, auch wenn sie alle Männer
zu ihrer Wahl hätte. Einen Ring mit einem
scheibenförmigen Knauf hat sein langes Schwert.
Als man beim Tanze schritt, da drehte er auf seinem
Hals den Kopf so geckenhaft zur Seite. Ich glaube,
er griff die ganze Zeit nach ihrer Hüfte.


7.
Mir hat ein hinterhältiger Mensch heimlich das Haus
angezündet, und hat mir viel von dem verbrannt,
wovon meine Kinder leben sollten. Der Kummer bei
unserem Herrn und meinen Freunden verkündet! Ich
habe nun weder dem Reichen noch dem Armen etwas
zu geben. Ich habe es nötig, dass mir die Freunde
aus freien Stücken die Brandsteuer schenken.
Komme ich aber selbst wieder zu eigenem Brot,
dann sänge ich mit größerer Lust, als ich in diesem
Jahr singen würde. Wahrlich, ich fürchte, zuvor werde ich noch oft vor Scham erröten.

8.
Trutzstrophe

"Nun habe ich eine schnöde Beleidigung gerächt und
mein Mütchen gekühlt an meinem Feind von Reuental,"
sagte jener Ellengoß. "Ich habe ihm Scheune und
Korn in Glut verwandelt, darum muss er in diesem
Winter bei den Leuten Unterschlupf suchen.
Wehe ihm, dass er, mich verspottend, sang, ich
hätte so steile Hüften." Es gibt ja den Fluss Rhein,
was, wenn ich mich dort verstecke? Zu Reuental
habe ich ihm jedenfalls gezeigt, was Funken sind.

 
*Was sind Trutzstrophen?
Die Trutzstrophen enthalten Antworten auf die Lieder, mit denen zusammen sie überliefert wurden.
Sie sind drohende, spöttische oder scheltende Retourkutschen im gleichen Ton und knüpfen meist
punktuell an eine bestimmte Stelle des betreffenden Liedes an.

 

Minnesänger


Sommerlieder
Winterlieder


Quelle: ©Reclam 1993 - deutsche Gedichte des Mittelalters